Verlag: Knaur eBook Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2010

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E-Book-Beschreibung Die Therapie - Sebastian Fitzek

Keine Zeugen, keine Spuren, keine Leiche. Josy, die zwölfjährige Tochter des bekannten Psychiaters Viktor Larenz, verschwindet unter mysteriösen Umständen. Ihr Schicksal bleibt ungeklärt. Vier Jahre später: Der trauernde Viktor hat sich in ein abgelegenes Ferienhaus zurückgezogen. Doch eine schöne Unbekannte spürt ihn dort auf. Sie wird von Wahnvorstellungen gequält. Darin erscheint ihr immer wieder ein kleines Mädchen, das ebenso spurlos verschwindet wie einst Josy. Viktor beginnt mit der Therapie, die mehr und mehr zum dramatischen Verhör wird. Die Therapie von Sebastian Fitzek: Spannung pur im eBook!

Meinungen über das E-Book Die Therapie - Sebastian Fitzek

E-Book-Leseprobe Die Therapie - Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek

Die Therapie

Psychothriller

Knaur e-books

Über dieses Buch

Keine Zeugen, keine Spuren, keine Leiche. Josy, die zwölfjährige Tochter des bekannten Psychiaters Viktor Larenz, verschwindet unter mysteriösen Umständen. Ihr Schicksal bleibt ungeklärt. Vier Jahre später: Der trauernde Viktor hat sich in ein abgelegenes Ferienhaus zurückgezogen. Doch eine schöne Unbekannte spürt ihn dort auf. Sie wird von Wahnvorstellungen gequält. Darin erscheint ihr immer wieder ein kleines Mädchen, das ebenso spurlos verschwindet wie einst Josy. Viktor beginnt mit der Therapie, die mehr und mehr zum dramatischen Verhör wird …

Inhaltsübersicht

MottoProlog1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. Kapitel46. Kapitel47. Kapitel48. Kapitel49. Kapitel50. Kapitel51. Kapitel52. Kapitel53. Kapitel54. Kapitel55. Kapitel56. Kapitel57. Kapitel58. Kapitel59. Kapitel60. KapitelEpilogDanksagung
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Was ich bei der Behandlung oder auch außerhalb meiner Praxis im Umgang mit Menschen sehe und höre, das man nicht weiterreden darf, werde ich verschweigen und als Geheimnis bewahren.

Aus dem hippokratischen Eid

 

 

Zeige mir deine Freunde und ich sage dir, wer du bist.

Sprichwort

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Prolog

Als die halbe Stunde verstrichen war, wusste er, dass er seine Tochter nie wiedersehen würde. Sie hatte die Tür geöffnet, sich noch einmal kurz zu ihm umgedreht und war dann zu dem alten Mann hineingegangen. Doch Josephine, seine kleine zwölfjährige Tochter, würde nie wieder herauskommen. Er war sich sicher. Sie würde ihn nie wieder strahlend anlächeln, wenn er sie zu Bett brachte. Er würde nie wieder ihre bunte Nachttischlampe ausknipsen, sobald sie eingeschlafen war. Und nie wieder würde er von ihren grauenhaften Schreien mitten in der Nacht geweckt werden.

Diese Gewissheit traf ihn mit der plötzlichen Wucht eines heftigen Auffahrunfalls.

Als er aufstand, wollte sein Körper auf dem wackeligen Plastikstuhl sitzen bleiben. Er hätte sich nicht gewundert, wenn seine Beine eingeknickt wären. Wenn er einfach umgekippt und auf dem abgenutzten Parkettboden des Wartezimmers liegen geblieben wäre. Genau zwischen der drallen Hausfrau mit der Schuppenflechte und dem Tischchen mit den veralteten Illustrierten. Doch die Gnade der Ohnmacht wurde ihm nicht gewährt. Er blieb bei Bewusstsein.

Patienten werden nicht nach dem Zeitpunkt ihres Erscheinens, sondern nach Dringlichkeit behandelt.

Das Hinweisschild an der weißen, lederverkleideten Tür zum Behandlungsraum des Allergologen verschwamm vor seinen Augen.

Dr. Grohlke war ein Freund der Familie und Arzt Nummer zweiundzwanzig. Viktor Larenz hatte eine Strichliste angelegt. Die einundzwanzig Ärzte zuvor hatten nichts finden können. Gar nichts.

 

Der Erste, ein Notarzt, war am zweiten Weihnachtsfeiertag auf das Familienanwesen nach Schwanenwerder gekommen. Auf den Tag genau vor elf Monaten. Erst glaubten sie alle, Josephine hätte sich nur an dem Festtags-Fondue den Magen verdorben. Sie hatte sich in der Nacht mehrfach übergeben und dann Durchfall bekommen. Seine Frau Isabell verständigte den privatärztlichen Notdienst, und Viktor trug Josy in ihrem feinen Batistnachthemd nach unten ins Wohnzimmer. Noch heute spürte er ihre dünnen Ärmchen, wenn er daran dachte. Das eine Hilfe suchend um seinen Hals gelegt, mit dem anderen ihr Lieblingsstofftier, die blaue Katze Nepomuk, fest umklammernd. Unter den strengen Blicken der anwesenden Verwandten hatte der Arzt den schmalen Brustkorb des Mädchens abgehört, ihr eine Elektrolyt-Infusion gegeben und ein homöopathisches Mittel verschrieben.

»Ein kleiner Magen-Darm-Infekt. So was grassiert gerade in der Stadt. Aber keine Sorge! Alles wird gut«, waren die Worte gewesen, mit denen sich der Notarzt verabschiedete. Alles wird gut. Der Mann hatte gelogen.

 

Viktor stand direkt vor Dr. Grohlkes Behandlungszimmer. Als er die schwere Tür öffnen wollte, konnte er noch nicht einmal die Klinke runterdrücken. Erst dachte er, die Anspannung der letzten Stunden hätte ihm selbst dafür die Kraft geraubt. Dann wurde ihm klar, dass die Tür verschlossen war. Jemand hatte von innen einen Riegel vorgelegt.

Was geht hier vor?

