Die toten Gassen von Barcelona - Stefanie Kremser - E-Book

Die toten Gassen von Barcelona E-Book

Stefanie Kremser

4,6
8,99 €

Beschreibung

Was Donna Leon für Venedig ist, wird Stefanie Kremser für Barcelona werden Anna Silber reist nach Barcelona in die Geburtsstadt ihrer Mutter, um dort einen alternativen Reiseführer zu schreiben. Doch schon bei ihrer Ankunft liegt ein toter Mann auf der Straße, und ein kleiner Junge drückt ihr ein Bleistückchen in die Hand, das vielleicht dem Toten – oder dem Mörder? – gehörte. Der Tote ist nicht das einzige Opfer – ein Serientäter scheint umzugehen, doch wo ist das Muster, wo das Motiv? Durch einen Zufall kommt Anna dem Täter auf die Schliche – und gerät dabei selbst in große Gefahr. Stefanie Kremser, die in Barcelona lebt, hat einen Roman geschrieben, der warmherzig und spannend zugleich von Mord und Verbrechen, aber auch von Freundschaft, Loyalität und Liebe erzählt. Ein spannender Krimi, der den Leser über die Plätze und durch die Gassen Barcelonas führt und zugleich einen Blick hinter die Kulissen dieser faszinierenden Mittelmeermetropole wirft.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 290




Stefanie Kremser

Die toten Gassen von Barcelona

Krimi

Kurzübersicht

> Buch lesen

> Titelseite

> Inhaltsverzeichnis

> Über Stefanie Kremser

> Über dieses Buch

> Impressum

> Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

Inhaltsverzeichnis

WidmungMottoDas Versprechen der Woche1. KapitelDie Kerzen brennen2. KapitelDas Zeichen3. KapitelSie kommen von alleine4. KapitelSchmerz5. KapitelAbgrund6. KapitelNur sehen kann man es nicht7. KapitelKönigssohn8. KapitelDanksagung
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Für Jordi

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»Baxada de Santa Eulària

Tu la veres rodolar

D’un abisme a l’altre abisme

Per aquells rostos avall,

Dexant per rastre en les herbes

Un bell rosari de sanch.«

Jacint Verdaguer, 1899

Gasse der heiligen Eulàlia

Du sahst sie rollen

Von einem Abgrund in den nächsten Abgrund

Jene Neige hinab

Und ließest als Spur im Gras

Einen schönen Rosenkranz aus Blut.

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Das Versprechen der Woche

Mamà ruft und ruft, liegt sechs Stockwerke über mir in ihrem Schlafzimmer mit der abblätternden Blumentapete, in dem Bett, in dem Vater starb, auf der Matratze, auf der ich gezeugt wurde, unter den Wolldecken, die klamm sind und salzig und schwer von Winter und Meer. Ich halte mir die Ohren zu und fühle die zerkrümelnden Klopapierfetzen, die ich mir vor zwei Stunden hineingestopft hatte, kann mamà trotzdem hören, immerzu: bring mir ein Kissen, gib mir was zu trinken, schließ den Vorhang, reich mir die Zeitung, immer will sie etwas von mir und nie ist sie zufrieden, was denn nun schon wieder. Ich habe zu tun, muss doch los, hast du das vergessen? Aber sie ruft trotzdem mit dünner, klagender Stimme: rei, jammert sie, nennt mich König, um mein Herz aufzuweichen, und wenn ich dann den Laden schließe und durch die Dunkelheit die sechs Stockwerke hinaufsteige, vorsichtig, um nicht über die zerschlagenen Stufen zu stolpern, spielt sie die Verwunderte, sagt: warum weckst du mich, du missratener Sohn, gönnst deiner Mutter keine ruhige Minute, und wer passt auf den Laden auf? Willst du uns ruinieren? Nein, sage ich, nein mamà, und ich schütte das Glas Wasser in der Spüle wieder aus, soll sie doch vor Durst verrecken. Ich stopfe mir frisches Klopapier in die Ohren, um ihr Rufen nicht im Treppenhaus zu hören, drücke es tief in den Hörkanal, bis es wehtut, rei, rei, ihre Stimme die Schleppe des Königs, weiß der Teufel, wie sie es schafft, mit diesem Fiepsen Wände und Böden zu durchdringen. Ich tue so, als wäre es das Miauen der Katzen, und gebe auch ihnen nichts zu trinken, verrecken sollen sie alle. Sieben, acht Mal am Tag: rauf und runter, rauf und runter, mamà hat das Bett genässt, mamà verlangt Sardinen, mamà will in Ruhe gelassen werden, mamà befiehlt mir, Milch einzukaufen, die Katzen zu füttern, das Fenster zu öffnen, seit wann ist die Sonne grün? Seit zwei Jahren, mamà, das weißt du doch, seit zwei Jahren ist die Sonne grün, der Himmel grün, die Wolken grün, der Tag und die Nacht: unsere Wohnung gleicht einer moosbewachsenen Höhle, in der es nach Lehm riecht, der von der Decke bröckelt, nach Sand, der aus den Fugen bröselt, nach Schimmel und Katzenpisse und Mutterschweiß und Schlaf. Die Nacht wurde erst wieder schwarz, als das Pack die Straßenlaterne zerschmetterte, nachdem sie wie Hunde gegen den Pfahl gepinkelt hatten, ohne Scham und Ehre, weil es nicht ihre Mutter ist, die hinter dem Fenster ruht. Nach jeder schwarzen Nacht folgt jedoch ein grüner Morgen, heute ein lichtloser, wolkenbedeckter, kränklich grüner Wintermorgen, ich brachte mamà Kaffee mit darin aufgeweichten Butterkeksen ans Bett und wusch sie mit einem feuchten Handtuch und klopfte ihr das Kissen zurecht und gab ihr das Album. Der Wievielte ist heute, fragte sie, bevor sie es aufschlug, der Zwölfte, antwortete ich, und sie blätterte langsam, als hätte ich sonst nichts zu tun auf der Welt und wüsste es nicht schon längst, beugte sich vor, studierte genau und tippte schließlich mit ihren langen, gekrümmten Fingernägeln auf ein Bildchen und nahm mir das Versprechen der Woche ab. Ein Opfer für die Heilige, bettelte sie, damit wir nicht wie sie verenden, flüsterte sie, und ich sagte: ja mamà, und küsste ihre Stirn. Ich weiß, dass der Kuss vom Morgen noch immer leuchtet, und verlasse das Haus, nicht zu lang, auch das habe ich versprochen, aber lang genug.

