Dietrich Bonhoeffer - Sabine Dramm - E-Book

Dietrich Bonhoeffer E-Book

Sabine Dramm

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Beschreibung

In einem ganz eigenen, neuen Ton – bestimmt von sprachlicher Eleganz und souveräner Beherrschung des Quellenmaterials – gelingt Sabine Dramm die sensible Darstellung von persönlicher Existenz, Theologie und politischer Zeitverflochtenheit Dietrich Bonhoeffers. Es geht nicht um die penible Rekonstruktion eines Lebensweges; gleichwohl bildet das Biographische den Hintergrund, vor dem die facettenreichen Seiten des Denkens Bonhoeffers in verstänlicher Weise entfaltet werden.
Das Werk hält die unabdingbare Balance zwischen Nähe und Distanz: Frei von interpretativen Überspannungen, von selektiven Akzentsetzungen und unangemessenen Parteinahmen erklärt es Bonhoeffer für Neugierige und für schon von Bonhoeffer berührte Menschen, für Studierende der Theologie und benachbarter Fächer, aber vor allem für Nicht-Studierende, für politisch und philosophisch aufgeschlossene Menschen aller Konfessionen - und keiner Konfession.

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Seitenzahl: 479

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort1 - Annäherungen, Akzente2 - Jahresringe3 - Facetten eines Lebens4 - Beruf: Theologe5 - Die Sprache des Glaubens6 - Gott – Nähe und Ferne seiner Wirklichkeit7 - Jesus Christus – Inkarnation und Inkognito Gottes8 - Heiliger Geist – Durchkreuzung von Ratio und Kalkül9 - Grenzgänge: Sanctorum Communio und Akt und Sein10 - Dokumente gelebten Glaubens: Nachfolge und Gemeinsames Leben11 - Das Buch seines Lebens: die Ethik12 - Amor mundi13 - Der ganze Mensch, im Diesseits des Daseins14 - Politisches Sein und Bewußtsein15 - Pax Christi!16 - Auf der Suche nach der verlorenen Kirche17 - Und die Juden?18 - Konspiration statt Kollaboration19 - Faszination eines Fragments: Widerstand und Ergebung20 - Christsein jenseits von Religion21 - Welt ohne Gott22 - Gott in der Welt23 - Todesfuge, Gottesfuge24 - Die Zukunft der ErinnerungAnmerkungen
1 - Annäherungen, Akzente2 - Jahresringe3 - Facetten eines Lebens4 - Beruf: Theologe5 - Die Sprache des Glaubens6 - Gott — Nähe und Ferne seiner Wirklichkeit7 - Jesus Christus – Inkarnation und Inkognito Gottes8 - Heiliger Geist — Durchkreuzung von Ratio und Kalkül9 - Grenzgänge: Sanctorum Communio und Akt und Sein10 - Dokumente gelebten Glaubens: Nachfolge und Gemeinsames Leben11 - Das Buch seines Lebens: die Ethik12 - Amor mundi13 - Der ganze Mensch, im Diesseits des Daseins14 - Politisches Sein und Bewußtsein15 - Pax Christi!16 - Auf der Suche nach der verlorenen Kirche17 - Und die Juden?18 - Konspiration statt Kollaboration19 - Faszination eines Fragments: Widerstand und Ergebung20 - Christsein jenseits von Religion21 - Welt ohne Gott22 - Gott in der Welt23 - Todesfuge, Gottesfuge24 - Die Zukunft der Erinnerung
Literaturverzeichnis
(1) Verwendete Textausgaben der Schriften Bonhoeffers:(2) Weitere Literaturangaben:
Copyright

Vorwort

»Jedes Buch hat seine Geschichte«, schrieb ich 1998 zu Beginn des Vorwortes für mein Buch über Bonhoeffer und Camus, das ich meiner Mutter widmete. Zum Anfang der Geschichte dieses Buches gehört ein Gespräch mit Eberhard Bethge im Frühjahr 1999, in dem ich ihm von der Idee zu Dietrich Bonhoeffer. Eine Einführung in sein Denken erzählte. Er bestärkte mich vorbehaltlos und nachdrücklich darin, sie zu verwirklichen.

Es geht in diesem Buch um ein Stück Theologie für theologisch vielleicht vorbelastete, aber nicht unbedingt theologisch versierte Menschen. Für auf Bonhoeffer neugierige und für schon von Bonhoeffer berührte Menschen. Auch für Studierende der Theologie und benachbarter Fächer, aber vor allem für Nicht-Studierende. Für politisch und philosophisch aufgeschlossene Menschen aller Konfessionen – und keiner Konfession. Für Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, eine Annäherung an Denken, Glauben und Handeln Bonhoeffers suchen, an das, was gemeinhin »Leben und Werk« genannt wird. Es soll dabei nicht um eine penible Rekonstruktion seines Lebensweges und daraus abgeleitete Exkurse in sein Denken gehen. Vielmehr bilden sein Leben und sein mit Widerstand und Ergebung bewußt angenommener Tod die Folie, ohne die sein ganzes Glauben und Denken gar nicht denkbar wäre. Aus Respekt vor der Person Dietrich Bonhoeffer bleiben ausschließlich in die persönliche Sphäre gehörende Aspekte und Äußerungen jedoch weitgehend ausgespart.

