Die Toten vom Botcher See - Ernst Ludwig Becker - E-Book

Die Toten vom Botcher See E-Book

Ernst Ludwig Becker

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Beschreibung

Im See am Braunshardter Tännchen wird ein schon seit Jahrzehnten verschollenes Auto aus dem Wasser gezogen. Stefan, ein pensionierter Mitarbeiter der Stadtverwaltung, und seine Freunde beobachten die Bergung. Zu ihrer Überraschung stellen sie fest, dass es sich bei diesem Fahrzeug um das Auto eines früheren Schulkameraden handeln könnte. Doch auch der Schulkamerad ist seit vielen Jahren verschollen. Könnte es sein, dass er mit dem Auto in den See gestürzt und ertrunken ist? Birgt das Fahrzeug noch andere Geheimnisse? Auf der Suche nach der Wahrheit und einer Aufklärung des Vorfalls kommen wieder lang vergessene Geschichten zum Vorschein. Aber mit einem Mord hätte keiner gerechnet! Durch das Auftauchen des seit mehreren Jahrzehnten verschollenen Fahrzeugs, eines Renault Dauphine, ist ein Zeitsprung in die Vergangenheit möglich, um auf die Geschehnisse und Lebenszeiten von damals zu erinnern und sie mit der heutigen Zeit zu vergleichen.

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Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Die Toten vom Botcher See

Im See am Braunshardter Tännchen wird ein seit Jahrzehnten verschollenes Auto aus dem Wasser gezogen. Stefan, ein früherer Mitarbeiter der Stadtverwaltung, und seine drei Freunde beobachten die Bergung. Zu ihrer Überraschung stellen sie fest, dass es sich bei diesem Fahrzeug um das Auto eines ehemaligen Schulkameraden handeln könnte. Doch auch der Schulkamerad ist seit vielen Jahren verschollen. Könnte es sein, dass er mit dem Auto in den See gestürzt und ertrunken ist? Birgt das Fahrzeug noch andere Geheimnisse?

Auf der Suche nach der Wahrheit und einer Aufklärung des Geschehens kommen wieder lang vergessene Geschichten zum Vorschein. Aber mit einem Mord hätte keiner gerechnet!

Ein Weiterstadt Krimi mit Lokalkolorit. Die Handlung und alle vorkommenden Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Ernst Ludwig Becker

Die Toten vom Botcher See

Ein Weiterstadt Krimi

© 2026 Ernst Ludwig Becker

Covergrafik von: KI

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: Ernst Ludwig Becker, Potsdamerstr. 21, 64331 Weiterstadt, Germany .

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Inhalt

Cover

Halbe Titelseite

Titelblatt

Urheberrechte

Vorwort

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Die Toten vom Botcher See

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Vorwort

Natürlich ist diese Geschichte erfunden und alle Personen sind nur fiktiv! Trotzdem hat das ein oder andere Ereignis oder ein bestimmter Ort durchaus einen realen Hintergrund. Deshalb möchte ich mich bei all denen bedanken, die, sozusagen ungewollt, an der Entstehung des Krimis beteiligt waren.

Da ist zuerst einmal der Renault Dauphine zu nennen, mit dessen Auftauchen ich einen Zeitsprung in die Vergangenheit machen konnte, um an die Orte und Gegebenheiten zu erinnern, in welchen wir vor mehr als fünfzig Jahren aufgewachsen sind. Dafür ein großes Dankeschön posthum an Jürgen, einen Klassenkameraden, mit welchem wir tatsächlich so manche Exkursion in seiner „Dauphine“ unternommen hatten.

Natürlich gab es die genannten Kneipen und Lokale damals in Weiterstadt. Der „Grieche“ mit dem Billardtisch im Hinterzimmer, das Café Minchen, die Bodega oder das Tiffany in Schneppenhausen. Mit dieser Geschichte wollte ich sie in Erinnerung rufen und behalten. Wichtig war es mir auch aufzuzeigen, wie sich die Lokalitäten und die Lebensweise in den vergangenen fünfzig Jahren verändert haben.

Danke an meine Freunde und Klassenkameraden! Ohne euch wären diese Geschichte und die Erinnerungen an diese Zeit nie zustande gekommen.

