Die Tage der Bluegrass-Liebe - Edward van de Vendel - E-Book

Die Tage der Bluegrass-Liebe E-Book

Edward van de Vendel

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Beschreibung

Eine wunderbare schwule Liebesgeschichte! Perfekt zum Pride Month!  Ein Feriencamp in den USA. Tycho und Oliver, die dort den Sommer über jobben, verstehen sich von Anfang an besonders gut. Sie können wunderbar miteinander reden und lachen. Doch dann merkt Tycho, dass er mehr für Oliver empfindet als bloße Freundschaft. Es kommt ihm vor, als könnte er explodieren vor Glück. Und nach der ersten Unsicherheit fühlt er sich zusammen mit Oliver stark, fast unbesiegbar. Daran kann auch der Rauswurf aus dem Camp nichts ändern, denn jetzt fangen die richtigen Ferien doch erst an: zwei Wochen allein mit Oliver ... Mitreißend erzählte Coming Out-Geschichte! Mit überarbeitetem Inhalt und neuem Cover!

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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EDWARD VAN DE VENDEL – DIE TAGE DER BLUEGRASS-LIEBE

Die Tage der Bluegrass-Liebe

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf

Ein Feriencamp in den USA. Tycho und Oliver, die dort den Sommer über jobben, verstehen sich von Anfang an besonders gut. Sie können wunderbar miteinander reden und lachen. Doch dann merkt Tycho, dass er mehr für Oliver empfindet als bloße Freundschaft. Es kommt ihm vor, als könnte er explodieren vor Glück. Und nach der ersten Unsicherheit fühlt er sich zusammen mit Oliver stark, fast unbesiegbar. Daran kann auch der Rauswurf aus dem Camp nichts ändern, denn jetzt fangen die richtigen Ferien doch erst an: zwei Wochen allein mit Oliver ...

Mitreißend erzählte Coming Out-Geschichte!

WOHIN SOLL ES GEHEN?

  Buch lesen

  Vita

 

Für Davy-Robbert und Bart-Jan

 

»We’re good friends and it’s good to be … you know … good friends. That’s a good thing …«

River Phoenix, in My Own Private Idaho

ERSTE HALBZEIT

Tycho saß das erste Mal in einem Flugzeug – aber live und sozusagen hautnah hatte er schon eine Mondlandung erlebt.

Bei dem Ferienjob, mit dem er sich sein Ticket verdient hatte, hatte er Nina kennengelernt. Nina hatte ihn nach dem ersten Tag beim Obstbauern zu sich nach Hause und auf ihr Zimmer gelotst. Da saßen sie auf ihrem Bett: Nina lachte, Tycho redete und redete, und dann hatte sie einfach angefangen, mit den Knöpfen an seinem Hemd zu spielen. Sie langsam zu lösen, von oben nach unten – als würde sie rückwärts bis null zählen, Blütenblätter von stummen Blumen zupfen …

Stoff, der ihm von den Schultern glitt. Tychos Hemd fiel willenlos auf den Boden. Nina fasste den Saum von Tychos T-Shirt und streifte es hoch. »Hilfe!«, sagte er und hob die Arme. Nina kicherte – und zog ihr Top aus. Sie sanken auf das Bett, Bauch an Bauch. Sie lagen und atmeten, und Nina schob seine Hände um den Verschluss ihres BHs. Er fummelte. Sie küsste ihn. Dann hob sie den Oberkörper, damit er den BH zwischen ihnen hervorziehen konnte. Ihre Brüste berührten seine Haut. Zum ersten Mal spürte er diesen doppelten Druck auf seinem Körper. Samtpfötchen, die behutsam auszufahren schienen wie die Füße eines Landegestells. 1969, dachte Tycho. Armstrong, Neil. First man on the moon …

Als er an diesem Abend nach Hause radelte, war die Nacht nicht einfach blau, sondern von einem warmen Weiß. Wie Haut.

Ja, der Mond schimmerte in einem Licht so warm wie Ninas Haut.

Tycho lebte schon seit Jahren in seinem Kokon. Die Tage öffneten und schlossen sich wie seine Schulmappe. Er war der gesichtslose Schüler aus der Oberstufe, der Sohn, in dem seine Eltern jeweils die Hälfte ihres Charakters wiedererkannten. Zweimal am Tag warf er einen Blick in den Spiegel, einmal morgens und einmal abends, und in der Zeit dazwischen dachte er nicht an sich.