Er drehte sich abrupt um und hatte das Gefühl, seine Umgebung wie in einem Daumenkino zu betrachten. Alles, was er sah, erreichte zeitversetzt und in ruckartigen Bildern sein Gehirn: die irischen Landschaftsaufnahmen an den Praxiswänden, der verstaubte Gummibaum in der Fensternische, die Dame mit der Schuppenflechte auf dem Stuhl. Larenz rüttelte ein letztes Mal an der Tür und schleppte sich dann durchs Wartezimmer auf den Gang hinaus. Der Flur war immer noch hoffnungslos überfüllt. Als ob Dr. Grohlke der einzige Arzt in Berlin wäre.

Viktor ging langsam nach vorne zum Empfang. Ein Teenager mit nicht zu übersehenden Akneproblemen wollte sich gerade ein Rezept ausstellen lassen, doch Larenz stieß ihn rüde zur Seite und fing sofort an, auf die Sprechstundenhilfe einzureden. Er kannte Maria von seinen früheren Besuchen her. Als er vor einer halben Stunde mit Josy die Praxis betreten hatte, war sie noch nicht da gewesen. Jetzt war er froh, dass ihre Vertretung offensichtlich Pause hatte oder woanders gebraucht wurde. Maria war zwar erst Anfang zwanzig und sah aus wie eine etwas korpulente Torhüterin beim Frauenfußball. Aber sie hatte selbst eine kleine Tochter. Sie würde ihm helfen.

 

»Ich muss dringend zu ihr rein«, sagte er lauter als beabsichtigt.

»Oh, guten Tag, Herr Dr. Larenz, schön, Sie mal wieder zu sehen.« Maria erkannte den Psychiater sofort. Er war lange Zeit nicht mehr in dieser Praxis gewesen, aber sie sah sein markantes Gesicht oft genug im Fernsehen und in Zeitschriften. Er war ein beliebter Gast in Talkshows. Nicht zuletzt wegen seines guten Aussehens und seiner lockeren Art, komplizierte seelische Probleme auch für Laien verständlich zu erklären. Heute allerdings sprach er in Rätseln.

»Ich muss sofort zu meiner Tochter!«

Der Junge, den er zur Seite gestoßen hatte, spürte instinktiv, dass mit dem Mann etwas nicht stimmte, und ging noch einen Schritt beiseite. Auch Maria war verunsichert und bemühte sich, ihr stereotypes, eingeübtes Lächeln nicht zu verlieren.

»Ich verstehe leider nicht, wovon Sie reden, Dr. Larenz«, sagte sie und griff sich nervös an ihre linke Augenbraue. Normalerweise steckte hier ein Piercing, an dem sie immer zupfte, wenn sie aufgeregt war. Doch ihr Chef Dr. Grohlke war konservativ, und sie musste den silbernen Steckstift rausnehmen, sobald Patienten in der Praxis waren.

»Hat Josephine denn überhaupt einen Termin für heute?«

Larenz öffnete den Mund, um ihr seine Antwort entgegenzuschleudern, hielt dann aber inne und schloss ihn wieder. Natürlich hatte sie heute einen Termin. Isabell hatte ihn telefonisch fest vereinbart. Und er hatte Josy hingefahren. Wie immer.

»Was ist eigentlich ein Allergologe, Papi?«, hatte sie ihn noch im Auto gefragt. »Macht der das Wetter?«

»Nein, Maus. Das ist ein Meteorologe.« Er hatte sie im Rückspiegel beobachtet und sich gewünscht, ihr blondes Haar streicheln zu können. Sie war ihm so zerbrechlich erschienen. Wie ein Engel auf japanischem Seidenpapier.

»Der Allergologe kümmert sich um Menschen, die mit bestimmten Stoffen nicht in Berührung kommen dürfen, weil sie sonst krank werden.«

»So wie ich?«

»Vielleicht«, hatte er gesagt. Hoffentlich, hatte er gedacht. Das wäre wenigstens eine Diagnose. Ein Anfang. Die unerklärlichen Symptome ihrer Krankheit beherrschten mittlerweile die gesamte Familie. Josy ging schon seit einem halben Jahr nicht mehr zur Schule. Die Krämpfe kamen meistens so unvermittelt und unregelmäßig, dass sie es in keinem Klassenzimmer lange ausgehalten hätte. Isabell arbeitete daher nur noch halbtags und organisierte Josys Privatunterricht. Und Viktor hatte seine Praxis in der Friedrichstraße ganz geschlossen, damit er sich rund um die Uhr seiner Tochter widmen konnte. Oder besser gesagt ihren Ärzten. Doch trotz des Mediziner-Marathons, den sie in den letzten Wochen absolviert hatten, waren alle Experten, die sie konsultierten, ratlos. Sie konnten keine Erklärung für Josys periodisch wiederkehrende Fieberkrämpfe liefern, für die ständigen Infektionskrankheiten oder das nächtliche Nasenbluten. Manchmal wurden die Symptome geringer, verschwanden zuweilen sogar ganz, so dass die Familie Hoffnung schöpfte. Doch nach einer kurzen Pause ging alles von vorne los, meistens mit noch schlimmeren Attacken. Bisher konnten die Internisten, Hämatologen und Neurologen lediglich ausschließen, dass es sich um Krebs, Aids, Hepatitis oder um eine andere ihnen bekannte Infektion handelte. Selbst auf Malaria war Josephine bereits getestet worden. Negativ.

 

»Dr. Larenz?«

Marias Worte katapultierten Larenz in die Realität zurück, und er registrierte, dass er die Sprechstundenhilfe die ganze Zeit mit offenem Mund angestarrt haben musste.

»Was haben Sie mit ihr angestellt?« Er hatte seine Stimme wiedergefunden, und nun wurde sie mit jedem Wort lauter.