Eins

Botcher See, so wurde das künstliche Gewässer am Braunshardter Tännchen früher genannt, und so ist der Baggersee auch heute noch unter den älteren Einheimischen bekannt. Stefan wusste nicht, warum der See damals im Volksmund diesen Namen bekam. Außerdem wusste er noch nicht einmal genau, wie das Wort buchstabiert wurde. Er konnte sich nur erinnern, dass er seine ersten Erfahrungen mit Planschen und Schwimmen in dem Gewässer gemacht hatte und mit seinen Freunden im Sommer dort baden gehen konnte. „Wir gehen zum Botcher See, kommst du mit?“, war eines der beflügelten Worte.

Im Sommer war der See der großartigste Abenteuerspielplatz, den sich heranwachsende Kinder nur wünschen konnten. Auch im Winter war er ein beliebtes Freizeitziel, wenn man mit festem Schuhwerk und den angeschraubten Schlittschuhen über die Eisfläche glitt. An einen Winter konnte sich Stefan erinnern, in welchem die Schneeverwehungen am Hang so massiv waren, dass er und Franz, ein Klassenkamerad aus der Grundschule, richtige Tunnel oder Höhlen in den Schnee bauen konnten. Die sandigen Uferbereiche waren anfänglich noch unbewachsen und hatten abschüssige, mit Kinderaugen gesehen, fast steile Böschungen oder Abhänge. Was auch nicht ganz ungefährlich sein konnte.

Der See war oder ist ein Überbleibsel vom Ausbau der Bundesstraße 42, die an der südlichen Seite entlang von Darmstadt nach Groß-Gerau führt. Sand und Kies wurden sozusagen vor Ort für die Straße ausgebaggert. Damals, als seine Eltern hier nach Weiterstadt zogen, war er gerade fünf Jahre alt und er konnte sich noch dunkel daran erinnern, dass die Schneise durch den Wald frisch geschlagen war und die Straße sich im Ausbau befand. Das muss dann Anfang der 1960er Jahre gewesen sein. Früher ging der Verkehr von Darmstadt nach Groß-Gerau über Weiterstadt, Worfelden und Klein-Gerau, mit zwei oder drei Bahnübergängen vor der Gerauer Kreisstadt. Damals gab es aber auch viel weniger Verkehr.

Jetzt stand er an dem mit vielen Bäumen und Büschen umschlungenen Teich und schaute dem Treiben auf der anderen Seite zu. Die Bundesstraße war gesperrt und der Verkehr wurde über die Autobahn A 67 umgeleitet. Fahrzeuge der Polizei, der Feuerwehr und Spezialfahrzeuge zur Bergung von Unfallwagen waren hinter der dicht bewachsenen Uferregion vor allem an den blauen Warnlichtern zu erkennen. Hans Heinrich Odenthal oder kurz H2O, wie er unter Freunden genannt wurde, hatte schon gestern Abend auf seinen Anrufbeantworter gesprochen und ihm von dem spektakulären Fund im Botcher See berichtet.

Stefan war für drei Tage mit früheren Arbeitskollegen nach Bamberg gefahren und war erst spät am Dienstag zurückgekommen. Schon seit vielen Jahren unternahm das Quartett derlei jährliche Touren zu interessanten Kulturstätten, was immer mit sehr viel Frohsinn und dem Austausch von wichtigen Informationen über die Stadt verbunden war. Mit anderen Worten: Es wurde viel getratscht. Ein nicht zu unterschätzender Anker in seinem sozialen Netzwerk.

Heute, am Mittwoch, stand er nun mit H2O und Manfred, seinen ehemaligen Schulfreunden, mit welchen er auch einmal im Monat Skat spielte, und vielen anderen Schaulustigen am Ufer des Sees und beobachtete den Einsatz der Polizeitaucher und der Rettungsdienste. Auch ein Vertreter vom Darmstädter Echo, der regionalen Tageszeitung, war unter den Beobachtern. Er kannte ihn noch aus seiner Dienstzeit bei der Stadtverwaltung, wo er bis zu seiner Rente fast vierzig Jahre gearbeitet hatte. Hans Heinrich hatte mit Manfred und ihm einen frühzeitigen Treffpunkt ausgemacht, und so standen sie in erster Reihe, direkt am Ufer. Stefan hatte zwar noch vorher seine Bedenken geäußert, ob sie als Gaffer da nicht sozusagen fehl am Platz wären, aber H2O meinte nur, dass er sich eh viel zu viele Gedanken über so Sachen machen würde und außerdem: Wann hätte man denn die Gelegenheit, so einen Polizeieinsatz mal live zu erleben und nicht nur im Krimi im Fernsehen?