Der Himmel ist aufgerissen.

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1.

»Da ist ein Toter.«

Rafael Martín, 39, Chefredakteur

»Und das in der Mittagspause.«

Ignasi Munné, 32, Polizist

Es knackt in meinen Ohren: das untrügliche Signal, dass wir an Höhe verlieren. Bald kommen wir an. Es kann nicht mehr lange dauern.

Die Seen und Furchen der schneebedeckten Alpen liegen längst hinter uns, der Hafen von Genua, der Golf von Marseille. Nun fliegen wir über die Costa Brava – flitzen, rasen, durchschießen einen mit Wolken betupften Himmel –, und trotzdem ist es, als schwebe das Flugzeug kaum schneller als ein Spatz; jedenfalls langsam genug, damit ich ohne Eile die Landschaft bewundern kann. Ich drücke meine Stirn gegen die Kunststoffscheiben des Kabinenfensters und habe längst aufgegeben, die Buchten zu zählen, die in perfekten Bögen das Wasser anlächeln. Ich bin überrascht, wie grün alles von hier oben aussieht, dass viele Strände, vollkommen isoliert, nur mit Booten erreichbar, und ganze Küstenstreifen unbebaut sind. Ich hatte eine nahtlose Reihe von Betonburgen befürchtet, in Besitz genommen von Gruppen betrunkener Engländer, Holländer, Deutscher, die für einen Spottpreis zum Junggesellenabschied mal kurz rübergeflogen sind. Ich hatte es für möglich gehalten, dass kilometerlange, betonierte Strandpromenaden von älteren, mitteleuropäischen Ehepaaren bevölkert sein könnten, die in Sonderangeboten überwintern. Ich habe mir düstere Berichte angehört: dass alle ehemals hübschen Fischerdörfer, längst entdeckt und dann gemästet, aussehen wie übergewichtige Kinder, deren süße Gesichtchen nicht mehr wiederzuerkennen sind und die plump ihr schönstes Spielzeug zertrampeln.

Doch die Aussicht verspricht Gelassenheit und so etwas wie: Keine Sorge, es ist auch für dich etwas dabei. Hoffe ich zumindest. Ich sehe aus sechstausend Metern Höhe das, was ich mir vorsichtig erträumt habe, und ich rechne fest damit, dass mir in meinem Paradies Pinien und Palmen Schatten spenden werden, sobald ich die Piste geküsst habe und – ja, es fühlen werde. Es anfühlen. Das Land meiner Mutter. Ihre Landschaft. Zum ersten Mal, ausgerechnet jetzt, wo alles zu spät ist. Jemand sagte mal, dass unsere Seele die Form der Landschaft annimmt, die uns geprägt hat, dass sie sich über sie legt, ihre Kanten nachahmt. Ein Künstler war das, ein Filmemacher, einer, der das Innerste der Menschen in ihrer Umgebung gespiegelt zu sehen glaubte. Nun, ich bin keine Künstlerin, und dennoch hoffe ich: Wenn es schon kein Wiedersehen mit meiner Mutter geben kann – niemals wieder –, so vielleicht doch eine Art Begegnung mit etwas, das sie in ihrer Seele trug. Oder so.

Ich seufze. Die Küstenlandschaft unter mir leuchtet in der Sonne, und ich wünschte, ich könnte den Kopf aus dem Fenster stecken, um nichts zu verpassen. Ich kann sie nicht im Einzelnen erkennen, aber ich stelle sie mir vor, die Pinien, wie sie sich über Felsen zum Meer hin beugen und wie ihre Wurzeln ein Muster in die sandige Erde zeichnen. Das Meer ist hier ein weltjunger Mann, el mar, und er liegt dem leuchtenden Strand zu Füßen, der im Süden, wie passend, eine Frau ist: So wie einst mein Vater meiner Mutter zu Füßen lag, um sie dann in seine Heimat zu locken. Ein Abenteuer, das ich nun umgekehrt beginne, wenn auch ohne die Liebe meines Lebens, die mich am Ziel erwartet.

»La platja«, sage ich laut, um meine Zunge wieder an das Katalanische zu gewöhnen, die Sprache meiner Mutter und die meiner Kindheit, und es ist ein plätschernder Genuss: »platscha«, gleitet die Zunge vom Gaumen zu den Zähnen, meine Güte, ich sehe mich jetzt schon kopfüber in die Wellen tauchen, vergesse den Winter, der hier so anders aussieht. Mein Sitznachbar, aufgeweckt von meinen Sprachübungen, lehnt sich mit einem ungenierten Gähnen vor, um ebenfalls einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Sein Atem riecht nach dem an Bord gekauften Käsebrötchen, und noch immer liegen Krümel auf seinem geblümten Urlaubshemd. Ein Optimist, der den Winter gleich zu Hause gelassen hat.

