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In Morgental beginnt alles ganz harmlos: Ein uralter Bücherwagen mit staubigen Spenden rollt ins Klassenzimmer. Mira, Lea und Jan helfen beim Tragen – und spüren sofort: Diese Bücher sind nicht nur alt. Sie wirken… wach. Zwischen den Bänden liegt ein namenloses Buch ohne Titel. Als Mira es später öffnet, antwortet es ihr mit Worten. Es kennt ihren Namen. Es will ihre Geschichte erzählen. Und als Mira „Nein“ flüstert, schreibt das Buch nur: „Zu spät.“ Von da an ist klar: Hier liest nicht nur jemand – hier wird auch jemand gelesen. Kurz darauf verschwindet ein Junge aus der Schule. Nicht laut, sondern unheimlich leise: Er wird nach und nach vergessen, als würden Erinnerungen ausradiert. Grossmutter Elvira führt die drei zu einem Ort, den es eigentlich nicht geben dürfte: einer Schattenbibliothek unter der Bibliothek, mit Regalen wie ein Labyrinth und einem Register der Verschwundenen. Doch dort lauert auch der Seitenfresser – ein Wesen, das Geschichten frisst und Lücken hinterlässt, an die man sich kaum noch erinnern kann. „Die unheimliche Bibliothek“ ist besonders, weil es Grusel und Abenteuer mit einer starken Idee verbindet: Geschichten haben Macht. Für Kinder ab 8 ist es spannend, schaurig und trotzdem warmherzig – mit viel Freundschaft, Humor und dem Kick, dass man mit Mut und klugen Worten selbst im Dunkeln einen Ausweg finden kann.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
(C) 2026, Eric Lorup & OpenAI ChatGPT-5.2 (die KI wurde für das Konzept und das Coverbild verwendet)
Der Morgen begann wie jeder andere an einem grauen, leicht nieseligen Mittwoch, an dem selbst die Sonne zu müde war, sich durch die Wolken zu kämpfen. Mira sass im Klassenzimmer und stocherte mit ihrem Bleistift auf dem Rand ihres Heftes herum, während Frau Klein in ihrem ruhigen, fast singenden Tonfall etwas über Adjektive erklärte. Lea sass schräg vor ihr, stützte das Kinn auf die Hände und malte im Geheimen kleine Sternchen an den Rand ihres Matheheftes. Jan, wie immer leicht nach vorn gelehnt, lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit, als könne jeden Augenblick ein besonders aufregendes Wort aus dem Mund der Lehrerin springen.
Doch dann geschah etwas, das den Unterricht mit einem Mal zerschnitt wie eine kalte Bö: Es klopfte heftig an die Tür. Nicht das schüchterne, vorsichtige Klopfen, das die Lehrkräfte manchmal machen, wenn sie beim Kollegen fragen wollen, ob jemand einen Locher ausleihen könne. Nein, dieses Klopfen klang bestimmt, dringlich, fast nervös.
Alle Kinder hoben gleichzeitig die Köpfe.
Frau Klein runzelte die Stirn. „Wer das wohl ist?“, murmelte sie und ging zur Tür.
Als sie öffnete, füllte ein intensiver Geruch nach altem Holz und feuchtem Papier den Raum. Einen Augenblick später rollte ein Mann einen grossen Holzwagen herein, der aussah, als gehöre er in ein Museum – oder besser gesagt, als hätte er dort nicht einmal mehr Platz, weil er zu alt und zu abgenutzt war.
Der Wagen war dunkel, fast schwarz an manchen Stellen, mit tiefen Rissen im Holz, die aussahen wie die Linien auf der Hand einer uralten Person. Über seine Kanten waren Metallstreifen geschlagen, an manchen Stellen verrostet, an anderen seltsam schimmernd. Mehrere Kisten mit Bündeln von Büchern waren darauf gestapelt, chaotisch, als hätte jemand sie in Eile zusammengesucht.
Der Mann, der ihn schob, trug einen dunkelgrauen Mantel, der ihm ein wenig zu gross war, und aus dessen Ärmeln viel zu lange, knochige Hände herausragten. Sein Gesicht war schmal und blass, doch seine Augen funkelten wach und lebendig. In der linken Hand hielt er ein kleines Klemmbrett.
„Entschuldigen Sie die Störung“, sagte er mit einer Stimme, die seltsam rau klang, als hätte er zu viel Staub eingeatmet. „Ich bringe die Spende aus dem Archiv. Man sagte mir, die Schule habe gestern darum gebeten.“
Frau Klein wirkte verunsichert. „Oh. Ja, also … ich wusste gar nicht, dass es heute schon geliefert wird.“
Der Mann nickte knapp. „Es war ein wenig kurzfristig. Aber solche Bücher sollten nicht zu lange herumstehen. Sie haben … einen eigenen Charakter.“
Ein leichter Schauder kroch Mira über den Rücken.
Der Mann schob den Wagen in die Mitte des Raums und stellte eine der Kisten mit einem dumpfen Schlag auf dem Tisch ab.
„Wo sollen sie hin?“, fragte er.
„Am besten ins Lehrerzimmer“, antwortete Frau Klein. „Ich schicke gleich ein paar Kinder mit, um zu helfen.“
Der Mann nickte wieder, blickte kurz in die Runde der Kinder – ein Blick, der Mira durch und durch ging – und ging dann hinaus. Die Tür schloss sich mit einem leisen Quietschen.
Im Raum blieb eine Spannung zurück, die man beinahe sehen konnte.
Kindern entgeht so etwas nicht.
„Wer möchte helfen?“, fragte Frau Klein.
Einige Hände gingen hoch. Mira spürte, dass sie sich eigentlich melden wollte, ohne genau zu wissen weshalb. Irgendetwas an der Kiste zog sie an, wie ein winziger, unsichtbarer Faden, der sanft an ihrer Brust zupfte.
