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Miguel de Cervantes' "Don Quijote" gilt als Wegbereiter des modernen Romans und entführt die Leser in die Welt eines von Ritterromanen besessenen Bauern, der beschließt, selbst zum Ritter zu werden. Der Text ist reich an satirischen Elementen und stellt die Ideale des Rittertums in einer sich wandelnden Gesellschaft in Frage. Cervantes nutzt einen innovativen narrativen Stil, der zwischen den Ebenen der Realität und der Phantasie oszilliert, wodurch er tiefgreifende Themen wie Identität, Wahnsinn und den Konflikt zwischen individuellem Traum und gesellschaftlicher Norm erkundet. Cervantes, ein Zeitzeuge der spanischen Literatur und Kultur des 16. Jahrhunderts, erlebte selbst viele Höhen und Tiefen in seinem Leben, darunter Gefangenschaft und Armut. Diese Erfahrungen prägten seinen Schreibstil und seine Sicht auf die menschliche Natur, die im "Don Quijote" eindringlich zur Sprache kommt. Sein Werk reflektiert nicht nur die Herausforderungen seiner Zeit, sondern auch die universellen Kämpfe des Menschen auf der Suche nach Sinn und Ehre. "Don Quijote" ist ein unverzichtbares Werk, das zahlreiche Generationen inspiriert hat und auch heute noch relevant ist. Es lädt den Leser ein, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu hinterfragen und bietet zeitlose Einsichten in die menschliche Condition. Ob Sie sich für Literatur, Philosophie oder einfach für fesselnde Geschichten interessieren, dieses Buch wird Ihren Horizont erweitern und zum Nachdenken anregen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Ein Mann verwechselt die Macht der Vorstellung mit der Ordnung der Welt. Aus dieser Reibung von Ideal und Wirklichkeit erwächst ein Roman, der gleichermaßen komisch, anrührend und beunruhigend ist. Don Quijote von Miguel de Cervantes de Saavedra erzählt von der unerschütterlichen Entschlossenheit, nach Regeln zu handeln, die längst veraltet scheinen, und von der Frage, ob Treue zu einem inneren Bild stärker sein kann als jede äußere Tatsache. Das Werk führt seine Leserinnen und Leser an die Bruchstelle, an der ein Mensch mit Geschichten die Welt deutet – und entdeckt die Konsequenzen, die entstehen, wenn Geschichten beginnen, die Welt zu gestalten.
Verfasst vom spanischen Autor Miguel de Cervantes Saavedra, erschien der erste Teil 1605, der zweite 1615 – in der Blüte des spanischen Siglo de Oro. Cervantes schöpfte aus einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche, wachsender Buchmärkte und müder Ritterideale. Mit Don Quijote parodierte er die überlieferten Ritterromane und überschritt zugleich ihre Grenzen, indem er Alltagswirklichkeit, psychologische Feinheiten und erzählerische Selbstreflexion verband. Das Ergebnis war ein neuartiger Prosatext, der das Romanwesen Europas nachhaltig prägt. Diese schöpferische Mischung aus Tradition und Innovation begründet den Rang des Buches als Meilenstein der Weltliteratur und öffnet bis heute den Blick auf die Möglichkeiten erzählter Wirklichkeit.
Im Zentrum steht ein hidalgo aus La Mancha, der sich, befeuert von Lektüren, zum fahrenden Ritter erklärt. Er wählt einen Namen, rüstet ein schlichtes Pferd und weiht seine Unternehmungen einer erdachten Dame. Bald zieht er aus, um Unrecht zu sühnen, Schwachen beizustehen und Ruhm zu erwerben. Dabei begegnet er Menschen aller Stände und erlebt, wie seine hohen Maßstäbe auf die schnöde Praxis des Alltags treffen. Ein Nachbar, Sancho Panza, wird zu seinem Knappe und bringt Erdverbundenheit und Witz in die Gespanne ihrer Wege. Mehr als die Umstände zählt stets das Ringen beider um Sinn, Würde und Handlungsspielraum.
Als Klassiker gilt Don Quijote, weil er frühe Formen des modernen Romans bündelt: eine offene Struktur, Figuren mit inneren Konflikten, einen vielstimmigen Ton und eine Welt, die nicht bloß Bühne, sondern Prüfstein der Ideen ist. Das Buch ist zugleich Parodie, Komödie, Satire, Roadmovie avant la lettre und eine Studie des menschlichen Willens. Seine Kunst besteht darin, das Lächerliche nie ohne Mitgefühl zu zeigen und das Erhabene nie ohne Bodenhaftung. In dieser Balance liegt seine Unerschöpflichkeit: Jede Generation erkennt eigene Fragen wieder, ohne dass die historische Eigenart der Erzählung verlorengeht.
Die Erzählweise ist bewusst vielschichtig. Cervantes spielt mit Erzählinstanzen, Quellen und angeblichen Dokumenten und lässt so die Grenze zwischen erfundener und überlieferter Geschichte flimmern. Einschübe, Nebenhandlungen und Stimmenvielfalt erzeugen einen Eindruck von Weltfülle, der über die lineare Abfolge von Abenteuern hinausgeht. Dabei bleibt der Ton beweglich: ironisch, derb, höfisch, nüchtern – je nachdem, wer spricht und mit welcher Absicht. Diese poetische Selbstbeobachtung macht den Text nicht hermetisch, sondern einladend: Lesende werden zu Mitgestaltenden, die entscheiden, wie ernst, wie kritisch oder wie heiter sie das Geschehen deuten wollen.
Berühmt ist das ungleiche Paar: der ritterliche Enthusiast und sein sachlicher Begleiter. Don Quijotes Sprache schwingt in hohen Registern, während Sancho Panza die Welt mit Bauernschläue, Sprichwörtern und praktischer Klugheit erdet. Aus dieser Spannung erwächst ein dialogisches Denken, das die Handlung antreibt: Vision steht gegen Erfahrung, Prinzip gegen Nutzen, kühner Mut gegen vorsichtige Berechnung. Die Zuneigung der beiden ist nie sentimental, aber spürbar; ihre Reibung nie bloß komisch, sondern erkenntnisreich. So wird ihre Partnerschaft zum Prüfstand des Menschlichen: Wie lässt sich Treue bewahren, ohne blind zu werden, und Realismus üben, ohne zu verflachen?