»Wie meinen Sie das?«

»Josy. Was haben Sie mit ihr gemacht?«

Larenz brüllte jetzt, und die Gespräche der wartenden Patienten verstummten schlagartig. Man sah es Maria an, dass sie nicht die leiseste Ahnung hatte, wie sie mit dieser Situation umgehen sollte. Natürlich war sie als Sprechstundenhilfe bei Dr. Grohlke außergewöhnliches Verhalten von Patienten gewohnt. Schließlich war das hier keine Privatpraxis, und die Uhlandstraße zählte schon lange nicht mehr zu den vornehmsten Adressen Berlins. Immer wieder schwemmte die nahe gelegene Lietzenburger Straße Prostituierte und Junkies in die Warteräume. Und niemand wunderte sich, wenn beispielsweise ein abgemagerter Stricher auf Entzug die Sprechstundenhilfe anschrie, weil er sich nicht wegen seiner Ekzeme behandeln lassen wollte, sondern eine Arznei brauchte, die seine Schmerzen lindern konnte.

Nur lag heute der Fall etwas anders. Denn Dr. Viktor Larenz trug keinen dreckigen Trainingsanzug und kein durchlöchertes T-Shirt. Er hatte keine ausgelatschten Turnschuhe an, und sein Gesicht war keine Sammelstelle für aufgeplatzte, eiternde Pickel. Im Gegenteil. Er sah aus, als sei der Begriff »distinguiert« extra für ihn erfunden worden: schlanke Figur, gerade Körperhaltung, breite Schultern, eine hohe Stirn und ein markantes Kinn. Obwohl er in Berlin geboren und aufgewachsen war, hielten ihn die meisten für einen Hanseaten. Nur die grau melierten Schläfen und die klassische Nase fehlten ihm. Selbst seine teakholzbraunen lockigen Haare, die er in letzter Zeit etwas länger trug, und seine schiefe Nase – schmerzhafte Erinnerung an einen Segelunfall – taten dem weltmännischen Gesamteindruck keinen Abbruch. Viktor Larenz war dreiundvierzig. Ein Mann, dessen Alter man nur schwer schätzen konnte, bei dem man sich aber sicher war, dass er leinene Taschentücher mit eingestickten Initialen besaß und niemals Kleingeld bei sich hatte. Dessen auffallend blasse Haut sich auf zu viele Überstunden zurückführen ließ. Und genau das machte die Angelegenheit für Maria so schwierig. Denn von einem promovierten Psychiater, der in einem maßgeschneiderten, zweitausendzweihundert Euro teuren Anzug daherkommt, erwartet man nicht, dass er in der Öffentlichkeit herumbrüllt. Dass sich seine Stimme überschlägt, während er, wild gestikulierend, unverständliche Worte von sich gibt. Und eben deshalb wusste Maria nicht, was sie jetzt tun sollte.

 

»Viktor?«

Larenz drehte sich zu der tiefen Stimme um. Dr. Grohlke hatte den Lärm gehört und seine Behandlung unterbrochen. Der hagere alte Arzt mit dem sandfarbenen Haar und den tief liegenden Augen sah äußerst besorgt aus.

»Was ist denn hier los?«

»Wo ist Josy?«, schrie Viktor ihm als Antwort entgegen, und Dr. Grohlke schreckte unwillkürlich vor seinem Freund zurück. Er kannte die Familie jetzt seit fast zehn Jahren, aber so hatte er Larenz noch nie erlebt.

»Viktor? Wollen wir nicht lieber in mein Zimmer gehen und …?«

Larenz hörte gar nicht zu, sondern starrte stattdessen über die Schulter des Arztes. Als er sah, dass die Tür des Behandlungsraums jetzt einen Spalt offen stand, stürmte er los. Er trat die Tür mit dem rechten Fuß auf. Sie flog nach innen und knallte gegen einen Rollwagen mit Instrumenten und Medikamenten. Die Frau mit der Schuppenflechte lag auf der Behandlungsliege. Sie hatte den Oberkörper frei gemacht und erschrak so sehr, dass sie vergaß, ihre Brüste zu bedecken.

»Aber, Viktor, was ist denn in dich gefahren?«, rief Dr. Grohlke hinter ihm her, doch Larenz schoss bereits wieder aus dem Raum an ihm vorbei in den Flur.

»Josy?«

Er rannte den Gang nach hinten und stieß dabei jede Tür auf.

»Josy, wo bist du?«, brüllte er panisch.

»Um Himmels willen, Viktor!«

Der alte Allergologe folgte ihm, so schnell er konnte, doch Viktor schenkte ihm gar keine Beachtung. Die Angst ließ seinen Verstand aussetzen.

»Was ist hier drin?«, schrie er, als er die letzte Tür links vor dem Wartezimmer nicht öffnen konnte.

»Putzmittel. Nur Putzmittel, Viktor. Das ist unsere Abstellkammer.«

»Öffnen!« Viktor rüttelte wie ein Wahnsinniger an der Türklinke.

»Jetzt hör mir mal zu …«

»Ö F F N E N !«

Dr. Grohlke packte Larenz mit unvermuteter Kraft an beiden Oberarmen und hielt ihn fest.

»Beruhige dich, Viktor! Und hör mir zu. Deine Tochter kann nicht da drin sein. Die Putzfrau hat den Schlüssel heute Vormittag mitgenommen, und sie kommt erst morgen früh wieder.«

Larenz atmete schwer und registrierte die Worte, ohne ihren Inhalt zu verstehen.

»Lass uns also bitte logisch vorgehen.« Dr. Grohlke lockerte seinen Griff und legte eine Hand auf Viktors Schulter.

»Wann hast du deine Tochter zuletzt gesehen?«

»Vor einer halben Stunde, hier im Wartezimmer«, hörte Viktor sich sagen. »Sie ist zu dir reingegangen.«

Der alte Arzt schüttelte besorgt den Kopf und wandte sich zu Maria, die ihnen gefolgt war.

»Ich habe Josephine nicht gesehen«, sagte sie zu ihrem Chef. »Und sie hat heute keinen Termin.«

Blödsinn, schrie Larenz in Gedanken und griff sich an die Schläfen.

