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Frieke entdeckt in ihrem Zimmer alte Zeichnungen – und damit eine Tür in die Vergangenheit. Als Friekes Familie zerbricht, flüchtet sie sich immer häufiger in die alten Bilder und in eine geheimnisvolle Freundschaft mit der rätselhaften Lisabeth. Doch deren Vergangenheit im Schatten des NS-Regimes wirft dunkle Fragen auf. Was verbirgt sich hinter den Zeichnungen? Zwischen Gegenwart und Vergangenheit muss Frieke herausfinden, wie viel Mut Wahrheit braucht – und ob sie Lisabeth retten kann.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Frieke ist zornig – über die Trennung ihrer Eltern, auf den Freund ihres Vaters, über die Aussicht, umziehen zu mьssen. Doch die neue Wohnung birgt ein Geheimnis: Unter den Tapeten kommen alte Zeichnungen zum Vorschein, und wenn Frieke diese Bilder berьhrt, kann sie in die Vergangenheit reisen!
So lernt sie die gleichaltrige Ilsabeth kennen, die ihre Zeichnungen vor fast hundert Jahren an den Wänden verewigt hat. Die beiden Mädchen freunden sich an, und in Ilsabeths heiler Familie findet Frieke all das, was sie in der Gegenwart so sehr vermisst. Immer häufiger reist sie in die späten 1920er – aber nicht alles an dieser Zeit ist so toll, wie es Frieke zuerst erscheint. Und die Schatten der Vergangenheit reichen bis in ihre eigene Gegenwart …
Maja Ilisch
Junihitze lag in der Luft und der Geruch nach alter Frau. Frieke erkannte ihn sofort, kaum dass sie durch die Wohnungstür waren – es war dieser ganz bestimmte Geruch, ein bisschen warm, ein bisschen säuerlich, salzig und bitter und süß zugleich … Kein wirklich angenehmer Geruch, aber ein vertrauter. So hatte es früher immer bei ihrer Uroma gerochen. Vielleicht war das eine bestimmte Seife, die alte Frauen besonders liebten, oder ein Waschmittel, Puder, irgendwas im Badezimmer – vielleicht waren es aber auch die alten Frauen selbst, die so rochen. Die Hitze verstärkte das Ganze noch, und wer konnte schon sagen, wann hier zuletzt richtig gelüftet worden war.
Der Geruch kroch Frieke zur Nase herein und breitete sich in ihrem Hirn aus, kitzelte dort Erinnerungen wach an die Uroma, die schon vor drei oder vier Jahren gestorben war, und Frieke musste sich auf die Lippen beißen, um nicht noch unglücklicher zu werden, als sie das ohnehin schon war. Sie wusste, hier wollte sie nicht bleiben. Nicht für eine halbe Stunde. Und erst recht nicht für den Rest ihres Lebens.
»Tja, ich hab Sie ja schon vorgewarnt«, sagte Herr Thaler. »Hier ist noch eine Menge Arbeit reinzustecken, zum sofort Einziehen ist das nichts.«
Friekes Mutter lachte gezwungen. »Es brennt ja nicht«, sagte sie. »Mein Mann und ich … Mein Noch-Mann und ich … wir trennen uns einvernehmlich. Wichtig ist, dass die Wohnung schön groß ist, groß genug für meine Töchter und mich.«
Frieke blinzelte die Tränen weg und nahm die Hände hinter den Rücken, um sie dort, wo es niemand sehen konnte, zu Fäusten zu ballen. Am liebsten hätte sie ihre Mutter angeschrien, dass sie still sein solle – das alles ging diesen Mann überhaupt nichts an, gehörte nicht in alle Welt hinausposaunt, zum Lachen war daran gar nichts, und überhaupt – einvernehmlich! Wenn sie das schon hörte … Aber Frieke sagte nichts. Nicht einmal ganz leise.
»Ich führe Sie dann mal rum«, sagte Herr Thaler. Die Treppen in den zweiten Stock hatten ihn etwas atemlos gemacht. »Die Möbel sind zum allergrößten Teil schon geräumt, aber dadurch sieht man erst recht, was hier alles gemacht werden muss.«
»Wie lange hat die Dame hier gewohnt?«, fragte Friekes Mutter und schien selbst erleichtert, das Thema wieder wechseln zu können. Dabei hatte sie ja selbst von der Trennung angefangen! Und Frieke konnte das sogar ein bisschen verstehen. Manchmal taten Sachen so weh, dass man entweder immerzu darüber reden musste oder gar nicht. Frieke war für gar nicht, aber ihre Mutter …
»Das müssen gut über siebzig Jahre gewesen sein«, sagte der Vermieter. »Ist nach dem Krieg hier eingezogen mit ihrer Familie. Ich habe das Haus seit achtzehn Jahren, da gehörte sie schon zum Inventar.«
Während er sprach, schob er die erste Tür zur Rechten auf. Es wurde heller im Flur, der sich lang und schmal zog bis zu einer Tür an seinem Ende. Die Tapete machte ihn noch ungemütlicher, da krochen breite dunkelrote Muster über die Wand wie Blutspuren, und den Fußboden bedeckte ein alter Teppich, dessen ursprüngliche Farbe niemand mehr kannte – ein undefinierbares festgetrampeltes Braun, das einmal alles gewesen sein konnte.