Zentrale Themen durchziehen das Werk mit beständiger Kraft. Es fragt, welche Wirklichkeit gültig ist: die des Augenscheins oder die der Bedeutung, die wir den Dingen geben. Es reflektiert die Macht von Büchern, die Trösten, Bilden und Verstören zugleich können. Es verhandelt Gerechtigkeit und Gewalt, Ehre und Scham, Armut und Ansehen, Gastfreundschaft und Täuschung. Oft sind Missverständnisse Motor der Ereignisse, doch dahinter liegt eine ethische Prüfung: Welchen Preis hat Konsequenz? Was schulden wir anderen, wenn unsere Überzeugungen mit ihren Bedürfnissen kollidieren? Die Antworten bleiben offen – und genau darin liegt die bleibende Würde des Textes.
Don Quijote ist Parodie und mehr als Parodie. Indem der Roman die Muster des Ritterbuchs überzeichnet, zeigt er ihre Lächerlichkeit – und entdeckt zugleich die Sehnsucht, die sie nährt. Zugleich nimmt er Züge der Schelmenliteratur, der Pastoral- und Liebesgeschichten, der Reise- und Gesellschaftserzählung an. Herbergen, Straßen, Felder und Dörfer treten als konkrete Schauplätze hervor; Gewerbe, Sitten und Sprechweisen verleihen der Welt Kontur. Diese Durchdringung von Fantasie und Alltag erzeugt eine neuartige Textur des Realismus: Nicht die Abwesenheit des Wunderbaren, sondern das soziale Gefüge wird zur Bühne, auf der Einbildung und Erfahrung miteinander ringen.
Der Roman wurde früh viel gelesen und rasch europaweit rezipiert. Er prägte Vorstellungen vom Roman als Form und hinterließ Spuren in späteren Meisterwerken, die Ironie, Selbstreflexion und Figurenpsychologie schätzten. Dass Namen und Motive aus Don Quijote zum kulturellen Gemeingut wurden, zeugt von dieser Wirkung. Zahlreiche Autorinnen und Autoren – von satirischen Erzählern bis zu psychologisch feinen Realisten – setzten sich mit dem Buch auseinander, widersprachen ihm, variierten es, antworteten darauf. Der Text erschöpft sich nicht in einer Schule, sondern wirkt als großzügiges Reservoir, das unterschiedliche poetische Programme aus sich heraus ermöglicht.
Die Entstehungszeit war von religiösen, politischen und ökonomischen Spannungen geprägt; in diese Welt stellt Cervantes eine Figur, deren inneres Gesetz stärker ist als äußere Zwänge. Darin spiegelt sich ein neues Verständnis von Subjektivität: Der Einzelne tritt als Handelnder hervor, der sich über Erzählen und Erinnern vergewissert, wer er ist. Zugleich wird sichtbar, wie Gemeinschaft entsteht – durch Vereinbarungen, Missverständnisse und geteilte Geschichten. Don Quijote zeigt, wie gefährlich Starrsinn sein kann und wie fruchtbar Beharrlichkeit wird, wenn sie sich mit Empathie verbindet. Der Roman tastet die Grenze aus, an der Prinzipientreue in Dialogbereitschaft umschlägt.
Heutige Lektüren entdecken ein Buch, das trotz historischer Distanz bemerkenswert zugänglich bleibt. Sein Witz ist anschaulich, seine Szenen sind klar gebaut, seine Reflexionen laden ohne akademische Hürden zum Mitdenken ein. Unterschiedliche Übersetzungen eröffnen verschiedene Klangfarben; alle bringen die Beweglichkeit von Ton und Rhythmus zur Geltung. Wer das Werk erstmals liest, findet eine Folge von Unternehmungen, Gesprächen und Begegnungen, an denen man Vergnügen haben kann, ohne jeden Anspielungsreichtum zu kennen. Wer es wiederliest, entdeckt die leise Kunst der Komposition und die Großzügigkeit, mit der der Text seine eigenen Voraussetzungen sichtbar macht.
Darum ist Don Quijote heute relevant: Er erinnert daran, dass Menschen durch Geschichten handeln – und dass sie Verantwortung tragen für die Bilder, die sie der Welt überstülpen. Er zeigt, wie Humor Ernüchterung erträglich macht und wie Mitgefühl Kritik schärfer, nicht stumpfer werden lässt. Zeitlos sind seine Qualitäten der Nuancierung, der offenen Frage, der sprachlichen Beweglichkeit. Der Roman lädt dazu ein, den Mut zur Idee nicht aufzugeben, ohne die Augen vor den Tatsachen zu schließen. In dieser doppelten Haltung liegt eine Lesekunst, die das Hier und Jetzt erhellt.
Don Quijote von Miguel de Cervantes Saavedra, in zwei Teilen 1605 und 1615 erschienen, gilt als Grundstein des europäischen Romans. Cervantes verbindet Komik, Gesellschaftskritik und Selbstreflexion der Literatur. Im Mittelpunkt steht ein Landadliger, der sich von Ritterromanen zu Abenteuern inspirieren lässt. Der Text folgt seinen Unternehmungen und den Reaktionen einer realistischen Umwelt, die seine Vorstellungen nicht teilt. Dabei entfaltet der Roman ein Panorama Spaniens zwischen Stadt und Land, Adel und Volk, Glaube und Alltag. Zugleich prüft er, wie Erzählungen Wünsche formen, Wahrnehmung lenken und Handeln motivieren. Diese Spannung trägt die Handlung und rahmt die Figurenentwicklung.
Im ländlichen La Mancha lebt Alonso Quijano, ein belesener, etwas zurückgezogener Hidalgo. Die Lektüre der Ritterromane entzündet seine Einbildungskraft, bis er sich als fahrender Ritter versteht. Er wählt den Namen Don Quijote, tauft sein klappriges Pferd Rocinante und erwählt die Bäuerin Aldonza Lorenzo als ideale Dame unter dem poetischen Namen Dulcinea del Toboso. Mit altertümlicher Rüstung und großem Ernst zieht er aus, Unrecht zu bekämpfen. Doch die Wirklichkeit begegnet ihm mit Spott, Missverständnissen und handfesten Rückschlägen. Die frühen Ausfahrten enden nicht mit Ruhm, sondern mit Verletzungen und Ernüchterung, ohne seine Überzeugung grundsätzlich zu erschüttern.
