Die Traumweber - Edith Maria Ascher - E-Book
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Die Traumweber E-Book

Edith Maria Ascher

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Beschreibung

Passau – Stadt der drei Flüsse. Merkwürdige Ereignisse begleiten das Leben von Beth. All die zufälligen Begegnungen sind Vorboten einer Reise, die sie in die Welt der Danú führt. Zu einem Volk, das in Aufruhr ist. Misstrauen statt Offenheit. Ängste statt Träume. Der Wind erzählt von Krieg; es ist der Krieg zwischen zwei Brüdern. Ein Narr, eine Eremitin, ein Traumweber begegnen Beth. Und ein Wesen, das bisher in ihr geschlummert hat.

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Inahltsverzeichnis

Verschlungene Zeichen 

Blutspuren 

Die Eremitin 

Die Narren 

Nara 

Schwur der Dämonen 

Peggs Höhle 

Herbstdunst 

Aufbruch 

Liederwald 

Angriff 

Entscheidung 

Gewitterschwüle 

Nordwind 

Verführung 

Illusionen 

Lebensstränge 

Nachtmahre 

Höhlenzuflucht 

Geisterflieger 

Realitäten? 

Blendwerk 

Fledermaus 

Schauer 

Herbststurm 

Im Dickicht 

Die Brücke 

Sarmena 

Der Schwur 

Todesflüstern 

Kriegsdonnern 

Kapitulation 

Heimat 

Schwebende Priester 

Totentanz 

Zerfall 

Ilomer 

Das Dorf der Esche 

Epilog 

Personen 

Danksagung 

 

 

 

1. Auflage 2021 

 

© 2021 ISEGRIM VERLAG 

in der Spielberg Verlag GmbH, Neumarkt 

Covergestaltung: Ria Raven www.riaraven.de 

Coverillustrationen: © shutterstock.com 

Printed in Germany 

Alle Rechte vorbehalten 

 

ISBN: 978-3-95452-113-5 

 

www.isegrim-buecher.de 

 

 

 

Edith Maria Ascher, lebt mit ihrer Familie in Landshut. Sie arbeitet als freischaffende Künstlerin und Schriftstellerin. In ihren Bildern und Büchern findet sich ihre Liebe zu Mythen und Legenden. Ascher erhielt Auszeichnungen in Schreibwettbewerben und ist in mehreren Anthologien vertreten. Unter ihrem Autorennamen E.M. Ascher hat sie eine High-Fantasy-Saga und ein Buch mit Landshuter Kurzgeschichten veröffentlicht. Sie ist Mitglied im Schriftstellerverband Ostbayern.

 

Nähere Informationen unter: www.e-m-ascher.de

›Ihr weißen Menschen verlangt von uns, dass wir die Erde pflügen, dass wir Gras schneiden und daraus Heu machen und es verkaufen, damit wir reich werden.

Ihr weißen Männer kennt nur Arbeit.

Ich will nicht, dass meine jungen Männer euch gleich werden.

Menschen, die immer nur arbeiten, haben keine Zeit zum Träumen,

und nur wer Zeit zum Träumen hat, findet Weisheit.‹

Smohalla 

Wanapum Indianer, Nordamerika 

Medizinmann, Prophet und Gründer 

der Träumer-Religion 

»Träume sind wirklicher, als das Leben«, gab Pegg eine seiner unergründlichen Weisheiten von sich, nachdem der Schmerz ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Dann streichelte er tröstend über seine Hand und ergänzte, mit leichtem Bedauern in der Stimme: »Ratte war nur Traum. Schade! Ratten schmecken lecker.«

Andez lachte auf. Er liebte diesen kleinen Traumweber.

Verschlungene Zeichen 

Schon immer hatte sie Spinnen gemocht. Diese filigranen Wesen, die Himmel und Erde verbanden, feine Feenfäden der Luft übergaben, vollendete Kunstwerke erschufen. Die Hände über dem Bauch verschränkt, beobachtete Beth versonnen den schwarzen Spinnenkörper, der emsig über die Decke ihres Schlafzimmers kroch. Verabschiedete dabei die Gedanken an ihre Arbeit, an Pläne, unbeantwortete Mails. Nur langsam legte sich das Schweigen der Nacht über die Stadt. Ein unehrliches Schweigen, denn immer noch erzählten ferne Motorengeräusche von Menschen, die nicht schliefen, von einer Welt, die nie ruhte. Hatte sie je wahre Stille erlebt? Je wahre Dunkelheit? Den Sternenhimmel in all seiner Tiefe? Ihre Gedanken flogen nach Schottland, in die Highlands, in die weite Moorlandschaft südlich von Durness. In ihrem nächsten Urlaub wollte sie dorthin zurückkehren. Nachsehen. Nachlauschen. Die Spinne hatte sich zur Ruhe begeben. So löschte auch Beth das Licht, meinte dabei das Lächeln der Spinne zu hören, den Gesang ihres Daseins. Merkwürdig war diese Wahrnehmung. Mit vagen Gedanken an ein verwobenes Netz schlief sie ein.

Und dann träumte Beth. Träumte, dass sie wanderte, am Rande eines ewigen Flusses. Fahl lag das Licht des Herbstes darüber. Vertrautes grünes Geplätscher. Leise Gesänge darin. Dann ein neues Bild: eine Quelle. Kühl und lebendig sprudelte sie aus ihrem Mund. Die Träumende wunderte sich, denn sie wusste, dass sie träumte. Das Gefühl war so eindringlich, dass Beth erwachte. Kurz dachte sie über das Geträumte nach, schlief darüber wieder ein.

Erneut ein Fluss. Fallende Blätter über dem Wasser. Beths Traumaugen folgten ihrem kreisenden Tanz. Welke Kinder einer Platane, trudelnd ergaben sie sich ihrem Los. Lange begleitete Beth den Fluss, bis eine warme Berührung sie innehalten ließ. Ihr Traumwesen blieb stehen, hielt sein Gesicht in den zarten Sonnenstrahl, meinte zu lächeln und sah sich um. So entdeckte sie es: Ein kleines Ding, das zwischen welken Vorboten des Winters glänzte. Sie hob es auf, trat aus dem Schatten des gewaltigen Baumes, betrachtete ihr Fundstück genauer. Ein ovaler Holzkern, glatt und rotbraun wie eine Kastanie, darauf verschwommene Zeichen. Ihr Daumen liebkoste die vertraute Kostbarkeit, die Zeichen antworteten ihr und enthüllten das Symbol. Beth kannte es gut: der verschlungene Baum. Eine Turmuhr schlug. Tiefe Töne, die sie mahnten. Eine Glocke? Ihr Herz? Das Echo verklang, schuf Raum für neue Klänge. Musik war zu hören. Eine Klarinette! Seit jeher begleiteten diese Töne ihr Leben, tauchten auf und ließen sich nicht fangen. Wie ein silberner Fisch des Inns.

Beth folgte der Melodie. So lange hatte sie den Klarinettenspieler gesucht. Immer wieder. Doch nie war er zu finden gewesen. Nur die Musik war geblieben. Und nun saß er dort, wie ein Spuk. Direkt gegenüber ihrer Wohnung, unterhalb des Kinderheimes. Am Rande der Skulptur, des Sterntalermädchens. Wie immer betrachtete Beth die Figur scheu, das Kinderheim dahinter. Das Waisenkind wirkte einsam, traurig. Doch es verhieß auch Hoffnung: Einst würden Sterne auf es herabfallen.

Der Mann spielte eine unbekannte Weise. Zauberhaft. Melancholisch. Grober Wollstoff umhüllte seinen Körper. Ein Bettler? Vor seinen Füßen stand eine kleine Tonschale. Stolz saß er auf dem Sockel der Statue. Beth ging gebannt näher, angezogen von diesem Menschen, dessen Ausstrahlung, dessen Musik sie lockte, berührt von einer Kraft, die sie nicht benennen konnte. Und plötzlich sah er auf, lächelte ihr zu. Sein Blick: Das Strahlen eines Sternes. ›Komm, verlasse dein Haus, trete ins Licht!‹, sagte eine Stimme. Beths Herz nickte, denn die Stimme war ihr vertraut, sie begleitete viele ihrer Träume.

