Die Theologie von Anselm Grün - Eugen Schmid - E-Book

Die Theologie von Anselm Grün E-Book

Eugen Schmid

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Beschreibung

Der Benediktinermönch Anselm Grün hat in 20 Jahren rund 300 Bücher geschrieben, die in einer Gesamtauflage von über 14 Millionen Büchern weltweit verkauft wurden. Zunehmend finden sie in christlichen Kreisen Verbreitung und Anerkennung. Woher kommt das rege Interesse an Grüns Publikationen? Der moderne Mensch, der auf Konsum und Leistung getrimmt ist, sucht nach einem Sinn im Leben. Und den liefert Grün. Sein spirituelles Lebensberatungskonzept verspricht dem modernen Menschen Autonomie und Freiheit. Das konservative Christentum mit einem persönlichen Gott, einer Ethik und Lehre, ist für Grün ein hinderliches Korsett. Seiner Ansicht nach biete jede Religion spirituelle Wege, die der Mensch gehen könne, um sich für Gott und seinen Geist zu öffnen. So müsse eine göttliche Energie aus dem inneren Kern des Menschen gehoben und entwickelt werden. Dieses Denken soll den Menschen letztendlich in ein gelingendes Leben führen. Eugen Schmid M.A. analysiert in seinem Buch Grüns Interpretation der Bibel und sein Denken zu Begriffen wie Wahrheit, Sünde, Vergebung, Demut und Feindesliebe. Schmid durchdringt die Botschaft des spirituellen Beraters Grün in einer Weise, die auch für Nichttheologen verständlich ist.

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Eugen Schmid

Die Theologie von Anselm Grün –zwischen

Psychologie und Spiritualität

Eugen Schmid

Die Theologie von Anselm Grün –

zwischen Psychologie und Spiritualität

1. Auflage 2014

© Lichtzeichen Verlag, Lage

Titelfoto: fotolia.com, fusolino

ISBN der Printausgabe: 978-3-86954-145-7

Bestell-Nr. der Printausgabe: 548145

ISBN des E-Books: 978-3-86954-905-7

Bestell-Nr. des E-Books: 548905

E-Book Erstellung:LICHTZEICHEN Medienwww.lichtzeichen-medien.com

Inhalt

Einführung

1.    Gegensätze integrieren

1.1.  Polaritäten

1.2.  Die Psychologie von C. G. Jung

1.3.  Harmonie

1.4.  Ganzheit

1.5.  Biblische Bewertung

2.    Gibt es eine Ethik?

2.1.  Ethik oder Freiheit?

2.2.  Barmherzigkeit

3.    Die Frage des Bösen

3.1.  Kampf oder Versuchung?

3.2.  Aggression

3.3.  Lebensenergie

4.    Ist der Mensch göttlich?

4.1.  Liebe

4.2.  Himmel

4.3.  Person oder göttliches Sein?

5.    Spirituelle Körperlichkeit

6.    Tiefenpsychologische Bibelinterpretation

7.    Deutung christlicher Begriffe: Demut, Feindesliebe und Vergebung

7.1.  Demut

7.2.  Feindesliebe

7.3.  Vergebung

8.    Die Interpretation von Erlösung

8.1.  Erlösung durch die Menschwerdung Gottes

8.2.  Erlösung durch Jesu Weg

8.3.  Erlösung durch Jesu Lehre

8.4.  Erlösung durch Jesu Handeln

9.    Christentum, Spiritualität und Psychologie – Ein Resümee

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Einführung

Dieses Buch stellt die Theologie, Spiritualität und Psychologie in den Werken von Anselm Grün, dar. Doch um dafür einen Rahmen zugeben, beginnen wir zuerst mit einem biographischen Überblick, in dem auch ein Einblick in seine Denkvoraussetzungen gegeben wird.

