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Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. »Bekannte Privatklinik vor dem Aus?« Nachdem ihr Mann in die Behnisch-Klinik gerufen worden war, hatte Fee Norden die Zeitung aufgeschlagen, um sich abzulenken. Die Chefin Dr. Jenny Behnisch rang nach einer Infektion mit dem Marburg-Virus mit dem Leben, und es gab nichts, was Felicitas tun konnte. Doch auch das, was sie zu lesen bekam, war alles andere als dazu angetan, ihre Stimmung aufzuhellen. »Nicht genug damit, dass die Behnisch-Klinik in Sachen Sicherheit offenbar nur unzureichend ausgestattet ist, kam nun auch noch ein Unterschlagungsskandal ans Licht der Öffentlichkeit«, las Fee atemlos das, was der sensationslüsterne Reporter in reißerischer Manier berichtete. »Es handelt sich um das weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt gewordene Projekt ›Ein Bild für Mami‹ der Arztfrau Felicitas Norden. Hierbei bekommen Kinder schwer erkrankter Mütter die Gelegenheit, ihre traumatischen Erfahrungen in einer Maltherapie aufzuarbeiten. Leider scheint Frau Dr. Nordens unermüdliches Engagement nicht nur dem guten Zweck sondern vielmehr ihrem eigenen Kontostand gegolten zu haben. Wie der Verlag aus sicherer Quelle erfuhr, wurde ein fünfstelliger Betrag über Umwege auf ein Konto überwiesen, dessen Inhaberin niemand anderer als die engagierte Ärztin und Mutter von fünf Kindern ist …« Fassungslos ließ Fee das Blatt sinken. »Was ist denn, Mami? Geht's dir nicht gut?«, erkundigte sich die älteste Tochter Anneka besorgt. Während die anderen Kinder längst vom Frühstückstisch aufgestanden und das Weite gesucht hatten, war sie bei ihrer Mutter geblieben, um ihr Gesellschaft zu leisten. »Du bist ja auf einmal ganz blass.« Hastig faltete Felicitas die Zeitung zusammen und verbarg sie auf ihrem Schoß. Auf keinen Fall sollten ihre Kinder von dieser unerhörten Lüge erfahren.
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Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2024
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»Bekannte Privatklinik vor dem Aus?« Nachdem ihr Mann in die Behnisch-Klinik gerufen worden war, hatte Fee Norden die Zeitung aufgeschlagen, um sich abzulenken.
Die Chefin Dr. Jenny Behnisch rang nach einer Infektion mit dem Marburg-Virus mit dem Leben, und es gab nichts, was Felicitas tun konnte. Doch auch das, was sie zu lesen bekam, war alles andere als dazu angetan, ihre Stimmung aufzuhellen.
»Nicht genug damit, dass die Behnisch-Klinik in Sachen Sicherheit offenbar nur unzureichend ausgestattet ist, kam nun auch noch ein Unterschlagungsskandal ans Licht der Öffentlichkeit«, las Fee atemlos das, was der sensationslüsterne Reporter in reißerischer Manier berichtete. »Es handelt sich um das weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt gewordene Projekt ›Ein Bild für Mami‹ der Arztfrau Felicitas Norden. Hierbei bekommen Kinder schwer erkrankter Mütter die Gelegenheit, ihre traumatischen Erfahrungen in einer Maltherapie aufzuarbeiten. Leider scheint Frau Dr. Nordens unermüdliches Engagement nicht nur dem guten Zweck sondern vielmehr ihrem eigenen Kontostand gegolten zu haben. Wie der Verlag aus sicherer Quelle erfuhr, wurde ein fünfstelliger Betrag über Umwege auf ein Konto überwiesen, dessen Inhaberin niemand anderer als die engagierte Ärztin und Mutter von fünf Kindern ist …« Fassungslos ließ Fee das Blatt sinken.
