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Das junge Mädchen Nayara Lynch lebt weit weg von ihrem Heimatdorf, in Frankreich. Amorta, das neidische und eifersüchtige Wesen ermordet alle glücklichen Menschen rund um Nayara. Kann Nayara Amorta aufhalten?
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Prolog
Elf Jahre später
Die Geschichten des Feuers
Grames Erscheinung
Adam
Mr. Tondus
Die Lynchs
Verfluchte Träume
Die Teufelswandlerin
Das Mädchen mit den schwarzen Haaren
Die Reise
Die unbekannte Schwester
Ein vielsagender Brief
Amorta
Die erschreckende Botschaft
Der Entscheid
Alles begann am 1. Juni 1994. Die Familie Lynch lebte in einem abgelegenen Haus im Wald von Hyperville.
Hyperville war ein verborgenes Tal, weit hinter Bergen und Hügeln, versteckt vor neugierigen Menschen und unerwünschten Gesellen.
Jeder kannte die Familie und deren Vorfahren. Man fürchtete sich oft vor ihnen, da es viele Gerüchte darüber gab, sie seien Mörder und hätten die bekannte Milads Miller getötet. Sie war eine wunderschöne Frau, von Ruhm und Reichtum übergossen und liess sich einst nieder in Hyperville. Zuerst verachtete man sie, da man nicht verstand, weshalb eine Frau aus feinstem Hause sich in einem schmuddeligen und alten Tal niederliess.
Später stellte sich heraus, dass sie einzig und allein Zuflucht suchte. Es war nicht sicher aus welchen Gründen eine Schönheit wie sie Zuflucht suchen musste, doch sie schien nicht weggehen zu wollen. Allmählich wurde es den Bewohnern von dem ganzen Stolz und der Arroganz, die sie zur Schau stellte, zu viel. Auch der Familie Lynch, die sich nur hie und da im Dorf aufhielt, wurde es zu mühsam. Sie waren die einzigen, die sich laut und deutlich darüber beklagten, dass Mrs Miller eingetroffen war. Es scherte sie nicht im Geringsten, dass andere Leute sie erschrocken und widerwillig anstarrten und langsam zu tuscheln begannen.
Wenige Wochen später hatte man Milads Miller tot im leeren Brunnen in der Mitte des kleinen Dorfes vorgefunden. Es war ein trauriger Anblick. Ihr schönes, gewelltes blondes Haar war mit Blut und Schmutz bekleckert, ihr sanftes, in hellem rosa gefärbtem Rüschenkleid zerrissen und zerfetzt. Schmuck und Accessoires waren allesamt verschwunden. Man wusste, dass sie nur echtes Gold an sich trug. Sie meinte, es wäre eine Schande, etwas Unechtes zu tragen.
Der Brunnen war tief. Es war kaum möglich, sie nach oben zu holen. Man hatte das Wasserholen im Brunnen schon vor langer Zeit aufgegeben und ging stattdessen runter zum See. Irgendwann aber, als sie nach mehr als sechzehn Stunden versuchten sie nach oben zu holen, gelang es ihnen endlich. Ihre blauen Augen waren ausgekratzt, ihr Gesicht war kaum mehr zu erkennen von all den Schnitten und Wunden die ihr zugefügt wurden. Es brach ein riesiger Tumult aus und jeder verdächtigte sofort die Familie Lynch. Die bekamen nichts mit von ihrem Tod und machten sich so noch verdächtiger.
Arnold Lynch, ein älterer, griesgrämiger Mann mit leeren Augen und mausgrauem Haar erschien einige Tage nach dem Vorfall im Dorf. Er stützte sich auf einen zerbrechlichen Gehstock und hielt mitten in der Menge der schimpfenden Leute an. Er starrte auf die daliegende Leiche und musterte sie genau. Er kümmerte sich jedoch nicht weiter darum und liess sie so liegen, wie sie war. Der Tumult brach wieder aus und sie verfolgten ihn. Einige glaubten, er wäre auf dem Weg jemand anderes umzubringen, stattdessen unternahm er einen gewöhnlichen Spaziergang.
Monate vergingen und niemand machte sich auch nur die geringste Mühe, die Leiche wegzuschaffen. Theorien kursierten, dass Arnold nicht mehr ins Dorf kommen wollte, da die Leiche noch hier lag und er keinen Verdacht auf sich lenken wollte. Der Grund aber war nur, dass er es widerlich fand, eine Leiche auf einem Dorfplatz liegen zu lassen, als wäre sie ein Stein. Und statt selber einige Einkäufe zu erledigen, schickte er seine Frau, Timela Lynch. Sie war ebenfalls sehr hübsch und vor allem noch sehr jung. Man erzählte, dass sie sehr neidisch auf Milads Miller gewesen war und deswegen an ihrem Mord mindestens beteiligt war. Sie versuchte, die anderen zu überzeugen, dass sie nichts damit zu tun hatte.
