Doktor Proktor und das beinahe letzte Weihnachtsfest - Jo Nesbø - E-Book

Doktor Proktor und das beinahe letzte Weihnachtsfest E-Book

Jo Nesbø

4,9
11,99 €

Beschreibung

Da bahnt sich eine Katastrophe an! Herr Thrane besitzt die Rechte an Weihnachten. Nur wer bei ihm einkauft, darf auch Weihnachten feiern. Aber er hat nicht mit Lise und Bulle gerechnet, die so eine Ungerechtigkeit nicht hinnehmen. Was für ein Glück, dass Doktor Proktor den Weihnachtsmann persönlich kennt. Jetzt braucht es jede Menge Zeitseife und natürlich Pupspulver, damit die Geschenke für die Familien noch rechtzeitig unter dem Baum landen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 208




JO NESBØ

Doktor Proktor

und das beinaheletzte

Weihnachtsfest

Aus dem Norwegischen von Maike Dörries und Günther Frauenlob

Mit Zeichnungen von Per Dybvig

 

Jo Nesbø,1960 geboren, arbeitete viele Jahre lang erfolgreich als Broker, aber am bekanntesten ist er als Sänger der ehemals populärsten norwegischen Band Di Derre und als Schriftsteller für Kriminalromane. Bereits sein Debütroman wurde zum Besten skandinavischen Krimi des Jahres gekürt, zahlreiche weitere Preise folgten. Inzwischen ist Jo Nesbø einer der erfolgreichsten Autoren Norwegens und in über 50 Ländern mit seinen Büchern vertreten.

 

Weitere Bücher von Jo Nesbø im Arena Verlag: Doktor Proktors Pupspulver Doktor Proktors Zeitbadewanne Doktor Proktor verhindert den Weltuntergang. Oder auch nicht …Doktor Proktor im Goldrausch Doktor Proktors Sammelsurium. Tiere, denen du nie begegnen möchtestAlle Titel sind auch als Hörbuch erhältlich.

Die Übersetzung wurde gefördert durch NORLA

1. Auflage 2017 Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2017 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel Kan Doktor Proktor Redde Jula? bei Aschehoug & Co. ( W. Nygaard), Oslo. Dieses Werk wurde vermittelt durch die Salomonsson Agency, Svartensgatan 4, 11620 Stockholm. Aus dem Norwegischen von Maike Dörries und Günther Frauenlob Einband- und Innenillustrationen: Per Dybvig Umschlaggestaltung: Juliane Hergt ISBN 978-3-401-80710-2

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Kapitel 1

Fünf Tage vor Heiligabend

Diese Geschichte startet in der Nachmittagsdämmerung am letzten Sonntag im Advent.

Norwegen war von einer dicken Schneeschicht bedeckt, ganz besonders Oslo, und ganz ganz besonders die Kanonenstraße, und ganz ganz ganz besonders das blaue, merkwürdig windschiefe Haus am Ende der Straße, wo sich allmählich wirklich mal jemand aufraffen sollte, den Weg von der Treppe am zugeschneiten Birnenbaum vorbei zur Gartenpforte freizuschaufeln. Oder wohnte dort niemand?

Oh doch, zwischen dem Gartentor und der Treppe waren Fußspuren zu erkennen, kleine und große, außerdem sah man hinter den zugefrorenen Scheiben Kerzen brennen und aus dem Schornstein ringelte Rauch.

Am Küchentisch saß das Nachbarmädchen Lise aus dem roten Haus etwas weiter oben in der Kanonenstraße und lauschte mit verträumtem Blick Juliette, der netten Frau am Herd, die in einem großen Topf rührte und romantische Weihnachtsgeschichten erzählte von Liebespaaren, die auseinandergerissen wurden, sich aber unterm Weihnachtsbaum wiederfanden.

»Ich liebe romantische, in der Mitte schrecklich traurige Geschichten«, seufzte Lise. »Besonders, wenn sie auch ein bisschen unheimlich sind.«

Juliette Margarine lachte und goss mehr Milch in den Topf. »Das, Mademoiselle Lise, liegt daran, dass du in der heimeligen Küchenwärme bei mir sitzt und nicht draußen in der Kälte zwischen all den gruseligen, hässlichen, unsichtbaren Wesen, die sich kurz vor Weihnachten dort herumtreiben.«

In diesem Augenblick kreischten die Türangeln im Flur und ein eisiger Wind fegte in die Küche. Lise und Juliette sahen sich an. Jemand – oder etwas – war hereingekommen. Auf dem Holzboden waren knarrende Schritte zu hören.

