Die toten Augen von London - Edgar Wallace - E-Book
Beschreibung

Inspektor Larry Holt von Scotland Yard glaubt nicht an einen Unfall, als die Polizei nach einer Nebelnacht zum wiederholten Male einen alten Mann aus der Themse fischt. Seine Vermutung, dass die „toten Augen von London“ (eine Verbrecherbande blinder Hausierer) wieder aktiv sind, scheint sich diesmal zu bestätigen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl:323

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Edgar Wallace

Die toten Augen von London

Edgar Wallace

Die toten Augen von London

idb

ISBN 9783963751370

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 1

Larry Holt saß vor dem Café de la Paix und beobachtete aufmerksam den Menschenstrom, der den ›Boulevard des Italiens‹ in beiden Richtungen entlangströmte. Der Hauch des Frühlings hing in der Luft, und ein goldener Sonnenschein ließ die Farben der Zeitungskioske in leuchtenden Schattierungen hervortreten und verlieh sogar den schreienden Reklamen einen gewissen künstlerischen Wert. Dies Treiben und Hasten, all diese Menschen entzückten Larry Holt, der nach vier Jahren harter Arbeit in Frankreich und Deutschland von Berlin hier eingetroffen war, und er fühlte ein richtiges Feriengefühl in sich, ein Feriengefühl, das sogar ein vielbeschäftigter Detektiv empfinden kann.

Die Stellung, die Larry Holt bekleidete, war den Beamten von Scotland Yard ein Rätsel. Er hatte den Rang eines Inspektors, seine Tätigkeit war die eines Kommissars, und allgemein wurde angenommen, daß er für den ersten freien Posten eines assistierenden Kommissars vorgemerkt war. Aber in diesem Augenblick lagen all diese Fragen von Rang und Beförderung für Larry in weiter Ferne. Behaglich saß er auf seinem Stuhl und trank mit jedem Atemzug den süßen Odem des Frühlings; die reine Freude am Leben sprach sich in seinen hübschen Gesichtszügen aus, und in seinem Herzen war ein Gefühl der Erleichterung, der Ruhe, das er für Monate und Jahre nicht gefühlt hatte.

Larry bezahlte seinen Kaffee, stand auf und ging gemächlich um die Ecke nach seinem Hotel. Behaglich ging der schlanke, große Mann seines Weges, die Hände in den Taschen, während seine weißen Zähne eine lange, schwarze Zigarettenspitze festhielten.

Er trat in die überfüllte Vorhalle seines Hotels und ging auf den Fahrstuhl zu, als er durch die große Glastür, die nach dem Wintergarten führte, dort einen eleganten Herrn bemerkte, der bequem in einem großen Klubsessel saß und bedächtig seine Zigarre rauchte.

Larry grinste und zögerte einen Augenblick. Dieser Mann mit den scharfen Gesichtszügen, der so wunderbar elegant angezogen war, an dessen Fingern und Krawatte Brillanten blitzten, war ihm bekannt. In einem Anfall mutwilliger Bosheit ging er durch die Glastür auf den behaglich Sitzenden zu.

»Ist es wirklich mein alter Freund Fred?« sagte er leise.

»Flimmer Fred«, internationaler Hochstapler und Falschspieler, sprang mit einem Satz auf die Füße und unverkennbare Bestürzung zeigte sich beim Anblick dieser unerwarteten Erscheinung auf seinen Zügen.

»Hallo, Mr. Holt!« stammelte er. »Sie sind wirklich die letzte Person in der ganzen Welt, die ich erwartet hätte, hier zu finden –«

»Oder gewünscht hätte, hier zu finden«, unterbrach ihn Larry mit einem vorwurfsvollen Kopfschütteln. »Was für ein Glanz! Donnerwetter, Fred, Sie sind ja ausgeputzt wie ein Weihnachtsbaum.«

Flimmer Fred griente unbehaglich, gab sich aber große Mühe, vollkommene Gleichgültigkeit zu zeigen.

»Das alte Leben ist jetzt für mich abgetan, Mr. Holt«, sagte er.

»Sie sind ein Schwindler und werden immer ein Schwindler bleiben«, erwiderte Larry ruhig.

»Auf die Bibel schwöre ich Ihnen –« begann Fred nachdrücklich.

»Fred, Fred«, fiel Larry ohne eine Spur von Ärger ein, »wenn Sie zwischen Ihrer toten Tante und Ihrem sterbenden Onkel stehen und einen Eid auf die Bibel schwören, ich würde Ihnen doch nicht glauben.«

Mit Bewunderung betrachtete er sich Freds Äußeres, die große Brillantnadel in seiner Krawatte, die dreifache, goldene Kette über seiner hocheleganten Weste, die blendend weißen Gamaschen über den glänzenden Lackschuhen, das tadellos gebürstete Haar.

»Sie sehen süß aus, wirklich süß! Was für eine neue Sache haben Sie jetzt vor? – Ich nehme natürlich nicht an«, unterbrach er sich selbst, »Sie werden’s mir erzählen, aber ziemlich aussichtsreich muß es doch sein, Fred.«

Der Mann fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen.

»Ich bin jetzt im Geschäft«, sagte er.

»In wessen Geschäft denn?« fragte Larry mit Interesse. »Und wie sind Sie denn da ’reingekommen? Mit ’nem Brecheisen oder war’s eine Dynamitpatrone? Das wäre ja ein ganz neuer Beruf für Sie, Fred. Bis jetzt haben Sie sich doch ausschließlich darauf beschränkt, unerfahrene Jugend um ihr Geld zu bringen und«, fügte er bedeutungsvoll hinzu, »die Taschen von gerade Gestorbenen zu erleichtern.«

Freds Gesicht rötete sich.

»Sie glauben doch nicht, daß ich irgend was mit dem Morde in Montpellier zu tun hatte?« protestierte er hitzig.

