Die Tribute von Panem 1-3 - Suzanne Collins - E-Book

Die Tribute von Panem 1-3 E-Book

Suzanne Collins

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Beschreibung

Der Weltbestseller von Suzanne Collins als Gesamtausgabe! Alle Bände der Bestsellertrilogie um Katniss, die gegen das Kapitol und um ihre Liebe kämpft, und dabei niemals ihre Ideale verrät. Große Gefühle in großartigen Büchern! Die Gesamtausgabe umfasst die drei Einzelbände: Die Tribute von Panem 1. Tödliche Spiele; Die Tribute von Panem 2. Gefährliche Liebe; Die Tribute von Panem 3. Flammender Zorn.

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Seitenzahl: 1543

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Über dieses Buch

Nordamerika existiert nicht mehr. Kriege und Naturkatastrophen haben das Land zerstört. Aus den Trümmern ist Panem entstanden, geführt von einer unerbittlichen Regierung. Alljährlich finden grausame Spiele statt, bei denen nur ein Einziger überleben darf. Hier begegnet die sechzehnjährige Katniss dem gleichaltrigen Peeta in einem Kampf auf Leben und Tod …

 

Der Weltbestseller von Suzanne Collins als Gesamtausgabe! Alle Bände der Bestsellertrilogie um Katniss, die gegen das Kapitol und um ihre Liebe kämpft, und dabei niemals ihre Ideale verrät.

 

Die Gesamtausgabe umfasst die drei Einzelbände:

Die Tribute von Panem. Tödliche Spiele

Die Tribute von Panem. Gefährliche Liebe

Die Tribute von Panem. Flammender Zorn

 

 

 

 

 

Für James Proimos

Teil 1Die Tribute

1

Als ich aufwache, ist die andere Seite des Bettes kalt. Ich strecke die Finger aus und suche nach Prims Wärme, finde aber nur das raue Leinen auf der Matratze. Prim muss schlecht geträumt haben und zu Mutter geklettert sein. Natürlich. Heute ist der Tag der Ernte.

Ich stütze mich auf den Ellbogen. Das Licht im Schlafzimmer reicht aus, um die beiden zu sehen. Meine kleine Schwester Prim, auf der Seite zusammengekauert, eingesponnen in Mutters Körper, Wange an Wange. Im Schlaf sieht meine Mutter jünger aus, immer noch erschöpft, aber nicht so resigniert. Prims Gesicht ist frisch wie ein Regentropfen, so lieblich wie die Blume, nach der sie benannt wurde. Primrose, Primel. Meine Mutter war früher auch sehr schön. Zumindest hat man mir das erzählt.

Vor Prims Knien hockt der hässlichste Kater der Welt und hält Wache. Eingedrückte Nase, ein halbes Ohr weg, Augen von der Farbe eines fauligen Kürbisses. Prim hat ihn Butterblume genannt, sie beharrt darauf, dass das schlammgelbe Fell exakt so aussieht wie die leuchtende Blume. Der Kater hasst mich. Misstraut mir zumindest. Obwohl es Jahre her ist, erinnert er sich bestimmt immer noch daran, wie ich versucht habe, ihn in einem Kübel zu ertränken, als Prim ihn mit nach Hause brachte. Ein mageres Kätzchen, den Bauch voller Würmer, das Fell ein Tummelplatz für Flöhe. Das Letzte, was ich damals brauchen konnte, war ein weiteres Maul, das gefüttert werden wollte. Doch Prim hat so lange gebettelt und geweint, dass wir ihn einfach behalten mussten. Es ging gut. Meine Mutter hat ihn von den Parasiten befreit und er ist der geborene Mäusejäger. Fängt gelegentlich sogar eine Ratte. Manchmal, wenn ich Wild ausnehme, werfe ich Butterblume die Innereien hin. Dafür faucht er mich nicht mehr an.

Innereien. Kein Gefauche. Näher werden wir uns nie kommen.

Ich schwinge die Beine aus dem Bett und schlüpfe in meine Jagdstiefel. Geschmeidiges Leder, das sich meinen Füßen angepasst hat. Ich ziehe die Hose an, ein Hemd, stopfe meinen langen dunklen Zopf unter eine Mütze und greife nach meiner Provianttasche. Auf dem Tisch, unter einer Holzschüssel, die ihn vor hungrigen Ratten (und Katzen) schützt, liegt ein perfekter kleiner Ziegenkäse, der in Basilikumblätter eingewickelt ist. Den hat Prim mir zum Erntetag geschenkt. Ich stecke den Käse vorsichtig in meine Provianttasche und schlüpfe hinaus.

In unserem Teil von Distrikt 12, genannt der Saum, wimmelt es um diese Zeit normalerweise von Kohlearbeitern, die sich auf den Weg zur Frühschicht machen. Männer und Frauen mit krummen Rücken und geschwollenen Fingerknöcheln, die es schon vor langer Zeit aufgegeben haben, den Kohlenstaub aus ihren brüchigen Nägeln zu schrubben, aus den Falten ihrer eingefallenen Gesichter. Doch heute sind die schwarzen Schlackestraßen leer. Die Fensterläden der gedrungenen grauen Häuser sind geschlossen. Die Ernte beginnt erst um zwei. Da darf man ruhig ausschlafen. Wenn man kann.

Unser Haus steht fast am Rand des Saums. Ich muss nur an ein paar Toren vorbei, um auf das verwahrloste Feld zu gelangen, das die Weide genannt wird. Vom Wald wird sie durch einen hohen Maschendrahtzaun mit Stacheldrahtrollen am oberen Ende getrennt, der den gesamten Distrikt 12 umgibt. Theoretisch soll er vierundzwanzig Stunden am Tag unter Strom stehen, um die Raubtiere abzuhalten, die im Wald leben – Rudel wilder Hunde, einsame Pumas und Bären – und früher unsere Straßen bedroht haben. Aber wir können schon von Glück reden, wenn wir abends zwei oder drei Stunden Strom haben, und deshalb kann man ihn normalerweise gefahrlos anfassen. Dennoch warte ich immer einen Augenblick ab und lausche auf das Summen, an dem ich höre, dass der Zaun unter Strom steht. Doch jetzt ist er stumm wie ein Stein. Im Schutz eines Gebüschs mache ich mich ganz flach und schlüpfe unter einem zwei Fuß breiten Stück hindurch, das seit Jahren frei liegt. Es gibt noch einige andere Schwachstellen im Zaun, aber die hier befindet sich so nah an unserem Haus, dass ich sie fast immer benutze, wenn ich in den Wald gehe.

Im Schutz der Bäume hole ich einen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen aus einem hohlen Stamm. Ob unter Strom oder nicht, der Zaun hat die Fleischfresser erfolgreich von Distrikt 12 ferngehalten. Innerhalb des Waldes ziehen sie allerdings frei umher und dann muss man sich noch vor Giftschlangen in Acht nehmen, vor tollwütigen Tieren, kaum begehbaren Pfaden. Dafür gibt es Nahrung – vorausgesetzt, man weiß, wo sie zu finden ist. Mein Vater wusste es und er hat mir einiges beigebracht, bevor er durch eine Explosion in der Mine in Stücke gerissen wurde. Da war nichts mehr, was wir hätten begraben können. Ich war damals elf. Heute, fünf Jahre danach, wache ich immer noch davon auf, dass ich ihm zuschreie, er solle wegrennen.

Obwohl das Betreten des Waldes illegal ist und Wilderei die schwersten Strafen nach sich zieht, würden es mehr Leute wagen, wenn sie Waffen hätten. Die meisten sind nicht mutig genug, sich nur mit einem Messer bewaffnet hineinzutrauen. Mein Bogen hat Seltenheitswert, er wurde noch von meinem Vater angefertigt, zusammen mit ein paar anderen, die ich, sorgfältig in wasserdichte Hüllen gewickelt, sicher im Wald versteckt habe. Hätte mein Vater sie verkauft, hätte er viel Geld verdienen können, doch wenn die Beamten dahintergekommen wären, wäre er wegen Anzettelung eines Aufstands öffentlich hingerichtet worden. Die meisten Friedenswächter drücken gegenüber uns wenigen Jägern ein Auge zu, weil sie wie alle anderen nach frischem Fleisch gieren. Sie gehören sogar zu unseren besten Kunden. Aber sie würden nie zulassen, dass jemand den Saum mit Waffen versorgt.

Im Herbst schleichen sich ein paar Mutige in den Wald, um Äpfel zu pflücken. Aber stets in Sichtweite der Weide. Immer nah genug, um bei Gefahr schnell zurück in die Sicherheit von Distrikt 12 eilen zu können. »Distrikt 12. Wo man gefahrlos verhungern kann«, murmele ich. Dann schaue ich rasch über die Schulter. Sogar hier, am Ende der Welt, hat man Angst, man könnte belauscht werden.