Für eine zweite, entschlossenere Unternehmung gewinnt Don Quijote den Nachbarn Sancho Panza als Knappen, gelockt von der Aussicht auf Belohnungen und eine Insel. Es formiert sich ein ungleiches Paar: der idealistische, wortgewaltige Ritter und der praktisch veranlagte, sprichwörtliche Bauer. Auf den Straßen begegnen sie Wirten, Händlern und Bauern, die in die Rollen geraten, die Don Quijote ihnen zuschreibt. Berühmt wird die Episode der Windmühlen, die er für Riesen hält. Immer wieder verschiebt seine Lesart die Wirklichkeit, während Sancho versucht, sie zu erden. Komik entsteht aus dieser Kluft, doch auch eine ernsthafte Frage nach Wahrnehmung und Deutungshoheit.
In weiteren Abenteuern erklärt Don Quijote ein Barbierbecken zum legendären Helm und mischt sich in Angelegenheiten ein, die er für Ritterfälle hält. Er befreit verurteilte Galeerensträflinge, überzeugt, Gerechtigkeit zu üben, und zieht sich damit den Unmut der Behörden zu. Jeder Versuch, das Ideal der ritterlichen Hilfsbereitschaft zu leben, erzeugt neue Konflikte, weil soziale Regeln, Eigentum und Gewaltmonopole auf dem Spiel stehen. Aus der Diskrepanz zwischen Absicht und Ergebnis erwächst Satire auf eine Gesellschaft, die sich selbst widerspricht. Zugleich bleibt Don Quijotes Ethos ernst genommen: Der Text zeigt, wie ein hochgesinntes Ideal an den Grenzen der Wirklichkeit scheitern kann.
Als die Strapazen zunehmen, flieht Don Quijote in den Bergen in eine Art ritueller Buße, um seiner angebeteten Dulcinea treu zu sein. Seine Freunde, ein Pfarrer und ein Barbier, die um sein Wohlergehen besorgt sind, ersinnen eine List, ihn heimzuführen. Maskerade, Spiel und vorgetäuschte Zauberei werden zu Werkzeugen, um einen Leser der Ritterromane in seine Realität zurückzuleiten. Doch die Rettung ist nicht eindeutig: Der Roman zeigt, wie schwer es ist, zwischen Fürsorge, Spott und Bevormundung zu unterscheiden. Don Quijotes Glauben an Verzauberungen bleibt ungebrochen, und die Frage, wer hier täuscht, bleibt offen.
Der zweite Teil setzt ein, nachdem Don Quijotes frühere Taten im Land bekannt geworden sind. Figuren begegnen ihm, die den ersten Teil gelesen oder davon gehört haben, und arrangieren Szenen, um ihn zu prüfen oder zu belustigen. Cervantes reflektiert damit die Wirkung von Literatur und reagiert auf eine unechte, fremde Fortsetzung, die im Umlauf war. Don Quijote meidet Orte, die mit jener fremden Version verknüpft sind, und führt seinen Weg nach Osten bis nach Barcelona. Dort bieten Begegnungen mit Druckern und Lesern Anlass, Autorschaft, Wahrheit und Nachahmung zu verhandeln. Die Handlung wird explizit metapoetisch.
Besonders einflussreich werden die Begegnungen mit einem adligen Paar, das die Berühmtheit des Ritters auskostet. Es inszeniert prachtvolle Spektakel und Prüfungen, die Don Quijotes Vorstellungen bestätigen sollen, während das Gefolge ihn zugleich zum Narren hält. Sancho erhält in diesem Rahmen die Möglichkeit, eine Art Regierung über ein fiktives Gebiet zu erproben. Die Episoden verbinden Komik mit scharfer Sozialkritik: Macht setzt Bühne und Regeln, während die Untergebenen die Folgen tragen. Sancho zeigt überraschende Urteilskraft und Gerechtigkeitssinn, und Don Quijote beharrt auf seinem Ehrenkodex. Beide geraten in moralische Dilemmata zwischen Menschlichkeit, Ordnung und Schein.
Im Verlauf dieser Prüfungen vertieft sich die Beziehung zwischen Ritter und Knappe. Don Quijote lernt, Sancho zuzuhören, und Sancho übernimmt bisweilen Elemente ritterlicher Großmut. Aus dem Gegensatz entsteht ein Dialog über Freiheit, Pflicht und die Würde armer Leute. Gleichzeitig verschärfen sich die Fragen nach dem Preis der Vorstellungskraft: Wann stiftet sie Trost und Würde, wann verführt sie zur Blindheit? Immer häufiger kollidiert das Bedürfnis, eine edle Geschichte zu leben, mit den Ansprüchen einer nüchternen Welt. Trotz Rückschlägen bleibt ihre Loyalität ein Halt, der beide verändert, ohne ihre charakteristische Spannung aufzulösen.
Don Quijote wirkt über seine Handlung hinaus als Reflexion über das Erzählen selbst. Der Roman löst das Versprechen der Ritterromane nicht ein, sondern prüft, was Menschen Literatur antut – und was Literatur mit Menschen macht. Er entlarvt leere Konventionen, verteidigt zugleich Empathie, Mut und die Kraft der Einbildung. Am Ende führt der Weg der Gefährten zu einer ernsten Auseinandersetzung mit Grenzen, Verantwortung und Selbstbild, ohne dass die Komplexität ihrer Bindung reduziert würde. So bleibt eine nachhaltige Botschaft: Wirklichkeit und Imagination sind Gegenspieler und Partner zugleich – und die Würde des Menschen entscheidet sich dazwischen.
Don Quijote erschien in zwei Teilen in den Jahren 1605 und 1615 im Spanien der Habsburger. Unter Philipp III. (Regierungszeit 1598–1621) prägten die katholische Gegenreformation, die Inquisition und eine stark zentralisierte, zugleich aber zusammengesetzte Monarchie das öffentliche Leben. Madrid fungierte als Hof- und Verwaltungszentrum, mit einer temporären Verlegung nach Valladolid zwischen 1601 und 1606. Die erzählte Welt liegt vor allem in La Mancha, einer dünn besiedelten, agrarisch geprägten Hochebene Kastiliens. Dominante Institutionen waren Krone, Kirche, kommunale Räte und Zünfte, deren Normen Alltagsverhalten, Ehrvorstellungen und wirtschaftliche Abläufe steuerten. In diesem Rahmen entfaltet Cervantes eine Handlung, die direkt auf zeitgenössische Strukturen reagiert.