Dr. Anselm Grün, Benediktinermönch, geboren am 14. Januar 1945 in Junkershausen und in der Nähe von München aufgewachsen, ist Mitglied des Benediktinerordens und einer der bekanntesten Ordensleute im deutschsprachigen Raum. Er legte 1964 sein Abitur am Riemenschneider-Gymnasium in Würzburg ab und trat noch im selben Jahr ins Noviziat an der nahe gelegenen Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach ein. Von 1965-1971 studierte er Philosophie und Theologie in St. Ottilien und an der benediktinischen Hochschule Sant’ Anselmo in Rom, von 1974-1976 Betriebswirtschaftlehre in Nürnberg. Als Klosterverwalter (Cellerar) lenkte er 36 Jahre lang die wirtschaftlichen Belange des Klosters Münsterschwarzach. Er leitet auch eine Einrichtung, in der Geistliche eine Hilfe und seelisch-psychologische Betreuung bekommen.

Anselm Grün ist ein Star auf dem religiösen Büchermarkt. Bis heute hat er 300 Bücher veröffentlicht mit einer Gesamtauflage von 14 Millionen und Übersetzungen in 18 Sprachen. Allein das im Jahr 1997 veröffentlichte Buch 50 Engel für das Jahr1 wurde bis 2010 in 36 Auflagen verkauft. Das ganze Jahr hindurch hält er Vorträge. In Lateinamerika sprach er schon vor 20.000 Menschen. Auch in Deutschland sind die Kirchen bei seinen Auftritten gut besucht.

Welche Botschaft hat Anselm Grün? Warum kommt sein Denken bei evangelischen, katholischen und sogar freikirchlichen Christen so gut an? Was fasziniert auch esoterisch ausgerichtete Menschen an seiner Botschaft? Wie analysiert Grün christliches und religiöses Leben? Welche Probleme zeigt er auf? Welche Problemlösungen bietet er an? Welche Antworten hat er auf die Entfremdungen des modernen Lebens?

Heute kann allgemein beobachtet werden, dass der Mensch von der Kirche, der Gesellschaft und letztlich auch von sich selbst zu sehr in Anspruch genommen wird. Die Menschen überfordern sich und Stress ist die Folge. Tatsächlich, so scheint es, ist es kaum möglich, den Anforderungen des modernen Lebens zu genügen. Ein zufriedenes und sinnvolles Leben kann heute nur schwerlich geführt werden.

Christen sind häufig durch mannigfache Aufgaben in ihren Gemeinden und Familien überlastet. Unzufriedenheit und der Verlust an Lebensfreude sind die Folge. Im schlimmsten Fall führt das zum Rückzug aus den Gemeinschaften und in die Isolation.

Dies alles geschieht paradoxerweise in einer „Wohlfühlgesellschaft“. Die Menschen erwarten vom Leben nicht nur Ausgeglichenheit, sondern gar Glück. Aufgrund dieses Widerspruchs werden Probleme nicht angepackt, sondern beiseite geschoben. Dabei stehen die Ansprüche überall im Raum: in der Herkunftsfamilie, in der Ehe, in den Partnerschaften und in den Gemeinden. Brechen die Widersprüche aber auf, sind die anderen schuld. Die Folge von allem: Das Leben wird ganz unübersichtlich und kompliziert.

Grüns Antwort lautet daher: einfacher leben. Auf den Punkt gebracht schlägt Grün vor: Man soll die Ansprüche an andere Menschen, die „Außenwelt“ reduzieren und sich auf seine eigenen Bedürfnisse konzentrieren. Das Leben sollte wieder einfacher und überschaubarer werden. Es gelte jetzt zu lernen, zu sich selbst zu stehen und auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten.

In einer Ankündigung zu einem Vortrag formuliert Grün pointiert:

Einfach leben: das ist mehr als Zeitmanagement. Es heißt: bewusster und achtsamer sein – und den Reichtum des Lebens entdecken. Das Leben nicht nur ‚meistern’ und bewältigen, sondern dem Leben Raum geben. Einfach leben meint: nicht nur seine Arbeit gut organisieren, sondern das, was wir tun, mit Sinn füllen. Aus guten Quellen schöpfen und positive Energien freimachen.2

Hier wird deutlich: Der Mensch soll aufatmen können und wieder lernen, sich Raum zu geben. Zur Ruhe zu kommen, ist die große Verheißung für den von Terminen gejagten Menschen. Sich fallen lassen, auf sich selber zu schauen und zur Besinnung zu kommen - danach sehnen sich die heutigen Menschen und das sind die Themen von Anselm Grün.

