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Seit Jahrhunderten durchstreift der Gefallene Engel Deacon Heat die Erde, auf der Suche nach Seelen, und bringt den lautlosen Tod. Sein Rauben unterstützt die Mächte der Hölle, was der Himmel nicht dulden kann. Die Weiße Garde wird auf ihn angesetzt und schreckt skrupellos vor nichts zurück, um den Abtrünnigen aufzuhalten. Dem Tod nahe, wird Deacon von Nadja und ihrem Bruder gerettet. Was die beiden Menschen nicht ahnen können, ist, dass sie mit ihrer Hilfe einen Strudel betreten haben, der tief in fremde Welten führt. Und zu einem ewigen Konflikt, älter als das Leben.
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Seitenzahl: 462
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Daimon Legion
Mit schwarzen Flügeln
Fortuna
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Zitat
Einleitung
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Epilog
Ave atque Vale
Impressum neobooks
Sammle meine Gebeine auf.
Von der Müllkippe,
die dem Himmel
am nächsten ist.
Kazuya Minekura
Mama, wenn ich eines Tages sterben muss,
dann werde ich doch ein Engel und komme in den Himmel,
oder?
Aber ja, natürlich. Du musst nur immer lieb und brav sein,
jedes Leben achten und den Glauben an Gott, den Allmächtigen, nicht verlieren.
So werden die Engel gemacht und du wirst einer von ihnen sein.
Was ist mit den bösen Menschen?
Die schrecklich bösen Menschen kommen zum Teufel in die Hölle,
um dort für ihre Sünden bestraft zu werden.
Sie leiden dort Qualen und die hässlichen Dämonen fressen ihre Seelen auf.
Doch keine Angst, du wirst nicht so enden,
wenn du auf Gott vertraust und sein Wort ehrst.
Was ist mit den Engeln, Mama?
Wenn sie gut sind, wohin gehen sie, wenn sie sterben?
Und die Engel, die schwarze Flügel haben?
Kommen sie auch in die Hölle?
Wenn Engel tot sind, was wird aus ihnen?
Ach, mein Junge.
Engel sterben nie.
„Extrablatt! Extrablatt!“, schrie der schmale Zeitungsjunge lautstark und wedelte dabei eifrig mit dem gelben Papierfetzen in seiner Hand. Ein Exemplar von vielen, die er in einer Umhängetasche bei sich trug und jedem für wenige Kupferstücke anbot.
Die oberste Schlagzeile war weit bekannt und heiß begehrt. Niemanden interessierte die steigende Armutsrate, der drohende Börsenabsturz oder der missglückte Bankraub, bei dem alle Täter auf der Flucht erschossen wurden.
Solche Lappalien waren recht gewöhnlich und eigneten sich schlecht für den Verkauf.
Doch dieser Fall erregte Aufsehen.
Nicht, weil man allgemein von Mord sprach. Auch der Tod schrieb seine täglichen Geschichten. Das, was die Menschen so abscheulich und zugleich bemerkenswert daran fanden, war die Art, wie es passierte.
Als es vor einigen Wochen begann, achtete noch keiner groß auf die Ereignisse. Ein Toter. Ein verstorbener Großmagnat aus dem Westen. Im Vergleich zu den vielen Menschen, die weltweit jede Sekunde aus den unterschiedlichsten Gründen starben, ein nicht ins Gewicht fallendes Körnchen Staub. Es gab einen Nachruf, eine Trauerfeier, und ab ging es unter die Erde. Die Angehörigen beklagten den Vater, Onkel, Großvater, Freund und Arbeitgeber, gleichwohl konnte man nichts an der Situation ändern. Schließlich gehörte der Tod zum Leben. Er war unausweichlich, und auch wenn das Sterben etwas überraschend kam, war es ja nur natürlich. Man begrub eine Leiche und fertig. Die Welt drehte sich weiter.
Aber irgendwie häuften sich diese Vorfälle in kurzer Zeit. Immer mehr Tote wurden entdeckt, die in ihrer Art und Weise des Dahinscheidens einander verblüffend ähnelten und unweigerlich kam der Verdacht auf, dass dem Lauf der Natur unter die Arme gegriffen wurde.
Gesunde, aktive Menschen – oft von Wohlstand und hohem Ansehen – waren von heute auf morgen einfach kalt und mausetot. Da half alles Geld nichts, sie starben schlicht wie die Fliegen dahin. Die Hinterbliebenen suchten nach logischen Erklärungen, diskutierte mit zig Experten und sämtlichen anerkannten Ärzten, doch bald hatte das gemeine Volk eine eigene Lösung für diese rätselhaften Fälle: Serienmord. Wie in den alten Zeiten. Die Mittel waren erst mal zweitrangig.
Offiziell hieß es, es handle sich um tragische Herzanfälle oder um ein neuartiges Virus, nur war es für den Pöbel interessanter, einem Sündenbock die Schuld zu geben. Zwar gab es nicht die geringsten Beweise für das Werk eines Menschen, denn kein fremdes Haar wurde an den Tatorten gefunden, jedoch reizte dies nur die Fantasien der Verschwörungstheoretiker.
Die Nachrichten witterten in den Gerüchten eine Goldader und hetzten gegen ein Phantom, das Jagd auf Menschen machte. Unsichtbar und lautlos, wie einem Schatten gleich.
Zur ironischen Belustigung der Massen trugen dazu die Versuche bei, diesem Geist auf die Spur zu kommen. Die Polizei tappte im Dunkeln und durchleuchtete erfolglos ein paar Untergrundgangs, Drogenbosse und sonstige Verdächtige. Sie ging zahllosen irrsinnigen Hinweisen der Bevölkerung nach und geriet in Konflikt mit privaten Gruppen, die am Rande der Selbstjustiz handelten, aber auch keine Ergebnisse vorbringen konnten. Unterdessen schoben sich Politiker untereinander den Schwarzen Peter zu; ganze Länder lagen im Streit und sprachen von heimlichen Testungen chemischer oder biologischer Waffen, die gezielte Opfer forderten. Überall kriselte es in den Führungsspitzen, die weniger an einen einzelnen Täter glaubten.
Dagegen versuchten selbst alle möglichen Religionsschichten, diesen „Teufel“ zu bannen und die Menschen durch Gebete und Talismane zu beruhigen und zu beschützen. Als wenn derartiger Humbug hätte nützen können, um ein von den Medien geschaffenes Ungeheuer aufzuhalten.
Der Geist des Mörders, der Seuche oder was auch immer, spukte weiter umher, von Stadt zu Stadt, Land zu Land – und jetzt war er in dieser Gegend.
Prompt gerieten der rausgeputzte Adel wie auch das niedere Volk in wilde, kopflose Panik.
Das Geschäft der kleinen Druckerei hier in den Slums lief gut – jedenfalls besser als sonst – durch dieses urbane Gruselmärchen, denn jeder schien wissen zu wollen, wen es diesmal erwischt hatte. Wie die Aasgeier stürzten die Menschen auf das rohe Fleisch zu, solange es nicht ihr eigenes war. So gesehen war der wandelnde, gesichtslose Tod ein hervorragender Geldgeber.
Soll der ruhig weitermachen, dachte sich der Junge und empfand dabei keinerlei Reue für seine Worte. Angst hatte er nicht. Seinen Vater oder ihn würde dieser Unheilbringer nie heimsuchen, davon war er überzeugt. Die Opfer stammten bisher alle aus den besseren Kreisen – die kleinen Händler und Bettler, die es so schon schwer hatten im Leben, kümmerten ihn wohl wenig. Was hatten sie ihn auch zu fürchten – ihn, der alle gleichmachte? Einen Tod musste jeder sterben, selbst die Reichen.
Gerade die zitterten jeden Morgen nach dem Aufstehen, und wenn sie wieder des Nachts in ihre federweichen Betten stiegen, winselten sie bei dem Gedanken, vielleicht nie wieder aufzuwachen und eine weitere starre Leiche zu sein. Ihren geliebten Besitz zu verlieren, der sie ja vom schlichten Gewürm der Gassen unterschied, war schlimmer als die Frage, was mit ihren im Tod geschehen würde.
Endlich mal ein Fall von höherer Gerechtigkeit, sann der Junge trotzig über die konfuse Geschichte nach und verkaufte eine Zeitung an eine unbekannte Frau. Aus der Tasche zog er eine neue Ausgabe, mit der er von vorn anfing, auf sich aufmerksam zu machen, und schrie: „Extrablatt! Erfahren Sie alles zu den neuesten Todesfällen! Renommierter Anwalt aus der Glasstadt wurde tot aufgefunden! Mord, Epidemie oder Aberglaube – was steckt dahinter?“
Schon sah er sie rennen.