»Na, ob wir pünktlich ankommen«, sagt er, nun doch ein wenig pessimistisch, und es belehrt ihn sogleich der Pilot mit schwer verständlichem, aber charmantem Akzent: Der Anflug hat begonnen, nur noch eine klitzekleine Warteschleife, und wir landen in Barcelona. Dreizehn Uhr fünfundvierzig, Außentemperatur siebzehn Grad, es ist Samstag, der zwölfte Februar. Ein Lautsignal kündigt an, dass die Sicherheitsgurte angeschnallt werden müssen, und der Pilot wünscht uns einen schönen Tag. Ich bedanke mich und murmele gràcies, die Maschine fliegt eine Linkskurve, und wir befinden uns im Blau zwischen Himmel und Meer. Die Passagiere rutschen bereits unruhig auf ihren Sitzen, manche bekommen feuchte Hände oder versuchen, mit zugehaltener Nase den Druck auszugleichen. Noch vor dem Ausschalten der Motoren werden sie wie befreit aufspringen, hektisch ihr Gepäck aus den Fächern zerren und versuchen, sich im Gang vorzudrängeln. Die Stewardessen werden vergeblich anmahnen, sich doch bitte wieder zu setzen, und ich werde weiterhin wie hypnotisiert aus dem Fenster schauen. Ich werde die Geräusche um mich herum ausblenden und mich auf meine feierliche Ankunft konzentrieren, und ich weiß plötzlich, die Befreite bin ich, ich allein, und es fehlen nur noch wenige Minuten, und – Barcelona!

Der Pilot hat seine Schleife gedreht, und ich blicke hinunter auf eine Schönheit eingebettet von Meer und Hügeln, deren Muster von akkurat angelegten sechseckigen Häuserblocks aus den Zeiten des Jugendstils hinunter ins Labyrinth der frühmittelalterlichen Altstadt verläuft: von der Ordnung ins Chaos, in überschaubarer Größe und doch mit unendlich vielen Gassen und Plätzen, deren Namen ich zu Hause vergeblich versucht habe, auswendig zu lernen und die ich ab sofort (wir nähern uns leicht schwankend der Landebahn, die Triebwerke kreischen, die Landeklappen sind ausgefahren, das Fahrwerk ist bereit zum Aufsetzen, jetzt gleich, jetzt, jetzt …) bis in den allerletzten Winkel erobern werde.

Auf die Plätze, fertig, los.

 

Wie es aussieht, muss ich erst einmal lernen, dass in diesem Land Zeit ein dehnbarer, erweiterter Begriff ist. Übersetzt heißt sie temps, was beides Zeit und Wetter bedeutet, will heißen: schwer einzuschätzen und nur unter Vorbehalt prognostizierbar. Im Moment bin ich also noch auf den Plätzen, denn ich stehe seit einer halben Stunde vor dem Gepäckband Nummer 12 und starre auf die Öffnung, die meinen Koffer freigeben soll. Auf dem Schild, das meinen Flug diesem Band zuordnet, hat sich Glasgow an erste Stelle geschoben, und wir letzten fünf Passagiere aus München tauschen nervöse Blicke aus. Vor dem Reklamationsschalter stehen Kofferwaisen aus Japan, Südamerika und Schweden, und ich versuche mich zu erinnern, ob ich die richtige Telefonnummer auf das Adressschildchen geschrieben habe, und was, wenn nicht, und siehe einer an. Da ist er. Ich rücke vor auf fertig und lade meinen Koffer und den kleinen Rucksack, den ich mit an Bord hatte, auf einen Gepäckwagen. Ich drängle mich durch die Menge und bin plötzlich froh, alleine zu sein, denn die angespannten Paare, die herumturnenden Kinder, die sich um ihren Reiseführer scharenden Gruppen sind anstrengender als das Gefühl der Verlassenheit, das mich beim Durchgehen der Schiebetüren überfällt: Hunderte von Menschen stehen hinter der Absperrung in der Ankunftshalle und warten ungeduldig darauf, ihren Ankömmlingen um den Hals fallen zu können. Sie stehen auf Zehenspitzen, winken, halten Willkommensbanner hoch, rufen Namen.

»Hola Mamà!«

»Cinta, Cinta!«

»Hola Anna!«

»Eh, Joan!«

Mir schießen Tränen in die Augen, aber das kenne ich von mir, das ist die Ergriffenheit: Ich habe es geschafft, ich bin da, sechsunddreißig Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet, könnte das da drüben der Ausgang zum Flughafenbus sein?

»Anna!«, höre ich wieder und freue mich, einen Namen zu tragen, der überall geläufig ist. Ich schiebe meinen Gepäckwagen so rücksichtsvoll es geht durch die Menge in Richtung der Rolltreppen, Anna, Anna, ruft es erneut, und jemand greift mich am Arm, reißt mich an sich und küsst mir die Wangen –

»Sag mal, Frau, bist du taub?«

Ich könnte heulen vor Freude, was heißt könnte. Wir fallen uns in die Arme.

»Du riechst nach Meer«, sage ich, meine Nase in seinen braunen Locken.

»Ich war heute auch schon schwimmen.«

»Um diese Jahreszeit?«

»Jeden Tag, bei Wind und Wetter.«

Wir zwicken einander, strahlen, ich habe noch immer Tränen in den Augen, und Rafael redet auf mich ein, bis wir in seinem Auto sitzen.