Die einzelnen Kapitel bzw. Kapitelblöcke bauen selbstverständlich aufeinander auf, sie können aber auch jeweils für sich gelesen — und verstanden – werden. Für die dadurch manchmal unumgänglichen Wiederholungen finden sich entsprechende Vor- und Rückverweise in den Anmerkungen. Die Dietrich Bonhoeffer Werke (DBW) dienten mir als Textgrundlage; auf ihr basieren Orthographie, Interpunktion und Hervorhebungen innerhalb der Zitate, sofern nicht anders angegeben. Daneben gibt es nach wie vor einzelne Schriften Bonhoeffers auch als Taschenbücher, z.B. Gemeinsames Leben, Ethik, Widerstand und Ergebung sowie die Predigten – Auslegungen – Meditationen. Die »Vorläufer« der DBW, Dietrich Bonhoeffers Gesammelte Schriften (Band I-VI, München 1958–1974, herausgegeben von Eberhard Bethge), sind dagegen nur noch in Bibliotheken zu finden. Mit Rücksicht auf die unterschiedlichen Textausgaben und vor allem, um den »Sitz im Leben« der Aussagen Bonhoeffers zu verdeutlichen, mache ich meistens zu den Zitaten kurze Angaben zu Ort, Zeit und Situation. Bei der angeführten Sekundärliteratur habe ich mich absichtlich überwiegend auf diejenige beschränkt, die noch im Handel erhältlich oder in öffentlichen Bibliotheken gut zugänglich ist. Diese Angaben sind als Wegweiser zum evtl. eigenen Weiterforschen zu verstehen und enthalten oft Beispiele dafür, wo sich eine eingehendere Beschäftigung mit der jeweiligen Thematik findet.

Eberhard Bethge starb im März vergangenen Jahres. Er hat nur mehr einen sehr kleinen Teil des Manuskriptes lesen können. Meine Mutter, Elisabeth Zapp-Gerr, konnte noch das fertige Manuskript lesen, bevor auch sie — vor wenigen Tagen – starb. Ihrem beider Gedenken widme ich dieses Buch. In der Hoffnung, daß in jedem Ende ein neuer Anfang sei.

Im April 2001, am Weißen Sonntag

Sabine Dramm

1

Annäherungen, Akzente

Mit welchen Augen wir die Welt auch betrachten und welche Auswahl wir dabei treffen, was wichtig ist und was nicht, es ist nur eine Möglichkeit, die Dinge zu betrachten, und es gibt unendlich viele Betrachtungsweisen. (Alan Watts)

Ihn zu verstehen, ist einfach und schwierig zugleich. Dietrich Bonhoeffer hat niemals Theologie um ihrer selbst willen, als Theologie für die Theologie, betrieben, sondern sie war das Auge, durch das er die Welt sah. Sie war die Dimension, durch die er sie begriff und begreiflich machen wollte. Seine Theologie war glaubendes Denken und denkender Glauben und zeigte große Vorliebe für die Ethik; diese war für ihn nicht nur eine Spezialdisziplin der Theologie – oder des Lebens. Aber seine Theologie und seine Ethik bilden kein in sich geschlossenes System; gleichwohl sind sie untrennbar miteinander verknüpft. Er hat sie und sich in unmißverständlich klarer, eindeutiger und prägnanter Art ausgedrückt.

Daneben gibt es Aussagen, die schwer nachvollziehbar klingen und paradox zu sein scheinen. Beides gehört zusammen: einerseits seine gerade, unmittelbar einleuchtende, buchstäblich »treffende« Redeweise, die voraussetzungslos ist und direkt; andererseits seine stark abstrahierende, mitunter kompliziert verkürzende Diktion, die mannigfache geistesgeschichtliche und speziell theologische Elemente oder auch nur Anspielungen enthält und sie variiert, verwirft, neu verwendet. Es ist verblüffend, wie sehr bei Bonhoeffer das Einfache und das Schwierige Hand in Hand gehen und sich das eine durch das andere erschließt.

Nicht weniger verblüffend sind andere Gegensätze, die bei Bonhoeffer zu entdecken sind. Es sind Gegensätze, die sich nur dadurch verstehen lassen, daß sie als »Gegen-Sätze« bestehen, aber zueinander gehören und sich eben nicht ausschließen müssen. Es sind aber auch Gegensätze, die sich nicht unbedingt miteinander versöhnen lassen: Der gottverlassene Mensch und der den Menschen suchende Gott; der religionslose Christ und der Christus nachfolgende Mensch; die Gemeinschaft der Heiligen und die übergroße Schuld der Kirche; der solidarische Gott und der ohnmächtige Gott; der mündige Mensch und der versagende, verlorene Mensch; die kinderleichte Ethik der Liebe und die vertrackte Verantwortungsethik; der Tod als Widersacher des Lebens und der Tod als Pforte der Freiheit.

Der im wahrsten Sinn des Wortes geistreichen, manchmal geradezu »hochfliegenden« Theologie Bonhoeffers korrespondierte, wenn vielleicht auch nicht von Anfang an, eine ganz alltägliche, geradlinige Praxis des Lebens, die schließlich in politische Praxis münden wird. Es war in der Tat eine »Theologie im Vollzug«,1 und zwar in mehrfacher Bedeutung des Wortes. Ihr korrespondierte nämlich, wenn vielleicht ebenfalls nicht von Anfang an, eine intensive persönliche Frömmigkeit.2 Die sich bei ihm findenden Legierungen einer sehr individuellen Spiritualität und einer ganz und gar durchdachten Theologie sowie die von verbindlichem Glauben und nachhaltigem Engagement suchen ihresgleichen. Bonhoeffers Theologie und Frömmigkeit enthielten ein staats- und kirchenkritisches Potential, das, würde es lediglich mit allgemeineren Attributen wie »gesellschaftskritisch« oder »religionskritisch« versehen, zu verschwimmen droht.