In dem Zimmer, das Herr Thaler nun betrat, sah es nur deswegen besser aus, weil der Raum nicht so beengt wirkte, aber einladend war das immer noch nicht. Mehr gruselige Tapeten, denen man genau ansah, wo einmal Schränke gestanden und Bilder gehangen hatten: An diesen Stellen hatten sie noch ihre alte Farbe, große Blumenranken in Dunkelgold, aber da, wo das Licht hingekommen war, waren sie gelblich verschossen. Ein einsames Sofa stand noch da, eine Schlafcouch zum Ausklappen, und wie der Rest der Wohnung sah die aus, als ob sie ihre besten Tage schon hinter sich hatte.
»Die kommt auch noch weg«, sagte Herr Thaler. »Der Sohn kümmert sich drum, aber der ist auch schon gut über achtzig, da habe ich versprochen, dass sie nicht auch noch selbst renovieren müssen. Hier kommt sowieso alles neu.« Er deutete auf die Fenster, eigentlich ganz hübsche Sprossenfenster mit drei Flügeln. »Da kommt Isolierglas hin, aber die werden dann so ähnlich aussehen wie jetzt, der Denkmalschutz, Sie wissen schon.«
Er schien erleichtert, die alte Frau los zu sein. Siebzig Jahre oder so, und seit Jahrzehnten hatte niemand mehr etwas an der Wohnung gemacht. Wahrscheinlich hatten die Vermieter schon in den Neunzigerjahren gedacht, die geht bestimmt bald in ein Altersheim, und so lange mit der Renovierung gewartet. Vielleicht steckte dahinter der freundliche Gedanke, dass der alten Frau der Handwerkertrubel nicht zuzumuten war – aber so wurde es von Raum zu Raum schlimmer, eine Reise in die Vergangenheit, in eine Zeit, lange bevor selbst Friekes Eltern geboren worden waren.
Das Waschbecken in der Küche war ein riesiger Spülstein, wie Frieke noch nie einen gesehen hatte, so groß, dass man darin ein Kind hätte baden können, aber gerade hoch genug, um Frieke bis zur Hüfte zu reichen, dazu ein Wasserhahn auf Augenhöhe: Bis das Wasser dann im Becken angekommen war, musste es ohnehin kalt geworden sein, deswegen gab es da überhaupt nur Kaltwasser. Und beim Geschirrspülen – damals hatte man ja noch keine Maschinen dafür – holte man sich bestimmt einen Rückenschaden. Frieke schüttelte den Kopf. Warum waren die Menschen früher so unpraktisch gewesen?
Im Badezimmer gab es wenigstens warmes Wasser, mit einer Gastherme, die Frieke anblickte, als wollte sie jeden Augenblick explodieren, und Frieke nickte ihr zu und antwortete in Gedanken: Ja, ich auch.
»Die bleibt drin«, sagte Herr Thaler. »Die tut es noch gut, alt wie die ist – das war noch Wertarbeit, damals.«
»Stammt aus den Sechzigern?«, fragte Friekes Mutter vorsichtig. Sie schien der Therme nicht zu trauen, aber nur der Therme – den Rest der Wohnung hatte sie sich mit einem freundlichen Lächeln angesehen, wo Frieke sich selbst längst unter einem Vorwand davongemacht hätte.
Frieke hatte genug gesehen. Sie wollte weg, schnell, und nicht wiederkommen. Es war ihr egal, dass der Vermieter ja einen ganz netten Eindruck machte, dass die Wohnung vier große Zimmer hatte und schöne helle Fenster, und dass es sogar einen kleinen Garten gab, den man mitbenutzen durfte: Frieke wollte nicht umziehen müssen, nicht ausziehen und nicht einziehen. Nicht hierhin, jedenfalls. Der Geist der alten Frau hing noch in der Luft, war in jeder Ecke der Wohnung spürbar.
»Wo ist sie gestorben?«, platzte es aus Frieke heraus. »In welchem Zimmer, meine ich?« Wenn sie schon mitkommen musste, um die Wohnung zu sehen, von der ihre Mutter so unerklärlich angetan schien, wollte Frieke doch zumindest die eine Frage stellen dürfen, auf die es ankam – für die Entscheidung, in welchem Zimmer sie unter keinen Umständen schlafen wollte. Das konnte dann Henris Zimmer werden. Oder das ihrer Mutter.