»Ich hab gedacht, du kommst nicht mehr, du bist da vielleicht durchmarschiert, ich habe gebrüllt wie ein Verrückter, hast du mich denn nicht gehört? War der Flug O.K.? Wie sah der Pilot aus? Ich stehe ja total auf diese Uniformen. Gut siehst du aus, ist das nicht ein Wahnsinn, ich bleibe das Wochenende bei Quim. Komm, lass dich drücken, ein bisschen Lippenstift könnte dir aber nicht schaden, ich freue mich so, dich zu sehen! Du hast die Wohnung für dich alleine, der Rest wird schon – das kann doch nicht dein Ernst sein, ist das alles, was du dabeihast?«

Mit heruntergekurbelten Fenstern fahren wir in die Stadt. Diese Luft! Wie Weichspüler umgibt sie meine Haut, die die in München unaufhörliche Schlecht-Wetter-Misere misshandelt hat. Die angekündigten siebzehn Grad fühlen sich aufgrund der Luftfeuchtigkeit an wie zwanzig, kein Wölkchen mehr am Himmel, nur Sonne, Sonne, Sonne, dabei gehen in Deutschland bald die Straßenlaternen an. Ich erzähle Rafael, dass es mir nicht schwerfiel, die Wohnung unterzuvermieten. Ich sage zum zehnten Mal, wie sehr ich mich freue, dass ich es kaum erwarten kann, die Arbeit anzufangen, dass ich am liebsten nur über Essen schreiben würde; neue Restaurants, Bars, Köche –

»Es gab wohl im Flugzeug nichts zu essen?«, grinst Rafael, und wir erreichen die platanenumsäumte Gran Via, die uns zur Stadtmitte führt. Mir kribbelt der Bauch.

»Mensch Rafael«, sage ich, »das habe ich alles dir zu verdanken.«

Das habe ich wirklich.

Rafael und ich haben uns in Sibiu kennengelernt, Kulturhauptstadt Europas, Visitenkarte Rumäniens. Er war dort, um für eine Kulturzeitschrift über die Aufführung einer katalanischen Theatergruppe zu berichten, und ich war dort, um für eine deutsche Frauenzeitschrift über ein neues Hotel zu schreiben, in dem auch Rafael übernachtete. Meine Arbeit war folgende: Eine PR-Agentur kauft sich verschiedene Journalisten mit der Einladung zu einer Luxusreise, damit die wiederum lobpreisende Artikel an diverse Magazine und Zeitungen verkaufen. Wir, in diesem Fall ein verlebter, trinksüchtiger Hamburger, eine chirurgisch verschönerte Wienerin, ein junger Ehrgeizling aus Köln und ich, wurden in den besten Suiten untergebracht, aßen in den besten Restaurants und wurden in die Geheimtipps der Stadt eingeweiht. Die wir dann als Geheimtipp Hunderttausenden von Lesern weitergeben sollten, psst, nicht verraten. Viel gab es nicht zu berichten – die Leser möchten von Dingen lesen, die sie kaufen können – außer, dass der Stadtkern entzückend renoviert wurde, dass Tuica, der hausgebrannte Pflaumenschnaps, hervorragend ist und dass Bäuerinnen und Hausfrauen auf dem Markt wunderschönes Keramikgeschirr anbieten, handbemalt mit floralen Mustern.

Meine Gruppe war fürchterlich. Die Wienerin maulte, wie langweilig Sibiu sei, und hatte zur Erfrischung eine Geschichte mit dem jungen Mann aus Köln. Der Hamburger dockte abends am Tresen der Hotelbar an, und ich streifte alleine durch die Gassen dieses hübschen Städtchens und stellte mir die Sinnfrage.

Am zweiten Morgen saßen Rafael und ich alleine im Frühstückssaal, teilten uns den letzten Löffel Rührei vom Buffet und beschlossen, uns auch den Tisch zu teilen. Wir hatten uns bereits ein paar Mal im Aufzug und Foyer Hallo gesagt und waren uns auf Anhieb sympathisch. Vor allem gefielen mir seine dichten Locken und die großen braunen Augen, die hinter seiner Brille noch größer schienen und ihm ein stetes sanftes Erstaunen in den Blick malten – und ich war begeistert, dass er aus Barcelona kam. Ich erzählte ihm, dass ich dank meiner Mutter Katalanisch spreche, in guten Zeiten Stadtführer schreibe und in schlechten Reisereportagen wie diese. Er erzählte mir, dass er Kulturjournalist sei und frisch verlobt.

»Das hört sich ja toll an«, sagte ich, »gib’s zu, das hast du dir nur ausgedacht.«

»Dann komm mich besuchen! Ich zeig dir meine Stadt, meinen Mann, alles, was du willst.«

Ich musste lächeln und verabschiedete mich von der Idee, meine Hände eines Tages in diesen Lockenkopf zu vergraben.

»Das ist alles, was ich will«, sagte ich, »eine schöne Stadt, einen Mann …«

»Einen schönen Mann.«

» … kannst du dir vorstellen, dass ich nur ein Mal als Baby in Barcelona war? Dass meine Mutter danach nie mehr zurückgekehrt ist? Und einen schönen Job will ich auch. Nicht so einen Blödsinn. Ich darf ja noch nicht einmal schreiben, dass in diesem Hotel um zehn Uhr morgens das Rührei aus ist.«

Am Ende schrieb ich gar nichts über Sibiu, denn an jenem Morgen, noch während unseres gemeinsamen Frühstücks, klingelte mein Handy und es meldete sich ein Hauptkommissar aus Starnberg. Ich dachte sofort an meinen Bruder – Starnberg, fuhr es mir durch den Kopf, da ist seine Klinik, und noch während ich versuchte, aus meinem verschnürten Hals seinen Namen herauszukrächzen, fragte mich der Kommissar, ob ich die Tochter von Thomas Silber und Núria Martell Silber wäre, und ich flüsterte: Ja? Er sagte, dass meine Eltern und mein Bruder Andreas einen Autounfall hatten und noch am Unfallort gestorben seien. Ob ich ihn verstanden hätte, fragte er nach einer Weile, und ich räusperte mich und flüsterte erneut: Ja. Er räusperte sich ebenfalls und fügte mit gesenkter Stimme hinzu, dass es ihm leidtäte, und ich weiß nicht mehr, was ich diesmal sagte.

