E-Book Verlag: E-Books im Verlag Kiepenheuer & Witsch Hörbuch Verlag: JUMBO Neue Medien und Verlag GmbH Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

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Hörprobe anhören Zeit: 3 Std. 31 Min. Sprecher: Stephan Schad
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E-Book-Beschreibung Die Toten von Sandhamn - Viveca Sten

»Ein Bestseller – zu Recht« Cosmopolitan Als Thomas’ Jugendfreundin Nora durch einen Zufall herausfindet, dass ihr Mann sie hintergeht, fährt sie trotz Eis und Schnee mit ihren Söhnen nach Sandhamn, um in Ruhe nachdenken zu können. Die Inselbewohner sind erschüttert, denn gerade ist ein Mädchen verschwunden – noch geben die Eltern die Hoffnung nicht auf, dass sie ihre Tochter lebend zurückbekommen. Doch dann machen ausgerechnet Noras Söhne beim Spielen eine schreckliche Entdeckung ... Knapp 100 Jahre zuvor: Der kleine Thorwald leidet unter den brutalen Ausbrüchen seines Vaters. Dieser vergöttert die Tochter, misshandelt aber den Sohn; die Mutter schaut untätig zu. Thorwald möchte von der Insel fliehen. Geschickt flicht Viveca Sten aus diesen beiden Erzählsträngen einen Roman, der jeden sofort in Bann zieht und viel über das Leben auf der Schäreninsel im Lauf der Zeiten erzählt.

Meinungen über das E-Book Die Toten von Sandhamn - Viveca Sten

E-Book-Leseprobe Die Toten von Sandhamn - Viveca Sten

Viveca Sten

Die Toten von Sandhamn

Thomas Andreassons dritter Fall. Roman

Aus dem Schwedischen von Dagmar Lendt

Kurzübersicht

> Buch lesen

> Titelseite

> Inhaltsverzeichnis

> Über Viveca Sten

> Über dieses Buch

> Impressum

> Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

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Inhaltsverzeichnis

WidmungKarten zum BuchKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Sandhamn 1899Kapitel 5Kapitel 6Sandhamn 1911Kapitel 7Kapitel 8Sandhamn 1912Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Sandhamn 1914Kapitel 12Kapitel 13Sandhamn 1919Kapitel 14Kapitel 15Sandhamn 1919Kapitel 16Kapitel 17Sandhamn 1922Kapitel 18Kapitel 19Sandhamn 1923Kapitel 20Kapitel 21Sandhamn 1924Kapitel 22Kapitel 23Sandhamn 1924Kapitel 24Sandhamn 1925Kapitel 25Kapitel 26Sandhamn 1925Kapitel 27Kapitel 28Sandhamn 1926Kapitel 29Sandhamn 1926Kapitel 30Sandhamn 1927Kapitel 31Kapitel 32Sandhamn 1927Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Sandhamn 1928Kapitel 36Sandhamn 1928Kapitel 37Sandhamn 1928Kapitel 38Sandhamn 1928Kapitel 39Kapitel 40Sandhamn 1928Kapitel 41Kapitel 42Sandhamn 1928Kapitel 43Kapitel 44Sandhamn 1928Kapitel 45Sandhamn 1928Kapitel 46Sandhamn 1928Kapitel 47Kapitel 48Sandhamn 1928Kapitel 49Kapitel 50Kapitel 51Sandhamn 1928Kapitel 52Kapitel 53Kapitel 54Kapitel 55Sandhamn 1962Kapitel 56Kapitel 57Dank der Autorin
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Für Leo, die One-Man-Show der Familie!

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Samstag, 4. November 2006

Kapitel 1

Marianne stand im Flur und sah sich um. Alle Schuhe lagen wild durcheinander. Automatisch bückte sie sich und stellte sie ordentlich hin, fein säuberlich nebeneinander. Dann starrte sie auf die Reihe, in der Linas helle Timberlandstiefel fehlten.

Die Lücke erschreckte sie. Warum war Lina in der Nacht nicht nach Hause gekommen?

Nachdenklich hob sie eine Mütze auf, die achtlos hingeworfen in einer Ecke lag. Ihre Tochter verstreute ihre Sachen überall, nie konnte sie Ordnung halten. Sie hätte wenigstens anrufen können, wenn sie schon auswärts übernachtete.

Hoffentlich war ihr nichts passiert.

Der Gedanke krallte sich in ihr fest, und Marianne schnappte nach Luft.

Was, wenn sie mit dem Rad gestürzt war und sich verletzt hatte? Um diese Jahreszeit konnte man leicht stürzen. Die schmalen Schotterwege wurden rutschig im Herbst. Sie hatte Lina ermahnt, vorsichtig zu sein, wenn sie zu Familie Hammarsten nach Trouville fuhr.

Unruhe packte sie, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Es war, als wollte das Herz mit ihr durchgehen, es klopfte immer schneller, und um sie herum begann sich alles zu drehen.

Ganz ruhig, ermahnte sie sich. Tief atmen.

Mit zitternden Beinen ging sie in die gepflegte Wohnküche und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Letzten Sommer hatte sie die Sprossenstühle im Sonnenschein unten am Steg gestrichen. Lina hatte ihr dabei geholfen. Sie hatte Farbe auf den Bikini bekommen, und sie hatten beide darüber gelacht.

Marianne erhob sich und nahm ein Glas aus dem Schrank über der Spüle, um einen Schluck Wasser zu trinken. Ihre Atemzüge wurden ruhiger. Natürlich war Lina immer noch bei den Hammarstens. Bestimmt war sie das. Wo sollte sie sonst sein?

Das vertraute Röcheln der Kaffeemaschine auf der Küchenanrichte tröstete sie. Sie würde sich eine Tasse Kaffee einschenken und ihn in aller Ruhe trinken. Wenn sie ihn ausgetrunken hatte, würde es etwa acht Uhr sein. Dann würde sie Hanna Hammarsten anrufen und von ihr hören, dass Lina bei ihnen übernachtet hatte, ohne zu Hause Bescheid zu sagen.

So waren junge Mädchen eben.

Dann würden sie nachsichtig darüber lachen, wie zwei Mütter es taten, wenn ihre Kinder sich auf eine Art benahmen, die all ihre Vorurteile bestätigten.

Sie würde beschämt über ihre Ängste lächeln, und hinterher würde Lina sie eine richtige Glucke nennen.

»Hör auf, dir Sorgen zu machen, Mama«, würde sie sagen. »Lass das endlich. Ich bin jetzt erwachsen, begreifst du das nicht.«

Hanna würde genau verstehen, was in ihr vorging. Alle Mütter machten sich Sorgen. Vor allem, wenn sie Töchter hatten. Das gehörte dazu.

Sie hatte geglaubt, dass durchwachte und unruhige Nächte Vergangenheit sein würden, wenn Lina erst groß war. Wie sehr hatte sie sich doch geirrt. Inzwischen, wenn sie wieder mal wach lag und nicht einschlafen konnte, bevor Lina nach Hause gekommen war, sehnte sie sich manchmal nach den Babyjahren zurück, in denen das Schlimmste, was passieren konnte, darin bestand, dass ihre Tochter aus einem Albtraum aufschreckte. Dann genügte schon ein Kuss oder vielleicht ein Fläschchen Hafermilch. Wenn das nicht half, brauchte sie nur ins Doppelbett gelegt zu werden, wo sie schnell wieder einschlief. Zum Dank teilte sie dann zwar die ganze Nacht kleine, harte Boxhiebe gegen Mamas Rücken aus, aber das war nichts verglichen mit der bohrenden Sorge der späteren Jahre.

Der Kaffee war durchgelaufen.

Sie sah wieder auf die Uhr. Viertel vor acht. Punkt acht würde sie anrufen, keine Minute später. Das war immer noch ziemlich früh, aber sie konnte einfach nicht länger warten.

Ihre Lieblingstasse, ein großer, blauer Keramikbecher, stand ganz vorn im Schrank. Schon sein Anblick vermittelte das Gefühl, dass alles wie immer war. Zwei Würfel Zucker und ein guter Schuss Milch, dann war der Kaffee fertig. Süß und stark, genau wie sie ihn mochte. Jetzt ging es ihr schon viel besser.

Marianne lächelte über sich selbst. Was hatte sie sich eigentlich vorgestellt? Was sollte auf Sandhamn schon passieren, einer Insel, auf der Lina jeden Stein kannte. Sie würde sogar im Schlaf nach Hause finden.

Zwischen Trouville auf der Ostseite der Insel und ihrem Haus im Ort lagen knapp zwei Kilometer. Was sollte auf einer so kurzen Strecke passieren?

Sie trank noch einen Schluck Kaffee und schüttelte den Kopf. Sie hatte sich völlig unnötig aufgeregt. Es war nicht das erste Mal, dass Lina bei ihrer besten Freundin übernachtete und vergaß, Bescheid zu sagen. Vermutlich hatte sie keine Lust gehabt, nach Hause zu fahren. Es war bequemer, bei Louise zu schlafen. Besonders wenn es draußen stockdunkel war. Eine nennenswerte Straßenbeleuchtung gab es nicht, und die meisten Häuser waren schon winterfest verschlossen. Obwohl jetzt Herbstferien waren, ließen sich nur wenige Urlaubsinsulaner blicken.