Als ich jünger war, erschreckte ich meine Mutter zu Tode mit dem, was ich über Distrikt 12 sagte; über Panem und die Leute, die unser Land aus der fernen Stadt regieren, die das Kapitol genannt wird. Irgendwann begriff ich, dass uns das nur noch mehr Scherereien einbringen würde. Also lernte ich, meine Zunge zu hüten und eine gleichgültige Maske aufzusetzen, damit niemand meine wahren Gedanken lesen konnte. Lernte, in der Schule still meine Aufgaben zu machen. Auf dem Marktplatz nur höflich über Belangloses zu sprechen. Auf dem Hob, dem Schwarzmarkt, wo ich das meiste Geld verdiene, überhaupt nicht viel zu sagen und nur meinen Handel abzuschließen. Selbst zu Hause, wo ich weniger Rücksicht nehme, vermeide ich die heiklen Themen. Wie die Ernte oder die Lebensmittelknappheit oder die Hungerspiele. Prim könnte es mir ja nachplappern und was sollte dann aus uns werden?

Im Wald wartet der einzige Mensch, bei dem ich sein kann, wie ich bin. Gale. Ich spüre, wie sich meine Züge entspannen und ich schneller werde, während ich die Hügel hinauf zu unserem Ort klettere. Ein Felsvorsprung, der ein Tal überblickt und von einem Dickicht aus Beerensträuchern vor unerwünschten Blicken abgeschirmt ist. Als ich sehe, dass Gale auf mich wartet, muss ich lächeln. Er sagt, ich lächele niemals, außer im Wald.

»Hallo, Kätzchen«, sagt Gale. Eigentlich heiße ich Katniss, aber damals, als ich ihm zum ersten Mal meinen Namen sagte, habe ich ihn nur geflüstert. Und er hat Kätzchen verstanden. Als dann diese verrückte Wildkatze begann, mir in der Hoffnung auf Almosen durch den Wald zu folgen, wurde es Gales offizieller Spitzname für mich. Die Wildkatze musste ich schließlich töten, weil sie das Wild vertrieb. Ich bereute es fast, denn sie war keine schlechte Gesellschaft. Aber für ihr Fell habe ich einen guten Preis erzielt.

»Schau, was ich geschossen habe«, sagt Gale und hält einen Laib Brot in die Höhe, in dem ein Pfeil steckt, und ich muss lachen. Es ist echtes Brot aus der Bäckerei, keins von den flachen, festen Broten, die wir aus unseren Getreiderationen backen. Ich nehme es in die Hände, ziehe den Pfeil heraus und halte die Einstichstelle an meine Nase. Ich sauge den Duft ein und merke, wie mir das Wasser im Mund zusammenläuft. Feines Brot wie dieses gibt es nur zu besonderen Anlässen.

»Mmmh, noch warm«, sage ich. Er muss schon bei Tagesanbruch in der Bäckerei gewesen sein, um es zu tauschen. »Was hat dich das gekostet?«

»Nur ein Eichhörnchen. Ich glaub, der alte Mann war heute Morgen ein bisschen sentimental«, sagt Gale. »Er hat mir sogar Glück gewünscht.«

»Tja, heute rücken wir alle ein bisschen enger zusammen, nicht wahr?«, sage ich und verdrehe nicht einmal die Augen dabei. »Prim hat einen Käse für uns übrig gelassen.« Ich ziehe ihn hervor.

Als er die Leckerei sieht, hellt sich Gales Miene auf. »Danke, Prim. Das wird ein richtiges Festessen.« Plötzlich fällt er in den Kapitolakzent und macht Effie Trinket nach, die wahnsinnig gut gelaunte Frau, die jedes Jahr zur Ernte angereist kommt und die Namen verliest. »Fast hätte ich es vergessen! Fröhliche Hungerspiele!« Er zupft ein paar Brombeeren von den Büschen um uns herum. »Und möge das Glück …« Er wirft eine Brombeere in hohem Bogen in meine Richtung.

Ich fange sie mit dem Mund auf und lasse die feine Haut zwischen den Zähnen zerplatzen. Sofort breitet sich der süßsaure Geschmack auf meiner Zunge aus. »… stets mit euch sein!«, beende ich den Satz ebenso schwungvoll. Wir müssen uns darüber lustig machen; die Alternative wäre, vor Angst zu sterben. Außerdem ist der Kapitolakzent so gekünstelt, dass fast alles, was man darin sagt, lustig klingt.

Ich sehe zu, wie Gale sein Messer herauszieht und das Brot in Scheiben schneidet. Er könnte mein Bruder sein. Glattes schwarzes Haar, olivenfarbene Haut, sogar unsere Augen sind ähnlich. Aber wir sind nicht verwandt, zumindest nicht nah. Die meisten Familien, die in den Minen arbeiten, sehen so aus.

Deshalb wirken meine Mutter und Prim mit ihrem blonden Haar und den blauen Augen immer so fremd hier. Was sie auch sind. Die Verwandten meiner Mutter gehörten zu der kleinen Gruppe von Kaufleuten, die die Beamten, Friedenswächter und gelegentlichen Gäste im Saum versorgt. Sie führten eine Apotheke im hübscheren Teil von Distrikt 12. Da sich so gut wie niemand einen Arzt leisten kann, sind die Apotheker unsere Heiler. Mein Vater lernte meine Mutter kennen, weil er auf der Jagd manchmal Heilkräuter sammelte und sie ihnen verkaufte, damit sie daraus Arzneien herstellen konnten. Sie muss ihn sehr geliebt haben, sonst hätte sie ihr Zuhause nicht für den Saum verlassen. Ich versuche mich daran zu erinnern, wenn ich mal wieder nur die Frau sehe, die einfach nur dasaß, während ihre Kinder bis auf die Knochen abmagerten. Um meines Vaters willen versuche ich ihr zu vergeben. Aber ehrlich gesagt, ich bin nicht gut im Vergeben.

Gale bestreicht die Brotscheiben mit dem weichen Ziegenkäse und garniert sie sorgfältig mit einem Basilikumblatt, während ich Beeren pflücke. Wir machen es uns in einer Felsnische gemütlich. Dort sind wir unsichtbar und haben doch freie Sicht auf das Tal, das nur so strotzt von sommerlichem Leben: Gemüse, das man ernten, Wurzeln, die man ausgraben kann, Fische, die im Sonnenlicht schillern. Ein herrlicher Tag, blauer Himmel und ein leichter Wind. Das Essen schmeckt köstlich, der Käse versickert in dem warmen Brot, die Beeren zerplatzen uns im Mund. Es wäre vollkommen, wenn das hier wirklich ein Feiertag wäre, wenn der liebe lange Tag nur dazu da wäre, mit Gale durch die Berge zu wandern und fürs Abendessen zu jagen. Stattdessen müssen wir um zwei auf dem Platz stehen und darauf warten, dass die Namen aufgerufen werden.

»Wir könnten es tun, weißt du«, sagt Gale ruhig.

»Was?«, frage ich.

»Den Distrikt verlassen. Davonlaufen. Im Wald leben. Wir beide könnten es schaffen, du und ich zusammen«, sagt Gale.

Ich weiß nicht, was ich antworten soll. Die Idee ist so absurd.

»Wenn wir nicht so viele Kinder hätten«, fügt er rasch hinzu.

Er meint natürlich nicht unsere Kinder. Obwohl sie es sein könnten. Gales kleine Geschwister, zwei Brüder und eine Schwester. Prim. Unsere Mütter könnte man getrost auch dazurechnen, denn wovon sollten sie ohne uns leben? Wer würde diese Münder stopfen, die nach immer mehr verlangen? Wir gehen beide jeden Tag auf die Jagd, und dann sind da auch noch die Abende, an denen Wild gegen Schmalz oder Schnürsenkel oder Wolle eingetauscht werden muss und an denen wir trotzdem noch mit knurrendem Magen ins Bett gehen.

»Ich will nie Kinder haben«, sage ich.

»Ich eigentlich schon. Wenn ich nicht hier leben würde«, sagt Gale.

»Du lebst aber hier«, sage ich gereizt.

»Vergiss es«, sagt er schroff.

Das Gespräch fühlt sich ganz falsch an. Weglaufen? Wie könnte ich Prim verlassen, die Einzige auf der Welt, von der ich genau weiß, dass ich sie liebe? Und Gale hängt auch sehr an seiner Familie. Wir können nicht weg. Weshalb also darüber reden? Und selbst wenn … selbst wenn … Wieso reden wir auf einmal davon, Kinder zu haben? Romantische Gefühle waren zwischen Gale und mir noch nie ein Thema. Als wir uns kennenlernten, war ich eine spindeldürre Zwölfjährige, und obwohl er nur zwei Jahre älter war, sah er schon aus wie ein Mann. Es hat lange gedauert, bis wir überhaupt Freunde wurden, uns nicht mehr über jeden Tausch in die Haare kriegten und einander halfen.

Außerdem wird Gale, wenn er Kinder haben will, mühelos eine Frau finden. Er sieht gut aus, er ist stark genug für die Arbeit in den Minen und er ist ein guter Jäger. An der Art, wie die Mädchen über ihn tuscheln, wenn er in der Schule an ihnen vorbeigeht, kann man erkennen, dass sie ihn begehren. Das macht mich eifersüchtig, aber nicht aus dem Grund, den man vielleicht annehmen könnte. Es ist schwer, einen guten Jagdgefährten zu finden.

»Was sollen wir machen?«, frage ich. »Wir können jagen, angeln oder sammeln gehen.«

»Lass uns am See angeln. Wir können die Angelruten auslegen und im Wald sammeln gehen. Irgendwas Schönes für heute Abend«, sagt er.