Sie hob die Hand.
„Mira, Jan, Lea – ihr drei könnt mir helfen. Ihr seid vorsichtig genug, hoffe ich.“
„Klar“ sagte Lea und sprang sofort auf. Jan nickte eifrig. Mira stand langsam auf, doch ihre Augen waren auf die Kiste gerichtet.
Sie war aus hellerem Holz als der Wagen selbst, fast wie Birke, allerdings fleckig und mit dunklen Stellen, die aussahen wie alte Wasserflecken. Über der Vorderseite standen Worte in einer geschwungenen Schrift, die aussah, als sei sie vor Jahrhunderten mit Tinte gezogen worden:
„Archiv – Sonderbestand: Mythologische Werke und Unikate“
Darunter:
„Vorsicht beim Öffnen.“
„Warum steht das da drauf?“, flüsterte Mira.
Lea zuckte die Schultern. „Vielleicht sind die Bücher alt. Oder empfindlich.“
„Oder wertvoll“, meinte Jan, der sich schon vorstellte, wie er ein paar Seiten vorsichtig halten durfte. Bibliotheken waren für ihn so spannend wie Abenteuerfilme für andere Kinder.
„Los“, sagte Frau Klein. „Nehmt bitte beide Seiten. Die Kiste ist schwer.“
Doch kaum, dass Mira und Jan ihre Hände an die Griffe legten, merkten sie:
Die Kiste war überraschend leicht.
„Komisch“ murmelte Jan. „Sieht schwerer aus.“
„Vielleicht sind nicht viele Bücher drin“, meinte Lea.
Gemeinsam schleppten sie die Kiste durch den Gang. Das Holz war angenehm warm, fast… lebendig. Mira konnte es sich nicht erklären, aber sie spürte etwas Pulsierendes. Einen winzigen, kaum wahrnehmbaren Schlag. Vielleicht bilde sie es sich ein?
Vielleicht.
Im Lehrerzimmer stellten sie die Kiste ab und wollten schon gehen, als Lea plötzlich anhielt.
„Du, Mira… hattest du das auch gesehen?“
„Was?“
„Da war… ich weiss nicht. Beim Anfassen. Ein Funkeln.“
„Vielleicht ein Splitter im Holz.“
„Vielleicht.“ Lea verzog unsicher den Mund.
Frau Klein rief sie zurück in den Klassenraum.
Aber Mira blieb noch einen Augenblick stehen. Dann beugte sie sich vor, legte die Hand auf den Deckel der Kiste und strich über das dunkle, verblasste Wort Sonderbestand.
Etwas kribbelte in ihren Fingern.
Sie zuckte zurück.
„Komm, Mira!“, rief Jan.
Sie beeilte sich, ihm zu folgen.
Doch das Gefühl in ihrer Hand blieb.
Ein leichtes Stechen. Wie von einem winzigen Dorn.
Nur…, dass sie keinen Dorn gesehen hatte.
Am Mittag nach der grossen Pause passierte es. Die Klasse arbeitete gerade an einem stillen Leseprojekt, und der Raum war voll leiser Blättergeräusche und vereinzeltem Hüsteln. Der Regen draussen hatte inzwischen wieder aufgegeben, aber die Scheiben waren noch beschlagen.
Die Tür ging auf.
Diesmal war es der Hausmeister, Herr Fischer, der mit seiner wie immer leicht gehetzten Art hereinkam.
„Die Bücher aus der Kiste liegen jetzt im Flur, zum Aussortieren“, sagte er. „Ihr dürft euch später ein paar ansehen, wenn ihr wollt. Alte Sachen, aber vielleicht interessant für ein paar von euch.“
Er sah kurz zu Mira, Lea und Jan, als würde er sich erinnern, dass sie die Kiste getragen hatten. Dann schob er wieder ab.
Nach dem Unterricht war der Flur belebt wie ein kleiner Markt. Kinder standen um mehrere Tische herum, auf denen die Bücher ausgebreitet lagen. Manche waren in Stoff gebunden, manche in Leder, einige ganz zerfleddert. Die Farben waren erdig, dunkel, fast alle wirkten ungewöhnlich alt.
Mira ging langsam an den Tisch. Etwas schien sie zu rufen – nicht laut, aber mit einem deutlichen Ziehen.
Ihre Hand glitt über verschiedene Bücher: eines mit goldenen Ornamenten, eines mit einem gezeichneten Wal, eines mit einem kräftigen roten Einband, der aber von Brandspuren gekennzeichnet war.
Dann sah sie es.
Ein Buch lag zwischen zwei dicken, schweren Wälzern, so unscheinbar, dass sie es fast übersehen hätte. Es hatte einen Einband aus dunklem Stoff, der an Nacht erinnerte – kein Muster, keine Schrift, kein Titel.
Ein leeres Buch.
Und trotzdem… wirkte es nicht leer.
Es wirkte wach.
Mira beugte sich herab und hob es vorsichtig an. Der Stoff fühlte sich glatt an, aber auch rau, wie Sandpapier unter Seide. Ihre Finger prickelten erneut. Ein Stich durchzuckte ihre Hand – scharf, aber kurz. Wie ein Nadelstich.
Sie schnappte leise nach Luft.
„Alles ok?“, fragte Lea hinter ihr.
Mira nickte. „Ich glaube… ja.“
„Was hast du da?“, fragte Jan und spitzte neugierig die Lippen.
„Ein Buch ohne Titel.“
Mira hielt es hoch.
„Cool. Mach mal auf.“
Sie schlug die erste Seite auf.
Leere.
Häuserhoch, rein, schneeweiss – wie frisch aus einer Druckerei. Keine Verfärbungen, keine Flecken, nichts.