An diesem Tag fand ich in Rafael einen Freund von der unvergesslichen Sorte. Er hielt mich, half mir beim Packen, beim Umbuchen, brachte mich zum Flughafen. Ich selbst habe kaum eine Erinnerung, weder an diese Stunden noch an die folgende Woche bis zur Beerdigung. Aber ich weiß, was Rafael für mich getan hat, und bin ihm für immer dankbar, unter anderem dafür, dass er seine Visitenkarte in meine Handtasche steckte und sich meine Adresse und Telefonnummer notierte. Zwei Wochen später schickte er mir einen Brief, in dem er schrieb, dass ich immer bei ihm willkommen sei und dass er mir gerne die Stadt meiner Mutter zeigen würde, wann immer ich so weit sei – und dass ich in Barcelona nicht verwaist wäre. Und dann, elf bedrückende Monate später, bekam ich das Angebot, einen Stadtführer über Barcelona zu schreiben, weil es sich in der Szene herumgesprochen hatte, dass ich Katalanisch und auch ein bisschen Spanisch konnte. Als ich Rafael erzählte, dass ich nun so tun müsse, als wäre ich eine Barcelona-Expertin, ohne jemals dort gewesen zu sein, jubelte er und versicherte auf Anhieb, er könnte mir für ein paar Monate eine Wohnung besorgen. Außerdem versprach er, dass die gesamte Kulturredaktion seiner Zeitschrift mir mit jeglichen Tipps und Ratschlägen zur Verfügung stünde.

»Das wäre traumhaft«, sagte ich.

»Was heißt hier wäre! Du hast doch zugesagt, oder?«

»Ich habe mir bereits fünf Reiseführer, eine katalanische Grammatik und ein Wörterbuch deutsch-spanisch gekauft«, gab ich zu, und Rafael lachte laut in den Hörer.

»Dann bist du ja bestens vorbereitet. Wir machen dich schon zur Barcelona-Expertin, und du kannst sogar einen Schreibtisch bei uns beziehen«, schlug er vor, »also, wann kommst du?«

Wir verlassen die Gran Via mit ihren Platanenreihen, Bussen, Taxen und einer Armee von Motorradfahrern und biegen rechts ab in den Passeig de Sant Joan. Wir lassen die Plaça Tetuan hinter uns – ein breites, mit hochgewachsenen Palmen versehenes, von Wildpapageien bevölkertes Rondell – und biegen bald in eine schmale Straße, die durch ein Labyrinth von verwinkelten Kreuzungen zu Rafaels Wohnung führt. Schlagartig ändert sich die urbane Landschaft; wir haben das bürgerliche Viertel des Eixample verlassen und begeben uns in die Cuitat Vella, die alte Stadt: Sogleich sind die Häuser niedriger, ihre Fassaden glatt und schmucklos. Die Gassen, die rechts und links von der Straße abgehen, verlaufen zu engen Schläuchen, wo Kinder unter gespannten Wäscheleinen Fußball spielen.

»Hier sind wir«, sagt Rafael und biegt in die Sant Pere Més Baix – und wir stecken fest. Vor uns stehen drei weitere Autos, und die Motoren laufen, obwohl es nicht so aussieht, als würde die nadelöhrbreite Straße so schnell freigegeben: Vier Polizeiwagen und zwei Ambulanzen versperren, aus der entgegengesetzten Richtung kommend, die Einbahnstraße. Anwohner lehnen sich aus den Fenstern und recken die Hälse, um einen Blick auf das Unglück zu ergattern, das keine zwanzig Meter vor uns geschehen sein muss; Polizeibeamte schicken neugierige Passanten fort und winken den Autofahrern zu, zurückzusetzen. Ich schlucke Abgase und habe Durst. Hinter uns fangen die Ersten an zu hupen, wie eine Welle schwappt das kakofonische Konzert zu uns herüber, schwillt an und bricht über uns ein.

»Ja, was denn jetzt«, regt sich Rafael auf und lehnt sich aus dem Fenster. »Wie sollen wir denn hier rückwärts rauskommen, verdammt noch mal?«, ruft er einem Beamten zu, »ich wohne gleich da vorne!«

Er haut frustriert gegen das Lenkrad.

»Ist bestimmt gleich vorbei«, versuche ich.

»Warte mal kurz«, sagt er und steigt aus, um sich mit den anderen Autofahrern und dem Polizisten zu beraten. Auch ich steige aus, um über die Köpfe der Passanten zu spähen, als ein etwa zehnjähriger Junge durch die Absperrung schlüpft und sich mit solcher Wucht an mir vorbeischiebt, dass ich ins Taumeln gerate.

»Hey!«, rufe ich verblüfft aus, und der Junge dreht sich um, sieht mich an und wirft mir etwas zu. Reflexartig fange ich es auf, und als ich wieder aufschaue, sehe ich nur noch, wie er versehentlich beim Weglaufen einen kurzatmigen, dicken Mann anrempelt und um die nächste Ecke verschwindet. Verwirrt öffne ich meine Hand und blicke auf ein Stück Blei.

»Anna!«, höre ich Rafael rufen. Er zieht mich ums Auto herum und flüstert aufgeregt auf mich ein.

»Da ist ein Toter!«

»Was??«

Rafael nickt mich mit großen Augen an und fährt sich mit der Hand aufgeregt durch die Haare.