Ohne Zögern nahm Beth den ovalen Holzkern und warf ihn in die Schale des Mannes. Dann wollte sie gehen, der Begegnung fliehen, doch der Mann sprang auf. Er war groß, überragte sie um einen ganzen Kopf. Ihr Geschenk hielt er in der Hand.

»Hab keine Angst, Beth! Was du wahrhaft suchst, wartet bereits auf dich!« Er sagte es klar und deutlich.

Plötzlich änderte sich die Umgebung. ›Trete ins Licht‹, hatte die Stimme gesagt, doch es wurde dunkler. Der Mann nahm ihre Hand und führte sie entlang des nächtlichen Inns. Weiter über den Fluss, die Treppe hinauf, hin zur Aussichtsplattform über ihrer Heimatstadt Passau.

»Wer sind Sie? Was wollen Sie?« Beth bekam Angst, begann sich gegen den festen Griff seiner Hand zu wehren.

»Du gabst mir Fährgeld«, sagte der Mann und betrachtete sie aufmerksam. Lebhafte Augen in einem faltendurchfurchten Gesicht.

»Fährgeld? Nein, es ist …«

»Der Fährmann hat einen Auftrag, ein Ziel: denjenigen zu befördern, der den Wunsch hat.«

»Befördern?«, fragte sie schwach.

Beth wollte um Hilfe rufen. Sie hielt inne, als er das mandelförmige Holz nahm, darüber streichelte und auf ihren Hals deutete. Auf ihr Holzamulett. Erstarrt beobachtete sie, wie er danach den Kopf senkte, die Augen schloss, dabei ausatmete. Sein darauf folgendes Einatmen war das Luftholen eines Sturmes. Es brachte die Luft in Bewegung, wurde dichter, schneller. Der Wind riss Staubteilchen und Blätter mit sich, wurde zum heulenden Wirbel. In kürzester Zeit drehte sich eine Windhose, direkt vor dem Fährmann; rasend schoss sie nach oben und zog die Sterne in ihren Schlund. Der Fährmann hatte eine Lichtsäule erschaffen. Beth wollte fliehen, doch der Sog war zu stark. Er verschlang sie, umhüllte sie mit Licht. Und trug sie mit sich.

Blutspuren 

Es werden immer mehr … Herr. Teor hat ein Heer um sich versammelt! Er hat ihnen Waffen gegeben und er hat sie gelehrt zu kämpfen. Kein Vergleich zu unseren lächerlichen Versuchen.«

Der Regent antwortete lange nicht. Plötzlich ließ er seine Faust auf den Tisch niederfahren. Eine völlig unerwartete Reaktion Sarmons, eines Mannes, der stets so beherrscht, fast entrückt wirkte. Es brachte den Krug zum Umstürzen und der Inhalt lief dem Tischrand entgegen. Unaufhaltsam. Eine zähflüssige Mischung: Wein gemischt mit Rauschpilzen, tiefrot, beinahe schwarz. Schaudernd verfolgte Andez dieses Geschehen. Blut kroch über den Tisch, floss auseinander, schuf Muster. Eine Landschaft entstand, Andez erkannte den Fluss, die Hügel. Dabei entdeckte er den Marder, der gierig die Holzdielen des Bodens sauber schleckte. Dieses Tier war nicht normal! Wer hatte je von einem Marder gehört, der sich ohne Scheu einem Menschen anschloss?

Mit singender Stimme hob Sarmon an. »Eure Stärke liegt nicht im Kampf.«

»Herr! Noch nie erlebten wir solch eine Unruhe. Teors Macht wächst bedrohlich! Zwar betont er, einzig den Quarzbrunnen mit seinen Soldaten schützen zu wollen, aber ich fürchte, er will mehr! Außerdem, Herr: Ihr stellt den Machtanspruch eures Bruders in Frage, er wird das nicht länger dulden, er darf das nicht dulden. Teor wird uns angreifen. Ich bin mir dessen sicher! Und wir? Wir haben dem nichts entgegenzusetzen!«

»Traust du mir nicht mehr, Andez?«

Andez hatte den warnenden Unterton bemerkt, so erwiderte er schnell: »Ihr seid unsere Hoffnung und Kraft.«

»Das bin ich! Ich bin der Brunnen, ich bin die Quelle des Lichtes! Teor? Er vernimmt die Lieder nicht mehr. Was er auch vorhat, er wird an uns scheitern. Er ist nicht gesegnet, verstehst du, Andez? Der Quarzbrunnen, unsere heiligste Quelle hat mich zum Hüter berufen. Ich alleine bin der Gesegnete! Meine Liebe und meine Kraft gilt meinem Volk! Verstehst du? Ich bin bei euch! Die Quelle ist bei euch!« Sarmon hob den Marder auf, streichelte über dessen rotbraunes Fell, ließ den buschigen Schwanz durch seine Hand gleiten. Nach einer Zeit stillen Nachdenkens, sah er auf. »Er ist mein Bruder geworden, mein wahrer Zwilling.«

Sarmon schenkte seinem Marder einen liebevollen Blick und Andez verstand, wen er meinte.

»Und er hat zu mir gesprochen, verstehst du? Und was meinst du, was er mir zuflüstert?« Sarmon lächelte milde. »Er sagt, es ist Zeit für dich, Andez. Er sagt, er hat genug von deinen Mahnungen. Damals, als er dich erwählte, wollte er mir einen Ratgeber an die Seite stellen, kein ängstliches Orakel. Keinen, der meine Kraft anzweifelt.« Der Regent wandte sich ab, trat ans Fenster seines kleinen Studierzimmers. Sein kahler Kopf glänzte in der Herbstsonne. Dunkle Tätowierungen umkreisten schlangenförmig die bleiche Form seines Schädels: Zeichen der Quelle, deren Kraft und Weisheit er für sich beanspruchte. Als flauschiger Kragen wand sich der Marder um seinen Hals. »Ja, seine Wahl fiel auf dich und nun entlasse ich dich wieder aus meinen Diensten. Ich brauche keine Ratschläge mehr, von niemandem. Ich selbst bin die Quelle der Weisheit.«

Andez nickte, er war nicht überrascht. Eher erleichtert. Damals, als dieses abartige Tier ihn berufen hatte, war er stolz gewesen, hatte gehofft, etwas bewirken zu können. Mittlerweile litt er unter diesem Dienst.

Sarmon wandte sich ihm noch einmal zu. Seine Miene änderte sich, ein seltsames Geschehen, das dem Wandel von einem Raubtier zu einer meditierenden Eule glich. »Wir haben eine heilige Aufgabe«, fuhr der Regent fort. »Für unser Land, für unsere Welt. Für die Ursprünge unseres Seins! Für das Licht, das mir geschenkt wurde, euch den Weg zu weisen.«

»Dass wir unserer Aufgabe folgen müssen, ist mir bewusst, Herr«, erwiderte Andez. »Doch ist der Weg, den unser Volk eingeschlagen hat, noch der richtige?«

Der Regent schwieg zunächst, musterte ihn. Dann antwortete er unbeeindruckt. »Folgt mir, lasst euch von mir segnen. Auch den Weihe-Ort benötigt ihr nicht mehr, denn ich bin die Quelle! Ich führe euch ins Heil.« Lächelnd widmete sich Sarmon wieder seinem Marder.