Sie blätterte weiter. Die Seiten waren genau gleich: weiss, gleichmässig, fast unnatürlich perfekt.
„Vielleicht ein Notizbuch?“, sagte Jan.
„Oder ein Tagebuch“, meinte Lea.
Doch Mira fühlte: Das war kein Notizbuch.
Es fühlte sich ausgesucht leer an.
So leer, dass es nicht zufällig sein konnte.
„Ich nehme es mit nach Hause“, sagte sie.
„Sicher?“, fragte Jan. „Irgendwie… fühlt es sich komisch an.“
„Ja“, sagte Mira entschlossen. „Ich will wissen, was das ist.“
Doch kaum hatte sie das Buch fest an sich gedrückt, da passierte etwas Merkwürdiges.
Sie stellte fest, dass der Regen draussen wieder begonnen hatte – obwohl die Wolken zuvor aufgerissen waren. Ein kalter Wind strich durch den Flur und liess die Seiten anderer Bücher flattern.
Das Licht im Flur flackerte.
Nur einmal.
Aber deutlich.
Mira zog die Schultern hoch.
„Vielleicht sollten wir gehen“, sagte Lea leise.
„Ja“, stimmte Jan zu. „Ganz ehrlich – es fühlt sich an, als würde irgendwer… zuschauen.“
Sie gingen zu dritt nach draussen, unter den überdachten Eingang der Schule. Der Regen trommelte kräftig gegen das Vordach, als wäre er plötzlich wütend geworden.
Mira nahm das Buch unter ihren Arm. Sie merkte, wie warm es war. Fast heiss. Als würde es ihre Körperwärme aufsaugen – oder eine eigene erzeugen.
Ein Windstoss fuhr über den Schulhof.
Und Mira hörte – ganz klar – ein leises Flüstern.
Nicht von irgendwo.
Sondern direkt neben ihr.
Sie drehte sich um.
Niemand.
„Hast du das gehört?“, fragte sie.
„Was?“, wollte Jan wissen.
„Ein Flüstern.“
„Der Wind?“
„Vielleicht“ sagte Mira. Aber sie glaubte es nicht.
Als sie das Buch fester umklammerte, stach es wieder in ihrer Hand. Diesmal etwas stärker. Sie sah herunter, erwartete Blut – aber da war nichts. Keine Wunde. Keine Rötung.
Nur das Buch.
Lea schaute besorgt. „Vielleicht bist du allergisch oder so?“
„Nein. Es fühlt sich nur… seltsam an.“
Sie gingen ein paar Schritte weiter die Strasse entlang, bis sich ihre Wege trennten. Normalerweise diskutierten sie auf dem Heimweg noch über Hausaufgaben, Lehrer oder dumme Witze. Doch heute war alles anders.
Mira verabschiedete sich und ging allein weiter.
Der Wind legte sich. Der Regen wurde leiser. Es war, als würde die Welt um sie herum in einen gedämpften Zustand gleiten, als würde jemand die Lautstärke herunterdrehen.
Nur das Buch war laut.
Nicht akustisch.
Aber in ihrem Kopf.
Sie legte die Hand wieder auf den Einband.
Das Kribbeln kam sofort.
Das Pulsieren.
Und etwas anderes… etwas, das sie fast erschreckte.
Ein Klopfen.
Nicht wie ein Herzschlag.
Eher wie…
… als würde jemand von innen gegen die Seite klopfen.
Mira blieb mitten auf dem Gehweg stehen.
„Das bilde ich mir ein“, flüsterte sie.
Sie ging weiter. Schnell.
Doch das Klopfen blieb.
Zu Hause angekommen, warf sie Jacke und Rucksack ab und ging direkt in ihr Zimmer. Ihre Mutter rief ihr etwas wegen des Abendessens zu, doch Mira antwortete nur kurz und schloss die Tür hinter sich.
Sie setzte sich auf ihr Bett und legte das Buch vor sich hin.
Der Einband schimmerte im schwächlichen Licht ihrer Schreibtischlampe. Nicht stark. Nur ein Hauch. Als würde sich Licht in der Oberfläche verlieren und irgendwo tiefer drinnen wiedergefunden werden.
„Was bist du?“, flüsterte Mira.
Sie schlug die erste Seite auf.
Wieder weiss.
Aber diesmal nicht ganz.
Ein winziger Punkt war in der Ecke. Schwarz. Fast wie ein winziger Tintenfleck.
„War der vorhin schon da?“, murmelte sie.
Sie blätterte um.
Die nächste Seite: auch weiss.
Dann die dritte.
Vierte.
Bis sie wieder zurückblätterte – und stockte.
Der schwarze Punkt war grösser geworden.
Jetzt war es ein Wort.
Ein einziges.
Klein, gestochen scharf, in einer ganz dünnen Schrift, die wirkte, als wäre sie gerade erst geschrieben worden.
„Hallo.“
Mira hielt den Atem an.
Das Buch hatte auf sie reagiert.
„Nein“, flüsterte sie. „Das kann nicht sein.“
Sie schloss das Buch.
Wartete.
Das Zimmer war still.
Dann öffnete sie es wieder.
Das Wort war noch da.
Aber darunter stand nun ein zweites.
„Mira.“
Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Das Buch wusste ihren Namen.
Sie liess es fallen und sprang auf. Das Buch klappte zu und rutschte ein paar Zentimeter über die Bettdecke.
Mira atmete schwer.
„Ich träume“, sagte sie laut. „Ich träume das nur.“
Doch das glaubte sie selbst nicht.
Langsam, mit zitternden Fingern, griff sie nach dem Buch. Es fühlte sich wieder warm an. Freundlich warm. Oder besitzergreifend warm. Sie konnte den Unterschied nicht sagen.