Es geschah selten, dass sich die Bewohner der noblen Oberschicht aus den sauberen Glasvierteln in die schmutzigen Straßen der verfallenen Unterstadt wagten. Meist schickten sie spießige Laufburschen, um sich über die aktuellsten Nachrichten zu informieren, doch seit die Bedrohung quasi vor der Haustür stattfand, hielten es einige nicht mehr aus zu warten, und wollten direkt vor Ort alles erfahren.
So auch diese fein gekleideten Herrschaften. Männer und Frauen mit zu viel Puder im Gesicht, um die Falten zu glätten, damit sie nicht wirkten wie ein schrumpeliger Apfel.
Der Junge verkaufte an ein Ehepaar und bedankte sich höflich. Diese Leute erwiderten nie etwas. Blickten ihn nur mit verbissenen Mienen an, weil er für sie mindestens genauso stank wie aller Abfall an diesem Ort. Schnell wandten sie ihre bleichen Fratzen von ihm ab und staksten davon, mit spitzen Fingern Rock und Hosenbeine hochziehend, damit der Saum nicht vom Unrat beschmutzt wurde, der alle zwei Schritte auf den holprigen Gehwegen zu finden war.
Kopfschüttelnd schaute er ihnen nach. Wer in dieser Welt das Geld besaß, konnte sich benehmen, als sei er ein König, der über allem erhaben schien. Prunk oder Leben, es kostete die Reichen bloß Papier, das sie dennoch nicht mit den Armen teilen wollten. Geld tötete das Mitleid bereits vor Jahrzehnten.
Eitle, geizige Halsabschneider. Die haben es nicht anders verdient, als dass ihnen mal jemand tüchtig Angst einjagt. Tun so, als ob sie besser sind als wir ...
Vielleicht waren sie die Nächsten, die starben. Er würde ihnen nicht nachtrauern. Für ihn hatten sie schließlich auch nichts übrig. Für den Wurm, der in dieser von Dreck überfüllten Gegend geboren und aufgewachsen war. Wie auch sein Vater und dessen Vater.
Jemals diesem Elend entkommen zu können, war unmöglich. Es fehlte dazu schlicht an Geld. Da konnte er irgendwie noch froh sein, überhaupt ein paar Münzen nach Hause in die Familiendruckerei zu bringen. Anderen ging es da wesentlich schlechter ohne einen solchen Verdienst. Die stahlen und gaben sich dem Alkohol hin, wenn nicht noch schlimmeren Dingen.
Wenn die Druckerpresse aufgrund von Verschleiß mal wieder streikte, musste der Junge oft hören, wie erbärmlich diese Welt zugrunde ging. „Der Mittelstand ist längst Geschichte“, schimpfte der Vater dabei und fluchte auf all die Menschen, die nicht wussten, wohin mit ihrem Vermögen und es dann für unnützes Zeug ausgaben. „Eines Tages sind wir wieder Bauern und Leibeigene der Herren und Fürsten. Dann sind wir in einem neuen finsteren Mittelalter angekommen! Und da nennen wir uns Menschen, bei so viel dummer Rückständigkeit?“
Die Worte schallten in seinem Kopf wider, als er einem Adelsmann im Anzug die Zeitung reichte.
Dieser entriss sie ihm barsch und warf die Kupferstücke zur Bezahlung in den Straßendreck. Auch beschwerte er sich, dass der Preis viel zu hoch angesetzt war für einen derart stinkenden Fetzen vergilbten Altpapiers.
Der Junge schwieg und las die Pennys auf. In der nächsten Pfütze würde er sie abwaschen. Geld stinkt also nicht? Dieses schon.
„In die Gosse gehört so eine Ratte wie du“, hörte er den hässlichen Alten spotten, bevor der von dannen zog. Seinen eigenen Zorn musste er hinunterschlucken.
Es wird irgendwann besser werden. Eines Tages wird Gott vom Himmel herabsteigen, die gierigen Menschen strafen, zum Teufel jagen, und ihn, seinen Vater und alle anderen anständigen Leute in das Paradies führen. Dort wird es keinen Hunger und keine Not geben und niemand wäre höhergestellt als sein Gegenüber. Seine Mutter hatte fest an dieses Wunder geglaubt, noch auf dem Sterbebett. Sie betete zu Gott und erklärte ihrem Sohn, wie wichtig es sei, rechtschaffen und gut zu leben, um in den Himmel zu gelangen. Ob sie ihn jetzt hinter den gelben Wolken sehen konnte?
Er wollte wie sie hoffen. Wenn es nur nicht so schwer wäre. Mit jedem neuen Tag fragte er sich, wieso er eigentlich noch rechtschaffen und gut sein sollte, wenn es den Betrügern und Bösen in der Welt so viel besser ging als ihm. Aber womöglich war dieser sogenannte Spuk ja von ihrem Gott geschickt worden, weil er selbst nicht eingreifen konnte. Vielleicht war der Tod das Werk eines rächenden Engels.
Ein Aufschrei ließ ihn zusammenfahren.
Es war der alte Geldsack von eben, der sich mit hochrotem Kopf vor Zorn lauthals echauffierte. Offenbar hatte ihn jemand angerempelt oder gar gestoßen, dass er lang auf den Bürgersteig landete und sein teurer Anzug dabei arg in Mitleidenschaft gezogen wurde. Somit roch er nicht besser als das Geld in der Hand des Jungen.
Ein kurzes Lachen konnte er nicht unterdrücken. Erfreut schaute er zu demjenigen hinüber, der (dem Geizhals nach) Schuld an der peinlichen Situation hatte.
Auch ohne diesen lautstarken Tumult wäre ihm der Fremde aufgefallen. Obwohl der junge Mann scheinbar kein Adliger war, strahlte er eine kühle Gelassenheit und Eleganz aus. Sein schulterlanges schwarzes Haar wehte seidig im fauligen Gassenwind, ebenso die Schöße des schneeweißen Mantels, den er über einer Art schwarzen Uniform trug. War er ein Soldat oder ein Krieger?
Frei von jeglicher Emotion blickte er den Alten an, als kümmerte es ihn herzlich wenig, wie dieser ihn beschimpfte. Die blassblauen Augen glichen einem starren Eisblock.
Allmählich verstummte der Geldsack durch diese stoische Ruhe. Erschöpft schnappte er nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen und stotterte schließlich ein paar wirre Worte zurecht. Im Groben klang es, als verlangte er eine Entschuldigung von dem Fremden.
Stolz hielt der den Kopf erhoben und sah vernichtend auf den Mann hinab, bevor er mit fester Stimme sprach: „Ich frage mich, wer die Ratte ist? Denn ich sehe auf dem ganzen Platz nur ein Ungeziefer, das hier am Boden kriecht. Sie, Sir, sind so überflüssig wie Ihre Worte.“
Alle klägliche Farbe wich durch diese Herablassung aus dem faltigen Gesicht. Die dünnen Glieder begannen wie Spinnenbeine zu zittern und mit den Zähnen klapperte der Adelsmann wie vor Frostkälte. Gegen diesen großen Mann erschien er hilflos wie ein Kind.
„Verschwinden Sie von hier!“, befahl der Soldat schroff. „Das sind nicht Ihre Straßen.“
Gleich einem geprügelten Hund rappelte sich der Alte rasch aus dem Schmutz auf und verschwand schnellstmöglich, ohne sich nach dem Fremden noch einmal umzusehen. Als wäre der Satan persönlich hinter ihm her.
Der Herr Soldat atmete tief durch und seine standhafte Haltung sackte leicht in sich zusammen. Seine kühle Art hatte er sich scheinbar bloß für diesen Geizkragen zurechtgelegt. Jetzt ließ er diese Maske fallen und kam langsam auf den Jungen zu.
Der begaffte ihn für seine Kühnheit fasziniert. Ein normaler Bewohner der Unterstadt hätte es niemals gewagt, einen Reichen so zu beleidigen. Beinahe kam ihm der Mann wie ein Held vor. Als der Soldat sich ihm zuwandte, roch der Junge einen zarten, ja himmlischen Duft, der wohl von diesem Fremden ausging. Für einen Moment verschwand selbst der Kloakengestank.
„Eine Zeitung bitte“, forderte ihn der Unbekannte ruhig auf, wobei ein sanftes Lächeln seine feinen Lippen umspielte. Er sah sehr schön aus.
Gern kam der Junge seinem Wunsch nach.
„Bitte, mein Herr.“
„Ich danke dir“, sagte er mild und betrachtete die Titelseite mit eindringlichem Blick. Dann griff er in seine Mantelinnentasche und holte ein braunes Ledersäckchen hervor, welches er dem Jungen in die Hand legte. Der war sprachlos, fühlte er doch bereits am Gewicht, dass es keine Aluminiumchips beinhaltete.
„Passt so“, erklärte ihm der Mann. „Den Rest darfst du behalten.“
Bestürzt wollte der Junge die Spende nicht haben und drängte ihn, sie zurückzunehmen. „Mein Herr, das geht nicht. Das ist viel zu viel, das kann ich nicht -“, aber der Mann wollte nichts davon hören.