Andez wagte nicht zu widersprechen. Stoisch blieb er stehen und wartete ab. Sarmon hatte ihn noch nicht entlassen. Die Erklärungen des Regenten kannte er genau, hatte vorher schon geahnt, was er antworten würde. Die immer gleichen Aussagen Sarmons wirbelten wie Mücken durch seinen Geist. Außerdem war er sich bewusst, dass er mit seiner letzten Frage genug gewagt hatte. Sarmon war so und so würde er bleiben. Nicht bereit, Kritik anzunehmen, sie überhaupt zu hören. Sie berührte ihn einfach nicht. Oder täuschte er sich in Sarmon? Hatte der Regent recht und er selbst irrte? Sollte er seine Zweifel an ihm nicht endlich zur Seite schieben und Sarmon einfach nur vertrauen. So wie viele es taten? Welchem Geist wollte er folgen?, grübelte Andez weiter. Wie hatte sein Volk nur in diese Lage kommen können? Warum hatten die Brüder, Sarmon und Teor, eine derartige Macht erlangt? Ihre Mutter Acca war anders gewesen. Auch sie war Hüterin der Quelle, doch wie alle Hüter vor ihr, war sie eine geistige Begleiterin gewesen, keine Herrscherin. Vier Kinder waren ihr geschenkt worden, drei Jungen, ein Mädchen. Erst die Zwillinge, Teor und Sarmon. Sarmon, ihr Regent, der Mann der hier vor ihm stand und mit dem rätselhaften Lächeln einer Sphinx den Kopf eines Marders kraulte. Einem Tier, das wie ein altes Kleidungsstück über seiner Schulter hing. Schleichend hatte er sich zum Herrscher eines Volkes erhoben, war von ihnen dazu gemacht worden. Auch das Verhalten seines Bruders hatte dazu beigetragen. Als Teor sich vor dreißig Jahren der Quarzquelle bemächtigte und anfing seine Burg darüber zu errichten, hatte Sarmon die Empörten um sich gesammelt. Sarmena wurde gebaut, Tagesreisen von Teors Stadt Nabfels entfernt. Die Stadt und ihr Regent Sarmon wurden Halt in einer Welt, die zusehends aus den Fugen geriet. Deswegen wollten seine Anhänger ihm glauben, deswegen ließen sie es zu, dass er sich zur Quelle erhob. Sie mussten ihm glauben, denn Teors Verhalten war eines Hüters nicht würdig gewesen. Sein Frevel war ungeheuerlich! Er hatte das Volk von ihrem heiligsten Ort getrennt, dem Quarzbrunnen. Erst das Ritual, die Wasserweihe an diesem heiligen Ort, ließ sie zu Traumwebern werden. Und nun vollzog Teor die Weihe nach seinem Gutdünken. Doch war Teor wirklich ein Lügner? Und Sarmon? Trug er wirklich die Quelle in sich? Ihr Licht? Ihren Segen?

Sarmon und Teor: Beide waren sie Kinder Accas. Eineiige Zwillinge, in ewiger Feindschaft verbunden. Zwei Machtbesessene?, sinnierte Andez weiter. Ob nur Besessenen die Gunst des Schicksals zuteil wurde? Oder beeindruckte die Götter gar dieses ehrgeizige Streben nach Herrschaft? Es wurde erzählt, dass sie schon als Kinder die Anwesenheit des anderen nicht ertragen konnten. Andez hatte ihre Mutter Acca nie gesehen, nur von ihr gehört. Sie sei eine weise Frau, gewesen, hieß es. Eine Frau, die alles getan hatte, um das Vermächtnis ihres Volkes zu erhalten. Hatte sie den Zwillingen wirklich den Quarzbrunnen anvertraut? Sie zu seinen Hütern ernannt?

Fünf Jahre nach den Zwillingen war Imber zur Welt gekommen. Der Stille. In seiner Zurückhaltung gefangen und als junger Mann verschwunden. Die späte Geburt einer Tochter hatte Accas Leben gefordert, ebenso das des Kindes. Der Vater, Helder, war kurz darauf gestorben.

Andez seufzte, es war mittlerweile ohne Bedeutung. Sein Volk, die Danú, hatten die Zwillinge gewähren lassen. Und nun? Nun war es zu spät, etwas zu ändern. Das Volk war ebenso gespalten wie die Brüder. In den drei Jahrzehnten ihrer Macht hatten die Danú sich verändert. Sie hatten ihre Ungebundenheit verloren. Ließen sich führen von zwei Männern, von denen jeder behauptete, der Hüter zu sein und die Wahrheit zu verkünden. Von denen jeder nur seine Auserwählten mit dem Licht der Quelle weihte. Das Volk wurde beherrscht von Feindseligkeiten und von Ängsten, die sie immer weiter von ihrem Ursprung entfernten.

 

Den Marder streichelnd, hatte sich Sarmon vor ihm aufgebaut. Gekleidet in ein hellblaues, langes Gewand, darüber das brokatverzierte Brustschild mit dem Zeichen des verschlungenen Baumes. Sarmons Wangen stachen wie Schilde aus seinem bleichen Gesicht. Lichtscheue Haut gespannt über markant hervorstehenden Knochen. Täglich ließ er sich Kopfhaut und Augenbrauen scheren. Nein, ihr Regent war wahrhaftig keine Schönheit. Er glich einem Phantom mit der kühlen Stimme eines gefallenen Engels. Sarmon blieb ihm ein Rätsel.

»Willst du weiter nur stieren? Euer Hang zum Träumen wird dich, wird uns alle noch das Leben kosten!«, sagte Sarmon mit einer Stimme, die sich wieder den Misstönen seines Marders annäherte.

»Das Träumen, das Nähren der Lichter war es, das ich gelernt habe, mein Regent.«

»Geh und lass uns allein, Traumweber.«

Ein letztes Mal betrachtete Andez den Wandel. Hatte Sarmon eben seinem Marder geähnelt, undurchschaubar und ein wenig lauernd, näherte er sich nun wieder der Eule an. Geheimnisumwittert und weise. Dann traten die Wachen ein. Mit einem deutlichen Schlag schloss sich die Tür des kleinen Zimmers hinter Andez. Die Gespräche mit Sarmon zermürbten ihn. Doch es war vorbei! Andez atmete erleichtert durch. Es würde andere Wege geben. Zunächst sehnte er sich nach der Ruhe des kleinen Innenhofes. Dieser versteckte, verwilderte Platz war ihm ein Hort in all dem Aufruhr, in der Verkommenheit der Gefühle und des Umgangs geworden. Seine Zuflucht.

 

Geräusche schreckten seine Gedanken: Menschengebrüll, das Gilfen eines Tieres.

»Was …?«

»Was?«, äffte der Schlächter ihn nach, sah auf und sagte höhnisch: »Der Erwählte des Marderorakels! Sieh an.« Dann wies er grimmig auf das verängstigt quiekende Schwein. Es hatte sich in eine Ecke des kleinen Hofes gedrängt. »Nicht zuschauen, sondern helfen. Das Vieh wehrt sich.«

»Warum? Warum hier?«, stammelte Andez.

»Es ist entwischt.«

»Du tötest!«

»Ich töte ständig.«

»Du tötest den Ort!«

»Den Ort!«, äffte der Schlächter ihn nach und lachte laut auf. Einem plötzlichen Einfall folgend, stapfte er auf Andez zu, nutzte seine Verwirrung, entriss ihm sein Wurfmesser und schleuderte es mit einer eleganten Bewegung in Richtung des Wildschweines. Mit einem Schrei brach dieses auf dem Steinboden zusammen.

Andez wartete nicht. Er wandte sich ab und ging. Erst später dachte er an das Messer, daran, dass auch er bald töten würde. Die Verhandlungen mit Teor waren gescheitert. Er und viele seines Volks standen in einem Versprechen. Sie hatten geschworen, Sarmon zu folgen und ihm gegen seinen Bruder beizustehen. In der Hoffnung auf gütliche Einigung hatten sie es damals getan. Doch die Zeit war verstrichen, so wie die Hoffnung verwelkt war. Er würde lernen müssen, zu töten.