»Was ist denn, Mami? Geht’s dir nicht gut?«, erkundigte sich die älteste Tochter Anneka besorgt. Während die anderen Kinder längst vom Frühstückstisch aufgestanden und das Weite gesucht hatten, war sie bei ihrer Mutter geblieben, um ihr Gesellschaft zu leisten. »Du bist ja auf einmal ganz blass.«
Hastig faltete Felicitas die Zeitung zusammen und verbarg sie auf ihrem Schoß. Auf keinen Fall sollten ihre Kinder von dieser unerhörten Lüge erfahren. Zumindest nicht, bevor sie mit ihrem Mann gesprochen hatte.
Schnell trank Fee einen Schluck Kaffee. Er war inzwischen kalt und schmeckte scheußlich. Aber immerhin vertrieb er den Kloß, der ihr im Hals saß.
»Ich mache mir nur Sorgen um Jenny«, redete sie sich rasch heraus.
Anneka musterte ihre Mutter. Die Zweifel standen ihr ins Gesicht geschrieben. Doch bevor sie etwas dazu sagen konnte, klingelte das Telefon.
Dankbar für diesen Grund zur Flucht sprang Fee auf.
»Ich geh schon!«, erklärte sie hastig und war schon auf dem Weg in den Flur, wo die Ladestation mit dem Telefon auf der Kommode stand.
»Norden«, meldete sie sich atemlos.
»Frau Dr. Norden? Gut, dass ich Sie endlich erreiche.« Eine unbekannte Männerstimme hallte in Fees Ohr. »Vorhin war die ganze Zeit belegt.«
»Mein Mann hat telefoniert«, erwiderte sie. »Mit wem spreche ich?«
Der Einkaufsleiter der Behnisch-Klinik erschrak. Im Eifer des Gefechts hatte er ganz vergessen, sich vorzustellen.
»Mein Name ist Benedikt Kühnel … Ich bin …«
»Ich weiß, wer Sie sind«, unterbrach Felicitas ihn ganz gegen ihre Art. Der Zeitungsartikel hatte sie so aufgeregt, dass sie ihre gute Erziehung vergaß. »Mein Mann hat schon des Öfteren von Ihnen erzählt. Leider ist er im Augenblick nicht da.«
»Das macht nichts. Ich kann genauso gut mit Ihnen sprechen. Schließlich geht es ja um Sie und diesen unsäglichen Skandal«, machte Benedikt kein Geheimnis aus dem Grund seines Anrufs.
Fee stockte der Atem.
»Dann haben Sie also auch schon Zeitung gelesen?«
»Zeitung? Nein.« Benedikt lachte kurz auf. »So weit bin ich heute noch nicht gekommen.« Erst dann drang die Bedeutung ihrer Worte in sein Bewusstsein. »Soll das heißen, die Presse hat schon Wind von der Sache bekommen?«, schnappte er empört nach Luft.
Den Hörer ans Ohr gepresst, die Zeitung unter den Arm geklemmt, ging Felicitas hinüber ins Arbeitszimmer und schloss sorgfältig die Tür hinter sich. Diese heikle Angelegenheit wollte sie ungestört besprechen.
»Leider. Und ich weiß wirklich nicht, was ich dazu sagen soll. Diese öffentliche Meldung hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen«, gestand sie offen.
Benedikt kam aus dem Staunen nicht heraus.
»Wollen Sie damit sagen, dass Sie keine Ahnung hatten von den Gerüchten, die seit ein paar Tagen in der Klinik kursieren?«
»Natürlich hat mich mein Mann informiert«, antwortete Felicitas wahrheitsgemäß. »Allerdings verstehe ich nicht, warum die Presse schon Bescheid weiß.«
»Das kann ich Ihnen leider auch nicht sagen. Zumal ich Neuigkeiten habe.« Benedikt Kühnel war die Verzweiflung in Fees Stimme nicht entgangen. Obwohl er sie bisher noch nicht persönlich kennengelernt hatte, konnte er ihr Engagement für die traumatisierten Kinder nicht hoch genug schätzen. »Um es vorweg zu sagen: Sie sind unschuldig. Die Listen, die Frau Kimminus an Ihren Mann weitergegeben hat, sind ganz offensichtlich manipuliert. Ich habe schon einen Fachmann engagiert, der ausfindig machen wird, wie die Daten verändert wurden und wer das Konto eröffnet hat, das auf Ihren Namen läuft.«
Fee hatte aufmerksam zugehört.