»Isabell hat den Termin doch telefonisch fest vereinbart. Und natürlich kann Maria meine Tochter nicht gesehen haben. Am Empfang war eine Vertretung. Ein Mann. Er sagte, wir sollten schon mal Platz nehmen. Josy war so schwach. So müde. Ich setzte sie ins Wartezimmer und ging nach draußen, um ihr ein Glas Wasser zu holen. Und als ich wiederkam, war sie …«

»Wir haben keine Vertretung«, unterbrach Grohlke seinen Freund. »Bei uns arbeiten nur Frauen.«

Victor sah fassungslos in Dr. Grohlkes Gesicht und versuchte, das soeben Gehörte zu verstehen.

»Ich habe Josy heute nicht behandelt. Sie war nicht bei mir.«

Die Worte des Arztes kämpften gegen ein durchdringendes, nervtötendes Geräusch an, das Larenz plötzlich aus einiger Entfernung hörte, und das immer lauter wurde.

»Was wollt ihr von mir?«, rief er verzweifelt. »Natürlich ist sie in den Behandlungsraum gegangen. Ihr habt sie doch aufgerufen. Ich war nebenan und hörte den Mann vom Empfang ihren Namen rufen. Sie wollte doch heute allein in die Sprechstunde gehen. Darum hatte sie mich gebeten. Sie ist ja gerade zwölf geworden, wisst ihr? Sie schließt seit kurzem auch die Badezimmertür hinter sich ab. Und deshalb habe ich mir, als ich ins Wartezimmer zurückkam, gedacht, sie sei bereits im Sprechzimmer.«

Viktor öffnete den Mund und merkte auf einmal, dass er kein einziges dieser Worte gesagt hatte. Sein Verstand arbeitete, jedoch war er offensichtlich nicht mehr in der Lage, sich zu artikulieren. Er sah sich hilflos um und hatte das Gefühl, die Welt wie in Zeitlupe zu sehen. Das nervtötende Geräusch wurde immer aufdringlicher und übertönte fast den Lärm um ihn herum. Er spürte, dass alle auf ihn einredeten: Maria, Dr. Grohlke und sogar einige Patienten.

»Ich habe Josy seit einem Jahr nicht mehr gesehen«, waren die letzten Worte Dr. Grohlkes, die Viktor noch deutlich vernehmen konnte. Und dann wurde ihm plötzlich alles klar. Für einen kurzen Moment wusste er, was passiert war. Die schreckliche Wahrheit blitzte auf, so flüchtig wie ein Traum in der Sekunde des Erwachens. Und ebenso rasch entglitt sie ihm auch wieder. Für den Bruchteil eines Augenblicks verstand er alles. Josys Krankheit. Woran sie die vergangenen Monate so schwer gelitten hatte. Plötzlich sah er, was passiert war. Was man ihr angetan hatte. Er musste würgen, als ihm klar wurde, dass sie jetzt auch hinter ihm her sein würden. Sie würden ihn finden. Früher oder später. Er wusste es. Doch dann entglitt ihm die entsetzliche Erkenntnis. Sie verschwand wieder. So unwiederbringlich wie ein einzelner Wassertropfen im Abfluss.

Viktor schlug sich mit beiden Händen an die Schläfen. Das durchdringende, quälende, entsetzliche Geräusch war jetzt ganz nah bei ihm und nicht mehr auszuhalten. Es glich dem Wimmern einer gefolterten Kreatur und hatte kaum etwas Menschliches an sich. Und es erstarb erst, als er nach langer Zeit seinen Mund wieder schloss.

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1. Kapitel

Heute, einige Jahre später

Viktor Larenz hätte nie gedacht, dass er einmal die Perspektive wechseln würde. Früher stand das schmucklose Einzelzimmer der Weddinger Klinik für psychosomatische Traumata seinen schwierigsten Patienten zur Verfügung. Heute lag er selbst auf dem hydraulisch verstellbaren Krankenbett, die Arme und Beine mit grauen, teilelastischen Bändern fixiert.

Niemand war bisher zu Besuch gekommen. Weder Freunde, ehemalige Kollegen noch Verwandte. Die einzige Abwechslung, außer der Möglichkeit, auf eine vergilbte Raufasertapete, zwei speckige braune Vorhänge und eine wasserfleckige Zimmerdecke zu starren, war Dr. Martin Roth, der junge Oberarzt, der zweimal täglich zur Visite erschien. Niemand hatte bei der Leitung der psychiatrischen Anstalt einen Besucher-Antrag gestellt. Noch nicht einmal Isabell. Viktor hatte es von Dr. Roth erfahren, und er konnte es seiner Frau auch nicht verübeln. Nach allem, was vorgefallen war.

»Wie lange ist es jetzt her, dass meine Medikamente abgesetzt worden sind?«

Der angesprochene Oberarzt kontrollierte gerade den Tropf mit der Elektrolyt-Kochsalzlösung, der am Kopfende des Bettes an einem dreiarmigen Metallständer hing. »Etwa drei Wochen, Dr. Larenz.«

Viktor rechnete es dem Mann hoch an, dass er ihn noch immer mit seinem Titel anredete. In all den Unterhaltungen, die sie in den letzten Tagen geführt hatten, war er von Dr. Roth immer mit dem größtmöglichen Respekt behandelt worden.

»Und seit wann bin ich wieder ansprechbar?«

»Seit neun Tagen.«

»Aha.« Er machte eine kurze Pause.

»Und wann werde ich entlassen?«

Viktor sah, wie Dr. Roth über diesen Scherz lächeln musste. Sie wussten beide, dass er niemals entlassen werden würde. Zumindest nicht aus einer vergleichbaren Einrichtung dieser Sicherheitsstufe.

Viktor sah auf seine Hände und rüttelte leicht an den Fesseln. Anscheinend war man aus Schaden klug geworden. Bereits bei seiner Einlieferung hatte man ihm Gürtel und Schnürsenkel abgenommen. Und im Badezimmer war sogar der Spiegel entfernt worden. Wenn er jetzt zweimal am Tag unter Bewachung zur Toilette geführt wurde, konnte er noch nicht einmal mehr überprüfen, ob er wirklich so jämmerlich aussah, wie er sich fühlte. Früher hatte man immer sein Aussehen gelobt. Er fiel auf durch breite Schultern, dichte Haare und seinen durchtrainierten Körper, der für einen Mann in seinem Alter perfekt gewesen war. Heute war davon nicht mehr viel übrig.