Miguel de Cervantes Saavedra (1547–1616) wuchs in einem Spanien auf, das von Kriegen, Migration und Verwaltungsexpansion geprägt war. Als Soldat nahm er 1571 an der Seeschlacht von Lepanto teil, wo er bleibend an der linken Hand verletzt wurde. 1575 geriet er in Gefangenschaft und verbrachte bis 1580 Jahre als Sklave in Algier, bevor er freigekauft wurde. Zurück in Kastilien arbeitete er als königlicher Versorgungsbeauftragter und später als Steuereintreiber in Andalusien, geriet jedoch wegen Abrechnungsstreitigkeiten zeitweise ins Gefängnis. Diese Erfahrungen mit Militär, Gefangenschaft und Bürokratie, aber auch mit unterschiedlichen sozialen Milieus, bilden einen überprüfbaren Hintergrund für viele Schauplätze und Figurenkonstellationen des Romans.
Cervantes’ Lebenszeit fiel in eine Phase intensiver imperialer Auseinandersetzungen. Die Habsburgermonarchie führte im Mittelmeer Krieg gegen das Osmanische Reich und nordafrikanische Korsaren, während in Nordeuropa der Aufstand der Niederlande seit 1568 andauerte und 1588 die gescheiterte Armada-Expedition gegen England stattfand. Diese Konflikte erzeugten große Kontingente von Veteranen, Verwundeten und Entwurzelten, die in Städten und auf Landstraßen präsent waren. Zugleich blieb das Galeerwesen als Straf- und Militärinstitution bis ins 17. Jahrhundert hinein bedeutsam. Der Roman spiegelt diese Welt mit Soldaten auf der Durchreise, Strafgefangenen und Geschichten von Küstengefangenschaft, ohne dokumentarisch zu sein, aber in enger Nähe zu sozial sichtbaren Folgen der Kriegsökonomien.
Ökonomisch stand Kastilien unter dem Eindruck der Preisrevolution seit dem späten 16. Jahrhundert, mit anhaltender Inflation, genährt durch amerikanisches Silber und fiskalische Defizite. Der Staat finanzierte Kriege über Anleihen (juros), den Verkauf von Ämtern und wiederholte Steuererhöhungen, während unter Philipp III. der Favorit, der Herzog von Lerma, die Hofpolitik dominierte. Die zeitweilige Verlegung des Hofes nach Valladolid (1601–1606) veränderte Märkte und Verkehrsflüsse spürbar. Für breite Schichten bedeuteten diese Entwicklungen Schuldenlast, Landflucht und eine Zunahme prekärer Erwerbstätigkeiten. Don Quijote begegnet Wirten, Tagelöhnern, Beamten und Gläubigern in Situationen, die diese ökonomische Druckkulisse erkennen lassen, etwa in Streitigkeiten um Zahlungen, Preise und Rechte unterwegs.
Die Wahl La Manchas als Hauptschauplatz verankert den Roman in einer Region, die durch Getreideanbau, Schafzucht und weite, windanfällige Ebenen geprägt war. Die mächtige Mesta, der Verband der Transhumanz-Schäfer, kollidierte häufig mit den Interessen sesshafter Bauern und kleiner Grundbesitzer. In diesem Umfeld lebten zahlreiche verarmte Hidalgos, Angehörige eines niederen Adels, der Ehre und Abstammung hochhielt, ökonomisch jedoch oft auf der Kippe stand. Windmühlen, die sich seit dem 16. Jahrhundert verbreiteten, symbolisierten technische Anpassungen an die Landschaft. Diese Konstellationen erklären die soziale Lage des Protagonisten: ein standesbewusster, aber materiell prekärer Landedelmann, der in einer Übergangsgesellschaft nach alten Sinnordnungen greift.
Die frühneuzeitliche Gesellschaft Spaniens wurde von Ehrvorstellungen und der Ideologie der limpieza de sangre, der „Reinheit des Blutes“, durchzogen, die Zugang zu Ämtern und Orden beeinflusste. Familienstrategien zielten auf standesgemäße Heiraten, während das Tridentinum (1545–1563) kirchenrechtliche Anforderungen an Eheschließungen – etwa Priesterpräsenz und Zeugen – präzisierte. Pfarreien verwalteten Taufen, Ehen und Begräbnisse; Stadträte und königliche Amtsträger überwachten Märkte und Ordnung. Der Roman greift diese Normen in Konflikten um Ehre, Zustimmung und Reputation auf. Dabei zeigt sich, wie stark rechtlich-kirchliche Regelwerke und soziale Erwartungshorizonte das Handeln Einzelner rahmten, gerade wenn individuelle Wünsche oder ökonomische Zwänge dagegenstanden.
Die Gegenreformation prägte Frömmigkeitspraktiken, Bildung und Publizistik. Orden wie die Jesuiten betrieben Schulen und Kollegien, während die Inquisition Glaubensabweichungen verfolgte und zusammen mit Krone und Universitäten den Buchmarkt überwachte. Druckwerke benötigten Privileg, Zensurfreigabe und Preisfestsetzung (tasa); entsprechende Genehmigungen stehen im Paratext vieler Ausgaben. Cervantes spielt im Prolog und an anderer Stelle mit diesem Regulierungsrahmen und der Autorität gelehrter Gutachter. Zugleich spiegelt die Allgegenwart von Beichten, Predigten und Heiligenkult die konfessionelle Verdichtung der Zeit. Ohne Frontalangriff auf die Institutionen zu führen, erzeugt der Roman Distanz durch Ironie und Vielstimmigkeit, die dogmatische Eindeutigkeiten bewusst unterläuft.
Der Buchdruck hatte sich seit dem späten 15. Jahrhundert auf der Iberischen Halbinsel etabliert; um 1600 existierte ein ausgebauter Markt mit Offizinen in Städten wie Madrid, Valladolid, Salamanca und Sevilla. Lizenzierte Drucker wie Juan de la Cuesta brachten 1605 den ersten Teil von Don Quijote heraus. Bücher zirkulierten über Buchläden, Messen und fahrende Händler, wurden oft gemeinschaftlich vorgelesen und erreichten so auch Hörer jenseits enger Leserschichten. Besonders beliebt waren Ritterromane, Schäferdichtungen und die pikareske Literatur. Cervantes nutzt diese lebendige Lesekultur als Motor der Handlung: Lektüre löst Handlungsimpulse aus, und Gespräche über Bücher strukturieren soziale Begegnungen.