»Das ist wirklich sehr nett von Ihnen.« Obwohl sie um eine feste Stimme bemüht war, war ihr der Schock deutlich anzumerken.
»Ich tue, was ich kann. Aber ich verstehe Ihre Sorgen natürlich«, räumte Benedikt Kühnel zerknirscht ein. »Wenn ich wüsste, wer hier geplaudert hat …«
»Das ist alles ein bisschen viel für einen Sonntagmorgen«, seufzte Felicitas und sank kraftlos auf den Bürostuhl hinter dem Schreibtisch. Sie zog die Zeitung unter ihrem Arm hervor und legte sie vor sich auf den Schreibtisch. »Inzwischen hat bestimmt ganz München Wind von der Sache bekommen. Jetzt ist nicht nur mein Ruf sondern auch der meines Mannes ruiniert. Und welche Folgen der Artikel für meine Kinder, meine ganze Familie hat, daran wage ich gar nicht zu denken.« Obwohl es erst Vormittag war, fühlte sich Fee ausgelaugt und müde. Erschöpft fuhr sie sich mit der Hand übers Gesicht. »Nicht auszudenken, wie die Patienten der Klinik reagieren werden.«
Darauf hatte auch Benedikt keine Antwort. Für den Augenblick blieb ihm nichts anderes übrig, als Fee gute Nerven zu wünschen. Auf die Lawine, die ein Unbekannter leichtfertig oder möglicherweise absichtlich losgetreten hatte, indem er an die Öffentlichkeit gegangen war, hatte er keinen Einfluss.
Einen ähnlichen Gedanken hatte die neue Verwaltungschefin der Behnisch-Klinik Alexandra Kimminus. Um auch am Wochenende möglichst nah am Geschehen zu sein, saß sie an ihrem Schreibtisch im Büro und starrte ungläubig auf die Meldung der Sonntagszeitung. Seit sie an der Behnisch-Klinik arbeitete, geschahen wirklich unglaubliche Dinge.
»Dass sich Frau Dr. Behnisch bei dem Marburg-Patienten angesteckt hat, ist ja noch relativ plausibel«, murmelte sie deprimiert. Die Buchstaben des Artikels tanzten vor ihren Augen. »Aber dass ich diesen Spendenskandal ausgerechnet jetzt aufdecken musste … Und der dann auch noch direkt in der Zeitung erscheint … Ich möchte mal wissen, wer da geplaudert hat. Und vor allen Dingen: warum?« Langsam aber sicher wurde es Alexandra Kimminus mulmig zumute.
Die Stelle der Verwaltungschefin an der renommierten Privatklinik bedeutete einen weiteren wichtigen Schritt auf ihrer Karriereleiter. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn die Klinik den Betrieb aufgrund der skandalösen Vorkommnisse einstellen musste …
»Ich muss unbedingt mit Marc sprechen«, beschloss Alexa und griff nach dem Telefonhörer. »Er muss mir raten, was ich jetzt tun soll.«
Vor ein paar Monaten hatte der Personalberater ihrer Freundin Juliane Fiedler die Stelle der Chefassistentin vermittelt. Die war so begeistert von der Klinik gewesen, dass sie Alexandra gedrängt hatte, sich auf die neu geschaffene Stelle der Verwaltungschefin zu bewerben.
Als der Personalberater von ihren Plänen gehört hatte, hatte er Alexa ausgelacht.
»Den Posten bekommst du nie und nimmer. Du bist viel zu jung.«
Diese Provokation hatte Alexas Ehrgeiz angestachelt und darüber hinaus ihr persönliches Interesse an ihm geweckt.
Mal aufgeschlossen und sensibel, konnte Marc Möwius im nächsten Moment abweisend bis zur Unfreundlichkeit sein. So forderte er die Jägerin in der selbstbewussten Alexandra heraus. Sie wusste nie, woran sie bei ihm war. Mit jedem Treffen, bei dem er sich offenbar mehr für die Klinik denn für sie interessierte, war ihre Hoffnung gewachsen, ihm endlich näherzukommen. Dafür hatte sie sogar ein paar vertrauliche Informationen preisgegeben.
