Die Welt. Eine Familiengeschichte der Menschheit - Simon Sebag Montefiore - E-Book

Die Welt. Eine Familiengeschichte der Menschheit E-Book

Simon Sebag Montefiore

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Beschreibung

»Sein Verfahren eröffnet eine tatsächlich neue Sicht auf die Geschichte.« Stephan Wackwitz, Die Zeit Die Bonapartes, Rothschilds, die Hohenzollern und die Krupps, die Churchills, Kennedys und die Trumps – mächtige Familien repräsentieren die gesamte Bandbreite menschlichen Strebens, mit blutigen Nachfolgekämpfen, verräterischen Verschwörungen und schockierendem Größenwahn neben blühender Kultur, bewegenden Romanzen und aufgeklärter Wohltätigkeit. Dramatisch, ungeschönt und ergreifend lässt der Autor Weltgeschichte intensiv erleben – großartig als überwältigende Vision und ganz intim in den seltenen Augenblicken, an denen die Geschichte stillzustehen scheint. »Die große Leistung des Autors besteht darin, uns die Welt aus einem ganz anderen Blickwinkel sehen zu lassen – das Unbekannte vertraut zu machen und, was noch wichtiger ist, das Vertraute ungewohnt.« The Spectator »Einen umfassenden wie außerordentlich lesbaren und kurzweiligen Ansatz hat der britische Historiker Simon Sebag Montefiore in seinem neuen Buch ›Die Welt‹ vorgelegt«  Berthold Seewald, Die Welt »[E]in opulentes Potpourri brutaler, saftiger, bluttriefender, konfliktgetränkter, absurder und zum Teil kurioser Geschichten.« Günter Kaindlstorfer, Deutschlandfunk

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Seitenzahl: 1664

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Dies ist der Umschlag des Buches »Die Welt. Eine Familiengeschichte der Menschheit« von Simon Sebag Montefiore, Andreas Thomsen, Hans-Peter Remmler, Thomas Stauder, Karin Laue, Jens Hagestedt, Maria Zettner

Simon Sebag Montefiore

Die Welt

Eine Familiengeschichte der Menschheit

Von Napoleon bis Trump

Aus dem Englischen von Jens Hagestedt, Karin Laue, Hans-Peter Remmler, Thomas Stauder, Andreas Thomsen, Maria Zettner

Klett-Cotta

Die digitalen Zusatzmaterialien haben wir zum Download auf www.klett-cotta.de bereitgestellt. Geben Sie im Suchfeld auf unserer Homepage den folgenden Such-Code ein: OM98912

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe zum Zeitpunkt des Erwerbs.

»Die Welt – Eine Familiengeschichte der Menschheit« ist erstmals 2023 als einbändige Ausgabe bei Klett-Cotta erschienen. Das vorliegende Buch ist der zweite Band der zweibändigen Taschenbuchausgabe.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH

Rotebühlstraße 77, 70178 Stuttgart

Fragen zur Produktsicherheit: [email protected]

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The World. A Family History« im Verlag Weidenfeld & Nicolson,

The Orion Publishing Group Ltd, London 2022

© Simon Sebag Montefiore 2022

Für die deutsche Ausgabe

© 2023, 2025 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte sowie die Nutzung des Werkes für Text und

Data Mining i.S.v. § 44b UrhG vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

Nach einem Entwurf von © Studio Helen/OrionBooks

Gesetzt von Dörlemann Satz, Lemförde

Gedruckt und gebunden von Druckerei C. H. Beck, Nördlingen

ISBN 978-3-608-98912-0

E-Book ISBN 978-3-608-12464-4

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

Einführung zur einbändigen Originalausgabe (2023)