»Gestorben?«, fragte der Vermieter zurück und lachte. »Die Frau lebt doch noch! Einhundertvier Jahre ist sie alt, hat hier allein gelebt, nur mit mobilem Pflegedienst, aber der Sohn hat ihr immer mehr in den Ohren gelegen, dass sie etwas Seniorengerechtes braucht, und jetzt hat er Erfolg damit gehabt. Sie ist zu ihm gezogen.«
»Hundertundvier!«, rief Friekes Mutter. »So alt muss man erst einmal werden!«
Frieke blickte zu Boden. Es gefiel ihr nicht, wie aufgekratzt ihre Mutter war: Sie redete zu viel, zu laut und vor allem über Dinge, die niemanden etwas angingen. Natürlich, hundertvier war wirklich, wirklich alt, aber sie kannten die Frau ja nicht, und Herr Thaler würde ihnen die Wohnung bestimmt nicht nur deswegen vermieten, weil Friekes Mutter von allem, was es hier zu sehen gab, von der Gastherme vielleicht einmal abgesehen, so begeistert war. Es war gut, dass die alte Frau noch lebte. Frieke mochte die Vorstellung nicht, in einer Wohnung leben zu müssen, in der jemand gestorben war. Ihr Zuhause, ihr richtiges Zuhause, das war nur ihr Haus. Da hatte niemand vor ihnen gelebt. Henri und Frieke waren die ersten Kinder, die dort gespielt hatten, getobt, gestritten …
Mit Häusern war das wie mit Kleidung. Natürlich, man konnte das Zeug auftragen, aus dem die große Schwester rausgewachsen war, die Sachen waren ja nicht kaputt und meistens noch nicht einmal hässlich, und trotzdem war es schöner, etwas Neues zu bekommen, etwas, das einem allein gehörte und sonst niemandem. Dieses Haus, erbaut, wie Friekes Mutter immer wieder betonte, schon im Jahr 1926, sah von außen sicher ganz schön aus mit seinem hell verputzten Erker, der sich vom roten Backstein abhob, und den altmodischen Fenstern, und auch das Treppenhaus hatte einen schönen Aufgang, einen geschwungenen Bogen über der hölzernen Treppe, da konnte Frieke noch verstehen, dass es ihrer Mutter gefiel. Aber sie zogen ja nicht ins Treppenhaus. Und um hier richtig zu wohnen, um hier zu leben, war das Ganze zu fremd. Wenn man einmal in der Wohnung war, in der noch so viel von den früheren Bewohnern in der Luft hing und in den Tapeten und im Fußboden – das war kein Zuhause. Und würde es auch niemals werden.
»Ich sag Ihnen, wie’s ist«, sagte Herr Thaler. »Ich hätte die Wohnung bestimmt schon zehnmal vermieten können bei dem aktuellen Wohnungsmarkt, und das Viertel hier ist begehrt – vor allem bei den Studierenden. Ich habe hier schon zwei WGs im Haus, ich will nicht noch eine. Aber an eine Familie vermiete ich gern.«
Wir sind aber keine Familie mehr! – Frieke schluckte die Worte runter, schrieb sie mit den Fingernägeln auf die Innenseite ihrer Fäuste.
»Ich bin sehr an der Wohnung interessiert.« Friekes Mutter nickte. »Ich kann Ihnen nicht sofort zusagen, muss einmal drüber schlafen, und meine ältere Tochter konnte heute nicht dabei sein …«
Frieke starrte auf ihre Füße. Sie war mitgekommen, und ihre Mutter hatte sie keinmal gefragt, was sie selbst von der Wohnung hielt. Sollte das jetzt Henris Entscheidung werden, Henri, die noch nicht einmal einen Fuß in die Wohnung gesetzt hatte, weil ihr der Klarinettenunterricht wichtiger war als die Frage, wo sie in Zukunft leben sollte?
»Rufen Sie bei mir durch, wenn Sie sich entschieden haben«, sagte Herr Thaler. »Aber lassen Sie sich nicht zu viel Zeit – ich habe heute noch eine Besichtigung, und wenn die Wohnung weg ist, ist sie weg.«
Friekes Mutter nickte. »Ich verstehe«, sagte sie. »Wir beeilen uns.«
Herr Thaler deutete um sich, auf den Boden und die Wände. »Wenn Sie bereit sind, selbst zu renovieren«, sagte er, »wäre die Wohnung ab August zu haben. Vorher kommen noch die Fenster, die Elektrik muss neu, und der Trümmer von einem Waschbecken in der Küche kommt auch raus. Der Rest wäre dann Ihre Sache.« Er sah nicht Frieke an, während er sprach, nie Frieke, immer nur ihre Mutter, und die nickte wieder.
»Dann weiß ich Bescheid«, sagte sie. »Vielen Dank.« Sie war jetzt ruhiger. Nicht mehr so aufgekratzt. Professioneller. Frieke konnte nur hoffen, dass das anhalten würde. Es war an ihrer Mutter, sich wie eine Erwachsene zu verhalten. Besser: wie zwei Erwachsene, Friekes Vater war ja nicht mehr dabei. »Ich denke, wir haben jetzt alles gesehen.«
Frieke atmete auf, als sie aus dem Haus waren. Einen Augenblick lang fühlte es sich an, als würde eine Last von ihr abfallen. Dann verstand sie wieder, dass das Problem nicht dieses Haus war und dass sie bei jeder anderen Besichtigung andere Gründe gefunden hätte, alles zu hassen. Selbst bei einem Neubau. Das Haus war nicht schuld. Ihr Vater war es.
Unten auf der Straße, unter der großen Platane schräg gegenüber, blieben sie für ein paar Minuten im Schatten stehen, ehe sie sich auf den Weg zur Bushaltestelle machten.
»Und?«, fragte Friekes Mutter. »Wie hat sie dir gefallen?«
Frieke stutzte. Sie hatte nicht mehr damit gerechnet, überhaupt noch nach ihrer Meinung gefragt zu werden. »Ganz schön alt«, murmelte sie. »Ich kann mir nicht vorstellen, da zu wohnen.« Sie schüttelte sich. »Diese Tapeten!«
»Das musst du dir alles wegdenken«, erwiderte ihre Mutter. »Die Tapeten, die Teppiche … Du hast doch Fantasie. Hast du dir nicht ausgemalt, welches Zimmer einmal deins werden könnte? Wo du dein Bett hinstellen wirst und dein Bücherregal?«
Frieke schüttelte den Kopf.