Bisher vergeblich. Auch deshalb begrüßte Alexandra die Gelegenheit, mit ihm über den Zeitungsartikel sprechen zu können.
Ihre Finger zitterten, als sie die Nummer wählte. Wie durch ein Wunder ging Marc sofort an den Apparat.
»Alexa, das ist ja eine Überraschung!«
Täuschte sie sich, oder lag tatsächlich Freude in seiner Stimme? Vor Aufregung schlug ihr Herz schneller.
»Wie geht es dir?«, fragte sie, vergeblich darum bemüht, das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen.
»Rufst du an, um mich das zu fragen?«, fragte er heiser und räusperte sich.
Trotzdem konnte sie sein süffisantes Lächeln förmlich vor sich sehen. Er durchschaute sie und spielte mit ihr.
Alexa wusste es und hatte doch nichts dagegenzusetzen.
»Auch. Aber nicht nur«, gestand sie ganz gegen ihre sonstige energische Art leise. »Bist du krank?«, erkundigte sie sich besorgt.
»Ach, nur ein bisschen Husten«, erwiderte er ungeduldig. »Was kann ich also für dich tun? Ich bin etwas in Eile«, fügte er entschuldigend hinzu.
»An einem Sonntagvormittag?«, fragte sie und schämte sich sofort ihrer Neugier.
»Allerdings.« Marc dachte nicht daran, Alexa über seine Vorhaben zu informieren. »Also?«
»Hast du diesen Zeitungsartikel gelesen?«
»Welchen Artikel?«
Alexa atmete auf. Vielleicht hatten sie und die Klinik Glück und die Meldung würde so schnell wieder in der Versenkung verschwinden, wie sie aufgetaucht war.
»In der Sonntagsausgabe der lokalen Zeitung ist heute ein Artikel über die skandalösen Zustände in der Behnisch-Klinik erschienen. Ich hätte gerne gewusst, wie du ihn beurteilst. Ob diese Geschehnisse wirklich eine ernsthafte Bedrohung für die Klinik darstellen …«.
»Oh«, Marc lachte amüsiert auf, »hat da jemand Angst um seinen Arbeitsplatz?«, durchschaute er sie sofort.
In diesem Moment wünschte sich Alexa, dass Marc nicht diese Wirkung auf sie hätte. Trotzdem war sie machtlos dagegen.
»Ehrlich gesagt schon ein bisschen«, gestand sie zerknirscht. »Allerdings würde ich dir den Artikel wirklich gerne zeigen und persönlich mit dir darüber sprechen«, ging sie aufs Ganze. Was hatte sie schon zu verlieren? »Du kennst ja die Pläne des Bürgermeisters, ein ambulantes Operationszentrum hier ganz in der Nähe zu errichten …«, erinnerte sie ihn an das Projekt, das bisher am Veto des Stadtrats gescheitert war. Doch das konnte sich schnell ändern, wenn die Stimmung in der Bevölkerung umschlug.
Marc Möwius’ Gedanken gingen indes in eine ganz andere Richtung.
»Gib doch zu, dass du nur nach einem Grund gesucht hast, um mich zu treffen«, sagte er Alexa auf den Kopf zu und sorgte dafür, dass ihre Wangen dunkelrot wurden vor Scham.
War sie wirklich so leicht zu durchschauen? Ein Spielball in Marcs Händen?
»Keine Sorge, so attraktiv bist du nun auch wieder nicht!«, setzte sie sich energisch zur Wehr. Das wenigstens war sie sich selbst schuldig. »Und eindeutig zu eingebildet.« Um ihren nervösen Fingern etwas zu tun zu geben, griff sie nach einem Kugelschreiber und begann, Kringel und Kreise auf die Schreibtischunterlage zu malen.
»Ich kenne eben meine Qualitäten«, gab Marc unbeeindruckt zurück. »Ist das ein Makel?«
Alexandra verdrehte die Augen. Besorgt, wie sie war, fehlte ihr an diesem Tag die nötige Schlagfertigkeit, um es mit diesem Mann aufzunehmen.