Heute Abend. Nach der Ernte sollen alle feiern. Viele Leute tun das auch, aus Erleichterung darüber, dass ihre Kinder ein weiteres Jahr verschont geblieben sind. Aber mindestens zwei Familien werden die Fensterläden zumachen, die Türen verschließen und sich fragen, wie sie die leidvollen Wochen überleben sollen, die auf sie zukommen.

Wir haben Glück. An einem Tag wie diesem, da leichtere, wohlschmeckendere Beute im Überfluss vorhanden ist, beachten uns die Raubtiere nicht. Am späten Vormittag haben wir ein Dutzend Fische, einen Beutel Gemüse und – das Beste von allem – einen Eimer voll Erdbeeren. Das Erdbeerfeld habe ich vor zwei Jahren entdeckt, aber die Idee, ein Netz gegen die Tiere aufzuspannen, stammt von Gale.

Auf dem Heimweg machen wir einen Abstecher auf den Hob, der in einem verlassenen Lagerhaus abgehalten wird, wo früher Kohle aufbewahrt wurde. Als sie ein effizienteres System einführten, das die Kohle direkt von den Minen zu den Zügen transportiert, hat sich nach und nach der Schwarzmarkt hier breitgemacht. Die meisten Geschäfte sind am Erntetag um diese Uhrzeit schon geschlossen, doch auf dem Hob herrscht immer noch ein ziemlicher Betrieb. Mühelos tauschen wir sechs der Fische gegen gutes Brot und zwei weitere gegen Salz. Greasy Sae, die knochendürre alte Frau, die aus einem großen Kessel schalenweise heiße Suppe verkauft, nimmt uns die Hälfte des Gemüses ab und gibt uns dafür ein paar Brocken Paraffin. Anderswo könnten wir vielleicht ein bisschen mehr rausschlagen, aber wir bemühen uns um ein gutes Verhältnis zu Greasy Sae. Sie ist die Einzige, die uns regelmäßig wilden Hund abkauft. Wir jagen die Hunde nicht absichtlich, doch wenn man angegriffen wird und dabei einen oder zwei erwischt – nun ja, Fleisch ist Fleisch. »In meiner Suppe wird’s zu Rindfleisch«, sagt Greasy Sae augenzwinkernd. Niemand im Saum würde eine ordentliche Keule vom wilden Hund verschmähen, doch die Friedenswächter, die in den Hob kommen, können es sich leisten, etwas wählerischer zu sein.

Als wir unsere Geschäfte auf dem Markt abgeschlossen haben, gehen wir zum Haus des Bürgermeisters, um die Hälfte der Erdbeeren zu verkaufen, denn wir wissen, dass er besonders versessen darauf ist und unseren Preis bezahlen kann. Die Tochter des Bürgermeisters, Madge, öffnet die Hintertür. Sie ist in meinem Schuljahrgang. Von einer Bürgermeistertochter würde man erwarten, dass sie sich für etwas Besonderes hält, aber sie ist ganz in Ordnung. Sie bleibt einfach für sich. Wie ich. Da keine von uns beiden einer Clique angehört, sind wir in der Schule viel zusammen. Gemeinsam zu Mittag essen, in Versammlungen nebeneinandersitzen, Partnerinnen beim Schulsport. Wir reden kaum miteinander und das ist uns beiden nur recht.

Heute hat sie ihre triste Schuluniform gegen ein teures weißes Kleid getauscht und die blonden Haare mit einem rosa Band hochgebunden. Erntekleidung.

»Hübsches Kleid«, sagt Gale.

Madge wirft ihm einen Blick zu, um herauszufinden, ob das Kompliment ernst gemeint ist oder ironisch. Es ist wirklich ein schönes Kleid, aber an einem normalen Tag würde sie es nie tragen. Sie presst die Lippen zusammen, dann lächelt sie. »Na ja, falls ich die bin, die ins Kapitol muss, möchte ich doch hübsch aussehen, oder?«

Jetzt ist es an Gale, verwirrt zu sein. Meint sie das wirklich? Oder will sie sich mit ihm anlegen? Ich glaube, Letzteres.

»Du musst nicht ins Kapitol«, sagt Gale kühl. Sein Blick bleibt an einer kleinen runden Brosche hängen, die sie sich ans Kleid gesteckt hat. Echtes Gold. Wunderschön gearbeitet. Davon könnte eine Familie ein paar Monate leben. »Wie viele Lose kannst du schon haben? Fünf? Ich hatte schon sechs, als ich zwölf war.«

»Sie kann doch nichts dafür«, sage ich.

»Nein, niemand kann etwas dafür. Ist halt nur so«, sagt Gale.

Madge sieht auf einmal verschlossen aus. Sie drückt mir das Geld für die Erdbeeren in die Hand. »Viel Glück, Katniss.«

»Dir auch«, sage ich und die Tür geht zu.

Schweigend gehen wir zum Saum. Es gefällt mir nicht, dass Gale Madge so angegangen hat, aber er hat natürlich recht. Das Erntesystem ist ungerecht, die Armen kommen am schlechtesten weg. Sobald man zwölf wird, kann man bei der Ernte ausgewählt werden. Mit zwölf bekommt man ein Los. Mit dreizehn zwei. Und immer so weiter bis achtzehn, dem Jahr, in dem man zum letzten Mal ausgewählt werden kann und der Name siebenmal in die Glaskugel wandert. Das gilt für jeden Bürger in den zwölf Distrikten im ganzen Land Panem.

Und jetzt kommt der Haken. Sagen wir, jemand ist arm und hungrig wie wir. Dann kann er seinen Namen noch öfter hinzufügen lassen, im Tausch gegen Tesserasteine. Jeder Tesserastein ist eine karge Jahresration Getreide und Öl für eine Person wert. Auch für seine Familienmitglieder kann man Tesserasteine erwerben. Als ich zwölf war, wanderte mein Name daher viermal in die Glaskugel. Einmal, weil ich musste, und dreimal im Tausch gegen Tesserasteine für Getreide und Öl für mich, Prim und meine Mutter. Und so ging es jedes Jahr. Da die Einträge angehäuft werden, ist mein Name jetzt, da ich sechzehn bin, zwanzigmal dabei. Gale ist achtzehn und hat seine fünfköpfige Familie sieben Jahre lang allein ernährt oder miternährt; sein Name ist sogar zweiundvierzigmal dabei.

Deshalb macht ihn jemand wie Madge, die nie einen Tesserastein brauchte, natürlich wütend. Für sie ist die Chance, dass ihr Name gezogen wird, sehr gering im Vergleich zu denen, die im Saum leben wie wir. Es ist nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich. Und obwohl die Regeln vom Kapitol festgelegt wurden und nicht von den Distrikten, schon gar nicht von Madges Familie, fällt es schwer, denen, die sich nicht für Tesserasteine melden müssen, nicht zu grollen.

Gale weiß, dass er mit seiner Wut auf Madge die Falsche trifft. Ich habe ihn an anderen Tagen tief im Wald darüber toben hören, dass die Tesserasteine nur ein weiteres Mittel sind, um in unserem Distrikt Elend zu schaffen. Ein Weg, um Hass zu schüren zwischen den hungernden Arbeitern des Saums und denjenigen, die im Allgemeinen ein sicheres Mittagessen vorgesetzt bekommen, und dafür zu sorgen, dass wir einander nie trauen werden. »Das Kapitol hat den Nutzen, wenn wir untereinander gespalten sind«, würde er vielleicht sagen, wenn nur meine Ohren es hören könnten. Wenn nicht Erntetag wäre. Wenn nicht ein Mädchen mit Goldbrosche und ohne Tesserasteine diese Bemerkung gemacht hätte, die für sie, da bin ich mir sicher, ganz harmlos war.

Im Gehen werfe ich einen flüchtigen Blick auf Gales Gesicht, das unter dem versteinerten Ausdruck immer noch glüht. Seine Wutausbrüche kommen mir sinnlos vor, wenn ich das auch nie sage. Nicht dass ich ihm nicht recht geben würde. Aber wozu soll es gut sein, mitten im Wald gegen das Kapitol anzubrüllen? Das ändert gar nichts. Dadurch wird das Leben nicht gerecht. Es macht uns nicht satt. Allenfalls verscheucht es das Wild in der Nähe. Trotzdem lasse ich ihn brüllen. Besser, er tut es im Wald als im Distrikt.

Gale und ich teilen unsere Beute, sodass jeder zwei Fische, ein paar Laibe gutes Brot, Gemüse, ein Viertel der Erdbeeren, Salz, Paraffin und ein bisschen Geld bekommt.

»Bis nachher auf dem Platz«, sage ich.

»Zieh dir was Hübsches an«, sagt er provozierend.

Meine Mutter und meine Schwester sind schon ausgehfertig, als ich nach Hause komme. Meine Mutter trägt ein schönes Kleid aus Apothekerzeiten. Prim steckt in meinem ersten Erntedress, einem Rock mit Rüschenbluse. Er ist ihr ein bisschen groß, aber meine Mutter hat ihn mit Nadeln festgesteckt. Trotzdem rutscht ihr die Bluse hinten immer wieder aus dem Rock.

Eine Wanne mit warmem Wasser wartet auf mich. Ich schrubbe den Dreck und Schweiß aus dem Wald ab und wasche mir die Haare. Zu meiner Überraschung hat meine Mutter eins von ihren hübschen Kleidern für mich herausgelegt. Ein zartblaues mit passenden Schuhen.