Scheinbar konträre Denk- und Lebenslinien sind in seiner Person, seinem Denken, Glauben und Handeln miteinander zu einem untrennbaren Gewebe verknüpft: eine rational nachvollziehbare, begriff lich ausgefeilte und überzeugend formulierte Theologie und ein emotional verwurzelter Glaube von immenser affektiver und aktivierender Kraft; ein theoretisches Christ-Sein und ein praktisches Christ-Sein; eine theologische Existenz, die zugleich und unweigerlich politische Existenz wird; nicht zuletzt die Idee eines religionslosen Christentums und das selbstverständliche Vorhandensein einer Frömmigkeit, die zutiefst und im besten Sinn »religiös« ist.

Weder horizontal noch vertikal läßt sich dieses Gewebe auftrennen, das Denken, Glauben und Handeln Bonhoeffers ausmacht. Ihn aufzuspalten, gar die einzelnen Elemente gegeneinander »auszuspielen«,3 hieße ihn verfehlen. Gewiß wäre es verführerisch, ihn aufzuteilen und zu etikettieren: in einen frühen und einen späten Bonhoeffer, so bei einem Leben, das mit neununddreißig Jahren zerbrochen wurde, überhaupt von früh und spät zu sprechen ist; in einen frommen und einen weltlichen Menschen; in einen theologisch denkenden und in einen politisch handelnden Christen; in einen konservativen und einen progressiven Theologen; in einen klassischen und einen modernen Denker. Aber seine theologische, seine denkerische Identität würde so nur beschädigt, wenn nicht zerstört.

Bonhoeffer war ein protestantischer Theologe par excellence, aber er hat innerhalb des Protestantismus ein eigenständiges theologisches Denken entwickelt und einen theologisch höchst fundierten Glauben praktiziert. Beides enthielt zudem – seiner Zeit weit voraus – ökumenische und transnationale, in jedem Fall: grenzüberschreitende Dimensionen, deren Realisierung teilweise immer noch aussteht. Er gehört mit Sicherheit zu den berühmtesten Protestanten des zwanzigsten Jahrhunderts innerhalb und außerhalb des Protestantismus. Zu fragen ist jedoch, ob er gerade innerhalb des konkret existierenden Kirchen- und Christentums nicht gleichzeitig ein faktisch vergessener Protestant ist. Entspricht in unserer Gegenwart der Alltag christlicher Existenz – und zwar auf individueller, gemeindlicher und kirchlicher Ebene – dem Bonhoeffer, auf den wir uns so gern und so oft berufen? Bonhoeffer – Sand oder Öl im Getriebe von Theologie und Kirche? Anreiz und Ansporn oder Alibi und Aushängeschild? Bonhoeffer — ein zwar widerständiges, aber konkretes Vorbild oder reichhaltiger Zitatenschatz für Predigten und andere Sonntagsreden, weit mehr zitiert denn praktiziert?

Doch zurück zu ihm selbst. Kein Denken schwebt im luftleeren Raum, kein aus einem bestimmten Denken entstehendes oder zu ihm hinführendes Handeln und erst recht keine Theologie und Ethik (und ein ihr gemäßes Verhalten). »Das«, betonte Bonhoeffer übrigens schon in der Nachfolge (DBW 4, S. 38), wenn auch mit einem etwas anderen Schwerpunkt, »bedeutet, daß eine Erkenntnis nicht getrennt werden kann von der Existenz, in der sie gewonnen ist.« Das Denken eines Menschen ist jeweils zu beschreiben und zu verstehen vor dem Hintergrund seines konkreten Daseins, was jedoch erstens nicht bedeutet, daß es sich nur und ausschließlich von ihm her erklären läßt, und was zweitens nicht impliziert, daß es nicht auch permanent Wechselwirkungen zwischen dem Denken und dem Handeln eines Menschen gibt. So auch bei Bonhoeffer. Die Interdependenzen, die gegenseitigen Abhängigkeiten von Sein und Bewußtsein könnten an ihm vielfältig verdeutlicht werden; es ist hier jedoch nicht der Ort, ihn unter wissenssoziologischen oder tiefenpsychologischen Aspekten zu behandeln. Aber eine zentrale Leitlinie – es geht im Blick auf Bonhoeffer gar nicht anders – wird das Verhältnis von Dasein und Denken, von Biographie und Theologie sein.

Die Quintessenz(en) seiner Theologie und seines Denkens insgesamt zu erschließen, kann nicht gelingen, ohne die Verquickung mit seinem so und nicht anders gelebten Leben herauszuarbeiten. Die Verflechtung von Abstraktion und Konkretion gehörte für Bonhoeffer zur theologischen Wahrnehmung selbst. Sie gehört schlechterdings zur Wahrnehmung der Existenz eines anderen Menschen, und diese besteht bekanntlich immer aus Sein und Bewußtsein. Die Wechselwirkungen zwischen Sein und Bewußtsein, zwischen Bewußtsein und Sein bilden im Leben eines jeden Menschen wie im gesellschaftlichen Leben ein ständiges Hin und Her; sie sind Suchbewegungen und Determinanten zugleich. Diese Wechselwirkungen manifestieren sich bei Bonhoeffer so massiv wie wohl bei kaum einem anderen Theologen. Anders gesagt: Sein theo-logisches Leben und seine lebendige Theologie gehören zusammen.