Redaktionelle Anmerkung zur deutschen Ausgabe

Zitate

Erster Akt

Arkwrights und Krupps, Habsburger, Bourbonen und Sansons

Der eisenvernarrte Titan, der König der Kanäle und Moll Hackabout

Sally Hemings und Marie Antoinette: Diamanten und ein Kind der Liebe

Saint-Georges, gefährliche Liebschaften und die Abolitionisten

Requiem: Joseph II. und Mozart

Marie Antoinette, der Scharfrichter und Dr. Guillotin

Revolutionen in Haiti und Paris: Cécile und Toussaint, Robespierre und Danton

Zweiter Akt

Bonapartes und Albaner, Wellesleys und Rothschilds

Marie Antoinette, Joséphine und das nationale Rasiermesser

Der Schwarze Spartakus und der Tugendtyrann

Ein Haufen Augäpfel: Tiger Tipu, die Wellesleys und die Rache des Eunuchen

Ägyptische Potentaten: Bonaparte und Mehmed Ali

Zwei Generäle: Toussaint und Napoleon

Ein Kaiser und fünf Königreiche

Könige des Kapitals: Die Rothschilds

Zulu und Sauds, Christophes, Kamehamehas und Astors

Tropische Monarchen: Die Könige von Haiti und Brasilien

Frauen der Eroberer Kamehameha und Napoleon

Wellesleys, Rothschilds und die Frau auf dem scharlachroten Tier

Arabische Eroberungen: Mehmed Ali und die Sauds

Napoleon, Marie-Louise und Moskau

Waterloo: Das britische Jahrhundert, Napoleon II. und die Rothschilds

Shaka Zulu, Moshoeshoe und Dona Francisca

Reichsgründer in Ostafrika: Mehmed Ali und Said

Dritter Akt

Braganças und Zulu, Albaner, Dahomeaner und Vanderbilts

Die Befreier: Bolívar und Pedro

Der Große Herr von Paraguay: Das ethnische Experiment des Dr. Francia

Manuela, der Befreier und König Baumwolle

Romantik und moderne Nation: Lord Byrons Abenteuer und Beethovens

Neunte

»Erstecht ihr

mich

, den König der Welt?«: Bolívar und Shaka

Revolution: Pedro und Domitília

Quamina und Sir John Gladstone: Sklavenrebellen, Sklavenhalter

Lord Cupid und die Schirmherrinnen

»Lieber sterben als versklavt leben«: Daddy Sharpe und die Abolition

Kriegerinnen von Dahomey, Kalif von Sokoto und Kommandant Pretorius

Der Napoleon des Ostens: Mehmed Alis Schachzug und die Löwin vom Punjab

Kriegsherren der USA: Jacksons Kugeln und Santa Annas Bein

Zum Pazifik! König von Hawaii, Königin Emma, Commodore Vanderbilt

Vierter Akt

Bonapartes und Mandschu, Habsburger und Komantschen

Revolutionen und Politik für die Massen: Louis Napoleon und Lola Montez

Der Erotomane und

Das Kapital

: Louis Napoleon und Marx

Glanz und Elend der Kurtisanen

Eliza Lynch und Königin Victoria: Zwei weibliche Potentaten

Rebellion: Die letzten Timuriden und die ersten Nehrus

Verletzend und zerstörerisch: Die Briten holen sich Indien zurück

Hinkender Drache, eisenköpfige Ratte und der Kleine An: Der Aufstieg Cixis

Notfalls den Kaiser verführen: Napoleon III., die Herzdame und das

Risorgimento

»Verdreschen wir sie morgen«: Ulysses und Abraham

Cynthia Ann Parker liebt Peta Nocona, Franz Joseph heiratet Sisi

Amerikanische Kriege: Pedro und López, Charlotte Augusta und Eliza

»Wir sind alle Amerikaner«: Lincoln und Grant

Fünfter Akt

Hohenzollern und Krupps, Albaner und Lakota

Ein verrückter Junker, ein Kanonenkönig: Wettstreit im modernen Machtgefüge

Ismail der Prächtige und Eugénie: Das Kaiserreich ist ein altes Weib

In der Mausefalle: Das Debakel von Napoleon dem Kleinen

Ku-Klux-Klan und Little Bighorn: Ulysses Grant und Sitting Bull

Der eiserne Kanzler und Dizzy

Sechster Akt

Salomo und Asante, Habsburg und Sachsen-Coburg

Salama, Prinzessin von Sansibar, und ein König, der sich »Leichen« nannte

Ismail und Tewodros: Der Kampf um Ostafrika

Cetshwayos Sieg und der letzte Napoleon

Schlächter Leopold, Henker Peters, irrer Kapitän Voulet

Rudolf und Mary in Mayerling, Inspektor Hiedler und Adolf Hitler in Braunau

Moderne Monarchen: Franz Ferdinand, Pedro, Isabella, Liebchen Wilhelm

Hohenzollern und Roosevelts, Salomo und Mandschu

Sonnenaufgang im Osten: Kaiserin Cixi, Königin Min und Sun Yat-sen

Königin Lili

uokalani und Teddy Roosevelt: Fülle und Raffinesse Amerikas

Roosevelt und die

Rough Riders

Abd al-Aziz: Die Rückkehr der Sauds

Rhodes, das Maxim und Lobengula

Menelik und Kaiserin Taytu: Afrikanischer Triumph

Gandhi, Churchill und die Sudan-Maschine

Zwei betagte Kaiserinnen: Cixi und Victoria

Du Bois, Washington und Roosevelt

Franklin, Eleanor und Hirohito

Siebter Akt

Hohenzollern, Krupps, Osmanen, Tennos und Songs

Süßer, Harfner, Tutu und Concettina: Wilhelm II. und seine Freunde

Ende oder Wende in Wien? Franz Ferdinand, Freud, Klimt

»Ich will meine Mami«: Kindkaiser, Sun Yat-sen und die Song-Schwestern

Familienhochzeit: König, Kaiser und drei Paschas

Hohenzollern, Habsburger und Haschemiten

»So heißt man also seine Gäste willkommen«: Der Thronfolger in Sarajevo

Ein Gefreiter an der Westfront: Massentötung im Massenzeitalter

Des Kaisers Skrotum und Hindenburg als Diktator

Ein König in Arabien, ein Bolschewik in Petrograd

Der Niedergang der Kaiser

Tiger, Ziegenbock, Jesus Christus

Niemanden hassen, sich niemals fürchten: Gandhi und Nehru

Das Gehirn, der tumbe Holländer und Lucky Luciano

Vorfühlen mit Bajonetten: Die Könige von München, Syrien und Irak

Pahlavis und Songs, Roosevelts, Kennedys und die Mafia

Vater der Türken, Licht der Perser und das größte Genie: Atatürk, Reza, Lenin

Die Song-Schwestern: Sun, Chiang und Mao

Jazz und die

Roaring Twenties

: Roosevelt, Josephine Baker und Lucky Luciano

Rin Tin Tin: Kennedy, Klein-Cäsar und Roosevelt

Der Feldmarschall und der »böhmische Gefreite«

Lange Messer, Großer Terror: Die ultimativen Machtmenschen Hitler und Stalin

Äthiopien mit oder ohne Äthiopier: Haile Selassie und Mussolini

Achter Akt

Roosevelts, Suns, Krupps, Pahlavis und Sauds

Hirohitos Invasion in China

Ölkönige – Die Eroberung Arabiens: Abd al-Aziz und Reza

»So wird das gemacht« – Hitlers Plan

Der deutsche Diktator und der junge König

Hitlers Vernichtungskrieg und Hirohitos Vabanquespiel

Totale Ausrottung: Hitler und der Holocaust

Moderne Sklavenhalter: Krupp

Hitlers Kampf ums Öl

Mao und die Schauspielerin aus Shanghai

Die Zukunft der Menschheit: Roosevelt, Stalin und Jack Kennedy

Roosevelt und die drei Könige

»Noch können wir gewinnen« – Hirohitos Offensive

Neunter Akt

Nehrus, Maos und Suns, Mafiosi, Haschemiten und Albaner

»Das Strahlen von tausend Sonnen«: Truman und das amerikanische Jahrhundert

Das Ende des einzigen Indien: Nehru, Jinnah und die Vizekönigin

Faruk und Abdullah: Zwei Könige teilen Palästina auf

Mao, Jiang Qing und die rote Schwester Song

Tiger Kim und Stalins Stellvertreterkrieg

Meyer Lanskys Hotel Nacional und Fidel Castros gescheiterte Revolution

Nasser und der Schah ergreifen die Macht

Norodoms und Kennedys, Castros, Kenyattas und Obamas

Der junge König von Kambodscha

Ein Israeli in Paris

Bergmann trifft Schwimmer: Chruschtschow und Mao

Ausgeweidet in Bagdad: Der

Rais

und der letzte König des Irak

La Grandeur

: de Gaulle und Houphouët

Brennende Speere: Kenyatta, Nkrumah und Barack Obama sen.

Nikita und Jack, Mimi und Marilyn

Der Löwe von Juda und der afrikanische Pimpernell

Ungleiche Brüder und ihre Clans: Die Castros und die Kennedys

Atomwaffen in Kuba: Die Hure des Millionärs und der unmoralische Gangster

Sihanouk und der Schah

Nach Kennedy: Lyndon B. Johnson und Martin Luther King

Haschemiten und Kennedys, Maos, Nehrus und Assads

Ljonja, die Ballerina: Breschnew an der Macht

Stich des Skorpions und Sturz der Kleinen Kanone: Mao lässt Jiang Qing los

Nasser und der König: Sechstagekrieg im Juni

Die Attentate: Robert F. Kennedy, Martin Luther King, Tom Mboya

Das Aphrodisiakum der Macht: Kissingers und Nixons Dreiecksspiel

Die Ermordung von B-52: Mao und Pol Pot

Die »blöde Puppe«: Indira beherrscht Indien

Der amerikanische Metternich und der Philosophenkönig von China: Kissinger und Mao

Salomon und Bush, Bourbon, Pahlavi und Castro

Wilde Bestien und Löwen: Die Assads von Damaskus

Kaiserliche Pfaue: Das satanische Fest und der Engel

»Ist König David zurückgetreten?« Der

Neguse Negest

und Major Mengistu

Mao, Bruder Nr. 1 und die Viererbande

Der Kreuzzügler und der Prinz: Europäische Tyrannen und Demokraten

Indira Gandhi und Sohn

Kleine Kanone, die Acht Unsterblichen und die Bande des Skorpions

Castros Afrika

Der Herr der Spione: Andropow und sein Schützling Gorbatschow

Der Imam, der Schah und Saddam

Jerry John Rawlings von Ghana und Sadat in Jerusalem

Operation Storm-

333 in Kabul

Poppy, Osama und W: Bin Laden und die beiden Bushs

Maggie und Indira

Die Nehruvianer: Die dritte Generation

Zehnter Akt

Jelzins, Nehruvianer und Assads, Bin Ladens, Kims und Obamas

Aufstieg und Fall von Weltmächten: Deng und Gorbatschow

Der Fall der Mauer und das neue Afrika: Jelzin und Mandela

Die Familia: Boris, Tatjana und die Oligarchen

Die Ritter von Damaskus, marxistische Monsterfilme und die Datenkönige

Der Sturz der Türme, die Finanzkrise und »

Yes we can

«

Baschar, das Bajonett und die Mona Lisa von Indien: Gaddafi und Mubarak gehen unter, Modi kommt

Wo Löwen und Geparden lauern: Trump kapert die Bühne

Die Tötung von Geronimo: Osama wird liquidiert

Elfter Akt

Trumps und Xis, Sauds, Assads und Kims

Das Kalifat und die Krim

Die Familien, die Dynasten, die Weltreiche

Ein Kaiser, ein Zar und ein Schauspieler: Xi, Putin und Selenskyj

Schlussbemerkung

Zitate

Anhang

Dank

Ausgewählte Literatur und Quellen

Stimmen zu diesem Buch

Ortsregister

Personenregister

Für meinen geliebten Sohn

Sasha

***

In Erinnerung an meine Eltern

Stephen & April

Vorwort

Die vorliegende Weltgeschichte ist in bedrohlichen Zeiten, während pandemiebedingter Lockdowns und dem russischen Überfall auf die Ukraine, entstanden. Es gibt unzählige Möglichkeiten, eine Universalgeschichte zu schreiben. Seit der Antike haben es Hunderte Historiker versucht, jeder auf seine Weise. An vielen Universitäten gibt es mittlerweile Lehrstühle für Globalgeschichte, und Dutzende Weltgeschichten werden jedes Jahr veröffentlicht. Einige von ihnen sind wirklich brillant, und ich habe versucht, sie alle zu lesen. Kein Buch ist leicht zu schreiben, und für eine Weltgeschichte gilt das ganz besonders. »Worte und Ideen ergießen sich aus meinem Kopf wie Rahm in ein Butterfass«, schrieb Ibn Chaldun in seiner Universalgeschichte.

Ich wollte immer schon eine Geschichte wie diese schreiben, die einen eher intimen Blick auf die Menschheit wirft. Einerseits ist es ein neuer Ansatz, der sich andererseits auf alte Traditionen berufen kann. Vor allem jedoch ist er die Quintessenz meines Lebens voller Studien und Reisen. Ich hatte das Glück, viele Orte zu besuchen, an denen sich Geschichten dieser Geschichte ereignet haben. Einige der Kriege und Putsche, von denen sie handelt, habe ich selbst miterlebt. Und ich hatte das Privileg, persönliche Gespräche mit einigen globalen Hauptakteuren führen zu dürfen, von denen ich Informationen aus erster Hand erhielt.

Mein Vater war ein Arzt, der sich über vieles Gedanken gemacht hat. Als ich elf Jahre alt war, schenkte er mir eine gekürzte Ausgabe von Arnold Toynbees The Study of History (Der Gang der Weltgeschichte) – ein Werk, das heute als überholt gilt. »Vielleicht schreibst du eines Tages ja auch einmal so etwas«, sagte er. Ich konnte mich gar nicht mehr losreißen von all diesen Geschichten über Orte und Zeiten, die in meinem von Tudors und Nazis beherrschten Schulunterricht nicht vorkamen.

Dieses Buch zu schreiben, hat mir die größte Befriedigung meines bisherigen Schriftstellerlebens verschafft, stellte mich aber auch vor die bislang größte Herausforderung. Allerdings habe ich viel weniger gelitten als andere Historiker. Ibn Chaldun etwa musste mitansehen, wie seine Eltern an der Pest starben. Sir Walter Raleigh schrieb an seiner History of the World, während er auf seine Hinrichtung wartete, was ihm eine einzigartige Perspektive auf das Weltgeschehen eröffnet haben dürfte. Nur wurde er vor der Fertigstellung enthauptet – eine grauenvolle Vorstellung. Geschichte besitzt die geradezu mystische Kraft, die Gegenwart zu formen oder – bei missbräuchlicher Anwendung – zu verzerren. Das macht die Geschichtsschreibung zu einem ebenso unverzichtbaren und edlen wie gefährlichen Metier. Als man den um 145 v. Chr. geborenen chinesischen Historiographen Sima Qian(1) beschuldigte, er habe den Kaiser verunglimpft, hatte er die Wahl zwischen Hinrichtung und Kastration. Um seine Geschichte vollenden zu können, entschied er sich dafür, verschnitten zu werden: »Aber bevor ich mein Rohmanuskript fertig hatte, traf ich auf dieses Unglück. … Wenn es an Menschen weitergegeben werden darf, die es schätzen und bis in die Dörfer und großen Städte vordringen, was sollte ich dann bereuen, obwohl ich tausend Verstümmelungen erleiden würde?« Ich dachte oft an Sima Qian(2), während ich an diesem Buch arbeitete …

Simon Sebag Montefiore

London

Einführung zur einbändigen Originalausgabe (2023)

Die Flut strömte zurück. Fußabdrücke tauchten auf. Es waren die Spuren einer Familie, die am Strand von Happisburgh in Ostengland entlanggegangen war. Hinterlassen haben sie fünf Menschen vor etwa 850 000 bis 950 000 Jahren, Erwachsene und Kinder, von denen das größte Individuum wahrscheinlich ein Mann war. Die Fußspuren, die 2013 entdeckt wurden, sind nicht die ältesten. Diese wurden in Afrika gefunden, wo die Geschichte der Menschheit ihren Anfang nahm. Aber jene Strandspuren sind die ältesten einer Familie. Und sie haben mich zu dieser Weltgeschichte inspiriert.

