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Dr. Laurin ist ein beliebter Allgemeinmediziner und Gynäkologe. Bereits in jungen Jahren besitzt er eine umfassende chirurgische Erfahrung. Darüber hinaus ist er auf ganz natürliche Weise ein Seelenarzt für seine Patienten. Die großartige Schriftstellerin Patricia Vandenberg, die schon den berühmten Dr. Norden verfasste, hat mit den 200 Romanen Dr. Laurin ihr Meisterstück geschaffen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Sie hat allein im Martin Kelter Verlag fast 1.300 Romane veröffentlicht, Hunderte Millionen Exemplare wurden bereits verkauft. In allen Romangenres ist sie zu Hause, ob es um Arzt, Adel, Familie oder auch Romantic Thriller geht. Ihre breitgefächerten, virtuosen Einfälle begeistern ihre Leser. Geniales Einfühlungsvermögen, der Blick in die Herzen der Menschen zeichnet Patricia Vandenberg aus. Sie kennt die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Leser und beeindruckt immer wieder mit ihrer unnachahmlichen Erzählweise. Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. Eine traurige Stimmung lag über der Landschaft und über dem Friedhof, auf dem Anabell Kramer am Grab ihres Mannes stand. Sie hatte kaum einen Platz für ihr Gebinde auf dem pompös geschmückten Grab gefunden. Joachim Kramers Eltern demonstrierten auch hier ihren Reichtum. Anabell war peinlich berührt, aber von ihr wurde keine Einmischung geduldet. Sie gehörte nicht zur Familie, hatte nie dazugehört. Man hatte ihr nach dem Unfalltod ihres Mannes sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass man lieber sie an seiner Stelle in diesem Grab sähe. Es hatte sie hart getroffen, denn sie traf wahrlich nicht die geringste Schuld an diesem tragischen Unfall. Sie war zu dieser Zeit bei ihrer todkranken Mutter gewesen, die einige Tage später gestorben war. Das Schicksal hatte ihr hart zugesetzt. Nur vierzehn Monate war sie mit Joachim Kramer verheiratet gewesen. Sie hatte ihn geliebt, und er hatte ihr seine Liebe bewiesen, indem er sich nicht von seinen Eltern hatte beeinflussen lassen. Sie hatten das Beste aus diesem spannungsreichen Verhältnis gemacht, indem Anabell sich tolerant zeigte und Joachim seine Eltern allein besuchte, wenngleich ihm das Unbehagen verursachte. Sie hatten sich auf ihr erstes Kind gefreut, doch der Schock, den sie bei der Hiobsbotschaft erlitt, hatte eine Fehlgeburt zur Folge gehabt. Sie war in tiefe Depressionen verfallen. Hätte sie in Dr. Laurin nicht einen so verständnisvollen Arzt gehabt … Sie wurde jäh in die Wirklichkeit zurückgeholt, denn sie sah Joachims Eltern kommen. Es war mal wieder ein bühnenreifer Auftritt, mit dem sie wohl wortlos verscheucht werden sollte. Sie legte keinen Wert darauf, ihnen zu begegnen, aber sie
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Seitenzahl: 120
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Eine traurige Stimmung lag über der Landschaft und über dem Friedhof, auf dem Anabell Kramer am Grab ihres Mannes stand.
Sie hatte kaum einen Platz für ihr Gebinde auf dem pompös geschmückten Grab gefunden. Joachim Kramers Eltern demonstrierten auch hier ihren Reichtum.
Anabell war peinlich berührt, aber von ihr wurde keine Einmischung geduldet. Sie gehörte nicht zur Familie, hatte nie dazugehört. Man hatte ihr nach dem Unfalltod ihres Mannes sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass man lieber sie an seiner Stelle in diesem Grab sähe.
Es hatte sie hart getroffen, denn sie traf wahrlich nicht die geringste Schuld an diesem tragischen Unfall. Sie war zu dieser Zeit bei ihrer todkranken Mutter gewesen, die einige Tage später gestorben war.