Sie öffnete es erneut.
Die beiden Wörter waren geblieben. Doch jetzt stand darunter noch eine dritte Zeile.
Eine, die ihr das Blut in den Adern gefrieren liess.
„Darf ich deine Geschichte erzählen?“
Eine unerklärliche Mischung aus Neugier und Furcht packte sie. Mira wollte schreien, wollte weglaufen, wollte das Buch ins Regal stopfen und nie wieder ansehen – und gleichzeitig wollte sie wissen, was passieren würde.
Sie schluckte.
„Nein“, flüsterte sie.
Das Licht flackerte.
Als sie wieder aufs Blatt sah, standen neue Wörter dort.
„Zu spät.“
Und plötzlich spürte sie es.
Ein Sog, der von den Seiten ausging.
Ein Ziehen an ihrem Bewusstsein.
Nicht stark.
Nicht gefährlich.
Noch nicht.
Aber deutlich.
Und kalt.
Das war der Moment, in dem Mira wusste:
Dieses Buch war keine Spende.
Es war eine Einladung.
Oder eine Falle.
Und sie hatte sie angenommen.
Den Rest des Tages ging Mira das Buch nicht mehr aus dem Kopf. Sie hatte es schliesslich in eine Schublade ihres Schreibtisches gelegt, so weit hinten, dass sie sich einreden konnte, es sei einfach nur irgendein Schulheft, das sie vergessen hatte. Trotzdem meinte sie immer wieder, ein leises Rascheln zu hören – so, als würden sich die Seiten in der Dunkelheit ganz von selbst bewegen.
Sie machte ihre Hausaufgaben, mehr oder weniger konzentriert, ass mit ihren Eltern zu Abend, hörte halb zu, als ihre Mutter von der Arbeit erzählte und ihr Vater irgendetwas über einen nervigen Kollegen murmelte. Die Geräusche des Alltags prallten an ihr ab wie Regentropfen an einer Fensterscheibe.
In ihrem Inneren aber war alles auf das Buch gerichtet. Auf die Worte, die nicht dort hätten sein dürfen:
„Hallo. Mira. Darf ich deine Geschichte erzählen?“
„Zu spät.“
Zu spät wofür?
Als es draussen langsam dunkel wurde und die Strassenlaternen ein gelbliches Licht auf den Gehsteig warfen, blieb Mira am Fenster stehen. Sie beobachtete, wie sich die Schatten an den Hauswänden länger zogen, wie eine Katze am Rand der Hecke entlangschlich, wie aus einzelnen Fenstern in den Nachbarhäusern Licht aufflammte.
Normalerweise wäre das der Moment gewesen, in dem sie an etwas anderes gedacht hätte: an die nächste Kletterstunde mit Lea und Jan, an den Filmabend am Wochenende oder an die verrückten Geschichten, die Grossmutter Elvira manchmal erzählte, wenn sie zu Besuch war.
Bei dem Gedanken an Elvira zuckte etwas in ihrem Bauch, wie ein kleines, aufglimmendes Licht.
Wenn irgendjemand eine Erklärung für ein Buch haben konnte, das von selbst schrieb, dann sie.
Elvira wusste Dinge. Manchmal wusste sie sie, bevor sie passierten. Manchmal kannte sie Geschichten, die niemand sonst zu kennen schien. Und manchmal schaute sie Mira, Lea und Jan mit einem Blick an, in dem so viel mehr steckte, als sie laut aussprach.
Mira wandte sich vom Fenster ab.
„Ich rufe sie an“, murmelte sie.
Sie kroch unter den Schreibtisch, zog die Schublade auf und starrte einen Moment auf den dunklen Einband. Das Buch lag dort, still. Nichts flackerte, nichts raschelte. Es hätte ebenso gut ein ganz normales, langweiliges Notizbuch sein können.
Doch Mira spürte, wie der Raum kühler wurde, je länger sie es ansah.
„Du kommst mit“, flüsterte sie.
Sie griff danach, wartete kurz, ob wieder ein Stich durch ihre Hand zucken würde. Nichts. Das Buch fühlte sich nur trocken an, etwas rau, aber nicht anders als vorher.
„Vielleicht war das alles nur…“, begann sie, brach aber ab. Sie wusste, dass das nicht stimmte.
Sie steckte das Buch in ihren Rucksack, zog den Reissverschluss zu und ging ins Wohnzimmer.
„Mama?“, fragte sie vorsichtig. „Ist es ok, wenn ich kurz zu Grossmutter Elvira gehe? Nur für eine Stunde oder so. Ich habe eine Frage für ein Schulprojekt.“
Ihre Mutter sah von dem Stapel Papierkram auf, den sie für die Arbeit sortierte. „Jetzt noch? Es ist schon spät.“
„Es ist noch nicht so spät“, sagte Mira. „Und morgen habe ich lange Schule, da wird es vielleicht nichts.“
Ihr Vater hob den Kopf hinter seiner Zeitung hervor. „Wenn du gleich losgehst und um halb neun wieder da bist, ist es in Ordnung“, sagte er. „Aber nicht später. Und Handy mitnehmen.“
„Mache ich“, sagte Mira schnell.
„Grüss Elvira von mir“, rief ihre Mutter noch hinterher, während Mira sich schon die Schuhe anzog und die Jacke vom Haken riss. „Und frag sie, ob sie Sonntag zum Essen kommt!“
„Mach ich!“, antwortete Mira, obwohl sie bezweifelte, dass sie daran denken würde.
Sie schnappte sich ihren Rucksack, schob das Handy in die Jackentasche und trat nach draussen.