Bis kurz vorm Abitur. Auf einmal wollten alle von ihm wissen, was er studieren werde. Was er werden wolle. Ob er sich ein Zimmer in der Stadt suchen würde. Eine Zeit lang antwortete er: »Keine Ahnung«, aber eines Nachmittags hatte er sich an den Küchentisch gesetzt und vierzig Mal seinen Namen in seinen Kalender geschrieben. Tycho Zeling. Tycho Zeling. Tycho Zeling.

Danach war er ins Badezimmer gerannt, um sein Spiegelbild zu betrachten. Und stellte fest, wie seine Augen erschraken. Er fand seine Nase zu klein, seine Lippen zu voll und sein kurzes Blondhaar so leidenschaftslos, als habe jemand es zufällig auf seinem Kopf hinterlassen. Er beschloss, sich einen stärkeren Shaper zuzulegen, in den Ferien nach Amerika zu fahren und dann ein Jahr lang nicht an die Schule zu denken.

Seine Eltern sagten »Wie bitte?« und »Ach!« und nickten vorsichtig.

Im Spiegel der Flughafentoiletten kontrollierte er, ob seine Haare auch munter genug verstrubbelt waren. So war es gut: Sie sollten nach allen Seiten hin abstehen und seiner Denkerstirn den Weg in sämtliche Winkel der Welt zeigen. Er fuhr noch einmal mit der Hand durch und ging aufs Klo.

Männer sind Jäger, dachte er, sonst hätten sie hier in den Schüsseln nicht diese Fliegen abgebildet. Zielen als Urinstinkt, was für ein altmodisches Konzept.

Aber Nina hatte er nicht gejagt. Mit ihr war alles wie von selbst gegangen. Das hatte ihm gefallen. Und Nina gefielen seine Augen, so blau und erwartungsvoll. Sie hatte sie mit ihrem Laserblick eingefangen – vom ersten Händedruck an, den sie wechselten, bis hin zu ihrem Gefummel. Das war eine ganz andere Waffe: fortschrittlicher, raffinierter, vielleicht auch gefährlicher als die seine, die des Mannes. Ja, dachte Tycho. Ich, der Mann.

Er stellte sich vor ein Waschbecken und betrachtete sich. Die Tür ging auf. Schnell ließ Tycho das Wasser laufen – Hände waschen. Sein Blick huschte über den Spiegel. Ein Junge kam herein, ungefähr so groß und so alt wie er selbst. Dunkles, fast schwarzes Haar, dazu dunkle Augenbrauen, und freundliche Augen. Er trug ein knallblaues T-Shirt und eine skinny Jeans. Tycho machte den Wasserhahn zu, drehte sich um und hob die Hände zum Handtuchhalter. Der Junge folgte seiner Bewegung und sagte: »Hello. You must be Tyko.«

Pflaumen werden im Sommer ausgedünnt. Da sind sie noch klein und hart und hängen in kleinen Trauben zusammen. Man schleppt eine Leiter hinaus in den Obstgarten, lehnt sie an den ersten Baum und klettert hinauf. Man schließt die Finger um eine Traube und zieht etwas daran: vier, fünf Pflaumen lösen sich und fallen ab. Prasseln auf den Boden. Man klettert etwas höher in den Baum. Man greift eine Hand voll nach der anderen. Man umklammert die Äste mit den Beinen, um auch die entfernten Trauben zu erreichen.

Nina ist auch da. Du kennst sie nicht. Der Chef sagt: »Ich verlasse mich darauf, dass ihr beide mir keinen Ast auslasst.« Er zwinkert dir zu, Nina klettert in den linken Baum, du in den rechten. Du siehst sie nicht, du siehst nichts als Blätter, aber die Zweige eurer Bäume sind ineinander verhakt. Ihr redet und redet. Die Sonne scheint, ein Lüftchen geht, trotzdem bleibt es schwül.

Ihr arbeitet auch abends, denn dann verdient man mehr. Es wird schon dunkel, und ihr redet immer noch. Über alles Mögliche. Die Schule. Die Ferien. Über Freundschaft. Über Sex. Ihr traut euch. Es ist, als würde ein Wort das andere nach sich ziehen. Als würde man von den eigenen Worten verführt. Der Reißverschluss deiner Hose scheuert über den Stamm. Zweige auf deiner Haut. Heuschnupfen im Bauch.

Dann sagt Nina: »Kommst du mit? Meine Eltern sind nicht zu Hause.«

Er hatte längst wissen wollen, wie es ist. In der Schule mochten manche von nichts anderem mehr reden, aber aus irgendeinem Grund hatte er lieber das Thema gewechselt, anstatt ihnen zuzuhören. Eine Zeit lang redete er sich ein, Sex sei so was wie Fahrstunden – etwas für die Zukunft, wenn man achtzehn war oder älter. Später fand er es einfach unvorstellbar. Er sah sich einfach nicht mit leuchtenden Augen auf ein Mädchen zugehen und etwas zu ihr sagen.

