Die Thronfolgerin - Mara Bähler - E-Book

Die Thronfolgerin E-Book

Mara Bähler

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Beschreibung

Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass deine Mutter in Wirklichkeit gar nicht deine wahre Mutter ist? Was würdest du tun, wenn du vor unmögliche Herausforderungen gestellt wirst? Elijah Cavanaugh reist von da nach dort, trifft Menschen, die möglicherweise ihren Tod wollen und vertrauen kann sie in diesen Welten niemandem. Und doch tut sie es.

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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 1

Um punkt halb acht meldete sich mein Wecker. Ich gähnte als allererstes, bevor ich dann langsam von meinem Bett hinunterstieg und meine nackten Füsse den kalten Plattenboden berührten.

Der Geruch von frisch gekochtem Rührei, Pfannkuchen und Honig drang in mein Zimmer. Wir frühstückten immer um diese Zeit, da wir sonst kaum mit meinem Bruder Kyle essen konnten. Er musste oft sehr früh raus, da er eine Ausbildung als Pilot absolvieren wollte.

«Elijah? Bist du schon wach?», hörte ich die sanfte Stimme meiner Tante von der Küche aus.

«Ja!», rief ich ihr zurück und zog meine grauen Jogginghosen und einen khakigrünen Hoodie an. Unten war der Tisch im Wohnzimmer gedeckt und Kyle sass da, sein Handy in der einen, einen Kugelschreiber in der anderen Hand.

«Morgen Kyle», sagte ich, gut gelaunt.

«Hi», murmelte er und schrieb zügig in einem kleinen Block. Als Maggie mit dem Rührei zu Tisch kam, erhob sich Kyle.

«Ich muss los.» Ehe jemand von uns noch was sagen konnte, war er aus dem Haus.

«Schade. Jetzt habe ich extra für ihn Speckwürfel hineingemischt», sagte Maggie und setzte sich neben mich. Ich fuhr ihr über den linken Arm und grinste.

«Du kennst ihn doch.» Gemeinsam assen wir zu Ende. Ich half ihr, das Geschirr abzuwaschen und aufzuräumen.

«Geh lieber und pack dein Schulzeug zusammen. Sonst kommst du noch zu spät», sagte sie und zwinkerte. Ich huschte in mein Zimmer und holte meine Tasche. Meine Schulstunde begann erst um halb neun, da ich die vorherigen Kurse nicht belegen musste. Draussen war es immer noch kühl und schwacher Nebel lag in der Luft. Ich war fünf Minuten zu spät bei der Bäckerei. Jolie, meine beste Freundin, stand bereits dort. Ihr rothaariger Bob schimmerte kupferfarben in der Sonne und sie lächelte mir zu.

«Hey», sagte sie und klopfte mir auf die Schulter.

«Tut mir leid. Ich habe Maggie noch ein wenig in der Küche geholfen», erklärte ich und gemeinsam gingen wir weiter. Ich kannte Jolie seit ich mit meinem Bruder nach Margate gezogen war. Das war, als ich in die erste Klasse kam.

«Kein Problem. Sag mal, hast du mit deiner Tante gesprochen? Du weisst schon…» Ich wusste tatsächlich, was sie meinte.

«Nein. Ich befürchte, sie würde es mir nicht erlauben», ich seufzte bei diesem Gedanken.

«Überzeuge sie. Sie weiss doch schon, wie viel es dir bedeuten würde, oder?» Ich antwortete nicht. Ich hatte wirklich kaum mit Maggie darüber gesprochen und ich hatte langsam das Gefühl, dass sie versuchte, mir diesen Gedanken auszutreiben. Mein Wunsch war es, meine Mutter zu besuchen. Ich hatte sie seit neun Jahren nicht mehr gesehen und Kyle und Maggie wichen mir immer aus, wenn ich dieses Thema ansprach. Das Einzige, was sie mir preisgaben war, dass sie in einer Art Herberge wohnte, irgendwo in London.