Die Luft war kühl und roch nach nassem Asphalt. Es hatte früh am Abend noch kurz geregnet, doch jetzt war der Himmel klarer, einige Sterne blinkten zwischen den Wolkenfetzen hindurch. Die Strasse, die zu Elviras Haus führte, war ihr vertraut: die leicht schiefe Laterne an der Ecke, der Gartenzaun mit dem wackelnden Brett, der kleine Platz mit dem alten Baum, dessen Äste wie knochige Finger in den Himmel ragten.
Auf halbem Weg blieb sie kurz stehen und hörte.
Schritte. Ihre eigenen. Der leichte Wind. Sonst nichts.
Und dennoch hatte sie das Gefühl, begleitet zu werden.
Sie legte die Hand an den Rucksack, genau an die Stelle, an der das Buch lag. Unter dem Stoff war es warm.
„Benimm dich“, murmelte sie, und hörte selbst, wie verrückt das klang. Zu einem Buch sprechen. Aber wenigstens musste es nicht zurückreden.
Noch nicht.
Elviras Haus war eines dieser alten Häuser, die man in der Strasse schon von weitem erkannte. Die Fassade war gelblich, die Farbe an manchen Stellen abgeblättert, doch nicht ungepflegt. Eher so, als hätte das Haus eine lange Geschichte zu erzählen. Am Fenster im oberen Stock hing wie immer die gleiche Spitzengardine, und davor stand eine kleine Eule aus Metall, die Elvira einmal auf dem Flohmarkt gekauft hatte, „weil sie mich so freundlich angeschaut hat“.
Mira drückte auf die Klingel. Das typische, leicht heisere Läuten ertönte.
Ein Moment lang blieb es still.
Dann hörte sie Schritte. Das vertraute Knarren der Dielen.
Die Tür ging auf.
Elvira stand da, in einem weiten, dunkelblauen Rock, einer grünen Strickjacke und mit hochgesteckten, silbergrauen Haaren, aus denen sich wie immer ein paar Strähnen lösten. Ihre Augen waren hell und wach, und in den Winkeln lagen kleine Fältchen, die aussahen wie winzige Sonnenstrahlen.
„Mira“, sagte sie, und lächelte. „Du kommst spät.“
„Ich weiss“, gab Mira zu. „Darf ich reinkommen? Es ist… wichtig.“
Elvira legte den Kopf leicht schief, so, wie sie es oft tat, wenn sie etwas spürte, das noch nicht ausgesprochen war. „Wichtig also“, sagte sie langsam. „Dann komm mal rein, bevor dir die Kälte in die Knochen kriecht.“
Mira trat in den Flur. Es roch nach Kräutertee und einer Spur von etwas Rauchigem – vielleicht von den getrockneten Kräutern, die in kleinen Bündeln an der Wand hingen.
„Setz dich schon mal ins Wohnzimmer“, sagte Elvira. „Ich koche Tee. Kamille? Oder etwas Stärkeres? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.“
„So ungefähr“, murmelte Mira.
Elvira war schon in der Küche verschwunden. Mira zog ihre Schuhe aus, schlurfte in ihre Lieblingshausschuhe, die Elvira für sie dort aufbewahrte, und ging ins Wohnzimmer. An den Wänden standen Regale voller Bücher, alte Fotos, seltsame Figuren aus Holz und Stein. Ein grosses, weiches Sofa dominierte die Mitte, daneben ein niedriger Tisch mit Wachstuchdecke.
Sie setzte sich, liess den Rucksack neben sich auf dem Sofa fallen und hörte, wie in der Küche Wasser in einen Topf gegossen wurde, wie eine Schublade auf- und zuging, wie Tassen leicht gegeneinander klirrten.
Mira holte das Buch aus dem Rucksack.
Der Einband wirkte im warmen Licht des Wohnzimmers noch dunkler, fast schwarz. Kein Titel, keine Verzierungen. Es sah aus wie ein Loch aus Nacht, in das man jederzeit hineinfallen konnte.
Sie legte es auf den Tisch.
Als Elvira mit dem Teetablett hereinkam, blieb sie in der Tür stehen. Ihre Augen wanderten zuerst zu Mira, dann zu dem Buch. Einen winzigen Moment lang fror sie ein – kaum wahrnehmbar, aber Mira bemerkte es.
„Wo hast du das her?“, fragte Elvira.
Ihre Stimme klang nicht mehr ganz so warm wie eben.
„Aus der Schule“, sagte Mira. „Heute. Da war ein Bücherwagen. Eine Spende aus einem Archiv oder so. Und dieses Buch war dabei. Ich… ich dachte erst, es wäre leer.“
Elvira stellte das Tablett auf den Tisch. Ihre Finger berührten dabei beinahe das Buch, aber nur beinahe. Sie zog sie zurück, als hätte sie sich erinnert, dass die Platte heiss sein könnte.
„Dachtest du“, wiederholte sie leise.
Mira nickte.
„Ist es nicht?“, fragte Elvira.
„Nein“, sagte Mira.
Sie öffnete das Buch auf der ersten Seite. Das Papier schimmerte leicht im Licht. Die Worte, die nun dort standen, hatten sich seit dem Nachmittag verändert.
Sie waren mehr geworden.
Ganz oben stand noch immer „Hallo. Mira. Darf ich deine Geschichte erzählen?“. Darunter, etwas dunkler, klarer, stand nun:
„Zu spät. Ich habe schon angefangen.“
Und darunter folgten einige Sätze, die Mira beim letzten Blick noch nicht gesehen hatte. Sie las laut:
„Mira steht im Wohnzimmer ihrer Grossmutter und hält ein Buch, das zu viel weiss. Sie spürt, wie die Luft um sie herum dichter wird. Ihre Grossmutter weiss mehr, als sie sagt.“
Mira verstummte. Sie sah auf. Elvira schaute sie an, und in ihrem Blick lag eine Mischung aus Besorgnis und etwas, das Mira nicht richtig einordnen konnte. Vielleicht Angst. Vielleicht Schuld.