Aber Nina hatte ihn bei der Hand genommen. Ein ungekannter Stolz verbarg sich in den Tritten, die er seinen Pedalen versetzte, als er in dieser Nacht nach Hause radelte. Er kam sich vor wie ein weiser Greis und zugleich wie ein junger Ritter. Ich bin im Bilde, dachte er. Ich weiß, wovon sie reden.

Als er nach Hause kam, lag ein Zettel von seiner Mutter auf seinem Kopfkissen. Du bist spät, macht nichts. Gute Nacht. Mama.

Er warf seine Kleidung über den Schreibtischstuhl, schlug seine Bettdecke auf und hörte sein Handy in der Hose vibrieren. Es war Nina. Er nahm das Gespräch an.

»Wie war die Fahrt nach Hause?«

»Die Fahrt? Ja, gut.«

»Ich wollte nur noch mal deine Stimme hören.«

»Hm.«

»Und ich wollte dir sagen, dass es etwas ganz Besonderes war, heute Abend.«

»Fand ich auch.«

»Wie fühlst du dich?«

»Gut. Etwas müde.«

»Ich auch. Ich liege hier und denke an dich.«

»Ja. Lieb von dir.«

»Und du, liegst du schon?«

»Ja.«

»Na denn …«

Tycho gähnte, er konnte es nicht verhindern. »Ich denke, ich werde jetzt schlafen. Gute Nacht, ja? Und äh … danke schön.«

»Ach, okay, Tycho. Ja, ich auch. Also dann gute Nacht.«

Seine Eltern machten zum soundsovielten Mal Urlaub in Southampton. »Nein«, hatte er gesagt, »ich komme nicht mit.« Er wollte nach Amerika. Er suchte im Internet, schickte eine Mail zur Website eines internationalen Kinderlagers, wurde ausgesucht und erhielt einen Brief aus Knoxville, Tennessee: »Dear Tycho, welcome to our Little World Organization. It’s gonna be great!«

Oliver Kjelsberg aus Gjøvik in Norwegen hatte auch so einen Brief bekommen. Er hatte sich Tychos Namen gemerkt und ihn an dem Logo auf seinem T-Shirt erkannt. Jetzt saßen sie nebeneinander auf zwei Flughafenstühlen und Oliver sprach Englisch mit einem witzigen Akzent. Seine Sätze waren kurze Melodien, knapp und klar, und als er vom Fußballspielen anfing, ergänzte er seine Worte durch Gesten. Er ließ seine Finger Kreise und Kurven beschreiben. Für einen zufällig Vorbeikommenden hätte es Luftmathematik sein können, doch Oliver versuchte Tycho zu erklären, dass Fußball eine Form der abstrakten Kunst sei.

»It’s the lines, you know? Die Linien. Schau – hier läuft Frank de Boer.«

Er schlug mit der Faust auf den Tisch.

Zack, da stand er. Frank de Boer.

»Hier stehen die anderen.«

Zack, zack, zack, und schon hatte er eine halbe Elf zusammen.

»Und dann ist hier – an empty line.«

Sein Zeigefinger beschrieb eine Kurve zwischen drei, vier gegnerischen Spielern.

»Eine Gasse, siehst du? Am Ende steht zwar noch keiner, aber Frank de Boer weiß, dass Jari Litmanen in einer oder zwei Sekunden dort sein wird. Jari Litmanen sprintet auf das imaginäre Ende der Gasse zu und kommt gerade rechtzeitig, um den Ball entgegenzunehmen. Siehst du?«

Tycho sah es, aber über den Tisch liefen noch mehr Spieler.

»Das ist Laudrup, kennst du den? Er rennt nach vorn und kickt derweil fünf, sechs, sieben Mal den Ball an seinem Fuß mit sich fort. Dann gibt er ab und da – genau hier, siehst du? – steht dann die Sturmspitze. Oder der da. Oder der hier.«

Tycho betrachtete Oliver. Dessen Augen glänzten. Seine Finger spreizten sich, als halte er mit beiden Händen einen Fußballpokal. »Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich hier bin. In der Stadt von Ajax Amsterdam! Ich bin Fan von Barcelona, aber auch von Ajax.«

»Ich weiß fast nichts über Fußball«, sagte Tycho. »Aber wenn du mich nach dem Feriencamp besuchen kommst«, sagte Tycho, »dann zeige ich dir die Stadt. Und das Stadion.«

»Abgemacht!«, sagte Oliver und streckte ihm seine Hand hin. Tychos Fingerspitzen berührten sie, und Oliver sah ihn an. Augen, die glänzten wie Bälle auf einem nassen Rasen.