 

Der nächste Morgen war klar. Andez wollte seine Schwester aufsuchen. Wie viele Danú, war sie Sarmons magischem Ruf gefolgt und lebte inzwischen in der Stadt. Einstöckige, schnell errichtete Lehmhäuser kauerten um den Palast Sarmons, kletterten über eine Hügelkuppe, krochen durch ein Tal. Ihr Land bot Platz. Eine endlose Landschaft aus unberührten Wäldern, Hügeln und Bergen. Es war ein träumendes Land, ein Land der Geister und Lieder. Teor und Sarmon schworen beide, es schützen zu wollen.

Er fand Xera nach längerem Suchen. Still beobachtete sie die Waffenübung zweier Männer. Sie war nicht die Einzige, der Platz war groß. Andez ließ sich neben ihr nieder, auf einer der vielen Bänke. Er fühlte sich geborgen in ihrer Nähe. Xera küsste liebevoll seine Stirn und wandte sich wieder den Kämpfern zu.

»Er hat mich aus seinen Diensten entlassen.«

Xera nahm es kommentarlos hin und wies auf die Kämpfer. »Dazu sind wir nicht geboren, Bruder, nicht dazu bestimmt.«

»Wahrhaftig nicht, Xera.«

»Ich habe heute einen Hund getötet. Er war krank. Und ich? Andez, ich wollte … ich musste es tun. Ich will lernen!«

Es war nicht das erste Mal, dass seine Schwester seine Gedanken spiegelte. Dass sie tat, was er tun wollte.

Xera hob die Hände, zeigte sie ihm. Sie waren immer noch blutig. »Und nun werde ich lernen zu kämpfen, richtig zu kämpfen, Andez. Ohne Zögern, ohne Scheu!«

Er nahm ihre Hände, küsste sie. Verabschiedete die Seele des Hundes. »Ich fürchte mich, Xera.«

»Diese Welt, diese Zeit, Bruder, sind unser Schicksal.«

»Ich fürchte um unsere Welt! Ich fürchte Teors versteckte Absichten. Und ich fürchte Sarmons Schwäche. Den Tod fürchte ich nicht, Xera. Wirklich nicht.«

Unvermittelt erhob sich seine Schwester, deutete ihm mit einer Kopfbewegung, ihr zu folgen. Entschlossen schritt sie voran. Ein drahtiger Körper, gehüllt in Männerkleidung, anders als früher. Praktische Kleidung, Hemd über Hose, Gürtel, Dolch. Das einzige Zugeständnis an ihren Ursprung: Ein buntes Band im schwarzen, geflochtenen Haar; dessen Enden tanzten im Takt ihres Schrittes. Andez dagegen hatte alles abgelegt, was ihn erinnerte. Ohne Zaudern hatte er das Gewand der Kämpfer angezogen. Dunkle Hose und dunkles Hemd. Sein ebenfalls schwarzes Haar ließ ihn düster erscheinen, so düster wie er sich fühlte.

Sie hatte eine verschwiegene Ecke gefunden, Xera sah sich wachsam um und flüsterte: »Mutter hat es vorausgesehen. Schon lange.«

»Was?«

»Sie hat es mir erzählt. Sie träumte es, damals, als das Gift noch nicht in den Köpfen und Leibern lebendig war. Als wir noch nicht von Krieg und Kampf redeten. Als unsere Welt noch heil war.«

»Was hat sie geträumt?«

»Von Krankheit. Sie kam als böser Wind, nistete sich in den Bäuchen der Frauen ein. Von einem blutroten Fluss, der die Herzen der Welt überschwemmt. Von Worten, die zu Gift werden. Und von Worten, die heilen können. Andez, ich habe ebenfalls Angst. Nicht vor dem Kampf, nicht vor dem Tod. Sondern vor den Lebenden. Auf beiden Seiten. Die Krankheit nistet in den Bäuchen der Frauen! Du weißt, was in Nabfels geschieht? Geburten ohne Vereinigung, Schwangerschaften, die fünf Monate dauern, Kinder, die in wenigen Jahren erwachsen werden! Trotzdem, wer sagt uns, dass wir auf der richtigen Seite stehen? Sieh uns doch an. Waren wir so? Wollten wir je so sein? Nein! Es kam schleichend, deswegen haben wir uns nicht gewehrt. Wir vergessen unsere Ursprünge, Bruder. Unsere Kinder wachsen in falsche Werte hinein. Andere Mächte regieren. Lenken unser Schicksal. Töten unsere Welt.«

»Was rätst du mir?«

»Wozu drängt es dich?«

»Aufzubrechen!«, erwiderte Andez spontan.

Xera nickte. »Ja, Andez! Lass dich führen, folge deinen Impulsen! Und dies, bevor unsere Welt in den Schatten versinkt. Unsere, und diejenige, die uns verbunden ist. Flieh dem Gespinst, das dich umgibt, Andez. Es ist wahrhaftig Zeit für dich, aufzubrechen.«

Da er nicht antwortete, wie so oft schwieg, lächelte sie ihm zu und sein Gesicht klärte sich. »Ich weiß, Xera. Ich spüre es schon länger.«

»Gib acht auf dich, Bruder. Nimm meinen Dolch. Sieh her!« Xera zog ihn aus dem Schaft und wies auf den Glasstein des Griffes. »Kristallisiertes Lebensblut unserer Mutter, Andez. Es wird dich schützen!«

»Vaters Dolch«, flüstere Andez. »Ihr Blutstein hat ihn nicht geschützt.«

»Du weißt, warum ich ihn habe. Eigentlich wollte sie ihn dir … nimm ihn endlich!« Xera küsste den Griff. »Er trägt auch meine Liebe, mein Herzblut, Andez.«

Andez nahm ihn ehrfürchtig.

»Der Regent hat dich freigegeben. Das Leben will dich neue Wege führen! Vertraust du mir?«

»Völlig.«

»Und dir?«

Er antwortete nicht, Xera packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn. »Zum Donner, Andez!«

»Ich werde es versuchen.« Andez verabschiedete sich mit einem Kuss auf ihre Stirn.

»Geh! Und gib auf dich acht. Du musst Vater nichts beweisen, hörst du?«

»Ich werde achtsam sein, Xera! Auf alles!«

»Mein weiser Bruder!« Xera lächelte, berührte ihre Stirn, ihre Lippen und legte ihren Segen in den Wind. Damit er ihren Bruder auf Flügeln trüge.

Die Eremitin 

Das Brausen glich immer noch einem gewaltigen Sturm. Beth fuhr in die Höhe. Fassungslos starrte sie auf die strömenden Fluten. Ein Fluss schoss wild über gewaltige Kiesel, fing sich an abgerissenen Stämmen, brauste über Inseln.

Wo bin ich? Verwirrt sah Beth sich um. Schroffe Felskanten an ihrer Seite, Wasser rann aus dem Fels. Schimmernde Flecken am Boden, die das blasse Licht des Vollmondes spiegelten. Sie kniete in einer kleinen Höhle. Neben ihr lag eine Wolldecke. Verstört stemmte Beth sich hoch, schöpfte Wasser aus dem Becken der Quelle, benetzte ihr Gesicht mit der eisigen Frische, versuchte zu sich zu finden, bemühte sich erneut, ihren Aufenthaltsort genauer auszumachen. Wildnis, Gestrüpp, keine Anzeichen von Menschen oder irgendeiner Zivilisation. Zögernd berührte Beth den harten Stein, spürte den kühlen Wasserdunst im Gesicht und langsam wurde ihr klar: Das war kein Traum! Sie war wach. Sie befand sich in einer Höhle, an einem Fluss. In einer völlig unbekannten Umgebung. Der Fährmann fiel ihr ein. Und plötzlich erinnerte sie sich: an den Sog, an das wirbelnde Licht.

Als der Mond hinter dem schwarzen Laub der Bäume verschwand, zog Beth sich in die Einbuchtung des steinigen Hügels zurück. Schaudernd hüllte sie sich in die Decke.