Gedankenverloren rührte Marianne mit dem Löffel im großen Becher. Der Zucker hatte sich auf dem Boden gesammelt. Sie warf einen Blick zum alten Holzfeuerherd, den sie behalten hatten, als sie das Schärenhaus renovierten, das ihre Mutter ihr hinterlassen hatte. Die Glut vom Vortag war während der Nacht erloschen, aber der gemauerte Herd war immer noch warm. Fantastisch, wie er die Wärme hielt.

Sie erhob sich, um Holz aufzulegen und ein neues Feuer anzufachen. Im Herbst und Winter bei knisterndem Feuer zu frühstücken, war besonders gemütlich. Es konnte schneidend kalt werden, wenn der Nordwind auf dem Haus stand. Ein Glück, dass sie den Holzherd und die alten Kachelöfen im Ess- und im Wohnzimmer hatten.

Sie warf wieder einen Blick zur Uhr. Drei Minuten vor acht. Jetzt hielt sie es nicht länger aus. Sie griff zum Telefon und wählte die Nummer.

»Hallo«, meldete sich eine schläfrige Stimme nach dem dritten Klingeln. Es war Hanna.

Sofort bekam Marianne ein schlechtes Gewissen. Sie hatte Hanna völlig unnötig geweckt.

»Guten Morgen, hier ist Marianne. Entschuldige, dass ich so früh störe. Ich wollte nur hören, ob Lina bei euch ist. Sie ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen, und natürlich hat sie nicht angerufen. Ich weiß, es ist albern, aber ich wollte nur hören, ob alles in Ordnung ist.«

Am anderen Ende blieb es stumm.

Nur eine Sekunde, aber eine Sekunde zu lange.

Ihr stockte der Atem.

»Lina? Bei uns ist sie nicht. Sie ist gestern Abend gegen zehn weggefahren. Ist sie nicht nach Hause gekommen?« Die Verwunderung war Hannas Stimme deutlich anzuhören. »Warte mal kurz, ich sehe noch mal nach.«

»Ja«, flüsterte Marianne, »bitte tu das.«

Hanna legte den Hörer hin und verschwand. Marianne umklammerte das Telefon so fest, dass ihr die Finger wehtaten.

Dann kam Hanna zurück.

»Tut mir leid«, sagte sie. »Wie ich vermutet hatte. Sie ist nicht hier. Louise sagt, dass sie gleich nach dem Film losgefahren ist. Bist du sicher, dass sie nicht in ihrem Bett liegt?«

Marianne war unfähig zu antworten. Sie versuchte, Worte zu formen, aber ihre Zunge wollte nicht gehorchen. Vor ihren Augen flimmerte es.

Wo war ihre Tochter?

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Freitag, 22. Februar 2007

Kapitel 2

»Sie wohnen im Sommer auf Sandhamn? Ich kenne dort auch jemanden. Das heißt, eigentlich …«

Die junge Frau redete auf sie ein, ohne zu merken, dass sie keine Antwort bekam.

Nora Linde wünschte, sie hätte sich nicht überreden lassen, auf die Party mitzukommen, die einer der Ärzte aus Henriks Kollegenkreis veranstaltete. Henrik hatte gleich nach ihrer Ankunft ein paar bekannte Gesichter entdeckt und war verschwunden, und nun stand sie hier und versuchte sich im Small Talk mit einer Unbekannten, die mindestens zehn Jahre jünger war als sie. Die braunen Haare der Frau waren zu einer modischen Fransenfrisur geschnitten, und sie trug ein kurzes Kleid, das ihre schlanken Beine betonte.

Verglichen mit ihr kam Nora sich alt und müde vor.

Sie wusste nicht mehr, wann sie sich das letzte Mal Zeit zum Training genommen hatte, und ihr eigener blonder Pagenkopf hätte längst einen neuen Schnitt nötig gehabt. Zehn Jahre mit kleinen Kindern und ein Ganztagsjob als Juristin in einer Großbank hatten ihre Spuren hinterlassen. Dass ihr Ehemann sich ganz seiner Karriere als Arzt widmete und in seiner Freizeit lieber Segelrennen fuhr, als sich an den häuslichen Pflichten zu beteiligen, machte die Sache auch nicht besser.

Ihr schwarzes Kleid war weder neu noch besonders schick, aber sie hatte keine Lust gehabt, sich in Schale zu werfen. Jedenfalls nicht für Henrik.

Die Stimmung zwischen ihnen war seit einem halben Jahr ziemlich frostig. Grund war Noras Entscheidung, die Brand’sche Villa zu behalten, die ihre Nachbarin und Nenntante Signe Brand ihr vermacht hatte. Als Henrik sie drängte, das alte Haus an der Hafeneinfahrt von Sandhamn zu verkaufen, damit sie sich ein größeres, schickeres Anwesen daheim in Saltsjöbaden zulegen konnten, hatte sie sich geweigert.

Den ganzen Herbst über hatten sie und Henrik sich bemüht, die Fassade zu wahren. Höfliche Fremde, die ihr Bestes taten, sich ganz normal zu benehmen. Ehrgeizige Eltern, die Adam beim Fußballspielen und Simon beim Tennis zuschauten und so taten, als wäre alles in bester Ordnung. Sie lebten in einem gefühlsmäßigen Vakuum, das für den Moment funktionierte, aber viel mehr auch nicht.

»Entschuldigung, ich war für einen Moment abgelenkt«, sagte sie in dem Versuch, nicht allzu unhöflich zu sein. Die hübsche Kleine hier war schließlich nicht schuld, dass Nora und ihr Mann nicht mehr am gleichen Strang zogen.

Die Antwort war ein strahlendes Lächeln.

»Das macht doch nichts. Ich weiß, dass ich manchmal ein bisschen viel rede. Ich hatte nur gerade erzählt, dass ich in Sandhamn jemanden kenne. Oder besser gesagt, meine beste Freundin kennt dort jemanden, sie hat mich auch heute Abend mit hierher genommen. Marie heißt sie. Sie ist Krankenschwester.«

»Tatsächlich.« Nora gab sich alle Mühe, interessiert zu wirken. Sie nippte an ihrem rosafarbenen Drink und nickte aufmunternd.

»Marie ist mit einem Mann zusammen, der dort ein Haus hat. Es ist wirklich toll, im Schärengarten zu wohnen, oder? Jedenfalls besitzen er und seine Frau dort ein Haus.«

»Seine Frau?«

Ihre Gesprächspartnerin machte ein schuldbewusstes Gesicht.

»Oh, das hätte ich wohl besser nicht sagen sollen.« Sie wirkte plötzlich unsicher. »Maries Freund ist noch verheiratet, aber er steht kurz davor, seine Frau zu verlassen. Er hat es nur wegen der Kinder noch nicht getan.«

»Da kann man mal sehen«, sagte Nora und suchte hektisch nach einer Bemerkung, die nicht idiotisch klang. Die Unterhaltung war bizarr. Was sagte man zu einer Person, die einem wildfremden Menschen verriet, dass die beste Freundin eine Affäre mit einem verheirateten Mann hatte?

»Marie ist unsterblich verliebt. Er ist aber auch wirklich ein toller Typ, dunkelhaarig und sehr attraktiv. Und außerdem Arzt, nicht schlecht, was?« Sie zwinkerte Nora vielsagend zu und trank einen großen Schluck von ihrem Cocktail.

»Arzt«, echote Nora.

»Genau. Ein echter Fang.«

»Und wie heißt er?«

»Das sollte ich besser nicht sagen, Marie will, dass es ein Geheimnis bleibt, bis er mit seiner Frau gesprochen hat. Aber wenn es unter uns bleibt … Sie verraten mich nicht, oder?«

»Nein, nein«, versicherte Nora. »Natürlich nicht.« Auf einmal war es ihr wichtig, den Namen zu erfahren.

»Er heißt Henrik. Er ist Radiologe am Krankenhaus Danderyd.«

Sie lächelte Nora an und hob das Glas an die Lippen.

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Kapitel 3

Die Erkennungsmelodie der Sendung »Vermisst« auf TV3 verklang, und Hasse Aros vertrautes Gesicht erschien auf dem Bildschirm. Hinter ihm waren die Schreibtische zu sehen, an denen die Redaktionsmitarbeiter die Anrufe der Zuschauer entgegennahmen.

»Willkommen zurück«, sagte er ernst. »Im letzten Beitrag des Abends widmen wir uns nun dem Mädchen, das auf Sandhamn vermisst wird.« Er warf einen Blick auf seine Stichwortkarte und fuhr fort: »Lina Rosén verschwand in einer dunklen, stürmischen Nacht im letzten Herbst. Sandhamn am äußersten Rand des Schärengartens hat knapp einhundertzwanzig Bewohner, zusätzlich strömen jedes Jahr Hunderttausende von Besuchern auf die kleine Insel. Es ist ein Sommerparadies, berühmt für seine schönen Sandstrände und eleganten Regatta-Veranstaltungen.«

Er räusperte sich, und die Kamera zoomte auf sein Gesicht. Seine Miene war bekümmert und sein Tonfall traurig.

