Die Zwergtrolle - Andreas Mummhardt - E-Book

Die Zwergtrolle E-Book

Andreas Mummhardt

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Beschreibung

Ein Königreich in Gefahr. Unter dem Grottenberg im Königreich Verlaund führen kleine Wesen, die Zwergtrolle, ein unaufgeregtes Dasein. Doch diese Ruhe wird gestört, als ein fremder Prinz mit einem Riesen einen Handel eingeht. Daraufhin wird die verlaundische Prinzessin entführt, die Burg überfallen und das Königreich ins Chaos gestürzt. Allein die Zwergtrolle ahnen, was hier vor sich geht, beschützen fortan die Prinzessin und beobachten die weiteren Vorgänge. Während die Königin nach Verbündeten sucht, befreit eine kleine Gruppe die Prinzessin und lernt das Volk der Zwergtrolle kennen. Unterdessen bahnen sich unsterbliche und riesige Steintrolle einen Weg aus ihrem Gefängnis unter der Burg, die nur von ihren Verwandten, den Zwergtrollen, mit Hilfe eines für alle Trolle gefährlichen Instruments bezwungen werden können.

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Seitenzahl: 536

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für Nicole, Yannic, Elias und Anna.

Vergesst nicht das Gewesene,

es wird euch in Zukunft nützlich sein.

Habt Dank für all die Inspiration!

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

PROLOG

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

EPILOG

HANDELNDE PERSONEN

VORWORT

Es trug sich zu vor langer Zeit, in der die Welt noch eine andere war. Man möchte behaupten, es sei eine bessere Welt gewesen als die heutige. Vielleicht stimmt das auch, aber wer kann das schon sagen? Nur Unsterbliche könnten uns heute davon berichten. So manches gab es zu dieser Zeit noch nicht, wie zum Beispiel ein von uns Erdenbürgern verursachter Klimawandel oder so etwas typisch menschliches wie Weltraumschrott. Vieles aber, was Menschen tun und lassen, gab es auch damals. Liebe, Mut, Kriege, Angst - und Unbekanntes, viel mehr noch, als heute.

Die Möglichkeiten, Neues zu entdecken, werden immer seltener, wäre es da nicht vorteilhaft, sich das Unbekannte selbst zu schaffen - allein, weil es die Fähigkeit erhält, neugierig zu sein? Manchmal ist es gut, nicht alles immer sofort zu erfahren und zu teilen. Der Reiz liegt doch im Unbekannten, im Geheimnisvollen.

Es trug sich also zu vor langer Zeit, als in allem noch ein wenig Zauber lag, als im Verborgenen Dinge existierten, die man nicht verstand. In dieser Zeit wandelten nicht nur jene Wesen zwischen Himmel und Erde, die wir heute kennen, nein, es gab noch viele weitere, auch gefährliche wie zum Beispiel riesige Fleischfresser, grobe Riesen, feinsinnige Feen, kauzige Zwerge oder prankenbewährte Trolle und sogar Zwergtrolle. Und von diesen unscheinbaren Geschöpfen und ihren Nachbarn auf dem Großen Kontinent handelt unsere Geschichte.

Ihnen kam eine zentrale Rolle zu und wir alle sollten ihnen dankbar sein, denn ohne die Zwergtrolle, gäbe es unsere Welt, wie wir sie heute kennen, vermutlich nicht.

PROLOG

Das Gestein unter Dragos Füßen war kalt. Es machte ihm nichts aus, denn er kannte es nicht anders. Tief unten im Berg arbeitete er für sich und seine Brüder Gorbo und Argo, die sich auf ihn verließen. Seit 900 Jahren grub er sich schon durch den harten Granit. Er war wütend, wirklich wütend, er war so wütend, dass er nicht mehr Drago war, sondern die Wut selbst. Ohne Unterlass riss und biss er sich durch den Fels und er wusste, er würde nie aufgeben. Er war wie geschaffen für diese Arbeit. Viel besser noch als seine Brüder vermochte er, die Kraft aufzubringen, die nötig war, das Unmögliche zu bewerkstelligen. Doch der Berg wehrte sich gewaltig und das gab seiner Wut immer wieder neuen Antrieb.

Sein kleiner Bruder Gorbo sah ihm dabei zu. Ab und an warf er einen Stein auf Dragos Kopf. Das war gemein, aber er konnte nicht anders. Danach ging es ihm besser, denn es machte ihn ein kleines Bisschen zufriedener. Außerdem vertrieb es ihm die Langeweile und Drago wurde noch wütender. Ohne Gorbo wäre Drago noch nicht so weit, das Loch im Berg noch nicht so tief. Früher stand Gorbo ein weitaus größeres Repertoire an Gemeinheiten zur Verfügung, doch hier unten hatte er nicht viele Möglichkeiten. Das machte ihn noch gemeiner, so gemein, dass er nicht mehr Gorbo war, sondern die Gemeinheit selbst.

Manchmal drosch er unbedarft auf seinen jüngeren Bruder Argo ein oder er schubste ihn das Loch hinunter, das Drago geschürft hatte. Dann rutschte Argo auf dem Hosenboden hinunter und fiel Drago in den Rücken. Das machte Drago noch wütender und er verbiss sich im Gestein, um danach ein weiteres Stück herauszureißen und nach oben zu schleudern. Argo war es egal. Die Wut und die Gemeinheit seiner Brüder waren ihm gleichgültig. Auch, dass sie seit einer Ewigkeit hier gefangen waren, war ihm gleichgültig. Es war ihm so gleichgültig, dass er nicht mehr Argo war, sondern die Gleichgültigkeit selbst.

Die Wut, die Gemeinheit und die Gleichgültigkeit wuchsen von Tag zu Tag. Und eines Moments, als sie zu groß für die klobigen Leiber wurden, gaben sie die überschüssige Kraft ab. Ein unsichtbarer Energiestrahl durchstieß das Gestein, verzerrte die Luft und ging auf die Suche nach einem Pol, der ihn aufnahm. Er fand etwas, von dem er sich angezogen fühlte, von dem er wusste, dass er dort willkommen sein sollte. Wie ein Blitz, aber heimlich, schlug er in den Körper ein, der es am meisten verdient hatte.

Zur gleichen Zeit verspürte ein kleines Wesen, das von den Seinen Belora Blo genannt wurde, ein ungutes Gefühl in der Brust. Beloras Herz schlug hastiger als zuvor. Sie legte eine Hand schützend auf den stechenden Brustkorb. Das Begreifen begann in ihrem Herzen und setzte sich im Kopf fort. Ihr Kopf war aber nicht an der Reihe, denn das Herz war noch nicht fertig. Es pulsierte immer schneller und schneller, bis es schließlich all den Druck nach außen entließ und in sich zusammenfiel. So wie Belora Blo selbst.

Nun endlich war der Kopf an der Reihe. Er arbeitete im Verborgenen, während ihr Herz und der Rest ihres Körpers schliefen. Sie träumte heftig von der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Alles, was einst war, schwebte vor ihren Augen, alles, was gerade war, ebenso. Ihr Kopf nahm es auf. Er speicherte es, ordnete es und sortierte es nach Wichtigkeit bis der Verstand seinen Teil der Arbeit erledigt hatte. Beloras Augenlider zuckten unruhig hin und her. Dahinter entstand ein Bild. Jede Farbe war ein Gedanke, jede Linie eine Erfahrung und jede Form entsprang ihrem Geist. Dann war es da, das Bild, das sich als Ahnung in ihren Blick brannte, als sie die Augen aufschlug. Ihr Herz begann wieder ebenmäßig zu schlagen und sie rief die Ihren zusammen, die dem Ruf geschlossen folgten, reinen Herzens, wie sie waren.

Zusammen schmiedeten sie einen Plan. Den brauchten sie, denn von nun an war die Geschichte der Zukunft bereits geschrieben. Es war ihre Geschichte, die Geschichte des Landes und die seiner Bewohner. Es war eine Angelegenheit, die alle etwas anging und sie hatten sich dazu entschieden, ihren Teil dazu beizutragen, damit alles ein gutes Ende nahm.

1

Elnics Ziel lag noch immer weit hinter dem Horizont. Seine schweren Augenlider ließen nicht genügend Licht hindurch, um erschöpfend sehen zu können. Sie schützten sich vor der gleißenden Sonne und kämpften gegen die Müdigkeit. Es fiel ihm schwer, daran zu glauben, jemals anzukommen. Mit betrübtem Blick, benebelten Gedanken und hängenden Schultern strebte er seinem baldigen Tode entgegen.

Die Schuhe waren staubig, obgleich er in den letzten drei Wochen kaum selbst gelaufen war. Seit einigen Tagen trug ihn seine Stute Hillay nur noch widerwillig und schwermütig gen Süden – durch das berüchtigte Feuertal. Er war ihr keine große Hilfe, saß nur noch schlaff auf ihrem Rücken und machte sich damit zu einer unbequemen, hinderlichen Last. Immer noch gingen sie auf gebrochenem Land, durch Trockenheit zerklüftet, wind- und wasserlos. Die bedrückende Luft machte dem Reiter und seinem Tier schwer zu schaffen. Gerissene Lippen, schmutzige Augenfalten und ein aus den Grenzen der Ansehnlichkeit herausgewachsener Bart sorgten dafür, dass Elnic bedeutend älter aussah, als er mit seinen fünfundzwanzig Jahren war. Sein Talisman, ein goldenes Kreuz, das um seinen Hals hing, zeichnete sich als ungebräunte Stelle auf seiner Brust ab, wenn er ein ums andere Mal zur Seite schwang.