Das Schicksal hatte ihr hart zugesetzt. Nur vierzehn Monate war sie mit Joachim Kramer verheiratet gewesen. Sie hatte ihn geliebt, und er hatte ihr seine Liebe bewiesen, indem er sich nicht von seinen Eltern hatte beeinflussen lassen. Sie hatten das Beste aus diesem spannungsreichen Verhältnis gemacht, indem Anabell sich tolerant zeigte und Joachim seine Eltern allein besuchte, wenngleich ihm das Unbehagen verursachte.
Sie hatten sich auf ihr erstes Kind gefreut, doch der Schock, den sie bei der Hiobsbotschaft erlitt, hatte eine Fehlgeburt zur Folge gehabt. Sie war in tiefe Depressionen verfallen.
Hätte sie in Dr. Laurin nicht einen so verständnisvollen Arzt gehabt …
Sie wurde jäh in die Wirklichkeit zurückgeholt, denn sie sah Joachims Eltern kommen.
Es war mal wieder ein bühnenreifer Auftritt, mit dem sie wohl wortlos verscheucht werden sollte.
Sie legte keinen Wert darauf, ihnen zu begegnen, aber sie sah auch keinen Grund, die Flucht zu ergreifen. Sie blickte in zwei Gesichter, die voller Hass waren. Hass, weil sie lebte und der heißgeliebte Sohn tot war.
Anabell zog fröstelnd die Schultern zusammen.
Sie sagte »Guten Tag« und ging, wissend, dass ihr Gruß nicht erwidert werden würde.
Es war so friedlich hier. Kerzen brannten auf den Gräbern, und die Laubfärbung in ihrer Vielfalt war so wunderschön, dass Anabell nicht mehr an diese bösen Blicke dachte.
»Sie dürfen sich nicht unterkriegen lassen, Frau Kramer«, hatte Dr. Laurin sie immer wieder ermahnt.
Jetzt war sie so weit, dass sie sich wenigstens wieder an der Natur freuen konnte.
Ganz langsam ging sie zu ihrem Wagen, neben dem jetzt eine dunkle Limousine hielt. Ein schlanker Mann stieg aus und hob dann einen kleinen Jungen vom Rücksitz. Drei mochte er sein und hielt eine rote Rose im Händchen.
Das Kind sah Anabell an, und ein Leuchten überflog sein Gesichtchen.
»Da ist meine Mami!«, rief er und rannte auf Anabell zu, die nicht gleich begriff, dass das Kind sie meinte.
Schnell war der Mann bei dem Jungen und hielt ihn fest.
Sie standen jetzt direkt vor Anabell.
»Entschuldigen Sie«, sagte der Mann stockend, »bitte haben Sie Verständnis. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Es ist schwer, und mein Sohn ist noch zu klein, um zu begreifen, dass seine Mutter nicht wiederkommt.«
»Aber ich habe Mami gleich erkannt!«, stieß der Kleine trotzig hervor.
»Es ist eine gewisse Ähnlichkeit da, wirklich«, sagte der Mann verlegen. »Komm jetzt, Niclas, wir müssen gehen.«
Große dunkle Kinderaugen blickten Anabell traurig an.
»Du bist nicht meine Mami? Aber ich will, dass sie wiederkommt!«
»Es tut mir leid«, sagte Anabell mit erstickter Stimme, »sehr leid.«
Sie musste unentwegt an diese Begegnung denken, als sie in die Stadt zurückfuhr.
Sie bewohnte ihr Elternhaus. Sie hatte auch mit Joachim hier gewohnt, was seine Eltern erst recht empört hatte. Finanziell brauchte Anabell sich keine Sorgen zu machen. Joachim hatte eine hohe Lebensversicherung abgeschlossen, allerdings nicht ahnend, wie bald sie schon fällig werden würde.
Auch das war seinen Eltern ein Dorn im Auge gewesen, die sofort Anspruch auf einige Sachen erhoben hatten, die Joachim aus seinem Elternhaus mitgenommen hatte.
Es war für Anabell immer noch beklemmend daran zu denken, wie unfair sich die Kramers verhalten hatten. Man konnte es auch als gemein bezeichnen, aber sie wollte sich gar nicht daran erinnern, vor allem nicht an diesem Tag, an dem sie an den kleinen Jungen denken musste, der seine Mutter verloren hatte.
Was war wohl schlimmer – den Mann zu verlieren, oder wenn einem Kind so früh die Mutter genommen wurde?