Dies auch unter einem anderen Aspekt: Bonhoeffer »realisierte«, d.h. setzte in die Wirklichkeit um, was als theologische Erkenntnis zur Basisausstattung, zu den unverbrüchlichen Gewißheiten seines Lebens gehörte, im wahrsten und schließlich bittersten Sinn des Wortes. Seine Ethik wurde durch seine Existenz transparent, sein Denken durch sein Handeln legitimiert, seine Theologie durch seine Biographie beglaubigt. Auf diese Kongruenz von »Lehre und Leben«, diese unmittelbare Verschränkung von Theologie und Biographie als Ausgangspunkt des Verständnisses Bonhoeffers wurde – berechtigterweise – oft und vehement aufmerksam gemacht. Selbstverständlich gibt es aber auch Brüche und Widersprüche in seinem Denken und Leben – wie könnte es auch anders sein? Vielleicht sollten wir statt von der häufig beschworenen »Einheit von Leben und Werk« etwas bescheidener davon sprechen, daß seine Ansichten und die Art, wie er sein Leben lebte, in vieler Hinsicht miteinander übereinstimmten – und das wäre doch schon sehr viel! Aber wie auch immer: In jedem Fall können wir an Bonhoef fer etwas davon erkennen, was authentisches Leben ist.

Dieses spezifische Verhältnis von Theologie und Biographie bei Bonhoeffer erfordert eine Synopse, eine Zusammenschau seines Denkens und Lebens, und insofern wird das Biographische zunächst und auch in der weiteren Entfaltung eine wichtige Rolle spielen. Aber es kann und soll trotz allem in diesem Rahmen nicht um eine weitere – sozusagen zur Hälfte — biographische Studie zu Bonhoeffer gehen, um von ihr aus dann zur anderen Hälfte, nämlich zu einer theologischen Studie zu Bonhoeffer zu gelangen, sondern es geht von vornherein um eine Einführung in sein Denken. (Es gibt schließlich die in jeder Hinsicht »große« Biographie Eberhard Bethges und deren Illustration,4 beides schier unerschöpfliche Fundgruben, und es gibt die »kleineren«, nichtsdestoweniger lesenswerten Biographien.5)

Es kann und soll in diesem Rahmen auch nicht um eine umfassende Darstellung seiner Theologie gehen, sondern um eine Einführung in sein Denken. (Es gibt schließlich aus der »hohen Schule« der Theologie und für sie Ernst Feils in dieser Hinsicht nach wie vor unübertroffenes Werk zur Theologie Bonhoeffers,6 es gibt die sowohl programmatischen als auch detaillierten Vor- und Nachworte in den einzelnen Bänden der 1999 abgeschlossenen Dietrich Bonhoeffer Werke sowie zahlreiche Einzelstudien – die jüngst erschienene Internationale Bibliographie7 enthält insgesamt fast viertausend Titel! – in dem beinahe unübersehbar gewordenen Meer der Literatur zu Bonhoeffer.) Notgedrungen wird eine als Einführung, als Annäherung an das Denken eines Menschen konzipierte Nach- und Kennzeichnung jeweils nur Umrisse konturieren und ohnehin keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.

Und es kann und soll in dieser Einführung in sein Denken nicht nur die theologische, sondern selbstverständlich auch die philosophische Seite Bonhoeffers sowie das, was in unserer Zeit dezidiert als »politische Ethik« gilt, nachgezeichnet werden, allgemeiner gesagt: seine Art der Welt-Anschauung. Es soll ein Weg in seine Theologie gebahnt werden, in seine Art zu denken und zu glauben – vor allem für diejenigen, die in und von Kirche und Theologie leider immer noch und immer wieder »Laien« (ein nach protestantischem Verständnis eigentlich unmöglicher Begriff!) genannt werden oder sich selbst so nennen. Vielleicht wird dieser Weg ein Brückenschlag zu ihm zurück und in die Zukunft hin. Vielleicht auch eine Ermutigung, ihn selbst zu lesen oder ihn wieder zu lesen; eine Gelegenheit, sich von ihm – möglicherweise abermals – »anstiften« zu lassen oder aber ihn aus einer größeren zeitlichen und denkerischen Entfernung zu sehen und zu relativieren; in jedem Fall: sich selbst mit ihm auseinanderzusetzen und zu einer eigenen Einschätzung zu gelangen.

Es liegt übrigens in der Natur der Sache und des Menschen und ist gewiß überflüssig zu betonen, daß diese Einführung in sein Denken nicht objektiv ist. Sie kann und will es gar nicht sein; ein solcher Anspruch wäre ohnehin fiktiv, denn jede Einführung ist nolens volens Interpretation. Sie will jedoch die Balance zwischen Nähe und Distanz wahren. Sie will aus innerer, aber hoffentlich dennoch kritischer Nähe und aus zeitlicher, aber zweifellos involvierter Distanz Bonhoeffers Denken jenen Menschen verständlich machen, deren Leben inzwischen mehrere Generationen nach der Zeitspanne seines Lebens sich vollzieht. Sie will die ihm eigene Art zu denken und zu glauben und die aus ihr resultierenden Konsequenzen für die Praxis des Lebens vorstellen. Für ihn wurden sie zu tödlichen Konsequenzen. Wir hingegen befinden uns historisch-politisch in einer ungleich bequemeren Situation. Zugleich aber auch auf einer seither noch »glor-reicher« gewordenen nördlichen Halbkugel, an deren menschen- und lebensfeindlichen Dimensionen wir manchmal zu ersticken scheinen. Erreicht uns Bonhoeffers Theologie des Lebens, wie ich sie andernorts8 genannt habe, in unserer heutigen Welt?