»Heute bedrückt das Mysterium der vermissten Lina Rosén die Inselbewohner.«

Auf dem Bildschirm erschien das Foto eines hübschen Mädchens, ungefähr zwanzig Jahre alt. Sie hatte langes, blondes Haar und saß in einem Liegestuhl, dessen weißer Bezug ihre Sonnenbräune betonte. Sie lachte strahlend in die Kamera. Im Hintergrund waren ein paar Klippen und ein Sandstrand zu erkennen. Anscheinend befand sie sich auf einer Terrasse nahe am Meer.

»Linas Eltern haben ihre Tochter zuletzt am Freitag, den 3. November vergangenen Jahres gesehen. Da wollte sie zu einer Freundin, die an der Südostseite der Insel wohnt, in der Sommerhaussiedlung Trouville. Nach Angaben dieser Freundin brach Lina gegen zweiundzwanzig Uhr von dort auf, um mit dem Fahrrad nach Hause zu fahren. Seitdem ist sie spurlos verschwunden. Trotz eines Großeinsatzes der Polizei wurde sie nicht gefunden.«

Nun wurde das Panorama der Hafeneinfahrt von Sandhamn gezeigt. Die Kamera schwenkte vom Holzgebäude des Sandhamn Värdshus über den Dampfschiffkai und weiter zum roten Klubhaus des KSSS, das 1887 erbaut worden war.

Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Der Kiosk am Dampfschiffkai, vor dem sich im Sommer für gewöhnlich lange Urlauberschlangen bildeten, hatte seinen grauen Metallrollladen herabgelassen. Die Läden an der Strandpromenade waren winterfest verrammelt und mit stabilen Vorhängeschlössern gesichert.

Alles wirkte einsam und verlassen und erinnerte daran, dass die Suche nach dem Mädchen erfolglos geblieben war.

Dann zoomte die Kamera auf ein weißes Haus, und eine Stimme beschrieb Lina Roséns Zuhause. Die Familie stammte aus Sandhamn, und das Haus befand sich seit vielen Jahren in ihrem Besitz.

Die Kamera schwenkte langsam vom Haus über den Wald hinweg zu den Tennisplätzen, wo der Weg nach Trouville begann. Der Weg, den Lina Rosén am Abend ihres Verschwindens mit dem Rad gefahren war.

Hasse Aro wandte sich nun an einen Polizisten, der neben ihm ins Bild kam. Der Mann war ungefähr vierzig, groß, breitschultrig und hatte kurzes, blondes Haar. Er wirkte sympathisch, und um seine Augen lag ein feines Netz aus Lachfältchen.

»Thomas Andreasson, Sie sind Kriminalkommissar bei der Polizei in Nacka und waren von Anfang an mit dem Fall Lina Rosén befasst. Was können Sie uns berichten?«

Der Polizist räusperte sich.

»Am Samstag, also am Tag, nachdem Lina zuletzt lebend gesehen wurde, fanden die Eltern das Fahrrad ihrer Tochter. Wir haben daraufhin die Insel mehrere Tage lang abgesucht, doch leider ohne Erfolg. Wir sind auf keinerlei Spuren von ihr gestoßen.«

»Wurden Sie dabei von der Bevölkerung unterstützt?«

»Ja, die Inselbewohner haben einen ganz außerordentlichen Einsatz geleistet. Viele haben sich als Freiwillige gemeldet, sodass wir mehrere Suchmannschaften zusammenstellen konnten, die die Insel durchkämmt haben.«

»Wie ist es möglich, dass jemand auf einer so kleinen Insel wie Sandhamn verschwindet?«

Im Gesicht des Kommissars spiegelte sich Resignation. Er seufzte leicht, ehe er antwortete.

»Eigentlich kann das nicht sein, da stimme ich Ihnen zu. Aber Tatsache ist, dass uns bis heute keine Anhaltspunkte vorliegen, die erklären könnten, wo Lina sich in den fast vier Monaten seit ihrem Verschwinden aufgehalten hat.«

»Könnte sie ertrunken sein?«

»Auszuschließen ist das nicht. Wie Sie bereits erwähnten, herrschte in der fraglichen Nacht ein heftiger Sturm. Falls Lina Rosén aus irgendeinem Grund mit einem Boot hinausgefahren sein sollte, kann es durchaus sein, dass sie gekentert ist. Wir wenden uns deshalb mit der Bitte an die Öffentlichkeit, uns alle Beobachtungen zu melden, die bei der Fahndung nach Lina Rosén helfen könnten. Derzeit treten wir mit unseren Ermittlungen auf der Stelle.«

Hasse Aro blickte direkt in die Kamera.

»Wer von Ihnen, liebe Zuschauer, Hinweise im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Lina Rosén geben kann, wird gebeten, sich umgehend an uns oder an die nächste Polizeidienststelle zu wenden. Linas Eltern haben eine Belohnung für denjenigen ausgesetzt, dessen Hinweis zur Aufklärung des Falles führt.«

Die Melodie des Abspanns erklang. Am unteren Bildschirmrand verkündete eine Einblendung, dass es sich um eine Wiederholung gehandelt habe und es nicht möglich sei, jetzt im Studio anzurufen.

 

Im Stockholmer Vorort Gustavsberg lehnte Thomas Andreasson sich auf dem Sofa zurück. Während er langsam den Rest Kaffee austrank, grübelte er über den Beitrag nach, den das Fernsehen gerade noch einmal gezeigt hatte.

Als wäre Lina Rosén in jener Novembernacht vom Erdboden verschwunden. Es hatte kräftig geregnet und gestürmt, einer dieser Herbststürme, wie sie im äußeren Schärengarten so häufig vorkamen. Erst nach mehreren Tagen hatte sich das Unwetter gelegt und das Meer wieder seine normale blaue Farbe angenommen.

Als ihnen der Ernst der Lage klar wurde, waren schon fast zwei Tage vergangen. Zunächst hatten Linas Eltern auf eigene Faust gesucht, ehe sie am Samstagabend die Polizei alarmierten. Laut Vorschrift durften polizeiliche Maßnahmen erst nach mindestens vierundzwanzig Stunden eingeleitet werden. Allzu oft hatte sich gezeigt, dass verschwundene Jugendliche sich bei Freunden aufhielten, ohne zu Hause Bescheid zu sagen. Deshalb waren Linas Eltern mit dem wenig beruhigenden Hinweis abgefertigt worden, dass ihre Tochter sicher innerhalb des nächsten Tages wieder auftauchen werde.

Als die Suche dann mit voller Energie aufgenommen wurde, war bereits wertvolle Zeit vergangen.

Eine Suchmannschaft der Polizei war in den Schärengarten geschickt worden, um die Insel zu durchkämmen. Sie hatten Spürhunde eingesetzt, aber das Unwetter hatte die Suche katastrophal erschwert. Die großen Niederschlagsmengen machten es den Hunden unmöglich, Witterung aufzunehmen. Der Regen hatte alle Spuren und Gerüche nachhaltig weggespült, die Insel war so sauber, als hätte jemand sie mit Wasser und Seife abgeschrubbt.

Im strömenden Regen hatten Thomas und seine Kollegen die ganze Insel abgesucht, unterstützt von Linas verzweifelter Familie und ihren Freunden und Nachbarn. Schließlich hatte er die erschöpften Eltern überreden können, nach Hause zu gehen und sich auszuruhen. Die Mutter war so blass gewesen, dass er befürchtet hatte, sie könnte jeden Moment zusammenbrechen. Es sei besser, wenn die Polizei sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren könne, hatte er argumentiert. Außerdem sollte möglichst jemand zu Hause sein, falls Lina doch noch auftauchte. Widerwillig hatten die Roséns eingelenkt.

Thomas erinnerte sich noch gut daran, wie der schneidende Wind unter die Kleidung gekrochen war und Finger und Zehen eiskalt wurden. Die Temperatur hatte um null Grad gelegen, aber durch das nahe Meer war die Luft klamm und feucht. Die Kronen der hohen Kiefern hatten im Sturm geschwankt, dass es in den alten Ästen nur so knackte.

Langsam und systematisch waren sie die Strände abgelaufen. Mithilfe der vielen Freiwilligen hatten sie den Wald von Västerudd bis Trouville abgesucht, von den versiegelten Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg bis zu den winterfest verschlossenen Ferienhäusern. Beim kleinsten Verdacht hatten sie haltgemacht und alles genau untersucht. Sie hatten keine Mühen gescheut.

Schließlich hatte einer der Hundeführer Thomas angesehen und den Kopf geschüttelt.

»Das ist zwecklos«, hatte er gesagt. »Wer weiß, ob sie nicht auf dem Meeresgrund liegt. Die Hunde müssen sich ausruhen, sie sind völlig erschöpft.«

Thomas wusste, dass er recht hatte.

Trotzdem wollte er nicht aufgeben. Er hatte die Verzweiflung in Marianne Roséns Augen gesehen und wusste genau, was sie fühlte. Es war dieselbe Verzweiflung, die er selbst gespürt hatte, als er eines Morgens seine drei Monate alte Tochter kalt und leblos im Bettchen fand und alle Wiederbelebungsversuche vergeblich blieben.

Nach einem weiteren Tag hatten sie die Suche abgebrochen. Sie hatten jeden Stock und jeden Stein auf der Insel umgedreht. Lina Rosén war nirgends zu finden.