»Quim kommt wohl auch gleich, da ist jemand vom Haus gestürzt, praktisch gegenüber von meiner Wohnung, du kannst dir vorstellen, was da vorne los ist. Aber sie werden dich durchlassen«, sagt er, »komm, bevor die es sich anders überlegen.«

»Quim ist doch bei der Mordkommission, oder?«, frage ich und greife nach meinem Rucksack.

»Ja, aber bei so was muss er auch kommen, die Ursache ist ja noch ungeklärt«, sagt Rafael, während er den Fahrersitz vorklappt und den großen Koffer von der Rückbank hievt. »Tut mir echt leid für dich, saublöd, ausgerechnet am Tag deiner Ankunft! Pass auf: Hier sind die Hausschlüssel – der ist für die Wohnung. Es ist nur einen halben Block weiter, auf der rechten Seite. Nummer 125, vierter Stock, zweite Tür. Ich ruf dich nachher von der Redaktion aus an. Geh ruhig, das hier wird länger dauern.«

»Bist du sicher?«

Rafael winkt mich lächelnd fort. Ich ziehe den Koffer über den Bürgersteig hinter mir her und werde von einem Polizisten durch die erste Absperrung begleitet. Ich versuche, meine Neugierde zu bändigen, und nehme mir vor, nicht hinzuschauen – aber aus den Augenwinkeln habe ich ihn bereits gesehen. Den Toten. Und ich kann nicht anders, als ihn anzustarren. Der Mann liegt, keine zwei Meter von mir entfernt, bäuchlings auf dem Steinpflaster, die Beine unnatürlich verrenkt. Seine Arme sind mit spitzen Ellbogen nach außen gekehrt, und die Hände liegen unter seinem Körper. Es sieht aus, als hätte er zwei gebrochene Flügel. Sein Kopf liegt in einer Blutlache, und etwas Helles bröckelt durch die Wunde, glänzt in seinen Haaren. Eine Flaumfeder, vielleicht die einer Möwe, klebt an seinem blutverschmierten Mundwinkel. Die Feder bewegt sich in einer unmerklichen Brise, die einzige Bewegung in diesem Bild der Stille. Das Blut wirkt im Sonnenlicht beinahe rosafarben, und ich stelle mir vor, dass es warm sein muss, dass darin vielleicht noch ein paar lebende Zellen schwimmen und dass, wenn es denn so etwas wie eine Seele gibt, sie in diesem Moment dabei ist, aus dem Leib dieses Mannes herauszuströmen, mit seinem Blut herauszufließen. Ich weiß, das ist Unsinn. Aber ich bin ehrlich beeindruckt. Ich schaue hoch, zu dem Gebäude, von dem er gefallen sein muss – oder gesprungen, was ich ihm fast eher wünsche, denn nichts finde ich schlimmer, als bei einem Unfall umzukommen. Dann bleibt nämlich nicht nur das Warum – man fragt sich immer, warum –, sondern auch das Hätte er bloß, Wäre er nicht, und so weiter. So ist es eine beschlossene Sache. Eine selbst gefällte Entscheidung. Kein dummer Zufall. Ich weiß, wovon ich rede.

Das Haus ist eine fünfstöckige Baustelle. »Luxuriöse Eigentumswohnungen« steht auf einem Schild, dazu ein kleines Firmenlogo und eine fett gedruckte Telefonnummer. Die backsteinernen Wände sind bereits eingezogen, aber die Fassade steht offen. Lange Bretter sind in Hüfthöhe angebracht, sie sollen den Bauarbeitern wohl Schutz vor einem Sturz bieten. Das hat offensichtlich nicht funktioniert. Wobei der Mann nicht aussieht wie ein Bauarbeiter. Er ist um die vierzig und trägt einen grauen Anzug, ein hellblaues Hemd, schwarze Schuhe; die Spitze seiner Krawatte ruht auf seiner Schulter. Ein Schutzhelm ist nicht zu sehen. Ich wundere mich, dass überhaupt keine Arbeiter anwesend sind, und ich versuche mir vorzustellen, wie dieser Mann alleine durch den Betonstaub schritt – vorsichtig, um Schuhe und Hosensaum nicht zu beschmutzen –, wie er die unverputzten Stufen emporstieg und sich vielleicht ausmalte, wie die zukünftigen Bewohner diese Leere mit Leben und Geschichten füllen würden. Diese Stille. Eine Zementmaschine steht ruhend im dritten Stock; graue Plastikplanen hängen an Nägeln und flattern verlassen im Wind. Die Räume sehen schmal aus – zu schmal, wie ich finde – und starren aus blinden Augenhöhlen vor sich hin. Sie geben dem Gebäude, das immerhin jemanden aus dem obersten Stockwerk gespuckt hat, einen finsteren Ausdruck. Neben dem Toten knien zwei Notärzte; ein paar Sanitäter stehen wartend bei der Ambulanz; ein Polizist macht Fotos. Ein anderer zündet sich eine Zigarette an und sagt, eine Wolke nach schwarzem Tabak riechenden Qualm auspaffend:

»Und das in der Mittagspause.«

Deshalb habe ich, trotz des scheußlichen Anblicks, Hunger. Und deshalb sind um diese Zeit keine Arbeiter auf der Baustelle: Sie werden in einem dieser kleinen Restaurants sitzen und für sieben Euro ein Drei-Gänge-Menü verspeist haben, sich Fasern des Filets aus den Zähnen stochern, vor sich ein tallat – ein Milchkaffee in Schnapsglasgröße –, und keine Ahnung haben, was sie bei ihrer Rückkehr erwartet.