Bei Dietrich Bonhoeffer. Eine Einführung in sein Denken halte ich es mit meinem theologischen Lehrer Helmut Gollwitzer. »[...] Professorentheologie für Theologieprofessoren gibt es mehr als genug, muß es ja wohl auch geben«, schrieb er 1970 im Vorwort seines m.E. wichtigsten Buches, »und ich hoffe, mich weiter auch daran beteiligen zu können. Aber Wissenschaft hat eine Dienstfunktion und nicht mehr, und das muß daran herauskommen, daß von den Themen, um die sie sich müht, nach dem Durchgang durch die wissenschaftliche Reflexion auch wieder außerhalb der Fachsprache gesprochen werden kann.«9 Natürlich ist der vorherige eigene Durchgang durch die wissenschaftliche Reflexion, von der Gollwitzer sprach, unabdingbar. Von dieser Startbasis aus ein Verständnis des Denkens Bonhoeffers jenseits der theologischen Fachsprache zu vermitteln, kommt einer Gratwanderung gleich: so wenig Fachsprache wie möglich, so viel Fachsprache wie nötig! Dasselbe gilt unter historischer Perspektive; um Dietrich Bonhoeffers Denken zu verstehen, ist die konsequente Wahrnehmung zeit- und lebensgeschichtlicher Bezüge nachgerade unerläßlich. Aber hier kommt die Auswahl ebenfalls einer Gratwanderung gleich: so wenig »Daten und Fakten« wie möglich und so viel wie nötig – wobei schon ihre Auswahl »Deutung« ist.

Deshalb halte ich es bei Dietrich Bonhoeffer. Eine Einführung in sein Denken auch mit Dietrich Bonhoeffer selbst: Ich bin mir bewußt, daß sie unweigerlich auch eine Deutung ist. »Das Deuten«, notierte er während seiner Italienreise 1924 (DBW 9, S. 106), »ist überhaupt eins der schwierigsten Probleme, und doch ist unser ganzes Denken darauf eingestellt; wir müssen deuten, Sinn geben, damit wir leben und denken können.«

2

Jahresringe

Wohl denen die gelebt Ehe sie starben. (Marie-Luise Kaschnitz)

Geboren 1906 in Breslau, dem heutigen Wroclaw. Aufgewachsen in Berlin. Theologiestudium und rasche theologische Karriere. Arbeit in der Bekennenden Kirche. Engagement in der Ökumene. Staatliche Sanktionen. Kontakt zu Kreisen des Widerstandes. Konspirative Tätigkeit. Verhaftung 1943. Getötet im April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg. Sein Werk: einige Publikationen zu Lebzeiten, einige dann posthum und fragmentarisch. – Stichworte einer Existenz. Wie füllen sie sich mit Leben?

Dietrich Bonhoeffer wurde noch in jener Zeit vor dem Zeitbruch geboren, den der Erste Weltkrieg bedeutete: ein erstes mechanisiertes, bestens organisiertes Massentöten und -sterben, ein (un-)würdiger Auftakt eines Jahrhunderts, das in der Erfindung und Anwendung von Massenvernichtungsmitteln sich stets noch selbst übertreffen wird. Er wird nicht einmal das Ende der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts erleben, weil er versuchte, sich gegen die Unmenschlichkeit eines Terrorsystems anzustemmen, das von »seinem« Land, von »seiner« Stadt ausging. Geburtsort war zwar – das heute polnische – Breslau, Zentrum seiner Existenz wurde und blieb jedoch Berlin.

Als er sechs Jahre alt war, zog die Familie dorthin um. Sein Vater, ein prominenter Psychiater und Neurologe, wurde als Professor eines Lehrstuhls mit international hoher Reputation zugleich Leiter der Berliner Charite. Es waren die Jahre, in denen die in einer anderen Metropole Europas, in Wien, durch Sigmund Freud entwickelte Psychoanalyse die bisherigen Paradigmen der Psychologie und Psychiatrie zu erschüttern begann. Karl Bonhoeffer war zu sehr neurologisch orientiert, als daß er sich mit diesem ganz anderen Ansatz, die fragile menschliche Psyche zu begreifen und wieder aufzurichten, anfreunden konnte und mochte. Die spätere Aversion auch seines Sohnes Dietrich gegen Psychoanalyse und -therapie, dessen – nach eigenem Bekunden – »Abneigung gegen die seelische Analyse« (DBW 8, S. 235) wird hier ihre Wurzeln haben.1

Er war der jüngste Sohn; es gab noch eine jüngere Schwester, Susanne, und eine Zwillingsschwester, Sabine. (Sie wird später Gerhard Leibholz heiraten und mit ihm aus Angst vor Verfolgung – er entsprach nicht den »arischen« Rassedefinitionen – nach England emigrieren.) Es liegt auf der Hand, daß gerade zwischen den Zwillingen schon als Kinder eine sehr ausgeprägte emotionale Nähe existierte. Es gab noch zwei ältere Schwestern, Ursula und Christine. (Beider spätere Ehemänner, Rüdiger Schleicher und Hans von Dohnanyi, werden die Nazis ebenfalls im April 1945 ermorden.) Schließlich gab es weiter vorn in der Geschwisterkette drei Brüder: Der älteste war Karl-Friedrich, ein begeisterter und darüber hinaus später höchst anerkannter Naturwissenschaftler, gefolgt von Walter, der mit achtzehn Jahren im Ersten Weltkrieg um sein Leben gebracht wurde, und von Klaus, fünf Jahre älter als Dietrich Bonhoeffer und exakt zwei Wochen nach dessen Hinrichtung ebenfalls hingerichtet. Wie nur müssen die Eltern dieser Kinder und die anderen Überlebenden dieser Familie deren Dezimierung durch Krieg und Faschismus erlebt haben? Ist so etwas überhaupt zu »verkraften«, zu »verarbeiten«, wie es landläufig heißt? Fragen, die von außen nicht beantwortbar sind.