„Mich kümmert kein Geld. Wenn du es gebrauchen kannst, nutze es. Ich sehe am Druck, dass eure Presse schwächelt. Lasst sie reparieren.“
Der Junge überlegte und löste sich von der Bescheidenheit. Neugierig lugte er in das Innere des Geldbeutels. Es verschlug ihm abermals die Sprache, so viel Gold zu sehen. Mit großen Augen schaute er zu dem Soldaten auf. „Ich danke Ihnen, mein Herr. Das werde ich Ihnen nicht vergessen.“
Mit vor Verlegenheit gesenktem Blick trat der Mann von ihm zurück und lächelte: „Doch, das wirst du. Das Beste wäre, du vergisst mich sofort.“
„Warum?“
„Darum.“
Der Soldat drehte dem Jungen den Rücken zu und ging seiner Wege.
„Werde ich Sie nie mehr wiedersehen?“, rief der Junge ihm bestürzt nach, jedoch ohne Antwort zu erhalten.
Stattdessen gab der Mann ihm über die Schulter einen kurzen Abschiedsgruß, bevor sein langer weißer Mantel, dem kein Unrat dieser Gasse anhaften konnte, hinter der nächsten brüchigen Hausecke verschwand. Mit seinem Verschwinden verpuffte auch der Duft und um den Jungen herum roch es wieder nach Dreck.
Irgendwie hatte er gehofft, dass der Soldat zurückkäme. Dass sie Freunde werden und er wie ein großer Bruder mit in der Druckerei arbeiten könnte. Es war eine vergebliche Hoffnung.
Das Gold im Lederbeutel klimperte.
Sein Vater würde Augen machen, wenn er es ihm zeigte.
Mit einem Grinsen im Gesicht fasste der Junge seine Umhängetasche fester und rannte nach Hause.
Dem schwarz gekleideten Mann in weißem Mantel sollte er nie wieder begegnen.
Was wolltest du mit den Menschen eigentlich erreichen?
Die Zeitung unter den Arm geklemmt, hechtete er im Laufschritt durch die Unterstadt und rempelte dabei den einen oder anderen Passanten an. Wenngleich diese Leute ihn nicht aufhielten, so wie dieser alte Knochen vorhin. Wie tote Fische, die mit dem Strom abwärts gleiten, liefen sie stumm und ohne den Kopf zu heben die Wege entlang, die sie schon immer gegangen waren und auch weiter gehen würden. Wie in einer Herde von Schafen. Wahrscheinlich bezeichneten sie deshalb ihren Gott als Hirten.
Menschen.
Das ist doch alles eine Farce.
Wozu hast du ihnen den freien Willen gegeben, wenn sie keinesfalls davon Gebrauch machen? Warum können sie frei wählen und ihr Schicksal selber bestimmen? Dabei stehen sie nur dumm da und glotzen stumpfsinnig aus der Wäsche. Du hast sie uns einst vorgezogen, doch jetzt kümmert dich dein feines Spielzeug nicht mehr.
Der Mensch ist eine in Monotonie verfallene Puppe. Feige gegenüber Veränderungen.
Du magst deine Gründe gehabt haben, einen Adam zu erschaffen, bloß fehlt dieser Kreatur zeitlebens das Rückgrat. Ich kenne die wahre Geschichte zu gut von Ihm. Er sagt auch, dass du Fehler schlecht verkraftest. Dein ganzes Allmachtsgelaber ist nur Fassade und besitzt keinen Wert ...
Nach diesem Spott fühlte er ein Ziehen und Stechen in seiner Brust und sein Magen begann zu rebellieren. Er blieb stehen und schüttelte dieses widerliche Gefühl ab.
Ach, wie konnte ich es nur wagen, dein Urteil infrage zu stellen?
Sein Sarkasmus wurde mit einem weiteren Anflug von Übelkeit belohnt. Wenn er in dieser Welt war, spürte er noch immer die Anwesenheit Gottes. War der großen Macht also doch noch was an der Erde gelegen? Vielleicht nur ein flüchtiger Blick aus mäßigem Interesse auf das Treiben Assias und da hatte das Alpha und Omega ihn dummerweise gehört. Wie die Geschicke heute dort oben gelenkt wurden, konnte er freilich nicht wissen ...
Aber ich weiß, Gott hasst Kritiker. Im Gehen grinste er frech zum Firmament hinauf.
So unaufmerksam stieß er wieder mit der Schulter gegen einen entgegenkommenden Mann, der aber taub weiterging, als hätte er nichts gemerkt.
Wieder ein Fall von Trägheit – was für eine Verschwendung, gestand er sich ein. Von all den begriffsstutzigen Menschen dieser Stadt konnte er gerade mal die Seele des Zeitungsjungen als gut aufführen. Er mochte Kinder. Ihre Lebenslichter glänzten zumindest noch etwas in diesem elenden Sündenpfuhl.
Die Reichen in ihren verspiegelten Glasstädten waren verdorben bis ins Mark und den armseligen Pennern in den Slums war offenbar alles egal. Auch wenn sie noch lebten, hatte er öfters das Gefühl, unter Zombies zu gehen. Kein Wunder, dass es immer schwerer wurde, zwischen ihren Reihen zu verschwinden. Ob er besser eine andere Ebene aufsuchen sollte? Doch würde ein Zauber nur andere auf ihn aufmerksam machen.
In den Geschäftsmeilen der Kaufleute angekommen, setzte er sich auf eine der Straßenbänke. Die Unterstadt lagen hinter ihm, dennoch roch die Luft nach fauligen Abgasen, die nicht einmal seine Aura neutralisieren konnte, und auch der gelblich-trübe Wolkenhimmel wollte nicht einen Sonnenstrahl zu ihm hinunterlassen. Natürlich waren hier dieselben toten Gesichter zu finden.
Um sie nicht mehr sehen zu müssen, faltete er die Papierzeitung auseinander und begann zu lesen – neugierig zu erfahren, wie sie ihn diesmal darstellten.
Hartnäckig waren diese Menschen, das musste er ihnen lassen. Sie setzten ganze Legionen auf ihn an, obwohl es völlig sinnlos war. Mit Netzen, Schusswaffen und Staatsgewalt konnte man ihn nicht fangen. Schon gar nicht mit einem verzweifelten Götzendiener, der nutzlose Gebete faselte.
Eine Liste der bisherigen Todesopfer war samt unpersönlicher Trauerrede abgedruckt.
Mhm, dachte er nach, in deren Berechnungen fehlen ein paar Namen. Haben sie wohl noch nicht gefunden ...
Etwas mehr als zwei Dutzend waren es bisher. Und scheinheilig wurde die Frage nach dem „Warum?“ gestellt.
Was gibt es da zu überlegen?
Wie ignorant waren die Leute, um nicht zu erkennen, dass er ihnen eigentlich sogar einen Gefallen tat, indem er diese Personen getötet hatte. War es nicht offensichtlich genug? Die Sünde hatte den Menschen erfolgreich vergiftet, besonders in Machtpositionen. Die höheren Kreise quollen über vor Gestank, Dreck und Schande, als dass sie mit Gold und Glanz zu kaschieren waren.
Wenn er nur an die letzten verdorbenen Seelen dachte, die er gesammelt hatte, drehte sich ihm erneut der Magen um. Kinderschänder, Vergewaltiger, Sadisten, Zuhälter und Folterer. Wahrhaftige Mörder, kaltschnäuzige Tyrannen und Klingen schwingende Raubtiere. Betrüger, Schwindler und Leugner, die am Leid anderer ihre Gier befriedigten.
Er machte hier nur seine Arbeit. Schickte diesen Abschaum an den Ort, wo ihre Energien noch hilfreich sein konnten, statt dass sie in dieser Welt weiter ungestraft davonkamen, nur weil sie den nötigen Einfluss besaßen. Kanonenfutter, Kohle und Schmiedestahl waren gern bei seinem Herrn gesehen.
Das einzige Problem war die Auffälligkeit. Da konnte er noch so lautlos wie ein Geist umherwandern und von Tatorten ungesehen verschwinden – aber wer ihn einmal sah, spürte das Übermenschliche von ihm ausgehen. Bislang lief ja alles gut, doch er sollte vorsichtiger sein. Vielleicht eher die Menschen meiden, statt die Masse als Deckung zu benutzen. Nicht nur Gott warf ab und an ein Auge auf Assia.
Und Er wäre wütend, wenn Er seinetwegen Ärger bekäme.
Kurz durchstöberte er noch die anderen Tagesmeldungen und entdeckte sogar einen Bekannten, dessen Seele er in der kommenden Zeit stehlen wollte. Der übrige Tand war ihm trivial. Mit der Zeitung fertig, stopfte er sie in den bereitstehenden Mülleimer, selbst wenn dieser nicht danach ausschaute, als ob man ihn regelmäßig leerte.