Anselm Grüns Bücher sind vor allem deshalb attraktiv, weil sie lebenspraktisch sind. Es geht ihm zunächst nicht um christliche Belehrung, erst recht nicht um eine traditionelle christliche Lehre. Insofern steht die Erfahrung im Mittelpunkt, in der es auf das konkrete Erlebnis einer spirituellen Erfahrung ankommt.

Zeigt sich in Grüns Denken ein postmodernes Christentum? Ohne die neue Zeitströmung der „Postmoderne“3 zu verstehen, kann auch Grüns Werk in seiner fundamentalen Aussage nicht verstanden werden. Deshalb sollen hierzu einige Bemerkungen gemacht werden. Heute leben wir in der Postmoderne, wir haben die Moderne hinter uns gelassen.

Die Moderne war dadurch gekennzeichnet, dass auf Fragen klare und eindeutige Antworten gegeben werden konnten. Von einem eindeutigen Wahrheitsbegriff wurde ausgegangen. Doch je weiter die Wissenschaften voranschritten, desto komplexer wurden die Erkenntnisse und desto weniger eindeutig waren auch ihre Ergebnisse. So verfiel langsam der alte Wahrheitsbegriff und stattdessen kam das Postulat auf, alles sei schon wahr, allein schon weil es sei. Viele Teilwahrheiten entstanden, die zusammengesetzt die ganze Wahrheit bilden sollen.

Dieser Wahrheitsbegriff fand Eingang in die Geisteswissenschaften und beeinflusste auch die Theologie. Ein neues Fach wurde in der Theologie geschaffen: die Religionswissenschaft. Die verschiedenen Religionen werden mit dem Christentum verglichen. Gemeinsamkeiten und Unterschiede werden herausgearbeitet, wobei die Betonung auf den Gemeinsamkeiten liegt. Würde es weiterhin nur eine Wahrheit, nur eine Religion als die wahre Religion geben? Nein! Man begann in einzelnen Religionen nur Teilwahrheiten einer umfassenden Wahrheit zu sehen.

Wie hat sich die christliche Theologie in diesem neuen postmodernen Zeitgeist positioniert? Theologen bemühten sich, den modernen, absoluten Wahrheitsbegriff zu öffnen. In der katholischen Kirche ist dies im Zweiten Vatikanischen Konzil (1961-1965) unter dem Einfluss Karl Rahners und Hans Küngs geschehen. Die evangelische Kirche vollzog diese Öffnung mittels der liberalen Theologie.

In diesem Prozess war es auch nicht mehr möglich, an historischen Wahrheiten festzuhalten. Die Bibel wurde nach historisch-kritischer Methode interpretiert, an historischen und lehrmäßigen Aussagen wurde vermehrt Kritik geübt. Unerschütterliche Wahrheit war nicht mehr gefragt. Schon mit dem Aufkommen der Evolutionstheorie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Schöpfungstheologie ins Wanken geraten.

Was bisher als Realität galt, konnte nun nicht mehr wahr bleiben. Christliche Wahrheiten gerieten auf eine abschüssige Bahn, der Glaube musste neu definiert werden. An die Stelle der Suche nach Erkenntnis in der Heiligen Schrift trat die Suche nach spiritueller Erfahrung. Aus dieser ungebundenen Erfahrung heraus erwuchs ein „neues Evangelium“.