»Ich glaube ja nicht, daß Sie den bedauernswerten, jungen Mann erschossen haben«, gab Larry zu, »aber Sie sind sicherlich beobachtet worden, wie Sie sich über den Körper beugten und seine Taschen durchsuchten.«

»Ich wollte doch bloß sehen, wer es war«, entgegnete Fred tugendhaft, »und ’rausfinden, wer ihn getötet hatte.«

»Sie sind gleichfalls gesehen worden, wie Sie mit dem Täter sprachen. Eine alte Dame, eine gewisse Madame Prideaux, sah von ihrem Schlafzimmerfenster aus, wie Sie den Mann festhielten und dann gehen ließen. Ich nehme an, er hat ›geschmiert‹.«

»Das ist nun schon zwei Jahre her, Mr. Holt«, sagte Fred, »und ich begreife nicht, warum Sie diesen alten Kohl noch aufwärmen. Der Untersuchungsrichter hat mich in jeder Beziehung freigesprochen.«

Larry lachte und klopfte ihn auf die Schulter.

»Wie das auch sein mag, ich bin auf jeden Fall jetzt nicht im Dienst, Fred. Ich gehe auf eine Erholungs- und Vergnügungsreise.«

»Sie fahren also nicht nach London?« fragte der Mann schnell.

»Nein«, antwortete Larry und hatte die Empfindung, daß der andere erleichtert aufatmete.

»Ich fahre heute nach London und hoffte, wir würden vielleicht zusammen reisen können.«

»Es tut mir unendlich leid«, erwiderte Larry, »Ihre Hoffnungen enttäuschen zu müssen, aber ich reise in entgegengesetzter Richtung. Auf Wiedersehen.«

»Viel Vergnügen!« sagte Fred und blickte mit einem Gesicht hinter ihm her, dessen Ausdruck keineswegs mit seinen Worten übereinstimmte.

Larry ging auf sein Zimmer und fand seinen Diener mit dem Reinigen und Ordnen seiner Garderobe beschäftigt. Patrick Sunny, den er nun schon zwei Jahre hindurch als Diener ertragen hatte, war ein ernsthafter, junger Mann mit Glotzaugen und einem runden Gesicht.

»Sunny«, sagte er, »Sie brauchen meine Anzüge nicht weiter zu beschädigen. Packen Sie sie ein.«

»Ja, Sir«, entgegnete Sunny.

»Ich reise mit dem Nachtzug nach Monte Carlo.«

»Ja, Sir«, sagte Sunny, der genau dasselbe gesagt hätte, wenn Larry die Absicht ausgesprochen hätte, nach der Sahara oder dem Nordpol abzureisen.

»Nach Monte Carlo, Sunny!« rief Larry vergnügt. »Auf sechs freie, vergnügte und kostspielige Wochen. – Fangen Sie sofort mit dem Packen an.«

Er nahm den Telephonhörer vom Schreibtisch auf und rief das Reisebüro an.

»Reservieren Sie mir einen Schlafwagen und ein Erster für heute nacht nach Monte Carlo«, sagte er. »Monte Carlo«, wiederholte er lauter. »Nein, nicht nach Calais. Ich habe nicht die geringste Absicht, nach Calais zu fahren – danke bestens.« Er hing den Hörer auf, nahm eine frühe Abendausgabe und überflog die Spalten. Verschiedene Einzelheiten erinnerten ihn an seinen Beruf und dessen Anforderungen. Ein großer Bankeinbruch in Lyon, bewaffnete Räuber hatten in Belgien einen Postwagen aufgehalten, und dann ein Artikel:

»Der Mann, den man auf den Stufen des Themse Embankment auffand, ist als ein Mr. Gordon Stuart, ein reicher Kanadier, identifiziert worden. Man nimmt an, daß es sich um einen Selbstmord handelt. Mr. Stuart hatte den Abend mit einigen Freunden im Theater verbracht, verschwand im Zwischenakt und wurde nicht wieder gesehen, bis sein Leichnam gefunden wurde. Die amtliche Totenschau findet in den nächsten Tagen statt.«

Er las den Artikel zweimal durch und runzelte die Stirn.

»Gewöhnlich geht man eigentlich nicht während der Pause aus dem Theater und begeht Selbstmord – oder das Stück müßte ausnehmend schlecht gewesen sein«, sagte er, und der gehorsame Sunny antwortete:

»Nein, Sir.«

Er warf die Zeitung fort.

Der Nachmittag war mit den Vorbereitungen für die Abreise ausgefüllt, und um halb sieben stand er im Hotelbüro, um seine Rechnung zu bezahlen – Sunny mit seinem Mantel über dem Arm, der Gepäckträger mit den Koffern hinter ihm –, als ein Page auf ihn zukam.

»Monsieur Holt?« fragte er.

»Der bin ich«, sagte Larry und sah argwöhnisch auf den Briefumschlag in der Hand des Pagen. »Ein Telegramm? – Ich will’s nicht sehen.«

Trotzdem nahm er es und las mit recht gemischten Gefühlen:

»Sehr dringend. Spezial Polizeidienst. Alle Linien frei machen. Larry Holt, Grand Hotel, Paris. Fall Stuart sehr verwickelt stop wäre persönlich dankbar wenn Sie sofort zurückkommen und Fall übernehmen.«

Der Oberkommissar, der nicht nur Vorgesetzter, sondern auch ein persönlicher Freund Larrys war, hatte das Telegramm selbst unterzeichnet, und mit einem schweren Seufzer steckte Holt es in die Tasche.

»Wann kommen wir in Monte Carlo an, Sir?« fragte Sunny, als sein Herr auf ihn zukam.

»Ungefähr heute in zwölf Monaten«, antwortete er grimmig.

»Wirklich, Sir?« fragte Sunny mit höflichem Interesse. »Das muß ja recht weit weg sein.«

Kapitel 2

Flimmer Fred, der eigentlich Grogan hieß, hatte einen berechtigten Grund, sich zu beschweren: Ein angesehener Justizbeamter hatte ihm feierlichst versichert, er hätte die Absicht, nach Monte Carlo zu reisen, und nun mußte er ihn auf dem Pariser Dampferzug wiederfinden.

Fred verließ den Victoria-Bahnhof in außerordentlicher Eile und war sich noch gar nicht sicher, ob Larrys plötzliche Geschäfte in London nicht vielleicht doch mit seinen (Freds) eigenen Geschäften zusammenhingen. Larry sah gerade noch den Hochstapler in der Menge verschwinden und lächelte zum erstenmal seit seiner Abreise von Paris.

»Bringen Sie meine Sachen nach Haus«, sagte er zu Sunny. »Ich fahre direkt nach Scotland Yard. Vielleicht komme ich heut abend, vielleicht auch erst morgen zurück.«

»Soll ich den Gesellschaftsanzug bereitlegen?« fragte Sunny. Was ihm in erster Linie am Herzen lag, war das elegante Äußere seines Herrn. Für Sunny war der Tag in drei Teile geteilt – Straßenanzug, Gesellschaftsanzug und Pyjama.