»He, was machst du hier!«, bellt mich der rauchende Polizist an und scheucht mich fort. Ich steige benommen über die zweite Absperrung, suche die Nummer 125 und schließe, dankbar für die Zuflucht, auf. Jetzt erst spüre ich, dass meine Hände leicht zittern. Das Treppenhaus ist kühl, und die jahrhundertealte Haustür sperrt die Geräusche der Straße aus. Es ist so weit: für die nächste Woche werde ich Rafaels Wohnung beziehen – davor muss ich nur noch meinen übergewichtigen Koffer lächerliche vier Stockwerke hochtragen.

Rafaels Wohnung besteht aus einem winzigen Schlafzimmer, einem Bad und einer zum Wohnzimmer hin offenen Küche. Die Räume sind lichtdurchflutet. Sonne dringt durch die Türen des französischen Balkons, der zur Straße führt, doch ich kann nicht hinunterschauen, noch nicht: Noch gibt es keine Aussicht zu bewundern. Noch liegt ein Toter auf der Straße.

Ich stelle mein Gepäck ab und sehe mich um. Rafael hat bereits mit dem Packen begonnen; Umzugskisten stehen herum, Bilder lehnen an der Wand, die Bretter eines abgebauten Regals liegen sorgfältig aufeinandergestapelt auf dem Boden, daneben stehen Vasen, Bücher, Kerzenhalter, CDs. Ich öffne den Kühlschrank, trinke Wasser, beiße in einen Apfel. Ich denke an Rafael, der im Stau steht, denke an Quims knallharten Beruf, an den verunglückten Mann und an das, was ich nicht sehen wollte. Die Ankunft in dieser Stadt, die ersten schwindelerregenden Eindrücke, die Erinnerung an meine Mutter, die noch kaum mehr als ein unsichtbarer Bezug mit diesem Ort, diesem Land ist – all dies verwirrt mich, und mir ist, als wäre ich vor Tagen gelandet und nicht erst vor zwei Stunden.

Langsam packe ich meinen Rucksack aus – das Notebook zuerst, nicht gerade das neueste Modell, aber immerhin das Instrument, mit dem ich in Barcelona mein Brot verdienen werde. Adressbuch, Kalender, Stifte, Dokumente, das Handy aus der Seitentasche … es muss an dem metallischen Grau des Mobiltelefons liegen, denn dabei fällt mir das sonderbare Geschenk des Jungen ein. Keine halbe Stunde ist vergangen, und ich habe es fast vergessen. Vorsichtig taste ich in meinen Hosentaschen danach und betrachte es genauer, doch es ist nichts anderes, als bereits der erste, kurze Anblick verriet: ein münzgroßes Stückchen Blei, das nach dem Schmelzen in eine Wasserschale geworfen wurde. Wie ich es auch drehe und wende, ich kann keine konkrete Form daraus erkennen. Könnte eine Art Baum sein. Oder eine Koralle. Scheint eine Ecke zu fehlen. Ratlos lege ich das gegossene Bleistück auf den Küchentresen, als die Sirene eines Krankenwagens aufjault. Sie bringen ihn fort, hoffe ich, und werfe einen vorsichtigen Blick aus dem Fenster. Mit Erleichterung beobachte ich, dass die Streifenwagen und die Ambulanzen wenden, um die Straße frei zu machen; gleich werden die Geschäfte öffnen, der Nachmittag hat begonnen, die Dinge nehmen ihren Lauf, warum sollten sie das nicht. Rollos werden hochgejagt, Gemüsestände aufgestellt; später werden Straßenreiniger die Blutspuren mit einem kräftigen Wasserstrahl entfernen, meine Unruhe mit ihnen. Ich blicke hoch und entdecke ihn neu, diesen herrlichen Tag: Möwen segeln über die Dächer, darüber zeichnen Hunderte von Antennen ein surrendes Muster in den Himmel; ich öffne die Tür des fußbreiten Balkons und atme tief ein. Ich bin da.

 

Eine Stunde später lasse ich frisch geduscht die Haustür hinter mir zufallen. Ich bin um neun mit Rafael und Quim zum Abendessen verabredet und darf mir Zeit lassen für mein erstes Rendezvous mit der Stadt. Alles wirkt wie verwandelt: Die polizeiliche Straßensperre ist aufgehoben und der Stau aufgelöst, doch kaum ein Auto fährt durch die Gasse. Ein Pizzafahrer knattert auf einem verbeulten Moped vorbei und verscheucht dabei einige Fußgänger, die keine Lust haben, im Gänsemarsch auf dem schmalen Bürgersteig zu balancieren. Die Menschen erledigen ihre Aufgaben, kaufen ein, gehen zur Bank oder lassen sich treiben, wie ich. Schräg gegenüber von Rafaels Haus stehen zwei alte Frauen in geblümten Kitteln vor dem Unglückshaus und schrubben mit Putzmitteln das Blut weg: der letzte Gruß des Toten, für den die städtische Putzkolonne anscheinend noch keine Zeit gefunden hat. Die Borsten der nassen Besen zischen rhythmisch über die Pflastersteine, und der Schaum fließt rosafarben in den Gully. Ich schaue eine Weile zu – ein Moment des Gedenkens, das ist das Mindeste –, bis die Ältere der beiden die Hände über den Besengriff zusammenfaltet und mich ansieht.

»Nun machen Sie nicht so ein Gesicht«, sagt sie. »Sie können sich gar nicht vorstellen, was wir hier im Bürgerkrieg zu schrubben hatten.«

»Waren schlimme Zeiten«, sagt die Jüngere, »jeder gegen jeden, da wusste man nie, wo man dran war.«

»Na ja«, winkt die Ältere ab. »Ist heutzutage auch nicht gerade eitel Sonnenschein. Nur die Fronten, die sind klar: jetzt geht’s nur noch gegen die Schwachen.«

»Aber es fließt wenigstens kein Blut auf der Straße«, meint die Jüngere.