Viele Globalgeschichten sind schon geschrieben worden. Diese hier verfolgt einen bisher nie erprobten Ansatz: Um einer lebendigeren Perspektive willen habe ich meine Weltgeschichte in die Erzählungen von Familien eingebettet. Auf diese Weise lassen sich die großen Ereignisse der Weltgeschichte, von den ersten Homininen bis heute und vom Steinwerkzeug bis zum Smartphone, mit den Dramen einzelner Menschen verknüpfen.

Weltgeschichte ist ein Elixier für bewegte Zeiten, schließlich schärft sie unseren Blick für Verhältnismäßigkeiten. Meistens ist es jedoch ein distanzierter Blick, geht es in den herkömmlichen Weltgeschichten doch häufig um Themen und nicht um Menschen, während Biographien üblicherweise von Menschen, aber nicht von Themen handeln. Die Familie ist der Urstoff der menschlichen Existenz – so war es schon immer, und so wird es auch in einem von Künstlicher Intelligenz und galaktischer Kriegsführung geprägten Zeitalter bleiben. Ich habe ein historisches Netz über die Welt geworfen, in das ich Parallelgeschichten von Familien aller Kontinente und aller Epochen verwoben habe, um dadurch die Entwicklung der Menschheit herauszuarbeiten: Es ist die Biographie vieler Menschen statt einer einzelnen Person. Ungeachtet der globalen Reichweite dieser Familien mangelt es ihren Dramen nicht an Intimität, denn auch ihr Leben wird von Geburt, Heirat und Tod bestimmt. Sie lieben, hassen, steigen auf, fallen, steigen erneut auf, treten ab und treten wieder auf. Jedes Familiendrama hat unzählige Akte. Genau das meinte Samuel Johnson, als er sagte, jedes Königreich sei eine Familie und jede Familie ein kleines Königreich.

Anders als die meisten Geschichtsbücher, mit denen ich aufgewachsen bin, ist meine Weltgeschichte ausgewogen, denn sie widmet sich nicht mehr vordringlich dem Geschehen in Großbritannien und Europa, sondern schenkt Asien, Afrika und Amerika die gebotene Aufmerksamkeit. Durch den familiären Blickwinkel lässt sich auch das Leben von Frauen und Kindern, die in den Darstellungen aus meiner Schulzeit meist sträflich vernachlässigt wurden, angemessen beachten. Ihre Rollen verändern sich im Laufe der Geschichte ebenso wie die Form der Familie selbst. Wie die Schädelplatten der Geschichte zusammengewachsen sind, genau dies möchte ich hier nachzeichnen.

Das Wort »Familie« steht für Geborgenheit und Zuneigung, obwohl Familien im wirklichen Leben Gespinste aus Kampf und Grausamkeit sein können. Die meisten Familien, von denen ich erzähle, waren Machtverbände, in denen es zwar durchaus Intimität und Wärme gab, Erziehung und Liebe, die zugleich aber auch den eigentümlichen, unerbittlichen Dynamiken der Politik unterworfen waren. Gerade in mächtigen Familien birgt Vertrautheit Gefahr. »Unheil«, warnte der chinesische Philosoph Han Fei seinen Herrscher im 3. Jahrhundert v. Chr., »kommt von denen, die du liebst.«

Bei vielen dieser Familien handelt es sich um Herrscherdynastien: »Geschichte ist etwas, das eine kleine Minderheit tut«, so Yuval Noah Harari, »während die anderen Äcker pflügen und Wasser schleppen.« Neben den Macht ausübenden Familien kommen in diesem Buch auch Sklaven, Ärzte, Maler, Schriftsteller, Henker, Generäle, Historiographen, Priester, Scharlatane, Wissenschaftler, Tycoons, Kriminelle – und Liebende vor. Sogar ein paar Götter.

Einige Familien und Familiengeschichten werden Ihnen als Leserinnen und Leser bekannt vorkommen, viele aber auch ganz unbekannt sein. Wir folgen den Ming in China, den Medici in Florenz und den Habsburgern in Österreich, aber auch den Dynastien von Mali, Mutapa, Dahomey, Oman, Afghanistan, Kambodscha, Brasilien, Iran, Haiti und Hawaii. Und wir berichten über Dschingis Khan, Sundiata Keïta, Kaiserin Wu, Ewuare den Großen, Iwan den Schrecklichen, Kim Jong-un, Itzcóatl, Andrew Jackson, König Henri von Haiti, Ganga Zumba, Kaiser Wilhelm II., Indira Gandhi, Pachacútec Inka und Hitler, über die Kenyattas, Castros, Assads, Sauds, Roosevelts, Rothschilds, Rockefellers und Trumps, über Kleopatra, de Gaulle, Khomeini, Gorbatschow, Marie Antoinette, Jefferson, Nader Schah, Mao und Obama, über Mozart, Balzac und Michelangelo ebenso wie über die Cäsaren, Moguln und Osmanen.

Das Grässliche und das Heimelige bestehen nebeneinander. Und so gibt es viele liebende Väter und Mütter, aber eben auch Ptolemaios VIII., den »Dickbauch«, der seinen Sohn zerstückelte und die Körperteile an die Mutter des Kindes schickte, oder Nader Schah, der wie Iris, die Kaiserin des IS, den eigenen Sohn blenden ließ. Königin Isabella folterte ihre Tochter, und Karl der Große soll mit seiner Tochter geschlafen haben. Die mächtige Osmanin Kösem ließ ihren Sohn erwürgen und wurde ihrerseits auf Befehl ihres Enkels getötet. Bei der Hochzeit ihrer Tochter inszenierte Katharina de’ Medici ein Massaker und duldete deren Verführung, womöglich sogar die Vergewaltigung durch ihre Söhne. Nero schlief mit seiner Mutter und ermordete sie später. Nachdem Shaka Zulu seine Mutter getötet hatte, nahm er dies zum Vorwand für ein Massaker. Saddam Hussein sorgte dafür, dass seine Söhne gegen seine Schwiegersöhne vorgingen. Brüder zu töten, ist auch heute noch in Machtfamilien endemisch. Kim Jong-un etwa ließ seinen Bruder auf sehr moderne Weise aus dem Weg räumen und dessen Ermordung mit einem Nervengift wie eine Fernsehshow als Scherz mit versteckter Kamera inszenieren.

Wir betrachten die Tragödien, die jugendlichen Töchtern widerfuhren, wenn sie von ihren kaltherzigen Eltern in ferne Länder geschickt wurden, wo sie Fremde heiraten mussten, um dann bei der Niederkunft zu sterben: Manchmal erleichterten ihre Ehen die Beziehungen zwischen den Staaten, häufiger aber bewirkten die Leiden der Frauen wenig, weil die Interessen des Staates Vorrang vor den familiären Bindungen hatten – ein Aspekt, den wir ebenfalls in den Blick nehmen. Darüber hinaus beleuchten wir auch die Triumphe versklavter Frauen – wie die von Kösem –, die zu Herrscherinnen über ganze Reiche aufstiegen. Erinnert sei an Sally Hemings, die versklavte Halbschwester von Thomas Jeffersons Frau, die dem Präsidenten heimlich Kinder gebar, oder an Raziah aus dem Sultanat von Delhi, die als Sultanin die Macht ergriff, aber dann wegen ihrer Affäre mit einem afrikanischen General ins Verderben stürzte, oder an die Kalifentochter Wallada, die sich in al-Andalus einen Ruf als Dichterin und Freigeist erwarb. Wir werden unsere Familien durch Pandemien, Kriege, Überschwemmungen und Aufschwünge begleiten und das Los der Frauen verfolgen, das sie vom Dorf bis auf den Thron und von der Fabrik bis ins Amt der Premierministerin führte, und wir werden über katastrophale Müttersterblichkeit und rechtliche Ohnmacht über das Wahlrecht bis hin zu Abtreibung und Empfängnisverhütung sprechen. Wir werden uns auch mit dem Schicksal der Kinder auseinandersetzen, von der entsetzlichen Kindersterblichkeit und Kinderarbeit früherer Zeiten bis hin zu den verwöhnten Stars der modernen Gesellschaft.

Im Mittelpunkt dieser Geschichte stehen einzelne Menschen, Familien und Herrschaftscliquen. Tatsächlich gibt es viele Wege, die Geschichte der Welt zu erzählen. Als Historiker interessieren mich besonders die Mechanismen der Macht und der Geopolitik. Die meiste Zeit meines Berufslebens habe ich über russische Machthaber geforscht und geschrieben, denn sie verkörpern die Art von Geschichte, die ich selbst immer gern gelesen habe. Es ist eine Geschichte voller Leidenschaft, Phantasie und Sinnlichkeit, eine Geschichte über Menschen, die von Furien gejagt werden oder einfach unter den Härten des gewöhnlichen Lebens zu leiden haben. Und das hat die reine Wirtschafts- oder Politikgeschichte nun einmal nicht zu bieten. Dieser menschliche Blickwinkel auf die Weltgeschichte hat den großen Vorteil, dass er nicht nur politische, wirtschaftliche und technische Veränderungen, sondern auch familiäre Entwicklungen sichtbar macht. Dieses Buch zeigt, wie Menschen seit jeher in einem System um ihre Handlungsfähigkeit rangen und sich gegen die unpersönlichen, das Dasein bestimmenden Kräfte stemmten. Und doch schließen diese beiden so gegensätzlichen Dimensionen einander nicht zwingend aus. »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte«, schrieb Karl Marx, »aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.« Oftmals wird Geschichte so dargestellt, als wären Ereignisse, Revolutionen und Paradigmen stakkatoartig aufeinandergefolgt, erlebt von Menschen, die sich ordentlich kategorisieren, definieren und zuordnen lassen. Die Geschichte der Familien offenbart jedoch etwas ganz anderes: Sie öffnet den Blick auf idiosynkratische, einzigartige Menschen, die über Jahrzehnte und Jahrhunderte in einer vielschichtigen, hybriden, kaleidoskopischen, liminalen, das heißt, in einer im Schwellenzustand befindlichen Welt leben, lachen und lieben. Und genau diese Welt entzieht sich all unseren Versuchen, sie zu kategorisieren oder mit bestimmten Identitäten zu versehen.