Diese Familie bildete für Bonhoeffer einen niemals wegzudenkenden Hintergrund seiner Existenz, und zwar bis in ihre letzte Phase hinein. Sie bedeutete für ihn so etwas wie Heimat, die nicht nur an einer bestimmten Stelle der Welt war, sondern die er in sich hatte, gleichgültig, wo er selbst sich auch aufhielt. Geprägt von Liberalität, preußischer (Selbst)-Disziplin, einem selbstverständlichen, aber nicht zur Schau getragenen Protestanismus ohne dezidierte Kirchlichkeit, vermittelte sie weder konfessionelle Engstirnigkeit noch irgendeine andere ideologische Engführung. Diese Familie: ohne Zweifel eine der kulturell und wissenschaftlich höchst produktiven »Dynastien« des deutschen Großbürgertums, aus dem sich zu jener Zeit die geistige, politische und wirtschaftliche Elite rekrutierte. Sie war eingebettet in das durchaus wohlhabende, aber sparsame und – in heutiger Terminologie formuliert  – wertekonservative Bildungsbürgertum, das jedoch fraglos nicht nur dem im nachhinein verklärenden Bild entsprach, das der Blick zurück gern entwirft.2

Aber diese Familie, und ausschließlich das interessiert in diesem Zusammenhang, hat offenbar auf Dietrich Bonhoeffers innere und äußere Selbstfindung einen sehr positiven Einfluß gehabt. Toleranz und Respekt gegenüber den Menschen, gleich welcher Provenienz, und eine weltoffene und weltanschauungs-offene Grundhaltung bildeten eines der Hauptsegmente dieses humanistisch geprägten Familienklimas. Es war gekennzeichnet von einer gelungenen Melange von Forderung und Förderung, deren beider Komponenten stets gleichzeitig und stets in hohem Maße vorhanden waren. Insofern war es gewiß eine »jeunesse dorée«, eine goldene Jugend, aber im Zaum gehalten durch Selbstkontrolle und glasklare Grenzen, beispielsweise innerhalb der vorhandenen und – der Zeit entsprechend – nie hinterfragten Familienhierarchie. Deren positive Kehrseite: das Recht auf Selbstentfaltung seitens der Kinder. Dietrich Bonhoeffers Eltern verstanden es, seine Fähigkeiten in ihrer musischen, intellektuellen und auch sportlichen Bandbreite sich frei entwickeln zu lassen; sein im übrigen agnostischer Vater akzeptierte beispielsweise, wiewohl persönlich nicht unbedingt begeistert, seine frühe, augenscheinlich schon mit vierzehn oder fünfzehn Jahren gefällte Entscheidung für die Theologie.

Seine Mutter, in deren Familie Theologie als Beruf einen höheren Prestigewert genoß (ihr Vater und Großvater: Theologieprofessoren), hatte, ungewöhnlich für ihre Zeit und deren Konventionen, eine Lehrerinnenausbildung absolviert und unterrichtete ihre Kinder bis zu einem bestimmten Alter und in bestimmten Fächern persönlich, und sie waren mitunter prompt auf dem Gymnasium »Überflieger«. Dietrich Bonhoeffer z.B. begann als Siebzehnjähriger zu studieren, und zwar Theologie in Tübingen. Ein Jahr später kehrte er nach Berlin zurück. 1927, also im Alter von einundzwanzig Jahren, schloß er dort seine Dissertation ab: Sanctorum Communio. Die Gemeinschaft der Heiligen.

Es folgte ein Vikariatsjahr in der deutschen Gemeinde in Barcelona, aber schon 1929 kam er wieder nach Berlin zurück, wieder an die Universität. Als Assistent an der Theologischen Fakultät arbeitet er an seiner Habilitationsschrift, die er 1930 vorlegt: Akt und Sein. Mit ihr bewegt er sich im Grenzgebiet zwischen Theologie und Philosophie. Zur gleichen Zeit absolviert er sein Zweites Theologisches Examen, kann aber aus formalen Gründen – er ist schlichtweg zu jung für die Ordination – noch kein Pfarramt ins Auge fassen. Wichtiger ist ihm, zum damaligen Zeitpunkt zumindest, denn auch die Welt der Hochschule, und er erhält mit tatsächlich erst vierundzwanzig Jahren als Privatdozent die Lehrbefugnis für Theologie. Seine Antrittsvorlesung: Die Frage nach dem Menschen in der gegenwärtigen Philosophie und Theologie.

Zunächst aber finden noch einmal seine Lehr- und Wanderjahre eine Fortsetzung, und zwar mit einem einjährigen Studienaufenthalt in New York und den ersten Kontakten mit Kirchenvertretern aus anderen Staaten und anderen Glaubensrichtungen. Er erlebt Theologie als Ernstfall, erlebt den Glauben als Probe auf’s Exempel, erlebt Ökumene leibhaftig. Er begegnet in den USA einem durch die Bergpredigt begründeten Pazifismus – vertreten von dem französischen Theologen und Freund Jean Lasserre – und der social-gospel-Bewegung, die die brisante soziale Ungerechtigkeit und den ganz gewöhnlichen Rassismus vom Evangelium her zu bekämpfen versucht. In England nimmt er zum ersten Mal an einer internationalen Kirchenkonferenz, an der Jahrestagung des Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen, teil und fungiert fortan als Sekretär für ökumenische Jugendarbeit. Sein Zuständigkeitsgebiet: Mittel- und Nordeuropa. Diese nun beginnende intensive grenzgängerische Arbeit wird er nach zehn Jahren subversiv fortführen, und zwar im Auftrag der politischen konspirativen Kreise  – kirchliche konspirative Kreise waren nach wie vor noch ein Widerspruch in sich! – sowie auf eigene, rein persönliche Initiative hin.