Das merkwürdigste und eindringlichste Gefühl, das er in den Wochen vor seine Abreise gekannt hatte, war das, eingenommen worden zu sein. Wie ein Dorf in Kriegszeiten. Nina hatte sich zu ihm geschlagen: ein Tandemgefühl, so als würde unaufhörlich jemand in seinem Rücken mitradeln.

In den Tagen nach ihrem ersten nächtlichen Telefonat hatte sie ihm eine Flut von Nachrichten geschickt. »Ruf doch mal an.« Oder sie tat es selbst. Beim Essen, wenn er bei seiner Großmutter war, und einmal sogar, als er auf der Toilette saß. Dann redete sie sofort drauflos. Dass sie so verliebt sei. Wie stolz sie sei, dass er sie liebe. Dass sie ihn schön finde. Und sich selbst auch. Dass sie immer an ihn denke. Dass sie es ihrer Familie erzählt habe. Dass auch die dümmsten Liebeslieder ausnahmslos super seien und ausnahmslos wahr. Dass sie ihn öfter sehen wolle. Ob sie zu ihm kommen könne.

In Tycho wuchs das Bedürfnis, in die Bremsen zu treten, doch Nina hörte nicht auf. Währenddessen wirbelten bei Tycho alle Gefühle durcheinander: Stolz und Aufgeregtheit und Distanz, Heiterkeit und Interesse, Mitleid, Irritation, Wut und Verwunderung und Beengtheit. Und das alles drehte sich in seinem Kopf wie ein Glücksrad. Als es endlich, nachdem er seinen Entschluss gefasst hatte, zum Stehen kam, empfand er nur noch Erleichterung, unendliche Erleichterung.

Er bestellte sie zu sich. Wieder ein Abend, wieder ein Zimmer, seines diesmal. Und gleich nachdem sie sich gesetzt hatte, hatte er mit ihr Schluss gemacht. Es war ihm nicht leichtgefallen, aber die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus.

Sie weinte. Er holte Taschentücher. Sie ging.

Als sie auf ihr Rad stieg, sagte sie: »Arschloch, hättest du mir das nicht einfach am Telefon sagen können?«

Tycho wusste nicht, was er antworten sollte. Er verstand ihre Wut und hatte ebenfalls das Gefühl, dass etwas misslungen war, etwas, das schöner hätte ausgehen können, aber gleichzeitig war er so ungemein erleichtert.

»Wer war das?«, fragte seine Mutter. »Hattest du Besuch?«

»Niemand«, sagte er, »niemand!«, und nahm drei, vier Treppenstufen auf einmal – hinauf in sein kleines Zimmer.

Sie gingen durch einen Schlauch zu ihrem Flugzeug und wurden gleich von mehreren Stewardessen in Empfang genommen. Während Tycho zuerst nur ihr Lächeln sah und seinen Sitzplatz suchte, hörte er Oliver hinter sich sagen: »Hello, ist das Flugzeug voll? Glauben sie, ich kann neben meinem Freund sitzen?«

Eine der Stewardessen meinte lächelnd: »Mal sehen, was sich machen lässt.« Oliver lächelte zurück, und im Nu waren wohlwollende Leute ihretwegen aufgestanden, woraufhin sie ihre Taschen in die Gepäckfächer schoben und Platz nahmen. Nebeneinander.

»So. Einverstanden?«, grinste Oliver.

Tycho dachte, er meine die Plätze, doch Oliver streckte noch einmal seine Hand aus und sagte: »Friends?«

Tycho ergriff sie und erwiderte: »Of course.« Eine Röte schoss ihm ins Gesicht, denn das hatte er zu schnell gesagt, aber Oliver grinste bloß wieder. Wie ein Mannschaftskapitän, der vor dem Spiel seinen Arm um die Schulter des Gegners legt.