Aber sie hatte nicht nur den Mann, sondern auch das Kind verloren, auf das sie sich so sehr gefreut hatte und das eine lebendige Erinnerung hätte sein können.
Dann aber kam ihr der Gedanke, ob es nicht um dieses Kind einen Kampf gegeben hätte. Es war Joachims Eltern zuzutrauen, dass sie Anspruch auf das Kind erhoben, zumindest alles versucht hätten, es zu sich zu ziehen und gegen sie aufzuhetzen.
Wie hatte Dr. Laurin gesagt? »Es kommt alles, wie es kommen soll, ob wir leiden oder uns freuen sollen.«
Sie betrachtete das Foto ihres Mannes, das in einem Silberrahmen auf dem Klavier stand.
Joachim hatte sich nicht gern fotografieren lassen, und er sah immer ernst aus, wenn ihr mal ein Schnappschuss gelang. Aber auf diesem Foto lächelte er. Sie hatte es auf der Hochzeitsreise gemacht. Sie war eine gute Fotografin.
Zum ersten Mal dachte sie, wie wohl alles weitergegangen wäre mit ihnen, wenn er ständig zwischen den Eltern und ihr hätte entscheiden müssen.
Ganz wollte er mit seinen Eltern nicht brechen. Er war der einzige Sohn, das einzige Kind – wie Anabell auch. Und solange ihre Mutter lebte, war sie auch ständig in einem Zwiespalt gewesen.
»Auch ein Trauerjahr vergeht, Anabell«, hatte Dr. Laurin zu ihr gesagt, als sie ihr Herz bei ihm ausgeschüttet hatte, denn sie wollte ihrem Leben doch einen Inhalt geben.
Sie dachte nicht daran, dass sie jung war und wieder einen Mann kennenlernen könnte, mit dem sie sich verstand.
Sie wollte wieder in ihrem Beruf als Lektorin arbeiten. Man hatte ihr zu verstehen gegeben, dass sie jederzeit wieder in ihrem alten Verlag anfangen könne, aber sie scheute sich.
Man kannte sie, man würde so manches fragen, was sie nicht beantworten wollte. Es war immer eine familiäre Atmosphäre gewesen. Am liebsten wäre es ihr gewesen, wenn man ihr eine Heimarbeit angeboten hätte, wenngleich Dr. Laurin sie dazu bewegen wollte, mehr unter Menschen zu gehen.
Sie hatte nie einen großen Freundeskreis gehabt, auch in der Jugendzeit nicht. Ihr Vater war ungesellig, die Mutter kränkelte ständig. Da sie zu Hause keine Partys geben konnte, wurde sie auch selten eingeladen.
Sie hatte nicht die lässige Art, einfach irgendwo zu erscheinen, wie es andere taten. Sie hatte auch keinen Freund – bis sie Joachim Kramer kennenlernte, der bereits im siebenten Semester war, als sie zu studieren anfing. Es war keine Liebe auf den ersten Blick gewesen, es hatte lange gedauert bis zum ersten Kuss. Von seinen Eltern hatte Joachim nicht viel gesprochen. Sie sollte noch oft genug erleben, warum er das vermied.
Als er mit dem Studium fertig war, deutete er vorsichtig an, dass sie sich verloben könnten, auch wenn das nicht mehr modern war. Irgendwie war er immer gehemmt, aber sie war es auch.
Sie waren sich sehr ähnlich im Naturell, beide sehr begabt, aber nicht mit den Ellenbogen ausgestattet, um sich kräftig durchzusetzen.
Joachim sollte in der Firma seines Vaters tätig sein, und Anabell bekam bald zu spüren, dass sie nicht willkommen war bei seinen Eltern. Seine Mutter wollte ihn wohl auch noch lange für sich haben.
Seltsamerweise konnte sich Joachim doch behaupten. Er wollte Anabell heiraten, und er ließ sich davon nicht abbringen. Es sollte eine kurze Ehe werden, die durch den schrecklichen Unfall beendet wurde.
Seine Eltern hatten jedoch schon lange eine Frau für ihn im Auge gehabt, die farblose Tochter eines Unternehmers.