Auch aus ihren Einkäufen wurde bald nichts mehr. Man bewarf sie mit Steinen und beschimpfte sie für etwas, dass sie nicht getan hatte. Keiner der Lynchs kam mehr aus dem Haus. Arnold und Timela mussten ihre damals dreijährige Tochter Nayara davor beschützen, was auch immer kommen mochte.
Es dauerte kaum mehr eine Woche, als die Staatspolizei von der anderen Seite am 28. Dezember 1994 an der herausfallenden Holztür der Lynchs klopfte. Sie wussten genau, was ihnen bevorstand und liessen sich ohne jeglichen Protest abführen. Danach ging alles sehr schnell. Das Haus wurde sofort abgerissen und man bemerkte erst kurz bevor man eine riesige Metallkugel gegen das Haus schmetterte, dass darin noch eine kleine Dreijährige sass. Man alarmierte erneut die Staatspolizei, die dann sofort eintraf und das Mädchen mit ins Dorf nahm. Viele starrten sie mit grossen Augen und verächtlichen Blicken an. Man merkte, dass ihr unwohl dabei war. Einer der Polizeioffizier fragte in die Runde, ob jemand dieses Mädchen kenne, denn sie redete nicht.
Alle schüttelten den Kopf. Niemand schien sie jemals zuvor gesehen zu haben. Arnold und Timela schienen das Ganze gut bedacht zu haben. Der Polizeioffizier schaute sie fragend an und musterte sie genau. Im Hintergrund war nerviges und undeutliches Geflüster zuhören. Der Polizeioffizier beschloss, sie mitzunehmen, da sie hier niemand kannte. Man musste herausfinden, wer sie war und weshalb sie noch in diesem Haus gewesen war.
Durch den Vorfall mit dem Mädchen wurde der Abriss des Hauses unterbrochen. Man wusste, dass das Haus dem Mädchen gehörte und da sie nicht sprach und erst drei Jahre alt war, konnte man keine Entscheidungen darüber treffen, ob das Haus abgerissen werden sollte oder nicht.
Nayara Lynch, die mittlerweile vierzehnjährige, lebte weit weg von ihrem Heimatdorf. Sie wurde nach Frankreich in ein kleines Dorf nahe Paris gebracht und dort zu einer Pflegefamilie. Sie hatte dunkelbraune, gewellte Haare, dunkle Augen, ein schönes Lächeln und ein zufriedener Charakter. Sie ging ungern zur Schule, da sie unter dem Durchschnitt war und ihre Pflegeeltern deswegen Probleme bereiteten. Sie war ein Einzelkind.
Ihre Pflegemutter, Alice Henderson, war nicht zufrieden mit ihr. Sie fand, sie sollte mehr Leistung zeigen und sich mehr für die Schule, statt für anderes Zeug interessieren.
David Henderson, ihr Pflegevater, arbeitete täglich. Er war Journalist und bewegte sich leidenschaftlich gerne so viel er konnte. So war er kaum zuhause und Nayara verbrachte ihre Zeit, wenn nicht in der Schule, allein mit Alice.
Es war acht Uhr morgens. Wie üblich, wenn der Wecker klingelte, drehte sie sich um und versuchte weiter zu schlafen.
«Aufstehen!», höhnte Alice und stand auf dem Treppenabsatz.
«Komme», murmelte Nayara leise und begann sich zu recken.
Sie mochte die Art und Weise, wie Alice sie behandelte, nicht. Sie mochte ganz Frankreich nicht.
Alice wartete mit verschränkten Armen angelehnt am Türrahmen.
«Was hast du so lange gemacht? Angezogen bist du auch nicht!», bellte sie und gab ihr einen Klaps auf den Hinterkopf. Sie eilte zu Tisch und setzte sich deprimiert hin.
«Ich habe keinen Hunger», sagte sie matt und starrte auf den davorliegenden Toast im Teller.
«Iss. Du bist schon total mager!», meinte Alice und funkelte sie mit ihren grünen Augen an.
«Ich habe keinen Hunger», wiederholte Nayara und rührte keinen Muskel. Alices Augen verengten sich.
«Iss!», forderte sie nochmals und starrte sie mit einem wuterfüllten Blick an. Nayara liess sich das nicht gefallen, stand auf, verliess die Küche und marschierte geradewegs hoch in ihr Zimmer. Es war ihr egal, dass Alice höchst wahrscheinlich nach oben kommen würde um sie erneut zu zwingen, etwas zu essen, doch sie hatte erneut dieses Brennen im Magen, welches ihr in letzter Zeit immer öfter Beschwerden bereitete.
«Nayara!», schrie Alice und stampfte mit ihren Würstchenbeinchen die Treppe hoch.
«Ich habe keinen Hunger! Okay?», brüllte Nayara zurück, als sie auf den Flur gerannt kam.
«Ich werde jetzt in die Schule gehen und danach mit meinen Freunden abhängen», sagte sie, in etwas ruhigerem Ton.
«Welche Freunde?», fragte Alice provokativ mit einem breiten Lächeln.