Nach einer Weile waren die Ermittlungen vorläufig eingestellt worden.

Innerhalb der Polizei herrschte die Meinung vor, dass das arme Mädchen Selbstmord durch Ertrinken begangen hatte, und die Leiche ins Meer hinausgetrieben worden war. Eine andere, näherliegende Erklärung gab es nicht. Gewisse Äußerungen ihrer besten Freundin Louise untermauerten diese Annahme.

Thomas hatte sich alle erdenkliche Mühe gegeben, das Mädchen zu finden. Ohne Erfolg. Sie war und blieb spurlos verschwunden.

Er seufzte und streckte den Rücken. Es war schon spät, er hätte längst im Bett sein sollen.

Den Fall in einer Sendung wie »Vermisst« zu veröffentlichen, war ein drastischer Schritt, aber Linas Eltern hätten wer weiß was getan, um ihre Tochter wiederzufinden.

Wer könnte ihnen das verdenken, dachte Thomas und streckte sich nach der Fernbedienung, um den Fernseher auszuschalten.

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Kapitel 4

Kaum war die Babysitterin gegangen, platzte Nora der Kragen. Sie hatte es geschafft, während der Party die Fassade zu wahren, aber nun, da sie endlich wieder zu Hause waren, ging es nicht mehr.

»Eine Krankenschwester! Banaler geht’s nicht! Hättest du dir nichts Besseres suchen können?«

Nora funkelte ihren Mann an, die Arme vor der Brust verschränkt. Beide standen im Flur ihres Reihenhauses in Saltsjöbaden, den sie eigenhändig tapeziert hatten. Sie war damals mit Adam schwanger gewesen und hatte eine Latzhose getragen, die dem dicken Bauch genügend Platz bot. Nora konnte sich noch gut erinnern, wie glücklich sie über die schöne Tapete mit den dünnen hellblauen Streifen gewesen war, die sie im Sommerschlussverkauf ergattert hatte.

Henrik schwieg.

Offensichtlich war er auf ihren Ausbruch überhaupt nicht vorbereitet. Er sah aus wie ein kleiner Junge, der bei etwas Verbotenem erwischt worden war.

Nora konnte sich nicht zurückhalten. Die Worte brachen aus ihr heraus, heftig und vulgär, normalerweise drückte sie sich anders aus.

»Was fällt dir eigentlich ein, sag mal? Nach allem, was wir zusammen durchgemacht haben. Ich beiße die Zähne zusammen und tue, was ich kann, damit diese Ehe funktioniert. Ich kämpfe wie eine Wahnsinnige, und du wirfst alles für einen Fick mit irgend so einem jungen Ding auf den Müll!«

»Es tut mir leid, ich wollte wirklich nicht, dass du es auf diese Art erfährst.« Henrik wandte den Blick ab.

»Wie dann? Auf was für eine Art hattest du es dir denn vorgestellt?« Nora spuckte ihm die Fragen geradezu ins Gesicht. »Wolltest du mir irgendwann schonend beibringen, dass du mich für eine Krankenschwester aus deiner Abteilung sitzen lässt? Oder wolltest du einfach nur deinen kleinen Spaß nebenbei, ohne dass ich es je erfahre?«

Henrik sagte nichts. Mit einer Hand löste er den Schlips und legte ihn auf den Garderobentisch. Langsam zog er das Jackett aus und hängte es ordentlich auf einen Bügel.

Nicht ohne Bitterkeit bemerkte Nora, wie attraktiv er immer noch war. Mit seinem dunklen Haar und dem klassischen Profil sah er noch genauso aus wie vor zwölf Jahren, als sie sich kennenlernten.

Ein gut aussehender Ehemann und Arzt. Ein richtiger Fang, wie die kleine Plaudertasche auf der Party es ausgedrückt hatte.

»Jetzt antworte gefälligst!«, schrie Nora. »Was hattest du dir vorgestellt, wie das hier zu Ende geht?«

Ihre Stimme brach. Sie sank auf eine Treppenstufe und begrub das Gesicht in den Händen.

»Du schläfst heute Nacht nicht in unserem Bett, damit das klar ist«, sagte sie nach langem Schweigen. »Du kannst auf dem Sofa schlafen.«

Henrik protestierte nicht. Er sah sie nur resigniert an.

»Glaub mir, es tut mir wirklich leid, dass es so gekommen ist. Ich wollte dir nicht wehtun.«

Nora schwieg.

»Morgen fahre ich mit den Jungs nach Sandhamn«, sagte sie schließlich. »Sie haben Winterferien, und ich nehme mir ein paar Tage Urlaub. Wenn wir zurückkommen, möchte ich, dass du ausgezogen bist. Ich will dich hier nicht mehr sehen. Hast du mich verstanden?«

»Du kannst mich doch nicht einfach rauswerfen!« Henrik sah aufrichtig überrascht aus. »Ich habe das Recht, hier zu wohnen. Das ist auch mein Haus.«

»Das Recht hast du dir verscherzt. Du hast hier nichts mehr zu suchen.«

Nora fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Ihr Mund war so trocken, dass sie kaum herausbekam, was sie sagen wollte.

»Geh doch zu deiner neuen Freundin, die wird sich bestimmt freuen. Die wartet doch nur darauf, in dein schickes Haus auf Sandhamn zu ziehen.«

Sie holte tief Luft und blickte ihm fest in die Augen.

»Ich will die Scheidung. So schnell wie möglich.«

Sie stieß ein hilfloses kleines Lachen aus. Dann begrub sie das Gesicht wieder in den Händen.

»Geh«, sagte sie erstickt.

»Aber die Jungs, denk doch wenigstens an Adam und Simon.«

»Das musst du gerade sagen. Hast du auch nur ein Mal daran gedacht, dass du eine Familie hast, als du mit diesem Flittchen ins Bett gestiegen bist? Hast du das?«

»Jetzt beruhige dich doch«, sagte Henrik und streckte den Arm nach ihr aus. »Lass uns in Ruhe über alles reden.«

Nora wich zurück.

»Rühr mich nicht an, rühr mich nie wieder an!«

Sie stand auf, öffnete den Garderobenschrank und holte einen Seesack heraus.

»Ich sage den Kindern, dass du Bereitschaftsdienst hast und nicht mit nach Sandhamn kommen kannst. Die haben das schon so oft gehört, dass sie sich nicht wundern werden.«

Sie griff nach einer Reisetasche, ohne ihn anzusehen.

»Sie sind es ja gewohnt, dass ihr Vater keine Zeit für sie hat«, sagte sie in den Raum hinein, so als wäre Henrik nicht anwesend. »Verschwinde.«

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Sandhamn 1899

Die dünnen Lippen öffneten sich und entblößten gelbliche Zähne.

Er sieht aus wie ein Totenschädel, dachte Gottfrid, ohne es zu wollen. Sofort bekam er Schuldgefühle, dass er so über seinen sterbenden Vater dachte. Aber es geschah ihm ganz recht, dem alten Teufel.

Der magere Körper lag von Kissen gestützt im Himmelbett. Die Vorhänge waren zugezogen und das Nachmittagslicht sickerte nur spärlich durchs Fenster. Die Dämmerung im Zimmer vertiefte die Schatten und ließ die Konturen verschwimmen. Die dunklen Ringe unter den Augen des Vaters traten dadurch noch mehr hervor.

Er hatte die Decke bis unters Kinn hochgezogen. Ein Überwurf bedeckte das dicke Federbett, und inmitten der gestickten Blumenranken konnte Gottfrid etwas Rotes, Eingetrocknetes erkennen, das dort nicht hingehörte.

»Komm her.« Der Vater winkte ihn zu sich heran. Sie hatten sein Bett in die Kammer gestellt, damit er seine Ruhe hatte und doch in der Nähe der Küche war, wo sich der Rest der Familie die meiste Zeit aufhielt.

Gottfrid zögerte, wagte aber nicht, sich zu widersetzen. Die Angst in ihm saß tief.

Er scheute den schlechten Atem des Vaters. Der Körper roch faulig, wie Tang, der auf die Klippen gespült worden war und in der Frühlingssonne moderte. Die Mutter hatte Lavendelbeutel ausgelegt, aber sie konnten gegen den üblen Gestank nicht viel ausrichten.

Gottfrid schluckte, um sein Unbehagen nicht zu zeigen. Er war ja elf Jahre alt und kein Kind mehr. Er nahm die Schirmmütze ab und machte einen Schritt in den Raum hinein.

»Komm her«, befahl der Vater noch einmal. Ein Echo seiner früheren Autorität lag immer noch im Raum.

Gottfrid trat ein paar Schritte näher.

Der Vater begann zu husten. Der Husten klang anders, als wenn Gottfrid erkältet war. Er rasselte tief unten in der Brust, und das Geräusch erschreckte Gottfrid. Das bleiche Gesicht des Vaters verfärbte sich bläulich, als er versuchte, Luft in die kranken Lungen zu saugen. Mit der einen Hand hielt er sich am Bett fest, während er sich mit der anderen auf den Brustkorb schlug, als wollte er ihn zwingen, den Leben spendenden Sauerstoff aufzunehmen.