„Das…“, sagte Mira langsam, „das hat vorhin noch nicht dort gestanden.“
Elvira setzte sich ihr gegenüber, griff nach der Teekanne und goss das dampfende Getränk vorsichtig in zwei Tassen. Ihr Blick blieb dabei erstaunlich ruhig, doch die kleine Falte zwischen ihren Augenbrauen verriet Mira, dass in ihrem Kopf gerade sehr viel arbeitete.
„Erzähl mir alles“, sagte Elvira. „Von Anfang an.“
Mira erzählte. Von der Kiste im Klassenzimmer, von dem Mann mit dem alten Holzwagen, von dem Hinweis „Sonderbestand: Mythologische Werke und Unikate“. Vom Flur, von dem Eigenleben der Bücher, von dem Moment, in dem sie das titellose Buch zum ersten Mal ergriffen hatte. Vom Stich in ihrer Hand, vom Flüstern im Schulhof, vom ersten Schriftzug „Hallo“, von den neu auftauchenden Worten.
Elvira unterbrach sie kaum. Nur manchmal nickte sie oder zog kurz scharf die Luft ein, wenn Mira bestimmte Details erwähnte.
Als Mira fertig war, war der Tee bereits leicht abgekühlt. Elvira nahm ihre Tasse, blies über die Oberfläche und nahm einen Schluck. Mira rührte nur in ihrem Tee, ohne zu trinken.
„Grossmutter“, sagte sie leise. „Was ist das für ein Buch?“
Elvira stellte ihre Tasse ab. Ihre Hände lagen flach auf den Knien. Sie wirkte plötzlich müde.
„Manche Bücher“, begann sie, „wollen gelesen werden. Das braucht man dir nicht zu sagen, Mira. Du kennst das Gefühl. Du siehst ein Cover, einen Titel, und irgendetwas in dir sagt: Genau dich nehme ich mit.“
Mira nickte zögernd.
„Aber es gibt auch… andere Bücher“, fuhr Elvira fort. „Bücher, die nicht nur gelesen werden wollen. Sie wollen… zurücklesen.“
Im Zimmer wurde es merklich stiller. Mira hätte geschworen, dass sogar die Uhr an der Wand einen Moment mit dem Ticken pausierte.
„Zurücklesen?“, wiederholte sie.
„Sie beobachten ihre Leser“, sagte Elvira. „Sie saugen auf, was du fühlst, was du denkst, was du vergisst, wovor du Angst hast. Sie schreiben es auf, manchmal so, dass du es erkennst, manchmal versteckt zwischen Zeilen und Randnotizen. Und wenn du nicht aufpasst, dann hörst du auf, zu bestimmen, was in deinem Leben passiert. Dann liest du nicht mehr ein Buch, sondern das Buch liest dich.“
Mira schauderte. Sie sah auf den Einband. Das Buch lag still. Aber sie spürte plötzlich ganz deutlich, wie es da war. Wie es zuhörte. Wie es wartete.
„Hast du so etwas schon einmal gesehen?“, fragte sie.
Elvira schwieg einen Moment. Ihr Blick wanderte zu einem der Bücherregale, blieb an einem bestimmten Fach hängen. Mira folgte ihrem Blick, sah aber nichts Besonderes. Nur alte Romane, ein paar seltsame, dicke Bände mit vergilbten Rücken, eine kleine Eule aus Holz.
„Nicht genau dieses“, sagte Elvira schliesslich. „Aber ich kenne Geschichten. Alte Geschichten. Geschichten, die so alt sind, dass viele Leute sie für Märchen halten. Und doch…“ Sie legte den Kopf leicht schief. „… steckt in ihnen mehr Wahrheit, als man glauben möchte.“
Mira beugte sich nach vorn. „Erzähl mir eine davon.“
Elvira atmete tief ein, als müsse sie sich selbst daran erinnern, wie weit sie gehen wollte. Dann nickte sie langsam.
„Gut“ sagte sie. „Aber du musst mir versprechen, dass du zuhörst. Wirklich zuhörst. Und dass du nichts tust, bevor wir darüber gesprochen haben. Vor allem nichts allein.“
Mira nickte ernsthaft. „Versprochen.“
„Dann fange ich an“, sagte Elvira. Sie schien kurz in eine Ferne zu blicken, die nicht im Zimmer lag, sondern irgendwo tief hinter ihren Augen. „Du kennst doch die Stadtbibliothek, oder?“
„Klar“ sagte Mira. „Da waren wir schon oft. Mit der Klasse. Und mit dir.“
„Was du nicht kennst“, sagte Elvira, „ist das, was darunter liegt.“
Mira runzelte die Stirn. „Darunter? Du meinst den Keller?“
„Nicht den üblichen Keller“, erwiderte Elvira. „Ich meine die Schattenbibliothek.“
Das Wort war kaum verklungen, da schien die Luft im Zimmer einen Hauch kühler zu werden. Mira bekam eine Gänsehaut am Unterarm.
„Schattenbibliothek“, wiederholte sie. „Was ist das?“
Elvira legte die Hände aneinander und verschränkte die Finger. Ihre Stimme nahm nun den Ton an, den sie immer hatte, wenn sie eine Geschichte erzählte, die wichtig war. Eine, die nicht einfach nur zur Unterhaltung da war.
„Vor vielen Jahren“, begann sie, „als die Stadtbibliothek noch nicht so aussah wie heute, gab es unter ihr einen zusätzlichen Bereich. Nicht offiziell. Nicht für alle. Nur für bestimmte Leute. Manchmal nannten sie ihn das Archiv der besonderen Bände. Manchmal das Untergeschoss. Aber unter denen, die davon wussten, hatte er noch einen anderen Namen.“
Sie machte eine kurze Pause.