»Ach Gott.«

»So ist das.«

»Und das hier?«, frage ich.

»Das hier war kein armer Teufel.«

»Keine schöne Art zu verunglücken«, sage ich.

Die beiden wechseln einen Blick und machen sich wieder an die Arbeit. Ich verabschiede mich, erhalte jedoch keine Antwort. Unschlüssig sehe ich mich um: Wohin soll ich mich denn treiben lassen? Von links unten kam ich heute an, aus der Richtung, in die der Junge mit dem Bleistück verschwand, da, wo ein verlassenes Gebäude steht, dessen Fenster und Eingangstür zubetoniert sind. Ziemlich viele Bauvorhaben, denke ich, und blicke auf zwei weitere Häuser, die anscheinend renoviert werden und mit Baugerüsten und Schutzvorhängen bedeckt sind. Ich beschließe, nach rechts zu gehen. Ich befinde mich in Sant Pere, Teil des Altstadtviertels Barri Vell, und laufe durch die Textilmeile, die von ländlichen Boutique-Besitzern überlaufen ist, die hier en gros Handtücher, Bettwäsche, Hausfrauenkittel, Strümpfe, Tischdecken und geschmacklich äußerst fragwürdige Modekonfektion für ihre Läden kaufen. Alles made in China. Die größten Geschäfte sind in chinesischer Hand; sie bieten vor allem Billigwaren an, die sie aus familieneigenen, in China ansässigen Fabriken importieren – doch niemand kauft dort ein. Acht Verkäuferinnen aus, sagen wir mal, der Provinz Shaanxi, die sich in einem Textilladen rekeln und kaum ein Wort Spanisch, geschweige denn Katalanisch sprechen, bereiten den Inhabern von Dorfläden keinen Spaß beim Einkauf: Hier werden keine Schwätzchen gehalten, wird nicht der Paillettenstoff ausgebreitet und dabei über die nächste Hochzeit geredet, und es gibt keinen Kaffee oder vielleicht die Möglichkeit, die Rechnung bis zum nächsten Besuch anschreiben zu lassen. Nun, vielleicht bin ich ein bisschen zu romantisch, schließlich handelt es sich hier um eine Millionenstadt, aber die Vorstellung gefällt mir.

Ich streife weiter durch enge Straßen und sehe eine Gruppe muslimischer Frauen, die mit ihren Kindern bei einem der billigeren Gemüsehändler außerhalb der Markthalle einkaufen. Der Händler ist ein Landsmann – alle schnattern auf Berberisch, werfen aber hin und wieder einen spanischen Ausdruck mit ein, wenn es darum geht, ihre herumtobenden Kinder zurechtzuweisen. Ich laufe an einem bolivianischen Internetcafé vorbei, an einem pakistanischen Lebensmittelladen, einer chinesischen Resterampe, einem afrikanischen Handyladen, einem karibischen Friseur … Genau so habe ich mir eine kosmopolitische Hafenstadt vorgestellt, als ein buntes, vielsprachiges Nebeneinander von Kaufleuten, die aus den unterschiedlichsten Gründen hier gestrandet sind.

Und Touristen. Sie marschieren in Trauben durch die Gassen des alten, von der Euphorie des Jugendstils unbeachteten Händlerviertels, mit hochgerecktem Kinn und Wasserflaschen im Wandergürtel. Ein paar Meter weiter, und ich stehe plötzlich doch vor einem der architektonischen Juwele des Modernismus, dem Palau de la Música, deshalb der Rummel und das Klicken unzähliger Fotoapparate, bedient von Besuchern aus Japan, den Vereinigten Staaten von Amerika, Brasilien, Saudi-Arabien – der halben Welt, dem babylonischen Gemurmel nach zu urteilen. Wenn ich mit der Arbeit an meinem Reiseführer begonnen habe, werde ich schon genug davon bekommen, denke ich und fliehe in eine leere Gasse. Wobei mir nach der Vorbereitung auf diese Reise die üblichen touristischen Informationen schon aus den Ohren kommen. Geradezu absurd, noch einen Stadtführer über Barcelona zu schreiben, aber bitte. Außerdem soll meiner ja anders werden, tröste ich mich halbherzig.

Ich laufe über das Pflaster, suche menschenleere Wege, verirre mich im Labyrinth des immer enger und dunkler werdenden gotischen Viertels, dem Gòtic. Ich lasse die Finger über alte, mit Graffiti besprühte Holztore gleiten. Jede Regung, jedes Wäschestück, das zum Trocknen auf den Wäscheleinen hängt, jede schlafende Katze, jedes mit Pflanzen zugestopfte Fenster reißt meinen Blick an sich, und immer gibt es eine neue Lieblingsstraße, in der mindestens eine Wohnung zum Verkauf oder zur Miete angeboten wird. Die Schilder hängen einfach an den Fenstern, sind bestimmt spottbillig, die Wohnungen hier, und leer stehende gibt es wie Sand am Meer. Komisch, eigentlich.

Komisch auch, dass ich mir nun zum dritten Mal einbilde, Schritte hinter mir zu hören, doch wenn ich mich umdrehe, ist niemand zu sehen. Allenfalls eine versteinerte Chimäre, die vom Portal eines Palazzo zu mir hinunterstarrt, oder ein staubbedeckter Heiliger, der stoisch in einem Hausschrein wacht, scheinen meinen Weg durch die inzwischen recht düster wirkenden Gassen zu begleiten. Diese ist so schmal, dass ich mit ausgestreckten Armen die Mauern beider Häuserfronten berühren kann.