«Elijah?», Jolie riss mich aus meinen Gedanken und wir waren bereits bei der Schule angekommen. Ich schenkte ihr ein gezwungenes Lächeln. Jolie war selbstsüchtig, also wird sie es kaum bemerkt haben.

«Ja, natürlich», sagte ich und gemeinsam gingen wir auf das Hauptgebäude zu. Ich ging schon viel zu lange auf diese Schule und ich hätte mir schon vor einem Jahr darüber Gedanken machen sollen, was ich danach gerne tun wollte. Bis jetzt hatte ich mich immer davor gedrückt, mir Gedanken über dieses Thema zu machen. Es ist einfach noch zu früh, sagte ich mir immer wieder.

«Ich gehe noch kurz in die Bibliothek, ein Buch zurückbringen», sagte ich und rauschte davon, ohne dass es Jolie gross gemerkt hätte. Ich mochte sie, wirklich. Aber es wäre schon ab und zu schön, eine Freundin zu haben, die zuhören kann. In meiner alten Schule damals hatte ich mehr Freunde als nur Jolie und ich hatte auch viel mehr mit ihnen gemacht als heute.

In der Mittagspause verbrachte ich meine Zeit unter einem Lindenbaum und las. Ich liebte es zu lesen. Es half mir, mich eine Weile von der Realität zu verabschieden. In meinem Buch ging es um einen Jungen, der seine Familie wiederfinden wollte. Es war so gut geschrieben, dass ich das Buch bereits zum vierten Mal las.

«Hey, Elijah.» Jolie setzte sich neben mich.

«Hi», sagte ich und klappte mein Buch zusammen, so dass Jolie ein bisschen zusammenschrak.

«Warum liest du eigentlich immer solch dicke Bücher? Du weisst schon, dass es I-Book gibt, oder?», fragte sie ernsthaft und ich musste lachen. «Klar weiss ich das. Aber es gibt mir ein besseres Gefühl, wenn ich ein Buch in der Hand halten kann und die Seiten blättern kann, anstelle von rauf und runter streichen.»

«Anderes Thema.» Sie setzte sich vor mich hin und hüstelte drei Mal.

«Da steht ein Typ, der dich schon die ganze Mittagspause über beobachtet hat», ich sah mich um und erkannte hinter ihrem roten Haarschopf tatsächlich einen Jungen, der direkt in unserer Richtung guckte. Er hatte dunkelbraunes, wuschiges Haar, blaue Augen und einen kräftigen Körper.

«Wer ist das?», wollte ich wissen und sah Jolie an, wie sie wild mit ihren Händen herumfuchtelte und quietschte.

«Er geht hier noch nicht sehr lange zur Schule, oder?»

«Das ist ja das witzige Elijah. Er geht hier überhaupt nicht in die Schule», sie lachte und ich sah sie an.

«Bitte? Was macht er denn hier?», sie zuckte nur ganz leicht mit den Schultern.

«Wenn das jemand wüsste», verträumt setzte sie sich wieder neben mich. Am Nachmittag fiel mein Unterricht aus, da meine Lehrerin krank gemeldet wurde. Auf dem Nachhauseweg legte ich meine Kopfhörer ein und summte leise mit. Ich hörte immer Musik, sobald ich konnte. In der Schule war es nicht erlaubt.

«Wie war dein Schultag?», fragte mich Maggie und diese Frage stellte sie mir immer, wenn sie auf etwas Bestimmtes hinauswollte. Wie mein Schultag wirklich war, interessierte sie eigentlich nicht, da er immer genau gleich ausfiel.

«Ich habe mir immer noch keine Gedanken gemacht, nein», antwortete ich automatisch und warf meine Tasche zwischen das Schuhregal.

«Elijah ich bin langsam wirklich überfordert mit dir», sagte sie erschöpft.