Er beugte seinen drahtigen Körper vor und fuhr sich seufzend durch das dichte schwarze Haar.
Sobald sein Auftrag erledigt war, würde er ein paar Tage Urlaub einreichen und sich von diesem Mief in der Luft erholen. Da roch es selbst auf der Schädelhöhe angenehmer ...
Durch das Schaufenster einer Boutique erblickte er ein Ehepaar aus der Oberschicht. Gesichtsfratzen, blass und talgig wie Walspeck, dabei durchdrungen von einem dicken Liniengeflecht aus Falten. Beide in ihre Garderoben gepresst, dass man fürchtete, der zarte Stoff könnte zerreißen und die Knöpfe wie scharfe Geschosse durch den Raum schleudern. Zornig stampfte die Frau mit ihren dicken Beinen auf und schien sich wie eine verzogene Prinzessin bei dem Händler zu beschweren, dass ihr viel begehrtes Utensil nicht geliefert wurde, obwohl sie doch Unsummen gezahlt hatte. Ihr Göttergatte machte den um Ausflüchte bemühten Verkäufer rund und sein lautes Gebrüll ums Geld hallte dumpf durch die Fensterscheiben auf die Straße.
Gewohnt blind und taub, beachteten die vorbeigehenden Passanten diese Szene nicht einmal.
Der Mann lehnte sich lässig, die Beine übereinandergeschlagen, auf der Bank zurück und verzog die Mundwinkel zu einem gequälten Lächeln, wobei seine Augen abschätzig rollten.
Habgier, Hochmut, Wollust, Zorn, Trägheit, Völlerei, Neid der Besitzlosen – und dann noch einen großen Punktabzug für schlechten Stil, zählte er an den Fingern ab. Die beiden wären ein Vorschlag für die nächste Saison.
Der Mensch bestand aus einer Fülle von Sünden.
Und der Seelenfänger fuhr die Sünder ein wie der Bauer seine Ernte.
Es gab ja so viel zu tun. Für einen Einzigen eine Menge Arbeit. Er sollte Ihn fragen, ob er nicht ein paar Assistenten kriegen könnte.
Na ja. Wenn es sein Schicksal gewesen wäre, ruhig und friedlich zu leben, hätte er diesen Job niemals angenommen.
Welche Seele liegt denn auf dem Weg? Aha, ein gewisser Pater Salomon. Na dann ...
Egal, wie viele Seelen er verdammte, irgendwie wurden es nie weniger. In dieser Welt existierten wohl mehr lebensunwürdige Sünder als aufrichtige Menschen. Und man fand sie selbst an den heiligsten Orten, die doch immer damit prahlten, Diener des einzig Wahren zu sein.
Hochmut kommt vor dem Fall.
Wer sollte das besser wissen?
Das Kirchengebäude erstrahlte im hellen Weiß, dass es aus weiter Entfernung schon sichtbar war. Aber er spürte, unter der Fassade waren die Mauern bereits alt und brüchig. Wahrscheinlich stammte der Rohbau aus früheren Zeiten, als die Menschen sich gegenseitig noch human behandelten und dieses Gotteshaus Arm und Reich offen stand.
Heute war der vergoldete Beichtstuhl in Besitz der Korruption und die Edelholzbänke reserviert für Kapitalisten. Während sie ihre Wohlstandsleiber auf bequemen Samt setzten und die Scheinheiligkeit lobpriesen, blieb dem gemeinen Pöbel allerhöchstens ein Platz auf nacktem Steinfußboden in der dunkelsten Ecke der Kathedrale. Üblicherweise vertrieb man einfach jene, die für ihren Segen kein Geld aufbringen konnten.
Durch die stark verzierte, elfenbeinweiße Flügeltür trat er ein in das sinkende „Schiff Gottes“ und lief auf roten Stoffbahnen dem Altar entgegen, wo eine kleine Messe abgehalten wurde. Schillernde Farbtupfer spärlichen Lichtes, welches durch die kostbaren Bleiglasfenster fiel, beleuchteten seinen Weg und ließen Protz und Glanz überirdisch erscheinen.
Die Schritte seiner schweren Stiefel hallten von den Marmorwänden wider.
Das Kreuz war blanker Hohn. Die Leiden Christi in kunstvolles Gold gefasst, war diese Kirche mehr eine Huldigungsstätte Mammons. Auch die Monstranz und Messgarnitur schimmerten ihm entgegen. Kelch und Hostienschale glitzerten in Kristall. Die Heilige Schrift war in feinstes Leder gebunden und die Altarschelle aus silbrigem Stahl ruhte auf dem Pergamentpapier.
Am Ambo stand ein glatzköpfiger Priester, der nicht minder in Erscheinung trat, obwohl er von Bescheidenheit und Nächstenliebe predigte. Festlich geschnürt und geschmückt wie ein Geschenkpaket, als hätte er auf ihn gewartet. Sein weißes Seidengewand umspannte den schwelligen Leib und war bestickt mit Goldfaden, der filigrane Ziermuster bildete. Schweißtropfen perlten von seiner fettigen Haut und er keuchte, als bekäme er wegen seiner Körperfülle zu wenig Luft.
Sein Herr Jesus wäre enttäuscht von ihm gewesen.
Scheinheiliger Betrüger.
Wer wirklich Gott in diesem Gemäuer suchte, war auf dem Holzweg. Dieses Haus aus Steinen und Beton war nichts weiter als das Mahnmal einer weltbeherrschenden Sekte, die verlorene Schafe zum Schlachter führte, um sie ausbluten zu lassen. Ein geldgieriger Haufen Größenwahnsinniger, die das Seelenheil wie eine Ware verkauften und mit betörendem Weihrauch und falschen Versprechen den schlichten Verstand umnebelten. Schon seit Jahrhunderten betrieben sie ihre Bauernfängerei und unterjochten Andersgläubige in unsinnigen Kriegen mit so vielen Opfern, dass die seinen nur ein Quantum waren.
Er war nicht unbedingt wegen seiner Distanz zu Gott gegen die Kirche. Gott und die Seinen konnte er aus persönlichen Gründen nicht leiden. Jedoch waren sich sowohl Himmel als auch Hölle in Hinsicht auf Religionen, die für ihre Zwecke das Wahre mit Zuckerbrot und Peitsche verdrehten, ausnahmsweise einig: man konnte ruhig auf sie verzichten.
Von den Bankreihen, an denen er vorbeilief, drangen gemurmelte Gebete an sein Ohr. Bitten an den Heiland für Macht, Erfolg und den großen Gewinn. Selbstsüchtiges Verlangen. Diese „Gläubigen“ dachten nur an ihr eigenes Wohl. Niemand sprach ein Wort für die, die Hilfe nötig hatten. Dabei sahen diese hier so aus, als hätten sie die Mittel, etwas zu verändern. Der eine konnte allein mit seinem Goldring eine dreiköpfige Familie einen Monat lang ernähren. Wenn er denn den Großmut besäße, ihn zu verkaufen.
Ihm lag es fern, den Moralapostel zu spielen, aber anhand dieses schlechten Beispiels konnte er bloß den Kopf schütteln.
Ein Haus voller Habgier. Ein jeder dieser Sünder wäre – seiner Meinung nach – gutes Futter für das Fegefeuer, und wenn es nach ihm ginge, würde er diesen ganzen Schuppen mit allen Insassen abreißen. Wenngleich sein Boss dafür kein (volles) Verständnis hätte. Er war hier schließlich in verdeckter Mission unterwegs und sollte keinesfalls ganze Razzien veranstalten. Das gäbe bloß unnötig Stress.
Geduld. Alle bekommen, was sie verdienen.
Leise seufzend richtete er seinen kalten Blick auf das Hauptziel.
Heute ist es mein Wille, der geschehe, Priester.
Die Schuldlast seiner Seele wog so schwer, dass sie förmlich wie klebriger Schleim von ihm tropfte. Unter dem Speck floss die Verdorbenheit schwarz und schmierig gleich ranzigem Öl, das lauthals forderte, von Feuer entzündet zu werden.
Diesem Wunsch kam er zu gern nach.
Wieder einmal bewies die Existenz dieses Bastards, wie falsch es im Rechtssystem der Menschen zuging. Freiwillig schickten sie ihre Kinder als Messdiener in die Klauen eines Scheusals und verdarben damit die Unschuld. Zerstörten kleine Herzen. Wer würde es schon wagen, einen Prediger von Gottes Wort einen Knabenliebhaber zu schimpfen?
Er setzte sich im Gestühl auf einen freien Platz und überlegte, wie er es anstellen konnte, diesen Schmutzfleck von der Oberfläche zu tilgen. Vor so vielen Zeugen wäre das idiotisch. Zu seinem eigenen Erstaunen kam eine Lösung von allein.