Als es endlich geschafft war, spuckte er einen großen Klumpen Blut in den Eimer, der neben dem Nachtgeschirr auf dem Fußboden stand.

»Wie kommst du mit dem Fischen zurecht?«

Gottfrid senkte den Blick auf seine Füße.

Seit die Schwindsucht des Vaters so schlimm geworden war, dass er nicht mehr arbeiten konnte, musste Gottfrid zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Im Sommer konnten sie Zimmer an die Feriengäste vermieten, ansonsten war das Geld, das er verdiente, alles, was ihnen zum Leben blieb.

Seinem Onkel, dem Bruder seiner Mutter, gehörten die Fischernetze und der Kahn, ein kleines Ruderboot mit Segel. Der Onkel bekam die eine Hälfte des Verdienstes und Gottfrids Familie die andere. Ab und zu durfte Gottfrid ein paar Münzen für sich selbst behalten, wenn der Fang besonders reichlich gewesen war.

Er musste um halb zwei in der Nacht aufstehen, um mit Onkel Olle hinauszufahren, und manchmal schlief er noch halb, wenn er in seine Kleider stieg. Sobald sie die Netze heraufgeholt hatten und zurück auf der Insel waren, stand er am Hafen und verkaufte den Fang an die Mägde, die herunterkamen, um frischen Fisch fürs Mittagessen zu besorgen.

»Wir haben letzte Nacht zwei Grundnetze bei Rörskär ausgelegt.«

»Dorsch?« Die Kraft des Vaters reichte nicht für einen ganzen Satz.

Gottfrid nickte und richtete sich auf, stolz über den Fang. Die verschlissene knielange Hose wurde langsam zu klein, sie rutschte ein wenig hoch, wenn er sich bewegte. Der Pullover war auch zu klein, die Ärmel endeten ein gutes Stück über dem Handgelenk. Erst gestern hatte die Mutter bekümmert seine Kleider gemustert und sich darüber beklagt, wie schnell er wuchs.

»Morgen gehen wir auf Maränen, bei Skarprunmaren.«

Bisher waren die Nächte windstill gewesen, wie so oft im Sommer, und sie hatten die ganze Zeit rudern müssen. Das war immer noch besser als im Herbst, denn da stürmte es meist die ganze Zeit.

»Ein Sandhamnsorkan bläst nicht für die Leute, der bläst für den Teufel«, pflegte der Onkel zu murmeln, während er sich im heftigen Wind mit dem Segel abmühte. Dann legten sie große Steine auf dem Boden des Bootes aus, damit es ruhiger im Wasser lag. Aber oft mussten sie zurück in Landnähe, um das Wasser auszuschöpfen, wenn große Brecher in das Boot geschlagen waren.

Deshalb beklagte sich Gottfrid nie über windstille Nächte. Schon als Fünfjähriger hatte er gelernt, wie man richtig ruderte, mit entspannten Muskeln, sodass die Arbeit sich auf Rücken und Beine verteilte.

Er roch den Duft von Kaffee. Mutter hatte gesagt, dass sie ihm eine Tasse eingießen wollte, bevor es Zeit wurde hinauszufahren, um neue Netze auszulegen.

»Liest du jeden Tag im Katechismus?«

»Ja, Vater.« Das stimmte nicht, aber er wollte den Vater nicht unnötig reizen.

»Das ist gut.«

Der Vater sank zurück ins Kissen. Die großen Hände, die früher so schnell zuschlagen konnten, lagen kraftlos auf der Bettdecke.

Wieder übermannte ihn ein Hustenanfall. Als er vorbei war, lag er mit geschlossenen Augen da. Gottfrid schlich sich aus der Kammer. Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Vater sich über den Bettrand beugte und einen Schleimklumpen in den Eimer spuckte.

Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern.

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Samstag, 23. Februar 2007

Kapitel 5

Sie hatten in Mölnvik angehalten und eingekauft und dann gleich nach dem Mittagessen die Waxholmfähre nach Sandhamn genommen.

Henrik war nicht zu Hause gewesen, als sie morgens aufgewacht war. Was für eine Erleichterung; sie hätte es nicht ertragen, ihm zu begegnen, geschweige denn den Kindern gegenüber so zu tun, als wäre alles in bester Ordnung.

Trotz ihrer Empörung hatte Nora sieben Stunden durchgeschlafen, tief und traumlos. Simon war unter ihre Decke gekrochen und hatte sie geweckt. Als sie seinen warmen Körper spürte, war sie gleich ruhiger geworden. Er wurde bald acht, war aber immer noch sehr verschmust, und sie hatte die Nase an seine Schulter gedrückt und tief geatmet.

Adam und Simon sind alles, was zählt, dachte sie. Etwas Wichtigeres gibt es nicht.

Nun saß sie auf der Fähre und trank Kaffee, während sie durch den winterlichen Schärengarten fuhren. Die Kälte, die schon seit dem Jahreswechsel andauerte, hatte das Meer zufrieren lassen, was nicht oft vorkam. Ein Eisbrecher musste die Fahrrinne nach Sandhamn offen halten. Die raue Eisdecke hatte Fußwege um die Inseln herum geschaffen, und es sah aus, als würden die Bootsstege auf dem Eis liegen. Überall hingen glitzernde Eisgebilde an Geländern und Pfählen.

Die Jungs hatten einen Bekannten getroffen und spielten begeistert mit seinem Hund, deshalb saß sie allein am Tisch.

Trübsinn überfiel sie.

Alleinerziehende Mutter, pochte es in ihr. Alleinerziehende Mutter. Scheidung. Sorgerechtsstreit. Haushaltsteilung.

Die juristischen Begriffe wirbelten durch ihren Kopf. Heimlich beobachtete sie die anderen Passagiere. Ihr war, als könnten die Mitreisenden ihr ansehen, dass sie sich von ihrem Mann getrennt hatte. Dass ihre Ehe gescheitert war und die Familie auseinanderbrach. Ihre Söhne würden zwischen zwei Haushalten pendeln. Würden ihre kleinen Taschen packen und Pyjamas an verschiedenen Orten haben. Und nirgends zu Hause sein.

Sie fühlte sich einsam und ausgeliefert, und sie schämte sich, obwohl sie wusste, dass sie sich für nichts zu schämen brauchte. Es war ja wohl kaum ihr Fehler, dass ihr Mann sie mit einer anderen Frau betrog. Trotzdem nagte ein Schuldgefühl in ihr, seit sie am Morgen aufgewacht war. Sie hob die Kaffeetasse an die Lippen, aber ihre Hand zitterte so sehr, dass sie sie wieder absetzen musste.

»Alles okay mit dir?«

Nora zuckte zusammen. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie nichts gemerkt hatte. Neben ihrem Tisch stand ein Mann. Sein Gesicht kam ihr bekannt vor, sie wusste nur nicht genau, woher. Aber sie meinte sich zu erinnern, dass er auf Sandhamn wohnte. Er war dunkelhaarig, mit einzelnen grauen Fäden im kurzen Bart.

Unsicher lächelte sie den Mann an, der ihr gegenüber am Tisch Platz nahm.

»Ich wollte nicht stören, aber du hast so traurig ausgesehen.«

Er streckte ihr die Hand entgegen, und sie nahm sie ganz automatisch.

»Pelle Forsberg. Du bist doch Nora, oder?«

Sie nickte.

»Ich wohne neben den Tennisplätzen. Und du hast ein Haus am Kvarnberget, stimmt’s? Wir waren vor vielen Jahren mal zusammen im Segelcamp, glaube ich.«

Sie nickte wieder. Das war gut möglich, obwohl sie sich im Moment nicht daran erinnerte.

»Ist was passiert?«

Nora konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen. Je mehr sie versuchte, sie wegzuzwinkern, desto heftiger strömten sie nach.

»Ach herrje«, sagte Pelle Forsberg und stand wieder auf. Er ging zum Kaffeetresen, holte ein paar Papierservietten und reichte sie ihr. Nora griff dankbar danach und wischte sich die Tränen ab. Dann schnäuzte sie sich kräftig.

»Entschuldige«, murmelte sie. »Du musst ja denken, dass ich nicht alle Tassen im Schrank habe.«

»Keine Sorge.«

»Mein Mann und ich haben im Moment ziemliche Probleme.«

»Verstehe.«

»Wir lassen uns scheiden.« Jetzt hatte sie es zum ersten Mal gesagt. Sie hasste es, aber die Worte ließen sich immerhin aussprechen.

Er winkte ab. »Ich bin auch geschieden, ich weiß, wie das ist.«

»Ich wollte nicht heulen, aber es ist alles so schwer.«

»Du musst mir nichts erklären.« Er blickte sie freundlich an. »Soll ich dir noch einen Kaffee holen?«

»Danke, das wäre nett.«

Als Pelle Forsberg mit dem Kaffee zurückkam, hatte Nora sich wieder gefasst. Sie putzte sich noch mal die Nase und trank einen Schluck. Ich muss mich zusammenreißen, dachte sie. Ich kann doch nicht hier auf der Fähre sitzen und mir die Augen aus dem Kopf heulen. Wenn die Jungs das sehen.

»Bleibst du über die ganzen Winterferien draußen?«, fragte sie in dem Versuch, ein normales Gespräch zu führen.