Bonhoeffers Weg nimmt unübersehbar seine späteren Konturen an. Christsein konkret vollzieht sich mitten in dieser Welt und vor dem Angesicht Gottes. Die Praxis kommt auf die Theorie zu, die Theorie geht auf die Praxis zu. Die nächste Station seines Lebens: wiederum Berlin, wiederum die Hochschule. Der Anfang der dreißiger Jahre, Deutschland »formiert« sich, wird für Bonhoeffer eine Lebensphase voller Kontakte und Aktivitäten. Neben seiner Dozentur an der Universität ist er mit der Seelsorge für Studenten beauftragt. Er übernimmt, sozusagen außerplanmäßig und in der Tat auf recht außerplanmäßige Weise, Konfirmandenunterricht in einem – in heutiger Terminologie gesprochen – sozialen Brennpunkt, nämlich in Berlin-Wedding, und unterstützt ein Arbeitslosenprojekt. Er arbeitet mit unermüdlicher Energie, sowohl in Berlin als auch bei ökumenischen Begegnungen im In- und Ausland. Seine überragende Fähigkeit: das geschriebene und das gesprochene Wort, immer wieder das Wort — Vorlesungen, Vorträge, Predigten, Briefe, Vorlagen, Entwürfe, Reden, Thesen, Memoranden, Aufsätze. Eine seiner Vorlesungsreihen, Schöpfung und Fall, erscheint 1933 als sein drittes Buch.

Diese auf so verschiedenen Ebenen sehr produktive Lebensphase Bonhoeffers setzt sich Mitte der dreißiger Jahre fort. Er wird zum Mitinitiator der Bekennenden Kirche, zum Vorstreiter und schließlich zum Außenseiter. Gleichzeitig und mit vergleichbarer Konsequenz versucht er mit seinen Vorstellungen und Visionen von Kirche und Welt, von Glaube und Leben die damalige ökumenische Bewegung – aus dem Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen und anderen ökumenischen Zusammenschlüssen ging nach dem Zweiten Weltkrieg der Ökumenische Rat der Kirchen hervor – zu überzeugen. Er übernimmt vorübergehend ein Pfarramt in London, kehrt aber wieder nach Berlin zurück. Nächste Stationen: Zingst, kurz danach Finkenwalde, hoher Nordosten Deutschlands. Die Bekennende Kirche errichtet dort ein eigenes Predigerseminar, die Ausbildungsstätte für Vikare, und Bonhoeffer, kaum älter als seine Schüler, wird ihr Leiter. Er praktiziert und schreibt die Nachfolge (sie erscheint 1937), er praktiziert und schreibt Gemeinsames Leben (es erscheint 1939). Finkenwalde war zum »Bruderhaus« geworden, zum Experiment einer – unevangelischen und doch ganz und gar urevangelischen – Kommunität, das durch und durch Bonhoeffers Handschrift trug.

Dieses gemeinsame Leben währte nicht lange. Die Bekennende Kirche mußte die feste Institution Predigerseminar auflösen und dazu übergehen, in Form eines Wanderseminars, Sammelvikariat genannt, die Vikare betreuen zu lassen. Bonhoeffer schrieb Rundbriefe, organisierte Gruppentreffen, besuchte die Vikare in den jeweiligen Gemeinden  – fern von Berlin, in Hinterpommern. Im Sommer 1939 erhielt er die Möglichkeit, wiederum in die USA zu reisen. Dieses Mal nicht wie neun Jahre zuvor mit einem Hochschulstipendium, sondern mit der Aussicht auf eine Dozentur, mehr noch: auf eine ungefährdete und auf Dauer gesicherte Basis seiner privaten und beruflichen, seiner theologischen und politischen Existenz. Bonhoeffer wählt – und bricht den Amerika-Aufenthalt ab.

Nach dem schließlichen Ausbruch des von ihm längst prognostizierten Krieges entscheidet er sich ein weiteres Mal dafür, zukünftig ein Leben im Schatten des ständigen Risikos seines abrupten Endes zu leben. Seine mannigfachen familiären und freundschaftlichen Kontakte zu Menschen, die – wenn auch teilweise aus sehr unterschiedlichen Motiven und mit unterschiedlicher Zielsetzung – Widerstandskreisen angehören, tragen dazu bei, den Schritt ins Inkognito der Konspiration zu gehen.3 Er führt eine Art Doppelleben, indem er zwar weiterhin für die – gezähmte – Bekennende Kirche, vor allem aber offiziell im Auftrag der Abwehr tätig ist, tatsächlich jedoch für die und mit denen arbeitet, die innerhalb der Abwehr sich zum Widerstand entschlossen hatten und Umsturzpläne vorbereiteten. Bonhoeffer versucht auf mehreren Reisen in die Schweiz, nach Skandinavien, nach Italien aufgrund seiner ökumenischen Beziehungen das Ausland über die Existenz dieses organisierten militärischen Widerstandes und seiner Vorhaben zu informieren. Er schreibt wieder, obwohl er weiß, daß er nicht schreiben darf. Er arbeitet an der Ethik.