Die Familien und Menschen, denen ich in diesem Buch nachspüre, ragen als Herrscher oder Künstler in der Regel zwar aus der Masse heraus, verraten dessen ungeachtet aber viel über ihre Zeit und über die Orte, an denen sie lebten. Auf diese Weise lässt sich neben der Entwicklung von Königreichen und Staaten und der Vernetzung von Völkern ebenso untersuchen, wie unterschiedliche Gesellschaften Außenseiter integrieren oder zusammenbringen. Das vorliegende Buch ist ein vielschichtiges Drama synchroner Erzählstränge, die an unterschiedlichen Orten spielen, aber letztlich zu ein und derselben Geschichte gehören. Dadurch fange ich hoffentlich etwas von der chaotischen Zufälligkeit und Unvorhersehbarkeit des wahren Lebens und von dem Gefühl ein, dass vieles an anderen Orten in ganz anderen Bahnen verläuft.

Eines der übergreifenden Themen dieses Buches ist die Staatenbildung durch Migration. Dazu betrachten wir ebenso ortsgebundene wie in Bewegung befindliche oder durch Bewegung geformte Familien, denn es sind die großen Massenmigrationen von Familien – Wanderungen und Eroberungen –, die beinahe jede Ethnie und jede Nation erschaffen haben.

So wie wir die Kernfamilien beleuchten, folgen wir auch den großen, sich häufig zu Clans und Stämmen auswachsenden Machtfamilien. Die Kernfamilie ist für uns alle eine biologische Tatsache, die für die meisten von uns mit elterlicher Fürsorge verbunden ist, wie gut oder schlecht sie im Einzelfall auch ausgeprägt sein mag. Dynastien dagegen sind Konstrukte aus Vertrauen und Abstammung, die dazu dienen, Macht und Reichtum zu erhalten, und die vor Gefahren schützen sollen. Beides ist fest in unseren Instinkten verankert, denn in vielerlei Hinsicht sind wir alle Mitglieder von Dynastien, und das macht diese Familiengeschichte zu einer Chronik über uns alle. Nur stehen herrschenden Familien ganz andere Mittel zur Verfügung; bei ihren Machtspielen geht es oftmals buchstäblich um Leben und Tod.

In Europa und den USA neigen wir dazu, die Familie als kleine Einheit zu betrachten, die im Zeitalter von Individualismus, Massenpolitik, Industrialisierung und Hochtechnologie ihre politische Bedeutung verloren hat. Wir glauben, dass wir die Familien nicht mehr so wie früher benötigen. Daran ist durchaus etwas Wahres, erhielt doch die Familie im Laufe der Zeit einen anderen Stellenwert. Auch in Zeiten, in denen sich keine prominenten Familien hervorgetan haben, stütze ich mich bei meinen komplexen Narrativen auf die Charakterzüge und Verbindungen der Menschen. Denn wie sich zeigt, hat sich das Konzept der Dynastie in unserer individualistischen, vermeintlich rationalen Welt zwar weiterentwickelt, ist aber keineswegs verschwunden. Ganz im Gegenteil.

»Ein erblicher Herrscher ist ebenso widersinnig als ein erblicher Doktor«, betonte Thomas Paine während der Amerikanischen Revolution. Und er musste es wissen, schließlich wurde damals, wie so viele Professionen, auch der Arztberuf vererbt. Ein wesentlicher Grund dafür, dass Herrschaft weitervererbt wurde, war die Religion, denn man glaubte fest daran, dass Herrscher als Vertreter oder sogar Verkörperung des göttlichen Willens agierten. Ihre Heiligkeit, die daraus resultierte, schloss auch die Herrscherfamilien ein und ließ die Erbfolge als etwas Natürliches erscheinen, weil sich darin die auf Abstammung beruhende natürliche Gesellschaftsordnung spiegelte. Nach 1789 entwickelte sich eine Theologie der geheiligten Dynastien, um neuen nationalen, populären Paradigmen und nach 1848 der Massenpolitik zu entsprechen. Die traditionelle Religion mit ihrem Weihrauch und Glockengeläut ist heute weniger präsent, doch unsere sogenannten säkularen Gesellschaften sind nicht weniger religiös als die unserer Vorfahren, und unsere heutigen Orthodoxien sind nicht weniger starr und absurd als die alten Religionen. Der Menschheit scheint nämlich ein starkes Bedürfnis, dass alle Menschen durch den Glauben erlöst werden mögen, innezuwohnen, das jeden Einzelnen, jede Familie und jede Nation nach einer gerechten Mission suchen lässt, die der Existenz Gestalt und Sinn verleiht. »Wer ein Warum zum Leben hat«, sagt Nietzsche, »erträgt fast jedes Wie.« Deshalb ist die Religiosität ein wichtiges Thema dieses Buches.

Unsere heutigen liberalen Demokratien rühmen sich gerne ihrer rein rationalen Politik, in der Sippen, Verwandtschaft und Beziehungen keine große Bedeutung mehr zukommt. Das stimmt insofern, als die Familie in ihnen eine vergleichsweise geringe Rolle einnimmt. Dennoch geht es in der Politik nach wie vor eher darum, jemanden zu begünstigen, als um Inhalte. Selbst moderne Staaten wie die Demokratien in Nordamerika und Westeuropa sind komplexer und längst nicht so rational, wie wir uns gerne einreden, denn formale Institutionen, zu denen auch die Familie gehört, werden oftmals durch informelle Netzwerke und Interessengemeinschaften umgangen. Man denke nur an mächtige Familiendynastien wie die Kennedys und Bushs, die Kenyattas und Khamas, die Bhuttos, Lees und Nehrus, die in vielen Demokratien oder Semidemokratien für Sicherheit und Kontinuität stehen, aber erst gewählt werden müssen (und folglich auch bei den Wahlen durchfallen können). Untersuchungen in den USA, Indien und Japan haben gezeigt, dass die Mitglieder großer Familiendynastien dort bis heute immer wieder in den Parlamenten und im Staatsdienst auftauchen. Und dann ist da noch die wachsende Zahl erblicher Herrscher in Asien und Afrika, die – hinter republikanischen Institutionen verborgen – in Wirklichkeit Monarchen sind.

»Verwandtschaft und Familie bleiben eine Macht, mit der man rechnen muss«, schrieb Jeroen Duindam, der Altmeister der Dynastieforschung. »Personalisierte und dauerhafte Formen der Führung in Politik und Wirtschaft neigen auch heute noch dazu, halb dynastische Züge anzunehmen.«

Familie und Macht sind also wandelbar und können im Laufe der Zeit unterschiedliche Formen annehmen. Daneben existiert ein diesen beiden Faktoren entgegengesetztes, zugleich jedoch eng mit ihnen verbundenes Phänomen: die Sklaverei. Durch Haussklaven war sie von Anfang an in den Familien der Sklavenhalter präsent, während sie die Familien der Versklavten zerstörte. Das macht die Sklaverei zu einer Art Anti-Familien-Institution. Wie die Konkubinen in islamischen Harems oder die Geschichte von Sally Hemings und Thomas Jefferson im Sklaven haltenden Amerika zeigen, konnten Sklaven zwar als Mitglieder in die Familien ihrer Besitzer integriert sein, doch hatten sie niemals irgendeine Wahl, denn ihr Dasein war unverhohlen von Zwang oder sogar ungehemmt von Vergewaltigung geprägt. Familie war und ist für viele Menschen also keine Selbstverständlichkeit.

Dieses Buch spiegelt eine Reihe neuer, längst überfälliger Entwicklungen in der Geschichtsschreibung wider, schließlich widmet es sich ausführlich den Völkern Asiens und Afrikas sowie der Frage, wie politische Ordnungen, Sprachen und Kulturen miteinander verflochten sind und welche Rolle Frauen und die ethnische Vielfalt spielen. Doch die Geschichte ist zu einem Feuerrad geworden, das sich beständig dreht und die Flammen des Wissens und des Unwissens gleichermaßen entfacht. Man muss sich nur die verwüsteten Informationslandschaften auf Twitter oder Facebook mit ihrem Geblubber aus Vorurteilen und Verschwörungstheorien ansehen, um zu erkennen, wie sich die Geschichte durch digitale Verzerrung immer mehr zersplittert. Geschichte war schon immer wichtig, schließlich sorgt eine wie auch immer imaginierte goldene, mit Heldenepen angereicherte Vergangenheit nicht nur für Legitimität und Authentizität, ihr wohnt auch eine tief im menschlichen Wesen verwurzelte Heiligkeit inne, die oftmals in den Geschichten von Familien und Nationen zum Ausdruck kommt. Jede Ideologie, jede Religion und jedes Imperium ist bestrebt, diese sakrosankte Vergangenheit zu kontrollieren, um ihr Handeln in der Gegenwart zu legitimieren. Bis heute mangelt es auf der Welt nicht an Versuchen, die Geschichte in ein ideologisches Korsett zu zwängen.

Die alten kindlichen Kategorien von »Gut« und »Böse« haben wieder Konjunktur, wenn auch unter veränderten Vorzeichen. Doch wie James Baldwin schon sagte: »Eine erfundene Vergangenheit kann niemals verwendet werden. Sie bricht und bröckelt unter dem Druck des Lebens wie Ton in einer Dürrezeit.« Ein ideologisch geprägter Jargon, der laut Foucault in der Regel auf eine Zwangsideologie hindeutet, die »dazu tendiert, auf die anderen Diskurse Druck und Zwang auszuüben«, bestätigt eine solche Klitterung am deutlichsten. Ein solcher Jargon verschleiert nämlich das Fehlen einer faktischen Grundlage, schüchtert Andersdenkende ein und erlaubt es Kollaborateuren, ihre tugendhafte Konventionalität zur Schau zu stellen. »Was ist dann«, so Foucault weiter, »im Willen zur Wahrheit, im Willen, den ›wahren‹ Diskurs zu sagen, am Werk – wenn nicht das Begehren und die Macht?« Und Baldwin warnte: »Niemand ist gefährlicher als derjenige, der sich einbildet, reinen Herzens zu sein, denn seine Reinheit ist per definitionem unangreifbar.« Geschichtsideologien überleben nur selten den Kontakt mit der Unordnung, den Zwischentönen und der Komplexität des wirklichen Lebens: »Das Individuum, das die Macht konstituiert hat«, so Foucault, »ist zugleich ihr Vehikel.«