Nie wieder würde er dieses Unglückstal freiwillig betreten, das war sicher. Bisher hatte er die Landschaft Verlaunds als schön, ja sogar einladend empfunden, aber um keinen Preis hätte er ein Königreich regieren wollen, das so viel unbrauchbares Land in seinem Bauch mit sich herumschleppte.

Elnic hatte die Weite unterschätzt. Sein Wasser ging zur Neige und er nahm an, dass es nur noch eine Woche reichen würde, wenn er Hillay nichts davon abgeben würde. In seinem Kopf spielte das Schreckgespenst des Verdurstens mit dem Dämon des Verhungerns ein zynisches Versteckspiel. Immer wieder stellte sich Elnic die Frage, wann dieses Spiel zu Ende gehen und wer von den beiden gewinnen würde.

In seiner Heimat, dem Königreich Mustrien, hätte er sich jetzt genüsslich einem Rehbraten gewidmet. Anstatt an Wasser zu denken, hätte er den besten Wein getrunken.

Elnics Vater Arat, König von Mustrien, hätte irgendeinen Söldner auf diese Mission schicken können, aber je älter Elnic wurde, desto öfter wurde er fortgesandt. Sehr oft war er in den letzten Jahren auf Erkundungsreisen außerhalb des Landes gewesen. Das hatte natürlich Vorteile, zum Bespiel wusste Elnic mehr über den Großen Kontinent, als alle seiner Mitbürger. Aber er war oft einsam und auf sich allein gestellt. Alle Gefahren hatte er bisher souverän überwunden, dennoch schwebte ihm etwas klar vor Augen. Wenn es einmal vorzeitig mit ihm zu Ende ginge, dann auf einer Reise wie dieser - und sein Vater trüge die Schuld daran. Sie hatten nicht das beste Verhältnis zueinander, obwohl oder vielleicht gerade weil sie sich so ähnlich waren. Elnic war oft mit Entscheidungen seines Vaters unzufrieden und regelmäßig rieten sie deswegen lautstark aneinander.

Möglicherweise steckte mehr hinter diesen, zeitweise langwährenden, Trennungen von seiner Heimat. Vielleicht wollte ihn sein Vater aber auch nur auf das harte Leben eines Regenten vorbereiten, in dem man zu oft allein Entscheidungen treffen und verantworten musste.

So oder so, seine Rolle missfiel ihm seit geraumer Zeit.

Im Moment zählten diese Gedankenspiele aber nur wenig. Elnic sah sich gezwungen, sich auf seine derzeitige Situation zu konzentrieren. Da fiel ihm die Geschichte vom Drachen des Feuertals ein. Demnach gab es eine Legende, in der diese Einöde als Hort riesiger Echsen beschrieben wurde, die sich in tiefen Gräben versteckten und Reisenden auflauerten. Es hatte zwar noch niemand je einen Drachen gesehen, aber es war eine brauchbare Erklärung für das Verschwinden vieler Unglücklicher.

Elnics Gemüt änderte sich bei den Gedanken an die Drachen und Schluchten, obwohl sich ihre Existenz bis jetzt nicht zu bestätigen schien. Das einzig Lebende, außer Hillay und ihm, erkannte Elnic in einer abgemagerten Sandratte, die ihn immer noch aus sicherer Entfernung verfolgte - sicher für ihn, sicher auch für sie.

Langsam änderte sich die Beschaffenheit seines Pfades. Elnics Fähigkeit zur Aufmerksamkeit wurde endlich wieder auf die Probe gestellt. Der rotbraune Untergrund wurde mit jedem Schritt holpriger. Aus Wellen im Boden wurden Gräben und aus Gräben wurden Spalten, über die Hillay zunächst noch hinübersteigen konnte.

Plötzlich war Elnic aber mittendrin im Tal der Drachen, die in den Gräben hausten und nur auf ihn warteten. Vor ihm zogen sich quer liegende Risse durch das Erdreich. Es ließ sich erahnen, dass die Spalten von Mal zu Mal größer werden sollten.

Die Hälfte der Legende entsprach also der Wahrheit. Von nun an rechnete Elnic fest mit seinem Ableben, ob aus Hunger, Durst, ob vom Drachen ausgeweidet oder durch einen Sturz in die Tiefe. Es war wahrscheinlicher, die Reise durch das Feuertal nicht zu überleben, als unversehrt wieder zu Hause anzukommen.

Dann kam der Punkt, an dem der Abstand von einem Grabenrand zum gegenüberliegenden so groß war, dass Hillay unmöglich hinüber springen konnte. Die Bedeutung seines Auftrages ließ nur einen Schluss zu. Elnic musste allein weitermachen. Es gab keine andere Möglichkeit. Einen neuen Weg zu wählen machte keinen Sinn, dazu war er schon zu weit vorgedrungen, war zu viel Zeit ins Land gezogen. Hillay an der Hand mitzuführen, hätte für beide eine zu hohe Verletzungsgefahr bedeutet. Schweren Herzens befreite er Hillay von Zaumzeug, Sattel und Gepäck und verabschiedete sich mit dem unguten Gefühl, seine treue Begleiterin nicht mehr wiederzusehen. Viele Reisen hatten sie unternommen und zusammen jeden Winkel ihres Königreiches gesehen. Es tat ihm weh, Hillay so zurück zu lassen, noch dazu in fremden Gefilden. Dann kehrte er ihr schweren Herzens den Rücken zu und stieg hinab in den ersten Graben. Hillay blieb noch einen Moment verunsichert stehen, bevor sie abdrehte und müde zurück-trabte. Die Sandratte folgte ihr sabbernd, diesmal um Einiges weniger vorsichtig.

Grobe Spalten machten aus dem Terrain eine geschundene Haut des Landes, zerfurcht von den Klauen einer höheren Macht. Mehrmals fluchte Elnic bei seinem ersten Abstieg tief nach unten wie in eine vom Sonnenlicht verstoßene Gruft. Er war dankbar für den Schatten, den ihm die Kluft gönnte, aber es blieb ein beschwerlicher Weg. Das Blut seiner Kratzer vermischte sich mit seinem Schweiß und dem Staub der ausgedorrten Umgebung und hinterließ hässliche Spuren auf Elnics Antlitz.

Am Ende des Tages und nach zwei überwundenen Abgründen, musste der Mustrier der Erschöpfung klein beigeben. Der sandige, aber harte Untergrund sorgte dafür, dass seine Füße überaus stark beansprucht wurden, zumal sie sich durch das Reiten an einen gewissen Komfort gewöhnt hatten.

Um sicher ruhen zu können, suchte er sich instinktiv eine Stelle auf dem Grund der zweiten Schlucht, an der er für Feinde schlecht zu sehen war - eine fast rechtwinklige Ecke im Fels, davor ein großer, freiliegender, nach oben hin spitz zulaufender, Gesteinsbrocken. Die Dunkelheit sollte ihr Übriges tun, um während des Schlafes verborgen zu bleiben. Es dauerte nicht lange und die gedankenlose Leere der Felsspalten breitete sich auch in seinem Kopf aus.

Der Schlaf schenkte ihm wilde Träume von erfrischenden grünen Landschaften und einem Fluss, den er mit einem Floß befuhr. Jedoch bemerkte er den Wasserfall, auf den er zusteuerte, zu spät. Die bereits stärker werdende Strömung verbot ihm eine Annäherung ans Ufer. Als er fiel, spürte er warmen Wind in seinen Haaren. Er fiel unendlich lange, ohne ins Wasser einzutauchen. Abrupt änderte der Wind die Richtung, sein Haar wirbelte herum. Beklemmung stieg in ihm auf und sein Hirn befahl ihm, den Traum zu beenden und die Augen zu öffnen.

Um ihn herum war vertraute Finsternis. Direkt vor ihm aber spürte er eine Energie, die noch finsterer war, als die Dunkelheit. Kälte umschloss ihn, wehte ihm entgegen, raubte ihm den Atem. Ekelerregender Gestank stieg ihm in die Nase. Er bewegte sich kein Stück. Die Angst lähmte seine Glieder.

In den Schluchten des Feuertals war es am Tage fast so dunkel wie in der Nacht, doch jetzt gab es nichts als Schwärze. Ein rötliches Glimmen verriet ihn, den Drachen, der Elnics Witterung aufgenommen hatte. Aus seinen Nüstern schlich ein dünner Lichtschein, der die lange Schnauze bis hinauf zu den seitlich gelegenen Augen erahnen ließ. Elnic stockte der Atem. Er war jetzt Beute, das war ihm klar, doch es war noch nicht zu spät. Der erste Zug im tödlichen Spiel gegen den fast unsichtbaren Feind sollte seiner sein.

Für den Moment verhinderte der vorgelagerte Felsbrocken, dass Elnic für das Drachenmaul direkt erreichbar war, denn es passte nicht zwischen Fels und Schluchtwand. Doch die Sicherheit war trügerisch, ähnlich der Belagerung einer Burg. Elnic war schlichtweg gefangen in seinem Versteck und er sah schnell ein, dass er es in einem günstigen Moment verlassen musste.