Die Ritterromane der Vorzeit, etwa Amadís de Gaula und seine unzähligen Fortsetzungen, hatten seit dem 16. Jahrhundert eine Massenwirkung entfaltet. Sie boten heroische Abenteuer, überhöhte Liebesdiskurse und eine Welt klarer Tugendcodes. Cervantes knüpft bewusst daran an, um die Gattung zugleich zu parodieren und zu prüfen. Die berühmte Episode der bibliographischen Begutachtung einer Sammlung von Ritterbüchern – mit verordneten „Verbannungen“ oder „Begnadigungen“ – spiegelt in satirischer Form die damalige Debatte um Nutzen und Schaden dieser Lektüren sowie um Zensurverfahren. Der Text kritisiert nicht pauschal das Lesen, sondern eine unkritische Aneignung veralteter Ideale in einer komplexer gewordenen Gesellschaft.
Parallel zur Rittertradition hatte sich die pikareske Erzählweise etabliert, seit Lazarillo de Tormes (um 1554) und später Guzmán de Alfarache (1599/1604). Sie zeigte Armut, Betrug, Hunger und soziale Mobilität von unten, oft mit schneidendem Realismus. Don Quijote integriert Elemente dieser Perspektive, wenn Wirte, Bauern, Barbier, Studenten oder Beamte mit ihren Interessen und Tricks auftreten. An die Stelle idealisierter Höfe treten Straßen, Herbergen und Randzonen. So entsteht eine literarische Mischform, die zugleich Gattungen kommentiert: Der „Ritter“ bewegt sich durch eine pikareske Wirklichkeit, deren materielle Zwänge seine idealistische Weltsicht beständig herausfordern und dadurch reflektierbar machen.
Die Rechtsordnung auf dem Lande wurde wesentlich durch die Santa Hermandad, lokale Milizen und die königlichen Corregidores gesichert. Straßenraub, Schmuggel und Vagabundage galten als wiederkehrende Probleme; die Gerichte verhängten Strafen von Geldbußen bis zu Galeerenjahren. Herbergen (ventas) fungierten als Umschlagplätze für Nachrichten, Waren und Gerüchte, aber auch als Konfliktzonen über Preise, Zuständigkeiten und Ehre. Der Roman nutzt diese Institutionen nicht als Kulisse exotischer Abenteuer, sondern als vertrautes Inventar des Alltags. Wenn Amtsträger einschreiten oder Strafkolonnen passieren, verweist das auf reale Mechanismen von Ordnung und Gewaltmonopol, wie sie im frühneuzeitlichen Kastilien institutionalisiert waren.
Literarisch gehört Don Quijote in das Siglo de Oro, eine Blütezeit spanischer Künste zwischen etwa Mitte des 16. und Mitte des 17. Jahrhunderts. Auf den Theaterbühnen dominierten Lope de Vega und später Calderón; in den Städten entstanden feste Spielstätten (corrales de comedias), und Wandertruppen verbreiteten die comedia nueva. Cervantes selbst schrieb Dramen, erreichte aber nicht die Bühnenpräsenz Lopes. Mit den Novelas ejemplares (1613) zeigte er prosaische Vielfalt und urbane Stoffe. Diese kulturelle Dichte erklärt die intertextuelle Energie des Romans: Stücke, Gedichte, Balladen und Prosamodi klingen an und werden durch Dialoge und eingeschobene Erzählungen kommentiert.
Autoren waren in hohem Maß auf Patronage und auf das Druckprivileg angewiesen. Cervantes widmete den ersten Teil einem Hochadeligen, dem Herzog von Béjar, während der zweite Teil dem Grafen von Lemos zugeeignet wurde. Der wirtschaftliche Ertrag aus einmaligen Autorenhonoraren war begrenzt; Nachdrucke und ausländische Editionen lagen oft außerhalb der Kontrolle des Verfassers. Trotzdem zirkulierte Don Quijote rasch in mehreren Auflagen innerhalb weniger Jahre. Diese Lage erklärt die Doppelstrategie aus höfischer Empfehlung und marktorientierter Publizistik: Cervantes sucht Schutz und Anerkennung, zugleich adressiert er ein breites Lesepublikum, dessen Geschmack und Debatten er aufmerksam beobachtet und in die Form des Romans übersetzt.
Politisch waren die Jahre um 1605–1615 von der Herrschaft des Günstlings Herzog von Lerma und einer Tendenz zur Hofzentrierung geprägt. Eine zentrale Maßnahme der Epoche war die Ausweisung der Morisken (1609–1614), also der nach der Reconquista getauften Nachfahren muslimischer Bevölkerungen. Sie hatte besonders in Regionen wie Valencia spürbare demografische und wirtschaftliche Folgen. Der Roman nimmt diese Gegenwart auf, indem er in einer Episode die Perspektive eines Morisco thematisiert und damit soziale Verluste, Loyalitätsfragen und bürokratische Härten greifbar macht. Ohne programmatisch zu argumentieren, verknüpft Cervantes individuelle Schicksale mit großräumigen politischen Entscheidungen seiner Zeit.
Stark zeitgebunden ist auch Cervantes’ Spiel mit Autorschaft und Quellen. Er führt einen fiktiven arabischen Chronisten, Cide Hamete Benengeli, ein und lässt einen Übersetzer auftreten – ein Verfahren, das Spaniens mehrsprachige Vergangenheit und den Rang schriftlicher Autorität ironisch spiegelt. 1614 erschien anonym unter dem Namen Alonso Fernández de Avellaneda eine unautorisierte Fortsetzung. Cervantes reagierte 1615 in seinem zweiten Teil, der diese Tatsache ausdrücklich aufgreift und sich literarisch davon absetzt. Der Streit zeigt, wie lebhaft und zugleich ungeschützt der Markt für Fortsetzungen war, und wie der Roman seinen eigenen Status als gedrucktes, zirkulierendes Artefakt thematisiert.
Die Rezeption war früh und breit. Bereits kurz nach 1605 kam es zu weiteren Auflagen in Spanien und im portugiesischen Raum; innerhalb der 1610er Jahre erschienen Übersetzungen, unter anderem ins Englische (Teil I 1612) und ins Französische. Die Figur des „Ritters von der traurigen Gestalt“ wurde zum Gemeinplatz europäischer Debatten über Wahnsinn, Bildung, Lesesucht und soziale Rollen. Gleichzeitig blieb das Werk in Spanien Teil einer lebhaften Polemik über Gattungen und die Grenzen moralisch nützlicher Unterhaltung. Dass der zweite Teil 1615 so eng an die Wirkungsgeschichte des ersten anschließt, dokumentiert eine ungewöhnlich schnelle, transnationale Kommunikation rund um einen Roman.