Nun, gegen Anabells Herkunft war nichts einzuwenden. Ihr Vater war Direktor in einer Maschinenfabrik, sie waren vermögend, und es war nichts an ihr auszusetzen, aber sie war eben sehr hübsch und mittlerweile auch selbstbewusst geworden. Sie ließ sich nicht zu einer Schachfigur degradieren, die man hin- und herschieben konnte.
Sie war aber auch tolerant und hatte Verständnis dafür, dass Joachim nicht mit seinen Eltern brechen wollte, so, wie er Verständnis dafür hatte, dass sie sich rührend um ihre kranke Mutter kümmerte.
»Es war ein kurzer Traum vom Glück, Jo«, sagte Anabell leise und streichelte das Foto. »Aber deine Eltern wünschen mich zum Teufel. Ich hatte doch keine Schuld an dem Unfall. Es war eine andere Frau, eine, die es zu eilig hatte, die aber sicher auch nicht sterben wollte.«
Unglückliche Umstände hatten zu dem Unfall geführt. Nebel und plötzlich eisglatte Straßen. Dann ein Reh, dem die Fahrerin des Sportwagens hatte ausweichen wollen …
Anabell stöhnte auf.
Nicht mehr daran denken, nicht immer wieder das Bild der Unfallstelle vor den Augen haben.
Sie wanderte durch das Haus, von einem Zimmer zum anderen. Viel Platz war hier, viel zu viel Platz für eine Person. Sie hatte schon überlegt, das Obergeschoss zu vermieten, aber dann hätte sie umbauen müssen. Und sie hatte auch einfach Angst, Fremde ins Haus zu nehmen.
Um sich abzulenken, schaltete sie den Fernsehapparat an.
Sie schaltete von einem Sender zum anderen, ganz mechanisch, aber es weckte nichts ihr Interesse. Dann legte sie eine CD auf und hörte sich die fünfte Sinfonie von Beethoven an.
Danach war ihr zumute.
Sie schloss die Augen und träumte vor sich hin. Sie hörte zuerst gar nicht, dass das Telefon summte. Sie hatte es leise gestellt, und es wurde von der Musik übertönt.
Aber dann schwieg diese, und Anabell merkte, dass sich das Telefon meldete.
Es war ausnahmsweise mal eine angenehme Überraschung an diesem tristen Tag.
Die Anruferin war Christa Haberland, die einzige Studienfreundin, zu der sie einen engeren Kontakt hatte.
»Ich traue mich ja gar nicht dich zu fragen, wie es dir geht, Anabell, aber da du gar nichts mehr von dir hören lässt, muss ich mich mal wieder erkundigen.«
»Entschuldige, Christa, ich wollte dir längst schreiben, aber es ist beim Vorsatz geblieben. Was sollte ich auch schreiben? Wie geht es dir?«
»Ich kann dir berichten, dass ich eine Stelle in München gefunden habe und gleich anfange. Ich hoffe, dass wir uns dann mal sehen können.«
»Aber ganz bestimmt. Hast du schon eine Wohnung?«
»Nein, noch nicht, aber ich bin auf der Suche.«
»Du könntest bei mir wohnen, Christa, es ist genug Platz. Ich würde mich freuen«, bot Anabell spontan an.
»Wir reden darüber, wenn ich in München bin. Ich komme am Mittwoch. Ist dir die Kanzlei Dr. Torstede bekannt?«
Anabell wurde die Kehle eng.
»Der Name ist mir bekannt«, sagte sie heiser.
»Hat er etwa keinen guten Ruf?«
»O doch, er schon. Es war seine Frau, die den Unfall verschuldet hat, Christa.«
»Das wusste ich nicht. Es tut mir leid, wenn ich wieder Wunden aufreiße, Anabell.«
»So ist das doch nicht, und er hat auch keine Schuld. Ich kenne ihn nicht persönlich. Mein Anwalt hat alles erledigt. Ich hoffe, dass du gut mit ihm auskommst.«
»Es ist eine Chance für mich. Aber wir reden noch darüber, ja? Kann ich am Donnerstag zu dir kommen?«
»Auch am Mittwoch, wenn du keine andere Bleibe hast. Ich überlasse es ganz dir. Ich freue mich auf dich.«
Es ist doch eigenartig, dass Christa ausgerechnet zu Torstede kommt, ging es ihr durch den Sinn.