»Mal ehrlich, Dr. Roth. Was empfinden Sie, wenn Sie mich hier so liegen sehen?«

Der Oberarzt mied weiter den direkten Blickkontakt mit Viktor, während er das Klemmbrett ergriff, das am Fußende des Bettes hing. Man konnte ihm ansehen, dass er überlegte. Mitleid? Sorge?

»Angst.« Dr. Roth hatte sich für die Wahrheit entschieden.

»Weil Sie sich davor fürchten, Ihnen könnte etwas Ähnliches zustoßen wie mir?«

»Finden Sie das egoistisch?«

»Nein. Sie sind ehrlich, und das gefällt mir. Außerdem liegt der Gedanke nahe. Wo wir doch einige Gemeinsamkeiten haben.«

Dr. Roth nickte nur.

So unterschiedlich die derzeitige Lage der beiden Männer war, so übereinstimmend schienen einige Etappen in ihren Lebensläufen. Beide wuchsen als wohlbehütete Einzelkinder in den vornehmsten Gegenden Berlins auf. Larenz als Sohn einer alteingesessenen und auf Gesellschaftsrecht spezialisierten Anwaltsfamilie in Wannsee, Dr. Roth als umsorgter Sprössling zweier Handchirurgen in Westend. Beide hatten sie an der Freien Universität in Dahlem Medizin studiert – mit dem Schwerpunkt Psychiatrie. Beide erbten von ihren Eltern die Villa der Familie und ein nicht unerhebliches Vermögen, was ihnen ein Leben ohne Arbeit ermöglicht hätte. Trotzdem war es Zufall oder Schicksal, das sie an diesem Ort zusammengeführt hatte.

»Na schön«, sprach Viktor weiter. »Sie sehen also eine Parallele zwischen uns. Wie hätten Sie denn in meiner Situation reagiert?«

»Sie meinen, wenn ich herausgefunden hätte, wer meiner Tochter das angetan hat?«

Dr. Roth hatte seinen Tagesvermerk auf dem Klemmbrett notiert und sah Viktor zum ersten Mal direkt an.

»Ja.«

»Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ich überlebt hätte, was Sie durchstehen mussten.«

Viktor lachte nervös auf.

»Das habe ich auch nicht. Ich bin gestorben. Auf die grausamste Art, die Sie sich vorstellen können.«

»Vielleicht wollen Sie mir doch alles darüber erzählen?«

Dr. Roth setzte sich zu Larenz auf die Bettkante.

»Worüber?« Viktor stellte die Frage, obwohl er die Antwort natürlich kannte. Der Arzt hatte es ihm in den letzten Tagen wiederholt vorgeschlagen.

»Alles. Die ganze Geschichte. Wie Sie herausgefunden haben, was mit Ihrer Tochter geschehen ist. Was es mit Josephines Krankheit auf sich hatte. Sie schildern mir, was passiert ist. Und zwar von Anfang an.«

»Ich habe Ihnen das meiste doch schon erzählt.«

»Ja. Aber mich interessieren die Einzelheiten. Ich will alles noch einmal ganz genau von Ihnen hören. Besonders, wie es am Ende dazu kommen konnte.«

Zu der Katastrophe.

Viktor atmete tief aus und schaute wieder hoch zur wasserfleckigen Zimmerdecke.

»Wissen Sie, ich habe all die Jahre nach dem Verschwinden von Josy gedacht, dass es nichts Grausameres geben kann als die Unwissenheit. Vier Jahre lang ohne eine einzige Spur, ohne ein Lebenszeichen. Manchmal habe ich mir gewünscht, das Telefon möge klingeln und man werde uns mitteilen, wo ihre Leiche liegt. Ich dachte wirklich, es gibt nichts Entsetzlicheres als den Schwebezustand zwischen Ahnen und Wissen. Doch ich habe mich geirrt. Denn wissen Sie, was noch schrecklicher ist?«

Dr. Roth sah ihn fragend an.

»Die Wahrheit.« Viktor flüsterte fast. »Die Wahrheit! Ich glaube, ich bin ihr schon einmal in der Praxis von Dr. Grohlke begegnet. Kurze Zeit, nachdem Josy verschwunden war. Und sie war so schlimm, dass ich es nicht wahrhaben wollte. Doch dann traf ich noch einmal auf sie. Und dieses Mal konnte ich sie nicht mehr verdrängen, denn sie hat mich im wahrsten Sinne des Wortes verfolgt. Die Wahrheit stand auf einmal direkt vor mir und schrie mir ins Gesicht.«

»Wie meinen Sie das?«

»Genau so, wie ich es sage. Ich stand dem Menschen gegenüber, der das ganze Elend zu verantworten hatte, und konnte es nicht ertragen. Nun, Sie selbst wissen am besten, was ich dann auf der Insel getan habe. Und wohin es mich letztlich gebracht hat.«

»Die Insel«, hakte Dr. Roth nach. »Parkum, richtig? Warum waren Sie überhaupt dort?«

»Als Psychiater müssten Sie eigentlich wissen, dass das die falsche Frage ist.« Viktor lächelte. »Ich will trotzdem versuchen, Ihnen eine Antwort darauf zu geben: Die Bunte bat mich, Jahre nach Josys Verschwinden, zum wiederholten Mal um ein Exklusiv-Interview. Zuerst wollte ich ablehnen. Auch Isabell war dagegen. Doch dann dachte ich, die Fragen, die man mir per Fax und E-Mail geschickt hatte, könnten mir helfen, meine Gedanken zu sortieren. Zur Ruhe zu kommen. Verstehen Sie?«

»Also fuhren Sie dorthin, um an dem Interview zu arbeiten?«

»Ja.«

»Allein?«

»Meine Frau wollte und konnte nicht mitkommen. Sie hatte einen wichtigen Geschäftstermin in New York. Ehrlich gesagt, war ich ganz froh, für mich zu sein. Ich hoffte einfach, dass ich auf Parkum endlich den nötigen Abstand finden würde.«

»Den Abstand, um Abschied von Ihrer Tochter zu nehmen.«

Viktor nickte, obwohl Dr. Roth seinen letzten Satz nicht als Frage formuliert hatte.