„Schattenbibliothek.“
Mira hörte das leise Ticken der Uhr an der Wand wieder einsetzen. Es klang plötzlich lauter als zuvor.
„In dieser Schattenbibliothek standen keine gewöhnlichen Bücher“, fuhr Elvira fort. „Es waren Bände, die man nicht einfach so ausleihen konnte. Manche davon waren sehr alt, älter als die Stadt selbst. Andere waren so neu, dass man nicht verstehen konnte, wie sie überhaupt schon existieren konnten. Und wieder andere waren… naja… wie deines hier.“
Sie deutete auf das namenlose Buch auf dem Tisch.
„Bücher, die Dinge wussten. Die sich veränderten. Die manchmal mehr über ihre Leser wussten, als ihren Lesern lieb sein konnte.“
Mira schluckte. „Und wer hat dort gelesen?“
„Forscher. Bibliothekare, die mehr wissen wollten als die üblichen Besucher. Leute, die sich für Geschichten interessierten, die nie auf Bestsellerlisten auftauchen würden. Manche von ihnen waren vorsichtig. Andere nicht.“
„Und was ist passiert?“, fragte Mira. Sie wusste, dass etwas passiert sein musste. Das spürte man an Elviras Stimme.
Elvira verschränkte ihre Finger noch enger ineinander. „Es gab einen Brand.“
Das Wort hing schwer im Raum.
„In der Zeitung stand damals“, sagte sie, „dass ein Kurzschluss in einem alten Kabel einen Teil des Kellers in Brand gesetzt hätte. Einige Regale seien verloren gegangen, aber zum Glück hätte sich das Feuer nicht auf die oberen Stockwerke ausgebreitet.“
Sie schnaubte leise. „Das war die offizielle Version. Die, die man den Leuten erzählt hat.“
„Und die andere?“, fragte Mira.
Elvira sah sie prüfend an, als wolle sie sicher sein, dass Mira wirklich bereit war, das zu hören.
„Die andere Version ist, dass ein Buch nicht zurück in sein Regal gestellt wurde“, sagte sie leise. „Ein sehr altes Buch. Eines, dem jemand Fragen gestellt hat, auf die er keine Antwort hätte haben dürfen. Es gibt Geschichten darüber, dass dieses Buch angefangen habe, nicht nur Sätze zu schreiben, sondern… Dinge wachsen zu lassen. Schatten, die sich an den Wänden entlangzogen, Wörter, die aus den Seiten krochen wie Rauch, nur dass man sie nicht wegwischen konnte. Und irgendwann…“ Sie machte eine kleine Handbewegung, die einen sich ausbreitenden Funken andeutete. „… entzündet sich so etwas.“
Mira starrte Elvira an. „Du meinst, das Buch hat den Brand gelegt?“
„Manche sagen das“, antwortete Elvira. „Andere sagen, das sei Unsinn, und es sei tatsächlich nur ein Kabel gewesen. Aber erstaunlicherweise wollte nach diesem Brand niemand mehr in den alten Keller hinunter. Die Schattenbibliothek wurde geschlossen, die Tür versiegelt. Und mit der Zeit redete man nicht mehr darüber.“
„Aber du weisst es“, sagte Mira.
Elvira zuckte mit einer Schulter. „Ich war jung damals. Aber ich habe zugehört. Und ich habe die Art gesehen, wie manche Leute schwiegen. Es gibt viele Arten zu schweigen, weisst du? Man kann schweigen, weil man etwas vergessen hat. Oder weil man nichts zu sagen hat. Oder weil man hofft, dass eine Geschichte nicht wieder aufwacht, wenn man ihren Namen nicht ausspricht.“
Mira dachte an die Inschrift an der Tür der Kiste: „Sonderbestand: Mythologische Werke und Unikate“. An das Flackern des Lichts im Flur. An den Stich in ihrer Hand. An das Flüstern.
„Glaubst du“, fragte sie langsam, „dass dieses Buch aus der Schattenbibliothek kommt?“
Elvira sah sie ernst an. „Ich glaube“, sagte sie, „dass Bücher manchmal Wege finden. Wege aus Kellern, in denen sie eingeschlossen wurden. Wege in Kisten, die man als Spende deklariert. Wege zu Menschen, die empfänglich sind.“
„Ich bin nicht empfänglich“, protestierte Mira schwach. „Ich habe es nur zufällig genommen.“
Elvira hob eine Augenbraue. „Hast du? Oder hat es dich genommen?“
Mira erinnerte sich an das Ziehen im Flur. An das Gefühl, dass ihre Hand sich fast von selbst nach dem Buch ausgestreckt hatte.
„Ich…“, begann sie, brach aber ab. „Was will es denn von mir?“
Elvira sah auf die geöffnete Seite. Die Schrift wirkte nun dunkler, dichter, fast so, als hätte jemand gerade eben mit neuer Tinte darüber gezogen.
„Vielleicht will es nur deine Aufmerksamkeit“, sagte sie. „Vielleicht will es deine Erinnerungen. Vielleicht will es mehr. Wir wissen es nicht. Noch nicht.“
„Wie kann ich es loswerden?“, fragte Mira. „Ich kann es doch einfach wieder in die Schule bringen und irgendwo hinlegen, oder?“
Elvira schüttelte langsam den Kopf. „Ich fürchte, so einfach ist es nicht mehr. Wenn du einmal angefangen hast, gelesen zu werden, lässt dich so ein Buch nicht gerne wieder los.“
„Aber ich will nicht, dass es meine Geschichte erzählt“, sagte Mira. „Das ist mein Leben.“
„Dann musst du darauf achten, wer den Stift hält“, antwortete Elvira leise.