»W-wer ist da?«, fragte Juliette mit ängstlich bebender Stimme.

Keine Antwort.

»W-…«, setzte Juliette noch einmal an und schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund, als in der Türöffnung, zwanzig Zentimeter über dem Boden schwebend, ein furchterregender Stapel kurz gespaltenes Birkenbrennholz auftauchte.

»Ach, du meine Güte, ein schwebender Brennholzstapel!«, wimmerte Juliette. »Was willst du von uns unschuldigen, wehrlosen Frauen?«

»Essen!«, sagte der Brennholzstapel.

»Mon Dieu!«, sagte Juliette, weil sie Französin war. Mon Dieu bedeutete Mein Gott. »Willst du uns beide fressen oder reicht dir die Kleine? Willst du das ganze Haus fressen oder …«

»Milchreis!«, sagte der Brennholzstapel.

»Dann setz dich an den Ofen«, sagte Juliette und drehte sich wieder zu ihrem Topf um.

Der Brennholzstapel schwebte zu dem knisternden Holzofen und brach polternd über dem Holzkorb zusammen. Hinter dem eben noch schwebenden Brennholzstapel kam ein sehr winziger Junge zum Vorschein mit einer noch winzigeren Stupsnase und den winzigsten Sommersprossen, die jemals jemand gesehen hat. Er bürstete sich den Schnee vom Pullover und pflückte Birkenspäne aus seinen feuerroten Haaren und den kleinen Ohren.

»Hunger, Bulle?«, fragte Lise.

»Hunger?«, sagte der winzige Junge und schnäuzte sich in den Pulloverärmel. »Lass es mich erklären …«

»Oh nein«, murmelte Lise.

»Als ich diese Polarexpedition angetreten habe unter Einsatz meines Lebens und mit nur einem einzigen Ziel vor Augen«, er streckte einen ganz unglaublich kurzen Zeigefinger vor sich in die Luft, »um Frauen und Kinder … also, allen voran Frauen … vorm Erfrieren und Hungertod zu retten. Mit einfachster Ausrüstung, keinerlei Kommunikationsmitteln oder Navigationsinstrumenten habe ich mich mutterseelenallein durch das Schneeinferno gekämpft, das mehr als einmal drohte, mich lebendig zu verschlingen. Aber ich habe nicht aufgegeben. Weil ich Bulle bin und Bulle lässt sich niemals unterkriegen, Bulle …«

»Bulle war in der Garage, um Brennholz zu holen«, sagte Lise und zeigte aus dem Küchenfenster, wo der Mond den baufälligen Holzschuppen neben dem Gartentor beschien.

»Du triffst den Nagel auf den Kopf«, sagte der Junge, »Und aus genau diesem Grund ist der völlig ausgehungerte, abgemagerte Bulle doch ein wenig enttäuscht, dass die Frauen und Kinder – insbesondere die Frauen –, für die er sein junges Leben riskiert hat, nicht schon ein bisschen weiter in der Zubereitung des …«, Bulle verdrehte die Augen und sackte auf dem Boden zusammen, »… Milchbreis vorangeschritten sind.«

»Bulle, du warst höchstens fünf Minuten weg.«

»Und in weiteren fünf Minuten ist das Essen fertig«, sagte Juliette lachend. »Besonders, wenn du wieder auf die Beine kommst und den Tisch deckst, Bulle.«

Bulle sprang vom Boden auf, hüpfte auf den Spültisch, öffnete die Schranktür und nahm Teller heraus.

In diesem Augenblick knallte es unter ihren Füßen.

»Was war denn das?«, rief Lise erschrocken.

»Ach, bestimmt eine neue Erfindung des lieben Viktor.«

Sie hörten schlurfende Schritte auf der Kellertreppe und gleich darauf betrat ein außergewöhnlich langer klapperdürrer Mann die Küche. Er hatte eine grau zerwuschelte Mähne, einen dünnen Bart, ein breites Lächeln, einen blauen Erfinderkittel und eine Brille, die bei näherer Betrachtung verdächtig wie eine Schwimmbrille aussah. »Geliebte! Freunde!«, sagte er und drückte Juliette einen schmatzenden Kuss auf die Wange. »Heureka!«

»Das heißt Ich habe gefunden«, flüsterte Lise Bulle ins Ohr, der sich neben sie auf die Küchenbank gesetzt hatte.

