Die Tradition der Weisheit - John Noyce - E-Book

Die Tradition der Weisheit E-Book

John Noyce

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Beschreibung

Mit dieser ersten Übersetzung des dritten Bandes aus der Serie „History Enlightened (Erleuchtete Geschichte)“ legt John Noyce einen qualifizierten Überblick auf mehr als 2.000 Jahre umfassende Einzelüberlieferungen spiritueller Tradition der Weisheit in Europa vor. Er beschränkt sich nicht nur auf traditionell als religiös charakterisierte Arbeiten, sondern bezieht sich auch auf Werke von Dante Alighieri, William Blake, Nicholas Roerich oder Johann Wolfgang von Goethe – um nur die bekanntesten zu nennen. Die Bezeichnung „Göttin“ auf die Qualität der Weisheit an sich anzuwenden, stützt für John Noyce nicht nur die für europäische Denkweisen eher ungewöhnliche Vorstellung von „einer Göttin, viele Manifestationen“. Besonders im Westen kann man die Weisheit auch als den vernachlässigten weiblichen Aspekt des männlich geprägten Gottesverständnisses verstehen, der unter unterschiedlichen Namen wie Sophia, Philosophia, Sapientia, Natura oder das Ewig-Weibliche mit Rat und Tat zur Seite steht. Die Ergebnisse des Autors lassen es nicht vermessen erscheinen, dieses Göttlich-Weibliche mit dem Heiligen Geist als mütterlichen Aspekt der christlichen Dreifaltigkeitsvorstellung gleichzusetzen. Die angeführten Beispiele belegen nicht nur, wie das Göttlich-Weibliche im Großraum Europa wahrgenommen und verehrt wurde, sondern verweisen auch auf ein bevorstehendes, neues Zeitalter im Zeichen des Advents dieses Prinzips. Das Buch offenbart einen in der europäischen Geschichte verborgen liegenden, gemeinsamen Schatz, den es lohnt, zu Tage zu fördern. Es ist ein Muss für jeden informierten und an Selbst-Erkenntnis interessierten Leser. Weitere Informationen zur leicht überarbeiteten, zweiten Auflage dieses Bandes und anderen Ausgaben aus der Reihe "History Enlightened (Erleuchtete Geschichte)" finden Sie auf www.erleuchtete-geschichte.jimdo.com und www.lulu.com.

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Seitenzahl: 219

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Erleuchtete GeschichteBand 3

Die Tradition der Weisheit

Visionen und Prophezeiungen der Göttin© 2013

von

John Noyce

aus dem Englischen übertragenvonUwe David

Titel der Originalausgabe

History Enlightened, Volume 3

The Wisdom Tradition

Visions and Prophecies of the Goddess in the Sapiential Tradition© 2007

Books on Demand

Dieses Buch ist der Erinnerung an

Shri Mataji Nirmala Devi

gewidmet.

* 21.03.1923, Chhindwara, Madhya Pradesh, Indien† 23.02.2011, Cabella di Ligure, Italien

Danksagung und Anmerkungen zur deutschen Ausgabe

Auch dieses Buch basiert sowohl im Original als auch in seiner deutschen Übersetzung auf der Inspiration Shri Mataji Nirmala Devis. Mit ihrem unermüdlichen Lebenswerk hat sie Begriffe wie Wahrheit und Weisheit erneut mit Leben erfüllt.

Neben der für sich selbst sprechenden inhaltlichen Aufbereitung des für mich als europäischen Leser natürlich interessanten Themas, bin ich dem Autor für seine anhaltende Geduld bei der Beantwortung meiner zahlreichen Fragen sowie dafür zu Dank verpflichtet, dass er mir bei der Umsetzung des Projektes für den deutschen Sprachraum einen unbürokratischen und weitreichenden Spielraum eingeräumt hat.

Mein Dank gilt ebenfalls Dr. Alexander Loose vom Lehrstuhl für Mittel- und Neulateinische Philologie der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg für die Übersetzung zweier mittellateinischer Texte von Alain de Lille.

Ebenso bedanke ich mich bei Toni Grabmayer für seine unerlässliche Hilfe beim Korrekturlesen und seine Feedbacks sowie bei Arno Krimmer für seine Hilfe bei der Bildauswahl und allgemeine Beratung.

Auch Herr Rolf Wolters, Inhaber des Christlichen Schriftenversands in Walzbachtal hat zum Gelingen des Werkes beigetragen, indem er mir kostenfrei Auszüge aus den Schriften von Johann Jakob Wirz zur Verfügung stellte. Gleiches gilt für das Nicholas-Roerich-Museum in New York sowie für das Antiquariat Weber in Neuenstein, die mir kostenfrei die Verwendung von Bilddateien erlaubt haben.