Manfred hatte vorausschauend ein Fernglas mitgebracht, das nun zwischen den drei Freunden hin- und hergegeben wurde.

„Kann mir einer sagen, warum der See Botcher See heißt? Kommt das tatsächlich von dem Bocciaspiel? Ich wollte das eigentlich schon länger fragen und heute Morgen hab ich mir erneut Gedanken darüber gemacht! Wird das so wie das Spiel buchstabiert?“, fragte Stefan, nachdem sie am Ufer ihre Position eingenommen hatten.

„Also, ich habe das Wort schon in den unterschiedlichsten Versionen gesehen. So wie der hessische Dialekt wohl auch verschiedene Schreibweisen zulässt. Aber tatsächlich wurde hier am See früher Boccia gespielt. Wahrscheinlich wegen der offengelegten Sandflächen. Aber das dürften nur noch ein paar Eingeweihte wissen!“, meinte Manfred.

„Oder Eingeborene!“, witzelte Hans Heinrich dazwischen.

„Die Kugeln waren zu der Zeit aus Plastik. Ihr wisst schon, die farbigen Plastikkugeln. Eher so Kinderspielzeug!“, ergänzte Manfred.

Am Ufer gegenüber waren Taucher damit beschäftigt, diverse Drahtseile mit Haken ins Wasser zu ziehen und an dem verborgenen Objekt zu befestigen.

„Vor zwei Jahren etwa stand ich auch hier und schaute über den See zu den beiden Türmen des Asphaltmischwerks. Der See hatte schon damals ziemlich wenig Wasser, aber von einem Autowrack war da noch nichts zu sehen.“ äußerte Stefan.

„Tja, dann ist der Wasserspiegel wohl noch weiter gesunken“, erwiderte Manfred, „und vielleicht war es auch das geübte Auge eines Anglers, der das Dach des Fahrzeugs entdeckt hatte!“

Wie H2O auf dem Anrufbeantworter geschildert hatte, war ein Angler vom Büttelborner Angelverein, der das kleinere Gewässer neben dem See bewirtschaftete, auf das versunkene Auto aufmerksam geworden. Auf Facebook hatte sich die Neuigkeit natürlich rasch verbreitet und auch der geplante Einsatz der Polizei hatte schnell die Runde gemacht.

„Wer weiß, was da noch alles auftaucht! Mit dem Klimawandel und dem Wasserverbrauch sinken die Pegel der Gewässer!“ konstatierte H2O. „Solange es sich nur um alte Fahrräder handelt oder einen Einkaufswagen, Dinge, die sie letztens am Rhein gefunden hatten, kann man ja noch damit leben. Schlimmer sehen die alten Autoreifen oder unbekannte Kanister aus. Wer weiß, was da wohl drin war oder ist. Ich hab letztens ein Bild in der Zeitung gesehen, da meint man, da wäre ein Autofriedhof vorher gewesen. Unmengen von Blech und Altreifen lagen da im Schlamm!“

„Nicht nur die Wasserpegel sinken, auch die Gletscher schmelzen. Ich denke da gerade an den Ötzi!“, bemerkte Stefan. „Da kommen nach Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden wieder grässliche Verbrechen ans Tageslicht, die im ewigen Eis verborgen blieben. Ist wohl nicht so ewig mit dem Eis? Mit dem Schmelzen der Gletscher kommen auch kuriose oder abenteuerliche Dinge zum Vorschein. Hatten die Forscher nicht sogar ein Mammutbaby gefunden? Wer weiß, was man unter den schrumpfenden Eisbergen in der Arktis noch finden wird. Aber das Abschmelzen der Gletscher und Eisberge hat weit schlimmere Folgen, wie man weiß.“

„Man weiß es, Stefan, man weiß es. Es gibt ausreichend Bilder und Abgleiche von den schrumpfenden Gletschern oder dem Auftauen des Permafrosts, aber es scheint die wenigsten zu kümmern. Zuerst denken die einschlägigen Konzerne oder Staaten an die Bodenschätze, die dabei freigelegt werden. Drill, Baby, Drill, sag ich da nur. Ihr wisst schon, was ich meine!“, kommentierte Manfred. „Bin gespannt, was sie nun hier aus dem Wasser fischen!“, sagte er und gab das Fernglas weiter zu Stefan.