»Nein – ja – machen Sie, was Sie wollen.«

»Ja, Sir«, sagte Sunny entgegenkommend.

Larry fuhr sofort nach dem Polizeipräsidium und trat in das große Büro Sir John Hason’s, der sich von seinem Schreibtisch erhob und ihm mit ausgestreckter Hand entgegenkam.

»Mein lieber Larry«, sagte er, »es ist zu nett von dir, auf deine Ferien zu verzichten. Du bist wirklich ein famoser Kerl! Ich habe übrigens gar nicht an deinem Kommen gezweifelt und dir Zimmer 47 einrichten lassen. Außerdem habe ich dir den feinsten Sekretär zur Verfügung gestellt, den ich jemals im Präsidium gehabt habe.«

John Hason und Larry Holt waren alte Freunde und Schulkollegen, und zwischen den beiden bestand aufrichtige Zuneigung und ein Vertrauen, wie man es eigentlich selten zwischen zwei Leuten des gleichen Berufes findet.

»Nummer 47 ist mir unbekannt«, sagte Larry lächelnd und legte seinen Mantel ab, »aber ich werde mich außerordentlich freuen, die Bekanntschaft des feinsten Sekretärs von Scotland Yard zu machen. Wie heißt er denn?«

»Es ist kein ›er‹, es ist ’ne ›sie‹«, lächelte Hason. »Miß Diana Ward. Sie hat sechs Monate hindurch bei mir gearbeitet und ist wirklich das geschickteste und vertrauenswürdigste Mädchen, das ich jemals in meinem Büro gehabt habe.«

»Allmächtiger! Ein weiblicher Sekretär!« sagte Larry gedrückt, fügte aber gleich lebhafter hinzu: »Selbstverständlich bleibt’s, wie du es angeordnet hast, John, und selbst dieses Muster aller Tugenden soll mir keine Angst einjagen. Höchstwahrscheinlich hat sie ’ne Stimme wie eine Raspel und kaut Gummi?«

»Ihr Äußeres ist nun gerade nicht besonders einnehmend, aber das ist doch schließlich nicht die Hauptsache«, antwortete Sir John trocken. »Setz’ dich hin, alter Freund, ich habe viel mit dir zu besprechen. Es handelt sich um den Fall Stuart«, begann er und reichte Larry sein Zigarettenetui. »Erst gestern haben wir herausgefunden, daß Stuart ein sehr reicher Mann gewesen ist. Seit neun Monaten ist er in England und hat die ganze Zeit über in einer Pension auf dem Nottingham Place – Marlybone – gewohnt. Er war ein rätselhaftes Individuum, ging nirgendwohin, hatte fast gar keine Freunde und war außerordentlich zurückhaltend. Es war natürlich bekannt, daß er vermögend war, und nur seine Londoner Bankiers, die uns seinen Namen mitteilten, als sie herausgefunden hatten, daß er der unbekannte Tote war, waren von ihm ins Vertrauen gezogen. Mit ›ins Vertrauen ziehen‹ meine ich nur, daß ihnen sein Name und seine Vermögensverhältnisse bekannt waren.«

»Was meinst du damit, wenn du sagst, er ging nirgendwohin? War er denn die ganze Zeit über in seiner Wohnung in der Pension?«

»Darauf komme ich jetzt«, sagte Sir John. »Er ging aus, aber kein Mensch weiß, warum. Jeden Nachmittag ohne Ausnahme machte er eine Autofahrt und hatte unweigerlich dasselbe Ziel – ein kleines Dorf in Kent, ungefähr fünfundzwanzig Meilen von hier. Er ließ den Wagen an einem Ende des Dorfes warten, ging durch das Nest hindurch und war für einige Stunden verschwunden. Unsere Nachforschungen ergaben, daß er sich lange Zeit in der Kirche aufhielt. Genau nach zwei Stunden, pünktlich wie ein Uhrwerk, kam er zurück, stieg in den Wagen – er hatte ihn gemietet – und fuhr nach Nottingham Place zurück.«

»Wie heißt das Dorf?«

»Beverley Manor«, sagte der Oberkommissar. »Also weiter. Am Mittwoch abend brach er zum erstenmal mit seinen Gewohnheiten und nahm die Einladung eines gewissen Doktor Stephan Judd zur Uraufführung einer neuen Revue im Macready-Theater an. Doktor Stephan Judd ist der leitende Direktor der Greenwich-Versicherungsgesellschaft, eine kleine Gesellschaft – so eine Art Familienkonzern –, hat aber in der City einen sehr guten Ruf. Mr. Judd ist Kunstliebhaber und Besitzer eines sehr schönen Hauses in Chelsea. Judd hatte für die Erstaufführung eine Loge – nach den Zeitungen zu urteilen, war, nebenbei gesagt, das Stück einfach fürchterlich –, und zwar die Loge A. Stuart kam und war, wie Judd aussagte, auffallend unruhig. In der Pause zwischen dem zweiten und dritten Akt verschwand er unbemerkt aus dem Theater, kam nicht zurück und wurde erst wiedergesehen, als man seinen Leichnam an dem Themse Embankment fand.«

»Wie war denn das Wetter in der Nacht?« fragte Larry.

»Im Anfang klar, dann aber dunstig mit Neigung zum Nebel«, antwortete Sir John.

Larry nickte. »Besteht vielleicht die Möglichkeit, daß er im Nebel seinen Weg verfehlt hat und in den Fluß gefallen ist?«

»Gänzlich ausgeschlossen«, sagte Sir John nachdrücklich. »Von der Zeit seines Verschwindens bis halb drei Uhr morgens war das Embankment frei von Nebel.«

»Und jetzt kommt noch ein merkwürdiger Umstand«, fuhr der Kommissar fort. »Als er gefunden wurde, lag er auf den Stufen, nur die Füße hingen im Wasser – und«, fügte er langsam hinzu, »die Flut war noch im Steigen.«

Larry sah ihn erstaunt an.