»Das weiß Bulle doch, meine Kleine«, sagte Bulle. »Und was haben Sie erfunden, Doktor Proktor?«

»Das werde ich euch erzählen, meine Freunde. Ich habe an einer Optimierung von Raspas Zeitseife gearbeitet, damit man für die Reise durch Zeit und Raum keine spezielle Zeitbadewanne mehr benötigt.« Er hielt eine kleine Shampooflasche mit himbeerrotem, flüssigem Inhalt vor sich in die Höhe.

»Die Flüssigseife kann jetzt in jede beliebige Badewanne, jeden Bottich und jedes Becken geschüttet werden. Danach einfach schaumig rühren, untertauchen und an einen weit entfernten Ort und ein Datum weit in der Vergangenheit denken. Und wenn du wieder auftauchst – schwups! –, bist du auch schon dort!«

»Mon amour, du bist ein Genie!«, sagte Juliette und drückte Professor Proktor so fest an sich, dass er einen ganz roten Kopf bekam.

»Jetzt kriegen Sie endlich den Nobelscheiß in Plüsik!«, sagte Bulle, der inzwischen auf der Küchenbank stand. »Dann können Sie die Zeitseife auf der ganzen Welt verkaufen und werden steinreich!«

»Bedauerlicherweise wird daraus wohl nichts werden«, sagte Doktor Proktor lächelnd. »Das sind nämlich die letzten Tropfen von Raspas Zeitseife, und außer Raspa, die verschwunden ist, kennt niemand die Formel. Wir können also keinen Nachschub herstellen.«

»Wovon wir allerdings jederzeit Nachschub herstellen können, ist Milchreis!«, sagte Juliette und stellte den Topf in die Mitte des Tisches. »Fangt an! Mal sehen, ob wir es schaffen, diesen Topf zu leeren!«

Sie stürzten sich auf Juliettes Milchreis. Es gab nämlich nur eine einzige Sache auf der ganzen Welt, die Lise und Bulle noch lieber mochten als Juliettes Milchreis, und das war Doktor Proktors Karamellpudding. Bulle liebte grundsätzlich alles mit Karamellgeschmack, und weil seine Mutter nicht gerade eine Meisterköchin war, hatte er immer eine Flasche Karamellsirup dabei. Bulle hatte im Laufe seines Lebens gelernt, seine Mutter beim Essen abzulenken, (zum Beispiel, indem er »Siebenbeinige Spinne!« rief), damit er blitzschnell und unbeobachtet einen Spritzer Karamellsirup aufs Essen verteilen konnte. Obwohl man schon sagen muss, dass Fischstäbchen mit Karamellsoße etwas seltsam schmecken, und Erbsensuppe mit Karamellsoße weitaus seltsamer.

Aber jetzt befanden sie sich, wie gesagt, in der Küche von Juliette und Doktor Proktor. Und während sie schmatzten und mhmhten, erzählte Juliette Margarine, wie in ihrer reichen Familie in Frankreich in einem riesigen, kalten Schloss Weihnachten gefeiert wurde. Mit festlichem Entenbraten und vielen Bediensteten, aber ohne Freunde oder Verwandte.

»Bei uns war es genau umgekehrt«, sagte Doktor Proktor und stand auf, um das Radio einzuschalten.

»Meine Eltern hatten ein winzig kleines, warmes Haus ohne Bedienstete, aber mit jeder Menge Verwandter an Heiligabend. Es war immer so voll, dass das Haus aus den Nähten zu platzen drohte.«

Er fand den Radiosender mit dem Wunschkonzert, über den Bekannte, Verliebte, Cousinen und Cousins, Freunde, Mitschülerinnen und Kollegen einander Weihnachtsgrüße und Lieblingslieder schickten.

»Alle waren sie Erfinder und quatschten durcheinander, was sie gerade erfunden hatten«, sagte Doktor Proktor. »Wir haben neue Gerichte gegessen, die Mutter und Großmutter erfunden hatten, und beschenkten uns gegenseitig mit selbst erfundenen Dingen.«

»Zum Beispiel?«, fragte Bulle zwischen zwei Löffeln.