Dem Priester fiel er sofort ins Auge. Witternd erschnupperte die dicke Nase seinen feinen Geruch, der jeden Menschen betörte. Dazu war Schönheit seiner Art gegeben und auf diesen Mann wirkte er wohl äußerst anziehend. Dennoch wurde ihm schlecht, als die Schweinefratze ihn wässrig ansah.
Oh nein, bitte nicht, schoss es ihm flehend durch den Kopf. Er war definitiv nicht hier, um für perverse Fantasien herzuhalten.
Mit geöffnetem Mund und Speichel benetzten Lippen stoppte der Geistliche die Predigt einen Moment, um seinen lechzenden Geist zu fangen. Schließlich setzte er übereilt fort.
Die letzten Zeilen eines Psalms wurden im Schnellverfahren heruntergerattert und die Messe kurzerhand beendet. Flugs gab er allen, die es bevorzugten, den Segen und schickte sie nach Hause. Jetzt konnte der Glatzkopf seinem Richter gegenübertreten, ohne zu ahnen, dass das Urteil bereits feststand.
Seine fetten Wurstfinger rieben einander zittrig um den Rosenkranz und nervös sah er sich noch einmal um, sichergehend, dass niemand mehr hier war außer diesem fremden, jungen Mann und ihm. Dünner und höher klang Salomons Stimme, als er ihn ansprach: „Sei gegrüßt, mein Sohn. Ich habe dich noch nie gesehen. Bist du neu in dieser Stadt?“
„Ich bin nur ein Reisender“, gab er ihm gleichmütig Antwort. Das „Pater“ setzte er mit leichtem Hohn nach und fixierte ihn dabei wie ein Raubvogel die Schlange.
„Es ist gefährlich in dieser Zeit, allein unterwegs zu sein. Ich werde für dich beten, dass deine Reise gut verläuft und dich sicher an dein Ziel bringt.“
Der Mann lächelte schief. „Das wird sie, auch ohne Kirchengebet.“
Sogar der Priester schmunzelte und platzierte ungemein vertrauensselig seinen Schwellleib neben ihn. Langsam hob er seine hässliche Pranke und strich dem Fremden fast zärtlich durch das schwarze Haar.
Wie kann es dieser grapschende Fettwanst wagen!?
Der Unwürdige berührte die Haut an seinem Kinn.
„Du bist schön wie ein Engel, mein Sohn. Gott hat ein Wunder an dir getan.“
Seine Kiefer pressten sich stark zusammen und durch die Zähne knurrte der Mann frostig: „Du hast doch keine Ahnung, wovon und mit wem du hier sprichst, Pseudopfaffe!“
Der Kleriker wich erschrocken zurück. Zu langsam.
Für den Moment eines Lidschlags schnellte der Henker nach vorn und schlug seine Hand flach auf die schwabbelige Brust.
Das Opfer spürte eine Energie, die von seiner Berührung ausging. Sein Inneres fühlte sich plötzlich seltsam an. Erst juckte, dann brannte es wie Säure im Körper und etwas schnürte ihm die Kehle zu, bis er nicht mehr atmen konnte. Auf der Zunge schmeckte der falsche Heilige bittere Galle und die Augen taten ihm drückend weh. Das Herz schlug ihm laut in den Ohren, der Takt wurde schneller und schneller, bis ein grässlicher, heller Pfeifton, wie von einem Wasserkocher, in seinem Schädel dröhnte!
Unter seiner Hand spürte der Mann, wie ein Schock das menschliche Herz in Stillstand versetzte und schon erloschen alle Regungen in dem Gesicht des jetzt toten Paters Salomon. Die Augäpfel des Priesters quollen starr aus ihren Höhlen hervor. Die Seele dieses Ungeheuers floss ein in den Strom der Verdammten und wanderte direkt ins Jenseits.
Angewidert riss er seine Hand von diesem Ding los, das er nicht als eine menschliche Leiche bezeichnen wollte.
Der Tote rutschte von der Kirchenbank und blieb wie ein nasser Sack am Boden liegen.
Augenscheinlich unversehrt. Aufgrund seiner Fettleibigkeit hatte der Alte nur einen plötzlichen Herzstillstand erlitten. Sein Pech.
Er machte einen weiten Schritt darüber.
Als wäre nichts passiert, ließ er diesen unheiligen Ort ohne Beachtung zurück. Die Hände wusch er stoisch noch in der Weihwasserschale, um den übertriebenen Kirchengestank loszuwerden, und benetzte erfrischend sein Gesicht.
„Vergebt mir, Vater, ich habe gesündigt. Was will der Papst dagegen tun?“, verlachte er offen die erschaffene Religion und sah auf das Kreuz. „Billig, mit was man diese Menschen belügen kann. In ihrer Verzweiflung glauben sie alles. Es fällt ihnen leichter, eine Ikone anzubeten, als auf die eigene Kraft zu vertrauen.
Doch wenn diese schwachen Geschöpfe schon jemanden brauchen, der sie leitet, wieso wenden sie sich dann an so ein Ekel?“
Jesus antwortete nicht.
Es gab auch nichts zu sagen.
Trotz gründlicher Waschung fühlten sich seine Hände beschmutzt an.
Widerlich, wozu ihn die Arbeit trieb.
Arbeit, die seinesgleichen zu verschulden hatte – war es ja die dunkle Seite, die einst die Grenzen der irdischen Schöpfung brach und die Sünden freisetzte. Doch das stand auf einem anderen Blatt. Der Boss hatte seine Gründe und Assia einen bestimmten Platz darin.
Immerhin, den Dreck hatte er ordnungsgemäß beseitigt. Eine Pause konnte er sich leisten. Morgen erst ginge es weiter zum nächsten Delinquenten.
Die Nachricht über das unerwartete Dahinscheiden eines Priesters verbreitete sich in Windeseile.
Der Schuldige war schnell gefunden in dem Phantom, welches in der Stadt umhergeistern sollte, wie es die Zeitungen berichteten. An einen tragischen Zufall aus gesundheitlichen Gründen wollte niemand glauben. Bald war Pater Salomon nicht bloß tot, sondern ermordet.
Wenn nicht einmal die heilige Kirche sicher war, wie sollte man diesen „Dämon“ sonst aufhalten?
Ob die Menschen panisch die Flucht vor ihm ergreifen würden, wenn sie wüssten, dass ihr schlimmster Albtraum nur knapp an ihnen vorbeizog?
Tags darauf plauschte er mit einem bärtigen Herrn in einer schmutzigen Bar in der Unterstadt über diese Angelegenheit. Sein Gesprächspartner spottete über die Unfähigkeit der Polizei.
Wofür bezahlte man diese? Für alberne Schnitzeljagden und zusätzliches Gassigehen mit ihren Hunden? Wütend stieß der Rüstige stinkenden Zigarrenrauch aus und stürzte den Inhalt des vollen Whiskyglases den Rachen hinunter.
Der junge Mann lachte verhalten.
„Das Einzige, was heute noch denselben Nutzen bringt, wie schon Jahre zuvor, ist und bleibt der Alkohol, Kleiner“, erklärte der Rauschebart ihm feierlich und ließ sich vom Wirt nachschenken. „Unser ganzes Dasein kann man nur damit ertragen! Wenn uns der Schnaps ausgehen würde, dann geht es auch mit dieser Welt zu Ende. Dann interessiert es niemanden, ob diese Pfeifen durch Mord oder ein Unglück starben. Kein Schwein fragt dann noch nach einem Killer!
Die Leute spinnen alle! Selbst schuld, wenn die den Tod verpersino- ... personi- ... Na, weißt schon! Vermenschlichen!“
Die Philosophie der Trunkenheit.
Grinsend hob der junge Mann sein Glas. „Dann auf das Ende der Welt, mein Freund.“
„Skål!“, brummte der Alte, den Toast erwidernd. „Auf das wir alle besoffen zur Hölle fahren!“
Nicht so voreilig, du stehst doch gar nicht auf der Liste.
Saurer Regen fiel aus dem dichten, grauen Wolkenmeer, welches sich am Himmel zusammengebraut hatte, und er schlug den Kragen seines Mantels hoch. Die Nässe drang zwar nicht durch den weißen Stoff, dennoch hatte er keine große Lust, weiter durch dieses Wetter zu waten und suchte nach einem stillen Unterschlupf.
Irgendein leer stehendes Gebäude in einer von Menschen verlassenen Gegend würde schon zu finden sein, wo er kurz verweilen konnte. Wenn man keine Mittel besaß, sich auszuweisen, und auch unerkannt bleiben wollte, war das die letzte Möglichkeit.
Wenn dieses Mistwetter ihm nicht in die Quere gekommen wäre, hätte er jetzt schon zum anderen Stadtende hin unterwegs sein können, um dort mit der Arbeit fortzufahren. Ein dummer Zufall, um weiter in dieser Gegend festzusitzen und ein Glück für den Tölpel, der etwas länger leben durfte.
