Die Welle - Morton Rhue - E-Book

Die Welle E-Book

Morton Rhue

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6,99 €

Beschreibung

MACHT DURCH DISZIPLIN! MACHT DURCH GEMEINSCHAFT! MACHT DURCH HANDELN! Wie entsteht Faschismus? Ein junger Lehrer entschließt sich zu einem ungewöhnlichen Experiment. Er möchte seinen Schülern beweisen, dass Anfälligkeit für faschistoides Handeln und Denken nicht etwas ist, das nur andere Menschen betrifft - Faschismus ist hier mitten unter uns und in jedem von uns. Doch die »Bewegung«, die er auslöst, droht ihn und sein Vorhaben zu überrollen: Das Experiment gerät außer Kontrolle. Morton Rhues Klassiker Die Welle beschreibt eindringlich und gegenwartsbezogen wie leicht Menschen verführt, manipuliert und instrumentalisieren werden können. Basierend auf den wahren Begebenheiten an einer Highschool im kalifornischen Palo Alto.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 164




Als Ravensburger E-Book erschienen 2009Die Print-Ausgabe erscheint in der Ravensburger Verlag GmbHDie Originalausgabe erschien 1981 bei Delacorte Press, New York unter dem Titel »The Wave«© 1981 by Dell Publishing Co., Inc. and T.A.T Communications Company. »PUBLISHEDBYARRANGEMENTWITHDELACORTEPRESSBOOKSFORYOUNGREADERS; DELLLPUBLISHINGCO., INC., NEWYORK, N.Y., USA« VOICEINTERVIEW from Voice Magazine, September 18, 1981. Copyright © 1981 Scholastic Inc. Reprinted and translated by permission of Scholatsic Inc. Die deutsche Erstausgabe erschien 1984© 1987 für die deutsche Textfassung Ravensburger Verlag GmbH, D-88194 Ravensburg Aus dem Amerikanischen von Hans-Georg Noack. Umschlaggestaltung: Martina Eisele, München, unter Verwendung von Bildern von © tommaso lizzul/Shutterstock; © Zurijeta/Shutterstock Zu diesem Titel gibt es Materialien zur Unterrichtspraxis.Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbHISBN 978-3-473-38389-4www.ravensburger.de

Macht durch Disziplin!Macht durch Gemeinschaft!Macht durch Handeln!

Laurie Saunders saß im Redaktionsbüro der Schülerzeitung der Gordon High School und kaute an ihrem Kugelschreiber. Sie war ein hübsches Mädchen mit hellbraunem Haar und einem fast immer währenden Lächeln, das nur schwand, wenn sie aufgeregt war oder an Kugelschreibern kaute. Das hatte sie in letzter Zeit ziemlich häufig getan. In ihrem Vorrat gab es keinen einzigen Schreiber mehr, der nicht am oberen Ende völlig zerbissen war. Immerhin war das allemal noch besser als Rauchen.

Laurie sah sich in dem kleinen Büro um, das mit Schreibtischen, Schreibmaschinen und Zeichenplatten voll gestopft war. Eigentlich sollte in diesem Augenblick an jeder Schreibmaschine jemand sitzen und Beiträge für die Schülerzeitung »Ente« ausbrüten. Auch Zeichner und Gestalter sollten an den Lichttischen hocken und die nächste Ausgabe vorbereiten. Tatsächlich war jedoch außer Laurie niemand im Raum. Das Problem bestand einfach darin, dass draußen ein herrlicher Tag war.

Laurie spürte, wie das Plastikröhrchen ihres Kugelschreibers zerbrach. Ihre Mutter hatte ihr prophezeit, eines Tages würde sie so heftig an einem Schreiber kauen, dass er zersplitterte. Und dann würde ein langer Plastiksplitter ihr in den Hals rutschen, und sie würde daran ersticken. Nur Mutter konnte auf so einen Gedanken kommen, dachte Laurie seufzend.

Sie schaute auf die Uhr an der Wand. Von der laufenden Schulstunde blieben nur noch ein paar Minuten. Es gab keine Vorschrift, nach der irgendjemand während der Freistunden in der Redaktion arbeiten musste, aber alle wussten schließlich, dass die nächste Ausgabe der »Ente« in der kommenden Woche fällig war. Konnten die anderen denn nicht einmal auf Eis, Zigaretten und Sonnenbad verzichten, um wenigstens einmal eine Schülerzeitung pünktlich herauszubringen?