»Ist das wirklich für mich?«, frage ich. Allmählich weise ich nicht mehr alle ihre Angebote zurück. Eine Zeit lang war ich so wütend auf sie, dass sie gar nichts für mich tun durfte. Und das hier ist etwas Besonderes. Die Kleider aus ihrer Vergangenheit bedeuten ihr sehr viel.

»Ja. Komm, wir stecken dir auch das Haar hoch«, sagt sie. Ich erlaube ihr, dass sie es mit dem Handtuch trocken reibt und zu einem Zopf flicht. Ich erkenne mich fast gar nicht wieder in dem gebrochenen Spiegel, der an der Wand lehnt.

»Du siehst schön aus«, sagt Prim mit gedämpfter Stimme.

»Gar nicht wie ich selbst«, sage ich. Ich umarme sie, denn ich weiß, dass die nächsten Stunden schrecklich für sie sein werden. Ihre erste Ernte. Ihr droht kaum Gefahr, denn sie hat nur ein Los. Ich würde es nicht zulassen, dass sie einen Tesserastein nimmt. Aber sie macht sich Sorgen um mich. Dass das Undenkbare eintreten könnte.

Ich beschütze Prim, so gut ich nur kann, doch gegen die Ernte bin ich machtlos. Die Qual, die ich jedes Mal empfinde, wenn sie Kummer hat, wallt in meiner Brust auf und droht sich in meinem Gesicht zu spiegeln. Ich sehe, dass ihre Bluse hinten schon wieder aus dem Rock gerutscht ist, und zwinge mich, ruhig zu bleiben. »Schwänzchen rein, kleine Ente«, sage ich und stopfe die Bluse wieder hinein.

Prim kichert und macht leise: »Quak.«

»Selber quak«, sage ich und lache ein bisschen. Nur Prim kann mich so aus der Reserve locken. »Komm, lass uns etwas essen«, sage ich und gebe ihr einen kleinen Kuss auf den Kopf.

Fisch und Gemüse kochen schon im Topf, aber das ist fürs Abendessen. Wir beschließen, auch Erdbeeren und Bäckerbrot dafür aufzuheben. Damit es etwas Besonderes wird, sagen wir uns. Stattdessen trinken wir Milch von Prims Ziege Lady und essen das grobe Brot aus Tesserastein-Getreide, obwohl keiner besonderen Appetit hat.

Um ein Uhr machen wir uns auf den Weg zum Platz. Von der Anwesenheitspflicht ist nur ausgenommen, wer an der Schwelle zum Tod steht. Heute Abend werden Beamte herumgehen und kontrollieren, ob das bei den Fehlenden der Fall ist. Falls nicht, werden sie verhaftet.

Es ist wirklich traurig, dass die Ernte ausgerechnet auf dem Platz abgehalten wird – einem der wenigen Orte im Distrikt 12, die ganz schön sein können. Der Platz ist umgeben von Läden, und an Markttagen und besonders bei gutem Wetter hat man dort ein Gefühl wie Ferien. Aber heute herrscht trotz der leuchtenden Fahnen an den Häusern eine grimmige Atmosphäre. Die Kamerateams, die wie Bussarde auf den Dächern hocken, verstärken diesen Eindruck noch.

Schweigend betreten die Menschen der Reihe nach den Platz und tragen sich ein. Die Ernte ist nebenbei eine gute Gelegenheit für das Kapitol, über die Bevölkerung Buch zu führen. Die Zwölf- bis Achtzehnjährigen werden nach Alter in mit Seilen abgetrennte Areale gepfercht: die Ältesten ganz nach vorn, die Jüngeren, wie Prim, nach hinten. Die Angehörigen stellen sich rundherum auf und halten sich fest bei den Händen. Andere, die niemanden haben, der in Gefahr ist, oder denen es gleichgültig geworden ist, mischen sich unter die Menge und nehmen Wetten auf die Namen der beiden an, deren Namen gezogen werden. Es werden Wetten auf ihr Alter abgegeben, ob sie aus dem Saum oder von den Kaufleuten stammen, ob sie zusammenbrechen und weinen. Die meisten weisen die Gauner ab, aber ganz, ganz vorsichtig. Diese Leute sind nämlich oft auch Spitzel, und wer hätte nicht schon einmal gegen das Gesetz verstoßen? Ich könnte täglich erschossen werden, weil ich gejagt habe, aber der Appetit der Beamten schützt mich. Was nicht jeder von sich behaupten kann.

Sei’s drum. Wenn wir zwischen Tod durch Verhungern oder einer Kugel in den Kopf zu wählen hätten, dann wäre die Kugel viel schneller, darin sind Gale und ich uns einig.

Je mehr Leute eintreffen, desto enger und klaustrophobischer wird es. Der Platz ist ziemlich groß, aber nicht groß genug für alle achttausend Bewohner von Distrikt 12. Die Nachzügler werden in die angrenzenden Straßen geführt, wo sie das Ereignis auf Bildschirmen verfolgen können, denn es wird vom Staatsfernsehen live übertragen.

Ich stehe in einer Gruppe Sechzehnjähriger aus dem Saum. Wir nicken uns kurz zu und schauen dann zu der provisorischen Bühne, die vor dem Gerichtsgebäude aufgebaut worden ist. Darauf stehen drei Stühle, ein Podest sowie zwei große Glaskugeln, eine für die Jungen, eine für die Mädchen. Ich starre auf die Papierzettel in der Mädchenkugel. Auf zwanzig von ihnen steht in sorgfältiger Handschrift der Name Katniss Everdeen.

Je einen Stuhl besetzen Madges Vater, Bürgermeister Undersee, ein großer Mann mit schütterem Haar, und Effie Trinket, die Betreuerin von Distrikt 12, frisch eingetroffen aus dem Kapitol mit ihrem Furcht einflößenden weißen Grinsen, dem blassrosa Haar und dem grellgrünen Kostüm. Sie tuscheln miteinander und schauen besorgt auf den leeren Stuhl.

In dem Moment, als die Stadtuhr zwei schlägt, betritt der Bürgermeister das Podest und beginnt zu lesen. Jedes Jahr das Gleiche. Er erzählt aus der Geschichte von Panem, dem Land, das aus den Trümmern dessen erstand, was einst Nordamerika genannt wurde. Er zählt die Katastrophen auf, die Dürren, die Stürme, die Feuersbrünste, erzählt von dem anschwellenden Meer, das so viel Land geschluckt hat, und erinnert an den brutalen Krieg um die wenige verbliebene Nahrung. Das Ergebnis war Panem mit einem strahlenden, von dreizehn Distrikten umgebenen Kapitol, das seinen Bürgern Frieden und Wohlstand brachte. Dann kamen die Dunklen Tage, der Aufstand der Distrikte gegen das Kapitol. Zwölf wurden besiegt, der dreizehnte ausgelöscht. Der Hochverratsvertrag brachte uns neue Gesetze, die den Frieden sichern sollten; und um uns alljährlich daran zu erinnern, dass die Dunklen Tage sich nie wiederholen dürfen, brachte er uns die Hungerspiele.

Die Regeln der Hungerspiele sind einfach. Zur Strafe für den Aufstand muss jeder der zwölf Distrikte ein Mädchen und einen Jungen für die Teilnahme stellen, die sogenannten Tribute. Diese vierundzwanzig Tribute werden in einer riesigen Freilichtarena eingesperrt, bei der es sich um jede Art von Gelände handeln kann, von glühender Wüste bis zu eisiger Ödnis. Über mehrere Wochen hinweg müssen die Konkurrenten einander bis auf den Tod bekämpfen. Der Tribut, der als letzter übrig bleibt, hat gewonnen.

Das Kapitol nimmt die Kinder aus unseren Distrikten fort und zwingt sie dazu, sich gegenseitig zu töten, während wir zusehen – und erinnert uns auf diese Weise daran, dass wir ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Dass wir wenig Aussicht hätten, eine weitere Rebellion zu überleben. Wie sie es auch verpacken, die eigentliche Botschaft ist klar. »Seht, wir nehmen euch eure Kinder und opfern sie und ihr könnt nichts dagegen tun. Wenn ihr auch nur einen Finger hebt, werden wir euch bis auf den letzten Mann vernichten. So wie wir es mit Distrikt 13 gemacht haben.«

Damit es für uns erniedrigend und qualvoll zugleich ist, verlangt das Kapitol, dass wir die Hungerspiele wie ein Fest feiern, ein Sportereignis, bei dem sich die Distrikte miteinander messen. Den überlebenden Tribut erwartet zu Hause ein sorgloses Leben und sein Distrikt wird mit Preisen überhäuft, die weitgehend aus Lebensmitteln bestehen. Das ganze Jahr hindurch wird das Kapitol den Siegerdistrikt mit Getreide und Öl und sogar mit Leckereien wie Zucker überhäufen, während alle Übrigen gegen den Hunger kämpfen.

»Eine Zeit der Reue und des Dankes zugleich«, predigt der Bürgermeister.