Auch wenn ich das ebenfalls kostenfrei zugesendete Material leider nicht direkt verwenden konnte, bedanke ich mich ebenfalls bei Pater Kassian Lauterer aus der Zisterzienserabtei Wettingen-Mehrerau, Österreich, sowie bei Thomas Kaiser vom Latein-Online-Forum Auxilium, bei Dr. Ingo Schaaf vom Fachbereich Literaturwissenschaft der Universität Konstanz und all den anderen, die mir nicht direkt, jedoch indirekt geholfen haben.

Mein Dank gilt ebenfalls meiner Mutter, Erika David, sowie Ulrike Deiseroth, die mich nicht nur bei diesem, sondern auch bei anderen Projekten in vielfältiger Weise unterstützt haben.

Die Arbeit enthält sehr viele zitierte Passagen. Üblicherweise wird bei einer Übersetzung das jeweilige Zitat zu seinem Original zurückverfolgt, insbesondere, wenn es aus der Übersetzungssprache, also in diesem Falle dem Deutschen, entnommen wurde. Viele der im Text verwendeten Zitate stammen aus mittelhochdeutschen Quellen, die, wie ebenfalls üblich, wörtlich, nicht korrigiert und nicht an die heutige Rechtschreibung angepasst wurden. Dabei wurde aus Gründen der Lesbarkeit darauf verzichtet, die vielen, in diesen Zitaten auftretenden, vermeintlichen Rechtschreibfehler mit dem sonst üblichen „sic!“ zu kennzeichnen. Auch vermutliche Tippfehler, wie z. B. in „GOtt“, sind Schreibweisen, die aus dem Originaltext übernommen wurden.

Manchmal gelang es mir trotz intensiver Suche nicht, die jeweilige Originaltextstelle ausfindig zu machen. In diesem Fall musste ich aus der englischen Übersetzung zurück ins Deutsche übersetzen. Die entsprechenden Stellen sind natürlich gekennzeichnet.

In den Fußnoten werden u. a. Übersetzungen der Titel zitierter Werke angeboten. Sofern tatsächlich eine deutsche Ausgabe des Werkes recherchiert werden konnte, wurde diese angeführt. Konnte ich keine deutsche Übersetzung der Arbeit finden oder liegt tatsächlich keine vor, so habe ich lediglich den Titel übersetzt.

Alle Abbildungen wurden mit freundlicher Genehmigung der Copyright-Inhaber verwendet, stammen aus Quellen, für die das Copyright entweder abgelaufen ist oder die ansonsten gemeinfrei verfügbar sind. Soweit es möglich war, wurden Schwarz-Weiß-Bilder mit Zustimmung des Autors durch farbige ersetzt.

Das Personen- und Sachverzeichnis wurde aus der englischen Vorlage übernommen, doch ebenfalls mit Zustimmung des Autors durch weitere Einträge ergänzt.

Die Anmerkungen des Autors, die im Original hinter den jeweiligen Kapiteln aufgelistet sind, wurden ebenfalls mit seiner Zustimmung in einem Gesamtverzeichnis am Ende zusammengefasst.

Alle Einträge oder Anmerkungen, die von mir gegenüber dem Originaltext ergänzt wurden, habe ich in eckige Klammern ([ ]) gesetzt. Sofern es sich um Originalanmerkungen des Autors handelt oder sie aus einem angeführten Zitat selbst stammen, wurde dies gesondert gekennzeichnet.

Nicht zuletzt möchte ich mich beim Leser im Voraus bedanken, wenn er das Werk mit dem Wohlwollen liest, mit dem es geschrieben und übersetzt wurde und mögliche Fehler nachsieht, die wahrscheinlich trotz aller Sorgfalt immer noch vorhanden sind.

Uwe David, im Juli 2013

Inhaltsverzeichnis

Widmung zur englischen Ausgabe

Danksagung und Anmerkungen zur deutschen Ausgabe

Einleitung

1 Sophia und weibliche Weisheit

2 Von Böhme bis Goethe – Visionen der Sophia im frühen modernen Europa

3 Sophia und die mystische Tradition Russlands

4 Prophetische Visionen der Göttin im 19. und frühen 20. Jahrhundert

5 Schlussbetrachtungen

Anhang Die Zeitalter des Menschen – eine Typologie

Personen- und Sachverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Literaturnachweise

Anmerkungen

Einleitung

Das wissenschaftliche Interesse im relativ neuen Bereich religiöser Studien, die sich der westlichen Esoterik widmen, hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Dazu gehört auch die Beschäftigung mit der Alchimie, der Astrologie, verschiedenen magischen Traditionen, Christlicher Theosophie und einer Vielzahl geheimer oder halbgeheimer Gruppierungen.2 Diese Studie positioniert sich innerhalb dieses Forschungsgebiets und befasst sich insbesondere mit der Art, in der weibliche Bildnisse der Weisheit oder Göttlichkeit in den religiösen und literarischen Überlieferungen Europas angerufen worden sind.