»Willst du damit vielleicht sagen, daß er nicht von der Ebbe dort angeschwemmt worden ist?« fragte er ungläubig. »Wie sollte er denn sonst dorthin gekommen sein, mit den Füßen im Wasser, noch dazu, wenn das Wasser stieg? Und doch muß es Ebbe gewesen sein, wie hätte er sonst auf die Stufen kommen können?«

»Das sage ich ja auch«, nickte Sir John. »Wenn er nicht unmittelbar nach Verlassen des Theaters ertrunken ist, als die Flut am höchsten stand und anfing zu fallen, scheint es mir beinahe unmöglich, daß er bei Tagesanbruch, als die Flut erst wieder begann, auf den Stufen angeschwemmt werden konnte.«

»Das sieht verdächtig aus«, sagte Larry. »Es besteht kein Zweifel, daß er ertrunken ist?«

»Nicht der geringste«, erwiderte der Kommissar, zog ein Schubfach auf und nahm eine kleine Schale heraus, in der verschiedene Gegenstände lagen. »Das haben wir in seinen Taschen gefunden. Uhr und Kette, ein Zigarettenetui und dies Stückchen zusammengerolltes, braunes Papier.«

Larry nahm den letzten Gegenstand auf. Er war vielleicht drei Zentimeter lang und noch feucht.

»Es ist nichts darauf geschrieben«, sagte Sir John. »Als man mir die Sachen gebracht hat, habe ich das Papier aufgewickelt, habe es aber für besser gehalten, es gleich wieder zusammenzurollen, um es für eine genauere Untersuchung trocknen zu lassen.«

Larry betrachtete die Uhr, eine einfache, goldene Uhr mit Sprungdeckel.

»Nichts«, sagte er und schnappte den Deckel zu, »ausgenommen, daß sie zwanzig Minuten nach zwölf stehengeblieben ist – höchstwahrscheinlich die Stunde des Todes.«

Sir John nickte.

»Die Kette ich Gold und Platin«, brummte Larry nachdenklich, »und am Ende ist – na, was ist das?«

Am Ende der Kette hing ein kleines, ungefähr vier Zentimeter langes goldenes Röhrchen.

»Aha, die Hülse von einem goldenen Bleistift«, sagte Larry. »Hat man den dazugehörigen Bleistift nicht gefunden?« Sir John schüttelte den Kopf.

»Nein, das ist alles, was gefunden wurde. Anscheinend hatte Stuart auch nicht die Gewohnheit, Ringe zu tragen. Ich lasse alles in dein Büro schicken. Du wirst doch den Fall übernehmen?«

»Was ist denn aber an diesem Fall so besonders?« fragte Larry langsam. »Hältst du die Sache für verdächtig?«

Einen Augenblick war der Kommissar schweigsam.

»Ja und nein«, sagte er. »Ich habe die Empfindung, daß hier Anzeichen für ein Verbrechen vorliegen. Nur allein die Tatsache, daß er bei steigender Flut aufgefunden wurde, während er doch zweifellos zur Zeit der Ebbe seinen Tod fand, veranlaßt mich, die Sache nicht als einen gewöhnlichen Todesfall durch Ertrinken zu betrachten.«

»Ich kann doch die Sachen gleich mit in mein Büro nehmen?« fragte Larry.

»Selbstverständlich«, erwiderte der Kommissar. »Willst du dir nicht erst den Toten ansehen?«

Larry zögerte.

»Nein, ich danke. Ich will erst mal Doktor Judd aufsuchen. Kannst du mir seine Adresse geben?«

Sir John blickte nach der Uhr auf dem Kaminsims.

»Er wird noch in seinem Büro sein. Er gehört zu den unermüdlichen Personen, die bis spät in die Nacht hinein arbeiten. Nummer 17, Bloomsbury Pavement; du kannst das Haus nicht verfehlen.«

Larry nahm die Schale und ging nach der Tür.

»Und jetzt wollen wir uns mal den so anziehenden Sekretär ansehen«, sagte er, und Sir John lächelte.

Kapitel 3

Zimmer Nr. 47 lag eine Etage höher als das Büro von Sir John. Larry trug die Schale in einer Hand, öffnete mit der anderen die Tür und stand auf der Schwelle eines behaglichen kleinen Zimmers.

»Hallo!« sagte er überrascht. »Bin ich denn falsch gegangen?«

Das Mädchen, das sich vom Schreibtisch erhoben hatte, war jung und außergewöhnlich hübsch. Dichtes dunkelblondes Haar, das über ihre Stirn herabfiel, stand in überraschendem Kontrast mit ihren klaren, grauen Augen, die ihn verwundert betrachteten. Sie war von schlanker, gefälliger Figur, und als sie lächelte, hatte Larry die Empfindung, noch niemals in seinem Leben ein so graziöses und liebenswürdiges weibliches Wesen gesehen zu haben.

»Das ist das Büro von Inspektor Holt«, sagte sie.

»Allmächtiger!« sagte Larry, kam langsam in das Büro und schloß die Tür hinter sich. Er ging zu dem anderen Schreibtisch und setzte die Schale nieder.

»Das ist Inspektor Holt’s Büro«, wiederholte das junge Mädchen erstaunt. »Sind die Sachen für ihn?«

Larry nickte und sah das junge Mädchen nachdenklich an.

»Was ist das?« fragte er plötzlich und zeigte auf ein Glas und eine Kanne, die auf einem weiß gedeckten Seitentischchen standen.

»Das? – Das ist für Inspektor Holt«, antwortete sie.

Larry blickte in die Kanne.

»Milch?« fragte er erstaunt.

»Ja«, entgegnete sie. »Wissen Sie, Inspektor Holt ist ein ziemlich alter Herr, und als ich den Kommissar fragte, ob Mr. Holt nach seiner langen Reise vielleicht eine Erfrischung nötig hätte, hat er etwas Krankenkost und Milch vorgeschlagen. Krankenkost kann ich ja leider hier nicht machen und –«

Sie hielt inne und starrte Larry verwundert an, der in schallendes Gelächter ausbrach.

»Ich bin Inspektor Holt«, sagte er und trocknete seine Augen.

»Sie?« stammelte sie.

»Ja, ich bin der alte, kranke Mensch«, sagte er vergnügt. »John, der Kommissar, hat Ihnen einen Streich gespielt, Miß – ich kenne Ihren Namen nicht. Würden Sie vielleicht jetzt so freundlich sein und die bejahrte Miß Ward bitten, zu mir zu kommen?«

Ein Lächeln zitterte um ihre Lippen.