Dann verliest er die Liste der letzten Gewinner aus Distrikt 12. In dreiundsiebzig Jahren waren es genau zwei. Nur einer von ihnen lebt noch. Haymitch Abernathy, ein dickbäuchiger Mann im mittleren Alter, der in diesem Augenblick erscheint, etwas Unverständliches schreit, auf die Bühne wankt und sich auf den dritten Stuhl fallen lässt. Er ist betrunken. Sehr. Die Menge antwortet mit höflichem Applaus, aber er ist verwirrt und versucht, Effie Trinket zu umarmen, was sie nur mit großer Mühe abwehren kann.

Der Bürgermeister schaut gequält drein. Da das Ganze im Fernsehen übertragen wird, ist Distrikt 12 in diesem Moment das Gespött von ganz Panem und er weiß es. Schnell versucht er, die Aufmerksamkeit zurück auf die Ernte zu lenken, indem er Effie Trinket vorstellt.

Gut gelaunt und lebhaft wie immer trabt Effie Trinket aufs Podest und sagt ihren Spruch auf: »Fröhliche Hungerspiele! Und möge das Glück stets mit euch sein!« Bei dem rosafarbenen Haar muss es sich um eine Perücke handeln, denn seit Haymitchs Umarmung ist ihre Lockenpracht leicht verrutscht. Sie lässt sich noch ein bisschen darüber aus, welche Ehre es sei, hier sein zu dürfen, obwohl jeder weiß, dass sie nur den Sprung in einen besseren Distrikt schaffen will, wo sie echte Sieger haben, keine Betrunkenen, die einen vor dem ganzen Land anpöbeln.

Durch die Menge hindurch erkenne ich Gale, der mit dem Anflug eines Lächelns meinen Blick erwidert. Dieser Teil der Ernte hat wenigstens einen gewissen Unterhaltungswert. Aber plötzlich denke ich an Gale und seine zweiundvierzig Namen in der großen Glaskugel und dass seine Chancen im Vergleich mit den meisten anderen Jungen nicht gut stehen. Und vielleicht denkt er das Gleiche über mich, denn seine Miene verdüstert sich und er wendet sich ab. »Aber da sind doch noch Tausende anderer Zettel«, möchte ich ihm zuflüstern.

Die Zeit der Ziehung ist gekommen. Effie Trinket sagt, was sie immer sagt: »Ladies first!«, und geht hinüber zu der Glaskugel mit den Mädchennamen. Sie greift hinein, taucht ihre Hand tief in die Kugel und zieht einen Zettel heraus. Die Menge hält den Atem an, man könnte eine Stecknadel fallen hören, und ich fühle mich elend und hoffe inbrünstig, dass es nicht mein Name ist, nicht mein Name, nicht mein Name.

Effie Trinket geht zurück zum Podest, streicht den Zettel glatt und verliest mit klarer Stimme den Namen. Es ist nicht mein Name.

Es ist Primrose Everdeen.

2

Einmal, als ich reglos in einem Baumversteck darauf wartete, dass Wild vorbeikam, bin ich eingenickt. Ich fiel drei Meter tief und landete auf dem Rücken. Es war, als hätte der Aufprall das letzte bisschen Luft aus meiner Lunge gepresst, und ich lag dort und kämpfte verzweifelt darum, einzuatmen, auszuatmen, irgendwas zu tun.

Genau so geht es mir jetzt. Ich versuche mich daran zu erinnern, wie man atmet, bin unfähig zu sprechen, vollkommen fassungslos, während der Name in meinem Schädel herumspringt. Jemand fasst mich am Arm, ein Junge aus dem Saum, vielleicht war ich drauf und dran umzufallen und er hat mich aufgefangen.

Es muss sich um einen Irrtum handeln. Das kann nicht wahr sein. Prim war ein Zettel unter Tausenden! Die Wahrscheinlichkeit, dass sie gezogen würde, war so gering, dass ich mir überhaupt keine Sorgen um sie gemacht habe. Habe ich nicht alles getan? Die Tesserasteine genommen und ihr verboten, dasselbe zu tun? Ein Zettel. Ein Zettel unter Tausenden. Sie hatte so gute Chancen. Aber es hat nichts genützt.

Irgendwo aus der Ferne höre ich die Menge unglücklich flüstern, wie immer, wenn eine Zwölfjährige ausgewählt wird, denn das findet keiner gerecht. Plötzlich sehe ich sie, alles Blut ist aus ihrem Gesicht gewichen, sie hat die Hände zu Fäusten geballt und geht mit steifen, kleinen Schritten zur Bühne, an mir vorbei. Ich sehe, dass ihre Bluse am Rücken aus dem Rock gerutscht ist und über den Rock hängt, und dieses Detail, die herausgerutschte Bluse, die aussieht wie ein Entenschwanz, bringt mich zurück in die Gegenwart.

»Prim!« Ein erstickter Schrei aus meiner Kehle, meine Muskeln werden wieder aktiv. »Prim!« Ich muss mir nicht erst einen Weg durch die Menge bahnen. Die anderen Kinder machen sofort Platz und räumen einen Durchgang zur Bühne. Genau in dem Augenblick, als sie die Stufen erklimmen will, bin ich bei ihr. Mit einer Armbewegung schiebe ich sie hinter mich.

»Ich gehe freiwillig!«, keuche ich. »Ich gehe freiwillig als Tribut!«

Auf der Bühne gibt es ein Durcheinander. Distrikt 12 hat seit Jahrzehnten keinen Freiwilligen mehr gehabt und das Protokoll ist nicht mehr allen präsent. Die Regel besagt, dass ein anderer Junge oder je nachdem ein anderes Mädchen vortreten und den Platz desjenigen einnehmen kann, dessen Name aus der Kugel gezogen wurde. In einigen Distrikten, in denen es eine große Ehre ist, die Ernte zu gewinnen, riskieren die Leute nur zu gern ihr Leben und es ist sehr schwierig, sich freiwillig zu melden. Aber in Distrikt 12, wo das Wort Tribut praktisch gleichbedeutend ist mit Leichnam, sind Freiwillige fast ausgestorben.

»Herrlich!«, sagt Effie Trinket. »Aber ich glaube, eigentlich müssten wir erst den Erntegewinner präsentieren und dann nach Freiwilligen fragen, und wenn sich einer meldet, dann … äh«, sagt sie unsicher und verstummt.

»Was spielt das für eine Rolle?«, sagt der Bürgermeister. Er betrachtet mich mit gequältem Blick. Er kennt mich kaum, aber da ist eine schwache Erinnerung. Ich bin das Mädchen, das die Erdbeeren bringt. Das Mädchen, von dem seine Tochter vielleicht einmal erzählt hat. Das Mädchen, das vor fünf Jahren an Mutter und Schwester gedrängt dastand, als er ihr, dem ältesten Kind, eine Tapferkeitsmedaille überreichte. Eine Medaille für ihren Vater, der in den Minen verpufft war. Erinnert er sich daran? »Was spielt das für eine Rolle?«, wiederholt er schroff. »Lasst sie heraufkommen.«

Hinter mir schreit Prim hysterisch. Sie hat ihre dürren Arme wie einen Schraubstock um mich geschlungen. »Nein, Katniss! Nein! Du darfst nicht gehen!«

»Lass mich los, Prim«, sage ich barsch, weil ich sonst die Fassung verlieren würde, und ich will nicht weinen. Wenn sie heute Abend im Fernsehen die Wiederholung der Ernten zeigen, werden alle meine Tränen sehen und dann gelte ich als leichtes Ziel. Als Schwächling. Diese Genugtuung will ich ihnen nicht geben. »Lass mich los!«

Jemand zieht sie von meinem Rücken fort. Ich drehe mich um und sehe, dass Gale Prim hochgehoben hat, während sie um sich schlägt. »Rauf mit dir, Kätzchen«, sagt er und kämpft darum, seine Stimme fest klingen zu lassen, dann trägt er Prim zu meiner Mutter. Ich nehme allen Mut zusammen und erklimme die Stufen.

»Nun denn, bravo!«, sagt Effie Trinket überschwänglich. »Das ist der Geist der Spiele!« Sie freut sich, dass in ihrem Distrikt jetzt doch endlich mal was los ist. »Wie heißt du?«

Ich schlucke schwer. »Katniss Everdeen«, sage ich.

»Ich wette, das war deine Schwester. Wolltest dir von ihr nicht die ganze Schau stehlen lassen, was? Los, Leute! Einen Riesenapplaus für unseren neuesten Tribut!«, trällert Effie Trinket.

Das muß man Distrikt 12 lassen, es klatscht nicht einer. Nicht einmal die mit den Wettscheinen in der Hand, denen sonst alles egal ist. Vielleicht, weil sie mich vom Hob kennen oder weil sie meinen Vater kannten oder weil sie Prim begegnet sind, die man einfach gernhaben muss. Anstatt mich beklatschen zu lassen, stehe ich also da und rühre mich nicht, während die Leute auf die einzig mögliche Weise Widerspruch äußern. Durch Schweigen. Was so viel heißt wie: Wir sind nicht einverstanden. Wir billigen es nicht. Das hier ist ganz falsch.

Dann geschieht etwas Unerwartetes. Zumindest habe ich es nicht erwartet, denn bisher hätte ich nie gedacht, dass ich für Distrikt 12 irgendeine Bedeutung hätte. Doch etwas hat sich verändert, seit ich vorgetreten bin und Prims Platz eingenommen habe, und jetzt sieht es so aus, als wäre ich auf einmal jemand Besonderes. Erst einer, dann noch einer, schließlich nahezu jeder in der Menge berührt mit den drei mittleren Fingern der linken Hand die Lippen und streckt sie mir entgegen. Eine alte und selten benutzte Geste in unserem Distrikt, die man noch gelegentlich auf Beerdigungen sieht. Sie drückt Dank und Bewunderung aus, Abschied von einem geliebten Menschen.