«Ich habe dir einen Platz im Supermarkt angeboten aber nicht einmal den hast du angenommen.» Ich wusste, es wäre ziemlich dumm, im selben Geschäft wie meine Tante zu arbeiten. Jedenfalls für mich.

«Ist ja schon gut», sagte ich und tätschelte ihr den Arm.

«Nein, ist es nicht. Jetzt möchte ich, dass wir dieses Thema gemeinsam diskutieren und eine Lösung finden.» Das war ein eindeutiges Machtwort und das wusste ich.

«Ich habe dir bereits den Vorschlag mit dem Supermarkt gemacht, aber da du dies ja nicht willst, habe ich mir überlegt, dass du doch auf ein Internat in London gehen könntest.» Sie lächelte und hoffte offenbar, ich sei zufrieden damit doch mir klappte der Kiefer runter und es fühlte sich an, als würden meine Augenäpfel jeden Moment rauskullern.

«Ein Internat? In London? Geht’s noch?», erwiderte ich und sie seufzte schwer.

«Was willst du dann? Sag es mir! Ich weiss einfach nicht mehr weiter mit dir…» Das war eine gute Frage. Was wollte ich? Ich wusste es nicht. Und wenn ich ehrlich war, hatte ich auch keine Lust, darüber nachzudenken. Warum sollte ich so leben wie Kyle? Keine Freunde, immer im Stress… wer will das schon.

«Ich sag dir jetzt was junge Dame. Wenn du bis Ende der Woche keine brauchbare Idee gefunden hast, melde ich dich einfach an. Egal, was du davon hältst.» Sie stand auf und ging in den Garten. Die Diskussion war nun definitiv beendet und ich hatte verloren. Ich wollte sofort Jolie anrufen und ihr davon erzählen doch irgendetwas hielt mich davon ab. Vielleicht weil sie eine wirklich miserable Zuhörerin war. Ich dachte nach und kam zu dem Entschluss, dass ich Maggie überzeugen musste. Drei Atemzüge später stand ich neben ihr, stumm wie ein Fisch.

«Was ist?», fragte sie grob. Wahrscheinlich war sie immer noch genervt, weil ich nichts fand.

«Ich möchte sie besuchen», schoss es aus mir heraus, bevor ich überhaupt nachdenken konnte, was ich sagen sollte.

«Nein. Kommt nicht in Frage», sagte sie knapp und widmete sich wieder ihrem Buch. Das Lesen hatte ich eindeutig von ihr.

«Bitte», flehte ich sie an, obwohl es gar kein richtiges Flehen war. Darin war ich noch nie gut.

«Nein», wiederholte sie, doch ich wollte noch nicht aufgeben.

«Sag mir einen brauchbaren Grund», ich betonte dieses Wort sehr, da sie es vorhin auch benutzt hatte.

«Sie will dich nicht sehen», sagte sie und mit jedem weiteren Satz klang ihre Stimme zerbrechlicher.

«Das kannst du nicht wissen», ich wollte diese Tatsache einfach nicht wahrhaben. Immer und immer wieder hatte sie mir genau das eingeredet und ich hatte mich immer wieder geweigert, es zu glauben.

«Vertrau mir Elijah. Sie will niemanden von uns allen sehen», sagte sie tonlos und liess ihr Buch so laut zusammenschnappen, dass ich erschrak.

«Warum will sie denn niemanden sehen?», wollte ich wissen und ich spürte, dass ich der Wahrheit immer näherkam.

«Genug! Ich möchte nie wieder etwas von ihr in diesem Haus hören. Hast du mich verstanden?», sie liess mich im Garten zurück und verschwand in ihrem Schlafzimmer. Ich wollte schreien, wenn sie sich jeweils so verhielt. Sie verschwand dann immer in ihrem Schlafzimmer und kehrte erst zurück, wenn sie sich völlig beruhigt hatte.