Laurie schob den Kugelschreiber in den Rücken ihres Ringbuchs und sammelte ihre Hefte für die nächste Stunde zusammen. Es war hoffnungslos! Seit drei Jahren gehörte sie nun zur Redaktion, und bisher war noch jede Nummer der »Ente« verspätet erschienen. Dass sie jetzt Chefredakteurin geworden war, änderte daran ganz und gar nichts. Die Zeitung wurde eben fertig, wenn auch der Letzte es geschafft hatte, sich um seine Arbeit zu kümmern.

Laurie schloss die Tür des Redaktionsbüros hinter sich und trat auf den jetzt menschenleeren Flur. Es hatte noch nicht geläutet. Nur am anderen Ende des Ganges waren ein paar Schüler zu sehen. Laurie ging an einigen Türen vorüber, blieb vor einem Klassenraum stehen und schaute durch das Fenster hinein.

Drinnen gab sich ihre beste Freundin, Amy Smith, ein kleines Mädchen mit dichten blonden Locken, die größte Mühe, die letzten Minuten von Mr Gabondis Französischstunde zu überstehen.

Im vergangenen Jahr hatte Laurie bei Mr Gabondi Französisch gehabt, und das war so ziemlich das Langweiligste gewesen, was sie bisher in der Schule erlebt hatte. Mr Gabondi war ein kleiner, stämmiger, dunkelhaariger Mann, der selbst an den kältesten Wintertagen immer zu schwitzen schien. Im Unterricht sprach er extrem leise und so monoton, dass es selbst eifrige Schüler einschläfern konnte. Obwohl der Stoff, den er unterrichtete, nicht besonders schwer verständlich war, konnte kaum jemand die allernötigste Aufmerksamkeit aufbringen.

Als sie jetzt sah, wie ihre Freundin sich abmühte, dem Unterricht zu folgen, fand Laurie, dass Amy nun wirklich eine kleine Aufheiterung verdient hätte. Deshalb stellte sie sich so ans Fenster, dass zwar Amy, nicht aber Mr Gabondi sie sehen konnte, schielte wild und zog eine entsetzliche Grimasse. Amy reagierte zunächst darauf, indem sie die Hand vor den Mund legte, um das Lachen zu unterdrücken. Laurie verzog abermals das Gesicht. Amy wollte nicht hinschauen, musste dann aber doch wieder den Kopf umdrehen, um zu sehen, was Laurie jetzt zu bieten hatte. Laurie führte ihr berühmtes Fischgesicht vor: Sie schob die Ohren nach vorn, schielte kreuzweise und öffnete und schloss zugleich den Mund wie ein Karpfen. Amy gab sich so große Mühe, nicht zu lachen, dass ihr bereits die Tränen über die Wangen liefen.

Es war Laurie klar, dass sie das Grimassenschneiden einstellen musste. Es machte Spaß, Amy zu beobachten. Man konnte sie leicht zum Lachen bringen. Wenn Laurie jetzt noch etwas vorführte, würde Amy wahrscheinlich vom Stuhl fallen und sich zwischen den Tischen auf dem Boden wälzen. Doch Laurie konnte einfach nicht widerstehen. Sie kehrte der Tür den Rücken zu, um die Spannung noch etwas zu erhöhen, verzerrte Mund und Augen und fuhr wieder herum.

Unter der Tür stand ein sehr zorniger Mr Gabondi. Hinter ihm wurden Amy und ihre ganze Klasse fast hysterisch. Laurie sperrte den Mund auf. Doch ehe Gabondi noch schelten konnte, läutete die Glocke, und die Schüler drängten an ihm vorbei. Amy hielt sich die vom Lachen schmerzenden Seiten. Während der Lehrer sie düster anstarrte, gingen die beiden Mädchen Arm in Arm zu ihrer nächsten Klasse; sie waren viel zu atemlos, um noch zu lachen.

In dem Klassenraum, in dem er Geschichte unterrichtete, beugte sich Ben Ross über einen Projektor und bemühte sich, einen Film in das Gewirr von Zahnrädern und Linsen einzufädeln. Es war schon sein vierter Versuch, und er hatte es immer noch nicht geschafft. Verzweifelt fuhr er sich mit den gespreizten Fingern durch das braunwellige Haar. Sein Leben lang hatten ihn Geräte und Maschinen nur verwirrt: Filmprojektoren, Autos, sogar Selbstbedienungstankstellen machten ihn hilflos.