Mit einer schnell ausgeführten Bewegung rollte er sich zur Seite, in der Absicht, dem Ungetüm sein Schwert ins schwach sichtbare Auge zu stoßen. Der Drache hatte aber nicht die Absicht, dieses Spiel mitzuspielen und konterte mit einem noch schnelleren seitlichen Schwenker, sodass Elnic zurückweichen musste. Der zischende Rachen, so groß wie ein Pferd, öffnete sich. Elnic wurde von einem hellen Lichtschein, der aus der Kehle des Monsters strahlte, geblendet. Er musste schnell handeln. Kurzentschlossen machte er einen Ausfallschritt nach vorn, mit dem Kurzschwert voran, und trieb es dem Drachen von oben in den Unterkiefer. Elnics Treffer auf die Unterlippe muss schmerzhaft für das Ungetüm gewesen sein, das plötzlich seinen Kopf nach oben warf, was Elnic die Zeit verschaffte, seine Flucht zu beginnen.

Durch die Blendung tanzten große, gelbe Flecken vor seinen Augen. Auch Drachen sehen im Dunkeln nicht besonders viel, aber sie können sich auf ihren feinen Geruchssinn verlassen. Somit lag der Vorteil beim Drachen. Elnic rannte um sein Leben. Er spürte den heißen Atem in seinem Rücken und lief so schnell es ihm die Finsternis erlaubte. Die rechte Hand an der Felswand gab ihm ein Minimum an Richtung vor. Das Schnappen des Mauls nach ihm ließ ihn sein Herz jedes Mal unerträglich schneller schlagen.

Die beiden Gegner waren zu unterschiedlich und das Wettrennen nur von kurzer Dauer. Wenngleich es Elnic wie eine Ewigkeit vorkam, war es nach ein paar Wimpernschlägen soweit - der Drache war nah genug und bekam Elnics Umhängetasche zu packen. Ein gewaltiger Schlag ging durch seine Glieder, Sehnen dehnten sich, eine Rippe brach. Elnic schrie auf. Die Kraft, die der Ruck über die Tasche auf Elnic übertrug, war enorm. Allerdings konnten ihn Schmerzen nicht davon abhalten, geistesgegenwärtig zu handeln. Als der Gurt seiner Tasche riss, war Elnic bereits im Steilflug seitlich am Drachenschädel vorbeigeflogen. Er bekam eines der knöchernen Hörner zu fassen und schwang sich auf den Nacken des riesigen Tieres.

Kurzschwerter sind nicht für jeden Kampf geeignet, aber in diesem Fall war es klar von Vorteil, da es in Elnics Position keine handlichere Waffe hätte geben können. Zwischen Kopf und Hals des Tieres fand es sein Ziel.

Das Schwert drang nicht tief ein. Elnic war nicht mal sicher, ob er dem Tier überhaupt einen Stich versetzt hatte. Einen langen Moment wartete er auf eine Reaktion. Und tatsächlich stellte der Drache jede Bewegung ein. Wie versteinert stand er jäh da, ein Menschlein auf dem Hals, das ihn mit einem Kurzschwert piekte.

»Lass das«, sprach der Drache mit grollender Stimme. Elnic traute seinen Ohren nicht. In Gedanken stellte er sich die Frage: ›War sein Geist noch vom Schlaf ermattet oder steckte er tief in einem Albtraum? Unmöglich konnte dieser Drache sprechen‹.

Beide hielten kurz inne. Der Drache spürte die Unsicherheit Elnics, aber er wusste auch, dass sein Leben möglicherweise gerade von ihm abhing.

Die Schmerzen, die Elnic im Oberkörper spürte, waren echt, das konnte kein Traum sein. Eine falsche Bewegung hätte ihn herunterfallen lassen. Er fasste Mut und ging widerwillig auf das vermeintliche Gesprächsangebot ein. »Was?«

»Das mit deinem Schwert, lass das.« Erstaunt hob Elnic die Augenbrauen und stieg in die Verhandlung ein.

»Aber du willst mich töten, ich verteidige mich lediglich, wie es jeder tun würde.«

»Woher willst du das wissen?« schnaubte der Drache in einem donnernden Ton und lenkte seinen riesigen Kopf in beeindruckender Schnelligkeit zu Elnic herum. Dieser erschrak und wich hastig zurück. »Nun, es gibt wohl niemanden auf diesem Kontinent, der sich nicht gegen ein solches Ungetüm verteidigen würde, auch wenn es wenig Aussicht auf Erfolg hätte«, sagte Elnic selbstbewusst. »Nein, ich meine, woher willst du wissen, dass ich dich töten will? Warum sollte ich dich töten, du bist zäh und knochig. Ein anständiger Drache frisst keine Menschen!«

Diese kauzig gesprochenen Worte bedeuteten, dass Elnic scheinbar in Sicherheit war, sofern ihn der Drache nicht anlog.

»Das heißt, du lässt mich in Ruhe, wenn ich herunterklettere?«, fragte Elnic vorsichtig. Der Drache antwortete nicht, sondern senkte seinen Kopf, sodass Elnic nach einem geschwinden Sprung wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Dem Drachen schien diese Konstellation wesentlich angenehmer zu sein, denn er ließ ein leises Grunzen verlauten.

»Warum hast du mich dann aufgespürt und verfolgt?«, knüpfte Elnic an das vorher geführte Gespräch mit der vermeintlichen Bestie, deren beeindruckende Gestalt soeben in der Morgendämmerung schemenhaft sichtbar wurde, an. Der Drache schien zu überlegen und antwortete zögerlich. »Es, es ist die Langeweile, das Feuertal hält nicht jeden Tag eine Überraschung für mich bereit, da kam mir ein Spielchen gerade recht. Wo willst du hin Fremder?«

»Elnic, mein Name ist Elnic, und wie heißt du?«, kam die ablenkende Gegenfrage des kleinen Menschen. »Meinen Namen kannst du nicht aussprechen, nenn mich, wie du willst.«

Elnic hatte mit dem Gemüt eines Drachen keine Erfahrung und war immer noch froh darüber, dass er das unverhoffte Zusammentreffen überlebt hatte. Er war sich immer noch nicht sicher, ob er träumte oder wachte.

»Wo willst du hin, El…?«

»…nic, mein Name ist Elnic«, diesmal konnte er der Frage nicht ausweichen, »ach, nur mal schnell zum Grottenberg, wollte mir die Gegend anschauen.«

»Mal schnell zum Grottenberg, soso.«

»Ja, zum Grottenberg.«

»Ich habe hier noch niemanden getroffen, der eine Reise durchs Feuertal unternimmt, um mal schnell zum Grottenberg zu gehen.« Er holte tief Luft und sprach nach einer kleinen Pause weiter. »Ich mag ihn nicht, diesen Berg. Und es gibt auch keinen Grund, ihn zu mögen, aber du wirst wissen, was du tust. Mir sind seine Bewohner zu eigentümlich.« Der Drache schaute ihn misstrauisch an. Sein Schädel kam Elnics Gesicht immer näher, bis ihre Gesichter nur noch eine Hand breit voneinander entfernt waren. Elnic schauderte. Das Monster misstraute ihm, zu unnatürlich war seine Anwesenheit hier. Es schien ihm sicherer, sich aus Elnics Angelegenheiten herauszuhalten. »Wie war nochmal dein Name?«

»Elnic.«

»Elnic, es wird Zeit für mich, die Sandratten kommen morgens aus ihren Löchern gekrochen und ein Frühstück kann ich jetzt gut gebrauchen.«

Elnic spürte, dass dieser Drache eine bewegte Vergangenheit gehabt haben musste. Er war nicht mehr der Jüngste. Fliegen konnte er augenscheinlich nicht mehr, dazu waren seine Flügel zu zerschunden. Sie waren löchrig und an den unteren Rändern eingerissen. Die faltigen Klauen schafften es aber noch, ihn die Steilwand hinaufklettern zu lassen, was er auch schon in Angriff nahm.

»Du ernährst dich von diesen kleinen Viechern?«

»Also klein sind sie nicht.«

»Mir ist so ein hässliches Vieh gefolgt, tagelang, das war aber nicht groß, groß für eine Ratte, ja, aber nicht groß für einen Drachen.«

»Dann war sie noch jung. Die Jungen schmecken übrigens am besten«, sprach der Drache und bleckte seine Zähne. Knur-rend schmatzend kletterte er weiter und entfernte sich langsam, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Das ging Elnic zu schnell. Zumindest auf eine Frage brauchte er noch eine Antwort. »Warte, nur eins noch!« Der Drache unterbrach seinen Aufstieg, ohne sich umzudrehen und Elnic rief: »Können alle Drachen sprechen?«

»Das weiß ich nicht, ich habe nie einen getroffen.«

Elnic dachte später viel über diese seltsame Begegnung nach, wobei sich ihm viele Fragen stellten. Er nahm sich vor, mehr über die neue Bekanntschaft erfahren zu wollen. Vor allem interessierte ihn die Frage, wer ihm das Sprechen beigebracht hatte. Aber darum wollte er sich später kümmern, zunächst musste er noch zwei Schluchten überwinden und endlich ans Ziel kommen.

Drei Tage später hatte Elnic das Ende des Feuertals erreicht und den Grottenberg sichtbar vor sich. Im beruhigenden Schein der untergehenden Sonne vernahm er mit stärker werdender Gewissheit ein eintöniges Rauschen. Es war das Geräusch, das Flüsse von sich geben, wenn ihr Wasser widerspenstig den Flusslauf hinabgetrieben wird, tosend und abschreckend. In die Erschütterung über die Kenntnis des neuerlichen Hindernisses mischte sich die leise Freude, sich endlich erfrischen zu können. Eine Rast und wohlschmeckendes, unabgestandenes Wasser konnte er gut vertragen. Schließlich waren Elnics Vorräte beim Kampf mit dem Drachen unbrauchbar geworden. Stechende Schmerzen bei jedem Atemzug erinnerten ihn an diese Episode seines Lebens. In Bezug auf Trinkwasser war er mittlerweile sowieso auf natürliche Quellen angewiesen. Es bot sich an, hier eine ausgedehnte, nächtliche Pause am Ufer einzulegen.