»Ein Jahr lang nichts«, sagte Tycho. »Jobben. Oder was anderes. Und danach studieren. Niederländisch vielleicht.«

»Physiotherapie«, sagte Oliver. »Wenn ich einen Platz bekomme. Zum Profifußballer bin ich zu alt. Dafür hätte ich schon entdeckt werden müssen.«

»Hättest du das denn gern gewollt?«

»Weiß nicht. Manchmal unheimlich gern. Aber ich habe ein großes Turnier für diese Little World sausen lassen. Ich hatte keine Lust, erst drei Wochen lang allein zu Hause rumzusitzen, während meine Mutter auf Safari ist und mein Vater sich in Spanien grillen lässt.«

Die Stewardessen verteilten sich auf die Gänge zwischen den Sitzreihen und zeigten von dort aus mehr oder weniger synchron auf die Notausgänge, gefolgt von einer Nummer mit Schwimmwesten.

»Sieh mal«, sagte Tycho zu Oliver, »Ballett.«

»Shut up«, sagte Oliver. »Es geht los!«

Langsam wie ein Taxi rollte das Flugzeug zur Startbahn vor.

Die Hitliste der Leute, mit denen Tycho am leichtesten Kontakte knüpfte, wurde angeführt von Frauen zwischen dreißig und vierzig. Gefolgt von kleinen Kindern. Danach kamen Mädchen und alte Leute und später, sehr viel später erst die Jungen.

Mit Abstand an letzter Stelle standen erwachsene Männer. Das war schon von klein auf so gewesen. Wenn er früher zu jemandem aus seiner Klasse zum Spielen ging, fragte er die Mütter nach ihrer Arbeit, und meistens bekam er Süßigkeiten und Komplimente. Den Vätern versuchte er auszuweichen.

Natürlich war das später einfacher geworden. Jetzt stand er in der Pause durchaus mit den Jungs im Fahrradunterstand, und doch war er einer der wenigen, die oft auch auf der Treppe vor der Schule zu finden waren. Dort mischten sich die Geschlechter, aber die Mädchen bildeten bei Weitem die Mehrheit. Sie redeten über seine Kleidung oder das, was er mit seinen Haaren angestellt hatte. Im Gegenzug legte er manchmal den Arm um eine von ihnen. Dann kitzelten ihre langen Haare auf seiner nackten Haut.

Nur dieser norwegische Junge, dieser Oliver, schien sich jeder dieser Kategorien zu entziehen. Und wenn das Entstehen einer starken Freundschaft Zeit und Raum braucht, dann reichten Oliver und Tycho ein paar Kilometer Höhe sowie sechseinhalb bis sieben Stunden aus: Als sie in Atlanta umsteigen mussten, rannten sie nebeneinanderher zur U-Bahn, als wären sie schon ein Leben lang zusammen durch die Welt gereist.

Die Little World Organization hatte ihren Ursprung in den rosigen Träumen einer lieben alten Dame. Sie träumte von Kindern aus aller Herren Länder, die vor Glück strahlten und nur noch ans Spielen dachten. Die, wenn sie erwachsen und Minister, Botschafterin oder Militärangehöriger sein würden, ihre tägliche Arbeit ab und an unterbrachen, um an ihre internationalen Freundinnen und Freunde von damals zu denken. Und an den Frieden. Das in etwa war ihr Traum gewesen, im Hintergrund vielleicht noch ergänzt um ein neugeborenes Lämmchen und wilde Wölfe, denen man ums Maul streicheln konnte.

Eines Tages hatte die umtriebige alte Dame ihre Organisation namens Little World gegründet. Anfangs waren es nur einige wenige Begeisterte gewesen, doch mittlerweile gab es Ableger in vielen Ländern. Jeden Sommer fanden weltweit zwischen vierzig und fünfzig LWO-Feriencamps statt. Jedes Lager umfasste zehn internationale Abordnungen, bestehend aus zwei Jungen und zwei Mädchen von jeweils zehn Jahren in Begleitung eines Leiters beziehungsweise einer Leiterin.

Hinzu kamen der staff – drei Leute aus dem Gastgeberland, die das Ganze organisierten – sowie als Gehilfen vier um die achtzehn Jahre alte junior assistants: Tycho, Oliver und noch zwei unbekannte Mädchen aus den Vereinigten Staaten.

Sie alle sollten einen Monat lang zusammen ihre Ferien verbringen. Eine Welt im Kleinen sein, in der alles gut war, in der jeder und jede okay war und in der sie eine Freundschaft vorfanden, die alle Grenzen überschritt.

Sie hörten Lachen und Gesang. Und als die Türen mit einem leisen Summen aufschwebten – die Türen zur Ankunftshalle, die Türen zu ihrer Little World –, erblickten sie eine große Gesellschaft, die Aufstellung genommen hatte und Tycho an die königliche Familie auf dem Balkon ihres Schlosses erinnerte. Tatsächlich winkten einige sogar.