»Ich bin Miß Ward«, sagte sie, und jetzt starrte Larry sie entgeistert an. Dann streckte er lächelnd seine Hand aus.

»Miß Ward, wir sind beide Leidensgefährten. Jeder von uns ist das Opfer eines niederträchtigen Polizeikommissars geworden. Ich bin außerordentlich erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen – und erleichtert.«

»Ich bin auch etwas erleichtert«, lächelte das junge Mädchen, als sie nach ihrem Tisch zurückging.

»Sir John hat mir gesagt, Sie wären ungefähr sechzig Jahre alt und asthmatisch, und bat mich, darauf zu achten, daß es im Büro nicht zieht. Ich habe diesen Nachmittag extra Fensterschoner anbringen lassen.«

Larry dachte einige Augenblicke nach.

»Es ist vielleicht ganz gut, daß ich nicht nach Monte Carlo gefahren bin«, sagte er und setzte sich an seinen Schreibtisch. »Nun wollen wir uns mal an die Arbeit machen. Meinen Sie nicht auch?«

Sie öffnete ihr Stenogrammbuch und nahm einen Bleistift zur Hand, während Larry die Schmuckgegenstände untersuchte, die in der Schale lagen.

»Schreiben Sie, bitte«, begann er. »Uhr von Gildman, Toronto, goldene Kapseluhr, auf Steinen laufend, Nr. A. 778 432. Keine Kratzer auf dem Innendeckel.«

»Handelt es sich um den Fall Stuart?« fragte sie.

»Ja«, entgegnete Larry, »ist Ihnen irgend etwas darüber bekannt?«

»Nur, was mir der Kommissar erzählt hat«, entgegnete sie. »Der Ärmste! Aber ich habe mich schon so an die Schrecken hier gewöhnt, daß ich beinahe abgehärtet bin. Ich glaube, als Student der Medizin wird man auch so. Ich bin zwei Jahre lang Krankenschwester in einer Blindenanstalt gewesen«, fügte sie hinzu, »und das hilft auch, einen hart zu machen. Glauben Sie nicht auch?« Sie lächelte.

»Sehr leicht möglich«, sagte Larry nachdenklich und überlegte, wie jung sie wohl gewesen sein mußte, als sie anfing, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Er schätzte ihr Alter auf einundzwanzig Jahre, glaubte aber, damit reichlich hoch gegangen zu sein. »Gefällt Ihnen die Arbeit hier?«

Sie nickte.

»Sehr gut«, antwortete sie.

Er nahm seine Untersuchung wieder auf.

»Kette aus Platin und Gold, achtundzwanzig Zentimeter lang, Sperring an einem Ende mit goldener Bleistifthülse – ich nehme wenigstens an, es ist Gold«, diktierte er weiter. »Der Bleistift ist nicht gefunden worden?«

»Nein«, sagte sie. »Ich habe den Sergeanten, der die Sachen gebracht hat, noch ganz besonders gefragt, ob man keinen Bleistift gefunden hätte.«

Larry sah sie überrascht an. »Haben Sie denn das bemerkt?«

»Natürlich ist mir das aufgefallen«, sagte sie ruhig. »Das Messer ist ja auch verschwunden.«

»Was für ein Messer?«

»Ich nahm an, es war ein Messer«, sagte sie. »Der Sperrring war zu groß, um nur allein einen Bleistift zu halten. Wenn Sie genau hinsehen, finden Sie noch einen kleinen Ring; er war offen, als die Sachen hierhergebracht wurden, aber ich habe die Enden zusammengebogen. Es sah aus, als ob jemand das Messer mit Gewalt abgerissen hätte. Ich nehme an, es war ein Messer, weil Herren doch sehr oft ein kleines, goldenes Taschenmesserchen an der Uhrkette tragen.«

Er nahm die Uhrkette wieder auf, bemerkte den anderen Ring und wunderte sich, daß er diesen nicht selbst gesehen hatte.

»Ich glaube, Sie haben recht«, sagte er nach längerer Untersuchung. »Der Ring ist viel größer – er war übrigens die Kette hinaufgeglitten –, und man kann ganz deutlich die Kratzer sehen, wo das Messer abgedreht wurde. Hm.« Er legte die Kette in die Schale und blickte auf seine eigene Uhr. »Haben Sie die anderen Gegenstände auch untersucht?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nur die Uhr und die Kette.«

Er blickte im Zimmer herum und sah einen eingemauerten Wandschrank.

»Ist der leer?« und, als sie nickte: »Wir wollen die weitere Untersuchung lassen, bis ich zurückkomme. Ich muß jemand aufsuchen.«

Er stellte die Schale in den Schrank, schloß die Tür ab und gab den Schlüssel an das junge Mädchen.

»Sie werden jedenfalls nicht mehr hier sein, wenn ich zurückkehre? Sie haben doch sicherlich so etwas wie Bürostunden?«

»Ich habe es mir zum Prinzip gemacht, nie länger als bis zwei Uhr morgens hierzubleiben«, sagte sie ernsthaft.

»Ich glaube, ich habe noch niemals ein Mädel kennengelernt wie Sie«, sagte er langsam und wie in Gedanken.

Sie errötete und senkte die Augen. Dann lachte sie leise auf und sah ihn von neuem an.

»Vielleicht haben wir beide noch niemals jemand gefunden, wie wir einander erscheinen.«

Larry verließ Scotland Yard und war sich bewußt, daß ein neuer und sehr wichtiger Faktor in sein Leben getreten war.

Kapitel 4

Flimmer Fred hatte den Bahnhof als erster und in großer Eile verlassen, aber außerhalb der Station gewartet, bis er Larrys Taxe vorbeifahren sah.

Er hatte den lebhaften Wunsch, daß gerade an diesem Abend niemand ihm nachspürte, und außerdem einen tiefen Respekt vor dem Scharfsinn und der Überlegung Larry Holt’s. Fred hatte mehr als jeder andere Veranlassung, vor ihm auf der Hut zu sein.

Nach Larrys Abfahrt wartete er noch zehn Minuten, verließ die Station durch einen der Nebenausgänge und stieg in das erste der dort stationierten Taxis. Einige zehn Minuten später war er auf einem der ruhigen Plätze in Bloomsbury angelangt, an dem sich hauptsächlich Anwaltsbüros befinden. Das Haus, vor dem er ausstieg, war ein schmales, hohes Gebäude aus roten Ziegelsteinen. Der Portier sah ihn etwas mißmutig an.