Am nächsten Morgen beschloss Elnic, weiter flussabwärts nach einer Stelle zu suchen, an der er ans andere Ufer gelangen konnte. Es dauerte noch einen ganzen Tagesmarsch bis der Fluss ihm diese Gelegenheit bot. Direkt im Rücken hatte er die Ausläufer des Feuertals und vor sich einen Berg, der für ihn, nach allen bisher gehörten Beschreibungen, der Grottenberg sein musste.

Das Kurzschwert sicherte er zusätzlich mit den Bändern seiner Schuhe an der Hüfte – es war bei dieser Reise bereits einmal zum Einsatz gekommen, er konnte es sich nicht leisten, darauf zu verzichten. Dann zog er sich die Schuhe aus. Als er den zweiten Schuh fallen ließ, zuckte ein dumpfes, entferntes Brüllen erst durch seine Ohren und dann durch seine geschundenen Glieder. Kurz hielt er inne. »Was tu ich hier nur?«, flüsterte er mit einem zweifelnden Kopfschütteln.

Das Gebrüll kam über den Gipfel des Grottenberges gekrochen und bestärkte Elnic in seiner Annahme, hier richtig zu sein. Er schluckte und fuhr sich mit beiden Händen durchs lange, blonde Haar. Seine braunen Augen fixierten das andere Ufer, dann wanderte sein Blick den Grottenberg hinauf, um danach am blauen Himmel hängen zu bleiben. »Jagede, gib mir die Kraft und den Willen, auch dieser Prüfung standzuhalten«, flüsterte er einen Gruß an die Göttin und stieg langsam in den unbekannten Fluss.

Das Wasser war überraschend warm, trotzdem musste Elnic all seine Willenskraft aufbringen. Schon beim Hineingehen sah er wirbelnde und zitternde Wasserpflanzen, die versuchten, der Strömung standzuhalten. Nach kurzer Zeit bestand die Gefahr, mit den Füßen an ihnen hängenzubleiben. Dann passierte das Unglück. Als Folge seiner schnell eintretenden Müdigkeit hingen seine Beine in einem unachtsamen Moment zu tief im Wasser. Die grünen Langfinger des unheilvollen Wasserkrautes ließen nicht mehr von ihm ab, als sie ihn einmal zu fassen bekamen. Er kämpfte gegen die immer wieder über ihn hereinbrechenden Wellen an. In der Mitte des Gewässers war die Strömung so stark, dass Elnic innerhalb weniger Minuten um hunderte Schritt flussabwärts getrieben wäre. Die Kraft des Flusses und die Fesseln an den Beinen waren zu starke Gegner für Elnic. Einige Male schluckte er Wasser. Er wollte nicht aufgeben, doch bald schien die Sache aus-weglos. Nach all den Gefahren und Entbehrungen, die er unbeschadet überstanden hatte, musste er nun wirklich um sein Leben bangen. Dann kam ihm nur noch ein Gedanke und seine Glieder stellten den Kampf ein. Elnic gab einfach auf und ließ los. Er konnte loslassen, er hatte genügend Abenteuer erlebt, hatte ein erfülltes Dasein als Sohn eines Königs gehabt. Es war in Ordnung, er sank. Elnics Körper wurde zum Spielball des Stromes, der erst an ihm zerrte und ihn dann wie ein wütender Riese hinab drückte. Seine Lebensgeister zogen sich weit in die Tiefe des Flusses zurück und bereiteten sich auf die Fahrt zu Jagede vor. Auf einmal war es angenehm ruhig und er verlor sein Bewusstsein.

Elnic spürte nichts mehr, auch nicht, dass er plötzlich gepackt wurde. Er nahm nicht wahr, dass ihn jemand nach oben zog, genauso wenig, wie er bemerkte, dass er nicht mehr von kaltem Wasser umspült wurde. Er schlief so fest, dass er nicht einmal erwachte, als jemand versuchte, seine Lungen durch einen wuchtigen Stoß vom Wasser zu befreien. Elnics Körper ließ nicht zu, dass sein Geist einen Funken Energie verschwenden könnte, denn die brauchte er, um sich zu erholen. Und dann lag Elnic, leblos, aber nicht tot, einsam, aber nicht allein, länger als einen Tag und eine Nacht - bis er endlich erwachte. Seine Kleidung war trocken, ihm war warm. Einen Moment lang fühlte er sich, als befände er sich in der Geborgenheit seines Schlafzimmers in Helanis, bis ihn ein feiner Luftzug sanft aus dieser Vorstellung riss. Von den nackten Füßen fiel sein unsicherer Blick auf die unmittelbare Umgebung. Er lag nicht in seinem vertrauten Schlafgemach, sondern in einer kleinen Höhle. Sie war etwa fünf Schritt breit und allenfalls zwei Schritt tief, stehen hätte er darin nicht können. Eigentlich war es mehr eine Delle des Berges als eine tatsächliche Höhle. Neben ihm lagen ein paar Äpfel und eine große, ihm unbekannte, Frucht, die genauso viele Geschmacksrichtungen wie Farben aufwies und sich als sehr wohlschmeckend in sein Gedächtnis brannte. In seinem jetzigen Zustand hätte er allerdings auch von verschimmeltem Brot geschwärmt, schließlich lag sein letztes gescheites Mahl etliche Wochen zurück.

Als er wieder genügend Kraft in sich spürte, steckte er sich zwei der Äpfel in die Hosentaschen und verließ die Lagerstatt. Sein Blick fiel sofort auf den Fluss und ihm wurde klar, dass ihn jemand herausgezogen und ihm das Leben gerettet haben musste. Er dankte Jagede und wollte sich auf die Suche nach seinem wohlgesonnenen Retter begeben, doch zwischen Fluss und Berg war an dieser Stelle nicht viel Platz. Es gab keine Möglichkeit, sich weiterzubewegen. Der Ort, an dem er sich befand, wurde jeweils auf zwei Seiten durch den Fluss und den Grottenberg vom Rest des Landes abgegrenzt. Horizontal konnte er das idyllische Fleckchen also nicht verlassen, es sei denn, er unternahm nochmal den Versuch, durch den Fluss zu schwimmen, aber für den Rückweg hatte er bereits einen anderen Plan.

Zwangsläufig stellte sich sein Auftrag wieder ins Zentrum seiner vielen Gedanken, die ihm am Fuße des Grottenberges durch den Kopf gingen. Dies sorgte dafür, dass sie sich langsam wieder ordneten. Sein Ziel war der Gipfel des Berges, nach wie vor.

Mit neu gewonnenem Schwung widmete sich der Reisende der Besteigung des Grottenberges. Zu Beginn war es noch ein erträgliches Unterfangen, doch bald schon hing Elnic zwischen Felsspalten fest, rutschte von scharfkantigen Vorsprüngen ab und zog sich einarmig an grobem Stein nach oben. Es war die härteste Prüfung seines Lebens und das lag nicht nur an seiner Barfüßigkeit.

Auf halber Höhe des Berges hatte er Krämpfe in Armen und Beinen. Mittlerweile verfluchte er den Berg. An einer günstigen Stelle konnte er neue Kräfte sammeln. Zwar hing er mit ausgestreckten Armen an einer abgerundeten Felskante, fand aber mit seinen mittlerweile blutigen Zehen Halt. Ein leichtes Gefühl der Entspannung stellte sich ein. Unter ihm breiteten sich der stolze Fluss, das Feuertal und die hellgrauen Felsen des Grottenberges aus. In der Ferne sah er deutlich den hügeligen Schauerwald, den er auf seiner Reise, noch vor dem Erreichen des Feuertals, kurz gestreift hatte. Leichter Wind umsäuselte ihn.

Elnic überwand sich, in schwindelerregender Höhe die Augen zu schließen, um ein wenig Kraft für den restlichen Aufstieg zu sammeln. Doch noch bevor er eine Wirkung wahrnahm, spürte er unversehens den Aufprall eines harten Gegenstandes an seinem Rücken. Er erschrak und drehte sich, so schnell es in dieser unsicheren Position eben ging, um. Aus dem Berg flogen faustgroße Steine. Es war, als wäre der Koloss nicht damit einverstanden, dass Elnic ihn bestieg. Er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, wie er sich wehren sollte und kletterte so schnell wie möglich weiter, bis ihn die Geschosse nicht mehr erreichten. Schweiß rann ihm in die Augen, sodass er sie zusammenkneifen musste. Aus der dunklen Bergöffnung, aus der die Steine geflogen kamen, vernahm er hohes Quieken aus mehreren Kehlen. Ein kalter Schauer lief ihm über den schmerzenden Rücken.