«Hrmpf», machte Nayara und zwängte sich an ihrer Pflegemutter vorbei, die Treppe hinunter und hinaus in die kühle Morgenluft. Sie liebte jeden Moment, den sie auf dem Weg zur Schule verbringen konnte, denn nur auf diesem Weg war sie wirklich glücklich.
Freunde hatte Nayara wirklich keine. Viele wussten, dass sie ohne Eltern aufgewachsen war und dass sie nur bei Pflegeeltern lebte. Man kannte die Familie Henderson in der Umgebung. Sie waren ein griesgrämiges, charakterloses Ehepaar, das keine Kinder mochte. Man fragte sich heute noch, weshalb sie die damals Dreijährige aufgenommen hatten. Es blieb allen ein Rätsel.
Nayara erreichte ihr Klassenzimmer zehn Minuten nach Schulbeginn. Seit sie auf dieser Schule war, hatte sie es vielleicht drei Mal geschafft, pünktlich zu erscheinen. Die Lehrer meckerten auch nicht mehr, da sie sich offenbar daran gewöhnt hatten.
«Guten Tag», murmelte sie, als sie das Klassenzimmer zur Biologiestunde betrat. Sie hasste alle Fächer und insbesondere Biologie. Es interessierte sie nicht im Geringsten und deswegen scherte sie es auch nicht, zu spät zu kommen.
«Bonjour!», fauchte die Lehrerin und sah sie noch bissiger an als Alice heute Morgen. Nayara setzte sich an ihren Platz neben einem schwarzhaarigen Mädchen.
Dieses Mädchen schwieg den ganzen Tag. Niemand wusste, wie ihre Stimme klang. Ihr Blick richtete sich auf die schwarze Tafel, die mit weisser Kreide beschriftet war. Ihre Augen quollen hervor, so dass Nayara ein wenig an den rechten Tischrand rückte.
«Alles in Ordnung?», fragte Nayara, so wie sie es sehr oft tat, auch wenn sie wusste, dass keine Antwort zurückkam.
Du wirst verschwinden und niemand wird es wissen. Ich habe es erlebt, sei gewarnt.
Nayara las die beiden Sätze mehrmals durch. Das Mädchen glotze immer noch auf die Tafel.
«Was soll das?», flüsterte Nayara und bemerkte, dass sie Englisch konnte. Als Antwort bekam sie dieselben Sätze wieder zurück. Sie konnte sich nicht mehr konzentrieren.
Ihre Gedanken kreisten einzig und allein darum, was das Mädchen wohl damit gemeint hatte.
«Mademoiselle Lynch?», fragte die Lehrerin und starrte süss lächelnd zu Nayara.
«Je ne comprends rien», sagte sie und starrte wieder hinunter zum Zettel.
«Aber, aber! Du bist in Frankreich! Du solltest Französisch können!», versuchte die Lehrerin es auf Englisch.
«Gewiss», antwortete Nayara und verstummte wieder.
«Zum Schulleiter!», schrie die Lehrerin und wies mit dem verschwundenen süssen Lächeln und jetzt bissigem Blick zur Tür. Ohne Widerrede schlenderte Nayara zur Tür.
Ganz langsam.
«’Opp, ‘opp!» Nayara schaute zurück zum schwarzhaarigen Mädchen. Sie lächelte leicht, den Blick immer noch auf die Tafel gerichtet.
Die Flure waren menschenleer. Alle sassen in den langweiligen Schullektionen und hörten den Lehrern zu.
Nayara fand die Schule schon unnötig, als sie in der Grundschule war. Sie war schon immer der Meinung, dass sie es nicht nötig hatte, dass Wissen der Lehrer ebenfalls wissen zu müssen. Irgendwann bekam sie einen Zettel mit nachhause, auf dem etwas von Taktlosigkeit gestanden hatte. Ihre Pflegeeltern lehrten sie dann haargenau, warum sie das Wissen der Lehrer zu wissen bräuchte.
«Ich habe gehört, dass Sie in mein Büro kommen sollen», meinte Professor Morrow. Er kam ursprünglich aus Amerika, sprach jedoch mittlerweile so perfekt Französisch, dass man meinen konnte, er wäre ein waschechter Franzose.
«Richtig», antwortete Nayara matt.
«Weswegen?», fragte er, seine Hände zusammengefaltet.
«Keine Ahnung»
«Keine Ahnung?»
«Ja. Sie hat mich einfach hierhergeschickt.» Sie lehnte zurück und hoffte insgeheim, den ganzen Morgen hier bleiben zu können, auch wenn die Momente mit einem Schulleiter nicht die sind, die man sich eigentlich wünscht.
«Verstehe. Und Sie sind sich dabei ganz sicher?», er starrte sie leicht böse an. Nayara nickte schwach.
«Nun. Ich habe hier viele Dokumente über Sie», er drehte sich um und schnappte aus einer Schublade eine Beige von Blättern.