 

Erste Vogelstimmen begrüßten die Dämmerung. Beth erwachte verwirrt aus dem Schlaf, zitternd vor Kälte und unter der Nachwirkung des Schocks. Unentschlossen stand sie auf, atmete mehrmals tief durch und begann vage zu akzeptieren, was ihr völlig abwegig vorkam: Der Fährmann hatte sie hierher gebracht. Als Lohn für das Holzstück. Durch eine Art lichten Sturmtunnel. »Das gibt es doch nicht. Das ist vollkommen irre«, murmelte Beth, verließ das Felsloch und betrachtete die fremde Umgebung im Licht des werdenden Tages. Schließlich lief sie konfus ein Stück am Fluss entlang, stolperte über Wurzeln, kletterte über Felsbrocken, blieb wieder stehen. Hatte sie den Verstand verloren? Hatte dieser Mann sie niedergeschlagen und entführt? Sie hier zurückgelassen? War er noch irgendwo? Ängstlich sah Beth sich um. Sie war allein. Wirklich? Ein Gedanke tauchte auf – panisch betastete sie ihre Kleidung, ihre Haut, bemerkte bestürzt, dass sie noch ihren Flanell-Schlafanzug trug. Hatte er sie betäubt? Vergewaltigt? Nein, sie würde es spüren. Oder doch nicht? Ich muss hier weg, dachte Beth, ich brauche Hilfe!

 

Der Marsch über den verwachsenen Pfad war eine Tortur. Eigentlich liebte Beth das Wandern. Dieser Wald jedoch war anders als alles, was sie je gesehen hatte. Er ertrank in Leben. Das Grün wuchs in verschlungenen Schichten, unbemerkt erhob es sich aus dunklen Tiefen des Waldbodens, wucherte moosig über tote Stämme, entfaltete sich in einem unüberschaubaren Gewirr von Pflanzen und Farnen, strebte mit den Baumstämmen in die Höhe und vereinte sich dort mit dem fernen Himmel zu einer sonnendurchfluteten Kuppel. Der Wald schien vollkommen seinem üppigen Wildwuchs überlassen. Einzig der Trampelpfad erzählte von anderen Wesen. Von Menschen? Ungerührt huschten Tiere durch das Gestrüpp: Echsen, gestreifte Baumhörnchen, die Beth noch nie gesehen hatte, sogar Affen. Vogelschwärme rauschten in verborgenen Höhen über den Himmel, ihr feines Zwitschern schwoll an, verebbte wieder. Der vielfältige Chor von Tierstimmen verstärkte den Eindruck, in den Tiefen eines endlosen Dschungels zu sein, fernab jeglicher Zivilisation.

Als der Urwald aus Bäumen, Farnen und Beerensträuchern sich endlich lichtete, hatte Beths Hose Risse und war bis zu den Knien verdreckt. Ihre Decke glich einem zerzausten Fell. Das Land öffnete sich versöhnlich. Es lag im Mittagslicht eines Herbsttages. Grüne Hügel, wahllos bewachsen mit Bäumen und Büschen. Feine Nebelschwaden bewegten sich in der Ferne, ohne einer bestimmten Richtung zu folgen. Beth beachtete sie nicht, ihre ganze Aufmerksamkeit galt einem monströsen Baum. Er verschwand in der Weite des Himmels und sein Stamm hatte den Umfang eines Hauses. Im Schatten seiner Äste hätten tausend Menschen ruhen können. Beth ließ ihren Blick hinauf wandern, vernahm das Rauschen seiner fernen Blätter. Dabei meinte sie Musik zu spüren, die Töne kribbelten unter ihrer Haut. Der Baum sang! Mückenschwärme folgten dem leisen Rhythmus, tanzten mit ihm, stoben wieder auseinander. Wie Wolken trieben flimmernde Gewebenetze am Himmel. Sie erinnerten an durchscheinendes Glas. Der Baum schien manche von ihnen anzuziehen, sie strebten seiner Krone zu, verschwanden im Laub. Dabei wurde der zarte Gesang lauter.

»Wo um Gottes Willen bin ich hier?« Verstört spähte Beth nach oben, versuchte dieses eigentümliche Flimmern genauer auszumachen. Eine atmosphärische Störung? Energiegeladene Wolken? Polarlicht? Es war nicht zu bestimmen. Ein wenig erinnerten diese löchrigen Gewebe an Sonnenreflexionen. Damals, beim Tauchen im Mittelmeer, hatte Beth sie an der Oberfläche des Meeres bewundert. Die hell leuchtenden Linien ließen tatsächlich den Eindruck entstehen, am Boden eines Gewässers zu stehen. Zu immer neuen Gewebefetzen fanden sie sich zusammen und schwebten wie zarte Lichtgeflechte über den Himmel. Geblendet senkte Beth ihren Blick und bemerkte dabei in der Ferne, auf einer Kuppe, eine Herde von Schafen und Ziegen. Tränen liefen über ihr verschmutztes Gesicht, als sie eine Hütte entdeckte, die sich im Schutze eines Hügels an einen kleinen Wald schmiegte. Erleichtert stolperte Beth der Rettung entgegen, der Spur menschlichen Lebens.

 

»Du kommst von der Höhle am Fluss, Frau?«

Sie redete! Diese merkwürdige Erscheinung redete. In einer fremden Sprache. Und doch verstand Beth, was sie sagte. Sie nahm die etwas kehligen Laute wahr, wusste, dass sie diese Sprache noch nie vernommen hatte. Doch sie verstand sie! Beth konnte nicht antworten, sie sank auf den Boden und wimmerte wie ein Kind.

Die Frau streichelte über ihren Kopf, richtete sie auf und führte sie zur Hütte.

»Wo bin ich?«, fragte Beth, nachdem die Frau ihr einen Platz auf der Bank zugewiesen hatte.

»Wo bin ich? Warum bin ich? Wer bin ich? Fragen, die auch mich schon länger beschäftigen. Wo du bist? Nun, vordergründig in einem Land des Aufruhrs. In einem Land, das den inneren Frieden verloren hat, das zwei Welten in den Untergang führt, wenn die Schatten zunehmen.«

»Zwei Welten?«, fragte Beth verständnislos.

»Nun, du kommst aus der einen, und nun bist du in der anderen.«

Beth betrachtete ihr Gegenüber das erste Mal genauer. Eine Person um die sechzig. Dunkle Haare umrahmten ein rundliches, dunkelhäutiges Gesicht mit tiefbraunen, beinahe schwarzen Augen. Die Gestalt raffte ihren Wollkaftan, stand auf und brachte ihr eine Schale Milch. »Trink!«

Noch nie hatte sie so jemanden gesehen, noch nie eine solche Präsenz empfunden. Es war eine Frau, mit der Ausstrahlung und der Stimme eines Mannes. Oder täuschte sie sich? War es ein Mann mit weiblicher Strahlkraft? Wie betäubt setzte Beth die Holzschale an die Lippen und trank einen Schluck der warmen Milch.

»Sie wissen, woher ich komme?«, wagte sie schließlich zu fragen und ließ ihren Blick scheu über den Oberkörper dieser merkwürdigen Person wandern. Unter dem hellen Stoff entdeckte sie den Ansatz von Brüsten; das vermeintliche Erkennen ihres Gegenübers gab ihr Sicherheit und beruhigte sie.

»Ich weiß es und ich spüre es.«

»Sie spüren es?«

»Anders fühlst du dich an. Dunkler. Misstöne klingen in deinem Wesen, sie verdunkeln dein Licht.«

»Bitte, können sie mir bitte sagen, wo ich bin?«

»Lerne es kennen und dann sage es mir.«

Beth stöhnte. »Und sie? Wer sind Sie?«

»Die ewige Eremitin und der ewige Eremit. Einsamer als jeder andere und erfüllter als jede andere, denn wie das Wasser bin ich mit allem verbunden.«

Beth schwieg und trank. Diese Person war ein Rätsel und wollte es anscheinend auch bleiben. Ein in Wolle gehülltes Orakel. Eine Prophetin des alten Testaments? Ein Zeitsprung? Nein, das war derart abwegig. »Kennen sie Fernsehen?«, fragte sie vorsichtig. »Flugzeuge? Radio? Autos?« Beth unterbrach ihr Fragequiz, denn sie spürte Panik in sich aufsteigen. Fürchtete sich mittlerweile vor der Antwort.