Während die Studien meiner Studentenzeit sich mit der modernen britischen und europäischen Sozialgeschichte befassten, erstreckten sich meine nachfolgenden Forschungsinteressen auf die Religionsgeschichte Südasiens. Somit erfolgten meine aktuellen Analysen der visionären Mystiker Europas auch erst, nachdem ich die südasiatische Perspektive kennengelernt hatte.

Bei der früheren Lektüre europäischer Mystiker schien es mir, dass man die Vorstellung von „einer Göttin, viele Manifestationen“, die in den historischen Studien der Religionen Südasiens akzeptiert ist,3 auch auf einige Aspekte der westlichen religiösen Überlieferung anwenden kann – insbesondere auf esoterische Traditionen, die im jüdischen und christlichen Mystizismus verwurzelt sind. Mit Anerkennung stütze ich mich dabei auf die wegbereitenden Arbeiten der Professorin Barbara Newman in God and the Goddesses: Vision, Poetry, and Belief in the Middle Ages (2003)i sowie der Professoren Peter Schäfer in Mirror of His Beauty: Feminine Images of God from the Bible to the Early Kabbalah (2002)ii und Arthur Versluis in Wisdom’s Children (1999) und Wisdom’s Book (2000)iii.4

Diese Untersuchung ist Teil breiter angelegter Forschungen über das Göttlich-Weibliche, das, wie ich feststelle, ein wiederkehrendes Motiv in der religiösen und spirituellen Literatur einer Vielzahl von Kulturen zu sein scheint. Sehr mitreißend hat Prof. Nikky-Guninder Kaur Singh über dieses Thema in der Tradition der Sikh geschrieben.5 Ähnliche Studien über das Tao existieren in der chinesischen6 und islamischen Tradition7, und die Kabbala hat ihren Platz in der mystischen Überlieferung des Judentums.8

Bei der Suche nach Beschreibungen der vielen Visionen der Göttin habe ich mein Netz weit ausgeworfen und Werke verwendet, die in der Moderne unterschiedlich als religiös, philosophisch und literarisch kategorisiert werden. Es bleibt jedoch für mich die Frage offen, warum einige Autoren der Religionsgeschichte, insbesondere der germanischen Tradition, die Behandlung des Themas nicht auf Texte ausgedehnt haben, die traditionell nicht unbedingt als religiös bezeichnet werden, um z. B. auch literarische Texte einzuschließen. Beispielsweise widmet der deutsche katholische Priester Thomas Schipflinger in seiner ansonsten umfassenden und ausgezeichneten Sophia-Maria: Eine ganzheitliche Vision der Schöpfung (1988)9 jeweils ein Kapitel Jacob Böhme und Gottfried Arnold und macht dabei von den Gedichten des letzteren Gebrauch. Er verzichtet jedoch auf jede Erwähnung ihres Einflusses auf spätere deutsche romantische Schriftsteller wie Hölderlin und Novalis, noch erwähnt er Goethe und das Ewig-Weibliche im Faust. In seinem Kapitel über die russischen Anhänger Sophias bespricht Schipflinger Solowjow und verwendet seine Gedichte. Doch er beschränkt die Diskussion von Solowjows Einfluss auf die späteren russischen Schriftsteller auf die orthodoxen Theologen Bulgakow und Florenski. Die symbolistischen Dichter Bely und Blok werden überhaupt nicht erwähnt.10

Den Begriff Visionen habe ich verwendet, um die göttlichen Erscheinungen zu beschreiben, die in dieser Studie geschildert und besprochen werden, auch wenn andere dafür möglicherweise anderslautende Begriffe wie „Vorstellungen11“, „Träume12“ oder „mystische Erfahrungen13“ verwenden.

Zusammengefasst untersucht diese Arbeit die verschiedenen Arten und Weisen, in der sich eine weibliche göttliche Gestalt – die hier als die Göttin, als Sophia oder auch als das Göttlich-Weibliche beschrieben wird – überall im Lauf der Geschichte und in verschiedenen Erscheinungsformen manifestiert hat, um diejenigen zu leiten und zu ermutigen, die sie anbeten. Dabei wird besonderer Wert auf die Erscheinungen innerhalb der christlichen Tradition Europas gelegt. Schilderungen dieser Visionen tauchen in vielen schriftlichen Berichten der o. g. Kategorien auf und die alle in dieser Studie verwertet worden sind.