Jetzt muss ich wirklich fast weinen, doch glücklicherweise kommt in diesem Moment Haymitch über die Bühne gewankt, um mich zu beglückwünschen. »Seht sie an. Seht euch die hier an!«, brüllt er und legt mir einen Arm um die Schultern. Dafür, dass er so ein Wrack ist, hat er erstaunliche Kräfte. »Die gefällt mir!« Sein Atem stinkt nach Schnaps und er hat schon lange nicht mehr gebadet. »Viel …« Er sucht eine Zeit lang nach dem richtigen Wort. »… Mumm!«, sagt er triumphierend und lässt mich los. »Mehr als ihr!«, fügt er hinzu und tapst nach vorn an den Bühnenrand. »Mehr als ihr!«, schreit er jetzt direkt in die Kamera.

Gilt das den Zuschauern oder ist er so betrunken, dass er sogar das Kapitol verhöhnt? Ich werde es nie erfahren, denn gerade als er den Mund öffnet, um weiterzureden, plumpst er von der Bühne und ist k.o.

Er ist widerlich, aber ich bin ihm dankbar. Da sich alle Kameras schadenfroh auf ihn richten, habe ich gerade genug Zeit, einen kleinen, erstickten Laut auszustoßen und mich zusammenzureißen. Ich falte die Hände hinter dem Rücken und schaue in die Ferne. Ich kann die Hügel sehen, die ich heute Morgen mit Gale bestiegen habe. Einen Augenblick lang sehne ich mich nach etwas … Die Vorstellung, zusammen mit ihm den Distrikt zu verlassen … sich im Wald durchzuschlagen … Doch ich weiß, dass es richtig war, nicht fortzulaufen. Wer sonst hätte sich an Prims Stelle gemeldet?

Haymitch wird auf einer Trage fortgebracht und Effie Trinket versucht, die Show wieder in Gang zu bringen. »Was für ein aufregender Tag!«, flötet sie, während sie versucht, ihre Perücke gerade zu rücken, die eine bedenkliche Schlagseite nach rechts aufweist. »Aber es wird noch aufregender! Jetzt werden wir unseren Jungentribut auswählen!« In der Hoffnung, ihre Haarpracht unter Kontrolle zu bringen, legt sie eine Hand auf den Kopf, während sie zu der Glaskugel mit den Jungennamen hinübergeht und den ersten Zettel herausholt, den sie zu fassen bekommt. Sie eilt zurück zum Podest und mir bleibt nicht mal Zeit, Gale die Daumen zu drücken, als sie auch schon den Namen verliest. »Peeta Mellark.«

Peeta Mellark!

Oh nein, denke ich. Nicht der. Denn ich kenne den Namen, obwohl ich noch nie direkt mit seinem Träger gesprochen habe. Peeta Mellark.

Nein, heute ist das Glück wirklich nicht auf meiner Seite.

Ich sehe zu, wie er sich einen Weg zur Bühne bahnt. Mittelgroß, stämmiger Körperbau, aschblondes Haar, das ihm in Wellen in die Stirn fällt. Der Schreck steht ihm ins Gesicht geschrieben. Man sieht, wie er darum kämpft, gleichgültig zu bleiben, aber in seinen blauen Augen sehe ich die Angst, die ich von meiner Beute kenne. Trotzdem steigt er zielstrebig auf die Bühne und nimmt seinen Platz ein.

Effie Trinket erkundigt sich nach Freiwilligen, doch niemand tritt vor. Ich weiß, dass er zwei ältere Brüder hat, ich habe sie in der Bäckerei gesehen, aber der eine ist inzwischen wahrscheinlich zu alt, um sich freiwillig zu melden, und der andere will nicht. Das ist der Normalfall. Am Tag der Ernte reicht der Familiensinn bei den meisten Menschen nicht weit. Was ich getan habe, war radikal.

Wie jedes Jahr an dieser Stelle kommt der Bürgermeister seiner Pflicht nach und liest den langen, öden Hochverratsvertrag vor, aber ich höre überhaupt nicht hin.

Wieso er?, denke ich. Dann versuche ich mir einzureden, dass es egal ist. Peeta Mellark und ich sind nicht befreundet. Nicht mal Nachbarn. Wir reden nicht miteinander. Unsere einzige richtige Begegnung liegt Jahre zurück. Er hat es wahrscheinlich vergessen. Aber ich nicht und ich weiß, dass ich es nie vergessen werde …

Es war in der schlimmsten Zeit. Mein Vater war drei Monate zuvor bei dem Minenunfall getötet worden, im eisigsten Januar seit Menschengedenken. Die Dumpfheit nach seinem Verlust verzog sich und der Schmerz traf mich aus dem Nichts, mein Körper krümmte sich zusammen und wurde von Schluchzern geschüttelt. Wo bist du?, schrie es in mir. Wohin bist du gegangen? Natürlich bekam ich nie eine Antwort.

Der Distrikt hatte uns zum Ausgleich für seinen Tod einen kleinen Geldbetrag zugewiesen, genug, um einen Monat der Trauer zu überstehen. Danach wurde erwartet, dass meine Mutter sich eine Arbeit suchte. Aber das tat sie nicht. Sie tat gar nichts, sie saß nur auf dem Stuhl, noch häufiger kauerte sie in Decken gehüllt auf ihrem Bett, den Blick in die Ferne gerichtet. Ab und zu kam Bewegung in sie, sie stand auf, als hätte sie dringend etwas zu erledigen, nur um dann wieder in ihre Starre zu fallen. Prims Flehen schien sie nicht zu berühren.

Ich hatte entsetzliche Angst. Heute denke ich, dass meine Mutter in einer dunklen Welt der Trauer eingeschlossen war, aber damals wusste ich nur, dass ich nicht nur einen Vater verloren hatte, sondern auch eine Mutter. Mit elf Jahren, Prim war sieben, übernahm ich die Rolle des Familienoberhaupts. Ich hatte keine Wahl. Ich kaufte unser Essen auf dem Markt, kochte es, so gut ich konnte, und achtete darauf, dass Prim und ich einigermaßen anständig aussahen. Denn wenn bekannt geworden wäre, dass meine Mutter sich nicht mehr um uns kümmern konnte, dann hätte der Distrikt uns ihr weggenommen und ins Gemeindeheim gesteckt. Ich kannte den Anblick dieser Heimkinder aus der Schule. Die Traurigkeit, die Male, die wütende Hände auf ihren Gesichtern hinterlassen hatten, die Hoffnungslosigkeit, die ihre Schultern beugte. Davor musste ich Prim unbedingt bewahren. Die süße, kleine Prim, die weinte, wenn ich weinte, noch ehe sie wusste, warum; die meiner Mutter das Haar bürstete und flocht, bevor wir zur Schule aufbrachen; die noch immer jeden Abend den Rasierspiegel meines Vaters polierte, weil er den Kohlenstaub gehasst hatte, der sich auf alles im Saum legte. Im Gemeindeheim würde man sie zerquetschen wie eine Wanze. Deshalb verheimlichte ich unsere elende Lage.

Doch das Geld wurde knapp und langsam, aber sicher verhungerten wir. Man kann es nicht anders sagen. Wenn ich nur bis Mai durchhalten würde, redete ich mir ein, nur bis zum 8. Mai, dem Tag, an dem ich zwölf wurde, dann könnte ich mich für die Tesserasteine eintragen und das wertvolle Getreide und Öl bekommen, um uns zu ernähren. Nur, dass es bis dahin noch einige Wochen waren. Bis dahin konnten wir auch schon tot sein.

Hungertod ist kein ungewöhnliches Schicksal in Distrikt 12. Wer hätte die Opfer nicht gesehen? Ältere Leute, die nicht arbeiten können. Kinder aus Familien mit zu vielen hungrigen Mäulern. Verletzte aus den Minen. Sie streifen durch die Straßen. Und eines Tages sieht man sie reglos an einer Wand sitzen oder auf der Weide liegen, man hört das Wehklagen aus einem Haus und die Friedenswächter werden herbeigerufen, um die Leiche abzuholen. Offiziell ist nie Hunger die Todesursache. Immer ist es Grippe, Kälte, Lungenentzündung. Aber davon lässt sich niemand täuschen.

Am Nachmittag meiner Begegnung mit Peeta Mellark fiel eiskalter Regen in Strömen. Ich war in der Stadt gewesen und hatte versucht, Prims abgewetzte Babysachen auf dem Markt zu verkaufen, aber es gab keine Abnehmer. Obwohl ich mit meinem Vater schon ein paarmal auf dem Hob gewesen war, traute ich mich nicht allein an diesen rauen, düsteren Ort. Die alte Jagdjacke meines Vaters war durchweicht vom Regen und ich fror bis auf die Knochen. Seit drei Tagen hatten wir nichts als heißes Wasser mit ein paar vertrockneten Pfefferminzblättern zu uns genommen, die ich ganz hinten in einem Küchenschrank gefunden hatte. Als der Markt schloss, zitterte ich so heftig, dass ich mein Bündel mit den Babysachen in eine Schlammpfütze fallen ließ. Ich hob es nicht auf, weil ich Angst hatte, ich könnte umkippen und nicht wieder hochkommen. Und sowieso wollte niemand die Kleider haben.