»Das Büro ist schon seit mehreren Stunden geschlossen, Sir«, sagte er kopfschüttelnd. »Wird erst morgen früh neun Uhr geöffnet.«

»Ist Dr. Judd noch da?« fragte Flimmer Fred und schob seine Zigarre von einem Mundwinkel in den anderen.

»Mr. Judd arbeitet noch, und ich glaube nicht, daß er gestört werden möchte.«

»Glauben Sie das wirklich?« sagte Fred höhnisch. »Fahren Sie mal ’rauf und sagen Sie dem Herrn, daß Mr. Walter Smith ihn sprechen möchte. Aber vergessen Sie bloß den Namen nicht – er ist ein bißchen ungewöhnlich.«

Der Fahrstuhlführer blickte zweifelnd auf den Besucher.

»Ich werde mir bloß Unannehmlichkeiten bereiten«, brummte er, als er in einen der beiden kleinen Fahrstühle trat und schnell nach oben entschwand.

Nach wenigen Minuten kam der Portier herabgefahren.

»Er will Sie empfangen, Sir«, sagte er.

»Sie sollten mich so nach und nach kennengelernt haben, Sergeant«, sagte Fred, als er in den Fahrstuhl trat. »In den letzten Jahren bin ich ziemlich regelmäßig hierhergekommen.«

»Ich hatte vielleicht gerade keinen Dienst«, entgegnete der Mann, während der Fahrstuhl langsam nach oben stieg. »Wir sind nämlich zwei Mann hier. Waren Sie vielleicht ein Freund von Mr. David, Sir?«

Fred verzog keine Miene.

»Nein«, sagte er leichthin, »ich habe Mr. David nicht gekannt.«

»Ja, das war eine traurige Geschichte. Denken Sie sich, er ist ganz plötzlich vor vier Jahren gestorben.«

Fred wußte dies sehr gut, hielt es aber für besser, es für sich zu behalten. Der Tod Mr. Davids hatte ihm beinahe eine Einkommensquelle, »eine rechtmäßige«, wie er es nannte, geraubt, während dies Einkommen ihm jetzt nur noch als »Gunst« zufloß. Er konnte es jeden Augenblick verlieren, falls der joviale Mr. Judd einmal seine Geduld verlor und sich nichts mehr erpressen lassen wollte.

Der Fahrstuhl hielt an, und er folgte dem Portier zu einer Tür, an die dieser anklopfte. Eine laute Stimme forderte sie auf einzutreten, und Flimmer Fred stolzierte in das elegant eingerichtete Büro. Mit einem kühlen Kopfnicken begrüßte er den Inhaber der Wohnung.

Dr. Judd war aufgestanden, um ihn zu begrüßen.

»Danke bestens, Sergeant«, sagte er und warf ihm eine Silbermünze quer durch das Zimmer zu, die der Mann geschickt auffing.

»Holen Sie mir bitte ein paar Zigaretten!« Als sich die Tür geschlossen hatte, sagte Dr. Judd gutgelaunt: »Nehmen Sie Platz, Sie Gauner, Sie wollen sich wohl Ihr Pfund Fleisch abholen?«

Er war ein großer, starker und kräftig gebauter Mann mit einem blühenden Gesicht. Seine Stirn war sehr hoch und seine tiefliegenden Augen lagen weit auseinander. Trotz seines etwas lärmenden, guten Humors verbreitete er ein Gefühl des Behagens um sich. Fred war in keiner Weise verletzt und setzte sich auf die Ecke eines Stuhls.

»Na, Doktor«, sagte er, »da bin ich wieder.«

Dr. Judd nickte und suchte in seinen Taschen nach einer Zigarette.

»Was suchen Sie – Zigarette?« fragte Fred und holte sein Etui hervor, aber der Doktor schüttelte den Kopf mit einem bezeichnenden Lächeln.

»Danke bestens, Mr. Grogan«, kicherte er. »Ich rauche nie Zigaretten, die mir von Herren Ihres Berufes angeboten werden.«

»Was heißt das, ›mein Beruf‹?« knurrte Flimmer Fred. »Denken Sie etwa, ich will Sie betäuben?«

»Ich habe Sie erwartet«, sagte der andere, ohne auf die Frage zu antworten, und setzte sich. »Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie eine außerordentlich starke Abneigung gegen Schecks.«

»Stimmt, Doktor«, grinste Fred. »Das ist immer noch meine Schwäche.«

Dr. Judd ging nach dem Geldschrank und sagte, über die Schulter blickend:

»Sie brauchen nicht zu genau aufzupassen, alter Freund; ich bewahre nie Geld in meinem Schrank auf, ausgenommen, ich habe Zahlungen an Erpresser zu leisten.«

»Scharfe Worte haben noch nie jemand umgebracht«, zitierte Fred salbungsvoll.

Der Doktor nahm ein Paket heraus und blätterte dann in einem kleinen Notizbuch, das er aus dem Schubfach genommen hatte.

»Sie sind drei Tage zu früh gekommen«, bemerkte er, und Fred nickte bewunderungsvoll.

»Haben Sie aber einen Kopf für Zahlen, Doktor! Einfach großartig! ’s stimmt, ich bin drei Tage früher gekommen, weil ich sehr schnell wieder abreisen muß, um einen Freund in Nizza zu treffen.«

Der Doktor warf ihm das Paket über den Tisch hinweg zu.