«Was sind das für Dokumente?», fragte Nayara und rückte nach vorne.
«Das…», begann er und knallte sie auf den Tisch, «das sind Dokumente, in denen berichtet wird, wie es mit Ihnen in der Schule zu und hergeht», er setzte sich wieder.
«Natürlich, super», sagte Nayara und sie wusste selber sehr genau, dass diese Aussage nicht einmal auf dem Mond korrekt wäre.
«Falsch!», brüllte er.
«Sie sind jeden Tag zu spät, erledigen Ihre Hausaufgaben nicht, konzentrieren sich nicht im Unterricht, sind mit den Gedanken immer woanders, ihre Eltern -», Nayara unterbrach ihn, bevor er weitersprechen konnte.
«Pflegeeltern», sagte sie betont.
«Ihre Pflegeeltern…», eine peinliche Stille trat ein. Sie musterte ihn scharf, er dachte nach.
«Es sind meine Pflegeeltern und sie werden es auch immer bleiben», sagte sie steif.
«Gewiss», murmelte Professor Morrow und packte die Dokumente weg.
«Ich gehe», sagte Nayara und stand auf.
«Miss Lynch! Sie werden diesen Raum erst verlassen, wenn ich es Ihnen gestatte!», schrie er ihr hinterher doch sie war bereits im Flur verschwunden.
Die Pause begann. Schüler rannten durch die Flure um pünktlich zur nächsten Lektion zu kommen. Nayara fragte sich jedes Mal, weshalb die solch einen Stress verbreiteten und somit andere ansteckten und schlussendlich die ganze Schule unter gestressten Schüler stand. Sie kicherte jedes Mal bei diesem Gedanken und dachte daran, dass sie die einzige war, die die Schule retten konnte, doch das wollte sie nicht tun.
Sie schlenderte und wankte hin und her. Es war ihr zum Sterben langweilig. Seit sie den Kindergarten zum letzten Mal besucht hatte, hing sie darin fest. Sie wollte nicht in die Realität ins Hier und Jetzt und liess alles so laufen, wie sie es gerne hätte. Es war ihr seit damals nicht gelungen, überhaupt etwas richtig zu lernen oder zu verstehen. Sie hing so sehr in der damaligen Zeit fest, dass sie nicht bemerkte, was tatsächlich um sie herum geschah.
Der Flur leerte sich schnell. Die Schüler verschwanden in den Klassenzimmern und lernten von Neuem. Nayara beschloss, die nächste Stunde nicht zu besuchen. Auch wenn ihre Pflegeeltern sauer sein würden, sie würde die nächste Stunde nicht besuchen.
Sie legte die Tasche in ihren Spinnt und verliess das Schulgebäude. Es tat ihr gut, draussen zu sein. Sie mochte es. Früher, bevor sie den Kindergarten besuchen musste, verbrauchte sie sehr viel Zeit draussen. Sie sammelte Pilze, malte mit Kreide oder ging in Wälder und besuchte Freunde. Sie liebte diese Erinnerungen und wollte sie nicht verlieren.
In der Nähe der Schule war ein Wald. Sie würde das erste Mal in diesen Wald gehen. Man hatte ihr geraten, keine ihr unbekannten Wälder einfach so zu betreten, da man nie wirklich wusste, welche Tiere sich darin versteckten.
Jedes Mal, wenn solche Aussagen von anderen Menschen gemacht wurden, sagte sie: «Ja, das weiss man wirklich nicht.»
Der Wald schien in einem satten Grün bis zu den Hügeln hinauf, wo sich Nayara befand. Lächelnd ging sie langsam auf ihn zu und betrachtete die hohen, dicken Bäume, die bis in den Himmel ragten.
«Wunderschön», murmelte sie und betrat den feuchten Waldboden. Wurzeln wucherten über die Wege und Blätter fielen hinunter. Dickes Gestrüpp zwängte sich zwischen den Bäumen hindurch und schuf sich freien Platz. Sie mochte die Wälder am allerliebsten. Es war eine angenehme Atmosphäre, eine erfrischende, kühle Luft aber dennoch warm, da hie und da das goldene Sonnenlicht zwischen den Baumkronen hindurch schien.
Sie behandelte die Wurzeln und die Bäume liebevoll. Ab und an strich sie mit glatter Hand über eine raue Rinde und lächelte oder sie hüpfte geschickt über eine Wurzel.
Drauftreten käme ihr nie in den Sinn.
«Schön, euch besuchen zu können», sagte sie und drehte sich einmal um dreihundertsechzig Grad. Es kam ihr vor, als wäre sie wieder einmal dort, wo sie schon so lange nicht mehr gewesen war. Sie nannte Wälder ihre zweite Heimat und da -irgendwo, weit draussen in der Welt war ihre wahre Heimat. Nicht in Frankreich, wo man sie für verrückt hielt, sondern dort, wo man sie verstand. Sie hoffte sehr, eines Tages diesen einen Ort zu finden und damit ihre wahre Familie zurückzugewinnen.