Er nickte.

»Ich muss ein paar kleinere Sachen am Haus in Ordnung bringen und dachte, ich nutze die Zeit. Ich bin Mathematiklehrer, habe also die ganze Woche frei.«

»Ach so.«

Pelle Forsberg stand auf.

»Ich will nicht länger stören. Du hast nur so traurig ausgesehen, dass ich einfach fragen musste, ob alles in Ordnung ist.«

»Danke, nett von dir.«

Es knisterte im Lautsprecher, und eine Stimme teilte mit, dass sie Sandhamn in wenigen Minuten erreichen würden. Nora sah aus dem Fenster auf die vertraute Silhouette. Sie fuhren am Fläskberget vorbei und näherten sich dem Kvarnberget, wo ihr eigenes Haus hinter der prächtigen Fassade der Brand’schen Villa auftauchte.

Mit einiger Mühe brachte sie ihre Gesichtszüge in Ordnung, dann packte sie die Sachen zusammen und stand auf, um die Jungs zu holen. Das Schiff würde gleich anlegen. Sie musste auch noch die Fährtickets kaufen.

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Sonntag, 24. Februar 2007

Kapitel 6

Nora saß auf der kleinen Glasveranda, die nach Süden hinausging. Sie hatte das Haus vor zehn Jahren von ihren Großeltern mütterlicherseits geerbt. Es lag ganz in der Nähe des Hauses, in dem ihre Eltern wohnten, gleich unterhalb des Kvarnberget. Der Hügel hatte seinen Namen nach der alten Mühle bekommen, die dort gestanden hatte, bis sie in den 1860er-Jahren an einer anderen Stelle neu aufgebaut worden war.

Nora hatte erwogen, zum Sommer in die Brand’sche Villa umzuziehen, aber vorläufig wohnte sie noch in ihrem eigenen Häuschen. Die alte Kaufmannsvilla war für sie immer noch Tante Signes Zuhause, und Nora zögerte, sie in Besitz zu nehmen. Außerdem war es nicht ganz billig, das große Haus mit seinen enormen Fensterflächen und den altersschwachen Radiatoren zu beheizen.

Vor den Fenstern ragten die kahlen Zweige der Fliederhecke in den Himmel. Im Sommer umrahmte ihr üppiges Grün den Garten, aber nun konnte man durch die Büsche hindurchsehen. Trotz des kalten Wetters hatte sie die Jungs nach draußen geschickt, damit sie an die frische Luft kamen. Aber eigentlich war das ein Vorwand. In Wirklichkeit brauchte sie eine Weile für sich. Sie musste in Ruhe nachdenken.

Wider Erwarten hatten die Jungs nicht protestiert. Zum Glück war auch Simons bester Freund Fabian auf der Insel, sie hatten also ganz in der Nähe jemanden zum Spielen.

Ein kleiner Segen in all dem Elend.

Ihre Gedanken kreisten unablässig um Henrik. Hatte sie ihn in die Arme dieser Krankenschwester getrieben? War sie eine so schlechte Ehefrau gewesen, dass er gezwungen war, sich woanders zu vergnügen?

Sie war eisern geblieben, was die Brand’sche Villa betraf, aber konnte ihre Entscheidung, das Haus zu behalten, wirklich dazu geführt haben, dass er ihr untreu wurde?

Vergangenen Sommer hatte ihr Zwist mit einem schrecklichen Streit unten am Steg geendet. Henrik hatte die Beherrschung verloren und sie geschlagen. Direkt ins Gesicht, so hart, dass sie blutete.

Nie, niemals hätte sie gedacht, dass ihr Mann sie schlagen könnte. Henrik hatte sie angebettelt, ihm zu verzeihen, und Nora hatte die Zähne zusammengebissen und versucht, ihre Ehe zu retten, aber etwas in ihrer Beziehung war unwiderruflich zerbrochen.

Um der Kinder willen müssen wir zusammenbleiben, war seitdem wie ihr Mantra, um der Kinder willen.

Aber wenn sie tief in sich hineinhorchte, kämpfte sie wohl doch eher aus eigenem Interesse. Obwohl ihre Beziehung schon seit Längerem nicht mehr funktionierte und obwohl sie sich manchmal fragte, ob sie Henrik überhaupt noch liebte.

Sie hatte sich davor gefürchtet, einsam zu sein, wie sie sich jetzt an diesem nebligen Nachmittag eingestehen musste.

Die Angst, die Familie auseinanderzureißen, saß tief. Einige ihrer Freundinnen waren geschieden, und Nora sah, wie sie kämpften, um ihr Leben zu meistern. Es war nicht leicht, mit all den Anforderungen, die die Schule stellte, mit allem, was an Aktivitäten organisiert werden musste, wenn die Kinder alle zwei Wochen bei einem anderen Elternteil lebten. Außerdem war es schwer, mit dem Geld über die Runden zu kommen.

So hatte sie sich das Umfeld nicht vorgestellt, in dem ihre Jungs heranwachsen sollten. Aber sie war naiv gewesen. Wie hatte sie glauben können, ihre Ehe wäre zu retten? Sie hätte längst aufbegehren müssen. Dagegen, dass Henrik seine Interessen ständig in den Vordergrund rückte und es selbstverständlich fand, dass sie ihre zurückstellte. Dagegen, dass seine Arbeit Vorrang vor allem anderen hatte und sie sich um Kinder und Haushalt kümmerte, obwohl sie genauso wie er voll berufstätig war. Spätestens als immer deutlicher wurde, dass sich ihre Werte und Ansichten voneinander entfernten, hätte sie etwas tun müssen.

Stattdessen hatte sie sich gefügt. Hatte sich untergeordnet und war genügsam geworden. Stück für Stück waren sie in ein Lebensmuster hineingeglitten, in dem sein Wille und seine Interessen ganz selbstverständlich an erster Stelle standen. Warum hatte sie das akzeptiert?

Noras Blick wanderte über die weiße Landschaft vor dem Fenster. In einer Trauerbirke im Nachbargarten zeichneten sich Vogelnester wie dunkle Klumpen vor dem Himmel ab.

Was war das für ein altmodisches Pflichtgefühl, das sie dazu gebracht hatte, so lange bei Henrik zu bleiben? Als sie sich kennenlernten und ein Paar wurden, waren sie einander ebenbürtig gewesen. Zwei Studenten, beide gleichermaßen begabt, die von einem spannenden Berufsleben träumten. Jetzt, fünfzehn Jahre später, führte sie ein Leben wie eine Hausfrau in den Fünfzigerjahren, nur dass sie zusätzlich noch berufstätig war.

Angepasst, gefügig und bescheiden. Und betrogen.

Nora schüttelte sich wütend. Was war sie nur für eine dumme Gans gewesen. Das war genau der richtige Ausdruck.

Sie seufzte tief und lehnte sich mit geschlossenen Augen im Korbsessel zurück. Obwohl sie die ganze Nacht geschlafen hatte, war sie so müde, dass sie sich kaum aufrecht halten konnte. Ihre Muskeln schmerzten vor Erschöpfung.

Irgendwie würde es gehen. Tausende Frauen vor ihr hatten eine Scheidung überlebt. Viele, viele Kinder kamen hervorragend mit einer getrennten Familie zurecht. Eine Woche bei Papa, eine Woche bei Mama, das jeweils andere Elternteil in Reichweite.

Sie konnte die aufsteigenden Tränen nicht zurückhalten, aber ihr Entschluss stand fest. Sie würde sich von Henrik trennen.

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Sandhamn 1911

Sie war das hübscheste Mädchen, das er je gesehen hatte. Ihre blonden Haare flossen ihr den Rücken hinab, und ihre Leibesmitte war so schmal, dass er sie mit beiden Händen hätte umfassen können.

Sie hieß Vendela und kam von Möja.

Ihre Eltern wohnten auf einem Hof am südlichen Ende der Insel, und sie hatte noch fünf Geschwister. Sie war achtzehn, fünf Jahre jünger als er, und ihre Augen hatten dieselbe Farbe wie der Junihimmel, wenn der Abend heraufdämmerte.

Sie hatten sich am Dansberget versammelt, gegenüber vom noblen Klubhaus des KSSS, wo die Klippen blank geschliffen und eben waren. Auf dem glatten Boden würden sie zu den Tönen von Arne Karlssons Geige und Bertil Södermanns Ziehharmonika den Reigen tanzen.

Der Leuchtturm von Korsö ragte schräg gegenüber empor, und zu seinen Füßen lag ein herrlicher Schoner vor Anker.

Die Abendsonne schien. Einige Stunden zuvor hatten sie den schönen Mittsommerbaum aufgestellt und mit Blumen und Birkenzweigen geschmückt. Nun ragte die laubumkränzte Stange weit über die Häuser des Dorfes hinaus, ein Zeichen dafür, dass der Sommer endlich gekommen war.

Überall standen kleine Gruppen von aufgeregten jungen Leuten. Sie waren von Runmarö, Harö und Möja gekommen. Dass sie viele Stunden brauchen würden, um nach Hause zu rudern, bekümmerte sie nicht, so war das eben, wenn man an einem Fest auf einer anderen Insel teilhaben wollte. Außerdem dämmerte der neue Tag meist mit einer milden Brise herauf, in der man die Segel setzen konnte.