Er hatte sich selbst nie erklären können, warum er in dieser Hinsicht so ungeschickt war, und wenn irgendetwas Handwerkliches oder Mechanisches anfiel, überließ er es Christy, seiner Frau. Sie unterrichtete an der Gordon High School Chorgesang und Musik, und zu Hause war sie für alles zuständig, was Handfertigkeit erforderte. Scherzhaft behauptete sie manchmal, man könne Ben nicht einmal zutrauen, eine Glühbirne richtig einzuschrauben, was er jedoch als stark übertrieben zurückwies. Er hatte in seinem Leben schon eine ganze Reihe von Glühbirnen ausgewechselt, und soweit er sich erinnern konnte, waren nur zwei dabei zerbrochen.

Während seiner bisherigen Tätigkeit an der Gordon High School – Ben und Christy unterrichteten dort seit zwei Jahren – war es ihm gelungen, seine handwerkliche Ungeschicklichkeit nicht demonstrieren zu müssen. Auf jeden Fall war sie hinter seinem Ruf zurückgetreten, ein ganz ausnehmend tüchtiger junger Lehrer zu sein. Bens Schüler sagten, er sei so sehr bei der Sache, sei selbst an seinen Themen so beteiligt und interessiert, dass es ganz unmöglich sei, nicht auch davon gefesselt zu werden. Er sei einfach »ansteckend«, sagten sie und meinten damit, dass er sie wirklich anzusprechen verstand.

Die anderen Lehrer im Kollegium waren über Ben Ross eher geteilter Meinung. Manche waren von seiner Energie, seinem Einsatz und seiner Kreativität beeindruckt. Sie sagten, er vermittle seinen Schülern ganz neue Blickwinkel, zeige ihnen nach Möglichkeit immer die praktischen, für die Gegenwart bedeutenden Aspekte der Geschichte. Behandelte man politische Systeme, teilte er die Klasse in politische Parteien ein. Wurde ein berühmtes Gerichtsverfahren besprochen, ließ er Ankläger, Verteidiger, Zeugen und Richter durch Schüler darstellen. Andere Lehrer waren skeptischer. Einige behaupteten, er sei einfach jung, naiv und übereifrig; nach ein paar Jahren werde er sich beruhigt haben und seine Klassen auf die »richtige« Art behandeln – viel lesen, wöchentliche Prüfungen, Schülervorträge. Andere sagten nur, ihnen gefalle es nicht, dass er in der Klasse nie Anzug und Krawatte trage, und zwei oder drei Kollegen gaben einfach zu, dass sie neidisch auf ihn seien.

Wenn es aber etwas gab, worauf ganz gewiss kein anderer Lehrer neidisch zu sein brauchte, dann war es Bens völlige Unfähigkeit, mit Filmprojektoren umzugehen. So klug er sonst auch sein mochte: Jetzt kratzte er sich nur den Kopf und betrachtete ratlos das Zelluloidgewirr in dem Gerät. In wenigen Minuten musste seine Oberstufenklasse kommen, und er hatte sich schon seit Wochen vorgenommen, ihr diesen Film zu zeigen. Warum gehörte zur Lehrerausbildung eigentlich kein Kursus über das Vorführen von Filmen?

Ross rollte den Film auf die Spule zurück. Sicher gab es in der Klasse irgendeinen audio-visuellen Zauberkünstler, der den Apparat blitzschnell in Gang bringen konnte. Er ging an seinen Tisch zurück und griff nach einem Stapel Hausarbeiten, die er den Schülern zurückgeben wollte, ehe sie den Film anschauten.

Die Noten unter den Arbeiten hätte man vorhersagen können, dachte Ben, als er sie noch einmal durchging. Laurie Saunders und Amy Smith hatten wie gewöhnlich ihr Sehr Gut, dann gab es den breiten Durchschnitt und zwei misslungene Arbeiten: die eine von Brian Ammon, einem erstklassigen Footballspieler – er schien Gefallen an schlechten Noten zu finden, obwohl Ben wusste, dass der Junge intelligent genug war, um Besseres zu leisten. Der zweite Misserfolg stammte von Robert Billings, dem ständigen Versager in der Klasse. Ross schüttelte den Kopf. Dieser Robert Billings war wirklich ein Problem.