»Ach, das konnten Muskelhandschuhe sein, mit denen man tonnenweise Schnee schaufeln konnte, ohne erschöpft zu werden. Oder Skier, mit denen man nicht stürzte. Aber in der Regel waren es irgendwelche Sachen, die harmlos und lustig explodierten. Und in einem Jahr hat Tante Inga eine Pralinenschachtel erfunden, in der alle Pralinen, wenn man den Deckel abnahm, durcheinander brabbelten, wie lecker sie wären. Und am Ende haben alle gleichzeitig gefiepst: Nimm mich! Nimm mich!«

»Ho-ho!«, rief Bulle. »Und hattet ihr auch einen Weihnachtsmann?«

Doktor Proktors Blick schweifte ab, ehe er antwortete. »Mein Vater hat immer irgendwann gesagt, er müsse mal kurz weg, dem Weihnachtsmann helfen. Kurz darauf kam dann der Weihnachtsmann mit ein paar Geschenken. Er blieb nie lange, weil er so viel zu erledigen hatte, wie er meinte, und verschwand genauso schnell, wie er gekommen war.«

»Genauso macht Papa es bei uns zu Hause auch!«, sagte Lise. »Aber ich erkenne an den Schuhen, dass das Papa ist, der sich verkleidet hat.«

»Was ist mit dir, Viktor?«, fragte Juliette. »Hast du deinen Vater auch durchschaut, wenn er jedes Mal kurz nach Verschwinden des Weihnachtsmannes wieder auftauchte?«

»Nein«, sagte Doktor Proktor abwesend und schaute aus dem Fenster. »Mein Vater kam immer erst sehr spät zurück nach Hause, weil es so eine verantwortungsvolle Aufgabe war, dem Weihnachtsmann zu helfen.«

»Ha-ha«, sagte Bulle trocken.

»Das mit den Geschenken klingt jedenfalls spannender als bei mir zu Hause«, sagte Lise. »In unserer Familie schenken wir uns nur vernünftige Sachen. Einen neuen Schulrucksack oder den Mitgliedsbeitrag für das Schulorchester und so weiter. Papa achtet darauf, dass wir in der richtigen Richtung um den Weihnachtsbaum herumgehen, und Mama streicht nach dem Auspacken das Geschenkpapier glatt, damit wir es im nächsten Jahr wieder benutzen können. Und dann schreibt sie auf eine Liste, was die Geschenke ungefähr gekostet haben, damit man im nächsten Jahr was zurückschenken kann, was in etwa so viel kostet.«

»Eine sehr gründliche Mutter«, sagte Doktor Proktor.

Lise lachte. »Letztes Jahr habe ich ein kleines Geschenk bekommen, eingepackt in ein gewöhnliches, bereits beschriebenes Blatt Papier aus einem Schreibblock. Auf der Karte stand nur VOM WEIHNACHTSMANN. In dem Paket war eine Schneekugel, ihr wisst schon, so eine Glaskugel, in der es schneit, wenn man sie schüttelt.«

»Klar weiß ich, was eine Schneekugel ist«, sagte Doktor Proktor. »Die hat nämlich mein Ururgroßvater erfunden.«

»Wie auch immer, Mama war völlig aus dem Häuschen, weil sie nicht weiß, wem sie dieses Jahr ein ähnlich teures Geschenk kaufen soll! Und ich werde ihr nicht verraten, dass es in unserem Bekanntenkreis nur eine Person gibt, die Geschenke so einpackt!«

Juliette und Lise sahen den winzigen, feuerrothaarigen Jungen an, der scheinbar nicht zuhörte und so tat, als würde er auf einer Lufttrompete das aus dem Radio strömende Trompetensolo von »Oh du Frö-hö-liche« spielen.

»Hat er gesagt, dass es von ihm ist?«, fragte Doktor Proktor.

Lise schüttelte den Kopf.

Doktor Proktor kratzte sich im Bart. »Dann kannst du nicht ganz ausschließen, dass es nicht doch vom Weihnachtsmann ist.«

»Hallo!«, stöhnte Lise. »Weihnachtsmann? Ich bin keine zwei Jahre mehr!«

»Das heißt, du glaubst nicht an den Weihnachtsmann?«

»Nein! Sie etwa?«

»Njaaaa …« Doktor Proktor zögerte die Antwort heraus. »Ich glaube nicht an den Weihnachtsmann. Ich weiß ja …«

Juliette räusperte sich laut.

»Was wissen Sie?«, fragte Lise.

»Ich … ähm, weiß …«, sagte Doktor Proktor und sah Juliette an, die ihn warnend anfunkelte.