Als Kyle am späteren Abend nachhause kam, versauerte Maggie immer noch in ihrem Schlafzimmer. Ich hatte für mich eine Pizza bestellt und gab die Reste Kyle.

«Wo ist Maggie?», er wusste, dass etwas vorgefallen war, denn ansonsten hätte er einen Auflauf oder ähnliches zu essen bekommen. Maggie ist eine sensationelle Köchin und es überraschte mich immer wieder, dass sie keinen anderen Weg in ihrer Berufslaufbahn eingeschlagen hatte. Sie wäre wahrscheinlich weit gekommen.

«Sie vertrocknet in ihrem Schlafzimmer», ich lachte, fand es aber nicht wirklich lustig.

«Was hast du getan?», fragte er streng.

«Ich? Ich habe gar nichts getan! Sie warf mir vor, dass ich immer noch nichts gefunden habe und jetzt will sie mich auf ein Internat in London schicken!», verteidigte ich mich und erhob mich. Ich hätte auch auf die Couch stehen können, Kyle wäre immer noch grösser gewesen. Sein dünner und langer Körper sah mager aus und seine braunen Haare waren völlig verschwitzt.

«Das mit dem Internat war meine Idee», er machte eine kurze Pause, «sie hat völlig Recht, dich ein wenig unter Druck zu setzten. Schliesslich unternimmst du ja wirklich nichts.» Er nahm ein Kokosnussjoghurt aus dem Kühlschrank und lehnte sich gegen eine saubere Ablagefläche.

«Deine Idee? Dein Ernst? Ich dachte, du wärst mein Bruder! Ach und so nebenbei, ich habe sie auch noch gefragt ob wir sie besuchen können», er starrte mich entsetzt an. So entsetzt hatte ich ihn schon lange nicht mehr gesehen. Einmal, als ich aus Versehen seine Arbeitsmappe in den Kehricht geworfen hatte.

«Warum?», fragte er dann nur obschon ich mit einem riesen Wutausbruch mit Fäusten oder so gerechnet hatte.

«Warum», wiederholte er, «wie unklug kannst du, kleine Schwester, eigentlich sein? Sie zu besuchen wäre dein glattes Todesurteil», er ass seinen Kokosnussjoghurt zu Ende und wartete auf meine Antwort.

«Warum stellt ihr sie immer so in den Schatten! Vielleicht ist sie ja mittlerweile ganz anders, als ihr immer vorgebt zu wissen. Ihr habt sie ja selbst nicht mehr besucht», ich wollte sie einfach so gerne wiedersehen.

«Du hast jegliche Erinnerungen an sie verloren, also lass sie auch verloren sein.» Er ging hoch in sein Zimmer und würde wahrscheinlich die ganze Nacht durcharbeiten. Ich wunderte mich, dass er noch nie zusammengebrochen war.

«Doch! An etwas kann ich mich erinnern!», schrie ich ihm zu und er hielt abrupt inne.

«Das wäre?», er sah mich hoffnungslos an.

«Dass sie unsere Mutter ist», meine Stimme hörte sich ziemlich leise und unsicher an.

«Sie war unsere Mutter, Elijah,» und mit diesem Satz liess er mich alleine zurück.

Kapitel 2

Tags darauf schien Maggie alles wieder vergessen zu haben und tat so, als wäre gestern nichts vorgefallen. Ich allerdings sah das anders. Sie wollte mit mir nicht zu meiner Mutter fahren, also wollte ich auch nicht mit ihr reden. Das mochte egoistisch klingen, aber es lag mir echt am Herzen, sie zu besuchen. Als ich fertig geduscht und mich angezogen hatte, trödelte ich ins Wohnzimmer. Maggie stand wie jeden Morgen in der Küche und bereitete das Frühstück vor, doch ich ging geradewegs an ihr vorbei und verliess das Haus. Ich fühlte mich schon ein wenig schlecht, denn sie tat wirklich alles für mich. Auf dem Weg zur Schule legte ich wieder meine Kopfhörer ein und versank in den Melodien der Musik.