Der Begriff der Sünde ist nun heiß umkämpft, denn er ist der Inbegriff des traditionellen Christentums. Aus der personalen Beziehung zwischen Gott und dem Menschen und zwischen den Menschen erwächst die Verantwortung, aber auch die Verfehlung dieser Verantwortung. Der autonom lebende Mensch möchte sein Leben unabhängig von Gott bestimmen. Die Sünde resultiert aus verfehlter Verantwortlichkeit vor einer moralisch maßgeblichen Instanz. Dieses absolute Gegenüber kann die Postmoderne nicht mehr akzeptieren.

Damit wird jedoch die Substanz des Christentums angegriffen, denn wenn die Schuld nicht mehr wahrgenommen wird, steht das gesamte Christentum in Frage. Um es dennoch in die Postmoderne zu retten, muss es uminterpretiert werden. Und diese Neuinterpretation leistet Anselm Grün gründlich. Dieser neuen Interpretation geht diese Arbeit nach.

So bekommen bei Grün neben dem Begriff der Erlösung auch andere zentrale Begriffe des Evangeliums wie Liebe, Sünde, Vergebung und Schuld eine neue Bedeutung. Diese neuen Interpretationen entwickelt er beispielsweise in seinen Büchern Erlösung, Tiefenpsychologische Bibelauslegung und Zerrissenheit. Allen Büchern Grüns liegen neue und „transformierte“ weltanschauliche und theologische Denkmuster zugrunde.

Die Aussagen der Bibel werden von ihm samt und sonders auf den Menschen bezogen und somit psychologisch interpretiert. Er psychologisiert die christliche Botschaft und führt das Evangelium von der biblischen Erlösung hin zur Psychotherapie.

Anselm Grün ist einer der einflussreichsten Autoren in der religiösen Szene. Als Benediktinermönch liegen seine Wurzeln zwar im katholischen Glauben, doch schon während seiner Ausbildung und im Kloster suchte er nach weiteren spirituellen Quellen. In der 68er-Bewegung wurden in der Gesellschaft neue Antworten gesucht und gegeben. Grün nahm sich nicht zuletzt vor diesem Hintergrund vor, dem drohenden Zerfall des christlichen Ordenslebens entgegenzuwirken. Das Kloster Münsterschwarzach wurde in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts von einer breiten Austrittswelle erfasst.

Mit einer Gruppe gleichgesinnter Glaubensbrüder entdeckte er Graf Dürckheim und dessen Gemeinschaft in Todtmoos-Rütte (Schwarzwald), der eine für ihre Zwecke interessante Spiritualität anzubieten hatte. Dessen Spiritualität verbindet Elemente des Zen-Buddhismus, der Tiefenpsychologie C. G. Jungs und des Christentums. Meditation, asiatische Kampfkunstarten, Körper- und Kunsttherapie wurden von Dürckheim als Methoden eingeführt. Der Mensch wird auf einen psychologisch-spirituellen Weg geführt.

Im Laufe der Zeit wurden C. G. Jung und auch Karl Rahner wichtige Autoritäten für Grün. Jungs 20-bändiges Gesamtwerk hat Grün nicht nur gelesen, sondern „regelrecht verschlungen“, wie er einmal bekannte. Doch auch die Existenzphilosophie von Sartre bis Heidegger beschäftigte ihn. Neben den alten Kirchenvätern fand er auch Anregungen bei Hans Küng sowie den evangelischen Theologen Gerhard Ebeling, Jürgen Moltmann und Wolfhart Pannenberg. Teilhard de Chardin ermutigte ihn im Geist der Avantgarde.

Seine Lizentiatsarbeit4 schrieb Grün über die Erlösung bei Paul Tillich5. Seine Doktorarbeit trägt den Titel Erlösung durch das Kreuz: Karl Rahners Beitrag zu einem heutigen Erlösungsverständnis.6

Freddy Derwahl, Grüns Biograph, stellt pointiert und anschaulich seine Arbeitsweise dar:

In der Zelle bleiben, um nichts in der Welt diese Zelle verlassen. Anselm verbarrikadierte sich nachmittags sowie an den ebenfalls vorlesungsfreien Donnerstagen und den Wochenenden in seinem kleinen Zimmer unter dem Dach von Sant’Anselmo und begann wie ein Irrer zu lesen. […] Anselm las jeden Tag einhundert bis einhundertfünfzig Seiten. Seine Zettelkästen konnten die Zitate nicht mehr fassen.7