Die Glocke läutete zum Ende der Stunde. Ben hörte Türen schlagen und die Schüler durch die Gänge strömen. Es war seltsam, dass Schüler die Klassen immer blitzschnell verließen, zum Beginn der nächsten Stunde aber im Schneckentempo kamen. Insgesamt betrachtet, war Ben überzeugt, dass die High School für die Schüler heute weit angenehmer sei als zu seiner Zeit, aber es gab doch einiges, das ihn störte. Da war zum Beispiel die völlige Gleichgültigkeit der Schüler, was die Pünktlichkeit betraf. Manchmal gingen fünf oder gar zehn kostbare Unterrichtsminuten verloren, ehe der letzte Schüler endlich zur Stelle war. Früher hatte man erheblichen Ärger bekommen, wenn man beim zweiten Läuten nicht an seinem Platz saß.

Das zweite Problem waren die Hausaufgaben. Die Schüler hatten einfach keine Lust mehr, sich damit aufzuhalten. Ob man sie mit schlechten Noten oder mit Nachsitzen bedrohte, war ihnen egal. Hausaufgaben waren zu einer Art freiwilliger Leistung geworden. Ein Schüler aus der neunten Klasse hatte ihm kürzlich gesagt:

             >Ja, sicher,

 Mister Ross, ich weiß,

       dass Hausaufgaben

 wichtig sind; aber

  meine sozialen Kontakte

gehen schließlich vor.<

Ben lachte leise vor sich hin. Soziale Kontakte!

Die ersten Schüler betraten den Klassenraum. Ross entdeckte David Collins, einen großen, gut aussehenden Jungen, der zu den Stars der Footballmannschaft gehörte. Außerdem war er der Freund von Laurie Saunders.

»David«, sagte Ross, »glaubst du, dass du diesen Filmprojektor in Gang kriegen kannst?«

»Ja, sicher«, antwortete David.

Während Ross zuschaute, kniete David neben dem Projektor nieder und ging ans Werk. Nach wenigen Sekunden hatte er den Film eingelegt. Ben bedankte sich lächelnd.

Robert Billings stapfte ins Klassenzimmer, ein kräftiger Junge, dem dauernd das Hemd aus der Hose hing, und der sich anscheinend morgens nach dem Aufstehen nie die Mühe machte, sich zu kämmen. »Sehen wir ‘n Film?«, fragte er, als er den Projektor sah.

»Nein, Blödmann«, sagte Brad, der Robert besonders gern quälte. »Mister Ross baut einfach gerne Filmprojektoren auf.«

»Das genügt, Brad!«, sagte Ben streng.

Inzwischen waren genug Schüler eingetroffen, sodass Ross beginnen konnte, die Arbeiten zurückzugeben. »Hört her!«, sagte er laut. »Hier sind eure Arbeiten von vergangener Woche. Allgemein kann man sagen, dass ihr nicht schlecht gearbeitet habt.« Er ging zwischen den Tischen hin und her und gab jedem Schüler seine Arbeit zurück. »Aber ich muss euch noch einmal ausdrücklich warnen. Manche dieser Arbeiten sehen wirklich zu unordentlich aus.« Er hob ein paar Blätter in die Höhe. »Hier, zum Beispiel. Ist es denn wirklich nötig, die Ränder einzurollen?«

Die Klasse lachte, und einer fragte: »Wem gehören die denn?«

»Das ist nicht deine Sache.« Ben strich die Blätter glatt und teilte weiter aus. »Von jetzt an werde ich die Noten bei den unordentlich abgelieferten Arbeiten verschlechtern. Wer zu viele Fehler gemacht hat oder zu oft ändern musste, der fängt eben ein neues Blatt an und schreibt seinen Text ordentlich ab, ehe er ihn abgibt. Habt ihr verstanden?«

Einige Schüler nickten. Andere achteten nicht weiter auf seine Worte. Ben ging nach vorn und entrollte die Filmleinwand. Das war nun schon das dritte Mal in diesem Halbjahr, dass er über unordentliche Arbeiten gesprochen hatte.

Das Thema der Stunde war der Zweite Weltkrieg, und der Film, den Ben Ross an jenem Tage vorführte, berichtete von den Grausamkeiten, die Nazis in den Konzentrationslagern verübt hatten. Im verdunkelten Klassenzimmer starrten die Schüler auf die Leinwand. Sie sahen Männer und Frauen, die so heruntergekommen und ausgehungert waren, dass sie nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen schienen.