Ich konnte nicht nach Hause gehen. Zu Hause waren meine Mutter mit ihren toten Augen und meine kleine Schwester mit den eingefallenen Wangen und aufgesprungenen Lippen. Ich konnte nicht mit hoffnungsleeren Händen in diesen Raum zurück, in den Qualm des Feuers aus feuchten Ästen, die ich am Waldrand aufgelesen hatte, nachdem uns die Kohle ausgegangen war.

Allein stolperte ich durch eine matschige Gasse hinter den Läden, in denen die wohlhabenden Stadtbewohner einkaufen. Die Händler haben die Wohnungen über ihren Geschäften, sodass ich mich sozusagen in ihren Gärten befand. Ich erinnere mich an die Umrisse der Beete, die noch nicht für das Frühjahr bepflanzt waren, ein oder zwei Ziegen in einem Pferch, einen durchnässten Hund, der an einen Pflock gebunden war, resigniert im Dreck zusammengekauert.

In Distrikt 12 ist jede Art von Diebstahl verboten. Darauf steht der Tod. Aber mir kam in den Sinn, dass ich vielleicht in den Mülltonnen etwas finden könnte, und die Mülltonnen waren Freiwild. Vielleicht einen Knochen beim Metzger oder verfaultes Gemüse beim Lebensmittelhändler, etwas, das niemand essen wollte außer meiner verzweifelten Familie. Unglücklicherweise waren die Mülltonnen gerade geleert worden.

Als ich beim Bäcker vorbeikam, überwältigte mich der Geruch von frisch gebackenem Brot so sehr, dass mir schwindlig wurde. Die Backöfen befanden sich im hinteren Teil des Hauses und ein goldener Schein strömte durch die offene Küchentür. Gebannt von der Hitze und dem köstlichen Duft stand ich da, bis der Regen dazwischenkam, mit Eisfingern meinen Rücken entlangfuhr und mich ins Leben zurückzwang. Ich hob den Deckel der Bäckersmülltonne und fand sie unbarmherzig leer.

Plötzlich schrie mich jemand an. Ich sah auf und erkannte die Bäckersfrau. Ich solle weitergehen, ob sie die Friedenswächter rufen müsse und überhaupt sei sie es leid, wie diese Gören aus dem Saum ständig in ihrem Müll wühlten. Es waren hässliche Worte und ich konnte mich nicht verteidigen. Als ich vorsichtig den Deckel wieder schloss und zurückwich, sah ich ihn: einen blonden Jungen, der hinter dem Rücken seiner Mutter hervorspähte. Ich kannte ihn aus der Schule. Er war in meinem Jahrgang, aber ich wusste nicht, wie er hieß. Wie auch, er war ja immer mit den Stadtkindern zusammen. Seine Mutter ging grummelnd in die Backstube zurück, er aber muss mich beobachtet haben, wie ich um den Pferch herumging, in dem sie ihr Schwein hielten, und mich an die Rückseite eines alten Apfelbaums lehnte. Mir war auf einmal klar geworden, dass ich nichts mit nach Hause bringen konnte. Meine Knie gaben nach und ich rutschte am Stamm herunter bis zu den Wurzeln. Es war zu viel. Ich war zu krank und schwach und müde, unendlich müde. Sollen sie doch die Friedenswächter rufen und uns ins Gemeindeheim bringen, dachte ich. Oder noch besser, lasst mich gleich hier im Regen sterben.

Aus der Bäckerei drang Geklapper, ich hörte die Frau wieder schreien und dann einen Schlag. Ich fragte mich, was da vorging. Füße stapften durch den Matsch auf mich zu und ich dachte: Das ist sie. Sie kommt, um mich mit dem Stock zu vertreiben. Aber es war nicht sie. Es war der Junge. In den Armen trug er zwei große Laibe Brot, die ins Feuer gefallen sein mussten, denn die Kruste war schwarz verbrannt.

Seine Mutter kreischte: »Gib es den Schweinen, du Dummkopf! Warum nicht? Kein anständiger Mensch wird verbranntes Brot kaufen!«

Er begann, verbrannte Brotstücke abzureißen und sie in den Trog zu werfen, als die Klingel vorn im Bäckerladen ging und die Mutter verschwand, um einen Kunden zu bedienen.

Der Junge beachtete mich nicht, doch ich beobachtete ihn. Wegen des Brots, wegen der roten Strieme, die sich an seinem Wangenknochen abzeichnete. Womit hatte sie ihn geschlagen? Meine Eltern schlugen uns nie. Ich konnte mir das nicht mal vorstellen. Der Junge schaute kurz zurück zur Bäckerei, als wollte er nachsehen, ob die Luft rein war. Dann wandte er sich wieder dem Schwein zu und warf einen Laib Brot in meine Richtung. Der zweite folgte gleich danach, dann stapfte er zurück in die Bäckerei und schloss leise die Küchentür hinter sich.

Ungläubig starrte ich auf die Brotlaibe. Abgesehen von den verbrannten Stellen waren sie vollkommen in Ordnung. Sollten die etwa für mich sein? Mussten sie wohl. Schließlich lagen sie dort zu meinen Füßen. Bevor irgendwer mitbekam, was passiert war, stopfte ich mir die Laibe unter das Hemd, schlang die Jagdjacke fest um meinen Körper und lief schnell davon. Die Hitze des Brots brannte sich in meine Haut, aber ich drückte es nur noch fester, klammerte mich ans Leben.

Als ich zu Hause ankam, waren die Brote ein wenig abgekühlt, doch das Innere war noch warm. Als ich sie auf den Tisch fallen ließ, streckte Prim die Hände aus und wollte sich ein Stück herausreißen, aber ich sagte ihr, sie solle sich hinsetzen, zwang meine Mutter, zu uns an den Tisch zu kommen, und goss heißen Tee ein. Ich kratzte die schwarzen Stellen ab und schnitt das Brot in Scheiben. Wir aßen einen ganzen Laib, Scheibe für Scheibe. Es war gutes, herzhaftes Brot, gefüllt mit Rosinen und Nüssen.

Ich hängte meine Sachen zum Trocknen vors Feuer, krabbelte ins Bett und fiel in einen traumlosen Schlaf. Erst am nächsten Morgen kam mir der Gedanke, dass der Junge das Brot vielleicht absichtlich zu lange im Ofen gelassen hatte. Die Laibe ins Feuer geworfen hatte, obwohl er wusste, dass er dafür bestraft werden würde, und sie dann mir gegeben hatte. Ich verwarf den Gedanken. Bestimmt war es ein Missgeschick gewesen. Weshalb hätte er das tun sollen? Er kannte mich doch gar nicht. Trotzdem, allein dass er mir das Brot zugeworfen hatte, war ungeheuer freundlich gewesen und hätte ihm sicher eine Tracht Prügel eingebracht, wenn er dabei entdeckt worden wäre. Ich konnte mir sein Tun nicht erklären.

Zum Frühstück aßen wir Brotscheiben und gingen dann in die Schule. Es war, als wäre über Nacht der Frühling ausgebrochen. Warme milde Luft, flauschige Wolken. In der Schule kam ich im Flur an dem Jungen vorbei, seine Wange war geschwollen und er hatte ein blaues Auge. Er war mit seinen Freunden zusammen und ließ sich nicht anmerken, dass er mich kannte. Doch als ich am Nachmittag Prim abholte und mich auf den Heimweg machte, sah ich, dass er mich über den Schulhof hinweg ansah. Eine Sekunde lang trafen sich unsere Blicke, dann wandte er das Gesicht ab. Verlegen senkte ich den Blick und in diesem Augenblick sah ich ihn. Den ersten Löwenzahn des Jahres. In meinem Kopf klingelte es. Ich dachte an die Stunden, die ich mit meinem Vater im Wald verbracht hatte, und ich wusste, wie wir überleben würden.

Bis heute verschmelzen dieser Junge, Peeta Mellark, das Brot, das mir Hoffnung gab, und der Löwenzahn, der mich daran erinnerte, dass ich nicht verloren war, zu einer einzigen Erinnerung. Und mehr als einmal habe ich im Schulflur bemerkt, dass er den Blick auf mich gerichtet hatte, um dann schnell wieder wegzuschauen. Ich habe das Gefühl, ihm etwas zu schulden, und ich hasse es, Leuten etwas schuldig zu sein. Hätte ich ihm irgendwann mal gedankt, dann wäre ich jetzt vielleicht nicht so im Zwiespalt. Mehrmals habe ich daran gedacht, es zu tun, aber irgendwie hat sich nie die richtige Gelegenheit ergeben. Und nun wird sie sich auch nicht mehr ergeben. Denn wir werden in eine Arena gesperrt, um einander bis zum Tod zu bekämpfen. Wie sollte ich da ein Dankeschön anbringen? Es würde wohl nicht sehr aufrichtig klingen, wenn ich gleichzeitig versuchte, ihm die Kehle aufzuschlitzen.