»So in etwa. Also nahm ich meinen Hund, fuhr an die Nordsee und ließ mich von Sylt aus übersetzen. Ich konnte ja nicht ahnen, was für eine Kette von Ereignissen ich mit dieser Reise in Gang setzte.«

»Erzählen Sie mir mehr darüber. Was genau geschah auf Parkum? Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass alles zusammenhängt?«

Die unerklärliche Krankheit von Josephine. Ihr Verschwinden. Das Interview.

»Also, gut.«

Viktor ließ seinen Kopf kreisen und hörte, wie seine Nackenwirbel knackten. Wegen der Fesseln war dies momentan die einzige Entspannungsübung, die ihm noch möglich war. Er atmete tief durch und schloss die Augen. Wie immer dauerte es nur wenige Augenblicke, bis ihn seine Gedanken zurückführten. Zurück nach Parkum. Zurück in das reetgedeckte Strandhaus. Dem Ort, an dem er vorgehabt hatte, sein Leben vier Jahre nach der Tragödie neu zu ordnen. Wo er hoffte, den nötigen Abstand für einen Neuanfang zu gewinnen. Und wo er stattdessen alles verlor.

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2. Kapitel

Parkum, fünf Tage vor der Wahrheit

B: Wie fühlten Sie sich unmittelbar nach der Tragödie?

L: Ich war tot. Zwar atmete ich noch, ich trank auch und aß hin und wieder. Und ich schlief manchmal sogar ein bis zwei Stunden am Tag. Aber ich existierte nicht mehr. Ich starb an dem Tag, an dem Josephine verschwand.

Viktor starrte auf den blinkenden Cursor hinter dem letzten Absatz. Seit sieben Tagen war er jetzt auf der Insel. Seit einer Woche saß er von früh bis spät an dem alten Mahagonischreibtisch und versuchte, die erste Frage des Interviews zu beantworten. Erst heute Vormittag war es ihm endlich gelungen, wenigstens fünf zusammenhängende Sätze in seinen Laptop zu tippen.

Tot. Tatsächlich gab es kein treffenderes Wort, um den Zustand zu beschreiben, in dem er sich in den Tagen und Wochen unmittelbar danach befunden hatte.

Danach.

Viktor schloss die Augen.

An die ersten Stunden unmittelbar nach dem Schock konnte er sich nicht mehr erinnern. Wusste weder, mit wem er gesprochen hatte, noch, wo er gewesen war. Als das Chaos seine Familie zerstörte. Isabell hatte damals die Hauptlast tragen müssen. Sie war es, die für die Polizei den Kleiderschrank durchsuchte, um herauszufinden, welche Sachen Josy getragen hatte. Sie war es, die das Bild aus dem Familienalbum löste, damit es ein taugliches Fahndungsfoto von der Kleinen gab. Und sie war es auch, die die Verwandten informierte, während er ziellos durch die Straßen Berlins geirrt war. Der angeblich so professionelle, berühmte Psychiater hatte in der wichtigsten Situation seines Lebens jämmerlich versagt. Und auch in den folgenden Jahren war Isabell stärker gewesen als er. Während sie schon nach einem Vierteljahr wieder ihrem Beruf als Unternehmensberaterin nachging, hatte Viktor seine Praxis verkauft und seitdem keinen einzigen Patienten mehr behandelt.

Der Laptop gab plötzlich einen hellen Warnton von sich und Viktor merkte, dass der Akku wieder ans Stromnetz angeschlossen werden musste. Als er am Tag seiner Anreise den Schreibtisch im Kaminzimmer vor das Panoramafenster mit dem Blick zum Meer gerückt hatte, stellte er fest, dass es dort keine Steckdose gab. Jetzt konnte er beim Arbeiten zwar immer wieder die atemberaubende Aussicht auf die winterliche Nordsee genießen, musste dafür aber alle sechs Stunden seinen Computer zum Aufladegerät tragen, das auf einem kleinen Tisch vor dem Kamin stand. Viktor speicherte schnell das Word-Dokument, bevor die Daten für immer verloren gingen.

So wie Josy.

Er sah kurz aus dem Fenster und wandte sich sofort wieder ab, als er in dem Anblick der See ein Spiegelbild seiner Seele wiederfand. Der aufkommende Wind, der über das Reetdach pfiff und die Wellen antrieb, sprach eine eindeutige Sprache. Es war Ende November, und der Winter beeilte sich, mit seinen Freunden Schnee und Kälte auf die Insel zu kommen.

Wie der Tod, dachte Viktor, während er aufstand und den Laptop zum Couchtisch vor dem Kamin trug, auf dem das Ladekabel lag.

Das kleine, zweistöckige Strandhaus war Anfang der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erbaut worden und hatte seit dem Ableben von Viktors Eltern keine Handwerker mehr gesehen. Zum Glück hatte sich Halberstaedt, der Bürgermeister der Insel, um die elektrischen Leitungen und den Generator vor dem Haus gekümmert, so dass es jetzt wenigstens hell und warm war. Aber die lange Zeit, in der keiner von der Familie zu Besuch gekommen war, hatte dem alten Holzhaus nicht sehr gut getan. Die Wände brauchten innen wie außen dringend einen neuen Anstrich. Das Schiffsparkett hätte schon vor Jahren abgeschliffen und in der Diele teilweise ersetzt werden müssen. Und die doppelt verglasten Holzfenster waren durch die Witterung etwas verzogen und ließen dadurch unnötig viel Kälte und Feuchtigkeit herein. Die Inneneinrichtung war vielleicht in den achtziger Jahren luxuriös gewesen und deutete auch heute immer noch auf den Wohlstand der Familie Larenz hin. Doch die Tiffany-Lampen, die Nappaleder-Polstermöbel und die Teakholz-Regale hatten mangels fürsorglicher Pflege etwas zu viel Patina angesetzt. Es war lange her, dass sie wenigstens ein Staubtuch gesehen hatten.

