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"Das heisst Snä. Nicht Snä", meinte Snä. Nach diesem ersten Satz wusste Doktor Brändli schon: Das wird abenteuerlich mit dem coolen weissen Ding. Und so kommt es auch. Tiger spult, der Latz frotzelt, Frau Meier glitzert und Willi, ihr Kater mit den vollschlanken Formkurven, macht weitere Wege als man denkt. So lange, bis sich ein hünenhafter Schatten über die ganze Bande legt ...
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Seitenzahl: 38
Veröffentlichungsjahr: 2025
Für Maemi
In Erinnerung an die Zeit zwischen Erlen und Föhren
und auf neue Abenteuer mit Uncle Sam
Inhaltsverzeichnis
1 Die erste Snä
2 Reisen
3 Eiswürfelmaschinen
4 Zu klein, weil zu gross
5 Ann & Mary’s
6 Sibirien
7 Der Snämann
8 Das Fest
1 Die erste Snä
Kaum hatte Doktor Brändli an diesem denkwürdigen Morgen die Augen geöffnet, brauchte er einen Moment, um sicherzustellen, ob er wirklich wach war, oder ob er nur davon träumte, wach zu sein.
Der Grund dafür war, dass er im Traum einen Radiowecker besass.
Einen, der sich nicht abstellen liess.
Er konnte die Snooze-Taste drücken - vergebens.
Er konnte die Aus-Taste drücken - vergebens.
Er konnte - mit leicht zunehmendem Ärger – den
Wecker ausstecken. Die Lautstärke zudrehen.
Vergebens.
Das Kabel mit der Schere durchschneiden – vergebens!
Das Ding auf den Boden knallen – darauf herumtanzen – es ertränken - in die Luft jagen – in Jello verpacken – egal. Alles vergebens!
Erst als es draussen dämmerte und ihm im Traum der Gedanke kam, dass er womöglich gar keinen Radiowecker sein Eigen nannte, sondern sich normalerweise immer von Sonnenstrahlen wachkitzeln liess - da dämmerte es ihm auch, dass er nun definitiv wach sein musste.
Zur gleichen Zeit hockte Tiger auf den kalten Küchenfliesen und kaute Bauchnabelflusen. Er hatte von Frau Meiers fettem Nachbarskater Willi gehört, alle Katzen seien Saugnapftiere und hätten Bauchnäbel. Man fände diese aber nur schlecht, weil sie vom Fell verdeckt wären. Sie unterhielten sich oft über so gewichtige Themen. Ein paar Viertelstunden lang durchkämmte Tiger sein Fell mit seinen Krallen, bis er die kleine Goldgrube und deren Köstlichkeiten fand. Sie schmeckten süsslich.
«Nur Idioten haben Bauchnäbel», behauptete der Latz, der keinen hatte. «Schau sie nur an. Diese Löcher sehen schon aus wie die Antimaterie eines Hirns.»
Tiger war anzusehen, dass das Wort Antimaterie in seinem überschaubaren Wortschatz fehlte. Was ihn jedoch nicht davon abhielt, sich zu wehren: «Das erzähl ich Doktor Brändli. Der hat nämlich auch einen Bauchnabel. Das habe ich gesehen.»
Der Latz verdrehte die Augen. «Bei Menschen sind das keine Bauchnäbel. Die sehen nur so aus. Das sind Ventile für das Bauchgefühl. Menschen sind keine Säugetiere, du Depp. Sie sind Säugemenschen.» Der Latz spülte seinen Zitronenjoghurtbecher aus und liess alles so klingen, als schüttle er all diese Weisheiten so nebenbei aus seinem Stoff.
Tiger schwieg. Er misstraute dem Latz. Aber was er sagte, klang stets plausibel für seine Tigerohren.
«Boah. Mich fröstelt». Doktor Brändli betrat die Küche. «Es ist doch erst gerade September geworden. Wo ist der Sommer? Haben die Eisheiligen den Mai verschlafen?»
Tiger dachte bei den Eisheiligen keineswegs an die kalte Sophie und die anderen Scheinheiligen mit Heiligenschein, sondern an die Gelateria.
Der Latz fragte sich, warum man September September nennt, wenn es doch der neunte Monat war, nicht der siebte.
Doktor Brändli öffnete den Kühlschrank, wurde aber von der Türklingel unterbrochen.
Tiger liess die Resten des Nabelkaviars in den Zahnlücken liegen und spulte los. Als er die Tür aufwarf, stand da Frau Meier. Rotbäckig süss, mit funkelnden Augen und schnaufraubenden Lächeln. Ein Lächeln, das Nüsse knackte und Gewitterwolken erröten liess. «Ich habe was für euch. Darf ich reinkommen?»
«Nur hereinspaziert», rief Doktor Brändli. In seiner Stimme schwang etwas mit. Es klang nach erhöhtem Puls.
Frau Meier, die ganz ungeduldig etwas in ihren Händen versteckt hielt, huschte – nein, hüpfte – in die Küche. Geradewegs auf den Küchentisch zu. «Ohhhhhh … Ihr glaubt nicht, was ich gefunden habe.»
Sie quietschte, zog erwartungsvoll die Schultern in die Höhe und zappelte ganz aufgeregt mit ihren angewinkelten Händen.
Doktor Brändli und Tiger versammelten sich um den Küchentisch. Der Latz, der sich Zeitung und Lesebrille gekrallt hatte, um beschäftigt auszusehen, zierte sich erst, legte dann aber alles weg, kratzte sich theatralisch am Kopf und schlenderte zum Küchentisch.
«Bereit?», fragte Frau Meier.
Alle nickten. Auch der Latz.
Dann öffnete sie die Hände.
Etwas Weisses, etwas Kühles, Feuchtes glitt durch ihre Finger auf den Tisch. Es glitzerte und glimmerte. Alle schauten auf den Tisch.
«Was ist das?», fragte Tiger.
Frau Meier konnte sich nicht zurückhalten: «Ist doch klar! Das ist die erste Snä.» Sie strahlte dabei so sehr, dass der fröstelnde Doktor Brändli nun nicht nur auftaute, sondern gar glomm und schwelte. «Die erste Snä! Ist sie nicht süss?»
Tiger wollte probieren. Er mochte Süsses. Doch Doktor Brändli klopfte ihm auf die Finger.
«Die erste Snä? Du meinst ‘der erste Schnee’, oder?», raunte der Latz.
Das kleine Weisse runzelte die Stirn und meinte argwöhnisch: «Das heisst Snä, nicht Snä …»
«Hab ich doch gesagt, du Flutschi.»