Das Eremitenwesen lachte, goss sich ebenfalls Milch ein, wies durch die weit geöffnete Tür ihrer einfachen Hütte. »Bäume? Kennst du sie? Ziegen? Wolken? Sterne? Die Weite des Lebens?« Genüsslich trank sie einen Schluck, lehnte sich zurück und fuhr fort: »Raumschiffe? Computer? Interkontinentalraketen?«

»Kein Zeitsprung«, stellte Beth fest.

»Nein, nein, Zeitsprünge gibt es nicht, denn nur die Gegenwart ist wahrhaftig. Es war ein Sprung zwischen den Welten, mein Kind!«

 

Sie hatten gegessen. Aufgeschnittene grüne Früchte, die nach Honig schmeckten. Dazu kleine krumme Gebilde, über deren Ursprung sie lieber nicht nachdachte. Und selbstgebackene Brotfladen.

»Geschichten. Magst du Geschichten?«, fragte die Eremitin.

Stunden der Sprachlosigkeit waren vergangen. Es war Nacht. Beth streichelte geistesabwesend über den Tisch. Seine Mitte bildete eine Mulde, gefüllt mit Sand und Pflanzensamen. Das dunkle, alte Holz schenkte ihr das Gefühl von etwas Vertrautem. Schüsseln standen darauf.

»Ich liebe Geschichten«, sagte Beth und sah auf.

Das Eremitenwesen lächelte und öffnete ihre Augen weit. »Anfangs gab es nur die Weite«, begann es. »Sie war unendlich. Und es gab den Geist. Er erfüllte die Weite. Lichter. Es gab Lichter darin, kleine Funken. Wie Samen. All die Gedanken, die der Geist erdacht hatte. Hell funkelten sie in der Dunkelheit.«

Beth meinte das Funkeln in den dunklen Augen der Eremitin zu entdecken.

»Der Geist freute sich an ihnen und aus seiner Freude entstanden Töne und Melodien. Musik! Der Geist hatte die Musik erschaffen. Klänge! Bezaubernd durchzogen sie die Weite. Der Schöpfergeist verkostete sie eine lange Zeit. Hatte Vergnügen an ihnen. Und dann? Er sehnte sich: nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Seine Sehnsucht war unstillbar. Er weinte Tränen und aus diesem Wasser entstand die Materie. Und dann, mein Kind?«

Gefesselt lauschte Beth der Erzählung. Obwohl die Eremitin eine eigentümliche Art hatte, sich auszudrücken, hatte sie die Fähigkeit mit ihrer Stimme, ihrem ganzen Ausdruck, Bilder zu malen. Jetzt war ihr Gesicht eine einzige Frage.

»Die Materie entstand aus Tränen?«, fragte Beth.

»Und die Materie fand die Musik«, sagte die Eremitin und strahlte. »Wesen formten sich aus Klängen, Welten aus Tönen. Die erste Welt, die entstand, war eine Welt tiefer, erdiger Töne. Andere Welten formten sich, aus höheren Tönen, feineren. Beinahe unsichtbar, unhörbar für die Wesen der erdigen Welt. Aber nur beinahe!«

»Diese erdige Welt?«

»Die Welt der Menschen.«

»Es gab weitere Welten?«

»Der Schöpfungsdrang des Geistes ist groß!« Die Eremitin entfaltete ihre Hände. Dann fuhr sie fort: »Zeit verging. Die Zeit? Ja, selbst die Zeit hatte ihre Musik gefunden. Sie harmonierte nun mit den Welten. Der Geist beobachtete sein Werk, verbesserte hier und dort, ließ vor allem geschehen, da dies seine Art ist. Bald jedoch erkannte er: Die Menschen der einen Welt, eurer Welt, folgen den tiefen Tönen. Schwermütige Töne. Ja, sie folgen den schwermütigen Klängen. Der Geist sah den Eifer der Menschen ihren Acker zu bestellen. Ihr Bemühen, verbissen ihr Leben zu meistern.«

Beth sah einen Lichtfleck über das Gesicht der Eremitin huschen.

»Er lächelte darüber, mein Kind! Und sein Lächeln? Das Lächeln des Geistes erschuf die Träume.«

Beth erkannte das Lächeln auch in den Augen der Frau. Und sie meinte, dabei Melodien zu hören.

»Duftige Lebensfäden, die wie Gesänge dem Wind folgten«, sagte die Eremitin.

Das Lächeln der Spinne, erinnerte sich Beth und nickte.

»Der schöpfende Geist. Er lebt in allem«, flüsterte ihr Gegenüber und erzählte weiter: »Die Menschen freuten sich über die Träume. Sie spürten die Berührung des Geistes darin. Die Träume. Sie verbanden die Menschen mit der Weite, mit der Musik, den Melodien. Der Geist hatte ihre Herzen berührt. Und aus dieser Berührung entstand noch mehr: Geschichten! Erzähler wurden geboren. Menschen, deren Gemüt die Nähe des Geistes spürte, die alte Weisheiten fanden. Mythen! Und noch etwas geschah: Das Gespinst entfaltete sich und schuf ein silbernes Netz der Traumwelten. Es erschuf sich selbst und der Geist staunte über die lebendigen Kräfte seiner Schöpfung. Er merkte, wie wichtig die Träume waren, denn die Menschen weiteten ihren Blick, öffneten ihre Seelen für seine Musik. Deswegen ersann er Möglichkeiten, dieses Netz zu erhalten, es auf ewig zu pflegen. So wählte er aus allen Meeren eurer Welt Inseln. Und was tat er mit ihnen, mein Kind? Er trennte sie von ihrem Ursprung, fügte sie wieder zusammen und erschuf eine neue Welt. Dann lehrte er deren Bewohner, auf die feineren Töne zu lauschen.«

»Dies ist eure Welt«, vermutete Beth.

Die Eremitin nickte. »Wir existieren neben der euren, in einer anderen Ebene. Wir hören die Töne, denn wir folgen dem Auftrag, den der Geist uns übertrug: Den Melodien des Lebens zu lauschen und die Träume zu begleiten. Wir sind die Danú. Genannt nach unserer großen Geistmutter, deren Geschenk diese Welt ist: Das Land Tir na Danú.«

Die Eremitin musterte Beth, schmunzelte. »Du glaubst mir nicht?«

»Es ist eine Geschichte.«

»Es ist unser Schöpfungsmythos. Jedes Volk besitzt solche Mythen. Und jeder Mythos birgt Wahrheit. So wie der Geist in allem lebt. Auch in Dir. Hörst du ihn nicht mehr? Den Klang ewiger Wiederkehr und Erneuerung? Es ist ein lichter Geist, der uns schuf, Beth! Ein freier Geist. Und manchmal denke ich, er ließ uns zu viele Freiheiten.«

Die Narren 

Der Fluss, die Ader ihres Landes. Er spendete Leben, vereinte die Wasserläufe aller Gegenden. Und nun? Jetzt bildete seine gewaltige Schlinge eine Grenze und trennte die Reiche von Teor und Sarmon. Andez sah sich um. In seinem Rücken, weit hinter dem saftigen Weideland, erhob sich das Gebirge. Darunter, sanft an seine Flanken geschmiegt, lagen Dörfer, auch seines. Tagesmärsche entfernt. Sehnsüchtig grüßte Andez sein Heimatdorf, segnete es und wandte sich wieder nach vorne. Linker Hand, zu seinen Füßen, lag das neu entstandene Zentrum der Macht. Die Stadt Sarmons folgte einer Schlingung des Nahib, umarmt und geschützt von seinen Fluten. Sarmena hatte er sie getauft, Sarmons Licht. Ein Name, der seinem Größenwahn entsprach? Oder doch seiner wahren Kraft?