»Die Wohnung ist groß und hell«, sagte ihre Mutter. »Und die Straße ist ruhig. Vor allem aber denke ich – wenn es jemand siebzig Jahre in der Wohnung ausgehalten hat, dann spricht das für die Wohnung.«
Frieke zuckte die Schultern. »Hm«, machte sie nur.
Ihre Mutter nickte noch einmal, klopfte Frieke auf die Schulter, dann zückte sie ihr Handy. »Henri? Bist du noch beim Unterricht? Ich stör gar nicht lange. Ich wollte dir nur sagen – ich habe unsere Wohnung gefunden. Ja. Genau. Der Altbau. Noch schöner als auf den Fotos. Du wirst es lieben.«
Frieke biss die Zähne zusammen, bis es wehtat. Wenn ihre Mutter Herrn Thaler zusagte, dann gab es kein Zurück mehr. Bis dahin hatte Frieke sich noch irgendwie vorstellen können, dass ihr Vater nur … nur im Urlaub war. Auf Fortbildung, oder so. Dass er wiederkommen würde. Dass doch alles gut war. Aber wenn sie selbst auszogen, dann war es zu spät. Dann waren sie die längste Zeit über eine Familie gewesen. Dann hatte Frieke keinen Vater mehr. Und auch kein Zuhause.
Ihre Mutter wartete bis zum nächsten Morgen.
Dann sagte sie Herrn Thaler zu.
Das Haus war so still, seit Friekes Vater ausgezogen war. Das war nicht nur die Abwesenheit von allem, was ihr Vater so gemacht hatte – wie er vor sich hin summte, wenn er das Abendessen kochte, wie er laut mit den Figuren im Fernseher diskutierte, wenn er schon längst wusste, wer der Mörder war, und die Kommissare jeden noch so offensichtlichen Hinweis zu ignorieren schienen … Nein, es war mehr als das. Es war die Anwesenheit einer Stille, die den Raum ausfüllte, den früher Friekes Vater eingenommen hatte, und jetzt, nach der Wohnungsbesichtigung, wusste Frieke auch, warum.
Sein Geist hing noch in allen Räumen, sein Geruch saß in den Tapeten, und auch, ohne dass er siebzig Jahre dort hätte leben müssen, hatte er seine Spuren im Haus hinterlassen. Die Bilder an den Wänden hatte er ausgesucht; das Blues Brothers-Poster, das er unbedingt in den Flur hatte hängen müssen, war noch da, und diese großen Lippen von der Rocky Horror Picture Show, und seine Sachen … Er war ausgezogen und war es doch nicht. Was er getan hatte, war, zwei Koffer zu packen und zu gehen, ohne wirklich zu verschwinden. Alles erinnerte noch an ihn. Und das Schweigen, dieses grässliche, bleierne Schweigen – das war Friekes.
Sie wusste, natürlich, dass so etwas andauernd passierte. Eltern trennten sich. Allein in ihrer Klasse wusste sie von drei Kindern, deren Eltern geschieden waren, und vielleicht waren es noch mehr, darüber sprach man ja nicht mit jedem. Aber sie hätte nie erwartet, dass ihr das selbst passieren würde. Wenn ihre Eltern andauernd gestritten hätten, wenn sie sich angeschrien hätten oder angeschwiegen, dann hätte Frieke das vielleicht kommen sehen. Dann wäre das am Ende sogar eine Erleichterung gewesen. Aber so? Einfach so, aus heiterem Himmel?
Eltern, die morgens mit ernster Miene am Frühstückstisch saßen. Und es gab ein großes Frühstück, mit Toast und Eiern und Bacon, als ob irgendjemand gleich noch Lust haben sollte, etwas zu essen. Frieke hatte Bacon immer geliebt. Jetzt nicht mehr. Jetzt würde der Geruch von gebratenem Speck sie für immer an diesen Moment erinnern. »Henri, Frieke, wir müssen euch etwas sagen.« Kaffee, der schon langsam kalt wurde. Und dann diese vier Worte. Mehr als vier Worte brauchte es nicht, um ihre ganze Welt niederzureißen. Vier Worte nur: »Ich habe mich verliebt.« Danach viele, viele Worte. Mutter, Vater, Henri, alles durcheinander. Und Frieke stand dabei, und die Wörter rauschten ihr durch den Schädel, und das Schweigen kroch ihr in die Kehle. Was hätte sie dazu auch sagen sollen? Es änderte ja nichts mehr. »Ich habe mich verliebt.« Und vor der Tür standen schon die beiden gepackten Koffer. Vielleicht war es ganz gut so. Besser, er verschwand aus Friekes Leben, verschwand für immer. Vier kleine Worte …
Jetzt saß Frieke in ihrem Zimmer auf der Fensterbank, ließ die Beine hinausbaumeln und fragte sich, ob sie das vielleicht auch tun sollte. Ihre Koffer packen und gehen. Sie musste ja nicht aus dem Fenster klettern. Ihr Vater hatte auch die Tür genommen. Und die Koffer … die würde Frieke jetzt so oder so packen müssen. Es war nicht fair. Sie verlor ihr Zuhause, weil ihr Vater sich verliebt hatte.