»Lasst es mich mal so sagen«, sagte Doktor Proktor. »Ich weiß, dass in jüngster Zeit immer weniger Menschen an den Weihnachtsmann glauben, weil der Weihnachtsmann bei den wahnsinnigen Weihnachtseinkäufen, die wir betreiben, immer mehr in den Hintergrund gerät. Inzwischen glauben die Leute mehr an die Weihnachtsangebote aus Herrn Thranes Warenhäusern als an den Weihnachtsmann. Mit jedem Weihnachtsfest verdient Herr Thrane sich eine goldenere Nase, während niemand mehr Interesse am Weihnachtsmann, diesem armen Kerl, und seinen einfachen Geschenken hat.«

»Das hört sich so an, als würden Sie davon ausgehen, dass es den Weihnachtsmann tatsächlich gibt«, sagte Lise lachend.

»Ich …«, begann Doktor Proktor, aber Juliette unterbrach ihn mit einem energischen Räuspern.

»Erzähl du doch mal, wie du Weihnachten feierst, Bulle«, sagte sie.

Bulle gab ein paar seltsame, unterirdische Grunzlaute von sich, bis er genügend Reisbrei geschluckt hatte, damit er sich verständlich artikulieren konnte.

»Hängt ganz davon ab, ob Mama einen Freund hat oder nicht. Wenn ja, mussten meine Schwester und ich früher immer zu Opa, solange er noch lebte. Und der hat uns an Heiligabend dann was vorgelesen.«

»Aus dem Weihnachtsevangelium?«

»Nein«, sagte Bulle und nahm noch Milchreis nach. »Aus Tiere, denen du nie begegnen möchtest.«

»Hört sich gemütlich an.«

»Supergemütlich.« Bulle schob sich einen großen Löffel Brei in den Mund. »Wusstet ihr zum Beispiel, warum man in New York irgendwann angefangen hat, Wolkenkratzer mit Läden in den unteren Etagen und Wohnungen weiter oben zu bauen?«

Die anderen sahen ihn fragend an.

»Wegen der Vampirgiraffen«, klärte Bulle sie auf.

»Neeeeiiiin«, sagte Juliette und beugte sich über den Tisch. »Erzähl!«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen«, sagte Bulle. »Außer dass Vampirgiraffen ganz fürchterliche Vampirzähne haben, mit denen sie zubeißen. Und dann saugen sie Blut und Bier und alles Mögliche …« Er erzeugte einen schlürfenden Laut, als er den Milchreis vom Löffel saugte.

»Ihgitt!«, sagte Lise.

»Zum Glück sind sie nur nachts aktiv«, sagte Bulle. »Dann stapfen sie auf langen, dünnen Beinen durch die dunklen Straßen der Stadt. Die Beine sind so lang und dünn, dass man einfach mit dem Auto unter der Giraffe durchfahren kann. Die meisten Fahrer bemerken sie nicht einmal. Und Vampirgiraffen sind Autos egal, weil sie es auf Bier und Blut abgesehen haben. Was das betrifft, ist es superpraktisch, dass sie so einen langen Giraffenhals haben. Superpraktisch für sie, aber nicht für uns. Mit den langen Beinen und dem langen Hals reichen sie nämlich mindestens bis zur dritten Etage. Wer da gerne bei offenem Fenster schläft …«, Bulle wedelte so mit dem Löffel durch die Luft, dass es Reiskörner regnete, »… sollte sein Schlafzimmer oder seinen Kühlschrank nicht tiefer als im vierten Stockwerk haben.«

»Mon Dieu!«, hauchte Juliette, während Doktor Proktor amüsiert vor sich hin gluckste.

»Aber viel schlimmer sind die Bewohner des Nördlichen Terrortorturiums in Australien dran«, sagte Bulle und riss die Augen auf. »Der abseitigste, unheimlichste Ort auf unserem Globus …«

»Bulle!«, rief Lise.

Juliette zog eine Augenbraue hoch und sah sie an.

»Das denkt er sich doch alles nur aus!«, stöhnte Lise.