Natürlich machte sich jeder der Anwesenden seine Gedanken über den Fund. Auch Stefan überlegte, wie das Fahrzeug wohl in den See gekommen sein konnte. Das musste schon vor einigen Jahrzehnten passiert sein. Die Uferböschung war seit vielen Jahren mit Büschen und Bäumen zugewachsen und an der Straße hatte man irgendwann eine Schutzleitplanke installiert. Aber auch erst, nachdem ein Fahrzeug im Winter von der Straße abgekommen war und in dem vereisten Gewässer versank. Konnte es zu einem zweiten, unbemerkten Unfall gekommen sein?

Jetzt hatte man eine kleine Bresche freigeschnitten und der Arm eines Abschleppfahrzeugs zog das Wrack langsam aus dem Wasser und in die Höhe.

Stefan, der gerade das Fernglas in der Hand hatte, stutzte und drehte an der Schärfeneinstellung.

„Sagt mal, ist das nicht ein Renault Dauphine?“

„Zeig mal, gib mir mal das Fernglas!“, meinte Manfred und schraubte ebenfalls an dem Gerät herum. Er schaute gespannt auf die Szene am anderen Ufer, ja, fast nervös hantierte er mit dem Fernglas und blieb einige Zeit stumm. Auffallend stumm. Ohne zu atmen. Fast wäre er mit dem Fuß ins Wasser gerutscht, so heftig reagierte er aus seiner Schockstarre.

„Sieht ganz so aus!“, sagte jetzt auch H2O, der das russische Fernglas nutzte, indem er durch die kleine Öffnung seiner Faust schaute.

„Sag mal, Manfred, hatte nicht dein Kumpel Waldemar, der Waldi, so ein Auto?“

„Stimmt“, sagte Manfred mit unsicherer Stimme, „das ist aber schon, …. na, ich schätz mal fünfzig Jahre her. Doch den Renault könnte ich tatsächlich nie vergessen. Der war einzigartig! Aber ob das sein Fahrzeug ist - ich weiß nicht!?“ Manfred hielt das Fernglas für einige Sekunden beharrlich auf das Autowrack. „Ich weiß nicht mehr, wann ich die Dauphine, ich mein so ein Modell, zum letzten Mal gesehen habe!?“, sprach er nachdenklich. „Wie konnte man so ein Fahrzeug einfach aus den Augen verlieren? Ich mein, wie konnte ich das vergessen? Das war doch eine aufregende Zeit, mit der Dauphine und dem Waldemar! Und da war doch …!“, murmelte Manfred, ohne den Satz zu beenden. Er räusperte sich betreten und sagte: „Aber nicht nur das, seitdem ist der Waldi auch verschwunden! Also beide, das Auto und der Waldi. Einfach weg von der Bildfläche!“

„Echt jetzt? Ehrlich gesagt kann ich mich auch nicht mehr genau daran erinnern. Das Auto – ja, jetzt, wo ich es sehe, aber dass der Waldi abgetaucht war, ist mir völlig entschwunden. Kein Wunder nach all den Jahren!“, sagte Stefan und schaute weiter auf die Szene am anderen Ufer. „Merkwürdig, irgendwie kommt mir da was merkwürdig vor!“, bemerkte Stefan.

Das Auto wurde gerade an einer Kette und mit einem Drahtseil aus dem Wasser gezogen. Die Taucher standen im seichten Wasser und einer hob seine Hand mit dem Daumen nach oben.

„Stimmt“, sagte H2O, „das Ding liegt verkehrt herum im Wasser. Wenn es ein Unfall gewesen wäre, hätte es mit der Schnauze, also mit dem Vorderteil, zuerst im See landen sollen. Mein ich!“

Diese Tatsachen ließen die Freunde natürlich nachdenklich werden. Sie standen an einer wenige Meter breiten Uferzone. Rechts und links von ihnen hatte die Natur die Böschung völlig überwuchert. Vor ein paar Jahren hatte Stefan an dieser Stelle auch Nutrias beobachtet und ab und zu kamen Leute vorbei, die die Tiere fütterten. Jetzt, es war Mitte Mai, schwammen zwei Schwäne in ihrer Nähe, die drei Jungtiere im Schlepptau hatten. Ganze Teppiche von Wasserrosen zierten die Wasseroberfläche. Eigentlich eine friedliche Szene. Und trotzdem lief Stefan ein kalter Schauer über den Rücken, als er daran dachte, dass all die Jahre das Fahrzeug hier im oder unter dem Wasser lag. Vielleicht sogar mit einem Toten darin! Oder mehr! Vielleicht!? Stefan konnte sich dieses Gedankens nicht erwehren.