Elnic wollte keine Zeit mehr verlieren und kletterte noch schneller. Dabei rutschte er allzu oft ab und mehr als einmal schlitzte er sich die Haut an den Schienbeinen auf. Doch damit nicht genug. Ein ungutes Gefühl im Nacken vermittelte ihm, dass er verfolgt wurde. Eine flüchtige Drehung nach hinten gab ihm die befürchtete Gewissheit. Etwa dreißig Schritt unter ihm folgte ein Dunkelaffe seinem unbequemen Pfad. Plötzlich sah er ihm direkt in die Augen. Das Betrachten der langen Reißzähne und der kräftigen Figur erzeugte in Elnic Todesangst. Das zottelige Wesen hielt einen Stein in der Hand, den er auch schon mit ungeheurem Schwung nach Elnic warf. Zum Glück bekam er einen Fuß auf eine hervorstehende Felsplatte und wich dem Flugkörper mehr ungelenk als geschickt aus. Er stieß sich mit dem anderen Fuß vom Felsen ab und fand sicheren Stand, was ihm eine optimale Verteidigungsposition ermöglichte. Auf alles gefasst, wartete er hier auf den Verfolger. Der Dunkelaffe war nach drei kraftvollen Sprüngen am Fuße der Plattform angelangt und bleckte sabbernd seine messerscharfen Zähne.

Mit seiner gedrungenen Gestalt war er etwa halb so groß wie Elnic, aber mindestens genauso stark und offensichtlich sehr viel wendiger auf diesem gefährlichen Grund. Ohne Zweifel handelte es sich um einen an diesen Lebensraum angepassten Zeitgenossen. Elnic hatte nach dem Erreichen der Plattform schnell einen Apfel gezückt. Und so wartete er, aufgebracht, aber herausfordernd lässig, in einer Hand den Apfel, die andere an sein Kurzschwert gelegt und schaute auf seinen Gegner herab. Dieser zischte mit einem letzten Sprung Elnic entgegen. Sofort warf dieser seinen Apfel auf den Kopf des Tieres. Der gezielte Wurf erfüllte seinen Zweck der Überraschung und lenkte seinen Gegner kurz ab, was Elnic etwas Zeit verschaffte. Mit geübtem Griff zog er behände sein Kurzschwert aus der Scheide, doch der Dunkelaffe landete bereits auf ihm und drückte ihn mit seinem ganzen Gewicht zu Boden.

Das war aber auch alles, was von dem Wesen zu erwarten war, denn Elnic hatte sein Schwert noch rechtzeitig aufrichten können. Es untersagte dem Dunkelaffen beizeiten das Weiterleben.

Angewidert befreite sich der Sieger dieses kurzen Kampfes von dem verfilzten, stinkenden und leblosen Körper. »So schwer sah das Vieh gar nicht aus«, ächzte er. Vorsichtig schob er den Kadaver an die Felswand, säuberte sein Schwert am Fell der nunmehr seelenlosen Kreatur und setzte seinen Aufstieg ein wenig erleichtert fort.

Das letzte Stück bis zum Gipfel überwand der einsame Abenteurer in seltsamer geistiger Abwesenheit. Sein Körper übernahm das Kommando und wuchs über sich hinaus, zog ihn wie ein Ausgelieferter immer höher in Richtung Bergspitze. Dabei übersah er sogar die zahlreichen abgefressenen Knochen, die sich an verschiedenen Punkten häuften.

Kurz vor dem Ziel gönnte sich Elnic den einen Apfel, der ihm geblieben war. Noch nie hatte ihm eine Frucht so gut geschmeckt. Er bereute aber nicht, dass er den anderen als Geschoss missbraucht hatte. Der süße Saft erweckte in ihm wieder Abenteuerlust und Ehrgeiz. Einen Bissen noch, dann wollte er den Grottenberg bezwingen.

In diesem Moment flog abermals etwas durch die dünne Luft. Ein ziemlich großer, abgenagter Knochen streifte seine rechte Schulter. Die Wucht reichte aus, den Halt zu verlieren. Elnic machte unfreiwillig einen sehenswerten Rückwärtssalto und schlug unsanft auf dem Hang der Bergspitze auf. Seine Hände nutzten die letzte Gelegenheit, sich an eine waagerecht gelegene, steinerne Rinne zu heften.

»Wer bist du und was willst du hier?«, schepperte es nach einigen flachen Atemzügen aus der Richtung, aus der die Warnung geflogen kam. Als Elnic diese, mit vibrierend tiefer Stimme gesprochenen, Worte vernahm, wusste er, dass er es endlich geschafft hatte. Allerdings bestand die Gefahr, wieder hinabzustürzen, denn lange würde er sich in dieser Position nicht halten können. Eile war geboten. »Ich bin Elnic, Thronfolger aus Mustrien, und ich begehre ein Gespräch mit euch«, rief er hastig, aber bestimmt. »Dann rede!«, donnerte es von der anderen Seite. »Gestattet mir vorher, es mir ein wenig bequemer zu machen, es besteht sonst die Gefahr einer nur äußerst kurzen Unterredung.« Prompt kam, wieder in einem sehr tiefen Ton, aber diesmal aus einem anderen Mund: »Je kürzer, desto besser, Knilch, also bleib, wo du bist!« Elnics Situation wurde immer bedrohlicher, so oder so, er musste sich mühselig hocharbeiten. »Dann werdet ihr aber nichts von meinem durchaus verlockenden Angebot erfahren«, rief er mit angestrengter Stimme. Daraufhin brummte wiederum die erste Stimme: »In Ordnung, komm rüber, aber bleib da oben, ich kann deinen Geruch nicht ertragen.«

Elnic zog sich mit allerletzter Kraft wieder zurück auf den Gipfel des Grottenberges. Diesmal baute er sich selbstbewusst auf, streckte den Rücken durch und verschränkte die Arme. Was er hier sah, verschlug ihm aber zunächst die Sprache. Es eröffnete sich ihm ein beeindruckendes Panorama. Der Gipfel des Berges sah einer überdimensionalen Bratpfanne ähnlich, denn die Ränder waren deutlich höher als das eigentliche Plateau. Entlang der Mittellinie hatte der Zahn der Zeit dafür gesorgt, dass ein für menschliche Verhältnisse gigantischer Riss die Fläche in zwei Hälften teilte. Die Ausmaße dieses flachen Gipfels konnte Elnic nicht annähernd abschätzen. Ungefähr in der Mitte befand sich eine urtümliche Behausung, die wie eine künstliche Höhle aussah. Große Felsbrocken waren übereinandergestapelt, soviel konnte Elnic aus der Entfernung erkennen. Hinter einem anderen Steinhaufen sah er einen Fuß hervor lugen, dessen lange Zehen sich abwechselnd vor- und zurückbeugten. Elnic erschauerte beim Anblick dieser fremden Welt und wägte nicht zum letzten Mal seine Fluchtmöglichkeiten ab.

›Die zweite Stimme‹, dachte Elnic. ›Wo ist der Zweite?‹

»Jetzt rede doch Elnic aus Mustrien oder verschwinde wieder, damit ich wenigstens diesen abscheulichen Geruch nicht mehr in der Nase ha-ha-ha habe«, nieste es schallend aus der künstlichen Höhle. Somit hatte Elnic beide ihm bekannten Gefahrenquellen im Auge. Er war verunsichert, schließlich stand er noch nie zwei solchen Gestalten gegenüber. Er wusste nicht, ob sie schlau waren oder dumm. Er wusste nicht, ob sie flink oder träge waren. Er wusste einfach gar nichts über sie, außer, dass sie die Anwesenheit von Menschen anscheinend zum Niesen brachte. Elnic sollte sie aber noch gut kennenlernen, denn in seinem Plan spielten sie eine überaus wichtige Rolle.

2

Auf der Burg Bergenwitt herrschte geschäftiges Treiben. Die Wachen an den Toren hatten viel zu tun, denn jeder Besucher musste nach Vorschrift kontrolliert werden, bevor er in den Hof gelassen wurde. Seit dem Krieg mit Mustrien war man, vor allem an den beiden Zugängen zur Burganlage, sehr vorsichtig geworden.

Die Stadt Bergenwitt hatte sich in den vergangenen Jahrhunderten wie ein Bettvorleger vor die Burg gelegt und den Hügel, auf dem die Burg stand, bedeckt. Es war gerade Jahrmarktzeit. Die meisten Bewohner kamen, um ihre selbst hergestellten Produkte feilzubieten. Im Trend waren neuartige, verschließbare Bierkrüge, ideal, um im bevorstehenden Sommer die Insekten aus dem Krug zu halten. Aber auch einfache Alltagsgegenstände wie Töpferwaren oder Holzlöffel wurden die Händler nicht müde, lautstark anzupreisen.

Königin Annona von Verlaund liebte es, durch die Gassen zu schlendern und sich wie eine normale Bürgerin zu verhalten. Sie ließ es sich nicht nehmen, sich zu verkleiden und ihr Gesicht mit Kapuze und Schal zu verbergen. Es war ein milder Frühlingstag, der sie unter ihrer Vermummung schwitzen ließ und ihr ein wenig die gute Laune verdarb.

Zu selten waren diese Gelegenheiten, aus der Etikette auszubrechen, also hielt sie durch. Außerdem konnte sie sich nützlich machen, indem sie hier einen Streit unter Händlern schlichtete und da einer alten Frau half, umgekippte Waren wieder aufzurichten. In solchen Momenten fühlte sie sich wie eine normale Bürgerin oder vielleicht auch als wahre Königin. Sie hatte immer ihre Zweifel daran gehabt, dass niemand sie erkannte, aber es war auch kein echtes Risiko, denn zu verlieren hatte sie nichts, ihr Volk schätzte sie.