Nachdem sich Nayara widerwillig nachhause schleppte und die Schwelle betrat, hörte sie bereits Alice anmarschieren.
«Rein da!», rufte sie und packte sie am linken Oberarm.
David wusch bereits das Geschirr ab und warf ihr nur einen gehässigen Blick zu. Als Nayara die Uhr in Augenschein nahm, bemerkte sie, dass sie fünfunddreissig Minuten zu spät gekommen war.
«Du schuldest uns eine gute Erklärung!», fauchte sie, doch die Wörter prallten so schnell an Nayaras Kopf ab, wie sie gekommen waren.
«Wofür denn?», fragte sie und kniff die Augen zusammen.
«Du fragst wofür! Dafür, dass du die Schule nicht besucht hast und fünfunddreissig Minuten zu spät gekommen bist!», bellte Alice und verschränkte die Arme. Sie schien auf eine gute Antwort zu warten.
«Ist ja nicht so tragisch. Ich hatte sowieso keinen Hunger und ich war im Wald. Der gehört zur Schule, falls du das nicht weisst», sagte sie provokativ als Antwort und wollte gehen.
«Du bleibst schön hier Mademoiselle!», kam nun David von dem Spülbecken her.
«Ich dachte du sprichst kein Französisch?», fragte Alice gereizt.
«Ich lebe seit einundzwanzig Jahren hier!» Nayara rollte mit den Augen. Jeden Tag erlebte sie dieselbe Leier und sie hatte es allmählich satt. Sie wusste genau, was sie nun kam und wollte es sich nicht jedes Mal erneut anhören müssen.
«Sonst noch was?», gelangweilt neigte sie sich nach links. Alice und David starrten sich an und liessen sie zurück. Sie schlenderte in ihr Zimmer, warf die Tasche auf den Boden und begann zu zeichnen.
«So kann es nicht weitergehen», sagte Alice und stützte den Kopf in die Hände.
«Ich weiss. Aber wir müssen sie behalten. Du weisst.», entgegnete er und hielt seiner Gattin den Arm.
«Natürlich! Aber wie lange müssen wir sie noch ertragen?» Sie schien verzweifelt zu sein. David wusste darauf keine Antwort und liess den Arm seiner Gattin los.
Er stand auf und setzte sich in den braunen Ledersessel im Wohnzimmer.
«Morgen ist Schulfrei», murmelte er nach einigen Minuten.
«Morgen ist was!», rief Alice und war von null auf hundert aufgestanden.
«Morgen ist Schulfrei. Steht hier in der Zeitung: Morgen wird für alle Schüler und Schülerinnen die Schule ausfallen. Die Gründe dafür sind mehrere Komplikationen mit der Schulleitung und anderen Beteiligten. Auch haben sich einige Eltern über gewisse Dinge beschwert, die schnellst möglichst geklärt werden sollten. Wir bitten um Verständnis und falls sie tagsüber arbeiten sollten, können sie ihr Kind gerne in die Beaufsichtigung hier bei uns in Loorbrunn schicken. Weiteres finden sie auf Seite →» Alice blieb starr vor Entsetzen.
«Werden wir sie hinschicken?», fragte David und las den Bericht erneut.
«Natürlich werden wir das! Ich lass dieses Kind nicht allein in meinem Haus!», im selben Moment erschien Nayara auf der Treppe.
«Wohin werdet ihr mich schicken?», fragte sie neutral.
«Ins Loorbrunn», entgegnete Alice matt.
«Ach, weil morgen Schulfrei ist?», sie kicherte und betrat das Wohnzimmer.
«Gut erkannt.»
«Ich werde dort nicht hingehen, auch wenn ihr mich hinschicken wollt», sagte sie und ging an den Kühlschrank.
«Was meinst du damit?», fragte David und erhob sich.
«Ich werde dort nie hingehen, auch wenn ihr mich dort hinschickt. Das meine ich damit», wieder lächelte sie und bediente sich einiger Erdbeeren und einem Orangensaft.
«Warte! Ich dachte, du hättest keinen Hunger?», fragte Alice mit einem Hauch von Verwirrung.
«Bei deinem Essen vergeht einem der Appetit rasch, weisst du», antwortete Nayara kühl, warf den beiden einen finsteren Blick zu und ging nach oben.
«So kalt war sie noch nie», stellte David bedrückt fest. Alice nickte und schaute ihr nach.
«Denkst du… meinst du, sie weiss, dass wir ihr so ziemlich ihr ganzes Leben verschweigen?», wollte Alice wissen und setzte sich neben David auf die Couch. Er schaute sie trübselig an.
«Ich weiss es nicht.» Nayara verliess ihr Zimmer nicht mehr bis Alice sie zum Abendessen rief.
«Ich werde immer noch keinen Hunger haben», sagte sie niedergeschlagen und setzte sich an die Front des Tisches.
«Du musst nichts essen», meinte David und warf einen raschen Blick zu Alice, die ihn anfunkelte.