Der Schwerpunkt in diesem Buch muss zwangsläufig auf dunklen Aspekten der Geschichte wie Krieg, Verbrechen, Gewalt, Sklaverei und Unterdrückung liegen, weil sie nicht nur Bestandteile des Lebens, sondern oftmals auch Antriebskräfte des Wandels sind. Die Geschichte ist, wie Hegel schrieb, als »Schlachtbank« zu betrachten, »auf welcher das Glück der Völker … zum Opfer gebracht worden« ist. Der Krieg ist demnach immer ein Brandbeschleuniger: »Das Schwert verkündet mehr Wahrheiten als Bücher, denn seine Schneide trennt Weisheit von Eitelkeit«, meinte Abu Tammam Habib ibn Aus, ein irakischer Dichter aus dem 9. Jahrhundert. »Wissen findet man im Funkeln der Lanzen.« Und jedes Heer, so Leo Trotzki, »ist ein Abbild der Gesellschaft und leidet an allen ihren Krankheiten, meistens mit erhöhter Temperatur.« Imperien, also Staaten mit zentralisierter Herrschaft und kontinentalen Ausmaßen, die über verschiedene Völker gebieten, können vielerlei Gestalt annehmen. Eine Erscheinungsform sind die Steppenreiche der Reiternomaden, die sesshafte Gesellschaften über viele Jahrtausende bedrohten, eine völlig andere die transozeanischen europäischen Reiche, die die Welt zwischen 1500 und 1960 beherrschten. Heutzutage konkurrieren »Imperien« wie China, Amerika und Russland miteinander, die von einer nationalen Vision mit kontinentaler Reichweite getragen werden. In Moskau etwa kontrollieren Imperialisten, die durch einen neuen Ultranationalismus gestärkt sind, das flächenmäßig größte nationale Imperium der Welt – mit tödlichen Folgen. Der Wettstreit der Weltmächte – Papst Julius II. nannte es »das Weltspiel« – erweist sich als unerbittlich, denn Erfolge sind von vorübergehender Natur, und der Preis, den die Menschen dafür zahlen, ist immer zu hoch.

Viele marginalisierte und verschwiegene Verbrechen müssen noch vollständig aufgeklärt werden. Ziel dieses Buches ist eine differenzierte Darstellung, die die Menschen und ihre Gemeinschaften so zeigen soll, wie sie nun einmal sind: kompliziert und mit Fehlern behaftet, aber eben auch inspirierend. Das beste Mittel gegen die Verbrechen der Vergangenheit besteht darin, sie möglichst hell zu beleuchten. Wenn sie schon nicht mehr bestraft werden können, sollten wir sie zumindest nicht unter den Teppich kehren, denn das ist die einzige Form der Wiedergutmachung, die zu leisten wir noch imstande sind. Dieses Buch soll daher ein Scheinwerfer sein, der Errungenschaften und Untaten ins Licht rückt, ganz gleich, wer sie zu verantworten hat. Ich werde versuchen, die Geschichten so vieler unschuldig zu Tode gekommener, versklavter und unterdrückter Menschen zu erzählen, wie ich nur kann. Denn jeder Einzelne zählt.

Heute verfügen wir über wissenschaftliche Methoden wie die Radiokarbondatierung, die DNA-Analyse oder die Glottochronologie, die uns tiefere Einblicke in die Vergangenheit ermöglichen und die Schäden aufzeigen, die der Mensch seiner Erde durch Erderwärmung und Umweltzerstörung zufügt. Doch ungeachtet aller neuen Mess- und Forschungsmethoden geht es in der Geschichte letztlich immer um Menschen. Meine letzte Reise, bevor ich diese Zeilen zu Papier brachte, führte mich nach Ägypten. Als ich dort die wunderschönen Fayum-Porträts sah, fiel mir auf, wie ähnlich uns diese Menschen aus dem 1. Jahrhundert sehen. Sie und ihre Familien haben vieles mit uns gemeinsam, obwohl es selbstverständlich auch immense Unterschiede gibt. In unserem eigenen Leben verstehen wir oftmals kaum die Menschen, die wir gut zu kennen glauben. Umso mehr muss man sich in der Geschichtsforschung darüber im Klaren sein, dass wir im Grunde nur sehr wenig über die Menschen aus der Vergangenheit oder die Funktionsweise ihrer Familien wissen. Und schon gar nicht können wir sagen, was in ihren Köpfen vorging.

Historiker laufen stets Gefahr, in eine teleologische Sichtweise zu verfallen, also Ereignisse so darzustellen, als habe ihr Ausgang von Anfang an festgestanden. Und wer nur eine Zukunft vorhersagen kann, die bereits passiert ist, taugt als Prophet nicht viel. Das liegt daran, dass Historiker oftmals gar nicht so sehr die Vergangenheit dokumentieren oder die Zukunft prophezeien, sondern vielmehr ihre eigene Gegenwart abbilden. Um die Vergangenheit wirklich verstehen zu können, muss man jedoch in der Lage sein, die Gegenwart abzuschütteln. Die Aufgabe eines Historikers ist es, sich das Leben in der Vergangenheit in seiner gesamten Bandbreite vorzustellen und dabei alles einzubeziehen, was er weiß.

Ein Welthistoriker ist, wie al-Masudi im 10. Jahrhundert zu Papier brachte, »ein Mann, der Perlen aller Art und Farben gefunden hat, sie zu einer Halskette zusammenfasst und zu einem Ornament macht, das sein Besitzer mit großer Sorgfalt bewacht.« Genau diese Art Weltgeschichte wollte ich schreiben.

Die Fußstapfen der Familie am Strand von Happisburgh wurden bald nach ihrer Entdeckung 2013 von den Gezeiten überspült und ausgelöscht. Nachdem sie damals entstanden waren, sollte es noch Hunderttausende Jahre dauern, bis das begann, was wir Geschichte nennen.

Redaktionelle Anmerkung zur deutschen Ausgabe

Die vorliegende Weltgeschichte aus der Sicht von Familien führt Sie in alle Weltregionen, in zahlreiche Länder mit ihren Städten, Steppen und Wüsten. Sie entfaltet das Innenleben so vieler Clans, Sippen und Dynastien, dass dem Redaktionsteam – Übersetzerinnen und Übersetzern, Lektorinnen, Korrektorin und Verlag – eine Vorbemerkung angebracht scheint, um die Lektüre zu erleichtern:

Viele historische Persönlichkeiten treten auf, ungezählte Namen werden erwähnt. Daher haben wir uns entschieden, die Namen weitgehend in ihrer Landessprache zu belassen, um die immer noch praktizierte ›Germanisierung‹ zu vermeiden. So nennen wir den portugiesischen König Dom Pedro I. nicht wie früher üblich Peter I. Englische Könige werden etwa Henry, französische Herrscher Henri und deutsche Könige und Kaiser Heinrich genannt. Ludwig XIV., im deutschsprachigen Raum als »Sonnenkönig« bekannt, firmiert unter der französischen Schreibweise Louis XIV.

Ausnahmen bestätigen die Regel, so auch in diesem Buch: Marie Antoinette ist im deutschen Sprachraum nur unter diesem Namen und in dieser Schreibweise vertraut, sodass in diesem Fall nicht auf die Schreibweisen Antoinette oder Maria Antonia zurückgegriffen wurde. Jekaterina Welikaja bezeichnet im Russischen Katharina II., die Große, und Pjotr I Welikij ist im Deutschen als Peter I., der Große, geläufig: In diesen und weiteren Fällen haben wir uns entschieden, die im deutschen Sprachraum übliche Verwendung beizubehalten, ebenfalls bei Wilhelm dem Eroberer, Karl V. und weiteren Namen.

Bevor der Lesetext eines jeden Kapitels beginnt, haben wir unter der Rubrik »Mitwirkende« die wichtigsten historischen Persönlichkeiten mit ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihrer Funktion und oft auch ihrem familiären Bezug versammelt, um eine zeitliche und dynastische Orientierung zu ermöglichen.

Bei den Jahresangaben vor- und frühgeschichtlicher Zeit haben wir uns analog zur englischen Ausgabe The World. A Family History an der im englischen Sprachraum geläufigen Einteilung der Epochen und Regierungszeiten orientiert. Für die Zeiten danach gilt die hierzulande übliche Handhabe.

Sämtliche Angaben wurden von der Redaktion sorgfältig geprüft. Sollten bei der Fülle der Namen, Länder, Orte, der Ereignisse, der Jahreszahlen und weiterer Details dennoch Ungenauigkeiten stehengeblieben sein, bitten wir dies zu entschuldigen. Es sollte den Gesamteindruck dieser weit ausgreifenden und überwältigenden Weltgeschichte als einer Geschichte der Familien und Dynastien nicht schmälern.

In dem Buch sind zahlreiche Zitate enthalten, die nicht in Gänze recherchiert werden konnten. Wir haben uns entschieden, Zitate von deutschsprachigen historischen Personen oder deutschen Autoren, deren Aussagen schriftlich greifbar sind, zu belegen. Die Quellen finden sich im Anhang aufgelistet. Alle anderen Zitate wurden der englischen Fassung des Buches entnommen und ins Deutsche übertragen. Für weitergehende Lektüren haben wir eine Auswahlbiographie angefügt; die ausführliche Literaturliste kann auf der Homepage des Verlages heruntergeladen werden (siehe dazu den Hinweis auf Seite 4).

In Bezug auf die Formalia gelten Kursivierungen allein fremdsprachigen Ausdrücken, die wir in vielen Fällen der Verständlichkeit wegen durch einen Einschub erklären. Anführungszeichen wiederum sind der Auszeichnung von Zitaten und Wortübersetzungen und Spitznamen, Übernamen etc. vorbehalten. Was fremdsprachige Namen betrifft, haben wir aus Gründen der Lesefreundlichkeit weitestgehend auf Sonderzeichen verzichtet.

Entstandene Abweichungen des Textes vom englischen Original sind einer redaktionellen Bearbeitung geschuldet, die großen Wert auf die Lesefreundlichkeit für das deutschsprachige Publikum legt. Dies hat an einigen Stellen Glättungen oder geringfügige Kürzungen notwendig gemacht.