Er sprang über breite Pfützen voll braunen Schlammwassers, über abgenagte, bleiche Knochen von vor Hunger verendeten Tieren, vorbei an groben, mit grauem Putz verzierten Hütten.
In dieser Zone lebten diejenigen, die nicht mal Geld besaßen, um in der Unterstadt zu hausen. Menschen, von deren Existenz niemand wusste. Wenn sie starben, bemerkte es niemand. Ihr Fehlen hinterließ keine Lücke, weil sie keinen Platz ausfüllten.
Ein Ort, an dem es nach Tod roch, war billig und identitätslos. Ein gutes Versteck für einen wie ihn.
Scharf schnitt er die Kurve an einer Ruine und wollte weiterhasten, da bemerkte er sie im Schatten.
Erst dachte er, es sei bereits zu spät. So abgemagert, wie der Körper dalag.
Diese Frau war keine dreißig, doch durch ihre eingefallenen Wangen und die braune, welke Haut wirkte sie wie ein verbrauchter Hungergeist. Das dunkle Haar fiel lang und spröde über die Schultern und den Leib bedeckten nur ein paar zerschlissene Lumpen. Mit ihren dürren Armen hielt sie fest ein gewickeltes Bündel an die Brust gedrückt.
Als sie merkte, dass er sie ansah, schaute sie schwach auf, die Augen stumpf und müde.
Er trat näher und seine Nase erfasste den starken Fäulnisgeruch. Das Baby war schon einige Tage tot, vielleicht sogar tot geboren, trotzdem hatte sie es nicht wahrhaben wollen. Trug es weiter mit sich herum und hoffte, es schliefe bloß fest. Wem wollte sie hier etwas vormachen? Jetzt wartete sie nur noch darauf, dass der Tod sie wieder mit ihrem Kind vereinte. Ihre Seele erlöste.
Oder so ähnlich ...
Wenn sie nun starb, würde sie ein erdgebundener Geist werden. Verloren in der Zwischenwelt, hin- und hergerissen zwischen Leben und Tod. Sollte er sie in das Totenreich führen? Für eine wie sie gab es auch noch einen anderen Weg.
„Ich kann dir helfen“, sprach er sie sanft an. „Zwar kann ich dir nicht das Tor zum Himmel öffnen, aber wenn du es wünschst, bürge ich für dein Leben in einer besseren Welt.“
Ihre trockenen Lippen öffneten sich und er hörte ihre heisere Stimme langsam sprechen: „Wer bist du, dass du mir so was versprichst?“
„Jemand, dem dein Schicksal nicht egal ist.“
„Wenn es nicht der Himmel ist, wohin sollte ich sonst gehen?“ Sie klang verbittert.
Kein Wunder. Wer nicht von Gott oder dem Himmelreich sprach, arbeitete für die andere Seite.
„An einen Ort, wo du als du selbst neu beginnen kannst. Es ist nicht schlimm. Dort hast du nicht zu leiden und du kannst leben, wie du immer leben wolltest.“
Kraftlos sackte sie etwas zusammen. „Das wäre schön. Ist an diesem Ort auch meine Tochter?“ Ihr trauriger Blick fiel auf das verwesende Fleisch in ihren Armen.
Schwierig. Zischend atmete er durch die Zähne aus, bevor er zögerlich fragte: „Starb dein Kind vor der Geburt?“
„... Sie schrie nicht.“
Also ja. „Dann gibt es eine kleine Chance, sie wiederzusehen. Und wenn ich ein Wort für dich einlege, kannst du dich dann noch an sie erinnern. Ihr könnt euch wiederfindet und in die Arme schließen.“
Ihre sterbenden Augen begann sehnsüchtig zu funkeln. „Danke. Ich danke dir“, wimmerte sie. Es war der winzige Schluck einer spärlichen Hoffnung, den er ihr zu trinken gab, doch dieser würde sie für die Reise kräftigen.
„Willst du meine Hilfe?“
Sie atmete tief ein. Tränen kullerten ihr über die Wangen, als sie nickte. „Bitte hilf mir, Engel.“
Na ja, fast.
Er beugte sich vor und flüsterte: „Schließe die Augen, dann wirst du sehen.“ Seine Hände, die schon so vielen Sündern das Leben geraubt hatten, zogen sie sanft in eine liebevolle Umarmung. Er spürte, wie ihr Körper zitterte und die Seele allmählich vom Diesseits gelöst wurde.
„Mir ist so warm ...“, hörte er ihre letzten Worte, dann erschlafften ihre Glieder.
Entschlafen lag sie in seinen Armen und war im Tod so friedlich anzuschauen. Vielleicht war dieser Moment der erste in ihrem Sein als Mensch, in dem sie wirklich glücklich gewesen war.
Zärtlich küsste er sie auf die Stirn. „Willkommen zu Hause, Lea.“
„Oh, bitte nicht doch!“, ertönte eine Stimme aus dem Nichts. Sie war rau und kratzig wie die einer Krähe, noch dazu schleimig wie ein Aal. Ungehalten von dem Geschehen lästernd: „Nicht noch eine von diesen eingebildeten Nymphen! Seit Euch der Herr auf diese Mission geschickt hat, haben diese Waschweiber rapide zugenommen. Eure Gefühle für das Menschengewürm sind viel zu weich.“
Der Mann lachte verzeihend, ohne sich dem Redner zuzuwenden. „Du bist doch nur sauer, weil sie dich immer abblitzen lassen. Aber sie stehen nun mal nicht auf Dämonen, Sirus.“
Ein giftiges Fauchen ertönte im Schatten und aus dem Halbdunkel einer Sackgasse krabbelte eine schuppige Kreatur. Die Augen leuchteten blutrot und reflektierten das spärliche Licht wie die Iris einer Katze. Schwarz war der übergroße, teilweise human wirkende Echsenkörper. Lang der Drachenschwanz und lederartig die Fledermausflügel auf dem gepanzerten Rücken.
Erneut zischte das Wesen und entblößte dabei eine lange, spitze und vergilbte Zahnfront, die es zu einer Fratze des Hohns verzerrte. „Es liegt uns nun mal im Blute, für Schrecken zu sorgen, wie es in Eurer Natur liegt, zu glänzen. Verärgert mich nicht für etwas, das sich seit Äonen nicht geändert hat.“
„Ich habe es nicht so gemeint, Si. Verzeih.“ Er stand vom Boden auf und klopfte dem Dämon kameradschaftlich auf die verhornte Schulter. „Erzähl, was führt dich zu mir?“
Sirus blickte ihn an, als traue er dem Frieden nicht, wenngleich er kurz aufstöhnte, und mit seiner violetten Zunge über den lippenlosen Mund glitt. „Nun denn, ich bin hier, um Euch eine Nachricht zu überbringen.
Wie Euch selbst am besten bekannt sein sollte, erregt Eure Anwesenheit einiges an Aufmerksamkeit in dieser Saison. Die Menschen munkeln überall, dass ein Abtrünniger der Ihren tötend durch das Land zieht. Albern, so einen Verrückten mit Euch zu vergleichen ... Wobei es schön ist, zu sehen, dass Ihr Eure Aufgabe ernst nehmt, aber es gibt einige, die Euch Fahrlässigkeit vorwerfen. Oder zu viel Demut ...“ Abschätzig sah er dabei auf die Leiche der Frau.
„Nun, wie auch immer“, fuhr Sirus fort, „wenn es nur diese Affen wären, denen Euer Tun ein Dorn im Fleisch ist, würde sich der Herr keine großen Sorgen machen. Doch es heißt, die himmlische Garde habe seit Kurzem einen neuen Anführer, der Euch nur zu gern wegen unerlaubter Seelenfängerei an den Kragen will. Ein verbissener Kerl. Mir scheint, dem liegt ein alter Groll zugrunde ...“
Jetzt horchte der Mann auf. „Die Weiße Garde? Woher will die Bescheid wissen? Nicht einmal Hades hat mir bisher was nachweisen können.
Außerdem sollten die da oben lieber froh sein, dass ich hier unten ausmiste.“
Der Drache zuckte die Schultern. „Euch ist ebenso bekannt, wie paranoid der Hohe Rat ist.