Vor diesem Hintergrund lässt sich Don Quijote als Kommentar zur Schwelle einer Gesellschaft lesen, die zwischen ritterlichen Idealen, konfessioneller Disziplin, imperialer Bürokratie und Marktlogik oszilliert. Cervantes zeigt, wie alte Sinnangebote – Ehre, Ruhm, Abenteuer – in eine Welt geraten, die von Akten, Preisen, Zuständigkeiten und staatlicher Gewalt strukturiert ist. Humor und Empathie ersetzen Pamphlet und Dogma; die Vielstimmigkeit erlaubt Kritik, ohne den Schutzraum der Fiktion zu verlassen. So spiegelt der Roman nicht nur seine Zeit, sondern prüft sie: Er erprobt, was in einer modernen, gedruckten Öffentlichkeit aus Traditionen werden kann – Bewahrung, Parodie, oder produktive Erneuerung.
Miguel de Cervantes Saavedra, 1547 in Alcalá de Henares geboren und 1616 in Madrid gestorben, gilt als einer der prägenden Autoren der europäischen Literatur. Seine Lebensbahn umfasste Soldatenjahre, Gefangenschaft in Algier und ein spätes literarisches Erblühen. Weltberühmt wurde er durch Don Quijote de la Mancha, dessen erste Teil 1605 und der zweite 1615 erschienen. Daneben veröffentlichte er Novelas ejemplares, Bühnenwerke und Lyrik. Don Quijote gilt oft als erster moderner Roman: ein Werk, das Komik, Melancholie und formale Innovation verbindet und Figuren schuf, die zum kollektiven Gedächtnis der Weltliteratur gehören.
Cervantes’ Werk steht im Zentrum des spanischen Siglo de Oro und spiegelt zugleich die Spannungen seiner Zeit: ein Imperium auf dem Höhepunkt seiner Macht, Glaubenskonflikte im Mittelmeerraum und eine rapide sich wandelnde literarische Öffentlichkeit. Als Erzähler verknüpfte er Realität und Fiktion, ironische Distanz und Empathie. Seine Karriere war nicht linear; sie verlief durch prekäre Anstellungen und juristische Verwicklungen, ehe der Ruhm einsetzte. Gerade diese Biografie, reich an Brüchen, nährte seine Kunst: literarische Autonomie, die Lust am Perspektivwechsel und die Skepsis gegenüber etablierten Mustern sind seine unverwechselbaren Markenzeichen.
Über Cervantes’ frühe Bildung ist nur Teilgesichertes überliefert. Er wurde am 9. Oktober 1547 getauft; sein Vater war der Barbierchirurg Rodrigo de Cervantes, die Mutter Leonor de Cortinas. Die Familie zog häufig um, was eine geregelte Schulbildung erschwerte. In Madrid fand er vermutlich Anschluss an den Humanisten Juan López de Hoyos, in dessen Chronik zu Isabella de Valois er erste Gedichte publizierte. 1569 ging Cervantes nach Italien und trat in den Dienst eines Kardinals. Dort begegnete er intensiver der italienischen Renaissancekultur, der Pastoraltradition sowie den Formen des höfischen Epos, die sein literarisches Sensorium dauerhaft prägten.
Historisch belegte Einflüsse speisen sich aus antiken Autoren, der spanischen Theatertradition um Lope de Rueda, der picaresken Erzählform und der Welt der Ritterromane, die er später kritisch unterlief. Seine Militärzeit, insbesondere die Seeschlacht von Lepanto 1571, bei der er verwundet wurde, sowie die fünfjährige Gefangenschaft in Algier bildeten einen Erfahrungsfundus. Freiheit und Zwang, Ehre und Überleben, Identität und Maskerade erscheinen seitdem als thematische Achsen seiner Prosa. Diese biografisch-kulturelle Gemengelage führte zu einer Erzählkunst, die moralische Fragen mit Ambivalenz, Humor und formaler Experimentierlust verknüpft, ohne dogmatische Thesenliteratur zu sein.
Cervantes’ frühe literarische Karriere begann mit Gedichten und der Schäferprosadichtung La Galatea 1585. Er schrieb zudem Dramen, darunter die Tragödie Numancia, in der die Belagerung und der Untergang der keltiberischen Stadt als heroisches Sinnbild gestaltet werden. Gleichwohl blieben seine Bühnenwerke zu Lebzeiten im Schatten der comedia nueva, die vor allem durch Lope de Vega Publikumserfolge feierte. Um seinen Unterhalt zu sichern, arbeitete Cervantes als Proviantbeschaffer für die Flotte und als Steuereinnehmer, Tätigkeiten, die zu finanziellen Konflikten und Haftzeiten führten und seine Wahrnehmung sozialer Missstände schärften.
Der literarische Durchbruch gelang 1605 mit der Erstausgabe von Don Quijote. Das Buch verband Parodie auf Ritterromane mit einer überraschend realistischen Zeichnung des Alltags und einem feinen Spiel mit Erzählebenen. Die Figur des hidalgo, der die Welt durch Bücherbrillen sieht, und sein pragmatischer Gefährte Sancho Panza wurden zu ikonischen Gegenpolen. Schon früh wurde das Werk in andere Sprachen übertragen und fand ein europaweites Lesepublikum. Cervantes präsentierte einen vielstimmigen Roman, der Unterhaltung, Ethik und Poetik miteinander verschraubt und die Autorrolle durch fiktive Quellen, insbesondere den Chronisten Cide Hamete Benengeli, augenzwinkernd reflektiert.
1613 veröffentlichte Cervantes die Novelas ejemplares, eine Sammlung von Erzählungen, die bewusste Vielfalt als Programm verstehen. Sie reichen von urbaner Sittenzeichnung über pikarese Elemente bis zu Liebes- und Betrugsgeschichten. Der angekündigte exemplarische Charakter ist doppeldeutig: Moralische Lehren sind präsent, doch stets gebrochen durch Ironie, psychologische Feinzeichnung und narrative Überraschungen. Diese Novellen etablierten in Spanien ein eigenständiges Kurzprosa-Modell und zeigen Cervantes’ Meisterschaft in Dialogführung, Perspektivwechsel und dramaturgischer Ökonomie, die er auch seinen Theaterstücken wünschte, die jedoch im zeitgenössischen Spielbetrieb nur begrenzt Chancen erhielten.