Ben hatte diesen Film oder ähnliche Filme schon häufiger gesehen. Doch der Anblick so rücksichtsloser, unmenschlicher Grausamkeiten machte ihn noch immer betroffen und zornig. Während der Film noch lief, sagte er zur Klasse: »Was ihr da seht, hat sich in Deutschland zwischen 1933 und 1945 abgespielt. Es ist das Werk eines Mannes namens Adolf Hitler, eines ehemaligen Anstreichers, der sich nach dem Ersten Weltkrieg der Politik zuwandte. Deutschland war in diesem Krieg besiegt worden, die neue Führung war noch schwach, tausende von Menschen waren heimatlos, hungrig und ohne Arbeit.

Diese Lage bot Hitler die Möglichkeit, in der Nazipartei schnell aufzusteigen. Er pflichtete der Lehre bei, die Juden seien die Zerstörer aller Kultur, und die Deutschen seien Angehörige einer höher stehenden Rasse. Heute wissen wir, dass Hitler ein Psychopath war. 1923 wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, doch im Jahre 1933 übernahm seine Partei die Regierungsmacht in Deutschland.«

Ben schwieg einen Augenblick, damit die Schüler sich ganz auf den Film konzentrieren konnten. Sie sahen jetzt die Gaskammern und Menschenleiber, die wie Brennholz aufgestapelt waren. Noch lebende menschliche Skelette hatten die entsetzliche Aufgabe, die Toten unter den wachsamen Augen der SS-Leute aufzuschichten. Ben spürte Übelkeit in sich aufsteigen. Wie war es nur möglich, dass ein Mensch einen anderen Menschen zu einer solchen Arbeit zwang?

Den Schülern sagte er: »In diesen Todeslagern spielte sich ab, was Hitler die ›Endlösung der Judenfrage‹ nannte. Aber jedermann – nicht nur die Juden – konnte in ein solches Lager geschickt werden, wenn er von den Nazis nicht als tauglich befunden wurde, der ›Herrenrasse‹ anzugehören. In ganz Osteuropa pferchte man die Menschen in Lager. Zunächst leisteten sie harte Arbeit, hungerten, wurden gefoltert, und wenn sie nicht mehr arbeiten konnten, endeten sie in den Gaskammern. Ihre Überreste wurden in den Öfen verbrannt.« Ben schwieg einen Augenblick, ehe er hinzufügte: »Die Lebenserwartung der Gefangenen in den Lagern betrug zweihundertsiebzig Tage. Viele überlebten noch nicht einmal eine Woche.«

Auf der Leinwand sah man jetzt die Gebäude, in denen die Öfen standen. Ben dachte daran, die Schüler darauf aufmerksam zu machen, dass der Rauch, der aus den Schornsteinen aufstieg, das Verbrennen von Menschenfleisch anzeigte. Er tat es nicht. Es war auch so ein schreckliches Erlebnis, diesen Film anzuschauen. Nur gut, dass man noch keine Möglichkeit erfunden hatte, auch Gerüche im Film wiederzugeben; das Übelste musste der Gestank sein, der Gestank der niederträchtigsten Tat in der Geschichte der Menschheit.

Der Film endete, und Ben erklärte seinen Schülern: »Insgesamt haben die Nazis über zehn Millionen Männer, Frauen und Kinder in ihren Vernichtungslagern umgebracht.«

Ein Schüler, der dicht bei der Tür saß, schaltete das Licht ein. Als der Lehrer sich im Klassenraum umsah, erkannte er deutlich, dass die meisten Schüler tief betroffen waren. Ben hatte sie nicht schockieren wollen, doch es war ihm klar gewesen, dass dieser Film es tun würde.

Die meisten der Schüler waren in der kleinen Vorstadtgemeinde aufgewachsen, die sich ruhig und friedlich um die Gordon High School ausbreitete. Sie entstammten gesunden Mittelstandsfamilien, und trotz der Fülle von Grausamkeiten, mit denen sie durch die Massenmedien überschüttet wurden, waren sie überraschend naiv. Selbst jetzt wollten einige Schüler wieder mit ihren üblichen oberflächlichen Spielereien beginnen. Ihnen war der Film wahrscheinlich nur wie einer der zahllosen Fernsehfilme vorgekommen, die man ständig sah. Robert Billings, der dicht beim Fenster saß, hatte den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt und schlief. Aber ganz vorn saß Amy Smith, und es sah so aus, als wischte sie sich gerade die Tränen aus den Augen. Auch Laurie Saunders sah ganz verstört aus.