»Warum können wir nicht hier wohnen bleiben?«
»Das Haus gehört zur Hälfte Papa. Ich habe nicht genug Geld, um ihm seine Hälfte abzukaufen, und er nicht für meine. Wir müssen es verkaufen. Es tut mir so leid, Frieke!«
Draußen wurde es endlich dunkel. Es war schon spät, die Tage waren lang, und Frieke schaute zu, wie der Garten im Dunkel versank, der Garten, in dem sie nie wieder spielen würde, nie wieder sitzen, nie wieder grillen. Der Garten des neuen Hauses – der war lächerlich. Winzig klein, nur ein Hinterhof mit ein bisschen Rasen, umgeben von Hecken, die ihn von den anderen Hinterhöfen trennten. Man musste durch den Keller, um hineinzukommen, und der Keller war dunkel und muffig. Um in ihrem richtigen Haus in den Garten zu kommen, brauchte Frieke nur aus dem Fenster zu klettern, auch wenn sie das nicht durfte. Oder, etwas langweiliger, vom Wohnzimmer auf die Terrasse gehen.
Sie lebte hier, seit sie denken konnte. Oder seit sie drei Jahre alt war, was ungefähr aufs Gleiche rauskommen musste. Henri, die erinnerte sich vielleicht noch daran, wie es war, in einer Wohnung zu leben, in einem Mehrfamilienhaus. Vielleicht war es für sie nicht so schlimm. Nur ein Haus von vielen … Frieke schüttelte den Kopf. Egal, wie sie es drehte, sie wollte hier nicht weg – aber vielleicht … vielleicht hatte es auch etwas Gutes. In der neuen Wohnung würde nicht mehr alles an ihren Vater erinnern. Frieke schluckte. Irgendwie war diese Vorstellung die schlimmste von allen –
Hinter ihr ging die Tür auf. Frieke schreckte zusammen und zog schnell ihre Beine wieder ein, bevor irgendjemand sehen konnte, dass sie die aus dem Fenster hatte baumeln lassen. Aber es war nicht ihre Mutter – es war nur Henri.
»Ich habe gesehen, du hast das Licht noch an«, sagte sie. »Kann ich reinkommen?«
Frieke zuckte die Schultern. »Du bist ja schon drin.«
»Aber ich kann gleich wieder gehen«, erwiderte Henri. »Ich will dich nicht stören. Es ist nur – Papa hat nach dir gefragt. Sie gehen sich jetzt auch Häuser anschauen, und …«
Frieke sprang von der Fensterbank und zog das Fenster zu, heftiger, als nötig gewesen wäre. »Ich habe gesagt, ich will ihn nicht mehr sehen!«, rief sie.
Henri seufzte. »Du hattest jetzt zwei Wochen, um dich abzukühlen, und ich dachte, du bist langsam ein bisschen drüber weg.«
»Worüber soll ich weg sein?«, fragte Frieke giftig. »Dass er Mama betrogen hat? Dass er hinter ihrem Rücken etwas Neues angefangen hat? Dass er uns alle verraten und eingetauscht hat gegen jemand Neues?«
»Schscht!«, machte Henri und legte einen Finger an die Lippen. »Nicht so laut! Mich musst du nicht anschreien, wenn es in Wirklichkeit Papa ist, auf den du sauer bist. Und … du musst versuchen, ihn zu verstehen.«
Verstehen. Frieke hätte am liebsten ausgespuckt. Da gab es nichts zu verstehen. Betrug blieb Betrug. Verrat blieb Verrat. Und vielleicht hätte Frieke es dabei belassen sollen, gar nichts mehr sagen und den Zorn runterschlucken und in sich reinfressen – aber stattdessen schnaubte sie, und dann brach es aus ihr heraus: »Ist ja klar, dass du ihn verstehst! Du bist doch schuld an dem Ganzen!«
Henri machte einen Schritt rückwärts und hob die Hände. »Was soll meine Schuld sein?«
»Dass Papa … Dass Papa plötzlich schwul ist!«
Andreas. Die Person, in die ihr Vater sich verliebt hatte, hieß Andreas. Frieke hatte ihn nie getroffen, Frieke wollte ihn nie treffen – aber dass ihr Vater sich in einen Mann verliebt hatte, machte es jetzt alles noch schwerer für sie. Und so, wie es aussah, einfacher für ihre Schwester.
Selbst jetzt lachte Henri noch. »Erst mal, er ist nicht plötzlich schwul geworden. Er war es sein ganzes Leben lang und hat einfach ein bisschen länger gebraucht, das zu verstehen. Oder er ist bi. Du weißt es nicht, du kannst nicht in ihn reinschauen – und du versuchst es ja nicht einmal. Jetzt sag mir, wie soll das meine Schuld sein, he?«
Frieke funkelte ihre Schwester an. Sie fühlte ihr Gesicht brennen vor Zorn, und auch wenn sie wusste, dass an diesem Zorn nichts Gerechtes war, machte sie weiter, musste sie weitermachen: »Wenn du nicht angefangen hättest damit – du hast ihn doch überhaupt erst auf den Gedanken gebracht!«
Henri starrte sie an. Von einem Augenblick auf den anderen war sie blass geworden. »Das hat nichts damit zu tun«, sagte sie. »Ich bin, was ich bin. Und Papa ist, was er ist.« Sie sah aus, als ob sie noch etwas sagen wollte, aber dann kniff sie nur die Lippen zusammen, drehte sich um und verließ das Zimmer. Frieke wartete noch, bis sie hörte, wie nebenan Henris Zimmertür ging. Dann fing sie an, zu heulen.