„Es könnte sich auch überschlagen haben oder es kam ins Schleudern! Das könnte auch erklären, warum es so im See gelandet ist! Erst muss einmal geklärt werden, ob das Fahrzeug überhaupt der Renault vom Waldi ist! Hätten wir damals den Waldemar nicht vermisst? Ich glaube, der Waldi war umgezogen oder bei der Bundeswehr. Der war nicht von einem auf den anderen Tag weg. Wir hatten uns aus den Augen verloren. Jeder war nach der Schule seine eigenen Wege gegangen! Ich mein, na ja, ihr wisst schon. Nach der ADS hatte jeder erst einmal seine eigenen Pläne oder Angelegenheiten!“, bemerkte Manfred etwas beruhigter.

Das Fahrzeug schwebte jetzt zwei, drei Meter über der Wasseroberfläche. An den Stoßdämpfern hingen Wasserpflanzen und die ganze Karosserie war braun- und grünmeliert. Wasser lief aus den verrosteten Löchern der Türen und dem Boden. Ein Nummernschild konnte Stefan nicht erkennen. Gespannt schauten alle auf die weiteren Geschehnisse. Und viele der Beobachter fragten sich natürlich auch, ob es in dem Fahrzeug eine Leiche geben würde oder sogar mehr, wie man aus dem Gemurmel im Hintergrund entnehmen konnte. Aber das war dann nicht mehr einsehbar. Das Fahrzeug verschwand mit dem Kran hinter der grünen Wand aus Bäumen.

Eine Weile standen die Freunde still am Ufer. Nur das Brummen eines Motors war zu hören. Stefan nahm wieder das Fernglas und schaute zu Manfred und H2O, die neben ihm standen.

„Du“, sagte er zu Manfred, „ich glaub, das mit dem Renault und dem Waldemar sollten wir der Polizei berichten. Das ist bestimmt wichtig. Ich mein, das könnte doch tatsächlich möglich sein. Das ist bestimmt eine wichtige Information!“

„Das wäre ja wohl dann deine Aufgabe, Stefan. Mit der Polizei hast du mehr Erfahrungen als wir. Der Kommissar ist ja schon so etwas wie ein guter Freund von dir.“

Vor über einem Jahr hatte Stefan die Leiche eines Mädchens im Braunshardter Tännchen entdeckt und war dadurch in die Ermittlungen der Polizei geraten. Tatsächlich war der leitende Kommissar damals nach dem Abschluss der Untersuchungen noch einmal zu ihm nach Hause in die Straße „Im Pettches Garten“ gekommen. Und zweimal hatten sie danach telefoniert, weil Stefan wissen wollte, was mit den Schülern und dem Sportlehrer geschehen ist. Aber ein Freund, damit hatte Manfred maßlos übertrieben. Aber so ist er halt, der Manfred, er stichelt die Leute gerne auf. Was man dann auch gleich an seinem schelmischen Lächeln erkennen konnte.

Die drei Freunde gingen die abfallende Böschung hinauf und machten Platz für weitere Schaulustige, die von oben nachdrängten. Ihre Fahrräder hatten sie auf dem Weg zwischen dem See und dem angrenzenden Bach, dem Schlimmer Graben, abgestellt. Die Skatfreunde waren auch passionierte Radfahrer, die schon einige Touren zusammen unternommen hatten. Stefan hatte noch nicht einmal ein Auto oder kein Auto mehr. Als er noch arbeitete, hatte er ein Jobticket und jetzt, als Rentner, leistete er sich das Deutschlandticket. Das war einfach genial, in den Zug oder einen Bus einsteigen zu können, ohne lange über den Fahrpreis nachdenken zu müssen. Zuweilen war es nervig, wenn der Zug zu spät fuhr oder voll war. Aber im Ruhestand hatte Stefan ja Zeit. Manchmal fuhr er auch bei seinen Kollegen oder Freunden im Auto mit. Als er damals achtzehn wurde, war das natürlich noch ganz anders. Da konnte er es kaum abwarten, den Führerschein zu machen und ein eigenes Auto zu haben.

„Wo ist eigentlich der Kurt?“, fragte Stefan.