Darüber hinaus muss ich mich bei anderen Forschern bedanken, die mir großzügig ihre Ergebnisse zur Verfügung gestellt haben. Dazu gehören insbesondere Kingsley und Ruth Flint aus der Schweiz sowie Dominique Abelard aus Frankreich.

Mein Dank gilt ebenfalls den Wissenschaftlern der Monash University, Australien, mit denen ich studiert habe: Dr. Ian Mabbett, der die Anfänge der Abschlussarbeit beaufsichtigte, Dr. Nathan Wolski, der mich mit der jüdischen Mystik und insbesondere dem Zohar bekanntmachte sowie Privatdozent Prof. Constant Mews, der mich in die Frauenmystik des mittelalterlichen Europas einführte und mit beträchtlicher Geduld die Arbeit begleitet hat, die den Texten dieses Buches zugrunde liegt.

Alle dargestellten Sichtweisen und noch verbliebene Fehler sind natürlich allein meine.

John Noyce

Melbourne, Australien, August 2007

Abb. 1: Die Heilige Dreifaltigkeit (14. Jhd.)

Diese Darstellung stammt aus dem Beginn des neunten Jahrhunderts und befindet sich in der Kirche St. Jakobus im oberbayerischen Urschalling. Das interessante und selten angetroffene Porträt der Dreieinigkeit stellt unmissverständlich den Heiligen Geist als Frau dar und zeigt damit, dass sogar in dieser Zeit die Vorstellung vom Heiligen Geist als dem mütterlichen Prinzip der Dreieinigkeit nicht unbekannt war.

iGott und die Göttinnen: Vorstellung, Dichtung und Glaube im Mittelalter

iiSpiegel Seiner Schönheit: Weibliche Gottesbilder von der Bibel bis zur frühen Kabbala

iiiDie Kinder der Weisheit und Das Buch der Weisheit

1     Sophia und weibliche Weisheit

Obwohl es weltweit viele Studien über die Göttin gibt – in der antiken Welt14 und, in der Tat, in spezifischen geografischen Gebieten wie Indien15 –, existieren verhältnismäßig wenige Studien über sie im Europa jüngerer Zeitperioden.16 In diesem Kapitel gebe ich einen Überblick der Tradition der Weisheit und diskutiere die Erscheinungen einiger christlicher Mystiker des mittelalterlichen Europas.

Im Hebräischen lautet das Wort für Weisheit [iv] (chochmah)[v] im Griechischen σοφία (sophia) und sapientia auf Latein.17 Die erste und bedeutende Erwähnung in den jüdischen Schriften findet man in Buch der Sprüche, das seine letzte Redaktion im sechsten Jahrhundert v. u. Z.[vi] oder vielleicht auch später erfuhr. Im einleitenden Kapitel heißt es:

Die Weisheit ruft laut auf der Straße und lässt ihre Stimme hören auf den Plätzen. Sie ruft im lautesten Getümmel, am Eingang der Tore, sie redet ihre Worte in der Stadt: Wie lange wollt ihr Unverständigen unverständig sein und ihr Spötter Lust zu Spötterei haben und ihr Toren die Erkenntnis hassen (1:20–22)?

Später behauptet sie:

Ich, die Weisheit, wohne bei der Klugheit und weiß guten Rat zu geben (8:12),

und macht deutlich:

Meine Frucht ist besser als Gold und feines Gold, und mein Ertrag besser als erlesenes Silber. Ich wandle auf dem Wege der Gerechtigkeit, mitten auf der Straße des Rechts, dass ich versorge mit Besitz, die mich lieben, und ihre Schatzkammern fülle (8:19–21).[vii]

Im Buch der Sprichwörter wird die Weisheit als Ziel des menschlichen Strebens präsentiert. Doch statt den Fokus auf Rechtsprinzipien zu legen, wie im Buch Baruch, konzentrieren sich die Sprichwörter auf die moralischen Anforderungen, die die Weisheit allen Menschen auferlegt.18

Im späteren Buch Baruch, einer Kompilation biblischer Themen, die Gelehrte auf 200 bis 60 v. u. Z. datieren, spielt die Weisheit darauf an:

Wer stieg zum Himmel hinauf, holte die Weisheit und brachte sie aus den Wolken herab? Wer fuhr über das Meer und entdeckte sie und brachte sie her gegen lauteres Gold? Keiner weiß ihren Weg, niemand kennt ihren Pfad (3:29–31).19, [viii]

Hier wird die Weisheit zur Tora, zum Gesetz Gottes und ist gleichfalls der Träger sozialer Gerechtigkeit, von Stärke und Verständnis.