Frieke biss sich auf den Finger, damit niemand sie weinen hörte. Sie wusste, sie hatte ihre Schwester verletzt, sogar sehr verletzt, und sie wusste auch, sie hatte das nicht gewollt – so war sie doch gar nicht, so gehässig, so feindselig, das war ihr einfach rausgerutscht, aber nun war es ausgesprochen, und sie konnte es nicht mehr ungesagt machen. Am liebsten wäre Frieke hinter Henri hergelaufen, hätte sich entschuldigt, aber sie wollte nicht alles noch viel schlimmer machen. Henri hasste sie gerade, wollte sie ganz sicher nicht sehen, und so blieb Frieke in ihrem eigenen Zimmer und heulte, bis sie keine Luft mehr bekam und ihr Zeigefinger die tiefen Abdrücke ihrer Zähne zeigte.
Normalerweise half Weinen, aber jetzt half gar nichts mehr. Jetzt brach ihre Familie auseinander, und der Keil ging mitten zwischen ihnen durch, Frieke auf der einen Seite, Henri auf der anderen … Warum musste alles so schwer sein?
Als Henri kurz vor Weihnachten damit rausgerückt war, dass Sophie nicht nur ihre Freundin war, sondern ihre Freundin, da war noch alles so einfach. Da hatten sich ihre Eltern bei Henri bedankt für das Vertrauen, sie gelobt für ihren Mut und beglückwünscht – und Frieke, die nicht ganz verstanden hatte, was da jetzt für eine große Sache dran sein sollte, hatte ihre Schwester umarmt und ihr gesagt, dass sie sie lieb hatte, und dann ging alles so weiter wie vorher, weil sich ja eigentlich auch nichts geändert hatte.
Aber jetzt, mit ihrem Vater … Was erwartete er, oder besser, was erwartete Henri? Dass Frieke sich in eine Regenbogenfahne wickeln und durchs Haus tanzen sollte und ihren Vater loben für seinen Mut, seine Liebe nicht mehr verstecken zu wollen? Frieke zitterte bei der Vorstellung, vor Wut oder Verzweiflung. Ihr Vater hatte sich in Andreas ja nicht nur verliebt. So was konnte passieren, verlieben, auch wenn es Frieke noch nicht passiert war. Nur verlieben, das hätte sie ihm ja noch verzeihen können. Dafür hätten sich ihre Eltern nicht trennen müssen.
Nein, ihr Vater hatte noch den einen Schritt mehr gemacht. Er war mit Andreas zusammen, so zusammen, dass er gleich bei ihm eingezogen war, als er das Haus verlassen hatte mit seinen Koffern – und das war der Verrat. Er war nicht größer, als wenn es statt Andreas eine Andrea gewesen wäre. Nur, dass bei einer Andrea die Sache eindeutig gewesen wäre, auch für Henri. Bei einer Andrea hätte sie nicht versucht, ihn immerzu in Schutz zu nehmen. Aber so, so wie es jetzt war …
Frieke schaltete alle Lichter im Zimmer aus und kroch in ihr Bett. Sie zog die Decke über den Kopf und versuchte, doch noch irgendwie einzuschlafen, aber es ging nicht. Durch die Wand konnte sie Henri im Nebenzimmer schluchzen hören, ganz leise nur, aber stetig. Und wenn Frieke sich jetzt nicht bei ihr entschuldigte, dann verlor sie nicht nur ihren Vater, dann verlor sie auch noch ihre Schwester. Dann würde Henri am Ende beschließen, ganz bei ihrem Vater bleiben zu wollen, um Frieke nicht mehr sehen zu müssen …
Friekes Füße waren wie Blei, als sie aus ihrem Bett stieg und hinüberschlurfte zu Henris Zimmer. Sie klopfte an und bekam keine Antwort. Vorsichtig schob Frieke die Tür einen Spaltbreit auf.
»Henri?«, flüsterte sie. »Es tut mir leid. Ich wollte dir nicht wehtun.«
Irgendwo im Dunkel des Zimmers schniefte Henri. »Geh weg!«
»Es tut mir leid«, wiederholte Frieke. »Was ich über dich gesagt habe und über Papa … Ich habe das doch nicht so gemeint! Aber ich weiß nicht – ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.«
Von Henri kam keine Antwort. Aber wenigstens schluchzte sie nicht mehr. Und wenn sie jetzt nur noch sauer war und nicht mehr verzweifelt – dann war das immerhin ein kleines bisschen besser.
»Wenn du das nächste Mal zu Papa fährst«, redete Frieke weiter, »kannst du ihm dann sagen … kannst du ihm dann sagen, dass ich ihn lieb habe?«
Und das stimmte. Frieke wäre niemals so unglücklich gewesen, niemals so zornig, wenn sie ihren Vater nicht immer noch ganz furchtbar lieb gehabt hätte. Sie konnte ihm nicht verzeihen. Aber immerhin … immerhin hatte er nach ihr gefragt. Das hieß, er liebte vielleicht nicht mehr Friekes Mutter – aber immer noch seine Töchter. Das zu wissen, das tat gut. Und auch wenn Frieke ihren Vater nicht sehen wollte und ganz sicher nicht die Hälfte ihrer Zeit mit ihm verbringen, sollte er doch wissen, dass Frieke ihn vermisste.