Annona musste das Land allein regieren. Ihr Mann, König Folksar, verschwand bei einer Erkundung des Feuertals, noch vor der Geburt ihrer Tochter, die bereits zwanzig Jahre alt war. Die meisten Bürger gingen davon aus, dass der König sich im Feuertal verirrt hatte und jämmerlich verdurstet war. Manch älterer Zeitgenosse glaubte aber, dass er von einem Drachen überfallen und ermordet wurde. Ganz abwegig war diese Theorie nicht, schließlich gab es uralte Drachengeschichten zuhauf über das gefürchtete Feuertal. Annona war es egal. Spekulationen über den Tod ihres Mannes interessierten sie schon lange nicht mehr. Insgeheim hoffte sie, ihn irgendwann wiederzusehen, aber mit jedem Jahr, das Verlaund durch den Winter schickte, schlief diese Hoffnung fester.

Annona hatte sich mit Ende vierzig daran gewöhnt, Entscheidungen allein zu fällen. Ein Rat aus erfahrenen Bürgern stand ihr bei kniffligen Fragen zur Seite. Leicht war ihr Leben als Königin dennoch nicht.

An diesem Tag genoss sie ein kleines Stückchen Freiheit. Als die wärmende Sonne ihren Zenit erreichte, verließ sie den Markt und schlug den Weg Richtung Jylland ein.

Der Jylland war der größte Fluss des Großen Kontinents und die wichtigste Wasserstraße, wirtschaftlich wie kulturell. Er teilte das Land in die Königreiche Mustrien, Verlaund und Barkand, wobei Barkand zwischen den zwei Flussarmen lag, die die Wassermengen des Jyllands ab Scheebas ins offene Meer trugen.

Das Land des Königs Bark war durch jeweils eine Brücke mit Mustrien und Verlaund verbunden. Eine direkte Verbindung zwischen Mustrien und Verlaund gab es nicht mehr, dafür hatte der Krieg gesorgt. Der einzige Weg von Verlaund nach Mustrien führte nur über Barkand. Es gab zwar noch einen alten Tunnel nicht weit der Quelle des Jyllands, allerdings lag dieser in Walkpitz, dem Stammsitz der Familie Orlaqués im Westen des Landes. Janti Orlaqués war ein stieseliger Verehrer Annonas, der nie so recht wusste, ob er ein Verbündeter Mustriens oder Freund Verlaunds war. Zu unberechenbar war seine vornehme Nase, die er immer in eine andere Richtung hielt oder dort hineinsteckte, wo sie gerade nichts zu suchen hatte. Sein Ruf war der eines Scharlatans. Deshalb wurde der Tunnel von Mustriern und Verlaundern gleichermaßen gemieden.

Als Annona den Eingang zum Hafen passierte, bemerkte sie einen Schatten neben sich. Sie beschleunigte ihren Schritt, wurde ihren ungebetenen Begleiter aber nicht los. Dann fasste sie Mut, blieb stehen und drehte sich blitzschnell um. Vor ihr stand ein Herr im Offiziersgewand und grüßte sie mit einer tiefen Verbeugung.

»Die Überraschung steht Euren Gesichtszügen außerordentlich gut verehrte Königin«, sprach er verschmitzt, als er seinen schmalen Oberkörper wieder in die Höhe schwang. Tatsächlich war Annona die Überraschung anzusehen, obwohl die Hälfte ihres Gesichts verdeckt war. »Rothil, was macht Ihr denn hier?«

»Nun, wie Ihr wisst, kann ich die Königin unmöglich allein durch diese flegelhafte Gegend laufen lassen, mein Pflichtgefühl verbietet es mir förmlich, nej.«

»Aber woran habt Ihr mich erkannt, Rothil von Fragtal?«

»Das würde ich nur unter Folter verraten, Majestät. Da ich mir allerdings kaum vorstellen kann, dass Ihr mich freiwillig solchen Qualen aussetzen würdet, gestattet mir, dies als mein Geheimnis zu betrachten.«

»Und wie lange seid Ihr schon hinter mir her, wenn ich fragen darf?«

»Noch nicht allzu lange, ich würde sagen, naja, wenn ich recht überlege, wohl, seitdem Ihr das Haus verlassen hat-tet, nej.« Natürlich fühlte Annona sich ein wenig geschmeichelt, aber ihre Pause vom Regierungsalltag war damit leider abrupt zu Ende gegangen. Sie nahm es Rothil nicht übel, er konnte am wenigsten dafür. Schließlich tat er nur seine Pflicht.

»Würde es Euch etwas ausmachen, lieber Rothil, mir etwas Zeit allein zu gönnen, ich benötige ein ungeschminktes Bild meines Volkes und möchte mich etwas im Hafen umschauen.«

»Wenn Ihr mir gestattet, Königin, würde ich aus Sicherheitsgründen hier auf Euch warten, wer weiß schon, welchem Troll Ihr begegnen werdet, nej.«

»Meinetwegen, Rothil, aber bitte, verhaltet Euch unauffällig, ich möchte auch auf dem Rückweg unerkannt bleiben.«

Der lange, dünne Mann nickte kurz, presste die Lippen so aufeinander, dass sein stattlicher Schnauzer seinen Mund komplett bedeckte und ging seitlich weg. Die Hände auf dem Rücken ineinander geschlagen, den Hut ins Gesicht gezogen, spazierte er langsam zurück Richtung Zentrum, nicht in der Absicht, dort anzukommen.

Annona hatte sich bereits in die andere Richtung begeben und freute sich auf ein stilles Plätzchen am Ufer des Jyllands. Nachdem sie eine hölzerne Brücke überquert hatte, passierte sie eine kleine Schänke, die vor allem Hafenarbeiter anzog. Zu gern wäre Annona hier eingekehrt, das Risiko, als Königin erkannt zu werden, erschien ihr aber als zu groß. Die Dämmerung begann gerade und ihr war klar, dass der Binnenhafen abends und nachts keinen Sinn für adlige Bedürfnisse hatte. Auch aus diesem Grund ging sie schnell an dem Häuschen vorbei. Außerdem wollte sie vor Einbruch der Nacht das Hafenviertel wieder verlassen haben.

Plötzlich öffnete sich hinter ihr die Tür der Schänke und ein Knäuel aus zwei Männern polterte krachend auf den schmalen Steg. Beim Aufprall öffnete sich das Knäuel und einer der beiden rollte weiter Richtung Stegende, hinter dem das kühle Wasser des Jyllands auf ihn wartete.

Annona erschrak und konnte nur mit Mühe einen Aufschrei unterdrücken. Zu ihrem eigenen Schutz versteckte sie sich in einer Nische zwischen Schänke und Lagerhaus und wartete in der Position eines unsichtbaren Zuhörers ab.

Einer der beiden Männer war bereits ins Wasser gefallen und schrie nach Hilfe, da ihn seine vollgesogene Kleidung zu schwer machte, um den Kopf noch lange über Wasser halten zu können. Der Mann auf dem Steg richtete sich langsam auf, ordnete das zerzauste, schwarze Haar und schlürfte zum Stegende. Mit verschränkten Armen baute er sich vor dem Verlierer der Auseinandersetzung auf und beobachtete ihn. Annona konnte die Hilferufe deutlich hören und wollte schon selbst ein Tau ins Wasser werfen, als der Schwarzhaarige genau das tat. Er rief dem Ertrinkenden zu: »Ich zieh dich hoch, aber nur, wenn du dich noch in dieser Nacht aus Bergenwitt verpisst!« Scheinbar mühelos zog er ihn hinauf auf den Steg und fügte hinzu: »Und sag deinem hässlichen König, dass du der letzte Spion gewesen bist, der unser Land lebend verlassen hat!«

Der vermeintliche Spion stand noch nicht aufrecht als er zur Flucht überging. Ein paar Sekunden später war er in den langen Schatten der Häuser verschwunden, wobei seine Schritte ein Geräusch machten wie ein tropfender Wasserhahn.

Annona stand verunsichert in ihrem Versteck, während der Raufbold einmal kräftig ausspuckte und wieder in die Schänke ging. Sie hörte ihn noch sagen: »Verfluchte Missgeburt von Mustrier, die können uns einfach nicht in Ruhe lassen.«

Diese Worte erzeugten in der Königin ein ungutes Gefühl. Sie machten ihr deutlich, dass der Krieg gegen Mustrien noch gar nicht so lange her und noch nicht jede Wunde verheilt war. Insbesondere die Tatsache, ausspioniert zu werden, sofern der Mann recht hatte, brachte Annonas Blut zum Kochen. Sie musste unbedingt mehr darüber erfahren, denn nichts wäre schlimmer, als ein neuerlicher Krieg gegen Mustrien. Annona wusste, dass ihr Heer noch nicht die nötige Schlagkraft besaß, einem Feind wie Mustrien und eventuell neuen Verbündeten auf Augenhöhe zu begegnen. Aber auch Mustrien hatte hohe Verluste im Krieg erlitten, sodass ein Angriff ihr unwahrscheinlich schien. Sie beschloss, ihren Deckmantel zu gefährden und die Schänke zu betreten, um mehr zu erfahren.

Es kostete sie große Überwindung, den Fuß über die Schwelle zu heben. Doch sie wurde kaum beachtet. Die Schänke bestand aus einem Raum, in dem nicht mehr Platz war als für sechs runde Tische an den Wänden und einen kleinen Tresen. Auf der linken Seite spielten die Männer lauthals Karten an zusammengeschobenen Tischen. Annona konnte nicht beurteilen, wer von ihnen einheimisch war und wer nicht. Auf der gegenüberliegenden Seite kippten die Hafenarbeiter nach getaner Arbeit ihre Sorgen die Kehle hinunter und unterhielten sich mal mehr, mal weniger aufgebracht.