Das Buch Sirach, auch bekannt als die Weisheit von Jesus Ben Sirach und als Ecclesiasticus,20 wurde von einem ägyptischen Juden in Hebräisch verfasst und von seinem Enkel, Jesus Ben Sirach, ins Griechische übersetzt. In seiner hebräischen Fassung kann man es auf 190 v. Chr.[ix] datieren und es enthält Gedichte und Sprichwörter ähnlich denen im Buch der Sprüche. Hier behauptet die Weisheit:

Ich ging aus dem Mund des Höchsten hervorund wie Nebel umhüllte ich die Erde.Ich wohnte in den Höhen,auf einer Wolkensäule stand mein Thron.Den Kreis des Himmels umschritt ich allein,in der Tiefe des Abgrunds ging ich umher.Über die Fluten des Meeres und über alles Land,über alle Völker und Nationen hatte ich Macht (24:3–6).21, [x]

Während dieser Text mehr als die anderen jüdischen Weisheitstexte das Männliche ins Zentrum rückt, ermöglicht sein starker poetischer Aspekt es der Gestalt der Weisheit, sich über andere Belange des Textes zu erheben.

Die beste Beschreibung der Weisheit in der jüdischen Überlieferung findet sich (aus meiner Sicht) im Buch der Weisheit, das auf Griechisch und im ägyptischen Alexandria im ersten Jahrhundert n. Chr.[xi] geschrieben wurde und in dem die Weisheit hell erstrahlt und niemals verwelkt:

Strahlend und unvergänglich ist die Weisheit;wer sie liebt, erblickt sie schnell,und wer sie sucht, findet sie.Denen, die nach ihr verlangen,gibt sie sich sogleich zu erkennen.Wer sie am frühen Morgen sucht, braucht keine Mühe,er findet sie vor seiner Türe sitzen.Über sie nachzusinnen ist vollkommene Klugheit;wer ihretwegen wacht, wird schnell von Sorge frei.Sie geht selbst umher, um die zu suchen, die ihrer würdig sind;freundlich erscheint sie ihnen auf allen Wegenund kommt jenen entgegen, die an sie denken (6:12–16).22, [xii]

In diesem Text wird die Weisheit in einer Bildersprache porträtiert, die ihrer Natur nach oft eine kosmische ist.

Die englische feministische Historikerin Asphodel Long bemerkte, dass Weisheit immer weiblich ist und hat sie mit anderen alten Manifestationen des Göttlich-Weiblichen verglichen. Dazu gehörte die ägyptische Göttin Isis, deren Verehrung in der römischen Welt weit verbreitet war, die frühere semitische Göttin Astarte (Ishtar), die hellenischen Göttinnen Rhea und Athene und die frühere hebräische Göttin Asherah.23

In der antiken Welt wurde das Göttlich-Weibliche in vielen verschiedenen Formen und häufig als Isis verehrt. Eine der wortgewandtesten überlieferten Beschreibungen von Isis findet man bei dem römischen Schriftsteller Lucius Apuleius in seinem Roman Metamorphosen aus dem zweiten Jahrhundert n. Chr. Darin beschreibt er, wie ihn Isis in einem Traum besuchte und sagte:

Schau! Dein Gebet hat mich gerührt. Ich, Allmutter Natur, Beherrscherin der Elemente, erstgeborenes Kind der Zeit, Höchste der Gottheiten, Königin der Manen, Erste der Himmlischen; ich, die in mir allein die Gestalt aller Götter und Göttinnen vereine, mit einem Wink über des Himmels lichte Gewölbe, die heilsamen Lüfte des Meeres und der Unterwelt klägliche Schatten gebiete. Die alleinige Gottheit, welche unter so mancherlei Gestalt, so verschiedenen Bräuchen und vielerlei Namen der ganze Erdkreis verehrt – denn mich nennen die Erstgeborenen aller Menschen, die Phrygier, pessinuntische Göttermutter – ich heiße den Atheniensern, Kindern ihres eigenen Landes, kekropische Minerva; den eiländischen Kypriern paphische Venus; den pfeilführenden Kretern dictynnische Diana: den dreizüngigen Siziliern stygische Proserpina; den Eleusinern Altgöttin Ceres. Andere nennen mich Juno, andere Bellona, andere Hekate, Rhamnusia andere. Sie aber, welche die aufgehende Sonne mit ihren ersten Strahlen beleuchtet, die Äthiopier, auch die Arier und die Besitzer der ältesten Weisheit, die Ägypter, mit den angemessensten eigensten Gebräuchen mich verehrend, geben meinen wahren Namen mir: Königin Isis.[24]