»Ich weiß, dass dieser Film viele von euch tief erregt hat«, sagte Ben. »Aber ich habe euch diesen Film heute gerade deswegen gezeigt, weil ich euer Gefühl ansprechen wollte. Ich möchte, dass ihr über das nachdenkt, was ihr gesehen habt und was ich euch erzählt habe. Hat noch jemand Fragen?«

Amy Smith hob sofort die Hand.

»Ja, Amy?«

»Waren alle Deutschen Nazis?«, fragte sie.

Ben schüttelte den Kopf. »Nein. Beispielsweise gehörten weniger als zehn Prozent zur Nazipartei.«

»Warum hat dann keiner versucht, die Nazis an dem zu hindern, was sie taten?«

»Das weiß ich nicht genau, Amy. Ich kann nur vermuten, dass sie Angst hatten. Die Nazis waren vielleicht eine Minderheit, aber sie waren eine gut organisierte, bewaffnete und gefährliche Minderheit. Man darf nicht vergessen, dass die übrige Bevölkerung unorganisiert, unbewaffnet und verängstigt war. Alle hatten sie die Inflationszeit erlebt, die ihr Land förmlich ruiniert hatte. Vielleicht hofften manche, die Nazis könnten wieder Ordnung in die Gesellschaft bringen. Jedenfalls haben die meisten Deutschen nach dem Krieg behauptet, sie hätten von den Grausamkeiten nichts gewusst.«

Ein schwarzhaariger Junge namens Eric hob die Hand. »Das ist doch Unsinn!«, rief er. »Wie kann man denn Millionen von Menschen abschlachten, ohne dass jemand etwas davon weiß?«

»Ja«, stimmte ihm der Junge zu, der vor der Stunde einen Streit mit Robert Billings angefangen hatte. »Das kann überhaupt nicht stimmen!«

Für Ben war es ganz offensichtlich, dass der Film den größten Teil der Klasse angesprochen hatte, und das freute ihn. Es war gut, dass sie sich über irgendetwas einmal Gedanken machten. »Nun ja«, sagte er zu Eric und Brad, »ich kann euch nur sagen, dass die meisten Deutschen nach dem Krieg behauptet haben, sie hätten von den Konzentrationslagern und den Massenmorden nichts gewusst.«

Jetzt hob Laurie Saunders die Hand. »Aber Eric hat Recht«, sagte sie. »Wie konnten sich denn die Deutschen ganz ruhig verhalten, während die Nazis massenweise Menschen abschlachteten, und dann behaupten, sie hätten von alledem nichts gewusst? Wie konnten sie das tun? Und wie konnten sie es auch nur behaupten?«

»Auch dazu kann ich nur sagen, dass die Nazis sehr straff organisiert waren und dass sie gefürchtet wurden. Das Verhalten der übrigen deutschen Bevölkerung ist ein Rätsel: Warum haben sie nicht versucht, das Geschehen aufzuhalten? Wie konnten sie behaupten, von alledem nichts gewusst zu haben? Die Antworten auf diese Fragen kennen wir nicht.«

Eric hob abermals die Hand: »Ich kann jedenfalls nur sagen, dass ich nie zulassen würde, dass eine kleine Minderheit die Mehrheit bevormundet.«

»Stimmt«, bestätigte Brad. »Mich brächten ein paar Nazis nicht dazu, so zu tun, als würde ich nichts mehr hören und sehen!«

Andere Hände waren noch erhoben und kündigten Fragen an, als die Glocke läutete und die Schüler aus dem Klassenraum drängten.

David Collins stand auf. Sein Magen knurrte. Am Morgen war er zu spät aufgestanden und hatte sein übliches dreigängiges Frühstück ausfallen lassen müssen, um nicht zu spät zur Schule zu kommen. Obgleich er von dem Film, den Mister Ross vorgeführt hatte, durchaus beeindruckt war, konnte er im Augenblick nur daran denken, dass jetzt erst einmal Zeit zum Mittagessen war. Er schaute zu seiner Freundin Laurie Saunders hinüber, die noch an ihrem Platz saß.

»Komm, Laurie!«, drängte er. »Wir müssen sehen, dass wir schnell in die Cafeteria kommen. Du weißt doch, wie lang sonst die Schlange wird.«

Aber Laurie winkte ihm, er solle schon vorgehen. »Ich komme später nach.«

David zögerte. Er schwankte ein Weilchen, ob er auf seine Freundin warten oder erst einmal seinen hungrigen Magen füllen sollte. Der Magen siegte, und David verließ die Klasse.