«Warum muss ich dann hier sitzen?» Ihre Gedanken schwebten woanders. Sie wollte zurück in den Wald und dort mit ihren Freunden alles bereden.
«Wir ähm…», den beiden fiel nichts Gescheites ein. Sie senkten die Köpfe und Nayara verliess den Tisch mit einem Brummen.
«Wohin gehst du?», fragte Alice streng und in diesem Moment wurde sie wieder die Alte.
«Ich werde meine Zeit bestimmt nicht in meinem Zimmer verschwenden», gab sie als Antwort und verliess stur die Wohnung.
«Wohin geht sie?», fragte David und schaute besorgt zur Tür.
«Du machst dir doch keine Sorgen?», erschrocken schaute Alice ihr Gatte an.
«Natürlich nicht. Aber du weisst, wenn wir sie verlieren, geht das auf unsere Kosten», Alice verstummte.
«Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals so viel Acht auf ein Kind geben muss», meinte David und erhob sich.
«Ich auch nicht.» In der Zwischenzeit befand sich Nayara bereits auf denselben Hügeln, auf denen sie diesen Morgen schon gestanden hatte. Sie blickte hoch zum finsteren Wald und überlegte sich, ob sie nochmals hineingehen sollte.
Das Gras war schlammig und nass. Die Luftfeuchtigkeit breitete sich schnell aus und es wurde frisch. Sie beeilte sich und rannte, ihre Arme dicht um ihren Bauch geschlungen, hoch an den Waldrand.
«Ich hatte schon gedacht, du kommst nicht mehr», murmelte Jemand.
«Hallo», sagte Nayara und kniete auf den Boden. Es war nichts zu sehen, dennoch war da etwas. Es war unsichtbar für all die Menschen, die es nicht zulassen, es sehen zu wollen. Nayara konnte es mit ihren Augen sehen, mit ihren Händen fühlen und mit ihren Ohren hören. Sie hatte eine der seltensten Gaben, die es in der Weltgeschichte gab. Sie wuchs damit auf und empfand es als selbstverständlich, so zu sein. Sie wusste allerdings nicht, woher sie es konnte oder von wem sie es hatte. Sicher war, dass sie es herausfinden wollte und das würde sie auch. Das hatte sie sich geschworen.
Vor ihr stand ein kleiner Wicht. Er trug ein braunes, leicht zerfetztes Hemd und eine enge, kurze Hose. Er war knapp fünfundfünfzig Zentimeter gross und hatte einen doppelt so grossen Kopf wie sein ganzer Körper. Er hatte lange, elfenähnliche Ohren und eine matte, helle Haut.
Seine kurzen, schwarzen Haare konnte man locker zählen. Es waren dreiundzwanzig.
«Wo hast du so lange gesteckt?», fragte er und tippte mit dem langen Fuss auf und ab.
«Ich war Zuhause», antwortete sie, ohne zu überlegen.
«Dein», er hüstelte, «dein Zuhause?», sein Blick wurde finster.
«Nein, natürlich nicht. Ich meinte, ich war bei den Pflegeeltern», sie brachte es nicht über die Lippen, meine Pflegeeltern zu sagen und liess es dabei.
«Pflegeeltern. Natürlich», er nahm ein winziges Büchlein hervor und notierte darin etwas.
«Was schreibst du hinein?» «Ach, nur so einige private Notizen für mich», stolz, wie er war, marschierte er in den Wald hinein. Nayara folgte ihm unsicher.
«Nicht so scheu, nicht so scheu. Du kennst mich doch», er zwinkerte ihr zu.
«Ja, schon. Aber du verhältst dich anders», murmelte sie und duckte sich unter einem Ast durch.
«Tu ich das?», fragte er höhnisch. Sie verstummte und blickte um sich, als wollte sie die Frage umgehen.
«Wo ist Penelope?», fragte sie stattdessen und lächelte bitter.
«Penelope? Die ist nicht mitgekommen. Wollte bei ihrer Herde bleiben. Scheint einige Probleme zu geben. Aber ich kenne mich mit Einhörnern nicht aus», er ging stur weiter und beachtete die Mühe, die Nayara hatte, um mit ihm mitzuhalten, da sie einiges grösser war als der Wicht, nicht.
«Wohin gehen wir eigentlich? Ich habe nichts getan, dass du mich gleich derart tief in diesen Wald bringen musst», sagte sie entschlossen und blieb blindlings stehen.
«Komm schon! Ich habe dich so lange nicht mehr gesehen! Ist ja nicht meine Schuld, dass du bei den Pflegeeltern unterkriechst und nicht rauskommst», meinte er und grinste.
«Tu nicht so. Du weisst schliesslich mehr als ich», antwortete sie und lehnte an einen Baum. Der Wicht blieb stumm.
«Sag mal Darrs, weisst du etwas über mich?», fragte sie einige Minuten später, als sie auf einer Lichtung innehielten.
«Klar weiss ich etwas über dich», sagte er und setzte sich in den Schneidersitz.