Am anderen Ufer des Flusses breitete sich das Gebiet aus, das Teor beanspruchte. Das Land der wilden Hügel, Berge und Seen. Unberührt von allem erhoben sich die Seelenfänger über dem Land. Bäume, deren Wurzeln in andere Welten wuchsen und deren Krone der Oberfläche eines fremden Meeres zustrebte. So hieß es. Sie waren so alt wie das Land, und in ihren Ästen sangen die Geister. Keiner konnte sie erklimmen. Und keiner würde es je wagen.

Unbeeindruckt, glänzend wie ein Silberband, floss der Fluss Nahib. Eine steinerne Bogenbrücke wölbte sich in zwei Schwüngen darüber: die Falkenbrücke. Betrachtete man sie von vorne, sah sie tatsächlich aus wie ein Greifvogel im Flug. Der mittig gemauerte Wasseraustritt verstärkte diesen Eindruck; wenn es regnete, rann Wasser aus dem Falkenschnabel. Als dann, einige Jahre nach ihrer Errichtung ein Turmfalkenpaar beschloss, sein Nest in einem der Mauerlöcher einzurichten, bekam die Brücke endgültig eine Seele, wurde zum Freund, den man grüßte, wenn man hinüber schritt. Auf dem man verweilte, um zu schauen, sich auszutauschen, sich zu erinnern: An Begegnungen auf dieser Brücke. Doch das Leben war ihr genommen, Wachen standen an beiden Seiten. Das Bindeglied ihres Volkes war mittlerweile streng bewacht, bei Tag und bei Nacht, so wie alle Furten und Brücken. Sarmon hatte daran gedacht, sie abreißen zu lassen. Es würde keinen Unterschied mehr machen, sie wurde selten benutzt. Das Land war auseinandergerissen, die Bande getrennt. Das Land, und ebenso die Zwillingsbrüder, die Menschen. Misstrauen statt Offenheit, Verdächtigungen statt Miteinander, Ängste statt Träume.

Folge deinem Impuls, wiederholte Andez die Worte seiner Schwester. Er hatte keine Ahnung, wie er es beginnen, wie er es anstellen sollte.

 

Eine kräftige herbstliche Sonne wärmte ihn. Stunden waren vergangen und noch immer wusste er nicht, was er tun sollte. Gewohnheit und Sehnsucht lockten ihn, sich in Richtung Heimat zu wenden. Zum Regenbogen-Gebirge. Den Stimmen zu lauschen. Für sie zu singen und zu tanzen. Unsicherheit trieb ihn, zurückzukehren, in die Stadt des Regenten, zu seiner Schwester. Andez seufzte und betrachtete die Distelpflanze an seiner Seite. Auf dunklen Fruchtkörpern schwebten letzte Samenschirmchen; filigrane Federwesen, an denen der Wind zog. Die Pflanze schwankte unter den schäkernden Berührungen der Böen, während die Samen sich um Halt bemühten. Der Wind lachte über sie, blies stärker, denn er spürte ihre Lust, ihr Verlangen nach Freiheit. Sie ersehnten die Ungewissheit! Dann hielt der Wind inne, für einen trügerischen Moment. Und tröstend berührte die schräg stehende Sonne die Schirmchen, tauchte das weiße Fädchengespinst in ein unwirkliches Leuchten. Andez betrachtete es, spürte wie dabei sein Herz schneller schlug. Als die Fruchtkörper losließen, war es wie eine Erlösung. Ein flüchtiger Windhauch riss sie mit sich und sie ergaben sich ihrem Schicksal. Sie flogen nach Norden, in Richtung des Flusses. Andez nickte, erhob sich und folgte ihnen.

 

Zum Fluss und dann unbemerkt darüber? Willst du durch die Stromschnellen hüpfen?, höhnte sein Verstand.

»Willst du durch die Stromschnellen hüpfen, Andez?«, fragte eine knarrende Stimme. Eine Stimme, die er lange nicht gehört hatte, die ihm aber durchaus vertraut war.

»Was machst du hier, Pegg?«

»Was machst du hier, Andez?«

Sein Gegenüber stimmte glucksend in Andez Lachen ein.

Verblüfft betrachtete Andez die gekrümmte, kleine Gestalt. Pegg war so alt wie er, im selben Jahr geboren. Seit vierunddreißig Jahren huschte er wie eine Wildkatze durch das Leben seines Volkes. Verschwand für viele Monde, tauchte wieder auf, sprach wirre Sätze oder gab unergründliche Sprüche von sich.

Pegg hatte sich mittlerweile in den Kies des Ufers gesetzt und ließ das Wasser über seine nackten Füße plätschern. Andez ließ sich neben ihm nieder.

»Das Wasser singt Lieder«, knarrte Pegg und begann zu summen.

Andez betrachtete den strohigen Blondschopf seines Begleiters und streichelte darüber. Er klebte. »Wasch sie dir, Pegg.«

»Harz darin. Fange Ideen in meinem Haar.«

Andez betrachtete ihn lächelnd. Pegg – verrückter Sonderling und weiser Eigenbrötler.

»Und deine schwarzen Beine?«

»Zweige wachsen daraus. Und Früchte. Habe zu essen, Andez!«

»Das ist wunderbar, Pegg. Dann brauchen wir nicht zu hungern.«

»Gut. Einverstanden.«

»Womit?«

»Pegg kommt mit dir.«

»Du?«

»Du musst auf jemanden Acht geben!«

»Ich kann kaum auf mich selber …«

»Eben! Komm! Lass uns übers Wasser springen.«

Sein Vorschlag war vollkommen abwegig. Sicherlich war der Fluss breit an dieser Stelle, aber er strömte und zwar schnell.

Pegg sprang hinein, bevor Andez ihn aufhalten konnte. Und ohne weiter zu denken, sprang Andez hinterher. In vollkommener Selbstüberschätzung. ›So folgt ein Narr dem anderen‹, dachte er, da zog das Wasser bereits seine Füße weg. Ein Stein bot ihm Halt, er klammerte sich an den glitschigen Brocken, suchte Pegg, entdeckte ihn mitten im Fluss. Armeschwenkend stand er auf einem Felsen und sang schauerlich gegen das Getöse. Als er Andez bemerkte, winkte er ihm zu. Andez schrie nach ihm, versuchte sich aufzurichten, rutschte, wurde erneut vom Wasser mitgerissen, tauchte wieder auf und sah, wie Pegg in den Fluss glitt, um ihm zu folgen.

Die Überquerung dieses Flusses war ein Kraftakt. Der wilde Strom riss ihn um, zog ihn mit sich, Andez kämpfte dagegen an, schob sich weiter, wurde vorwärtsgeschleudert, weitergetrieben, blieb hängen, schlug an Felsen. Ab und zu hörte er Peggs Kreischen im brüllenden Wasser. Ob vor Angst oder vor Übermut war nicht zu unterscheiden. Ein quer liegender Ast, er hielt sich fest, im gleichen Moment vernahm er das nahe Brausen. So weit schon? Andez sah sich um, schäumendes Wasser, Felsen, kein Pegg. Die Angst um den Kleinen steigerte sich in Panik, als er ihn wieder hörte. Kurze Schreie, die abrupt verstummten, wieder auftauchten, sich näherten. Andez zog sich höher. Seine Warnung wurde von einem plötzlichen Krachen verschluckt: Pegg war gegen den Ast geprallt, dieser brach und gemeinsam strudelten sie dem Wasserfall entgegen.

›Zieh aus und begebe dich auf die Suche!‹, erinnerte sich Andez der Worte seiner Schwester. Ein kurzer Weg, dachte er, als das Wasser ihn mit sich riss, in die schäumende Tiefe.