In Viaje del Parnaso 1614 trat Cervantes als dichterischer Selbstbeobachter auf und kommentierte mit satirischem Witz die Literaturszene. 1614 erschien zudem anonym ein apokrypher Quijote von Avellaneda, der Cervantes zu einer entschiedenen, kunstvoll selbstreflexiven Fortsetzung motivierte. 1615 brachte er den zweiten Teil von Don Quijote heraus, der die Metapoetik radikalisiert und die Figuren in ihrer Entwicklung konsequent weiterführt. Im gleichen Jahr publizierte er Ocho comedias y ocho entremeses nuevos nunca representados, deren Einakter – etwa El juez de los divorcios, La cueva de Salamanca und El retablo de las maravillas – bis heute durch sprachliche Vitalität und soziale Schärfe bestechen.
Cervantes blieb seinem katholischen Umfeld verbunden, ohne in seinen Schriften auf doktrinäre Belehrung zu setzen. Er war von der tätigen Nächstenliebe beeindruckt, nicht zuletzt, weil ein Orden seine Freilassung aus Algier ermöglichte. In seinen Vorreden betont er Originalität und Maß, bekennt sich zur Freude am Erzählen und zur Verantwortung des Autors gegenüber Leserinnen und Lesern. Die Kritik an überhitzten Ritterromanen dient ihm weniger als dogmatische Verwerfung denn als Plädoyer für eine Literatur, die Erkenntnis fördert, menschliche Würde respektiert und Wirklichkeitssinn mit Einbildungskraft versöhnt.
Seine Werke zeigen ein konsistentes Interesse an Freiheit und Selbstbestimmung, an den Mehrdeutigkeiten von Ehre und Ansehen und an der Sichtbarkeit marginalisierter Stimmen. Cervantes entlarvt soziale Maskenspiele, Bürokratie und Heuchelei, ohne einfache Schurkenbilder zu zeichnen. Zahlreiche Figuren – etwa eigenständige Frauen in Novelas ejemplares oder die legendäre Marcela im Don Quijote – beanspruchen Handlungsspielraum und argumentieren gegen konventionelle Zwänge. In dieser Haltung liegt kein aktivistisches Programm, wohl aber eine literarische Ethik der Empathie, des Zweifels und der Komplexität, die das Urteil suspendiert, um Erfahrung sprechen zu lassen.
In seinen letzten Jahren lebte Cervantes in Madrid und publizierte in rascher Folge. Er arbeitete an Los trabajos de Persiles y Sigismunda, einem sorgfältig komponierten Roman in der Tradition der byzantinischen Abenteuererzählung, den er kurz vor seinem Tod abschloss; er erschien 1617 posthum. Cervantes starb am 22. April 1616 in Madrid und wurde im Umfeld des Klosters der Trinitarierinnen beigesetzt. Trotz gesundheitlicher Probleme blieb er bis zuletzt literarisch aktiv und reflektierend. Die späten Vorreden und Widmungen zeigen einen Autor, der sein Werk als Einheit betrachtet und zugleich die Urteilskraft des Publikums respektiert.
Cervantes’ Nachruhm ist umfassend. Don Quijote prägte die europäische Romantradition tiefgreifend; seine Figuren wurden zu Archetypen für das Spannungsverhältnis zwischen Ideal und Welt. Seine Narrative beeinflussten unter anderem die Entwicklung des realistischen Erzählens, die Kunst der unzuverlässigen Vermittlung und die Selbstreflexivität des Romans. Der Ausdruck El idioma de Cervantes verweist auf seine Bedeutung für die spanische Sprache. Sein Tod wird in Spanien jährlich um den 23. April herum besonders erinnert, der international als Welttag des Buches begangen wird. Cervantes bleibt ein Autor, der die Freiheit des Geistes mit der Freude am Erzählen verbindet.
Müßiger Leser! Ohne Eidschwur kannst du mir glauben, daß ich wünschte, dieses Buch, als der Sohn meines Geistes, wäre das schönste, stattlichste und geistreichste, das sich erdenken ließe. Allein ich konnte nicht wider das Gesetz der Natur aufkommen, in der ein jedes Ding seinesgleichen erzeugt. Und was konnte demnach mein unfruchtbarer und unausgebildeter Geist anderes erzeugen als die Geschichte eines trockenen, verrunzelten, grillenhaften Sohnes, voll von mannigfaltigen Gedanken, wie sie nie einem andern in den Sinn gekommen sind? Eben eines Sohnes, der im Gefängnis erzeugt wurde, wo jede Unbequemlichkeit ihren Sitz hat, jedes triste Gelärm zu Hause ist. Friedliche Muße, eine behagliche Stätte, die Lieblichkeit der Gefilde, die Heiterkeit des Himmels, das Murmeln der Quellen, die Ruhe des Geistes tragen viel dazu bei, daß die unfruchtbarsten Musen sich fruchtbar zeigen und dem Publikum Erzeugnisse bieten, die es mit Bewunderung und Freude erfüllen.
Es geschieht wohl, daß ein Vater einen häßlichen Sohn besitzt, der aller Grazie bar ist, und die Liebe, die er für ihn hat, legt ihm eine Binde um die Augen, daß er dessen Fehler nicht sieht, vielmehr sie für witzige und liebenswürdige Züge erachtet und sie seinen Freunden als scharfsinnige und anmutige Äußerungen erzählt. Jedoch ich, der ich zwar der Vater Don Quijotes scheine, aber nur sein Stiefvater bin, ich will nicht mit dem Strom der Gewohnheit schwimmen, noch dich, teurer Leser, schier mit Tränen in den Augen bitten, wie andre tun, daß du die Fehler, die du an diesem meinem Sohne finden magst, verzeihen oder nicht sehen wollest; denn du bist weder sein Verwandter noch sein Freund, hast deinen eignen Kopf und deinen freien Willen wie der Allertüchtigste auf Erden und sitzest in deinem Hause, darin du der Herr bist wie der König über seine Steuergelder, und weißt, was man gemeiniglich zu sagen pflegt: unter meinem Mantel kann ich den König umbringen. Alles dieses enthebt und befreit dich von jeder Rücksicht und Verpflichtung, und so kannst du von dieser Geschichte alles sagen, was dir gut dünkt, ohne zu besorgen, daß man dich schelte ob des Bösen, noch belohne ob des Guten, das du von ihr sagen magst.