Annona wollte nicht allzu lange verweilen. Sie blieb am Tresen stehen und wartete. Um sie herum waren ausschließlich Männer, die allesamt sehr mit sich beschäftigt waren und Annona gar nicht wahrnahmen. Sie hielt Ausschau nach dem Schwarzhaarigen, der den Spion davongejagt hatte, konnte ihn aber nicht sofort ausfindig machen. Das gab ihr die Gelegenheit, selbst ein bisschen Spionin zu spielen und sich umzuhören.

Recht bald kristallisierte sich eine Stimme heraus, die sich von denen der anderen in Lautstärke und Tonlage unterschied und der sie einfach zuhören musste.

»Glaubt mir, Männer, ich erzähle viel, wenn ich besoffen bin, aber ich schwöre, kein Mensch kann es mit einem Zwerg aufnehmen, selbst, wenn dieser nur ein Bein und einen Arm hat.«

»Du säufst nicht nur zu viel, du quatscht auch noch zu viel, Kringelbart«, hörte Annona eine Stimme sagen, die ihr sofort vertraut war. In der Tür stand Rothil. Grinsend nahm er seinen Hut ab. »Rothil der Lange, hört Leute, gleich gibt’s Neuigkeiten aus dem Königshaus!«, blökte Kringelbart und stand auf. Annona wusste nicht, was sie davon halten sollte, dass Rothil plötzlich anwesend war, noch erstaunter war sie darüber, dass er hier kein Unbekannter war. »An deiner Stelle hätte ich nicht so ein großes Maul, Kringelbart.«

»Ach, Rothil, sei kein Spießer, erzähl uns was über unsere feine Königin oder hast du Angst, dass sie dich ohrfeigt, wenn du zu spät nach Hause kommst?« Kringelbart lachte frech und zeigte Spucke spritzend seine schwarzen Zähne.

»Lass mich erst mal ein frisches Bier trinken Kringelbart, bevor ich auf das Thema Ohrfeigen zurückkomme, war ja schließlich ein harter Tag, nej.« Sogleich wusste Annona Bescheid. Rothil war hier, um sie zu beschützen, wie immer, guter Rothil. »Ja, trink dir ruhig Mut an, den wirst du brauchen, neeeeej«, schrie Kringelbart und setzte sich wieder hin.

Rothil stellte sich neben Annona, zog seine Handschuhe aus und wisperte: »Keine Angst, Verehrteste, es wird nichts passieren, Kringelbart ist keine ernstzunehmende Gefahr. Noch einen Humpen und er ist nicht mehr in der Lage, einen verständlichen Ton herauszubekommen geschweige denn, seine Faust halbwegs gerade zu führen.« Annona nickte stumm. »Habt Ihr den Wirt schon gesehen?« Es war, als hätten sie sich hier verabredet.

»Nein«, flüsterte Annona. Sie hatte große Scheu, in dieser Situation nur irgendwie aufzufallen. Noch hielt ihre Tarnung.

Der Wirt ließ nun nicht mehr lange auf sich warten. Als er den gewohnten Platz hinter dem Tresen einnahm, fielen ihm die Neuankömmlinge nicht gleich auf. Dafür erkannte Annona sofort den Mann in ihm, der vor einigen Minuten noch fluchend auf dem Bootsanleger stand. Das schwarz gelockte Haar passte gut zu seinem Kinnbart. Sein fleckiges Hemd schmiegte sich eng an seinen muskulösen Oberkörper. Die markanten Wangenknochen gaben seinen Gesichtszügen eine gewisse Härte und den Ausdruck starken Selbstvertrauens. Er war in Gedanken und in seine Arbeit vertieft, die ihm sichtlich keinen Spaß zu machen schien.

Erst als Rothil sich räusperte, schaute er auf und ließ sein Tuch liegen. Er blinzelte langsam und lächelte Rothil an. Annona nahm er zunächst nicht wahr. »Oh, welch seltener Gast in meiner bescheidenen Hütte, was kann ich für dich tun, Rothil?« Annona war innerlich empört darüber, dass Rothil hier scheinbar jeden kannte. Langsam wurde ihr der treue Bewacher unheimlich. In ihr wuchs das Verlangen, sich etwas tiefergehender mit ihm unterhalten zu wollen.

»Portaq, alter Freund. Ich sah so eine armselige Kreatur, die einen riesigen Fußabdruck auf ihrem Allerwertesten trug, durch die Stadt flitzen.« Nach einer kurzen Pause sprach er weiter. »Und ich dachte mir, so große Füße hat nur einer in Bergenwitt, nej.« Portaq, der vom Alter her der Sohn seines Gegenübers hätte sein können, schaute Rothil tief in die Augen, ohne jegliche Regung in seiner Mimik erkennen zu lassen. Annona konnte ihn aus ihrem schrägen Blickwinkel unter der Kapuze gut beobachten und schätzte, dass sein Selbstbewusstsein jetzt eine Delle bekommen würde. Doch Portaqs Antwort zeigte etwas anderes.

»Ach, das war nur eine kleine Auseinandersetzung, nichts weiter. Hat der Schleimscheißer nicht anders verdient.«

»Er war klitschnass Portaq!«

»Ja, der Dösbaddel hat einen Umweg durch den Jylland genommen, ist ein bisschen zu schnell gewesen.«

»Er oder du?«

»Hey, ich hab ihn da wieder rausgeholt. Ohne mich wär der ersoffen wie eine Fliege im Bierkrug.« Rothil schnaufte wie ein Lehrer, der kein Verständnis für seinen Schüler hat. »Sag mir wenigstens, was er ausgefressen hatte, schließlich bist du hier nicht der Richter, Portaq!«

»Du etwa? Hm? Ich kann aus meiner Schänke schmeißen, wen ich will. Oder soll ich dich in Zukunft um deine Erlaubnis fragen? Schön und gut, dass du auf unsere Königin Acht gibst, aber auf mich musst du nicht mehr aufpassen, der Krieg ist vorbei!«

Annona war zwar nicht an diesem Gespräch beteiligt, fühlte sich jedoch angesprochen. Sie wollte die Antwort übernehmen, musste sich aber zurückhalten. Stattdessen beschäftigte sie sich mit der Frage, warum der Wirt Rothil nicht die Wahrheit über den Spion sagte. Vermutlich trauten sich die beiden Herren nicht über den Weg. Sie kannten sich aus dem Krieg gegen Mustrien, so viel war klar, aber der Frieden hatte sie entzweit.

Es folgten Augenblicke der Stille. Die Männer an den Tischen waren schlagartig leise, in der Hoffnung, möglichst viel von dem Gespräch am Tresen mitzubekommen. Kringelbart saß nunmehr allein an seinem Tisch. Auch er war still geworden. Sein Kopf wippte langsam auf und nieder wie es auch seine Augenlider taten. Als sein Gesicht frontal auf die Tischplatte krachte, kam die geflüsterte Antwort von Rothil: »Es geht mir nicht ums Aufpassen, Portaq. Es geht nur darum, dass ich wissen möchte, was in unserem Land vorgeht. Es war doch ein Fremder, den du da nach Hause geschickt hast. Was, wenn es ein Spion aus Mustrien war? Was, wenn er jetzt Informationen hat, auf die Arat nur gewartet hat? Es jetzt noch zu versuchen, ihn aufzuhalten, käme einem Glücksspiel gleich.« Portaq sah nach diesen Worten ein, dass es ein Fehler gewesen war, den Kerl davonzujagen und presste die Lippen zusammen. Rothil fügte noch hinzu: »Ich wäre dir verbunden, wenn du das nächste Mal etwas langsamer mit dem Rausschmeißen bist und eine Meldung machst, dann können wir der Sache kontrolliert auf den Grund gehen.« Den Argumenten Rothils war Portaq nicht gewachsen. Er gab mit einem zustimmenden Kopfnicken nach.

Annona beschloss, ihr Wissen über den Spion für sich zu behalten, um Portaq nicht bloßzustellen.

Da die Sache nun geklärt war, fühlte sie sich dazu im Stande, indirekt an der Unterhaltung teilzunehmen. Während sie die Kapuze abstreifte, sagte sie: »Bekommt man hier auch etwas zu trinken, Herr Wirt?« Portaqs Augen kullerten zu Rothils Nachbarin herüber und schauten sie staunend an. Dann blinzelten sie nervös. Die letzten Gäste hatten die Schänke verlassen. Nur Kringelbart schnarchte laut auf seiner plattgedrückten Nase. »Es ist nur die Königin, mein Freund, kein Monster, das dich fressen will, nej«, sagte Rothil amüsiert. »Ich nehme einen großen Humpen Bergenbier und ein Stück Schmalzbrot, wenn es Euch nichts ausmacht.«

»Sehr wohl, Eure Hoheit, sehr wohl«, war das Einzige, was der verdutzte Wirt herausbekam. Annona nahm einen großen Schluck aus dem Krug und ließ sich das Brot sichtlich schmecken. Die Erleichterung über die jetzt leere Schänke, war ihr deutlich anzumerken.