»Ja und?«, sagte Juliette. »Erzähl weiter, mon ami.«

»Fliegende Hunde«, sagte Bulle und streckte die Arme zur Seite aus. »Monströse Schnappköter mit Fledermausflügeln. Bei Sonnenuntergang schwirren sie in so riesigen Schwärmen aus ihren Höhlen, dass sich der Himmel verdunkelt. Vor hundert Jahren begannen sie, in dicht besiedelte Gegenden und Städte einzuziehen, laut Großvater wurden sie zur übelsten Tierplage, seit der Tse-Tse-Elefant auf dem afrikanischen Kontinent gewütet hatte.«

Juliette legte erschrocken die Hand vor den Mund.

»Mais non! Und die fliegenden Hunde saugen das Blut aus den Menschen?«

»Blut?«, sagte Bulle und runzelte die Stirn. »Warum um alles in der Welt sollten sie das tun? Wir reden hier von Hunden. Die kacken!«

»Äh … kacken?«, fragte Juliette und sah Doktor Proktor Hilfe suchend an. »Was bedeutet das auf Französisch, Viktor?«

»Das erkläre ich dir später, Liebste.«

»Sie lassen es einfach fallen«, sagte Bulle kopfschüttelnd. »Auf die Haare der Leute, auf ihre Hüte und Glatzen, in die Gärten, auf Dächer, Terrassen und in Schwimmbecken. Und das waren keine Hunde mit Herrchen und Frauchen, die mit Plastiktüten bewaffnet hinter ihnen aufräumen. An manchen Stellen lag die Kacke meterdick. Brauner, schleimiger Brei, in dem die Leute ausrutschten, wateten und manchmal sogar ertranken. Und dann der Gestank! Will übrigens noch jemand Milchreis?«

»Nein danke«, antworteten die drei anderen im Chor und schauten zu, wie Bulle sich den Rest des weißen, schleimigen Breis auf seinen Teller füllte.

»Es gab Abschussprämien auf fliegende Hunde«, erzählte Bulle. »Weil es schlicht und ergreifend zu viele von ihnen gab. Da war es praktisch, dass die Australier so gerne grillen. Kurz vor Sonnenuntergang haben sie ihre Grills angeschmissen, einfach in die Luft geballert und – bums! – ein frisches Hundesteak auf ihrem Rost gehabt. Die bevorzugte Variante war mit Brot, Senf und Ketchup. Großvater meinte, dort wäre die Bezeichnung Hot dog entstanden. Apropos Ketchup …« Bulle zog die Flasche mit dem Karamellsirup aus der Tasche und sah sich den Milchreis auf dem Teller an.

»Schlechte Idee«, meinte Lise.

»Einverstanden.« Bulle schob den Karamellsirup zurück in die Tasche. »Wie auch immer, irgendwann ist Großvater nach Australien gereist, um im TDDNBM etwas über fliegende Hunde zu schreiben.«

»TDDNBM?«, fragte Juliette.

»Tiere, denen du nie begegnen möchtest«, sagten Lise und Doktor Proktor im Chor.

»Und eines Abends – Großvater war bei einem Grillfest eingeladen – krachte etwas anderes auf den Rost«, sagte Bulle. »Sie hatten aus Versehen eine Art fliegenden Bock mit Hörnern und allem Pipapo getroffen!«

Lise schlug sich die flache Hand vor die Stirn.

»Bulle, du lügst!«

»Tu ich gar nicht!«, sagte Bulle.

»Natürlich!« Lise stemmte die Hände in die Seiten. »Dann hol doch bitte schön das Buch von deinem Großvater und zeig mir den fliegenden Bock!«

»Nein, das geht nicht.«

»Ha! Weil du lügst!«

»Kinder, Kinder«, sagte Doktor Proktor, aber Bulle war schon auf den Tisch gesprungen.

»Der ist in dem Buch nicht aufgenommen, weil ein Bock mit so zartem Fleisch nicht unter die Kategorie ›Tiere, denen du nie begegnen möchtest‹ fällt!«, rief Bulle. »Im Gegenteil, das ist ein Tier, über dessen Existenz du dich freust, weil es der beste Sonntagsbraten ist, den man sich vorstellen kann.«

»Gut gesagt, Bulle«, sagte Doktor Proktor. »So gut gesagt, dass du als Preis das Spülen übernehmen darfst.«

»Spülen? Preis?«

»Ja. Und du darfst gerne deine Freundin fragen, ob sie dir beim Abtrocknen hilft.«

Bulle stöhnte, schloss die Augen und ließ den rothaarigen Kopf und die kurzen Arme hängen. Dann hob er wieder den Kopf. Öffnete ein Auge. Das Lise suchte. »Duhuuu, Liiiiise …?«

»Ist ja schon gut!« Lise schleuderte die Serviette weg. »Ich helfe dir ja.« Sie begann, die Teller zusammenzustellen.