»Es sind zwölfhundert Pfund in dem Kuvert; Sie brauchen es nicht nachzuzählen, es stimmt ganz genau«, sagte Dr. Judd und sah dem anderen gerade und nachdenklich in die Augen. »Ich bin selbstverständlich der größte Narr in der Welt«, fuhr er fort, »denn sonst würde ich niemals eine solch schändliche Erpressung ertragen. Ich tue es ja nur, um das Andenken an meinen Bruder von jeder Verleumdung freizuhalten.«

»Wenn Ihr Bruder sich damit amüsiert, Menschen in Montpellier niederzuschießen, und wenn ich zufällig dazukomme«, entgegnete Flimmer Fred, »und helfe ihm, zu entwischen – und ich kann beweisen, daß ich das getan habe –, dann denke ich, daß ich Anspruch auf eine kleine Entschädigung haben kann.«

»Sie sind ein unglaublicher Schuft«, sagte der andere in seiner freundlichen Manier und lächelte. »Und Sie amüsieren mich auch. Nehmen Sie mal an, daß ich anders wäre, wie ich wirklich bin! Nehmen Sie mal an, ich wäre verzweifelt und könnte das Geld nicht auftreiben! Was dann? – Ich könnte Sie …«

»Das würde für mich keinen Unterschied machen«, versetzte Fred, »aber für Sie auch nicht. Ich habe den ganzen Vorfall niedergeschrieben, die Schießerei, wie ich dem Mann half, zu fliehen, wie ich nach London zurückkam und ihn dort als Mr. David Judd wiedererkannte – mein Rechtsverdreher hat die ganze Geschichte in Händen.«

»Ihr Anwalt?«

»Selbstverständlich mein Anwalt«, nickte Fred. Er beugte sich über den Tisch. »Wissen Sie, ich habe zuerst überhaupt nicht geglaubt, daß Ihr Bruder gestorben war. Ich dachte, die ganze Sache wäre bloß ein Schwindel, um mich übers Ohr zu hauen, und ich hätte es auch nicht geglaubt, wenn ich es nicht in den Zeitungen gelesen hätte und nicht selbst beim Begräbnis gewesen wäre.«

»Daß ein Mensch wie Sie einen Namen wie den seinen mit Schmutz bewerfen durfte!« sagte Judd und stand auf. All seine gute Laune war aus seiner Stimme verschwunden, und er zitterte vor leidenschaftlicher Empörung.

Er ging um den Tisch herum und blickte finster auf Flimmer Fred herab, und Fred, der an solche Szenen gewöhnt war, lächelte nur.

»Er war der beste Mensch, der je gelebt hat, der geschickteste, der wundervollste Mann«, sagte Dr. Judd mit schneeweißem Gesicht. »Und durch einen Menschen wie Sie –« Seine Hand schoß nieder, und bevor Fred wußte, was vorging, hatte er ihn am Kragen gepackt und emporgerissen.

»Was fällt Ihnen denn ein?« schrie Fred und versuchte, sich loszureißen.

»Das Geld macht mir nichts aus«, stieß Judd hervor. »Das läßt mich kalt. Aber das Bewußtsein, daß Sie – Sie – es in Ihrer Macht haben, einen Mann mit Kot zu bewerfen, einen Mann …« Seine Stimme brach, und die andere Hand fuhr in die Höhe.

Fred warf sich mit aller Macht zurück und entriß sich den Händen seines Gegners. Plötzlich, wie herbeigezaubert, war in seiner Hand ein Revolver.

»Hände hoch und keine Bewegung! Verdammt noch mal!«

Und dann fragte eine Stimme sanft und liebenswürdig:

»Kann ich hier irgendwie behilflich sein?«

Fred fuhr herum. Freundlich lächelnd stand Larry Holt auf der Türschwelle.

Flimmer Fred starrte den Eindringling verblüfft an.

»Na, Sie haben aber keine Zeit verloren?« Die Worte wurden beinahe unbewußt hervorgestoßen, und Larry lachte leise.

Dr. Judd war wieder Herr über sich selbst geworden und sagte leichthin:

»Unser Freund Grogan ist Ihnen doch bekannt? Er ist Mitglied unseres dramatischen Theatervereins, und wir haben gerade eine Szene aus den Korsischen Brüdern geprobt. Ich glaube, das sah ganz echt aus.«

»Ich dachte, es war aus Julius Cäsar«, sagte Larry trocken. »Wissen Sie, die Szene zwischen Cassius und Brutus. Die Revolverschießerei war mir allerdings aus dem Gedächtnis entschwunden.«

Der Doktor blickte von Flimmer Fred zu Larry.

»Mit wem habe ich eigentlich das Vergnügen?« fragte er. Seine Stimme hatte ihren gutmütigen Klang zurückgefunden.

»Ich bin Inspektor Larry Holt von Scotland Yard«, stellte Larry sich vor. »Aber nun ernsthaft gesprochen! Erheben Sie irgendeine Anklage gegen diesen Mann?«

»Nein, nein«, sagte Judd lachend. »Nein, wirklich, das war weiter nichts als eine harmlose Dummheit.«

Larrys Blick wanderte überlegend von dem einen Mann zum anderen.

»Ich nehme an, Sie kennen diesen Mann?«

»Ich habe ihn schon verschiedene Male getroffen«, antwortete Judd ruhig.

»Sie wissen natürlich auch, daß er ein Verbrecher ist, unter dem Namen ›Flimmer Fred‹ bekannt ist und schon mehrere Jahre hier und in Frankreich im Gefängnis gesessen hat?«

Der Doktor blieb einige Augenblicke schweigsam.

»Das habe ich mir auch gedacht«, sagte er leise, »und begreiflicherweise muß Ihnen meine Verbindung mit diesem Mann sehr eigenartig vorkommen – aber ich bin leider nicht in der Lage, eine Erklärung geben zu können.«

Larry nickte. Flimmer Fred schwebte in tödlicher Angst, daß Dr. Judd sich Larry offenbaren und ihm die Veranlassung seines Besuches mitteilen würde. Aber jede derartige Absicht lag Dr. Judd fern.

»Sie können jetzt gehen!« sagte er kurz. Flimmer Fred steckte sich mit zitternden Händen eine Zigarre an.

»Sie müssen sich ›Nervin für die Nerven‹ kaufen«, sagte Larry, der ihn beobachtet hatte. »Ein Drogist an der Ecke hatte noch auf, als ich hierherkam.«

Mit einem kläglichen Versuch, vollkommene Gleichgültigkeit zur Schau zu tragen, stolzierte Fred hinaus.