Mira verstand nicht ganz, aber sie spürte, dass es wichtig war.
„Gibt es etwas, das wir tun können?“, fragte sie.
Elvira schwieg einen Moment, atmete tief ein und aus. Dann stand sie auf, ging zu einem der Regale und zog ein sehr schmales, unscheinbares Heft hervor. Der Umschlag war grau, ohne Titel. Sie blätterte darin, als ob sie etwas suche.
„Es gibt alte Regeln“, sagte sie, während sie las. „Dinge, die man tun kann, um Bücher zu beruhigen, die zu laut geworden sind. Manchmal hilft ein Siegel. Manchmal eine bestimmte Art, wie man sie liest. Manchmal darf man sie gar nicht lesen, sondern nur… gegenlesen.“
„Gegenlesen?“, fragte Mira.
Elvira sah auf. „Du schreibst zurück“, sagte sie. „Du lässt nicht zu, dass nur das Buch bestimmt, was auf den Seiten steht. Du setzt deine eigenen Wörter dagegen. Deine eigene Version. Damit hältst du einen Teil der Kontrolle. Zumindest sagt man das.“
Mira sah auf das Buch. Es schien beinahe gespannt auf sie zu warten. Ob es hören konnte, was sie gerade besprachen? Ob es sich darüber lustig machte? Oder ob es sich nur noch mehr bestätigt fühlte in dem, was es tat?
„Aber wenn ich hineinschreibe“, sagte sie, „gebe ich ihm doch noch mehr von mir, oder nicht?“
Elvira nickte langsam. „Das ist das Gefährliche daran. So oder so gibst du ihm etwas. Die Frage ist, ob du dir aussuchst, was du gibst.“
Mira spürte, wie sich ein Knoten in ihrem Bauch formte. „Ich will keinen Fehler machen.“
„Deshalb bist du hier“, sagte Elvira sanft. „Und deshalb werden wir das nicht übereilt entscheiden.“
Sie schloss das dünne Heft und legte es zur Seite. Dann griff sie nach dem namenlosen Buch, allerdings mit einem Taschentuch in der Hand, als wolle sie direkten Kontakt vermeiden, und schlug es vorsichtig um ein paar Seiten weiter hinten auf.
Die nächsten Blätter waren noch leer.
„Siehst du diese Leere?“, fragte Elvira.
„Ja.“
„Es ist hungrig.“ Elviras Stimme war kaum lauter als ein Flüstern. „Aber sie ist auch eine Chance. Solange nicht alles vollgeschrieben ist, kannst du noch mitbestimmen, was darauf erscheint.“
„Und wenn es mich trotzdem verschlingt?“, fragte Mira.
„Dann habe ich dich früher schlecht erzogen“, sagte Elvira mit einem leisen Lächeln, das allerdings schnell wieder verschwand. „Mira, du bist nicht wehrlos. Du bist klug. Du bist nicht allein. Du hast Lea und Jan. Und du hast mich.“
Beim Gedanken an ihre Freunde wurde Mira etwas wärmer ums Herz. Sie stellte sich vor, wie Jan das Buch von allen Seiten untersuchte, auf der Suche nach einem rationalen Erklärungsmodell. Und wie Lea vielleicht einen ihrer frechen Sprüche machte, um die Spannung zu lösen.
„Ich soll es ihnen erzählen?“, fragte sie.
„Nicht heute“, meinte Elvira. „Aber bald. So etwas trägt man nicht allein. Sonst wird die Geschichte zu schwer.“
Sie klappte das Buch wieder zu, deckte es mit ihrer Handfläche ab – diesmal ganz ohne Taschentuch – und schloss die Augen. Einen Moment lang war es, als würde die Luft im Zimmer vibrieren. Miras Ohren rauschten leicht, wie vor einem Gewitter. Dann öffnete Elvira die Augen wieder und zog die Hand zurück.
„Was hast du gemacht?“, fragte Mira.
„Ich habe ihm gesagt, dass es warten soll“, antwortete Elvira. „Nur ein bisschen. Damit du in Ruhe schlafen kannst.“
„Und es hört auf dich?“
Elvira schwieg einen Moment und schien in sich hineinzuhorchen. „Es hört“, sagte sie schliesslich. „Ganz sicher bin ich mir nie. Bücher sind wie Menschen. Manche lassen sich überzeugen. Andere nicht.“
Mira biss sich auf die Lippen. „Und wenn es zu der Sorte gehört, die nicht hören?“
„Dann werden wir es herausfinden“, sagte Elvira. „Aber nicht heute Abend. Dein Vater will, dass du um halb neun wieder zu Hause bist, stimmt das?“
Mira blinzelte. „Woher weisst du das?“
Elvira lächelte nur schwach. „Ich höre zu“, sagte sie. „Und ausserdem weiss ich, wie er ist.“
Mira schaute auf die alte Standuhr in der Ecke. Es war tatsächlich schon später, als sie gedacht hatte.
„Nimm das Buch mit“, sagte Elvira. „Aber lass es heute Nacht zu. Egal, was passiert. Egal, ob es klopft oder flüstert oder deinen Namen auf jede Seite schreibt. Du öffnest es nicht.“
„Gar nicht?“
„Gar nicht“, sagte Elvira bestimmt. „Morgen nach der Schule kommst du wieder her. Und wenn du dich nicht allein traust, nimmst du Lea und Jan mit. Dann sehen wir weiter. Und vielleicht…“ Sie betrachtete den Einband noch einmal nachdenklich. „… vielleicht müssen wir dann doch in die Stadtbibliothek.“
„In die Stadtbibliothek?“
„In die offizielle“, sagte Elvira. „Um herauszufinden, was mit der Inoffiziellen passiert ist. Und ob sie wirklich so gut verschlossen ist, wie man uns glauben machen will.“