«Elijah Cavanaugh, hab ich recht?», jemand stupste mich von hinten an und ich drehte mich erschrocken um. Ich nahm meine Kopfhörer raus und starrte den Jungen an.

«Keine Panik», sagte er und schmunzelte.

«Wer bist du?», fragte ich ernst. Vielleicht ein wenig zu ernst.

«Das ist nicht wichtig. Ich musste nur sichergehen, dass du Elijah Cavanaugh bist», er zwinkerte mit seinem dunkelblauen Auge, dass mich tatsächlich ein wenig verwirrte. Als ich mich wieder gefangen hatte, war er weg, einfach so. Er war nicht an mir vorbeigelaufen oder etwa umgekehrt, er war einfach weg.

In der Schule verbrachte ich die Zeit in der Bibliothek und meine Gedanken gingen wieder zu dem Jungen. Er kannte mich, woher auch immer, aber ich ihn nicht. Ich mochte sowas nicht. Er schien mich ziemlich gut zu kennen, denn sonst hätte er nicht so überzeugt geklungen, als er nach meinem Namen gefragt hatte. Seine dunkelbraunen, wuschigen Haare lagen einfach perfekt und mit seinen blauen Augen sah das richtig gut aus. Ich wusste nicht, was ich von ihm halten sollte. Er sah nett aus, doch der äussere Schein konnte auch trügen.

«Elijah? Die Bibliothekszeit ist um», die Bibliothekarin tippte mir sanft auf die Schultern und lächelte mich an. Ich warf einen raschen Blick auf meine Armbanduhr. Meine Lektion endete vor fünfzehn Minuten. Ich packte schnell meine Sachen zusammen, schüttelte ihr die Hand und rannte los. Warum ich rannte, blieb mir ein Rätsel denn ich hätte es nicht eilig gehabt.

«Ich habe gekocht», Maggie sah mich barmherzig an und hielt die Pfanne ein wenig nach oben. Ich musste mich sehr zusammenreissen, um nichts zu sagen.

«Elijah bitte komm wieder runter», sagte sie, als ich bereits die zweitletzte Treppenstufe in Angriff nahm.

«Ich kann dir diesen Gefallen nicht erfüllen, Elijah. Bitte akzeptiere es», sie lächelte und bevor sie die Pfanne hinstellte, war ich wieder auf dem Weg nach oben. Ihr blieb nichts anderes übrig. Hätte sie «Ja» gesagt, wäre alles seinen alten Lauf gegangen, aber da sie nicht einwilligte, konnte ich einfach nicht mit ihr reden.

«Hallo?», Jolie hatte angerufen.

«Wo warst du?», fragte sie aufgebracht.

«In der Schule. Weswegen?» Ich warf mich auf mein Bett und atmete schwer.

«Weil dieser Typ dich gesucht und mich gefragt hat, wo du steckst», sagte sie und klang irgendwie anders dabei.

«Er hat mich gefunden», antwortete ich und wollte auflegen, doch wenn Jolie einmal telefonierte, würde das Gespräch mit gut Glück am nächsten Tag beendet sein. Sie erzählte von ihren Schulstunden, von einem Mädchen, das ich nicht kannte, von ihrer Familie, von ihrer Katze die anscheinend Haarausfall hatte und von ihrem zukünftigen Beruf. Das traf mich eiskalt und ich erinnerte mich mit Schrecken, dass ich mir Gedanken hätte machen sollen, was für einen Beruf ich lernen wollte oder ich landete in einem Internat. Die Woche war bald um und ich war mir fast hundertprozentig sicher, dass Maggie die Formulare bereits eingeschickt hatte.

«Maggie!», schrie ich, warf mein Smartphone beiseite und stürmte die Treppe hinunter.