Nara 

Das ist das Ende! In den wenigen Atempausen, die ihr blieben, sehnte sie den Tod herbei. Mit sich nehmen sollte er sie, erlösen von diesen Schmerzen. Die Messer aus ihrem Leib ziehen. Aus dem Rücken, dem Bauch. Erneut riss eine Welle sie mit sich, und erneut schrie sie ihre Pein in die dämmrige Höhle des Raumes. Als ihr Körper ihr eine kurze Pause gönnte, klammerte sie sich an die flammenden Kerzengeister. Tanzende Feuer in bunten Gläsern, Boten der Schönheit anderer Zeiten. Beruhigende Stimmen redeten auf sie ein, doch sie wollte nichts mehr hören, nichts mehr sehen. Nur sterben.

Als endlich das blutige Leben auf ihrer Brust lag, konnte sie sich nicht freuen. Nicht über seine kleine Wärme, nicht über das kräftige Saugen an ihrer Brust.

»Es war das letzte, das du schenktest. Deinem Körper schwinden die Kräfte, Nara!«

Erst jetzt empfand sie Freude.

 

Nara gedachte dieser mühsamen Geburt, als sie dem Gemeinschaftsraum der Neuen zustrebte. Dreizehn Monde waren vorübergezogen, hatten von Werden und Vergehen erzählt. Während sie die behagliche Wärme der Aufzuchtsgebäude von Nabfels, der Burg Teors, genoss, fragte sie sich, wie es möglich war, dem Leben eine solche Wucht zu verleihen. Oft schon hatte sie sich diese Frage gestellt, nie eine Antwort gefunden.

›Heilsamer als Antworten zu suchen, ist es, die richtigen Fragen zu finden. Eine Frage mag heilsamer sein als die Antwort‹, erinnerte sie sich der Worte ihrer verstorbenen Großmutter. Nara ließ sich auf einer der Bänke nieder. Ist dies hier immer noch mein Leben? Meine Bestimmung? Müde wanderte ihr Blick über die spielende Schar, bis sie ihn entdeckte. Ein Jahr war vergangen – es war nicht zu fassen! Selbstverständlich reihte er sich ein, in die Horde ballwerfender Kinder. Wenige Jahre und er würde ein Mann sein. Kämpfen können.

»Wehr ihn besser ab!«, unterbrach ein autoritärer, männlicher Ruf ihre Überlegungen. Verbissen, die kleinen Beine in den Boden gerammt, den hölzernen Stab fest gepackt, holte ihr jüngster Sohn aus, mit seinem ganzen Gewicht und mit der lautstarken Unterstützung seiner kleinen Lunge.

»Gut gemacht! Der Nächste.«

Träge erhob sich Nara. Je älter sie wurde, umso mehr suchte sie Ruhe. Die Halle war erfüllt von Menschen, von Geschrei. Sie würde etwas essen und sich dann niederlegen. Ihr Weg führte an einer Gruppe grau gekleideter junger Männer und Frauen vorbei. Gezüchtete Soldaten Teors. Dibbuk, die Wiedererweckten, hatte Teor sie genannt. Ihr Volk hatte inzwischen einen treffenderen Namen gefunden: Dämonen-Krieger. Im Vorbeigehen erkannte sie ihren Zweitältesten, versuchte, ihm zuzulächeln. Seine Antwort war ein kurzes Kopfnicken, mehr nicht. Respekt, das hatten sie gelernt. Und Gehorsam. Körper mit schwarzen, toten Seelen waren es, die Teor heranzog. Immer wieder hatte sie sich bemüht, die starken Missgefühle zu unterdrücken, die sie in ihrer Gegenwart empfand. Es war ihr nicht möglich. Keine Zuneigung war es, die sie empfand, keine Liebe zu ihren Kindern. Was sie in ihrer Gegenwart spürte, war blanke Angst.

Öde Steintreppen führten in die oberen Stockwerke. Nara sehnte sich nach der Weite. Nach der Geborgenheit ihrer Familie. Auf dem runden Holztisch ihres Zimmers warteten reichliche Speisen. Geistesabwesend nahm sie den Teller, aß etwas Käse, trat ans Fenster und betrachtete das offene Land, hinter dem Häusergewirr der Stadt. Nabfels, die Stadt Teors. Steingewordene Prunksucht, krankhaftes Schutzbedürfnis. Die Festungsanlage thronte auf einer Halbinsel. Zu ihrer Linken waberte das Nebelmeer, ein ewiger feuchter Schleier, der die gesamte Landmasse von Tir na Danú umgab. Sämtliche Versuche, dieses Meer zu erforschen, waren gescheitert. Es würde und wollte ein ewiges Geheimnis bleiben. Nara wandte sich wieder der Grasfläche zu. Kühe und Ziegen weideten darauf. ›Ich werde Nabfels verlassen. Sie haben die Aufgabe des Gebärens von mir genommen.‹ Wehmütig betrachtete sie den gefüllten Holzteller in ihrer Hand und dachte an die kargen Jahre ihres früheren Lebens, in denen der Hunger und die Entbehrungen groß waren.

Ihre Einsamkeit trug sie zu Laisa, ihrer Vertrauten und Freundin. Laisa würde hier bleiben, ihr Leib war fruchtbar und willig.

»Du wirst gehen?«, begrüßte sie die schwarzhaarige Frau, während Nara die wuchtige Holztür schloss.

Nara nickte, ging zu Laisa und küsste sie auf die Stirn. Ihre Freundin trug neues Leben in sich. Und an sich. Laisa blühte, wie das Leben, das sie spendete. So ganz anders als sie selbst. Naras dünne braune Haare, ihr leicht gebückter Rücken, ihre gesamte Statur wirkten wie ein Sinnbild ihres momentanen Zustandes.

»Du hättest es nie auf dich nehmen sollen, Nara. Du bist nicht für so viele Schwangerschaften gebaut«, sagte Laisa. Ächzend ließ sie sich in einen Korbsessel plumpsen.

»Du hast es doch auch getan.«

Ihre Freundin seufzte, zu oft schon hatten sie darüber gesprochen. Laisa wusste, dass Nara ihr gefolgt war, dass sie auch wegen ihr das Dorf verlassen hatte.

»Es war nicht nur die Aufgabe, Laisa. Nicht nur der Segen der Quelle, den Teor meiner Familie versprach.«

»Ich weiß, ich lasse dir etwas zukommen, solange ich hier bin.«

»Das darfst du nicht.«

»Nara, ich kenne Wege.«

»Das darfst du ebenfalls nicht. Wenn sie dich zusammen mit Maihir erwischen …«

»Wir lieben uns!«

»Das schützt euch nicht. Tu es nicht, nicht für mich, Laisa, bitte! Ich werde zurechtkommen. Sie geben mir ein Goldstück für jedes Kind.«

»Weißt du, Nara …«, Laisas geräuschvolle Stimme wurde zu einem Flüstern, »… manchmal frage ich mich, ob das, was sie uns erzählen, wahr ist. Ob uns die andere Welt tatsächlich bedroht. Was Teor mit unseren Kindern wirklich vorhat.«

Nara schüttelte den Kopf; sie wollte nicht darüber reden, wollte nicht einmal darüber nachdenken.

»Nara, sie gehören ihnen. Diese Dämonen gehören Teor! Und was, wenn das alles …?«

»Hör auf!«, schrie Nara, nahm den Becher mit Wein und stürzte ihn in sich hinein. In wenigen Tagen würde sie gehen und bis dahin würde sie ihren Leib mästen. »Es sind nicht unsere Kinder, Laisa. Wir trugen sie nur aus.«

»Trotzdem habe ich Sehnsucht nach ihnen.«

»Ich nicht«, log Nara. Bekümmert setzte sie den Becher auf die Knie und suchte in der kleinen Luke des geöffneten Fensters erneut die Weite des Himmels. Flüsternd wandte sie sich an Laisa: »Das Kind. Ist es von ihm?«

»Und wenn?«