Vielleicht überlegte er es sich dann noch mal. Vielleicht kam er zurück. Wenn das mit Andreas wieder in die Brüche ging, dann … dann … dann konnte Friekes Vater wieder richtig ihr Vater sein. Zurückgehen zu seiner Familie.
Es würde nicht passieren, das wusste Frieke. Es war zu spät. Sie verkauften das Haus, sie zogen in die neue Wohnung, und es gab nichts, das sie noch hätte tun können. Und obwohl sie sich immerhin bei Henri entschuldigt hatte, fühlte sich Frieke erbärmlich, als sie sich in ihr eigenes Zimmer zurückzog, um wieder ins Bett zu gehen. Draußen wartete ein neuer Tag auf sie. Kein besserer Tag. Nur ein neuer.
In anderen Jahren hatte Frieke sich auf die Sommerferien gefreut. Sie fuhren nicht jedes Jahr in den Urlaub, aber Sommerferien waren Sommerferien, dazu da, zu schlafen, zu essen und zu lesen, alles außer Schule. Sechs Wochen lang Nichtstun, keine Hausaufgaben, sechs Wochen, in denen Henri ihre Klarinette nicht anrührte, und wenn, dann nur nach dreimaliger Aufforderung, weil sie doch auch davon Ferien hatte … Aber dieses Jahr war alles anders, und die Sommerferien waren am andersten von allem.
Gegen Ende der Ferien würden sie in die neue Wohnung ziehen. Frieke fürchtete den Tag, sie hatte richtige Bauchschmerzen bei der Vorstellung. Dabei würde sich einiges ja auch gar nicht ändern, die Stadt blieb die gleiche, Friekes Schule ebenfalls, auch wenn sie danach natürlich nicht mehr in der sechsten Klasse war, sondern in der siebten – aber ihr Haus für immer zu verlassen, zu wissen, dass dort andere Leute einziehen würden, schon die Vorstellung tat Frieke in der Seele weh, und weil die Seele wohl irgendwo im Magen sitzen musste, wurden Magenschmerzen daraus.
Und statt sich einen schönen Ferientag zu machen und zu versuchen, auf andere Gedanken zu kommen, lag Frieke in ihrem Bett, hatte ein Kirschkernkissen auf dem Bauch und tat sich selbst leid. Das Haus um sie herum war zu leer und zu leise. Frieke war allein. Nicht nur ihr Vater war weg – auch ihre Mutter und Henri waren nicht da, sie waren früh am Morgen zur neuen Wohnung gefahren, um dort alles auszumessen. Offiziell sollte der Mietvertrag ja erst zum ersten August losgehen, aber Herr Thaler war offenbar ein netter Vermieter: Die neuen Fenster waren drin, die Elektrik und was sonst noch so gemacht werden musste, war erledigt, und darum durften sie jetzt schon mit dem Renovieren anfangen – und das ließ sich Friekes Mutter nicht zweimal sagen. Jetzt war sie am Morgen also zu Herrn Thaler gefahren, um den Schlüssel zu bekommen, und dann, immer mit Henri im Schlepptau, weiter zur Wohnung, und niemand war da, um sich um Frieke und ihre Bauchschmerzen zu kümmern – bis auf Frieke selbst.
Neben ihr machte es Pling.
Frieke seufzte und griff nach ihrem Handy, um zu sehen, wer geschrieben hatte. Wahrscheinlich wieder ihre Freundin Marie. Die war mit ihrer Familie auf Teneriffa und schickte ihr hartnäckig jeden Tag Nachrichten und Fotos, auch wenn Frieke überhaupt keine Lust hatte, ihr zu antworten. Was sollte sie auch sagen? Toll, dass du so ein schönes Leben hast? Herzlichen Glückwunsch zu deiner perfekten Familie? Aber diese Nachricht kam nicht von Marie. Das war Henri.
Was macht der Bauch?, schrieb sie. Und dann: Hier ist etwas, das solltest du dir ansehen.
Was denn?, schrieb Frieke zurück.
Musst du selbst sehen!!! Drei Ausrufezeichen. Henri meinte es ernst.
Foto?, versuchte es Frieke.
Komm rüber!
Frieke seufzte ein letztes Mal und legte das Kirschkernkissen beiseite. Es war sowieso abgekühlt und half nichts mehr, und irgendwie waren ihre Bauchschmerzen plötzlich viel kleiner als ihre Neugier. Aber wenn das ein Trick war, um Frieke in die neue Wohnung zu locken … Wenn es dort jetzt nicht das Spektakulärste überhaupt zu sehen gab … Dann würde Frieke ganz schnell wieder im Bus nach Hause sitzen.
Immerhin fand sie den Weg schon allein. Mit dem Bus bis zur Viktoria-Allee, das konnte man sich ja noch leicht merken, und von da waren es nur fünf Minuten zu laufen. Gegenüber der Haltestelle gab es einen Escape-Room, der war Frieke schon bei der Wohnungsbesichtigung ins Auge gesprungen – vielleicht konnten sie da einmal hingehen, wenn sie eingezogen waren, vielleicht war es hier im Viertel auf Dauer ja doch ganz nett, wenn auch nicht so ruhig wie bei ihnen in der Gegend. Beliebt bei Studierenden, hatte Herr Thaler gesagt, und Frieke übersetzte das mit Es ist laut, und dreimal die Woche wird gefeiert, aber vielleicht war an der Sache ja was dran. Vielleicht konnte sie sich mit dem neuen Haus ja doch irgendwie anfreunden.