«Was denn?», sie sass alleine am Tisch und häufte sich Reis auf den Teller.

«Wo sind die Formulare?», fragte ich aufgebracht und wirbelte herum. Ich suchte in den kleinen Schränken und in den Regalen, unter dem Fernseher und hinter dem Sofa.

«Welche Formulare?», in solchen Momenten wurde mir immer wieder klar, dass Maggie älter war als meine Mutter.

«Die Formulare für das Internat!», rief ich vom anderen Ende des Wohnzimmers.

«Nun ja…», murmelte sie und ich befürchtete das Schlimmste.

«Du hast sie nicht abgeschickt», sagte ich warnend und schluckte.

«Nein. Noch nicht. Ich habe dir gesagt, am Ende der Woche und das ist übermorgen», sie zwinkerte, genauso wie es der Junge getan hatte.

«Schick sie nicht ab!»

«Finde einen Beruf.»

«Fahr mich zu Mom!»

«Erwähne sie nie wieder in diesem Haus!», und die Diskussion war beendet.

«Was habt ihr alle für ein heftiges Problem mit ihr!», fluchte ich und stampfte die Treppe hoch, so dass ich befürchtete sie würde zusammenbrechen. Ich schlug meine Zimmertür zu. Das tat ich immer, wenn ich übertrieben sauer war.

«Elijah!», rief mir Maggie nach. Sie hasste es, wenn man die Tür zuknallte.

«Elijah», äffte ich sie nach und zog dumme Fratzen. Ich würde es schon hinkriegen, sie zu überreden. Ich hatte es mir als Ziel gesetzt und grundsätzlich erreichte ich meine Ziele immer. Ich lag auf meinem Bett und atmete schwer ein und aus. Am liebsten wäre ich einfach losgefahren aber ich hatte keine Ahnung wohin. Ich mochte ein anstrengendes Kind für Maggie sein, aber sie hätte es ganz leicht, wenn sie nur ein einziges, einfaches Wörtchen sagen würde. Ich verweilte in meinem Zimmer und grübelte nach, wie ich sie am besten dazu bringen konnte, mit mir hinzufahren. Kyle stand auch völlig auf ihrer Seite, was bedeutete, ich musste das allein hinkriegen.

«Elijah ich geh arbeiten», rief sie mir zu doch ich gab keine Antwort. Immer wenn sie arbeiten ging und ich keine Schule hatte ging ich an den Strand. Mit dem Rad waren es etwa zehn Minuten. Ich packte sofort meine Tasche mit Badekleid und Strandtuch zusammen und strampelte los. Normalerweise hätte ich Jolie gefragt, ob sie Lust hätte mitzukommen. Normalerweise.