Bulle hüpfte neben ihr auf den Boden und schlang die Arme um seine beste Freundin. »Ach Lise, du bist so lieb!«

»Ja, und das nutzt du ständig schamlos aus!«, sagte sie und schlug ihm auf den Kopf, aber nicht wirklich hart, und die Frage ist erlaubt, ob sie dabei nicht sogar ganz leicht lächelte. Denn wenn Lise ehrlich war – was sie eigentlich immer war –, gab es noch ein paar Dinge, die sie lieber als Karamellpudding mochte, und eins davon war Bulle.

Bulle und Lise spülten, während Juliette und Doktor Proktor Kaffee tranken und beim Wunschkonzert mitsummten. Lise erzählte, dass sie sich zu Weihnachten eine bessere Welt wünschte, in der es arme Kinder besser hatten. Sie bemerkte Bulle nicht, der hinter ihr stand, Grimassen schnitt und ausgiebig gähnte. Danach erklärte Bulle, dass er sich ein paar Tropfen Zeitseife wünschte, mit der er ins Jahr 1922 zur Roten Mühle nach Paris reisen konnte, um den Cancan auf der Bühne zu sehen.

»Ich liiiiiebe Cancan-Tänzerinnen«, schwärmte Bulle verträumt mit geschlossenen Augen und bekam nicht mit, dass Lise hinter seinem Rücken Grimassen schnitt und Hasenohren machte.

In der gleichen Sekunde verstummten alle vier, als sie im Radio Doktor Proktors Namen hörten.

»… nächste Lied hat Doktor Proktor für seine Liebste Juliette Margarine ausgesucht, und er wünscht allen Bewohnern der Kanonenstraße, auch Lise und Bulle, ein richtig frohes Weihnachtsfest!«

Ein zweireihiges Knopfgriffakkordeon begann, zu spielen und eine Frau französisch dazu zu singen.

»Edith Piaf!« Juliette lachte.

»Worüber singt sie?«, fragte Lise.

»Über etwas Romantisches, das in der Mitte ein bisschen traurig ist«, sagte Juliette. »Aber hört zu, jetzt wird es lustig!«

Doktor Proktor tanzte mit Juliette durch die Küche und Lise forderte Bulle zum Tanzen auf, der nur unter der Bedingung zustimmte, dass sie Cancan tanzten.

Lise und Bulle stellten sich nebeneinander, stemmten die Hände an die Hüften und schleuderten die Beine so hoch in die Luft, wie sie konnten, wobei sie laut »Cancan!« riefen.

»WIR MELDEN UNS JETZT MIT EINER SONDERNACHRICHTENSENDUNG! DER KÖNIG HAT WEIHNACHTEN AN HERRN THRANE VERKAUFT!«

Die Stimme im Radio setzte so abrupt ein und der nächste Satz war so schockierend, dass Doktor Proktor und Juliette mitten in einer Pirouette ausrutschten und Bulle und Lise mit jeweils einem Bein in der Luft hintenüberkippten.

»HERR THRANE TUT HIERMIT KUND, DASS ES AB SOFORT ALLEN PERSONEN STRENGSTENS UNTERSAGT IST, WEIHNACHTEN ZU FEIERN, WENN SIE NICHT FÜR MINDESTENS 10.000 KRONEN* IN EINEM SEINER WARENHÄUSER EINGEKAUFT HABEN.«

* das sind 1.000 €, Anm. d. Übersetzter

Kapitel 2

Noch immer fünf Tage bis Weihnachten

Lise und Bulle rannten aus dem blauen Haus ganz hinten in der Kanonenstraße und stürmten durch das Gartentor.

Auf der Treppe eines der anderen Häuser stand ein Kinderchor und sang »Alle Jahre wieder«, während Frau Madsen wie alle Jahre wieder den Taktstock schwang. In einem Garten auf der anderen Straßenseite stand ein Mann auf einer Leiter und schmückte den Apfelbaum mit Lametta, blinkenden Lichtern und als krönenden Abschluss mit einer rot-weißen Mütze.