Vier Jahre, ein Monat und zwei Tage.

Viktor musste nicht auf den alten Abriss-Kalender in der Küche schauen. Er wusste es. So viel Zeit war vergangen, seitdem er das letzte Mal einen Fuß auf Parkum gesetzt hatte. Die Zimmerdecke hatte seit langem keine Farbe mehr gesehen. Genauso wie der vom Ruß verfärbte Kaminsims. Doch etwas anderes war damals in Ordnung gewesen.

Sein Leben.

Denn Josy hatte ihn hierher begleitet, auch wenn die Krankheit ihr in jenen letzten Oktober-Tagen bereits alle Kraft geraubt hatte.

 

Viktor setzte sich auf das Ledersofa, verband den Laptop mit dem Aufladegerät und versuchte, nicht an das Wochenende vor dem Schicksalstag zu denken. Erfolglos.

Vier Jahre.

Achtundvierzig Monate, die ohne ein Lebenszeichen von Josy vergangen waren. Trotz mehrerer Großfahndungen und bundesweiter Aufrufe an die Bevölkerung durch die Medien. Selbst eine zweiteilige TV-Sondersendung hatte keine vernünftigen Hinweise ergeben. Trotzdem weigerte sich Isabell, ihre einzige Tochter für tot erklären zu lassen. Aus diesem Grund war sie auch gegen das Interview gewesen.

»Es gibt nichts abzuschließen«, hatte sie ihm kurz vor der Abfahrt gesagt.

Sie standen in der Kiesauffahrt ihres Hauses, und Viktor hatte bereits das Gepäck in dem schwarzen Volvo-Kombi verstaut. Drei Koffer. Einen für seine Kleidung, die beiden anderen gefüllt mit allen Unterlagen, die er seit dem Verschwinden seiner Tochter gesammelt hatte: Zeitungsausschnitte, Protokolle und natürlich die Berichte von Kai Strathmann, dem Privatdetektiv, den er engagiert hatte.

»Es gibt nichts, was du verarbeiten oder beenden musst, Viktor«, hatte sie insistiert. »Gar nichts. Weil unsere Tochter nämlich noch lebt.« Es war nur konsequent, dass sie ihn hier auf Parkum allein ließ und wahrscheinlich gerade in irgendeinem New Yorker Bürohochhaus an der Park Avenue in irgendeinem Meeting steckte. Das war ihre Art, sich abzulenken. Mit Arbeit.

Er zuckte auf dem schwarzen Sofa zusammen, als ein glühendes Holzscheit im offenen Kamin lautstark in sich zusammenfiel. Auch Sindbad, der die ganze Zeit unter dem Schreibtisch geschlafen hatte, fuhr erschreckt hoch und gähnte jetzt vorwurfsvoll die Flammen an. Der Golden Retriever war Isabell vor zwei Jahren auf dem Parkplatz am Strandbad Wannsee zugelaufen.

»Was fällt dir ein? Willst du etwa Josy durch einen Köter ersetzen?«, hatte er damals seine Frau in der Eingangshalle ihrer Villa angeschrien, als sie mit dem Tier nach Hause kam. Er war so laut gewesen, dass die Haushälterin im ersten Stock schnell ins Bügelzimmer verschwand.

»Wie sollen wir das Vieh denn deiner Meinung nach nennen? Joseph?«

Wie immer hatte Isabell sich auch in dieser Situation nicht provozieren lassen. Hatte ihrer hanseatischen Abstammung aus einer der ältesten Bankiersfamilien Norddeutschlands wieder alle Ehre gemacht. Lediglich ihre stahlblauen Augen verrieten ihm, was sie in diesem Augenblick gedacht hatte: »Wenn du damals besser aufgepasst hättest, wäre Josy jetzt hier bei uns und könnte mit diesem Hund spielen.«

Viktor hatte es begriffen, ohne dass sie einen Ton hätte sagen müssen. Und die Ironie des Schicksals wollte, dass sich das Tier vom ersten Tag an Viktor als Bezugsperson aussuchte.

Er stand auf, um in der Küche neuen Tee aufzugießen. In der Hoffnung auf ein zweites Mittagessen trottete Sindbad müde hinter ihm her.

»Vergiss es, Kumpel.« Viktor wollte ihm gerade einen freundschaftlichen Klaps geben, als er merkte, wie das Tier die Ohren anlegte.

»Was hast du?« Er beugte sich zu ihm runter und plötzlich hörte er es auch. Ein metallisches Schaben. Ein Klirren, das in ihm eine alte Erinnerung wachrief. Noch konnte er sie nicht einordnen. Was war das?

Viktor schlich langsam zur Tür.

Da. Wieder. Wie eine Münze, die auf Stein gekratzt wird. Noch mal.

Viktor hielt den Atem an. Und dann fiel es ihm ein. Es war das Geräusch, das er als kleiner Junge oft gehört hatte, wenn sein Vater von einem Segelausflug zurückkam. Es war das metallische, klirrende Geräusch, das ein Schlüssel erzeugte, der gegen einen Tonkrug schlug. Und es entstand, wenn sein Vater den Haustürschlüssel vergessen hatte und den Ersatzschlüssel unter dem Blumentopf am Eingang hervorholte.

Oder jemand anderes?

Viktor verkrampfte sich innerlich. Jemand war vor der Tür und kannte das Schlüsselversteck seiner Eltern. Und dieser Jemand wollte offenbar hinein ins Haus. Zu ihm.

Mit pochendem Herz schritt er die Diele entlang und spähte durch den Spion der schweren Eichenholztür. Nichts. Er wollte gerade die vergilbten Jalousien zurückziehen, um rechts neben der Haustür aus dem kleinen Fenster blicken zu können, als er es sich anders überlegte und noch mal durch das Guckloch an der Haustür hindurchsah. Entsetzt wich er zurück. Sein Puls raste. Hatte er das gerade wirklich gesehen?