Der Strand war menschenleer. Viele Schüler waren noch in der Schule und die Erwachsenen arbeiteten. Ich genoss es immer, wenn ich praktisch den ganzen Strand für mich alleine hatte. Ich zog mich in einer der Strandkabinen um und breitete mein Strandtuch im feuchten Sand aus. Ich ging selten ganz ins Wasser. Meistens hielt ich nur meine Zehen hinein und genoss die wunderbare Sicht. Es gab Tage, an denen mich das Meer in seinen Bann zog und ich nicht widerstehen konnte, dem Horizont entgegen zu schreiten. Es war ein angenehmes Gefühl, wenn die kleinen Wellen sanft um meine Beine schlugen. Für mich war es ein Gefühl der Freiheit. Schritt für Schritt liess ich mich von dem weichen Sand tragen, bis ich nicht mehr stehen konnte. Es war das Meer, die frische Luft und der Geruch nach Salz, was mich glücklich machte. Ich wusste es. Ich liess mich von den Wellen treiben und vergass alle Sorgen. Ich dachte nicht einmal mehr daran, Maggie zu überreden. Es war in diesem Moment einfach nicht mehr wichtig. Ich hatte keine Ahnung wie lange ich im Wasser treiben liess, aber als ich zurück auf meinem Strandtuch war, blinkten drei verpasste Anrufe von Maggie auf meinem Handydisplay. Ich verdrehte die Augen, rief sie aber nicht zurück. Ich würde erst nachhause gehen, wenn ich müde war oder Hunger hatte. Eigentlich wusste sie, dass ich es immer so machte. Als sich der Strand nach und nach langsam mit Menschen füllte, verzog ich mich. Die Kinder waren mir zu laut und die bunten Sonnenschirme versperrten mir die Sicht auf die angenehme Weite des Meeres. Ich packte mein Zeugs zusammen und trampelte die Düne hoch. Dort stand auch immer noch mein Rad. Hier musste sich keiner Gedanken machen, dass etwas gestohlen wurde. Zuhause war ich noch allein, Maggie immer noch bei der Arbeit und Kyle war irgendwo in der Schule. Ich dachte scharf nach. Übermorgen schon musste ich wissen, was ich später nach der Schule tun wollte und ich wusste es einfach nicht. Ich hatte das mulmige Gefühl, dass ich schon bald auf dieses Internat gehen würde. Aber was brachte es mir dann, wenn ich dort hinging? Mehr Zeit? Was, wenn ich in dieser Zeit immer noch nichts fand? Ich war nicht die Art von Mädchen, die sich sofort mit anderen anfreundete. Es dauerte immer eine Weile, bis ich mich jemandem öffnete. Aber ich würde nicht auf dieses Internat gehen, bevor ich nicht bei meiner Mutter war. Später am Abend erschien Maggie wieder und sah ziemlich erschöpft aus.

«Wie war dein Tag?», fragte sie abwesend.

«Warum hast du mich dreimal versucht zu erreichen?», sie hasste Gegenfragen.

«Ich wollte wissen, wo du bist», antwortete sie knapp und schnappte sich eine Vanillejoghurt.

«Ich war am Strand. Wie immer nach der Schule», ich sah sie mit strengem Blick an, doch sie hatte schon lange aufgegeben.

«Ich geh schlafen», murmelte sie und schlurfte die Treppe hoch. Das Vanillejoghurt liess sie auf dem kleinen Tisch vor sich stehen.

Irgendetwas musste vorgefallen sein, denn sie war noch nie so dermassen erschöpft von der Arbeit gekommen. Ich wollte mein Buch zu Ende lesen, aber irgendetwas lenkte mich ab. Ständig dachte ich nach und verlor den Faden. «Was ist bloss los mit dir Elijah?» Ich seufzte und liess das Buch zusammenschnappen. Vielleicht sollte ich einfach mal früher zu Bett gehen und in Ruhe ausschlafen. Kyle betrat das Wohnzimmer kurz vor Mitternacht und erschrak als er mich auf der Couch vorfand.

«Solltest du nicht schon längst im Bett sein?», fragte er streng und schaltete den Fernseher aus. Ich war zu müde um zu antworten.

«Was ist nur los mit dir, Elijah?», bohrte er weiter und räumte die Unordnung beiseite, die ich veranstaltet hatte. Zu meinem Glück auch das Vanillejoghurt.

«Ich will zu Mom», würgte ich hervor und versuchte meine Augen offen zu halten.

«Was muss man tun, damit du endlich begreifst, dass du nicht zu ihr gehen kannst?», er klang nicht verärgert oder gestresst. Das beruhigte mich.

«Mich zu ihr zu bringen», antwortete ich lahm, «erst dann weiss ich wirklich, warum ich nicht zu ihr gehen sollte.» Er schüttelte sanft seinen Kopf und half mir hoch. Auch wenn er Maggie viel mehr unterstützte als mich, war er immer noch mein Bruder.

Maggie weckte mich zwei Tage später ziemlich grob auf. Ich wusste genau warum.