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass einige in Lucius’ Bericht über die Isis- und Osiris-Kulte im Buch 11 der Metamorphosen – um S. J. Harrison zu zitieren – "eine unterhaltsame Satire auf die religiöse Manie und jugendliche Einfältigkeit“ sehen. Wie dem auch sei – der hier vorgestellte Auszug stellt dennoch eine ausgezeichnete Zusammenfassung der vielen Namen dar, mit denen die weibliche Gottheit in der antiken Welt angebetet wurde.25

In der Nag-Hammadi-Bibliothek der größtenteils koptisch-griechischen Texte aus dem zweiten und möglicherweise dritten Jahrhundert n. Chr. finden wir mehrere Texte, die die Weisheit beschreiben und loben. Einer der bemerkenswertesten ist der über die Dreigestaltige Protennoia, der beginnt:

[Ich] bin die Protennoia,der Gedanke, der da ist im [Vater].[Ich] bin die Bewegung, die da waltet im [All],[und die], in [der] das All Bestand hat,(Ich bin) [die] Erstgeburt unter den Gewordenen,[und die, die] vor dem All da ist,genannt die Dreinamige, weil allein vollkommen.

Ich bin unsichtbar im Denken des Unsichtbaren,und doch bin ich sichtbar in den Unmeßbaren, den Unsagbaren.Ich bin ungreifbar, die ich im Ungreifbaren bin,und doch bin ich umgetrieben in jedem Geschöpf.[26]…Ich bin eine Einzige,da ich unberührt bin.Ich bin die Mutter des Rufes,die ich auf vielerlei Weisen redend das All erfülle.Ja, in mir (allein) liegt Erkenntnis,die Erkenntnis des Unendlichen.Ich bin es, der redet jedem Geschöpf,und ich wurde erkannt durch das All.Ich bin es,der den Ruf erschallen läßt,in den Ohren derer, die mich erkannt haben,die da sind die Kinder des Lichtes. 27, [28]

Im Neuen Testament der christlichen Bibel gibt es wenige Verweise auf die weibliche Weisheit und sicher bestimmt nichts so Abgelegenes wie die Dreigestaltige Protennoia. Erst in den Paulus zugeschriebenen Episteln (der nie wirklich eine der mündlichen Lehren von Jesus gehört hatte) finden wir die Weisheit mit dem gekreuzigten Christus gleichgestellt (1. Kor. 1:24). Insbesondere im Brief an die Kolosser (1:5–20) und an die Hebräer (1:2–3) treten die Eigenschaften der Sophia bzw. Weisheit an die Stelle des Christi von Paulus.29

In den frühen Jahrhunderten der Entwicklung der christlichen Kirche war die Bedeutung von Sophia als Weisheit der Auslöser großer Meinungsverschiedenheiten. Im zweiten Jahrhundert n. Chr. entwickelten die Gnostiker wohldurchdachte Mythologien der Sophia,30 die aber von der Hauptströmung der christlichen Tradition zurückgewiesen wurde. Die meisten frühen christlichen Schriftsteller folgten dem Leitbild des Philon von Alexandria und identifizierten Sophia mit dem Logos[xiii] und so dem Neuen Testament zufolge mit dem Göttlichen in Jesu Christo.31

Im sechsten Jahrhundert n. Chr. wartete Boethius, der führende Philosoph seiner Zeit, gemäß den Anordnungen eines barbarischen Kaisers auf seinen drohenden Foltertod im Gefängnis. In seinem De Consolatione Philosophiae[xiv] präsentiert er die Beschreibung einer Vision:

Während ich solche Gedanken still für mich im Herzen bewegte und meine jammernde Klage mit dem Schreibgriffel aufzeichnete, da erschien mir zu Häupten eine Frauengestalt von ehrfurchtgebietender Hoheit, mit glühenden Augen von so durchdringender Kraft, wie sie sonst den Menschen nicht eigen ist. Frisch war ihre Gesichtsfarbe und unerschöpft ihre Körperkraft, obgleich sie schon ein so langes Leben hinter sich zu haben schien, daß man sie kaum noch unserem Zeitalter zurechnen konnte. Ihre Gestalt war eine wechselnde. Bald nämlich schrumpfte sie auf das gewöhnliche Maß der Menschen zusammen, bald wieder schien sie mit der Höhe des Scheitels die Wolken zu berühren. Hätte sie das Haupt noch höher erhoben, so wäre sie in den Himmel selbst eingedrungen und den Blicken der Menschen entschwunden. Ihre Kleider waren von den dünnsten Fäden, aber aus unverwüstlichem Stoff, mit der feinsten Kunstfertigkeit gewebt und zwar, wie sie mir später erzählte, das Werk ihrer eigenen Hände. Äußerlich zeigten sie indes die Verschossenheit eines vernachlässigten Alters, verwitterten und bestaubten Gemälden vergleichbar.32, [33]

Abb. 2: Lady Philosophy (10. Jhd.)