«Erzähl mir alles!», Nayaras Augen glänzten.
«Du bist nett», sagte er, kaum glaubwürdig.
«Ich hätte es wissen müssen. Ihr Wichtel seit einfach nicht fähig, Komplimente zu machen», sagte sie trostlos.
«Gar nicht wahr! Lillian ist total fähig!», brummte er und stand mit verschränkten Armen vor Nayara.
«Lillian, Lillian, Lillian. Dieser besserwisserische, hochnäsige, zickige Wicht musst du mir erst gar nicht unter die Nase reiben!», genervt starrte sie ihn mit ihren dunklen Augen an.
«Wusste ich, dass du solch einen Hass auf sie hast?», fragte er unschuldig. Sie gab keine Antwort und legte sich mit dem Rücken auf den Boden.
«Also Darrs. Was willst du von mir?», fragte sie ernst.
«Nichts! Ich wollte dich einfach wieder einmal sehen», meinte er und grinste.
«Sicher», sagte sie ironisch.
«Nein, wirklich.» Er schien es tatsächlich ernst zu meinen.
«Nun, nehmen wir einmal an, es stimmt, was du da sagst.
Warum bist du dann nicht früher gekommen? Ich lebe seit ich denken kann hier.» Darrs überlegte und schien gerade keine Antwort darauf zu haben.
«Ich, nun… Ich war bei Penelope», sagte er nach einem langen Zögern.
«Ich dachte du verstehst nichts von Einhörnern?», mit einem prüfenden Lachen setzte sie sich auf.
«Gut!», sagte er und erhob sich, «ich war schlicht und einfach beschäftigt», er atmete tief ein und setzte sich zur Beruhigung.
«Schlicht und einfach beschäftigt, ja?», sie kicherte, Darrs schien es allerdings nicht als Spass zu empfinden.
«Du als einsames Menschlein hast es ja noch sehr einfach! Ich muss Aufträge ausführen und vieles mehr!», zornig zog er eine Grimasse, die Nayara nicht wirklich davon abhielt, nicht mehr zu lachen.
«Wessen Aufträge?», wollte sie wissen und das Lachen verging ihr.
«Top-Secret», antwortete er schlicht.
«Du bist fies. Immer tust du so, als wärst du der beste Kerl, den Mumm etwas zu erzählen hast du dann doch nicht.» Er sagte nichts und sein linkes Ohr zuckte kurz.
Er führte seinen Zeigefinger an die Lippe und deutete Nayara darauf hin, still zu sein. Mit einem leichten Kopfschütteln wollte sie fragen, was denn los sei.
«Wir sind nicht allein», flüsterte er und rollte seine Augen zuerst nach rechts, dann nach links. Seine Ohren bewegten sich mit. Es sah witzig aus, dass fand Nayara schon beim ersten Mal, als sie ihn traf.
«Ist bestimmt nichts Wildes», meinte sie locker und stützte sich mit den Handballen im kühlen Moos ab.
«Da wäre ich mir nicht so sicher», er rannte auf Nayara zu, packte sie an der Hose und riss sie mit.
«Was ist denn los?», fragte sie und da sie grösser als Darrs war, musste er sie nicht ziehen. Er gab jedoch keine Antwort.
«Hör mir zu. Ich kann nicht mehr lange bleiben. Meine Pflegeeltern werden so oder so ausrasten», sie blieb stur stehen und schaute ihren Freund an, wie er noch einige Schritte weiterrannte.
«Gewiss», sagte er ruhig, als wäre er stundenlange gesessen, «ich lass dich auch gehen. Sei dir einfach im reinen, dass du nicht mehr alleine sein wirst.» Nayara wollte gerade noch Fragen ob in gutem oder im schlechten Sinne doch Darrs war bereits verschwunden.
Sie wusste nicht genau, wo sie sich nun befand. Sie waren nicht weit gerannt, jedoch genug, um nicht mehr zu wissen, aus welcher Richtung man gekommen war.
Sie ging einige Schritte und plötzlich wurde ihr furchtbar übel. Es war, als hätte sie zu viele Tortenstücke gegessen und wäre danach auf eine Achterbahn gegangen. Sie setzte sich hin und schaute mit zusammengepressten Lippen in den Himmel. Es begann zu regnen, jedoch nur sehr leicht. Sie erhob sich und schlurfte durch den Wald.
«Schliess mich nicht aus», sagte eine ruhige und sanfte Stimme.
«Du wirst mich brauchen», es forderte höchste Konzentration und Geduld, die Stimme zu ignorieren. Die Wesen wussten, dass sie fähig war und versuchten sie immer wieder zu kontaktieren.
Nayara blieb stehen. Sie wusste, dass es zu anstrengend war, die Stimme auszublenden.
«Wer ist da?», fragte sie müde.