Sie fand den Weg ohne Probleme – aber dann stand sie vor der Tür, und das Herz rutschte ihr in die Hose. Fünf Klingeln für fünf Wohnungen. So ein großes Haus, so viele neue Nachbarn … Frieke war an ein Haus gewöhnt, in dem niemand lebte außer ihrer eigenen Familie. Und jetzt musste sie mit so vielen fremden Leuten zurechtkommen … Sie wusste nicht, wo sie klingeln sollte, und so nahm sie ihr Handy und rief bei Henri an.
»Ich bin da, kannst du mich reinlassen?«
Henri lachte. »Warum klingelst du nicht?«
Frieke wurde rot. Natürlich, die dritte Klingel gehörte zu der Wohnung im zweiten Stock. Auf dem Klingelschild stand noch der Name der Vormieterin. Frau Greiss – was für ein treffender Name für jemanden, der über hundert Jahre alt war! Und die anderen Schilder – fürs Erdgeschoss stand da nur ein Name, Porz. Im ersten Stock gab es jemanden, oder eine Familie, namens Atalan. Aber im dritten und vierten Stock standen jeweils gleich drei Namen auf der Klingel: einmal Wild, Horst und Schwacke, auf der anderen Braun, Wagner und Oppermann. So viele Namen!
»Also gut«, sagte Frieke. »Bis gleich!« Sie wollte klingeln, aber im gleichen Moment ging auch schon der Türsummer. Frieke lief die Treppen hinauf, so schnell sie konnte, sie wollte gerade niemandem begegnen, und sie war froh, dass Henri schon an der Tür auf sie wartete.
»Da bin ich«, stieß Frieke heraus, etwas atemlos. »Was willst du mir jetzt so Besonderes zeigen?«
»Wirst du gleich sehen«, antwortete Henri. »Schön, dass du gekommen bist.«
Die Wohnung war nicht wiederzuerkennen. Seit Frieke mit ihrer Mutter dort gewesen war, hatte sich einiges getan, und das Auffälligste waren nicht einmal die neuen Fenster: Die Tapeten waren weg, und das machte einen Riesenunterschied. Verschwunden waren die grausigen roten Muster und mit ihnen auch der Geruch der Vormieterin. Jetzt roch die Wohnung leer und so, wie in Friekes Vorstellung Stein roch – auch wenn die Wände nicht aus nacktem Stein bestanden. Sie waren sauber verputzt, und das nicht nackt und grau: Irgendjemand hatte sie, wahrscheinlich vor langer Zeit, gelb angestrichen. Die Türen standen offen, aus den Zimmern fiel Licht in den Flur, und jetzt endlich verstand Frieke, was ihre Mutter gemeint hatte, als sie die Wohnung hell und freundlich genannt hatte. Bei ihrem letzten Besuch war das noch durch und durch die Wohnung der Frau Greiss gewesen, nur ohne Frau Greiss. Jetzt gehörte sie niemandem, eine abgewischte Tafel, die nur darauf wartete, dass man neue Wörter auf sie schrieb.
Kein neues Haus, und keine neue Wohnung – die Bodendielen, die jetzt offen lagen, nachdem man die ekligen alten Teppiche entfernt hatte, waren ausgetreten und abgenutzt und knarzten unter den Füßen, und die Wände hatten Flecken von etwas, das vielleicht einmal Tapetenkleister gewesen war – aber es ging voran. Frieke schloss die Augen und konnte sich vorstellen, wie es einmal aussehen würde, wenn neue Tapeten an der Wand waren – nichts Wildes, bestimmt wieder etwas Weißes – und ihre vertrauten Möbel dort standen. Zum ersten Mal bekam sie Lust, sich ein Zimmer auszusuchen, auch wenn ihr bestimmt Henri das beste schon weggeschnappt hatte. Was irgendwie ungerecht war, wo Henri nur die Hälfte der Zeit dort wohnen würde … Und da waren sie wieder, die Bauchschmerzen.
»Was ist?«, fragte Henri. »Alles in Ordnung?«
»Mein Bauch tut weh«, flüsterte Frieke.
»Mama hat eine Flasche Wasser dabei«, sagte Henri. »Aber wenn du einmal siehst, was wir gefunden haben, vergisst du den Bauch wieder. Komm mit!«
Sie griff Frieke bei der Hand und zog sie in das Zimmer am Ende des Flurs. Der Raum war leer, und Frieke wollte schon fragen, was das sollte, wofür sie einmal quer durch die Stadt gefahren war – dann sah sie es. Da, wo vorher eine hässliche Tapete an der Wand geklebt hatte, war etwas zum Vorschein gekommen. Bilder.
Die Wand war voller Zeichnungen, in Bleistift, direkt auf den gelb gestrichenen Putz gemalt. Die meisten Bilder zeigten Menschen – Mädchen- und Frauenköpfe im Profil, ein Mann mit einem seltsamen Hut, eine Straßenszene, in der die Leute nur grob angedeutet waren …