So sind die Einflüsse auf Grüns Werk vielfältig. Sie reichen von der transpersonalen Psychologie, der Tiefenpsychologie C. G. Jungs über die Existenzphilosophie, die Theologie Karl Rahners, bis hin zum spirituellen Ansatz Dürckheims sowie Eugen Drewermanns tiefenpsychologischer Bibelexegese. Wenn er sich auf die Bibel, den heiligen Benedikt von Nursia und die Wüstenväter bezieht, dann sind seine Mittel der Interpretation immer schon die der Tiefenpsychologie und der tiefenpsychologischen Bibelexegese.

Im vorliegenden Buch wird der theologische Standpunkt Grüns aus einem repräsentativen Querschnitt seines Werkes dargestellt. Dies geschieht vor dem Hintergrund einer konservativen christlichen Position. Das Buch hinterfragt Grüns Lebensberatungskonzept und seine weltanschaulichen, psychologischen und theologischen Voraussetzungen.

Die Glaubensgrundlage der Heiligen Schrift wird nicht breit dargestellt und teilweise vorausgesetzt. Der Auslegung der Heiligen Schrift liegt die göttliche Inspiration zugrunde. Theologische Begriffe wie die Sündhaftigkeit des Menschen, die Sündenvergebung durch Jesus Christus durch seine Erlösungstat am Kreuz und die Bekehrung, sowie ein historisches Verständnis der Heiligen Schrift, sind die Voraussetzungen meiner Analyse.

Im vorliegenden Buch werden die Wurzeln von Grüns Denken, besonders mit Blick auf die Tiefenpsychologie Jungs, die spirituelle Therapie Dürckheims und die tiefenpsychologische Bibelexegese Drewermanns, dargestellt.

Die Kapitel 1 bis 4 behandeln die Einflüsse C. G. Jungs, Kapitel 5 die Dürckheims und Kapitel 6 die Drewermanns. Kapitel 7 bis 8 stellen Grüns Interpretation des Christentums dar.

1. Gegensätze integrieren

Grüns Beobachtungen gehen von der Zerrissenheit des postmodernen Menschen aus. Die heutige Gesellschaft bietet ein mannigfaltiges Angebot von Möglichkeiten der Lebensgestaltung. Permanent gilt es auszuwählen und Entscheidungen zu treffen. In der Berufswelt und im Freizeitbereich stehen heute viele Wahlmöglichkeiten offen. Aber auch im sozialen Bereich kann zwischen etlichen Alternativen gewählt werden. Alleinerziehende Frauen und Männer sind besonders stark belastet, da sie einerseits ihren Lebensunterhalt verdienen und andererseits für das Kind da sein müssen. Väter und zunehmend auch mehr Mütter haben ihre Rollen im Berufs- und Familienleben und als Vereins- oder Gemeindemitglied zu finden und einzunehmen. Der moderne Mensch ist zwischen verschiedenen Rollen und Ansprüchen hin und her gerissen und oft überfordert. Somit ist es kein Wunder, dass sich Erscheinungen wie das Burnout-Syndrom und Depressionen in allen Bevölkerungsschichten ausbreiten.

Auch das Warenangebot ist heute so differenziert, dass der Mensch kaum mehr dazu in der Lage ist, sich sachkundig zu entscheiden, welches Produkt er kaufen möchte. Rasant schreitet die Entwicklung von neuen Produkten voran. Die Versuchung ist groß, sich in immer kürzeren zeitlichen Abständen z. B. neue Geräte zu kaufen. Ein großes Problem stellt die Verschuldung in unserer Gesellschaft dar. Auch Christen laufen ständig Gefahr, sich an die äußere Welt zu verlieren.