Last but not least haben wir auf diskriminierungssensiblen Sprachgebrauch Wert gelegt. In Anlehnung an derzeit gängige sprachliche Übereinkünfte verzichten wir auf abwertende Wortwahl, es sei denn, es handelt sich um historische Zitate, die in ihrem jeweiligen zeitlichen Kontext verstanden werden müssen und auch als solche kenntlich gemacht sind.

Stuttgart, im Oktober 2023

Zitate

Wenn ein Königreich eine große Familie darstellt, so ist andererseits auch die Familie ein kleines Königreich, zerrissen durch Parteien und Empörungen ausgesetzt.

Samuel Johnson

Die Welt ist ein Berg, und alles, was man je von ihr zurückbekommt, ist der Widerhall der eigenen Stimme.

Rumi

Solange die Löwen nicht ihre eigenen Historiker haben, werden die Jagdgeschichten weiter die Jäger verherrlichen.

Chinua Achebe

Die Wahrheit ist noch nie tot auf die Straße gefallen; sie hat eine solche Affinität zur Seele des Menschen, dass der Same, wie auch immer er ausgestreut wird, irgendwo hängen bleibt und sich hundertfach entfaltet.

Theodore Parker

So viele Kriege sind auf dem Erdkreis; so viele Gestalten des Verbrechens; … auf dem ganzen Erdkreis wütet der verruchte Mars: wie Renngespanne, die aus dem Zwinger losschießen, Sprungweite zulegen …

Vergil

Die ganze Frage der Kontrolle läuft darauf hinaus, wer wen kontrolliert.

Lenin

Wer glaubt, sich durch das Studium einzelner Geschichten ein einigermaßen gerechtes Bild von der Geschichte als Ganzes machen zu können, gleicht dem Menschen, der, nachdem er die abgetrennten Gliedmaßen eines einst lebendigen und schönen Tieres betrachtet hat, meint, das Geschöpf in seiner ganzen Lebendigkeit und Anmut gesehen zu haben … Nur durch das Studium des Zusammenhangs aller Einzelheiten, ihrer Ähnlichkeiten und Unterschiede, sind wir in der Tat in der Lage, uns wenigstens einen allgemeinen Überblick zu verschaffen und so aus der Geschichte sowohl Nutzen als auch Vergnügen zu ziehen.

Polybios

Es war in unseres Lebensweges Mitte,

Als ich mich fand in einem dunklen Walde;

Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege.

Dante Alighieri

Erster Akt

990 Millionen

Mitwirkende

Richard Arkwright, engl. Textilindustrieller und Erfinder (1732–1792)(1)

Antoine Barnave, franz. Politiker, Präsident der Nationalversammlung (1761–1793)(1)

Joseph Bologne, Chevalier de Saint-Georges, franz. Geigenvirtuose und Komponist (1745–1799)(1)

Francis Egerton, Duke of (1)Bridgewater, brit. Peer, Politiker und Unternehmer (1736–1803)

Jacques-Pierre Brissot, Publizist, Führer der Girondisten (1754–1793)(1)

George Brian Brummell, »Beau«, engl. Lebemann und Freund von George IV. (1778–1840)(1)

Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos, franz. Offizier und Schriftsteller (1741–1803) (1)

Georges Danton, Politiker und Anführer der Französischen Revolution (1759–1794)(1)

Olaudah Equiano, ehem. Sklave, Abolitionist, Verfasser einer Autobiographie (1745–1797)(1)

Cécile Fatiman, haitianische Voodoopriesterin (um 1775–um 1883)(1)

Hans Axel Graf von Fersen, schwed. Staatsmann und Vertrauter von Marie Antoinette (1755–1810)(1)

George IV., »Prinny«, König von England (1762–1830)(1)

Moll Hackabout, brit. Prostituierte, porträtiert von William Hogarth (1778–1840)(1)

Alexander Hamilton, einer der Gründerväter der USA (1755/1757–1804)(1)

Sally Hemings, Sklavin und Geliebte Thomas Jeffersons (um 1773–1835)(1)

Thomas Jefferson, Gouverneur von Virginia, Präsident der Vereinigten Staaten (1743–1826)(1)

Joseph II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1741–1790)(1)

Helene Amalie Krupp, Begründerin der Krupp-Dynastie (1732–1810)(1)

Gilbert du Motier, Marquis de La Fayette, franz. Général de division und Politiker (1757–1834)(1)

Louis XVI., König von Frankreich (1754–1793)(1)

Louis Charles, franz. Dauphin (1785–1795)(1)

Louis-Philippe II., Louis-Philippe Joseph de Bourbon, Herzog von Orléans (1747–1793)(1)

Marie Antoinette, Maria Antonia von Österreich, Königin von Frankreich und Navarra (1755–1793)(1)

Montesquieu, Charles de Secondat, Baron de la Brède et Montesquieu, franz. Staatstheoretiker der Aufklärung (1689–1755)(1)

Constanze Mozart, geb. Weber, Ehefrau von Wolfgang Amadeus Mozart (1762–1842)(1)

Wolfgang Amadeus Mozart, österr. Komponist (1756–1791)(1)

Napoleon I. Bonaparte, General, revolutionärer Diktator und Kaiser der Franzosen (1769–1821)(1)

Sir Robert Peel d. Ä., brit. Staatsmann und Politiker (1750–1830)(1)

William Pitt d. J., Premierminister von Großbritannien (1759–1806)(1)

Maximilien de Robespierre, führender Politiker der Jakobiner (1758–1794)(1)

Kardinal de Rohan, Louis René Édouard de Rohan-Guéméné (1734–1803)(1)

Chevalier Charles-Henri Sanson, Scharfrichter der Französischen Revolution (1739–1806)(1)

Granville Sharp, Gründer der brit. abolitionistischen Bewegung (1735–1813)(1)(1)

Adam Smith, schott. Moralphilosoph und Aufklärer (getauft 1723–1790)(1)

François-Dominique Toussaint Louverture, Anführer der Haitianischen Revolution (1743–1803)(1)

George Washington, General, erster Präsident der Vereinigten Staaten (1732–1799)(1)

Josiah Wedgwood, engl. Unternehmer, Keramikfabrikant (1730–1795)(1)

William Wilberforce, brit. Parlamentarier und Anführer im Kampf gegen die Sklaverei (1759–1833)(1)

Arkwrights und Krupps(1)(2), Habsburger(1)(2), Bourbonen(1)(2) und Sansons

Der eisenvernarrte Titan, der König der Kanäle und Moll Hackabout(2)

1786 schlug George III. einen aufbrausenden, griesgrämigen Unternehmer aus Lancashire(1) zum Ritter, der als Friseur angefangen hatte – unter anderem indem er die wasserfeste Perücke erfunden hatte: Die Rede ist von dem 54-jährigen Sir Richard Arkwright(2). Fünfzehn Jahre zuvor hatte der Sohn eines bodenständigen Schneiders einen kleinen Betrieb gegründet, in dem er eine neue Technologie einsetzte: eine Spinnmaschine für Baumwollgarn. Danach baute er eine wasserbetriebene Mühle in Cromford(1), die so erfolgreich war, dass er eine bis dahin unbekannte Art von Produktionsstätte einrichtete – die Fabrik. Immer mehr Arbeiter holte er in sein Unternehmen, darunter auch Kinder, von denen manche erst sieben Jahre alt waren. Die Arbeiter teilte er in Schichten von dreizehn Stunden ein, überwacht von lauten Glocken, die eine strikte Einhaltung der Zeiten vorgaben: Wer zu spät kam, erhielt keinen Lohn.

Der »pausbäckige, kugelbäuchige« Arkwright(3) häufte ein Vermögen von 500 000 Pfund an, mit dem er ein Landschloss erwerben konnte. Zwischenzeitlich nahm er unentwegt weitere Fabriken in Betrieb und löste damit eine Revolution in der britischen(1) Textilindustrie aus. Lange Zeit beruhte die Branche größtenteils auf industrieller Heimarbeit, bei der die Frauen zu Hause arbeiteten und sich nebenher um die wachsende Kinderschar zu kümmern hatten – die ebenfalls in die Arbeit eingespannt wurde. Die Wollproduktion – in England(1), Flandern(1) und Florenz(1) – hatte dazu beigetragen, ein europäisches(1) Wirtschaftsbürgertum entstehen zu lassen, allerdings beherrschten die indischen(1) Textilien noch immer den Markt. Über Jahrtausende hatten sich die entscheidenden Faktoren des Lebens nicht nennenswert verändert, und die Arbeit war jahrhundertelang im Wesentlichen gleich geblieben. Ein derart extremer Wandel, wie ihn Arkwright(4) angestoßen hatte, kommt nicht ohne eine dynamische Verflechtung zusammenwirkender Kräfte aus: Revolutionen und Kriege in Verbindung mit neuen Technologien und Ideologien. Arkwrights(5) Einsatz von Technologien war ebenso radikal wie das von ihm geschaffene Fabriksystem, das die Arbeitsweise der Menschen von Grund auf wandelte. Nun wurde alles anders – und es ging schnell vonstatten.

Dampfbetriebene Maschinen wurden erstmals dazu genutzt, Kohlebergwerke trockenzulegen. Setzte man sie in Baumwollfabriken ein, steigerten sie deren Produktivität um das Zweihundertfache. Ähnlich wie der Computer in den 1990er-Jahren veränderten sie das Denken einer ganzen Generation. Die Dampfkraft wurde wie die damit produzierten Textilien zu einer universellen Schlüsseltechnologie, sodass sie von nun an – wenn auch unsichtbar – allgegenwärtig war. Solche Technologien, schrieb Mark Weiser(1), »weben sich derart in unser alltägliches Leben ein, dass sie am Ende gar nicht mehr davon zu unterscheiden sind«. Doch die Erfindungen hätten ohne lokal vorhandenen fossilen Brennstoff ihre Wirkung nicht entfaltet: Großbritanniens(2) reiche Kohlevorkommen waren von entscheidendem Einfluss. Die Kohle musste nur noch zu den Fabriken transportiert werden. Die dafür nötigen Transportmittel schuf ein Unternehmer, der zu dem barschen ehemaligen Perückenmacher nicht unterschiedlicher sein konnte: Francis Egerton, Duke of Bridgewater(2), war einer jener glücklichen Grundbesitzer, die auf ihren Ländereien Kohle entdeckten. Um sie zu den Fabriken zu bringen, begann er 1771 mit dem Bau eines ersten Kanals, den er fünf Jahre später im Alter von vierzig Jahren fertigstellen ließ. Durch diesen Transportweg verband er Worsley(1) mit Manchester, einen weiteren grub er zwischen Liverpool(1) und Manchester(1). Mit zwölf Jahren hatte er als ernster, unglücklicher und etwas dicklicher Junge seine Adelstitel geerbt. Er verlobte sich mit Elizabeth, Duchess of Hamilton(1), die in der besseren Gesellschaft und als eine der Irish Gunning Sisters1 großes Ansehen genoss und berühmt für ihre Amateurschauspielerei war. Doch die Verlobung wurde wieder gelöst, die Duchess heiratete einen anderen Magnaten, worauf Bridgewater(3) sein Herrenhaus in London schloss(1) und sich fortan darauf beschränkte, Kunstwerke zu sammeln und Kanäle zu entwerfen, die ihm zwei Millionen Pfund eintrugen – damit war er der reichste aller britischen(3) Adligen. Eine Ehe ging er nie ein.