Nach einem englischen Manuskript von Boethius’ De Consolatione Philosophiae

Für Boethius stellte das Bild Philosophia dar, obwohl einige jüngere Historiker – ohne irgendwelche Beweise für ihre Behauptung zu präsentieren – angenommen haben, dass es eine Vision der Sophia oder von Frau Weisheit[xv] ist. Dies würde als Teil der heutigen Neigung einiger populärer Autoren betrachtet werden müssen, die Vorstellung von Sophia verschiedenen Schriften früherer Jahrhunderte zuzuschreiben.34 Traditionell wird Philosophia eher als eine Verkörperung der Liebe zur Weisheit gesehen, der Boethius sich widmen muss.

Von frühster Kindheit an bis zu ihren letzten Tagen empfing die deutsche christliche Nonne Hildegard von Bingen (1098–1179) Visionen des Göttlichen. Sie interpretierte sie als Visionen des „Lebendigen Lichts“, obwohl sie auch als Visionen der Frau Weisheit oder Sophias gesehen werden können. Diese Visionen bildeten die Basis einer Reihe außergewöhnlicher Bücher, die ihr wiederum eine Plattform für Kommentare zu den Handlungen ihrer geistlichen als auch weltlichen Zeitgenossen zur Verfügung stellten. Zu diesen Büchern gehören Scivias[xvi], Liber Vitae Meritorum[xvii] und Liber Divinorum Operum simplicis Hominis[xviii]. 35 Spät in ihrem Leben hatte Hildegard eine Vision. Hier eine Beschreibung dessen, was aus ihrer Korrespondenz überliefert ist:

Als ich im Jahre 1170 nach der Menschwerdung des Herrn lange Zeit auf dem Krankenbett lag, schaute ich – wach an Körper und Geist – eine überaus schöne Erscheinung, welche die Gestalt einer Frau besaß. Von auserlesener Anmut und liebenswerter Lieblichkeit war sie von solcher Schönheit, daß Menschengeist sie überhaupt nicht zu fassen vermöchte. Ihre Gestalt reichte von der Erde bis zum Himmel. Auch funkelte ihr Antlitz von höchstem Glanz. Mit ihren Augen blickte sie zum Himmel. Sie war auch mit einem strahlenden Gewand aus weißer Seide und mit einem Mantel bekleidet, der mit kostbaren Steinen, wie Smaragd und Saphir, und dazu mit kleinen und großen Perlen geschmückt war. An den Füßen trug sie Schuhe aus Onyx. Aber ihr Antlitz war mit Staub bestreut, ihr Gewand an der rechten Seite zerrissen. Auch hatte der Mantel seine erlesene Schönheit verloren. Und ihre Schuhe waren am oberen Teil schwarz geworden.

Und sie schrie mit lauter klagender Stimme zur Himmelshöhe hinauf und rief: Höre Himmel, daß mein Antlitz besudelt ist, und trauere, Erde, daß mein Kleid zerrissen ist. Erzittere, Abgrund, daß meine Schuhe schwarz geworden sind. „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester“ …, ich aber habe keine Helfer und Tröster, noch einen Stab, auf den ich mich lehnen und stützen könnte.36, [37]

Diese Vision hat einige offensichtliche Ähnlichkeiten zur früheren Vision von Boethius aus dem sechsten Jahrhundert, wobei die Parallelen zwischen den beiden bemerkenswert sind. Für Hildegard wird das Bild zu einer Metapher für Probleme im Zusammenhang mit Sittlichkeit und Bestechlichkeit der weltlichen irdischen Kirche, wie es bereits in ihren Visionen von „Ecclesia“ (z. B. in Scivias 2:3) erwähnt wurde. Für Boethius stellt das Bildnis Philosophia und die Vernachlässigung der Vernunft durch seine Zeitgenossen dar. Obwohl Hildegard sich in ihrem Verständnis göttlicher Weisheit auf biblische Bilder stützt, kann man behaupten, dass ihre Vision von der Erinnerung an eine Beschreibung der früheren Erscheinung von Boethius beeinflusst war.