Nicht weniger Druck übt die Forderung, ein Leben der Nächstenliebe zu führen, aus. Für andere Menschen da zu sein, stellt ein hohes Ideal in unserer Gesellschaft dar. Die Versuchung ist groß, die Ansprüche, die an uns herangetragen werden, zu erfüllen, denn wir streben die Anerkennung in unserem sozialen Umfeld an. Als Folge werden die eigenen Bedürfnisse zurückgedrängt. Dann bleibt wenig Zeit für sich selber. Trotzdem ist der heutige Mensch nicht unbedingt sozial eingestellt, sondern eher egoistisch. Die Menschen sind von einer Vielzahl von unterschiedlichen ethischen Ansprüchen und gleichzeitig egoistischen Wünschen bestimmt.

Die ethischen Maßstäbe der Bibel fordern die christliche Lebensführung heraus. Zwischen guten und bösen Handlungen wird klar unterschieden. Das Ziel sollte sein, das Gute zu tun und das Böse zu unterlassen. Nicht immer gelingt dies. Wir hinken hinter unseren Ansprüchen her, so dass sich innere Unzufriedenheit und Zerrissenheit einstellen.

Grundsätzlich bestimmen Polaritäten unser Leben. Die Lebenskunst besteht darin, diese Polaritäten durch eine ausgewogene Lebensführung miteinander zu verbinden. Solche Polaritäten sind Ruhe und Bewegung, Gebet und missionarische sowie soziale Aktion, Entspannung und Anspannung, Denken und Handeln, Rückzug aus der Welt und die Konfrontation mit der Welt.

Das Problem einseitiger Lebensführung zeigt sich auch in der Bibel. Als Jesus Martha und ihre Schwester Maria besuchte, brach ein Konflikt zwischen den Frauen aus. Martha arbeitete fleißig im Haushalt und Maria saß Jesu zu Füßen und lauschte seinen Worten (Lukas 10,38-42). Beide haben einen Platz in dieser sozialen Situation. Und trotzdem liegen beide in Konkurrenz zueinander. Die Frage kann aufgeworfen werden, wie wir bestimmte Pole, im obigen biblischen Text die Hausarbeit und Lernen, bewerten. Oft haben wir genaue Vorstellungen, wie ein christliches Leben auszusehen hat.

In der heutigen Welt stehen Bewegung und Handeln höher im Kurs als Ruhe, Besinnung und Entspannung. Über den Glauben zu sprechen und ihn zu verbreiten ist wichtig. Mehr noch: Wir haben den Auftrag von der Erlösung der Welt zu künden! Aber dazu müssen wir uns der Welt und dem modernen Menschen, seiner Kultur und Denkwelt zuwenden und uns mit ihnen auseinandersetzen. Dazu gehört das Studium des zeitgenössischen Denkens. Denken und Studieren sind zweifelsohne von Bedeutung. Nicht minder wichtig sind Begegnungen mit Menschen.

Doch nicht immer sind verschiedene Pole im Leben harmonisch zusammenzubringen. Zu den dann entstehenden Spannungen und Spaltungen schreibt Grün:

Nur wenn wir zu dieser Grundspannung unseres Lebens Ja sagen, überwinden wir die innere Spaltung, die heute viele Menschen prägt. Weil sie die Spannung zwischen ihren Gegenpolen nicht aushalten, spalten sie den ungeliebten Pol ab. Aber Abspaltung macht krank.8

Grün greift das Problemfeld der inneren Spaltung des heutigen Menschen auf. Verschiedene Pole im Leben scheinen uns in gegensätzliche Richtungen auseinanderzuziehen. Gelingt es dennoch, eine Einheit zu bewahren? Grün diagnostiziert, dass der Mensch zu stark von der Außenwelt bestimmt wird. Er sei zu sehr auf seine Umwelt bezogen, so dass er sich selber dabei verliere. Zwischen dem Anspruch der Umwelt und seinen eigenen Bedürfnissen ist er hin und her gerissen.