Mit dem Erfüllen Eurer Aufgabe stärkt Ihr heimlich die Kraft unseres Landes, und da auf Euer Glück bisweilen sehr viel Verlass war und Ihr erfolgreicher richtet als der Todesengel, sehen die Weißen bestimmt ihre eigene Macht bedroht. Die glauben sicher, wir planen einen weiteren Großen Krieg mit all dem Kanonenfutter, und darum wollen die Euch aus dem Weg haben – mit oder ohne Beweise für einen Regelbruch. Lasst Euch schon mal eine passende Ausrede einfallen.“
„Die sind noch viel dümmer als zu meiner Zeit, wenn sie glauben, dass der Morgenstern eine Rebellion plant. Als wenn der nicht genug beschäftigt wäre.“
„Das hat der Herr auch gesagt“, kicherte der Dämon, „aber auch wenn es nur Reibereien sind, er will Euch für das Erste in Sicherheit wissen. Er beordert Euch zurück in den Palast und beurlaubt Euch zusätzlich auf unbestimmte Zeit.“
„Was du nicht sagst“, seufzte er. Während Sirus geredet hatte, war er ein paar Schritte auf- und abgegangen, um nachzudenken. Selbst wenn es ihn beunruhigte, die Weiße Garde in dieser Sphäre herumschleichen zu wissen und die Aussicht auf Urlaub in seinem Interesse lag, musste er zugeben, dass so ein vorschneller Abzug ihm nicht in den Kram passte.
Das lässt sich doch sicher noch etwas hinziehen.
Sirus stupste ihn mit der Kralle an, um seinen Kopf zurück in die Wirklichkeit zu holen. „Was ist denn nun? Was gibt es so lang für Euch zu überlegen? Wollt Ihr nicht gleich mit mir kommen?“
„Ähm, nein.“
„Wie bitte?“
Er legte seinen Arm über die teuflischen Schultern und führte den Untergebenen einige Fuß mit sich. Durch die Zähne sog er tief Luft ein und begann seine Entscheidung zu erklären: „Sirus, mein Guter, richte doch bitte dem Morgenstern aus, ich komme nach.“
„Euer Humor ist erschreckend. Und bedenkt, der Herr versteht keinen Humor.“
Wie wahr, wie wahr ...
Den Einwand ignorierte er trotzdem. „Es dauert ja nicht lange, vielleicht aber noch einen kleinen Tag.“
Sirus knurrte leise. „Versteht Ihr den Ernst Eurer Lage nicht?“, setzte er an, obgleich er ausgebremst wurde.
„Schon! Aber du weißt, wer ich bin. Unterschätze mich also nicht. Ich kann auf mich aufpassen und hatte nie Probleme hier in Assia.
Kumpel, diese Stadt hinter uns ist gleich Sodom und Gomorrha zusammen. Ich kenn da noch ein paar Namen, auf die diese Welt gut verzichten kann, und die würde ich mir gern holen. Noch zwei oder drei Seelen und dann komme ich zurück.
Mein Ehrenwort. Klar?“
„Kristallklar wie der Elfenstein, aber der König -“, und wieder wurde Sirus unterbrochen.
„Dann soll der gute Chef selber hier vor mir erscheinen und mir einen Tritt in die Hölle verpassen. Einen weiteren Tag kann der ja noch auf mich verzichten, oder?“
Der Dämon zuckte mit dem Kopf und murmelte etwas, was verstohlen klang wie „Schaufle dir dein Grab“, und sagte schließlich deutlich: „Wenn es Euer Wunsch ist, werde ich es Ihm ausrichten.“
„Danke.“ Der Mann grinste falsch und war fertig mit dem Gespräch. Jetzt wollte er nur seiner Nase folgen, bevor der verseuchte Regen ihm Schwimmhäute wachsen ließ.
Über die Schulter rief er dem Dämon mit einem Winken noch ein kurzes „Jetzt geh besser, bevor dich einer sieht!“ zu, und wollte schon die Straße abwärts verschwinden, als ein schwefeliger Gestank seine Sinne streifte.
Schwarze Zauber, welche nur höhere Höllenbruten beherrschten, lösten Sirus in Luft auf. Dem ungeachtet hallte seine Stimme wie ein vergangenes Echo durch die Gassen.
„Gebt auf Euch acht, Obergeneral des Höllenheers. Gefallener Engel Deacon Heat.“
Die Stille, die dem sterbenden Flüstern des Windes folgte, war bedrückend und jagte einen Schauer über seinen Rücken.
Es war keine Angst, die Deacon verspürte. Nur das ungute Gefühl, nicht mehr Herr seines Schicksals zu sein. Vielleicht lag da wirklich etwas in der Luft.
In dieser Bruchbude lebte bestimmt seit zwanzig Jahren niemand mehr. Vielleicht kamen ab und an ein paar Jugendliche vorbei, um die putzzerrissenen Wände mit verschiedenfarbigen Graffiti zu besprühen. Allerdings blätterte selbst diese Schicht langsam ab.
Im Inneren hatte wohl mal ein Feuer gewütet. An vielen Fenstern sah man von außen noch schwarzen Ruß und die höher gelegenen Etagen erinnerten an einen Lochkäse. Ehemaliges Mobiliar und anderer Schutt wie Müll sammelten sich rund um dieses Hochhaus an, welches in der Senke irgendwie verloren wirkte.
Allein als letztes noch senkrecht stehendes Bauwerk.
Das gelbe Schild an der holzwurmzerfressenen Eingangstür, auf dem ausdrücklich geschrieben stand, dieses Gebäude wegen Einsturzgefahr nicht zu betreten, überlas Deacon gekonnt. Ihm sagte es nur, dass er hier vor neugierigen Blicken unbehelligt blieb.
Im staubigen Treppenhaus hielt er dennoch an, um zu lauschen. Bis auf die Regentropfen, die auf bröckelnden Stein fielen, und das Nagen der Mäuse, hörte er nichts. Kein menschliches Leben. Oder Ähnliches.
Als er die Treppenstufen betrat, knirschten sie. Verkohltes Holz ummantelte zwar noch immer einige Absätze, doch oft lief er auf brüchigem Beton. Das ebenfalls hölzerne Geländer fehlte ganz. Die wenigen Reste blieben im Erdgeschoss zurück.
Auf den Weg nach oben stoppte er in jeder Etage und vergewisserte sich, weiterhin allein zu sein.
Spinnweben versperrten die kahlen Gänge, die eher an ein Gefängnis als an ein ehemaliges Mietshaus erinnerten. Oder eine Hühnerbatterie. Zelle an Zelle.
Je mehr er aufstieg, umso besser wurde seine Stimmung. In erster Linie fühlte er hier die ersehnte Sicherheit – aber auch, weil er nicht der Typ war, der am Boden haftete. Gefallen oder nicht, Engel waren Wesen der zugigen Lüfte. In großer Höhe, wo selbst Schwindelfreie sich nicht hinwagten, da ging es ihnen blendend.
Die Geräusche des Hauses konnten ihn da nicht beunruhigen. Sogar wenn es kurz davor wäre, zusammenzustürzen, würde es ihn nicht kümmern. Ein Mensch hätte an so einem Ort sein Leben riskiert. Jedoch nicht ein Mann wie Deacon.
Oben angekommen, lief er nur noch auf Trümmern. Teilweise war der Boden komplett verbrannt und seine Augen blickten in tiefe Abgründe. Mit jedem Schritt fürchtete manch anderer den letzten getan zu haben. Er ging weiter. Vorbei an Mauern, deren Ziegelwerk schon deutlich sichtbar war. Rot, wie das Muskelfleisch unter der Haut, brach es aus Rissen hervor. Moos und Schimmel wuchsen überall. Fenster waren entweder vernagelt oder leere Rahmen, die mit scharfen Splittern drohten.
In einem Zimmer im Westen fehlte die gesamte Außenwand und gab eine weite Aussicht über das Gelände frei. Hinter dieser schlammigen Steppe aus Abfall, sah er auf die Unterstadt, dann auf das Geschäftsviertel und die wenigen Wohnsiedlungen derer, die zwar nicht viel, aber genug besaßen. Und schließlich funkelte am Horizont die Glasstadt im trüben Dämmerlicht.
Rein theoretisch war Deacon also am niedrigsten Stand angekommen und doch schaute er jetzt auf alles hinab. Was für eine Ironie.
Er setzte sich auf den blanken Boden, der zwar ächzte, aber ihm standhielt.
Der Regen prasselte unaufhörlich herab und das Wasser drang in vereinzelten Tropfen durch die Decke. Das Netz einer Spinne war ungünstig gelegen und, nach einigen nassen Erfahrungen, beschloss sie, endgültig auszuziehen. Deacon half ihr dabei etwas und nahm das Tier auf seine Hand, um es eine Armlänge hinter sich im Trockenen abzusetzen.
Wenn der Regen doch alles genauso schnell wegspülen könnte. Nur steht Gott nicht mehr der Sinn nach Sintfluten. Das hat ja schon einmal nicht funktioniert ...
Die Menschen hatten eine zweite Chance in der Geschichte der Existenz bekommen und – für die einen Glück, die andern Pech – sich dafür entschieden, die Sünde fortbestehen zu lassen und mit ihr die Rasse zu verderben. Die Verantwortung für die Erde lag nicht mehr in Gottes Hand.