Abb. 3: Hildegard beim Empfang und der Niederschrift ihrer Visionen

Miniatur aus dem Rupertsberger Codex (ca. 1175) des Liber Scivias Domini

Bestimmt war Boethius’ De Consolatione Philosophiae in deutschen Klöstern verfügbar und Hildegard hätte von seiner Vision gewusst. Und tatsächlich macht Hildegard zwei Verweise im Liber Divinorum Operum simplicis Hominis, die sich auf die Kleidung der Weisheit beziehen und die aufgrund der unreinen Handlungen der Menschen verschmutzt und verwahrlost erscheint. In Sister of Wisdom (1987)[xix] erinnert Barbara Newman Hildegards verwahrloste Sapientia an die „Philosophia von Boethius, deren Robe aufgrund der Uneinigkeit der Philosophen zerrissen ist". Auch mit den Gewändern der Natura in Alain de Lilles (ca. 1117 bis ca. 1202) De Planctu Naturae[xx] kann sie verglichen werden.38

Visionen des Göttlich-Weiblichen als Frau Weisheit oder Sophia waren nicht allein auf jüdische und christliche Überlieferungen beschränkt. Um das zu demonstrieren, wenden wir unsere Aufmerksamkeit jetzt dem großen Sufi-Meister Ibn al-’Arabi (1165–1240) zu.39 Im spanischen Andalusien in eine einflussreiche und gläubige Familie (zwei seiner Onkel waren Sufis) hineingeboren und ausgebildet in Sevilla – damals ein großes Zentrum islamischer Kultur und Gelehrsamkeit –, lernte der junge Ibn al-’Arabi bei vielen Sufi-Meistern. Darunter waren auch die beiden weiblichen Scheichs Shams von Marchena und Fatima von Cordobas, wobei die letztere wie eine Mentorin für ihn war.40 Im Jahr 1200 n. Chr. verließ er aufgrund eines Traums Spanien für immer und erreichte im nächsten Jahr Mekka, wo er beim Umrunden der Kaaba auf Nizam traf, eine begabte junge Frau von großer Schönheit. Er sah sie umgeben von einer himmlischen Aura spirituellen Lichts und erkannte, dass sie eine lebende Verkörperung Sophias, der göttlichen Weisheit war. Vielleicht sollte man anmerken, dass einigen zufolge der eigentliche Begriff (Sufi) aus dem griechischen σφία (sophia) abgeleitet wurde.41 Seine Gedichte zum Lobe Nizams als Manifestation der göttlichen Weisheit zogen zwar den Zorn der moslemischen Orthodoxie auf sich, haben jedoch die Erinnerung an sie verewigt. Eins seiner berühmtesten lautet:

Verwirrt hat sie alle Gelehrten des Islams, jeden Schüler der Psalmen, jeden jüdischen Rabbi und ebenso alle christlichen Priester.

In einem anderen Vers, schreibt Ibn al-’Arabi:

Nur an sie zu denken, verletzt schon ihre Subtilität. Wenn das so ist, wie kann sie durch ein so plumpes Organ wie das Auge richtig erkannt werden? Ihr flüchtiges Wunder entzieht sich dem Gedanken und sie existiert jenseits des sichtbaren Spektrums.42, [xxi]

Ungefähr achtzig Jahre später wird Ibn al-’Arabis Erfahrung von einem christlichen Dichter, dem Italiener Dante Alighieri (1265–1321) wieder aufgegriffen.43

Obwohl Dante die junge Beatrice Portinari (1265–1290) im jungen Alter von neun Jahren nur flüchtig erblickt, wurde sie zu seiner Manifestation der weiblichen Weisheit. Zuerst im Vita Nuova[xxii], geschrieben Anfang der 1290er Jahre und dann, mit Virgil voran und gefolgt von Bernard von Clairvaux, ist Beatrice in seiner großen Divina Commedia[xxiii] eine der drei Führer auf Dantes spiritueller Reise. Im 30. Paradiso-Gesang spricht Beatrice mit Dante, als sie am Eingang zum Himmel stehen:

Sprach sie, mit Ton, Gebärd’ und AngesichteEifrigen Führers froh zu mir: Du bistGelangt zum Himmel nun von reinem Lichte,

Von geist’gem Licht, das nur ein Lieben ist,Ein Lieben jenes Gut’s, des ewig wahren,Von Luft, mit der kein Erdenglück sich mißt.

Du siehst hier beide HimmelskriegerscharenUnd siehst die ein’ in dem Gewande heut,Wie du sie wirst beim Weltgericht gewahren (30:37–44).[44]

Zusätzlich zu den Vergleichen mit Ibn al-’Arabis Nizam haben einige Autoren auch den Einfluss von Boethius’ Philosophia auf Dante entdeckt.45

Abb. 4: Dante und Beatrice (nach 1480)

Darstellung aus dem Paradiso-Gesang der Divina CommediaFeder auf Pergament von Sandro Botticelli (1444–1510)[46]

Auch eine Verflechtung der jüdischen und christlichen mystischen Überlieferungen ist hier von Interesse. In seinem Mirror of His Beauty