Gottfrid trug seinen besten Anzug, ein Kleidungsstück, das seinem toten Vater gehört hatte, aber deswegen nicht weniger stattlich und elegant war. Die Mutter hatte ihn für den Mittsommerreigen sorgsam gewaschen und geplättet. Sie hatte ihn schon eine Woche zuvor an sich genommen und ihn fest unter Verschluss gehalten, bis sie ihn endlich herausrückte.

Gottfrid schwitzte in der warmen Abendsonne, aber ihm wäre nie in den Sinn gekommen, auch nur einen Knopf zu öffnen. Dazu war später immer noch Gelegenheit, wenn er eine oder zwei Runden auf der Tanzfläche hinter sich gebracht hatte und ihm von Mazurka oder Hambo heiß geworden war.

Auf dem Weg zum Dansberget waren ihm auf der Strandpromenade Sommergäste begegnet, die am Wasser entlangspazierten. Die eleganten Damen trugen helle rosa Sommerkleider und schützten sich mit zierlichen Sonnenschirmen vor dem grellen Licht. Die Herren trugen Strohhüte und englische Klubjacken, trotz der Wärme.

Er hatte den Blick gesenkt und war weitergeeilt. Obwohl die Mutter immer noch Fremdenzimmer vermietete, scheute er die Gäste aus der Hauptstadt. Sie sprachen anders als die Inselbewohner, ihre Stimmen hatten einen befehlenden Klang. Und sie machten große Augen, wenn sie die Schiffe bewunderten, die im Hafen ankerten.

Zu dieser Jahreszeit waren sie überall. Sie tranken Kaffee in Anna Löfgrens Konditorei oder Lilly Bomans Café und wohnten im Turisthotell oder bei Sands. Abends ließen sie sich an schön gedeckten Tischen im Klubhaus des KSSS oder im Restaurant Solhem nieder und nahmen ihre Mahlzeiten ein. Die Herren tranken einen Schnaps oder zwei und nannten einander »lieber Freund«. Die Damen lächelten fein hinter ihren Sonnenfächern und nippten an ihren Getränken, während sie entzückt über die Scherze ihrer Gatten lachten.

Die großen Koffer, die am Kai aus den Dampfschiffen geladen wurden, riefen erstaunte Reaktionen bei den Einheimischen hervor. Wie konnte man so viel besitzen und das alles auch noch mitnehmen, nur für ein paar Wochen Sommerfrische im Schärengarten? Wenn Gottfrid alle Habseligkeiten zusammenrechnete, die ihm und seiner Mutter gehörten, würden sie nicht einmal einen einzigen dieser Koffer füllen.

Aber er war dankbar für die Einnahmen, die die Sommergäste ihnen brachten.

Seit der Vater in einer kalten Januarnacht vor elf Jahren von ihnen gegangen war, hatte sich die Situation der Familie verbessert. Die Mutter bekam Witwenrente, eine kleine Summe nur, aber sie wurde jeden Monat ausbezahlt. Das bedeutete für Gottfrid, dass er wieder die Schule besuchen konnte. Er fuhr immer noch zum Fischen hinaus, aber nur, wenn es die Schule nicht beeinträchtigte. Und auch wenn sein Verdienst aus dem Fischfang ein willkommener Zuschuss war, so war er nicht mehr nötig, um das Überleben der Familie zu sichern.

Im selben Jahr, als er konfirmiert wurde, durfte er bei der Königlichen Generalzollaufsicht als Laufbursche anfangen. Der Zolloberinspektor, ein Mann namens Ossian Ekbohrn, war ein Bekannter seines Vaters gewesen und hatte sich des vaterlosen Jungen erbarmt. Er hatte dafür gesorgt, dass Gottfrid im Zollhaus aus dem achtzehnten Jahrhundert mit seinen goldenen Dachschindeln, das majestätisch an der Hafeneinfahrt thronte, seinen Dienst antreten durfte.

Gottfrid hatte fleißig gearbeitet und war nach einigen Jahren zum Hilfszöllner befördert worden. Als er das erste Mal in seiner schneidigen Uniform nach Hause gekommen war, war die Mutter in Tränen ausgebrochen.

»Mein Junge«, hatte sie geschluchzt, und er war auf der Schwelle stehen geblieben, stolz und verlegen zugleich. Er hatte nicht gewusst, was er sagen sollte.

Der Lohn, den er bekam, war ihnen eine große Hilfe. Nun konnten sie sogar das Haus reparieren, das während der Krankheit des Vaters verfallen war. Die Mutter hatte jedoch darauf bestanden, nicht mehr Geld auszugeben als unbedingt nötig. Es wurde langsam Zeit, dass er sich eine Liebste suchte, und dafür mussten schon ein paar Münzen im Schatzkästchen klimpern. Aber schließlich war sie doch bereit, sich einen neuen seidenen Schal und ein schwarzes Konfektionskleid zu kaufen. Sie willigte sogar ein, sich von ihm ausführen zu lassen, zu einem Abendessen im Gasthaus der Witwe Wass, um seine Beförderung zu feiern.

Doch sie ließ sich nicht davon abbringen, weiterhin auf Knien liegend Dielenböden zu schrubben, mit Sand und Wasser, bis sie rein und weiß waren. Und sie wollte nichts davon hören, die Schmutzwäsche von den Waschfrauen des Ortes waschen zu lassen. Sie schleppte Wasser von der Pumpe heran, wie sie es immer getan hatte, und machte ihm Vorwürfe, wenn er mit gekauftem Backwerk nach Hause kam, um ihr eine Freude zu machen.

»Na, mal ran an den Speck, Junge.«

Adolf Wolin, Gottfrids bester Freund, knuffte ihn in die Seite.

»Du starrst sie jetzt schon den ganzen Abend an. Warum fragst du das Mädel nicht, ob es tanzen möchte?«

Gottfrid drehte seine Mütze zwischen den Fingern. Dann wagte er einen Blick auf die schöne Vendela, die mit einigen anderen Mädchen von Möja beisammenstand und lachte.

Zwar meinte er gesehen zu haben, dass sie den einen oder anderen Blick auf ihn warf, aber sicher war er sich nicht, denn ihre blonden Haare fielen ihr tief in die Stirn und verbargen ihre Augen.

Sie trug einen langen Rock, der ihr bis zu den Fußknöcheln reichte, und darüber eine weiße Bluse mit Stickereien in Gelb und Rot. Unter dem Rocksaum konnte er ihre Füße hervorblitzen sehen. Sie trug feine, geschnürte Tanzschuhe.

Jetzt war er sicher, dass sie ihm einen scheuen Blick zugeworfen hatte. Aber schon sah sie woandershin. Er erkannte mehrere ihrer Freundinnen von anderen Tanzfesten auf den Inseln im Schärengarten, und jetzt knuffte eine von ihnen Vendela mit dem Ellbogen an. Und dann fiel ihm auf, dass diese Freundin ihn vielsagend ansah.

Adolf war die Unentschlossenheit des Freundes leid und hatte sich selbst ein Mädchen zum Tanzen gesucht. Gottfrid nahm allen Mut zusammen. Er ging auf die Gruppe zu, direkt auf Vendela.

Aber plötzlich versagte ihm die Stimme, er stand vor ihr, ohne ein Wort herauszubringen. Je länger er dort stand, desto roter wurde sein Gesicht, als wäre er irgendein dummer August.

Vendela blickte ihn fragend an. Hinter ihrem Rücken hörte er albernes Kichern.

Schließlich gelang es ihm, seine Frage hervorzustoßen.

Sie lächelte und war so natürlich, so ungekünstelt und spontan, dass es ihm beinahe die Tränen in die Augen trieb.

»Ja, ich möchte gern mit dir tanzen«, antwortete sie weich und hakte sich bei ihm ein.

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Kapitel 7

»Siebenundneunzig, achtundneunzig, neunundneunzig, hundert. Ich komme!«

Adam Linde richtete sich auf, blickte sich um. Er stand mitten im Wald, mitten auf der Insel, nicht weit entfernt von Sandhamns Kapelle. Mit Simon, Fabian und Fabians älteren Schwestern Elsa und Agnes hatte er nun schon eine ganze Weile Verstecken gespielt.

Er ging einige Meter, ohne etwas zu entdecken. Es war kalt, mindestens zehn Grad unter null, und der Schnee lag hoch. Im Ort waren die Wege geräumt, aber hier im Wald musste man sich durchkämpfen.

Alle Geräusche wurden vom Schnee erstickt. Es war, als läge eine dicke Schicht Watte um die ganze Insel.

Aber die Kinder waren warm eingemummt und hatten genug Spaß, um die Kälte zu vergessen. Sie waren vollauf damit beschäftigt, sich zu verstecken. Bei jedem Mal wurden sie wagemutiger und entdeckten immer mehr bisher unbekannte Stellen.

Im Verlauf des Spiels hatten sie sich vom Ort entfernt und waren immer tiefer in den Wald eingedrungen. Es war ja auch viel spannender, sich hinter Bäumen und großen Steinen zu verstecken als hinter igendwelchen Hausecken.