Ein manischer Eisenfabrikant namens John Wilkinson(1), der Sohn eines Eisenhüttenunternehmers mit dem Spitznamen Iron-Mad Titan, nutzte seit 1771 die Kohlekraft, um mit Dampfmaschinen Hochöfen zu befeuern und Kanonen aus Eisen zu gießen. Darüber hinaus unterstützte er den Bau der Coalbrookdale-Eisenbrücke – die weltweit erste ihrer Art –, errichtet von Abraham Darby(1)III., dem Spross einer anderen Familie aus der Eisenindustrie. Inzwischen produzierte Wilkinson(2) ein Achtel des gesamten britischen(4) Eisens – sein »Eisenwahn« gipfelte darin, dass er sich einen eisernen Sarg und den eisernen Obelisken für seine Grabstätte goss.

Die Grundlagen der neuen Technologien waren schon seit Jahrhunderten bekannt gewesen. Auch die Dampfkraft als solche war nicht neu, Arkwright(6) entwickelte für seine Spinnmaschine lediglich die Leistungen einer langen Reihe von Erfindern weiter, von James Watt(1) und Matthew Boulton(1) bis zurück zu Thomas Newcomen(1) im Jahr 1712. Newcomen(2) etwa war von den Ideen des Franzosen(1) Denis Papin inspiriert, die(1) 1687 veröffentlicht worden waren. Schon im 1. Jahrhundert n. Chr. hatten die Griechen(1) eine dampfbetriebene Pumpe genutzt, und die Han-Chinesen(1) hatten bereits Eisen gefördert. Die Entwicklung war nicht so sehr »genialen« Erfindern geschuldet, sondern einem über die Jahrhunderte angesammelten Wissen, kleinen Veränderungen, Zufallsentdeckungen und einem immer schneller werdenden kommunikativen Austausch, der es gebildeten Kreisen und miteinander vernetzten klugen Köpfen ermöglichte, zu experimentieren, Neuerungen auszuarbeiten und die Technologien praktisch anzuwenden, um anschließend miteinander in Konkurrenz zu treten. Viele dieser britischen(5) Erfinder gehörten der Lunar Society an, die sich im provinziellen Birmingham traf und »die ersten Hinweise auf Entdeckungen, aktuelle Beobachtungen und die wechselseitige Kollision von Ideen« debattierte. Diese »Kollision der Ideen« – man korrespondierte mit Benjamin Franklin(1) in Amerika(1) und den Philosophes in Paris(1) – wurde zur Triebfeder der Innovation und zum Grund dafür, dass an verschiedenen Orten oft gleichzeitig an ähnlichen Erfindungen gearbeitet wurde.

Ohne die Nachfrage eines Marktes, der dafür bezahlte, ohne ein politisches System, das über die notwendigen finanziellen Mittel verfügte, um es zu fördern, und ohne eine ausreichend flexible Gesellschaft, die diese Leistungen auch würdigte und belohnte, könnte solches Wissen niemals wirksam genutzt werden: Alle drei Aspekte kamen in einer Person zusammen – George(2), dem Prinzen von Wales und Sohn des Königs, dem ältesten einer maßlosen royalen Brut verkommener und unmoralischer Taugenichtse.

Im Carlton House bekam der 21-jährige Prinz 1783(3) seinen eigenen Hausstand. Gierig, zügellos, wahnhaft, schamlos und mit einem Hang zur Fettleibigkeit, dabei durchaus gebildet und künstlerisch veranlagt, kennzeichneten ihn die Abscheu und Missachtung, die der Familie des Hauses Hannover(1) seit Generationen eigen waren. Der König, so meinte George, »hasst mich, er hasste mich schon immer, seit ich sieben war«, und so verbündete er sich mit der Opposition gegen seinen Vater und William Pitt(2) den Jüngeren. Zu mehreren attraktiven Geliebten unterhielt er ein Verhältnis, aber als er genötigt war, sich von einer Liebhaberin zu trennen, wand er sich in Krämpfen auf dem Teppich und kreischte: »Wie sehr ich sie liebe! Ich werde verrückt! Mein Gehirn wird zerspringen!« Am Ende heiratete er die plumpe Prinzessin Caroline aus dem Haus Braunschweig, mit dem Hintergedanken, dadurch an Parlamentsgelder zu kommen, mit denen er seine enormen Schulden von 630 000 Pfund würde begleichen können. Bei ihrer ersten Begegnung grummelte er, »es geht mir nicht gut, bitte, bringt mir ein Glas Brandy.« Immerhin schaffte er es in seinem Alkoholnebel irgendwann, die Ehe tatsächlich zu vollziehen, und zeugte die Erbin Prinzessin Charlotte Augusta(1).

Niemand jedoch repräsentierte und verkörperte die neue Konsumgesellschaft so perfekt wie George »Beau« Brummell, Kronprinz Georges deutlich jüngerer Freund, der attraktive, energiegeladene Enkel eines Dieners und Sohn des Sekretärs von Lord North(1). Während seiner Schulzeit in Eton und als jugendlicher Wachoffizier hatte Brummell(2) Prinz George alias »Prinny(4)« durch sein Stilgefühl fasziniert und dafür gesorgt, dass weiße Halstücher, gestärkte Hemden, maßgeschneiderte dunkle Mäntel und lange Hosen zur Mode wurden, die die edlen Mäntel, Kniebundhosen und Baumwollstrümpfe verdrängten. Auch legte er größten Wert auf Körperpflege, wusch sich mit Seife und putzte sich die Zähne – was damals alles ein Vermögen kostete. »Nun, in erträglichen wirtschaftlichen Verhältnissen lässt sich das mit 800 Pfund bewerkstelligen«, meinte Beau(3) zu einer Zeit, da ein Gentleman von 200 Pfund im Jahr recht gut leben konnte, wohingegen ein Arbeiter mit zwölf Pfund auskommen musste.

Prinny(5) und Brummell(4) waren die Vorreiter einer modischen Elite, bekannt als le Bon Ton, die ihre Zeit damit zubrachten, sich gegenseitig zu besuchen, sich zu streiten, mit der Frau des jeweils anderen zu flirten und Kurtisanen zu verführen. Auch vergnügten sie sich mit dem Glücksspiel Faro, gaben Kunstwerke in Auftrag, planten neue Häuser und Gärten, reisten nach Italien(1) und kamen als schicke Macaronis zurück. Zu ihrem Zeitvertreib gehörte es, durch London(2) zu promenieren, das dank der neuen Fertigungsindustrie dabei war, zu einer Weltstadt zu werden.

Eliteclubs – jeweils exklusiv nach Geschlechtern getrennt – existierten, um die aufstrebende Mittelschicht zugleich auszuschließen und anzulocken. Angeführt von den Herzoginnen und Gräfinnen protzten die Pionierinnen mit ihren Modetrends und Affären, wie sie auch in ihren Salons Politiker beeinflussten: Die fünf Patroninnen des Damenclubs Almack’s Assembly Rooms schwelgten in ihren Launen und ließen sich von ihren Liebhabern verwöhnen. In Zeitungen und Cartoons wurde ihre Mode zum Thema gemacht und anschließend von der Mittelschicht nachgeahmt, die sich in neuen Geschäften nach Tüchern, Hüten, Handschuhen und Kleidern umsah, die Accessoires aus den Fabriken von Manchester(2) feilboten, nicht selten hergestellt von arbeitenden Frauen und Kindern, die nur halb so viel verdienten wie die Männer. Nun konnte sich die Mittelschicht Hauspersonal leisten, üblicherweise arme Frauen vom Land, deren Herrinnen nicht darauf angewiesen waren zu arbeiten, sondern finanziell abgesichert durch ihre ehrgeizigen Ehemänner ein zartes, idealisiertes Frauenbild verkörperten.

In London(3) war es den Leuten aus der Mittelschicht möglich, im Restaurant zu speisen, wobei es nicht bloß darum ging, seinen Hunger zu stillen. Schließlich wollte man sich zerstreuen, sehen und sich sehen lassen sowie seine gesellschaftlichen Bedürfnisse befriedigen. Sich in der Öffentlichkeit zu vergnügen, war ebenso köstlich wie im Privaten. In den Vauxhall Gardens am Südufer der Themse baute ein Unternehmer einen Schatten spendenden Vergnügungspalast, in dem sich 2000 Gäste, mitunter bis zu 12 000, aus allen Ständen abends vermischten, um zu dinieren, spazieren zu gehen, zu flirten und sexuelle Abenteuer zu suchen. Die Städte hatten aber auch dunkle Seiten. Slums – auch als Rookeries, »Krähennester«, bezeichnet – waren in Schmutz und Gin getauchte Abgründe, und abseits der prominenten Kurtisanen blühte die Prostitution. Angeblich gab es in London(4) 80 000 Frauen, die teilweise als Prostituierte tätig waren, allen voran Moll Hackabout(3), ein Mädchen, dessen Leben dem Maler William Hogarth(1) als Motiv diente.