»Es tut mir sehr leid, daß ich gerade in einem so unpassenden Augenblick kommen mußte«, wandte sich Larry dem Doktor zu. »Ich glaube kaum, daß Sie irgendwie in Gefahr waren. Freds dramatische Effekte liegen nur im Drohen, aber er schießt nicht.«

»Das glaube ich auch nicht«, lachte Judd. »Nehmen Sie Platz, Mr. Holt! Nun«, fuhr er fort, indem er sich eine Zigarette ansteckte, »was führt Sie zu mir? – Ich nehme an, wieder der Fall Stuart. Ich habe heute schon einen Ihrer Beamten hiergehabt.«

»Es handelt sich allerdings um den Fall Stuart«, nickte Larry zustimmend. »Ich habe gerade den Fall übernommen und die Untersuchung der diversen – Fundgegenstände abgebrochen, um Sie noch sprechen zu können, bevor Sie weggingen.«

»Mir ist sehr wenig bekannt«, antwortete der Doktor, behaglich rauchend. »Vorgestern abend ging Stuart mit mir ins Theater. Er war ein eigenartiger, sehr ruhiger und vor allen Dingen außerordentlich reservierter Mann, dessen Bekanntschaft ich ganz zufällig gemacht habe. Mein Wagen stieß mit seinem Taxi zusammen, und ich kam mit einer ganz unbedeutenden Verletzung davon. Er erkundigte sich dann nach meinem Befinden, und so begann unsere Freundschaft – wenn man überhaupt von Freundschaft sprechen kann.«

»Erzählen Sie mir bitte die Einzelheiten über diesen Abend!« bat Larry.

Der Doktor blickte zur Decke des Zimmers hinauf:

»Lassen Sie mich mal überlegen. Ich kann Ihnen die Zeit mit ziemlicher Genauigkeit mitteilen, ich bin ein wenig pedantisch veranlagt. Wir trafen uns am Theatereingang um dreiviertel acht und gingen dann sofort in die Loge A, die letzte auf der linken Seite. Die Logen liegen auf dem Straßenniveau, während sich Parkett und Stehplätze unterhalb des Niveaus befinden. Kurz vor Schluß des zweiten Aktes stand er mit einer kurzen Entschuldigung auf und verließ die Loge. Seit dem Augenblick habe ich Stuart nicht wieder gesehen.«

»Hat ihn denn niemand von den Logenschließern bemerkt?«

»Nein, aber das ist schließlich leicht zu erklären. Sie wissen ja, daß es eine Erstaufführung war. Die Angestellten wollen natürlich das Stück auch sehen und stehen dann in den verschiedenen Saaleingängen, anstatt sich um ihre Arbeit zu kümmern.«

»War es Ihnen bekannt, daß Stuart so reich, beinahe ein halber Millionär, war?«

»Ich hatte davon keine Ahnung«, erwiderte der Doktor. »Mit Ausnahme, daß er von Kanada kam, wußte ich überhaupt nichts über ihn.«

»Ich hatte die Hoffnung, von Ihnen eine ganze Menge Aufklärungen erhalten zu können«, sagte Larry enttäuscht. »Niemand anders scheint mit Stuart bekannt gewesen zu sein, und begreiflicherweise dachte ich, er hätte Ihnen etwas mehr Vertrauen geschenkt.«

»Weder ich noch sein Bankier wußten etwas über ihn. Erst heute morgen erfuhr ich von dem Direktor der London & Chatham-Bank, daß er ihr Kunde war. Das einzige, was wir wußten, war, daß er sehr vermögend war.«

Kapitel 5

Wenige Minuten später ging Larry in Gedanken versunken Bloomsbury Pavement entlang. Was hatte Fred in Judds Büro zu tun? Was bedeutete sein Revolver und das schneeweiße Gesicht des Doktors? Hier lag ein anderes, kleines Rätsel vor, aber Larry hatte weder Zeit noch Lust, sich damit zu befassen. Vor ihm ging ein Mann langsam und bedächtig seines Weges, die eiserne Zwinge seines Stockes tappte regelmäßig auf das Pflaster: ein Blinder. Larry ging an ihm vorbei und sah ihn noch einmal, während er auf ein leeres Taxi wartete.

Er stieg in ein Taxi und fuhr nach der Leichenhalle von Westminster, wo zwei Beamte von Scotland Yard ihn erwarteten.

Die Untersuchung des Leichnams war schnell erledigt; außer einer Abschürfung am linken Knöchel waren keinerlei auffallende Merkmale zu sehen. Dann untersuchte Larry die Garderobe des Toten, die im Nebenzimmer aufbewahrt war.

»Da ist das Hemd, Sir«, sagte der Beamte und zeigte auf das zusammengewickelte Wäschestück. »Ich kann mir die blauen Flecken auf der Brust nicht erklären.«

Larry faltete das Hemd dicht unter der Lampe auseinander. Ein Frackhemd, kaum getrocknet. Auf der Brust waren deutlich sichtbare, blaurote Flecken.

»Tintenstiftflecken«, sagte Larry, dem im gleichen Augenblick der verschwundene Bleistift einfiel. Was sollten aber diese drei unregelmäßigen Reihen von Krähenfüßen und Haken bedeuten?

Und plötzlich fand er die Erklärung. Er drehte schnell das Hemd herum und stieß einen erstaunten Schrei aus. Auf der Innenseite des Hemdes waren drei Zeilen geschrieben, mit Tintenstift. Die Schriftzeichen waren durch den Stoff hindurchgedrungen und hatten die eigenartigen Flecken auf der Hemdfront verursacht.

Die blauroten Worte waren etwas auseinandergelaufen, aber man konnte noch deutlich lesen:

»Mit dem Tod vor Augen vermache ich, Gordon Stuart aus Calgary, Merryhill Ranch, mein ganzes Vermögen meiner Tochter Clarissa und bitte die Gerichte, dies als meinen letzten Willen und Testament anerkennen zu wollen. Gordon Stuart.«

Darunter eine beinahe unleserliche, plötzlich abgebrochene Zeile, deren erstes Wort mit einem »O« zu beginnen schien:

»O … hat mich … ein … Falle gelock …«

Larry blickte seinen Untergebenen an.

»Das ist das merkwürdigste Testament, das je gemacht worden ist«, sagte er leise.

Er ging nach der Leichenkammer zurück und untersuchte den Toten noch einmal. Eine seiner Hände war zusammengekrampft, ein Umstand, der augenscheinlich von den Ärzten übersehen worden war. Mit großer Mühe brach er die Finger auseinander, und mit leisem Klingen fiel etwas auf den Steinfußboden. Er bückte sich und nahm es auf: ein zerbrochener Manschettenknopf von ganz eigenartigem Muster. Auf schwarzem Emaillegrund ein Kranz kleiner Diamanten. Er suchte noch einmal mit größter Sorgfalt, ohne aber irgend etwas Neues finden zu können.