Viktor spürte einen leichten Anflug von Gänsehaut auf seinen Unterarmen. Er hörte sein eigenes Blut in seinen Gehörgängen rauschen. Und er war sich ganz sicher. Kein Zweifel. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er ein menschliches Auge gesehen, das offenbar von draußen aus ins Innere des Strandhauses blicken wollte. Ein Auge, das er irgendwoher kannte, ohne genau sagen zu können, wem es gehörte.

Reiß dich zusammen, Viktor!

Er atmete tief durch und riss die Tür auf.

 

»Was wollen …?« Viktor brach mitten im Satz ab, den er lautstark der unbekannten Person auf seiner Schwelle hatte entgegenschleudern wollen, um ihr einen gehörigen Schrecken einzujagen. Aber da war niemand. Weder auf seiner Holzveranda noch auf dem Gehweg zur etwa sechs Meter entfernten Gartenpforte noch auf der unbefestigten Sandstraße, die zum Fischerdorf führte. Viktor stieg die fünf Stufen zum Vorgarten hinunter, um unter den Vorbau der Veranda zu schauen. Hier hatte er sich als kleiner Junge immer vor den Nachbarskindern beim Spielen versteckt. Doch selbst im Dämmerlicht der langsam untergehenden Nachmittagssonne konnte er noch gut erkennen, dass außer einigen welken Blättern, die der Wind hierher geweht hatte, nichts und niemand da war, um ihn und seine Ruhe zu stören.

Viktor fröstelte etwas und rieb sich die Hände, während er die Treppe wieder hinaufeilte. Der Wind hatte die hellbraune Eichentür fast von alleine zugeschlagen, und Viktor musste sich anstrengen, sie trotz des heftigen Windzuges zu öffnen. Er hatte es gerade geschafft, als er mitten in seiner Bewegung innehielt.

Das Geräusch. Schon wieder. Es klang etwas weniger metallisch und heller, aber es war wieder da. Und dieses Mal kam es nicht von außerhalb. Es kam aus dem Wohnzimmer.

Wer immer hier auf sich aufmerksam machen wollte, stand nicht mehr vor der Tür. Er war bereits im Haus.

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3. Kapitel

Viktor schlich langsam durch den Flur in Richtung Kaminzimmer und suchte dabei nach geeigneten Geräten für seine mögliche Verteidigung.

Sindbad war ihm im Notfall keine Hilfe. Der Retriever liebte Menschen so sehr, dass er einen Einbrecher wahrscheinlich zum Spielen auffordern würde, anstatt ihn zu verjagen. Und im Moment war der Hund sogar so faul, dass er von dieser Störung gar keine Notiz nahm und offenbar ins Wohnzimmer zurückgetrottet war, während sein Herrchen draußen nach dem Rechten gesehen hatte.

»Wer ist da?«

Keine Antwort.

Viktor rief sich ins Gedächtnis, dass es seit 1964 kein Verbrechen mehr auf der Insel gegeben hatte, und der aktenkundige Vorgang von damals war auch nur eine harmlose Wirtshausschlägerei gewesen. Allerdings beruhigten ihn diese Fakten jetzt nur wenig.

»Hallo? Ist da wer?«

Er schlich mit angehaltenem Atem so vorsichtig wie möglich die Diele entlang zurück zum Kaminzimmer. Obwohl er sich bemühte, möglichst geräuschlos zu sein, ächzte das altersschwache Parkett bei jeder Gewichtsverlagerung. Die Ledersohlen seiner Budapester taten ihr Übriges.

Warum schleiche ich eigentlich, wenn ich gleichzeitig laut rufe?, fragte er sich. Seine Hand hatte fast die Klinke der Tür zum Wohnzimmer erreicht, als diese plötzlich nach innen aufgezogen wurde. Viktor war so paralysiert, dass er vor Schreck vergaß aufzuschreien.

 

Er wusste nicht, ob er erleichtert oder wütend sein sollte, als er sie sah. Erleichtert darüber, dass der Eindringling eine hübsche, zierliche Frau war und kein grobschlächtiger Schläger. Oder wütend darüber, dass sie es wagte, am helllichten Tage Hausfriedensbruch zu begehen.

»Wie sind Sie hier reingekommen?«, fragte er laut. Die blonde Frau auf der Schwelle zwischen Kaminzimmer und Flur schien weder verlegen noch verunsichert.

»Die Tür zum Strand stand offen, als ich von außen geklopft habe. Es tut mir Leid, wenn ich Sie störe.«

»Stören?«

Viktor war aus dem lähmenden Zustand der Angst erwacht und musste sich Luft machen, indem er die Unbekannte anfuhr.

»Sie stören nicht, nein, Sie haben mich zu Tode erschreckt!«

»Das tut mir …«

»Und Sie lügen auch«, schnitt Viktor ihr das Wort ab und drängte an ihr vorbei ins Wohnzimmer.

»Ich habe die Hintertür seit meiner Ankunft nicht geöffnet.«

Zwar habe ich sie auch nicht kontrolliert, aber diese Information brauchst du ja nicht zu wissen, dachte Viktor, während er sich vor den Schreibtisch stellte und seinen ungebetenen Gast musterte. Irgendetwas an ihr kam ihm bekannt vor, obwohl er sich sicher war, sie noch nie zuvor persönlich getroffen zu haben. Sie war etwa einen Meter fünfundsechzig groß, hatte schulterlange, blonde Haare, die sie zum Zopf gebunden trug, und sie war schrecklich dünn. Trotz ihres Untergewichts erschien sie jedoch keinesfalls androgyn, was schon ihre ausladenden Hüften und die wohlgeformten Brüste verhinderten, die sich unter ihrer Kleidung abzeichneten. Mit ihrer vornehm blassen Haut und den schneeweißen Zähnen sah sie eher aus wie ein Fotomodell. Jedoch war sie dafür nicht groß genug. Viktor hätte sonst vermutet, dass sie sich auf der Insel verlaufen hatte und ihn gleich nach dem Weg zum Strand fragen würde, wo sie in einem TV-Werbespot mitspielen wollte.

»Ich lüge nicht, Dr. Larenz. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht ein einziges Mal gelogen, und ich werde in Ihrem Haus nicht damit beginnen.«