Aber Christa Haberland hatte als Anwältin schon einen guten Namen. Sie hatte ihren Doktor summa cum laude gemacht. Dann hatte sie in Göttingen in der Kanzlei ihres Bruders gearbeitet.
Warum ging sie weg? Was zog sie nach München?
Ich sollte nicht grübeln, sondern mich freuen, dass wir uns wieder öfter sehen können, dachte Anabell. Und ich sollte auch sehen, dass ich eine Stelle finde, dann komme ich auf andere Gedanken.
Aber jetzt spukte der Name Torstede wieder in ihrem Kopf herum. Sie brühte sich einen Tee und gab einen Schuss Rum hinein, weil ihr plötzlich kalt war. Sie nahm ein Buch zur Hand, aber sie konnte sich nicht konzentrieren.
Am Abend war ein Krimi im Fernsehen, den sah sie sich an. Er war ganz spannend, aber sie wurde doch müde dabei und ging bald zu Bett.
Wilde Träume geisterten durch ihren Schlaf, und am Ende einer schwankenden Brücke stand ein kleiner Junge und schrie: »Mami, Mami!«
Der kleine Junge ging ihr nicht mehr aus dem Sinn.
Sogar durch ihre Träume geisterte er, und sie sah ihn ganz deutlich vor sich mit den großen dunklen Augen und dem traurigen Gesichtchen.
Gewaltsam versuchte sie sich auf andere Gedanken zu bringen. Sie überlegte, wie lange sie Christa nicht gesehen hatte. Zu ihrer Hochzeit hatte die Freundin nicht kommen können. Da war sie gerade in Kenia gewesen mit Bernd. Von ihm hatte sie gar nicht gesprochen. Was war wohl aus dieser Freundschaft geworden? Nun, sie würde es erfahren, wenn Christa kam.
Anabell inspizierte das Gästezimmer, öffnete beide Fenster weit, obwohl es regelmäßig gelüftet wurde. Auf jeden Fall sollte alles bereit sein, wenn Christa kam, ob sie nun davon Gebrauch machen wollte oder nicht.
Ich habe es gut, ich kenne keine finanziellen Sorgen, dachte Anabell. Von den Eltern war auch ein kleines Vermögen geblieben, dann dieses schöne Haus, das bestens ausgestattet war. Eine glückliche Zeit hatte sie mit Joachim hier verlebt, und auch das hatte den Zorn seiner Eltern erregt.
Was hatten sie denn eigentlich gegen sie einzuwenden gehabt? Sie war doch eine gute Partie. Aber sie war ihnen wohl zu selbstständig gewesen, keine Anpasserin, die sich nach ihren Wünschen richtete, keine, die bereit war, in ihr Haus zu ziehen, sich ihren Gewohnheiten unterzuordnen. Aber Joachim hatte es auch nicht gewollt.
Es war ein sehr warmer Maientag gewesen, als er in Österreich zu tun gehabt hatte. Er hatte auf der Rückfahrt noch vom Chiemsee aus angerufen und gesagt, dass er sehr gern am Abend ein Steak mit Bratkartoffeln essen würde. Sie hatte alles schon vorbereitet, den Tisch liebevoll gedeckt, seine Lieblingsmusik aufgelegt …
Aber dann musste sie warten und warten, bis es an der Tür läutete. Sie lief hin und rief seinen Namen, doch vor ihr stand ein Polizist. Sie begriff erst nicht, was er so bedauernd sagte, sie wollte es auch nicht begreifen, dass ihr Mann nie mehr heimkommen würde.
Sie brach zusammen und wurde in die Prof.-Kayser-Klinik gebracht und dort von Dr. Laurin und seinem Team liebevoll umsorgt. Aber sie verlor dennoch ihr Kind, und so konnte sie nicht einmal der Beerdigung ihres Mannes beiwohnen.
Mitgefühl von seinen Eltern erfuhr sie nicht, ganz im Gegenteil.
Nein, sie wollte nicht daran denken, was sie ihr alles vorwarfen. Schließlich gaben sie ihr auch noch die Schuld an der Fehlgeburt …