Der Bürgermeister beendet die eintönige Lesung des Hochverratsvertrags und gibt Peeta und mir ein Zeichen, uns die Hand zu reichen. Seine Hände sind so fest und warm wie die Brotlaibe damals. Peeta schaut mir direkt in die Augen und drückt meine Hand auf eine Weise, dass es sich anfühlt wie ein beruhigender Händedruck. Vielleicht ist es auch nur ein nervöses Zucken.

Wir wenden uns wieder der Menge zu, während die Hymne von Panem erschallt.

Na gut, denke ich. Wir sind vierundzwanzig. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ein anderer ihn tötet, bevor ich es tue.

Andererseits war auf die Wahrscheinlichkeit in letzter Zeit nicht besonders viel Verlass.

3

Als der letzte Ton der Hymne verklingt, werden wir verhaftet. Nicht dass wir Handschellen angelegt bekämen oder so, doch eine Schar Friedenswächter nimmt uns in ihre Mitte und führt uns durch das Eingangstor ins Gerichtsgebäude. Möglich, dass früher einmal Tribute versucht haben zu fliehen. Ich habe es noch nie erlebt.

Im Gebäude werde ich in einen Raum geführt und allein gelassen. Es ist der prächtigste Raum, in dem ich je war, mit dicken, breiten Teppichen, einem Sofa und Stühlen, die mit Samt bezogen sind. Dass es Samt ist, weiß ich, weil meine Mutter ein Kleid mit einem Kragen aus diesem Stoff hat. Ich setze mich auf das Sofa und kann nicht anders, als mit den Fingern über den Stoff zu streichen. Es beruhigt mich, während ich versuche, mich auf die folgende Stunde vorzubereiten: So viel Zeit steht den Tributen zur Verfügung, um von ihren Lieben Abschied zu nehmen. Ich darf mich nicht gehen lassen, darf nicht mit verquollenen Augen und einer roten Nase hier heraustreten. Weinen kommt nicht infrage. Am Bahnhof werden weitere Kameras aufgebaut sein.

Zuerst erscheinen meine Schwester und meine Mutter. Ich strecke die Hände nach Prim aus und sie klettert auf meinen Schoß, legt die Arme um meinen Hals, den Kopf auf meine Schulter, wie früher, als sie noch ein Kleinkind war. Meine Mutter setzt sich neben mich und nimmt uns in die Arme. Ein paar Minuten lang sagen wir nichts. Dann liste ich alles auf, was sie erledigen müssen, jetzt, da ich es nicht mehr für sie erledigen kann.

Prim soll auf keinen Fall Tesserasteine nehmen. Wenn sie sparsam sind, können sie mit dem über die Runden kommen, was der Verkauf von Milch und Käse von Prims Ziege und das kleine Apothekergeschäft einbringen, das meine Mutter für die Leute aus dem Saum betreibt. Gale wird ihr die Kräuter besorgen, die sie nicht selbst zieht, aber sie muss sie ihm ganz genau beschreiben, weil er sich nicht so gut auskennt wie ich. Er wird ihnen auch Wild bringen – vor einem Jahr haben er und ich darüber eine Abmachung getroffen – und wahrscheinlich nichts dafür verlangen; sie sollten sich jedoch erkenntlich zeigen, mit Milch oder Arzneien.

Ich dränge Prim nicht, jagen zu lernen. Ich habe mehrmals versucht, es ihr beizubringen, und es war eine Katastrophe. Der Wald machte ihr Angst und immer, wenn ich ein Tier schoss, fing sie an zu weinen und redete davon, dass wir es heilen könnten, wenn wir es nur schnell genug nach Hause brächten. Aber auf ihre Ziege versteht sie sich, deshalb beschränke ich mich darauf.

Als ich mit den Anweisungen bezüglich Brennstoff, Tauschgeschäften und Schule fertig bin, wende ich mich meiner Mutter zu und packe sie hart am Arm. »Hör zu. Hörst du mir zu?« Sie nickt, erschrocken über meine Eindringlichkeit. Bestimmt weiß sie, was jetzt kommt. »Du kannst dich nicht wieder verkriechen«, sage ich.

Meine Mutter schaut zu Boden. »Ich weiß. Ich werde es nicht tun. Damals konnte ich nicht anders …«

»Diesmal wirst du anders können. Du kannst dich nicht ausklinken und Prim sich selbst überlassen. Ich werde nicht mehr da sein, um euer Überleben zu sichern. Ganz gleich, was passiert. Was immer du auf dem Bildschirm siehst. Du musst mir versprechen, dass du das durchstehst!« Meine Stimme ist zu einem Schrei geworden. In diesem Schrei liegt all die Wut, all die Angst, die ich damals empfand, als sie uns verlassen hat.

Sie befreit sich aus meinem Griff, jetzt ebenfalls wütend. »Ich war krank. Hätte ich die Arzneien gehabt, die ich jetzt habe, hätte ich mich selbst kuriert.«

Möglich, dass sie wirklich krank war. Ich habe gesehen, wie sie später Leute aus einem Zustand lähmender Trauer zurück ins Leben geführt hat. Vielleicht ist es tatsächlich eine Krankheit. Aber wir können sie uns nicht leisten.

»Dann nimm diese Arzneien. Und pass auf Prim auf!«, sage ich.

»Ich pass schon selbst auf mich auf, Katniss«, sagt Prim und umschließt mein Gesicht mit den Händen. »Aber du musst auch vorsichtig sein. Du bist so schnell und mutig. Vielleicht kannst du gewinnen.«

Ich kann nicht gewinnen. Das muss Prim tief in ihrem Innern wissen. Der Wettkampf wird meine Fähigkeiten bei Weitem übersteigen. Kinder aus wohlhabenderen Distrikten, in denen der Sieg eine enorme Ehre darstellt, die ihr ganzes Leben lang darauf gedrillt wurden. Jungen, die doppelt oder dreimal so schwer sind wie ich. Mädchen, die zwanzig verschiedene Arten kennen, jemanden mit dem Messer zu töten. Ja, es wird auch Leute wie mich geben. Leute, die aussortiert werden müssen, bevor der eigentliche Spaß losgeht.

»Vielleicht«, sage ich. Ich kann ja schlecht meiner Mutter sagen, sie solle durchhalten, wenn ich mich gleichzeitig selbst schon aufgegeben habe. Abgesehen davon liegt es nicht in meiner Natur, mich kampflos zu ergeben, selbst wenn die Hindernisse unüberwindlich scheinen. »Dann wären wir so reich wie Haymitch.«

»Mir ist es egal, ob wir reich sind. Ich möchte nur, dass du wieder nach Hause kommst. Du versuchst es, ja? Ganz, ganz doll?«, fragt Prim.

»Ganz, ganz doll. Ich schwöre es«, sage ich. Und ich weiß, wegen Prim werde ich es auch wirklich versuchen müssen.

Dann erscheint ein Friedenswächter in der Tür zum Zeichen, dass unsere Zeit vorüber ist, und wir umarmen uns so fest, dass es wehtut, und alles, was ich sagen kann, ist: »Ich hab euch lieb. Ich hab euch beide lieb.« Sie sagen, dass sie mich auch lieb haben, und dann müssen sie hinausgehen und die Tür wird geschlossen. Ich vergrabe den Kopf in einem der Samtkissen, als könnte ich dadurch alles ausblenden.

Noch jemand betritt den Raum, und als ich aufblicke, sehe ich zu meiner Überraschung den Bäcker, Peeta Mellarks Vater. Ich kann kaum glauben, dass er mich besuchen kommt. Immerhin werde ich schon bald versuchen, seinen Sohn zu töten. Aber wir kennen uns flüchtig und Prim kennt er sogar noch besser. Wenn sie auf dem Hob ihren Ziegenkäse verkauft, legt sie ihm immer zwei zurück und er gibt ihr dafür eine großzügige Menge Brot. Wenn wir mit ihm handeln, achten wir stets darauf, dass seine Frau, die Hexe, nicht in der Nähe ist, weil er dann sehr viel entgegenkommender ist. Ich bin mir sicher, dass er seinen Sohn niemals so geschlagen hätte, wie sie es wegen des verbrannten Brots getan hat. Doch weshalb ist er gekommen?

Der Bäcker setzt sich verlegen auf die Kante eines Plüschstuhls. Ein großer, breitschultriger Mann mit Brandnarben von den vielen Jahren am Backofen. Er muss sich eben erst von seinem Sohn verabschiedet haben.

Er zieht eine weiße Pappschachtel aus der Jackentasche und reicht sie mir. Ich öffne sie und finde Plätzchen darin. Ein Luxus, den wir uns niemals leisten können.

»Danke«, sage ich. Der Bäcker ist auch unter angenehmeren Umständen kein gesprächiger Mensch, aber heute findet er gar keine Worte. »Ich habe heute Morgen Ihr Brot gegessen. Mein Freund Gale hat Ihnen ein Eichhörnchen dafür gegeben.« Er nickt, als würde er sich an das Eichhörnchen erinnern. »Kein guter Tausch für Sie«, sage ich. Er zuckt die Achseln, als wäre das vollkommen belanglos.

Dann fällt mir nichts mehr ein und deshalb sitzen wir schweigend da, bis ein Friedenswächter ihn zum Gehen auffordert. Er steht auf und räuspert sich. »Ich werde auf das kleine Mädchen aufpassen. Du kannst dich darauf verlassen, dass sie zu essen hat.«