«Ich hab die Anmeldungen verschickt», sagte sie launisch, während sie meine Vorhänge auseinanderzog. Ich begriff im Moment gar nicht wirklich, was sie gesagt hatte.

«Du wirst nach den Ferien dort erwartet», ich nickte und richtete mich auf. Heute war der letzte Schultag und ich war eigentlich ziemlich froh darüber. Anfang des Jahres hatte ich meine Zweifel, was die Sommerferien anbelangte, doch nun dachte ich ganz anders darüber. Irgendwie hatte diese ganze Internat Sache auch etwas Gutes an sich. Ich würde neue Leute kennenlernen und vielleicht hatte ich das sogar ziemlich nötig.

«Mach dich fertig. Ich hab ein Brot für dich auf dem Küchentisch liegen gelassen. Komm nicht zu spät», und weg war sie. Normalerweise bereitete sie immer Frühstück vor und liess mir genug Zeit um mich fertigzumachen. Heute schien sie es jedoch ziemlich eilig zu haben. Ich trödelte noch ein Weilchen herum bevor ich mich dann auf den Weg machte. Ich hatte beschlossen, das letzte Mal noch auf Jolie zu warten. Nach den Ferien fing sie eine Arbeit auf dem Flughafen an und ich würde sie wahrscheinlich kaum noch sehen.

«Ich bin hier seit dreissig Minuten. Nur um sicherzugehen das du mich nicht verpasst», ich lächelte und schenkte ihr eine kurze Umarmung. So haben wir es auch früher schon immer gemacht.

«Wie fühlst du dich?», fragte sie nach den ersten drei Metern und ich musste mich vergewissern, dass ich wirklich Jolie Bram vor mir hatte.

«Wie meinst du das?», ich sah sie verwirrt an.

«Wie es dir geht. Deine Tante hat die Anmeldungen verschickt und du wirst bald auf dieses Internat gehen. Da kommen doch gewisse Gefühle hoch, nicht?» Natürlich hatte sie Recht, was selten vorkam.

«Ich weiss es nicht. Es ist so merkwürdig, weisst du? Einerseits freue ich mich, andererseits aber habe ich auch riesen Respekt davor», sie nickte. Sie hatte mir tatsächlich zugehört.

«Jolie», sagte ich mit ernster Stimme und drängte mich vor sie hin, «ist mit dir auch alles in Ordnung?» Sie überlegte kurz und nickte dann.

«Warum nicht?», sie lächelte und ich glaubte ihr fürs erste. Sie brauchte keine Aufmerksamkeit dafür, dass es ihr schlecht ging. Die bekam sie auch so schon.

Nur weil es der letzte Schultag war, verlief er nicht anders als alle anderen. Man hatte gelernt wie am ersten Tag und sich verabschiedet als würde es nächste Woche wieder weitergehen. Das deprimierte mich ein wenig und gab mir einen Grund mehr, mich auf dieses Internat zu freuen. Viele meiner Klassenkameraden besuchten nochmals den Sportplatz oder die Bibliothek, einfach weil es das letzte Mal war. Ich allerdings hatte darauf keine Lust mehr. Jolie und ich gingen gemeinsam in ein Café in der Nähe der Schule.

«So», begann sie und trank den ersten Schluck ihres Kaffees.

«Scheint als hätten wir die Schulzeit endlich hinter uns.» Niemand von uns meldete sich eine Weile zu Wort. Wahrscheinlich realisierten wir beide nicht, wie schnell die Zeit doch tatsächlich vorbeiraste. Unsere Wege würden sich trennen, vielleicht war es das, was uns beschäftigte.

«Bist du nervös?», fragte ich sie und brach die merkwürdige Stille.

«Nun ja… ein kleines bisschen vielleicht», ich nickte.

«Schick mir ein Foto, wenn ein Promi vorbeikommt», sagte ich und sie musste lachen. Das war mein Ziel.

«Werde ich, versprochen.»

Kapitel 3