»Hallo, Bulle, hallo, Lise«, sagte ein kleines Mädchen mit Weihnachtsmütze, das mitten auf der Straße auf einem Schlitten saß und zu ihnen aufblickte. »Dlaubt ihr, dass der Weihnachtsmann bald tommt?«

»In einhundertundzwei Stunden«, sagte Bulle. »Fang schon mal an zu zählen.«

»Eins, fei, grei, vier…«

An den Eingängen zur Kanonensraße 14 und Kanonenstraße 15 blieben Lise und Bulle stehen.

»Glaubst du, das stimmt, Bulle, dass es vielleicht kein Weihnachten gibt?«

»Ach, Blödsinn«, sagte Bulle. »Guck dich doch mal um, hier ist alles wie immer an Weihnachten.«

»Ja, aber …«

»Lass uns schlafen gehen, Lise. Und wenn wir morgen aufwachen, stellen wir fest, dass alles nur ein Traum war.«

»Ein schlechter Traum.«

»Schlechter als ein Das-Monster-verfolgt-dich-durchs-Moor-Albtraum!«

»Versprichst du mir das?«

»Vertrau mir, Lise. Ich habe schon Schlimmeres geträumt als das, was wir gerade träumen. Und heute Abend spiele ich Frö-hö-liche Weihnacht überall für dich.«

»Okay.«

Damit verschwand Lise in dem roten und Bulle in dem gelben Haus.

»Ist das nicht schockierend?«, sagte Lises Mutter, die in einem Sessel saß und strickte, als Lise ins Wohnzimmer kam.

»Schrecklich«, brummte der Kommandant, der mit zurückgekippter Lehne in seinem Sessel lag. Er machte den Fernseher lauter: »DIE THRANE AG BESITZT DAMIT DIE RECHTE AN ALLEM, WAS MIT WEIHNACHTEN ZU TUN HAT. DAS HEISST, DASS AB SOFORT NIEMAND MEHR OHNE HERRN THRANES GENEHMIGUNG WEIHNACHTEN FEIERN DARF. ES IST STRENG VERBOTEN, OHNE DIESE GENEHMIGUNG WEIHNACHTSLIEDER ZU SINGEN, WEIHNACHTSKEKSE ZU BACKEN, WEIHNACHTSESSEN ZU ESSEN, WEIHNACHTSGESCHENKE ZU MACHEN, WEIHNACHTSGOTTESDIENST ZU FEIERN ODER AUCH NUR ›FROHE WEIHNACHTEN‹ ZU WÜNSCHEN. HERR THRANE VERKÜNDET IN SEINER PRESSEMELDUNG, DASS ES AUSNAHMEGENEHMIGUNGEN NUR FÜR REGISTRIERTE WEIHNACHTSMITGLIEDER GIBT. UND MITGLIED KANN NUR WERDEN, WER BIS WEIHNACHTEN FÜR MINDESTENS 10.000 KRONEN WEIHNACHTSGESCHENKE IN EINEM VON THRANES KAUFHÄUSERN GEKAUFT HAT. WÖRTLICH HAT THRANE AUF EINER PRESSEKONFERENZ AM FRÜHEN ABEND GESAGT …«

»Uiuiuiuiui«, machte die Mutter, als das runde, dralle Gesicht ihres früheren Nachbarn in der Kanonenstraße den Bildschirm ausfüllte. Unter dem schmatzenden Mund mit den speichelfeuchten Lippen schwabbelte mindestens ein Trippelkinn. Der Mund öffnete sich und begann zu sprechen: »ICH, HERR THRANE, WARNE JEDEN, DER GEGEN DIE REGELN VERSTÖSST. UNSERE GESELLSCHAFT, DIE THRANE AG, HAT EIGENS EINE WEIHNACHTSPOLIZEI AUFGESTELLT, DIE DIE EINHALTUNG DER REGELN ÜBERWACHT. UND DIESE POLIZEI PATROULLIERT AB … JETZT!«

Herr Thrane schob das Gesicht und den Mund so nah an die Kamera heran, dass die Linse beschlug, als er flüsterte: »DU JÄMMERLICHER GEIZKRAGEN DA DRAUSSEN, PASS BLOSS AUF, WENN DU NOCH NICHT FÜR 10.000 KRONEN EINGEKAUFT HAST UND TROTZDEM GERADE DEINE WEIHNACHTSKERZEN ANZÜNDEN ODER EINEN WEIHNACHTSKEKS ESSEN WILLST: MACH DAS STREICHHOLZ AUS UND LEG DEN KEKS ZURÜCK IN DIE DOSE! UND ZWAR SOFORT!«