Betrifft Bonhoeffer: Das Diktat des Staates hatte längst begonnen, sich auf ihn zu beziehen, Satz für Satz, Schritt für Schritt. 1937 Lehrverbot an der Berliner Universität, Schließung des Predigerseminars in Finkenwalde, 1938 Aufenthaltsverbot für Berlin (ausgenommen: Besuche bei den Eltern), 1940 Redeverbot, polizeiliche Meldepflicht, 1941 Druck- und Veröffentlichungsverbot, seit spätestens 1942 offenbar Post- und Telefonüberwachung.

Im Januar 1943 verloben sich Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer. Gegen den Willen der Mutter dieser erst achtzehnjährigen jungen Frau. Sie verlangt von ihnen eine einjährige Trennungszeit  – sozusagen als Zeichen der Bewährung ihrer Liebe. Es war eine Liebe, der eine viel absurdere Bewährung bevorstand. Im April 1943 wird Bonhoeffer verhaftet und als Untersuchungshäftling in das Militärgefängnis in Berlin-Tegel eingeliefert. Die eineinhalbjährige Gefangenschaft dort ist zugleich die Zeit, in der sie – wenn auch selten genug und nur unter Aufsicht des Gefängnispersonals – sich dennoch sehen: Als Verlobte erhält sie Sprecherlaubnis. Und sie nähern sich innerlich einander an, indem sie sich schreiben und sich in eine Zukunft hineinschreiben, deren Wirklichkeit ihnen versagt bleiben wird. Dieser Briefwechsel ist nach einer Zeit des Schweigens seitens Maria von Wedemeyers mit ihrem Einverständnis Jahre nach ihrem Tod veröffentlicht worden: Brautbriefe Zelle 92.

Es ist noch ein anderer Briefwechsel in jenen Monaten in Tegel, der Bonhoeffer im wahrsten Sinn des Wortes am Leben hält: der mit seinem Freund Eberhard Bethge, und es entstehen Dokumente einer singulären Existenzerfahrung und eines singulären existentiellen Nachdenkens über den Glauben. Die Briefe und Aufzeichnungen, die er ihm schickt, werden von Bethge 1951 unter einem Titel, der einer in ihnen enthaltenen Formulierung entlehnt ist, erstmals veröffentlicht: Widerstand und Ergebung. Sie werden es sein, durch die Bonhoeffers Spuren in der Welt bleiben. Mehr noch: Durch sie wird er, ungewöhnlich genug für einen evangelischen Theologen im zwanzigsten Jahrhundert, weltbekannt, auch indem sie frühere Bücher von ihm in ein Blickfeld rücken, das ihnen vorher so nicht zuteil wurde. Durch sie wird sein spezifischer Weg des Widerstandes erhellt und der Erinnerung überantwortet – und sein drastisches Ende.

Ein möglicher Umsturz war in unabsehbare Ferne gerückt, nachdem am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler fehlgeschlagen war. In der Folgezeit verschlechtern sich auch für die bereits inhaftierten Mitglieder des Widerstands die Aussichten auf einen halbwegs fairen Prozeß gänzlich – und damit auch die Überlebenschancen. Im Oktober 1944 wird Bonhoeffer in einen Berliner Gestapo-Gefängniskeller eingeliefert, wenig später reißen die Fäden zur Außenwelt ganz ab. Mit dem Beginn des Jahres 1945 gerät die nationalsozialistische Todesmaschinerie vollends außer Kontrolle. Bonhoeffer durchlebt von Februar bis April noch eine Irrfahrt, die er nicht überleben wird.4 Bunkerhaft im Konzentrationslager Buchenwald, »Abtransport« in das Konzentrationslager Flossenbürg, versehentlicher Weitertransport mit einer Häftlingsgruppe, schließlich der Todeszugriff. Zusammen mit Canaris, Oster und anderen aus der Widerstandsgruppe der Abwehr wird er noch in den letzten Wochen des Krieges, am 9. April 1945, an der Hinrichtungsstätte des Konzentrationslagers Flossenbürg nach einem sogenannten Standgericht auf eine entsetzliche Weise erhängt.

3

Facetten eines Lebens

Das Ganze ist das Unwahre. (Theodor W. Adorno)

Hinter der bloßen biographischen Skizzierung verbirgt sich die Summe eines Lebens und – die Summe eines Fragments. Leben und Werk Dietrich Bonhoeffers blieben zwangsläufig bruchstückhaft, bedingt durch den aufgezwungenen Abbruch seines Werkes, durch den absehbaren Absturz in einen gewaltvollen und frühen Tod. Darauf ist in der Forschung mitunter kritisch hingewiesen worden: seine Theologie sei ein Torso, sein Werk unabgeschlossen.

Dies ist richtig und falsch zugleich. Vor allem seine Tegeler Briefe und Aufzeichnungen, die als Widerstand und Ergebung jenen (der Ausdruck ist nicht zu groß gewählt) weltweiten Widerhall fanden, bilden – naturgemäß — nicht eine Summa theologica etwa eines Thomas von Aquin, nicht eine Kirchliche Dogmatik etwa eines Karl Barth. Auch die Bonhoeffers, an der er vor der Verhaftung arbeitete, ist eine »Unvollendete«; auch sie wurde notgedrungen erst posthum und notgedrungen als Fragment veröffentlicht. Dennoch ist gerade beider Aussagekraft ungeschmälert, und das auch nach einem halben Jahrhundert. Und – naturgemäß – bezogen sie ihre Legitimation und ihre Faszination durch die permanent gewordene Grenzsituation der Konspiration und Gefangenschaft. Durch das bewußt eingegangene Risiko der Isolation, durch Folter- und Todesangst, schließlich durch den Tod selbst.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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