»Was ist jetzt? Können wir uns treffen oder nicht?«, seufzte sie resigniert. »Ich brauche deine Meinung. Mehr nicht.«
Endlich schien Marc sie ernst zu nehmen.
»Warum so ernst, schöne Frau?«, fragte er besorgt.
Erleichtert stellte Alexa fest, dass der Spott aus seiner Stimme verschwunden war.
»Bitte, ich brauche wirklich deinen Rat«, wiederholte sie nachdrücklich. »Wenn der Ruf der Klinik wirklich in Gefahr ist, sollte ich mich rechtzeitig zurückziehen. Wenn das alles aber nur heiße Luft ist, wäre es dumm, diese tolle Karrierechance aufzugeben. Darüber möchte ich mit dir sprechen.«
»Hoffentlich nicht nur das«, gab Marc heiser zurück, und Alexas Herzschlag setzte kurz aus. Bevor sie sich fragen konnte, ob sie sich verhört hatte, fuhr er schon fort. »Wie wär’s mit Montagabend um acht? Bei mir?«
Natürlich war Alexandra einverstanden. Auch wenn die Zeit, sobald sie den Hörer aufgelegt hatte, stillzustehen schien. Ein Treffen in Marc Möwius’ Hotel! Zumindest was ihr Privatleben anging, schien das Ziel all ihrer Wünsche unverhofft in greifbare Nähe gerückt zu sein.
»Und?« Aufgeregt wie selten zuvor in seinem Leben stand Dr. Daniel Norden, von oben bis unten in einen Schutzanzug gehüllt, am Krankenbett seiner langjährigen Freundin und Kollegin Dr. Jenny Behnisch. Sie war an dem lebensgefährlichen Marburg-Virus erkrankt. Vor einigen Stunden waren die bei der Krankheit besonders gefürchteten inneren Blutungen aufgetreten und bedrohten das Leben der Klinik-Chefin. »Wie sieht es aus?«
Wieder und wieder führte der Kollege Dr. Markus Wiefahrn den Schallkopf über Jennys Leib und starrte unverwandt auf den Monitor des hochmodernen Ultraschallgeräts. Dabei schwieg er beharrlich.
Die Anspannung auf der Isolierstation war fast mit Händen greifbar. Keiner der anwesenden Ärzte und Schwestern sagte ein Wort. Die Geräusche der medizinischen Apparate, das Ticken, Schnaufen und Piepsen waren alles, was zu hören war.
»Jetzt sagen Sie schon!«, verlangte Dr. Norden schließlich ungeduldig. Er stand auf der anderen Seite des Bettes und konnte den Monitor nicht sehen. »Was ist los?«
Endlich erwachte Dr. Wiefahrn aus seiner Erstarrung. Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über sein bleiches Gesicht. Seit Tagen hatte er kaum geschlafen, immer getrieben von der Sorge um seine geschätzte Chefin Jenny Behnisch.
»Ein Wunder«, erklärte er heiser.
Am liebsten hätte Daniel den Kollegen an den Schultern gepackt und geschüttelt.
»Was heißt das? Ein Wunder? Jetzt sagen Sie doch endlich …«, verlangte er energisch.
»Ich kann keine Blutungen mehr feststellen. Zumindest nicht im Moment«, gab Markus endlich die gewünschte Auskunft. »Offenbar haben die Medikamente gewirkt.« Er warf einen Blick auf Jenny Behnisch oder vielmehr das, was zwischen all den Kabeln, Schläuchen und anderen Gerätschaften von ihr zu sehen war. Bluttransfusionen, Medikamente gegen die lebensbedrohliche Blutgerinnungsstörung, die das Marburg-Virus auslöste und damit zu den inneren Blutungen führte, Kreislauf stabilisierende Mittel, all das wurde durch die Schläuche in den Körper der bewusstlosen Ärztin geschickt. »Es ist ein Wunder«, wiederholte Dr. Wiefahrn erschöpft und wirkte einen Moment, als wolle er an Ort und Stelle zusammenbrechen.