„Der ist mit der Hildegard auf Norderney!“, gab H2O zur Antwort. „Eine ganz spontane Entscheidung, weil Hildegard mal ihre Überstunden abfeiern konnte und sie dieses Last-Minute-Angebot fanden. Aber die sollten morgen schon wieder zurückkommen!“

„Der Kurt, der braucht bestimmt die frische, salzige Luft zwischen seine verrauchten Lungenflügel.“, spaßte Manfred.

„Ein bisschen bessere Luft könnte uns allen gut tun!“, bemerkte Stefan und schaute provozierend auf den lauten, donnernden Flieger, der gerade zwischen den Baumlücken am Himmel zu sehen war. „Wie wär`s,“ sagte Stefan weiter, „wenn der Kurt morgen zurückkommt, können wir uns doch am Samstag oder Sonntag zu einer Radtour verabreden. Vielleicht gibt es bis dahin auch neue Informationen zu dem Unglück hier. Dann können wir uns auch etwas intensiver über Waldi und den Renault unterhalten. Also, bevor ich die Polizei informiere, würde ich das gerne mit euch besprechen!“

„Gute Idee!“, sagte Manfred. „Ja, find ich auch!“, bemerkte Hans Heinrich. „Wir können ja noch mal telefonieren!“, sagte H2O. Ein Satz, der gewohnheitsmäßig nach solchen Treffen bekundet wurde. Die drei Kumpanen setzten sich auf ihre Räder und steuerten zwischen den anderen Schaulustigen davon.

Zwei

Am Ende des Weges, an der Einfahrt zum Anglersee, verabschiedete sich Stefan von seinen Freunden, die weiter am Waldrand entlang nach Weiterstadt fuhren, und bog links ab, die Griesheimer Straße hoch über den Bahnübergang, dann rechts ab, nördlich der Bahnlinie lang nach Braunshardt. Warum die Griesheimer Straße auch Hundsstraße genannt wurde, war ein Kuriosum, das Stefan auch noch zu lösen hatte. Stefan machte sich darüber Gedanken. Wie fast immer beim Radfahren. Jetzt waren es auch Erinnerungen. Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend.

Waldemar war ein Klassenkamerad von Manfred. Manfred war ein oder zwei Jahre älter als Stefan und hatte eine Ehrenrunde in der siebten Klasse an der Albrecht-Dürer-Schule gedreht. So kam Manfred in seine Klasse und so hatten sie sich kennengelernt. Auch wenn Waldemar dann eine Klasse höher war, hielt Manfred mit seinem besten Freund natürlich Kontakt und auch Stefan und Kurt waren bald mit von der Partie. Kurt war Stefans rechter Tischnachbar in der Schule. Sie kannten sich schon seit der fünften Klasse, als Kurt von Braunshardt an die Realschule wechselte. H2O kam erst später dazu. Hans Heinrich musste wegen seiner schlechten Augen das Gymnasium in Darmstadt verlassen und kam am Anfang der achten Klasse an die ADS. Wegen der Augen, so sagte man. Jedenfalls saßen die vier dann zusammen an einer Tischgruppe und kamen sich auch in ihrer Freizeitgestaltung näher. Trotz der unterschiedlichen Charaktere passte das Quartett irgendwie ganz gut zusammen. Kurt, der Schaffer, Manfred, der Draufgänger, Stefan, der Eigenbrötler, und Hans Heinrich, der Intellektuelle.

Jedenfalls waren sie zusammen mit Waldemar eine befreundete Clique, die, sobald sie fünfzehn waren, mit den Mofas durch die Gegend düsten und, als Waldemar dann schon achtzehn war und er als Erster den Führerschein hatte, auch mit seinem Auto abenteuerliche Spritztouren unternahmen. Und das Auto war ein Renault Dauphine! Das ungewöhnliche Fahrzeug mit dem abgerundeten Dach und der geschwungenen Karosserie fiel auf zwischen den eckigen Opel-Kadetts oder den runden VW-Käfern. Nach all den eintönigen Modellen der fünfziger Jahre war der fast sportliche Look mit Pontonkarosserie, der langgezogenen Form mit vier Türen ohne Trittbretter und mit Lüftungsschlitzen ein Hingucker. Stefans Mutter bezeichnete das Fahrzeug spaßhaft als Chaussee-Floh, als Waldemar mit den anderen vor ihrem Haus in der Groß-Gerauer Straße auftauchte.

Und jetzt hing so ein Renault Dauphine am Drahtseil des Abschleppwagens!