Keiner verstand diesen neuen Markt besser als Josiah Wedgwood(2), ein einbeiniger Keramikhersteller aus Staffordshire aus einer nonkonformistischen Töpferfamilie. Wedgwood(3) brachte die allerersten Markenbotschafter – er nannte sie die »Gesetzgeber des guten Geschmacks« – dazu, seine Produkte zu kaufen. In jungen Jahren erkrankte er an den Pocken, wodurch ein Bein stark geschädigt wurde und er sich darauf verlegte, mit neuen Techniken und Verfahren der Töpferei zu experimentieren. Daran gehindert, selbst an der Töpferscheibe zu werkeln, und angewiesen auf einen Gehstock, entwickelte er sich so zu einem Designer. 25 Jahre später musste ihm das Bein ohne Betäubung amputiert werden, weshalb ihn seine Arbeiter fortan Owd Wooden Leg nannten – das »alte Holzbein«.

Wedgwood(4) erkannte, dass es die Frauen waren, die Luxusgüter kauften: »Mode ist unendlich viel wichtiger als Meriten«, sinnierte er. »Man muss sich nur die richtigen Bürgen aussuchen.« Nachdem Königin Sophie Charlotte,(1) die Gemahlin von George III.,(2) 1765 ein elegantes Speiseservice bei ihm bestellt hatte, nannte er sich »Meistertöpfer Ihrer Majestät« und bewarb die Stücke als »Queens Ware«, produzierte billigere Versionen für das Bürgertum und wurde zum Pionier in Sachen Kataloge, Geld-zurück-Garantie und Sonderangebote – kurzum: Er erfand das Marketing. 1767 baute er(5) eine neue, moderne Töpferwerkstatt, Etruria, in Stoke. Sie lag direkt am geplanten Trent and Mersey Canal, den man auf seine Initiative hin anlegte, damit er darauf seine Waren transportieren konnte.2 In der Zeit, als seine Töpfereiprodukte die Welt eroberten – sogar Katharina(1) die Große ließ sich Wedgwood-Keramik kommen –, eröffnete der Meister einen Ausstellungsraum in Mayfair, wo er »verschiedene komplette Tisch- & Dessert-Services … auf zwei Tischgruppen … [arrangierte], um das Notwendige für die Damen in schönster, vornehmster und bester Weise zu präsentieren«. Damit begann ein neues kommerzielles Zeitalter, aus dem dereinst monumentale Kaufhäuser und, zwei Jahrhunderte später, unsere Welt des Onlineshopping und der Influencer werden sollten.

Nur wenige Aristokraten waren von vergleichbarem Unternehmergeist wie der Kohlemagnat Bridgewater mit seinen Kanälen(4). Die geadelten Großindustriellen hätten die neue Welt, die gerade entstand, beherrschen können, doch das taten sie nicht. Stattdessen verschleuderten sie ihre gigantischen Einkommen und die daraus entstandenen Reichtümer für Landhäuser, ihre Spielsucht und kostspielige Kurtisanen. Die Industriellen aus dem Bürgertum hingegen investierten in neue Technologien. Viele der Textilwaren für Kunden der Mittelschicht stammten aus der Werkstatt von Robert Peel(1) dem Älteren(2), dem hart arbeitenden, ruppigen Sohn von Freisassen aus Lancashire(2), die über Generationen Tuche für kleine, von Familien in Heimarbeit betriebene Webereien produzierten. Inzwischen war Robert Peel(3) Mitte zwanzig und setzte für den Betrieb einer Baumwollspinnerei Arkwright(7)-Pumpen ein, mit dreißig gründete er dann den ersten industriellen Komplex in Radcliffe(1). Seine Arbeiter brachte er in Baracken unter und ließ auch Kinder zehn Stunden am Tag schuften.

Einerseits bedeutete dieses intensive Wirtschaftssystem für Familien bisher nie erträumte Chancen, andererseits maßregelte man sie auch damit. Die Wohlhabenden wurden stärker eingeschränkt durch bürgerliche Konventionen und die Notwendigkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen: Viele Stunden mussten Männer im Büro arbeiten und sich einer ganz neuen Art von Vorgesetzten fügen, die sich »Boss« nannten – das Wort geht auf das niederländische Baas (»Chef«) zurück. Rechtschaffene Frauen der Mittelschicht hingegen waren dazu verurteilt, unbezahlt zu Hause zu arbeiten, und die streng reglementierten Armen, auch Frauen und Kinder, schufteten in unerbittlich durchorganisierten Fabriken, nicht selten unter gewalttätigen »Bossen«.

Peel(4), der siebtreichste Mann Großbritanniens(6) und schon bald Baron und Parlamentsabgeordneter, war klug genug zu erkennen, dass seine Fabriken schreckliche Orte waren, weshalb er die ersten Gesetze unterstützte, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Fest entschlossen, aus seinem ältesten Sohn Robert(2) einen Gentleman zu machen, bildete er ihn nicht fürs Geschäft aus, sondern wollte, dass er sich zu den Führern des Landes gesellte: Nach dem Kirchgang ließ er ihn Predigten wiederholen und schickte ihn auf die Harrow School. Der Junge sollte später der erste Mann aus der neuen Mittelschicht werden, der in Großbritannien(7) an die Macht kam.

Was die frühe Industrialisierung betraf, lag der Nordwesten Deutschlands(1) nicht weit hinter Großbritannien(8). Damals gründete eine Frau die Dynastie, die den Aufstieg der deutschen(2) Industrie befeuern sollte. 1782 kaufte Helene Amalie Krupp(2), gerade etwa fünfzig Jahre alt, deren Gatte Friedrich Jodocus(1) schon ein Vierteljahrhundert zuvor gestorben war, eine bankrotte Eisenschmiede nördlich von Essen(1) im Ruhrgebiet und investierte in Kohlebergwerke, um ihren Hochofen betreiben zu können. Ihr Sohn war als Buchhalter bei ihr angestellt. Die Krupps(3)(4) waren eine alte Kaufmannsfamilie aus dem Ruhrgebiet – schon Anton Krupp(1) hatte während des Dreißigjährigen Krieges Kanonen produziert –, und manche von ihnen hatten auch das Amt des Bürgermeisters von Essen bekleidet(2). Ebenso wie die Merseyside in Großbritannien(9) verfügte auch das Ruhrgebiet über die entscheidenden Voraussetzungen: Wissenschaft, Innovation und Handel, verknüpft mit Kohle, Wasser und Kommunikationsverbindungen. Und so fertigte man schon bald im Hochofen von Witwe Krupp(3) Küchenutensilien und Kanonenkugeln, die sie an deutsche(3) Fürstentümer verkaufte, auch an Preußen(1). Nach dem frühen Tod ihres Sohnes widmete sie sich unbeirrt der Ausbildung ihres Enkels, Friedrich Krupp(1). Als Helene Amalie Krupp(4) mit 77 Jahren starb, hinterließ sie ihm ein Vermögen – er verlor es allerdings, weil er mit seinem neuen Konzept eines En-gros-Handels keinen Erfolg hatte. Die Krupps(5)(6) schienen gescheitert zu sein, doch sollten sie sich von dem Bankrott wieder erholen.

Über ein Jahrhundert dauerte es, bis die industrielle »Revolution« das Leben der Menschen in einer erkennbaren Art und Weise modernisierte. »Der Engländer des Jahres 1750«, schrieb David Landes(1), »war in den materiellen Verhältnissen einem Legionär Caesars näher als seinen eigenen Urenkeln.« Es war ein Jahrhundert, das das Leben der Menschen stärker veränderte als alle Jahrhunderte davor, und es machte den Menschen, das seit Langem beherrschende Lebewesen auf Erden, derart dominant, dass er begann, die Erde selbst zu verändern, sogar deren Klima. Das Anthropozän, also das neue geologische Zeitalter, in dem die Menschheit den dominanten geophysikalischen Einfluss auf das Erdsystem hat, hatte begonnen.

Im Jahr 1700 hätte ein Außerirdischer wohl sicher davon ausgehen können, China(2) und Indien(2) würden weiterhin die Welt beherrschen. Doch dieses Wesen von einem anderen Stern hätte sich getäuscht. Europa(2) genügte es nicht, erfolgreich zu sein, die Giganten des Ostens mussten dafür scheitern. Die Moguln hatten bereits entscheidende Fehlschläge erlitten, und China(3) sollte bald folgen – auch wenn das damals noch niemand wusste.

Europa war besonders geeignet, die folgende Entwicklung erfolgreich zu durchlaufen(3), weil es auf diesem Kontinent keine dominierende Hegemonialmacht gab. Es bestand damals aus 500 Königreichen, Stadtstaaten und Republiken, ineinander verhakt in einem erbitterten Wettbewerb, der sie zu Unabhängigkeit und Einfallsreichtum anspornte, vorangetrieben durch rivalisierende gesellschaftliche und wirtschaftliche Machtzentren, Sehnsuchtskulte, die Geisteshaltung der Aufklärung – und durch Kernfamilien, die wie die Wedgwoods(1)(2) und die Krupps(7)(8) untereinander heirateten, Werte teilten und ihren Reichtum weitergaben. Oftmals wird die Idee einer protestantischen Arbeitsethik stark betont, obwohl das katholische Frankreich(2) darin ebenfalls fortgeschritten war. Es waren die Nationen des Nordens, die einen Geist der Eigenmotivation entwickelt und so eine einzigartige seelische Verfasstheit geschaffen hatten, die dem Individualismus, der Selbstoptimierung und einer Gesellschaft des Vertrauens Vorrang einräumte. »Es gilt … die Regel, dass es da, wo sanfte Sitten herrschen, auch Handel gibt, und dass überall, wo es Handel gibt, auch sanfte Sitten herrschen«, sinnierte einer der Philosophes, der Baron de Montesquieu(2), 1749, und meinte damit nicht nur die Sitten, sondern auch die Normen. »Wann immer Handel aufkommt«, notierte der schottische Begründer der klassischen Nationalökonomie Adam Smith(2), ebenfalls ein Philosoph der Aufklärung, im Jahr 1766, »sind mit ihm stets Rechtschaffenheit und Pünktlichkeit verbunden – die Grundwerte einer Handelsnation.«

Im weitesten Sinn war es der Finanzkapitalismus, der die Industrielle Revolution finanzierte. Der internationale Geist von Ländern wie Großbritannien(10), den Niederlanden(1), Frankreich(3) und der neuen Republik der USA