Eine Lösung dafür sieht Grün darin, dass der Mensch sich wieder auf sich selbst besinnt. Zentral für sein Glück sei nicht, möglichst viel zu tun und sich den anderen Mitmenschen zu beweisen, sondern dass er im Einvernehmen mit sich, seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen, lebe. Die Entfaltung seiner Persönlichkeit solle im Mittelpunkt stehen.

Die Bibel erklärt indes in diesem Zusammenhang:

„Suchet vielmehr zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit, dann werden euch alle diese Dinge hinzugefügt werden.“ (Matthäus 6,33)

Wir sollen uns demnach zuerst um unser Seelenheil, um das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit kümmern, und dann werden uns auch die irdischen Dinge zuteil. Die Bibel betont zuerst die geistige Beziehung zu Gott und erst in zweiter Linie die irdischen Bedürfnisse des Menschen.

Der Benediktinermönch rät, dass sich der Mensch auf sich selbst besinnen soll. Die Bibel empfiehlt, sich auf das Reich Gottes zu konzentrieren. Beide behaupten also, dass der Mensch sich auf etwas Wesentlicheres beziehen soll als nur auf die Welt. Die Frage ist nur, was dieses Wesentliche genauer bedeutet. Liegt Grüns Rat zur Besinnung auf den Menschen indes auf der gleichen Ebene wie der Rat der Bibel, das Reich Gottes zu suchen?

1.1. Polaritäten

In dem Buch Zerrissenheit9, das die Grundlage dieses Kapitels bildet, behandelt Grün auch Die Polarität des Menschen nach C. G. Jung. Dort beschreibt er verschiedene Polaritäten.

Wer dagegen die Spannung aushält, der erlebt auch mit seinen Gegensätzen eine innere Einheit. Er wird nicht mehr zerrissen von seinen Gegensätzen, sondern er erfährt darin Weite und Lebendigkeit. Wer darauf vertraut, dass beide Pole zu ihm gehören, der kann erfahren, dass die Spannung zwischen seinen Polen ihn lebendig hält. [..] Lebendigkeit ist immer von Gegensätzen geprägt. Es gibt kein Leben ohne den Gegensatz.10

Die oberste Prämisse Grüns lautet: Es gibt kein Leben ohne Gegensatz. Gegensätze oder Pole gehören für ihn nicht nur konstitutiv zum Leben, sondern sollen Weite und Lebendigkeit erfahrbar machen. Nicht ein Ausgleich, eine Harmonisierung der Gegensätze wird angestrebt, sondern im Gegenteil, die Spannung muss aufrecht erhalten bleiben. Nur so sei eine innere Einheit erlebbar.

Das Modell der „Einheit“ kann am Verhältnis von Verstand und Gefühl demonstriert werden. Eine einseitige Orientierung am Verstand, so Grün, würde die Gefühle unterdrücken, eine einseitige Orientierung am Gefühl würde den Verstand unterdrücken. Nur wenn beide Pole gelebt würden, gelänge ein ausgeglichenes Leben. Nur unter diesem Gesichtspunkt wäre es möglich, das Leben im Ganzen zu gestalten.11

Eine alte Mönchsgeschichte, in der Altvater Poimen12 einen wichtigen Rat gibt, beschreibt das Problem.

Ein junger Mann fühlt sich zerrissen. Er möchte zu sich selbst kommen, zur Ruhe finden, zu einer Einheit. Und er möchte überall, wo er ist, bei sich selbst sein. Poimen gibt ihm den Rat, sich bei allem, was er tut, zu fragen: ‚Ich, wer bin ich?’ Er sucht nach seiner wahren Identität. Wer ist der, der da handelt? Ist nur ein Teil von mir bei der Arbeit? Bin ich da als ganzer engagiert? Ist ein anderer Teil von mir woanders? Poimens Frage heißt eigentlich: ‚Wie kann ich ganz sein?’ Wie kann ich ganz bei dem sein, was ich tue? Wie kann ich als ganzer Mensch leben, der immer und überall mit sich selbst eins ist? Wie finde ich bei dem vielen, das ich tue und das mich oft genug zerreißt, zu meiner Ganzheit?13