Nachdem sie sich auf diese Weise gestärkt hatte, nutzte sie ihre Funktion als Königin dazu, den Abend auf ihre Weise zu beenden. »Ihr habt eine gemütliche Schänke, mein lieber Portaq. Das Bier ist sehr bekömmlich und mild, genau das Richtige für einen Umtrunk zu später Stunde. Würdet Ihr mir zwei Fässer davon verkaufen und sie in die Burg bringen? Bei der Gelegenheit können wir uns dann nochmal über den vorhin beschriebenen Vorfall unterhalten.«

»Sehr wohl, Eure Hoheit, sehr wohl. Gleich morgen komme ich zu Euch auf die Burg«, sagte Portaq bei gleichzeitiger tiefer Verbeugung. »Gleich morgen? Das ist gut. Ich denke, Ihr kommt am besten zur Mittagszeit. Bei einem Mahl fällt die Unterhaltung etwas aufgelockerter aus.« Annona sagte dies in einem freundlichen Ton. In ihren Augen hatte Portaq zwar etwas voreilig, schon aber patriotisch gehandelt, weshalb sie ihm nicht böse sein konnte. Dann setzte sie ihre Kapuze wieder auf und ging zur Tür. Rothil tat es ihr gleich, konnte sich aber einen gemeinen Abschiedsgruß nicht verkneifen: »Bis morgen Portaq, und keine Angst, unsere Königin ist gut und gerecht. Ich bin dann auch da, ich pass auf dich auf.«

Portaq ließ sich zu einem Grummeln hinreißen. Irgendwie kam ihm die Begegnung immer seltsamer vor, je mehr er darüber nachdachte. War die Königin nur wegen seiner kleinen Prügelei zusammen mit Rothil gekommen? Oder steckte noch mehr dahinter? Oder weniger? Er konnte sich keinen Reim darauf machen.

Sein letzter Akt an diesem ereignisreichen Tag bestand darin, Kringelbart mehr grob als behutsam an die frische Luft zu befördern. Er warf ihn über die Schulter und trug ihn nach draußen. Ein paar Schritte von seinem Haus entfernt legte er die schwere Last erleichtert, aber sanft nieder. »Auf dass dich die Möwen wachscheißen, Kringelbart«, waren seine letzten Worte, bevor er die Tür verschloss, sich einen Krug Bergenbier füllte und den Arbeitstag im Obergeschoss der Schänke ausklingen ließ.

3

Der nächste Tag begann mit einem Tränenguss der Wolken, die den Himmel belästigten. Portaq stand früh auf, um alles für den Transport der Bierfässer vorzubereiten. Müde aber gewillt holte er seinen alten, ebenfalls müden, Ochsen aus dem Stall hinter seiner Schänke und spannte ihn vor den Karren. Die Bierfässer lagerten in einem Schuppen neben der Schänke und er musste erst vom Hinterhof durch ein Tor auf die Frontseite seines Grundstückes gehen, um verladen zu können.

Trotz des Regens lag Kringelbart immer noch an der Stelle, an der der Wirt ihn schlafengelegt hatte. Portaq fühlte Mitleid, als er ihn sah. Er entschied sich dazu, Kringelbart zu wecken, damit er sich ins Trockene begeben konnte. Er ließ Ochs und Karren stehen und lief zu Kringelbart herüber, doch schon nach einigen Schritten sah er, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Kringelbart schnarchte nicht und gab auch sonst keinerlei Atembewegungen von sich. Portaqs Ahnung sollte sich bestätigen, als er den auf der Seite liegenden Kringelbart auf den Rücken drehte. Er war mausetot. Sein Herz war von einem Pfeil durchstoßen worden, dessen Schaft abgebrochen war. So taugte er als Beweismittel nur wenig, denn Portaq konnte nicht erkennen, ob es ein mustrischer war.

Der Wirt erschrak und fiel rückwärts aufs Hinterteil. »Bei Gadarius, das darf nicht wahr sein!« Ein paar Minuten saß Portaq neben Kringelbart, genauso erstarrt wie der Tote. Er war fassungslos. Ein Mord fast direkt vor seinem Haus an einem seiner Gäste.

Der Regen wurde feiner. Portaq stand auf, warf Kringelbart, wie er es schon oft getan hatte, über die Schulter, schleppte ihn zum Karren und legte ihn sanft darauf. Die Bierfässer hatte er vollkommen vergessen. Sein Wagen diente nur dem Gestorbenen auf einer seiner letzten Reisen. Dann ging Portaq zum Ochsen und machte sich mit seiner unheimlichen Fracht auf den Weg zur Burg.

Unterwegs brannten sich starke Gewissensbisse in seinen Kopf. Er nahm an, dass der Spion von gestern etwas mit dem Tod Kringelbarts zu tun hatte und machte sich schwere Vorwürfe, nicht so gehandelt zu haben, wie Rothil es von ihm erwartet hatte.

Es war ein schwerer Weg durch die Stadt, wenigstens regnete es nicht mehr. Die Leute drehten sich um und beobachteten genau, was Portaq auf dem Wagen hatte. Er schaute nicht zur Seite, sah aber trotzdem in viele entsetzte Gesichter, die alsbald zur Hälfte von zitternden Händen verdeckt waren. ›Hätt‘ ich den Alten doch bloß unter einer Decke versteckt‹, dachte Portaq und schalt sich selbst einen Dummkopf.

Als er an den Wachen der Burgmauer vorbei durchs Tor gehen wollte, wurde ihm Einhalt geboten.

»Hey Wirt, du hier und nicht in deiner Spelunke?«

»Wenn’s nach mir ginge, wär ich nicht hergekommen. Hab den toten Kringelbart hinten drauf.«

»Kringelbart? Tot?« Der Wächter, ging zum Wagen, um die Sache genauer zu untersuchen. Der zweite Wächter behielt Portaq genau im Auge. Der andere Wächter erkannte, wie Kringelbart gestorben war und besprach sich kurz mit seinem Kameraden, bevor er davoneilte.

Als der Wächter zurückkam, war Rothil bei ihm. »Portaq, was ist geschehen? Du bist zu früh und dann auch noch ohne Bierfässer.«

»Ein Mord. Kringelbart ist nicht mehr.« Rothil ging nach hinten zu Portaqs Wagen. Seine Augen verrieten Besorgnis beim Betrachten des Opfers. »Nun gut, lasst uns hineingehen. Königin Annona wird äußerst interessiert daran sein, wie sich die Dinge entwickeln.« Rothil und Portaq sprachen auf dem Weg nicht, jeder ging seinen eigenen Gedanken nach. Als sie im Burghof ankamen, trafen sie auf Necida, die Tochter der Königin und Prinzessin Verlaunds. Sie war gut gelaunt und half den Hofdamen dabei, den Hof zu säubern, der nach dem Markttreiben am gestrigen Tage seinen alten Glanz noch nicht wieder zeigen konnte. Der Regen in der Nacht und am Morgen hatte den Unrat schwer und klebrig gemacht, sodass die Hofdamen für jede Hilfe dankbar waren.

Necida bemerkte den Ochsenkarren, stellte das Fegen ein und ging mit ihrem Besen zu den beiden Männern, um sie zu begrüßen. »Guten Morgen Rothil!«

»Guten Morgen Prinzessin, ein Tag könnte nicht schöner sein, nachdem Euer Antlitz sich an ihm beteiligt hat. Doch bevor ich Euch die Frage stelle, warum in aller Welt Ihr Euch mit so einer Arbeit abgebt, möchte ich Euch Portaq vorstellen. Er ist Wirt in einer Hafenschänke und zudem ein alter Wegbegleiter meiner Person, nej.« Necida begrüßte Portaq, indem sie ihre Hände an seine Oberarme legte und sagte: »Ich grüße Euch, Portaq. Es erfreut mich, einen Freund Rothils kennenzulernen.« Sie machte einen sympathischen Eindruck auf Portaq. Nicht nur, weil sie den Bediensteten bei der Arbeit half, sondern auch, weil sie ein hinreißendes, freundliches und, nicht zuletzt, hübsches Mädchen war. Ihr strähniges, dunkles Haar verlieh ihr zudem einen Hauch Frechheit. »Die Freude ist ganz meinerseits, verehrte Prinzessin. Ich hätte nicht zu träumen gewagt, Euch einmal persönlich zu sprechen. Schon gar nicht unter solchen Umständen.«

An diesem Punkt übernahm Rothil das Zepter des Gespräches: »Und diese Umstände machen es unumgänglich, eine Beratung mit der Königin abzuhalten. Ihr entschuldigt mich, ich werde sie aufsuchen müssen. Portaq, bleib bitte hier, bis ich dich holen lasse. Prinzessin, verzeiht mir meine Eile, aber es ist von höchster Wichtigkeit, schnell zu sein, falls wir handeln müssen.« Kaum hatte Rothil diese Worte gesprochen, war er auch schon verschwunden und ließ die beiden zurück.

Als Rothil die Burg betrat, kam Annona ihm entgegen. Sie hatte das Treiben im Hof durch ein Fenster beobachten können und wusste deshalb schon viel über die neuen Geschehnisse. Den alten Kringelbart hatte sie sofort erkannt. Annona ging direkt auf Rothil zu. Schon aus einiger Entfernung rief sie ihm zu: »Nehmt Euch so viele Männer, wie Ihr kriegen könnt und durchsucht ganz Bergenwitt! Wenn sich dieser Spion noch hier aufhält, dann will ich ihn haben!«

»Jawohl, Eure Hoheit«, war alles, was Rothil sagen musste. Dann gingen beide hinaus in den Hof, Annona zu ihrer Tochter, die noch bei Portaq stand und Rothil zu einigen Wachleuten, die ihm unterstellt waren und die er mit einem knackigen »Antreten!« zusammenrief.