Gott hatte es schlicht satt, ständig die Fehler anderer geradezubiegen, weswegen auch kein Eingreifen zu erwarten war. Genervt wollte Gott nicht mehr die Gebete der Gläubigen erhören, die unmögliche Dinge verlangten, nur um dann als Spottfigur herhalten zu müssen, wenn etwas dabei schiefging. Gott hatte schließlich noch anderes zu tun. Wenn die selbstgefällige Menschheit glaubte, alles drehe sich nur um sie ... war das nicht ganz falsch, doch Gottes Hauptaufgabe bestand darin, die eigene Welt im Gleichgewicht zu halten. Auch die Himmelsbewohner wollten auf keinen Fall Gott gänzlich missen, sonst kämen sie sich wieder benachteiligt vor.
Bereits lange vor seiner Zeit war es geschehen, dass Gott sprach, die Schotten dichtzumachen und den Menschen die Geschicke ihrer Welt selber in die Hand zu legen, so wie jede andere Kreatur ihren zuständigen Lebensraum verwaltete. Was aus dieser Fehlentscheidung wurde, sah man hier im Regen davonschwimmen.
„Gottverlassen“ war wirklich die treffende Bezeichnung.
Und die Rolle der Engel in diesem Spiel?
Die meisten Geflügelten hielten sich der Erde – Assia – fern. Nannten die Menschen bei Tiernamen und wollten nichts mit ihnen zu tun haben. Einige stiegen ab und zu herab, inspirierten ein paar Künstler. Andere trieben ihre Scherze mit den Schafen und gingen dabei nicht weniger rabiat vor, als die Dämonen. So manch himmlische Eingebung endete in einer Katastrophe.
Die Welt der Menschen war zu einem Spielball verkommen. Eines Tages hatte Gott bestimmt endgültig genug davon und ließ die Luft ab.
Ein Fingerschnippen und es war aus.
Vielleicht gab es irgendwann eine neue Welt, aber für die der Menschen war es vorbei.
Deacon zuckte die Schultern. Und wenn schon, ihn als Gefallenen ging der Zyklus nichts mehr an.
Sollte irgendwann Neues kommen, fänden sich auch dort Energiequellen, die er für seinen Herrn sammeln konnte. Sünder würde es immer geben und auch seine Arbeit war zeitlos.
Wen kümmerten da diese Menschen? Die waren doch nur Werkzeuge des Lebens.
Seufzend beobachtete er die graugelben Wolken und fragte sich, wie lange er noch ihren Anblick ertragen musste, bis die große Tabula rasa kam. Bis der Himmel wieder blau sein würde.
„Steh auf!“
Ein Tritt folgte.
„Los, bewege dich!“, brüllte die Stimme und ihr Echo schallte durch die leeren Räume.
Stöhnend öffnete Deacon die Augen. Es kam ihm vor, als hätte er sich eben erst schlafen gelegt und auch die Himmelsfarbe sagte ihm, dass es mitten in der Nacht sein musste. Der Regen war endlich vorbeigezogen und hinterließ einen Geruch nach modriger Nässe.
Doch trotz Finsternis war sein Umfeld unnatürlich erhellt. Nicht vom Schein einer Lampe, sondern von der Kleidung derer, die ihn umzingelt hatten.
Sofort war er auf den Beinen. Gleichzeitig spürte er silberne Klingen an seiner Kehle.
Die vier Männer waren ihm in der Erscheinung recht ähnlich und wiederum verschieden. Allesamt waren sie strohblond, wenn auch wie er mit stahlblauen Augen. Gleichwohl trugen sie weiße Mäntel, aber darunter genauso weiße Uniformen, und man musste kein Hellseher sein, um zu wissen, zu wem sie gehörten.
Deacon hatte nur nicht damit gerechnet, dass die himmlische Weiße Garde so auf Zack war. Er dachte, er könnte sich davonstehlen, ehe die Gegenpartei seine Spur fasste.
„Wo sucht man eine Schabe? Natürlich im größten Dreck.“
Ein fünfter weißer Engel erschien in seinem Blickfeld. Feminine Züge und Haar wie Weizengold. An seiner Dienstkleidung trug er unnötig viele Orden zur Schau, die ihn als Anführer dieser Gardisten auswiesen. Um nicht gar zu sagen als obersten Befehlshaber der ganzen feindlichen Armee.
Beim letzten Zusammentreffen war der bloß ein gewöhnlicher Soldat gewesen ...
Mit seinem abschätzigen Lächeln auf den dünnen Lippen sah er auf Deacon herab und genoss den Moment, ihn in der Zange zu haben. Ein Wunsch, den er schon seit Jahren hegte.
Oft hatte dieser Kerl bereits versucht, Deacon beim Hohen Rat für irgendwelchen Nonsens anzuschwärzen und genauso oft war er den Fängen der Garde entwischt, was den Engel nur jedes Mal mehr in Rage brachte, wenn sie einander begegneten. Mit dem neuen Posten im Gepäck konnte der Blondschopf endlich Nägel mit Köpfen machen.
Schon komisch, wie aus zwei einstigen Kameraden – sogar Freunden – so erbitterte Feinde werden konnten. Nur weil einer die Seite wechseln musste.
„Virel“, nannte er ihn beim Namen und stopfte alle Verachtung, die er aufbringen konnte, in seine Stimmlage.
„Deacon Heat“, griente sein Gegenüber recht diabolisch. „Lange nicht mehr gesehen, was?“
„Ich könnte auch in Zukunft darauf verzichten.“
Virel gab seinen Soldaten einen stummen Befehl und die ließen ihre Waffen sinken. Dennoch blieben sie kampfbereit, sollte der Gefallene es wagen, aufzubegehren. Der richtete aber nur lässig den Sitz seines Mantels.
„Du weißt, warum wir hier sind, nicht wahr?“
Er spielte den Unwissenden. „Nein?! Schwarz und Weiß dürfen freiweg Assia betreten, solange wir die Menschen nicht stören. Ich wüsste nicht, warum es mir verboten ist, mal einen Spaziergang zu machen. Dem Stress bei uns entfliehen, du verstehst ...“
Da riss ihm Virel an seinen dunklen Haaren und brüllte: „Verkaufe mich nicht für dumm! Im Himmel magst du ja ein unscheinbares Licht gewesen sein, aber ich weiß, du bist jetzt ein Höllengeneral! Und der macht keine kleinen Spaziergänge! Wir sind hier, um deinem Treiben ein Ende zu setzen, du Seelenfänger!“
Deacon bemühte sich, keinen Schmerz oder sonst etwas von seinem Gefühl zu zeigen. Schweigend hielt er dem zornigen Blick des Engels stand, bis der seine Haare losließ.
Von ihm zurücktretend, verkündete Virel zufrieden: „Die Anklage lautet Mord an siebenundzwanzig Menschen. Allein dieses Jahr. Insgesamt steht deine Sündenopferzahl bei mehr als vierhundert. Du hast die Seelen deiner Opfer noch vor ihrer Zeit gestohlen und damit das Handelsabkommen mit Hades gebrochen! Und du bürgst für Todgeweihte, dass diese als Dämonen auferstehen! Auch ein Gesetzesbruch! Gib es zu, du sammelst Seelen für den Höllenkaiser wie dessen Armee, und ich werde es beweisen!“
So ein Schwachsinn, schoss es Deacon durch den Kopf und er rollte mit den Augen.
Virel registrierte dies zähneknirschend, doch fuhr er weiter fort: „Du pfuschst an Gottes Werk herum und wie dein Herr schlängelst du dich durch die Lücken im Kodex. Wie kannst du es wagen, den Richter über Leben und Tod zu spielen?“
Deacon stöhnte trotzig auf. „Hallo?! Ich bin ein Gefallener! Soll ich tiefer sinken? Was geht mich Gottes Werk an? Mein König ist an anderer Stelle und ich mach meine Arbeit – die, mal nebenbei gesagt, absolut nichts mit deinen verrückten Verschwörungen zu tun hat!“
„Offensichtlich bist du kein Engel mehr“, wertete Virel ihn ab. „Gefallen oder nicht hat hierbei allerdings nichts zu bedeuten. Der Hohe Rat hat beschlossen, dass du dich für deine Taten verantworten sollst. Deine Aussage soll vor Gericht bestehen.“
Das ist ja wohl ein schlechter Witz.
„Ich soll vor Gericht gebracht werden? Von wem?“
Virel zog sein Schwert aus der Scheide. Anders als die der Soldaten, bestand die Klinge aus weißem, teils klarem Kristall und die goldenen Lettern identifizierten es als Waffe des Gardeführers.
Eine gefährliche Schneide – für jeden, der der anderen Seite angehörte.
„Wir werden dir gern die Richtung weisen, Heat. Solltest du dich weigern und zur Wehr setzen, sind uns alle Mittel recht, dich in unserer Gewalt festzuhalten. Mach es dir also besser nicht unnötig schwer. Vor der Strafe Gottes kannst du eh nicht fliehen.“