Adam blieb stehen und lauschte. Bis auf die roten Wangen war sein schmales Gesicht winterblass. Mit seiner dunkelgrünen Mütze und der kakifarbenen Daunenjacke verschmolz er mit seiner Umgebung. Aus der Ferne war er in dem schummrigen Nachmittagslicht kaum auszumachen.

Es war unwirklich still zwischen den Bäumen, nur das Raunen der hohen Fichtenkronen war über seinem Kopf zu hören. Weiter östlich, wo die Eisdecke sich noch nicht geschlossen hatte, rauschte das Meer.

Er hätte die anderen Kinder längst finden müssen. Vor allem Fabian und Simon, diese Babys, die konnten nie irgendwo längere Zeit still sitzen bleiben.

Adam ging noch ein paar Schritte. Seine dicken Winterstiefel versanken im Schnee und hinterließen tiefe Spuren. Wenn er den Fuß wieder hochzog, gab es jedes Mal ein leicht schmatzendes Geräusch.

Wieder suchte er die Gegend mit den Augen ab. Er spürte, wie ihn langsam Unbehagen beschlich. Der Wald wirkte unendlich, dabei wusste er ja, dass er am Strand auf der anderen Seite der Insel aufhörte. Aber von der Stelle aus, an der er stand, konnte er nichts entdecken. Er war mutterseelenallein.

Es war still, viel zu still.

Adam schüttelte sich ärgerlich. Im April wurde er zwölf, er war doch kein Kleinkind mehr, so wie Simon.

Aber das mulmige Gefühl, während er tiefer in den Wald hineinging, wollte einfach nicht weichen.

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Kapitel 8

Sie hatte sich vorgenommen, alle Spuren von Henrik zu beseitigen. Jedes einzelne Kleidungsstück, das Nora fand, wurde sorgfältig in einem großen Müllsack verstaut. Abgelegte Jeans, die er nur noch anzog, wenn der Bootsrumpf einen neuen Anstrich brauchte, und verwaschene Tennisshirts, die gerade noch zum Ausnehmen von Fischen taugten. Die geliebten, ausgelatschten Segelschuhe ganz hinten im Garderobenschrank wanderten ebenfalls in den Müllsack.

Danach ging sie durch die übrigen Räume. Mit Tränen in den Augen, die hinter den Lidern brannten, warf sie Bücher weg, die er mit auf die Insel genommen hatte. Die billige Lesebrille, an einer Tankstelle gekauft, und der blaue Frotteebademantel, den er so gern anzog. Sogar die schweineteuren Seglerklamotten von Helly Hansen stopfte sie entschlossen in den Plastiksack.

Aus lauter Wut riss sie seine heiß geliebten Frühstücksflocken aus dem Schrank, die kein anderer in der Familie mochte. Die fast neue Schwimmweste, die auch jemand anderes noch hätte anziehen können, wanderte ebenfalls in den Müll.

Erst als sie zu dem Foto auf dem Flur kam, hielt sie inne.

Es war vor einigen Jahren aufgenommen worden und zeigte die ganze Familie am Strand. Henrik und sie, mit den Kindern in der Mitte, lachend in der Abendsonne. Das warme Licht verriet, dass es Hochsommer war, und das Glück in ihren sonnengebräunten Gesichtern war nicht zu übersehen. Simon war nackt und goldbraun, und Adam lachte seinen Vater an, der den Arm um seine Schultern gelegt hatte.

Es war ein wunderschönes Foto.

Nora zögerte. Wenn sie es abnahm, würden die Jungs vielleicht Fragen stellen, und sie fühlte sich noch nicht stark genug, ihnen alles zu erklären. Mit einem Seufzer wandte sie sich ab und ließ das Foto hängen.

Eine Weile später war das Haus sauber. Als hätte Henrik Linde niemals hier gewohnt.

Nora knotete den Müllsack zu und zog eine dicke Jacke an. Dann öffnete sie die Tür und ging hinaus. Der Sack war schwer, sie musste ihn sich über die Schulter legen, um ihn tragen zu können. Aber es war gut, dass er so viel wog. Ein Hinweis darauf, dass sie alles gefunden hatte, was an Henrik erinnerte.

Mit verkniffener Miene ging sie durch die schmalen Gassen hinunter zum Hafen. Zwar waren die Wege geräumt, aber der Schnee lag trotzdem hoch. Ihr Rücken war schweißnass unter der schweren Last, und sie blieb stehen, um einen Augenblick zu verschnaufen.

Der Müllplatz befand sich ganz am Ende des Hafens, neben der falunroten Häuserreihe der Strandpromenade. Parallel zum Kai lagen Boote in langen Reihen an Land, die Rümpfe mit Persennings abgedeckt. Sie sahen einsam und verlassen aus, als warteten sie nur darauf, dass die Saison wieder begann.

Nora ging die Stufen zur schmalen Brücke hinauf, die zu den verschiedenen Müllschächten führte, jeder deutlich gekennzeichnet: Glas, Batterien, Haushaltsabfälle. Sie öffnete einen Metalldeckel, zögerte kurz und stopfte dann den Sack hinein. Es klemmte ein bisschen, der Müllsack war zu groß für die Öffnung, aber nach einigem Drücken und Knuffen fiel er schließlich hinunter.

Sie schloss den Deckel mit einem Knall.

»Viel Müll, was?«

Nora zuckte zusammen und drehte sich um. Ein paar Meter weiter stand Pelle Forsberg und sah neugierig zu ihr herüber.

Sie fühlte sich ertappt. Sie hatte keine Lust, ihm auf die Nase zu binden, was sie gerade weggeworfen hatte. Mit verstohlenem Blick auf die Müllklappe suchte sie nach einer vernünftigen Antwort.

»Ach, nur ein paar alte Sachen, die wegsollten«, sagte sie schließlich und entfernte sich ein paar Schritte vom Müllschacht.

»Wie geht’s dir heute?«

Es war nett von ihm, dass er sich kümmerte, aber Nora war nicht nach Konversation zumute. Sie wollte nur noch nach Hause und in Ruhe weinen, aber die Höflichkeit siegte.

»Besser, danke. Gestern war kein besonders guter Tag. Aber nett von dir, dass du fragst.«

Sie lächelte ihn an, vermied es aber, etwas zu sagen, was das Gespräch in die Länge ziehen könnte.

»Ich muss nach Hause, die Kinder warten«, fügte sie hinzu.

Pelle Forsberg trat zur Seite, damit sie an ihm vorbeikonnte. In der Hand hielt er eine zugeknotete Einkaufstüte.

»Das ist eine schwere Zeit, die du durchmachst. Man ist abwechselnd wütend und traurig. Den einen Tag wünscht man sich, dass alles wieder gut wird, und am nächsten empfindet man nur noch Hass für den Expartner.«

Er wusste, wovon er sprach, erkannte Nora. Sie sehnte sich nach Henrik und gleichzeitig hasste sie ihn.

»Leicht ist es nicht.«

»Wart ihr lange zusammen?«

»Wir haben vor dreizehn Jahren geheiratet.« Die Unglückszahl veranlasste sie zu einer schnellen Grimasse. »Aber ein Paar sind wir schon länger.«

»Habt ihr zusammen studiert?«

»Könnte man so sagen. Aber ich war für Jura eingeschrieben und er für Medizin. Wir haben uns in einer Studentenkneipe kennengelernt.«

Sofort hatte sie wieder den Henrik von damals vor Augen. Er war mit einem ihrer Kommilitonen befreundet gewesen, und sie hatten in einer großen Clique die bestandenen Zwischenprüfungen gefeiert. Er lud sie zu einem Bier ein, und dann tanzten sie die halbe Nacht durch. Schon an diesem ersten Abend hatte sie Feuer gefangen, aber nicht damit gerechnet, dass er sich für sie interessierte. Er wirkte wie einer, der es sich leisten konnte, wählerisch zu sein.

Als er sich gleich am nächsten Tag wieder meldete, war sie überrascht, aber auch glücklich gewesen. Sie hatte sofort Ja gesagt, als er vorschlug, sich in einem beliebten Café in der City zu treffen.

Wieder stiegen ihr Tränen in die Augen. Nora zwinkerte hastig.

Pelle Forsberg sah sie mitfühlend an.

»Ich weiß genau, wie das ist. Meine Ex und ich waren zehn Jahre zusammen. Wir haben uns hier draußen in der Taucherbar kennengelernt. Ich hatte ihr Bier über die Hose geschüttet, und so kamen wir ins Gespräch.« Er lachte verlegen. »Es ist schwer, Schluss zu machen.«

»Ja.«

»Ist er fremdgegangen?« Er seufzte und stellte die Einkaufstüte ab. »Ich habe mir mal auf einer Party eine Dummheit geleistet, und danach war es aus. Natürlich hatten wir davor schon eine ganze Weile Streit. Bei euch war es sicher auch nicht immer einfach, was?«

Nora wand sich unbehaglich. Das Gespräch wurde ihr ein bisschen zu persönlich. Pelle Forsberg meinte es sicher nur gut, aber ihr war wirklich nicht danach zumute, auf dem Müllplatz zu stehen und mit einem Menschen, den sie kaum kannte, ihre Trennung zu diskutieren.

»Jetzt muss ich aber wirklich los«, sagte sie und lächelte entschuldigend.