«Schade, dass du mich nicht einmal mehr erkennst. Darrs hat dich angelogen.» In der Dunkelheit erschien ein helles Licht. Es war schneeweiss und blendete. Nayara hielt sich die Hände vor die Augen und aus dem hellen Licht erschien ein Pferd. Es war schneeweiss, hatte ein Horn aus Silber und seine Mähne langte knapp bis zum Boden.
Es sah wunderschön aus und seine königsblauen Augen schimmerten.
«Penelope?», lächelnd rannte sie auf das Einhorn zu und fiel ihm um den Hals. Es war kräftig und legte sanft den Kopf auf Nayaras Rücken.
«Wo bist du gewesen?», fragte sie und lächelte immer noch.
«Ich war beschäftigt, weisst du?», Penelope lächelte, «Darrs hat dich angelogen. Ich war nicht bei meiner Herde.» Sie brach ab und senkte den Kopf.
«Was ist passiert?», erschrocken wich Nayara zurück.
«Nun, das spielt im Moment keine Rolle. Viel wichtiger ist, dass du jetzt nachhause gehst», meinte Penelope und marschierte los. Ihr Fell schien so hell, dass sie nach einigen Metern immer noch bestens zu sehen war. Nayara folgte ihr zögernd, sagte jedoch nichts mehr.
Stille herrschte zwischen den beiden. Nur das Knacksen einiger Äste die unter ihnen lagen war zu hören. Am Waldrand starrte Nayara auf das kleine Dorf, indem sie lebte. Als sie sich umdrehte um sich von Penelope zu verabschieden, war sie verschwunden.
Zuhause sassen Alice und David besorgt am runden Tisch neben dem lodernden Feuer im Steinkamin. Sie blickten rasch hoch, als sie Nayara zwischen dem Türrahmen bemerkten.
«Ihr braucht mich nicht anzuschreien», sagte sie matt und schlurfte an ihnen vorbei zur Treppe.
«Das hatten wir auch nicht vor. Bitte setz dich einen Moment», sagte Alice ungewöhnlich ruhig.
«Ich habe nicht viel Zeit», murmelte Nayara und setzte sich launisch gegenüber von David und Alice hin.
«Wir müssen dir etwas erzählen», sie seufzte und schaute besorgt zu ihrem Gatten.
«Es ist so, dass», begann er doch Nayara unterbrach ihn: «Ich weiss, was ihr sagen wollt.» Die beiden starrten sie an.
«Das tust du?», fragten beide im Chor.
«Ja. Ihr hält mich für verrückt. Ihr denkt, ich wäre total übergeschnappt. Aber keine Sorge. Jeder in der Schule denkt so.» Sie stand auf und ging in ihr Zimmer.
«Nayara!», schrie Alice und wollte ihr hinterher doch David hielt sie am Arm fest und drängte sie wieder auf den Stuhl.
«Was meint sie damit?», wollte Alice wissen und sah besorgt drein.
«Ich weiss es nicht», David wirkte genauso niedergeschlagen wie Alice.
Unterdessen sass Nayara an ihrem Schreibtisch und hielt ein Buch bereit. Keine Seite war beschriftet, dennoch redete sie damit.
«Es ist schwer, die einzige zu sein, weisst du? Viele denken ich wäre verrückt aber das bin ich nicht. Alle anderen sind verrückt. Sie verabscheuen eine wunderbare Welt», sie hielt kurz inne und atmete schwer.
«Wusstest du, dass es bald keine Menschen mehr geben wird? Und wir sind sogar selbst schuld daran! Dadurch dass wir unsere weisen Bäume fällen und die Natur zerstören, zerstören wir die Lunge der Erde», sie stöhnte.
Ihr war nicht ganz klar, was sie da eben gesagt hatte. Es kam ihr nicht so vor, als hätte sie es gesagt. Sie murmelte noch etwas Undeutliches vor sich hin und schloss das Buch. Sie lächelte und versteckte es in einer Schublade unter dem Schreibtisch.
«Nayara?», Alice klopfte an der Tür.
«Was willst du?», fragte sie und sputete auf ihr Bett.
«Mit dir reden», Alice trat ein.
«Wieso seid ihr so nett? Warum schert ihr euch so darum, mit mir zu reden? Wo sind das alltägliche Geschrei und Gebrülle? Ich vermisse es beinahe», der letzte Satz versank in einem Flüstern.
«Es ist kompliziert, Nayara. Es ist wichtig, dass du Dinge weisst, die wir dir vorher nie erzählt haben», ihre Stimme klang besorgt.
«Ihr habt mir nicht einmal zu meinen Geburtstagen gratuliert. Wie wäre es, wenn ihr damit beginnt?» Sie war gereizt und schlecht gelaunt. Nayara hatte keine Lust auf die Gesellschaft von Alice und wünschte sich nichts mehr, als sie aus ihrem Zimmer zu haben.
«Nayara», verzweifelt fuchtelte Alice mit ihren Händen herum «es tut uns leid, okay?», Die Nachricht kam bei Nayara nicht ganz an. Sie gähnte provokativ und baumelte mit den Beinen.