Nur hätte ich sie dir gerne bar und nackt geben mögen, nicht aufgeputzt mit einer Vorrede und dem unzählbaren Haufen und Katalog der üblichen Sonette, Epigramme und Lobgedichte, die man den Büchern an den Eingang zu setzen pflegt. Denn ich kann dir sagen, obschon diese Geschichte zu schreiben mich manche Mühe gekostet hat, so erschien mir doch keine größer, als diese Vorrede auszuarbeiten, die du hier liesest. Oft nahm ich die Feder, um sie niederzuschreiben, und oft ließ ich sie wieder fallen, weil ich nicht wußte, was ich schreiben sollte. Und wie ich einmal so unschlüssig dasaß, mit dem Papier vor mir, die Feder hinter dem Ohr, den Ellbogen auf dem Schreibtisch und die Hand an der Wange, erwägend, was ich sagen sollte, da trat unversehens ein Freund von mir herein, ein Mann von Witz und großer Einsicht; und als er mich so nachdenklich sah, fragte er mich um die Ursache. Ich hielt nicht damit zurück und sagte ihm, ich dächte über die Vorrede nach, die ich zur Geschichte des Don Quijote schreiben müsse und um derentwillen ich mich in einem solchen Zustand befände, daß ich sie gar nicht schreiben und ebensowenig die Taten dieses so edlen Ritters ans Licht treten lassen wolle.
»Denn wie könnt Ihr verlangen, daß mich die Vorstellung: ›Was wird jener alte Gesetzgeber, den man den großen Haufen nennt, dazu sagen?‹ nicht ratlos mache, wenn er sehen wird, daß nach so vielen Jahren, seit ich im Schweigen der Vergessenheit schlafe, ich jetzt mit all meinen Jahren auf dem Halse mit einer Mär hervortrete, die da so dürr ist wie Dünengras, aller Erfindung bar, mangelhaft im Stil, arm an geistreichem Spiel der Worte und aller Gelehrsamkeit und Wissenschaft entbehrend, ohne Zitate am Rand und ohne Notate am Schluß des Buches; dieweil doch, wie ich sehe, andre Bücher alles dies haben und, selbst wenn sie fabelhaften und weltlichen Inhaltes sind, so voll von Aussprüchen des Aristoteles, des Plato und der ganzen Schar von Philosophen einhersteigen, daß sie die Leser in Staunen setzen und daß diese deren Verfasser für belesene, gelehrte und wohlberedte Männer halten. Und wie erst, wenn sie die Heilige Schrift anführen! Man möchte nicht anders glauben, als daß sie lauter heilige Thomase sind oder andre Kirchenlehrer, und dabei beobachten sie die Schicklichkeit so geistvoll, daß, wenn sie in einer Zeile einen verliebten Bruder Liederlich gemalt haben, sie in der nächsten ein Stücklein christlicher Predigt hinschreiben, daß es ein Vergnügen und Genuß ist, es anzuhören oder zu lesen. Alles dessen muß mein Buch entbehren, denn ich habe nichts am Rand zu zitieren, nichts am Schluß zu notieren, und noch weniger weiß ich, welchen Autoren ich in meinem Buche folge, um sie, wie alle tun, nach dem Abc an den Eingang zu stellen, beim Aristoteles anfangend und endigend mit Xenophon und mit Zoilus oder Zeuxis – obschon der eine ein Lästermaul und der andre ein Maler war. Auch wird es meinem Buche an Sonetten zum Eingang fehlen, wenigstens an solchen, die von Herzogen, Marquesen, Grafen, Bischöfen, Edeldamen oder weltberühmten Poeten verfaßt wären. Freilich, wenn ich mir solche von zwei oder drei befreundeten Handwerksburschen erbäte, so weiß ich, sie würden sie mir geben, und zwar so gute, daß ihnen die jener Herren nicht gleichkämen, die am meisten Ruf in unsrem Spanien haben.
Kurz, werter Herr und Freund«, fuhr ich fort, »ich habe beschlossen, daß der Herr Don Quijote in seinen Archiven in der Mancha begraben bleiben soll, bis der Himmel jemanden beschert, der ihn mit so vielen Dingen, die ihm jetzt fehlen, ausschmücke; denn ich fühle mich wegen meiner Unzulänglichkeit und meiner mangelhaften literarischen Bildung unfähig, hier abzuhelfen, und bin auch von Natur zu bequem und zu träge, um nach Autoren suchen zu gehen, die da sagen sollen, was ich für mich schon ohne sie sagen kann. Daher kommt's, daß ich so unschlüssig und aufgeregt war, wie Ihr mich gefunden habt; und sicher war der Grund, den ich Euch dargelegt habe, ein genügender, um mich in solche Zustände zu versetzen.«
Als mein Freund das hörte, schlug er sich mit der flachen Hand an die Stirn, und in ein mächtiges Gelächter ausbrechend, sagte er zu mir: »Bei Gott, Gevatter, jetzt erst werde ich eines Irrtums völlig los, in dem ich die lange Zeit her lebte, seit ich Euch kenne, denn bisher hielt ich Euch immer in allen Euren Handlungen für verständig und besonnen. Aber jetzt sehe ich, daß Ihr so fern davon seid wie der Himmel von der Erde. Wie ist es möglich, daß Dinge von so geringer Bedeutung, und denen so leicht abzuhelfen ist, die Macht haben, einen so reifen Geist zu beirren und zu verwirren wie den Eurigen, der so dazu angetan ist, weit größere Schwierigkeiten zu bewältigen und aus dem Wege zu räumen? In Wahrheit, das kommt nicht vom Mangel an Geschick, sondern aus Überfluß an Trägheit und aus Denkfaulheit. Wollt Ihr sehen, ob ich die Wahrheit sage? Nun, so schenkt mir einige Aufmerksamkeit, und da werdet Ihr finden, wie ich im Handumdrehen all Eure Bedenklichkeiten zunichte mache und Euch alles das herbeischaffe, dessen Mangel, wie Ihr sagt, Euch so verlegen macht und entmutigt, daß Ihr es aufgebt, die Geschichte Eures berühmten Don Quijote, des Lichtes und Spiegels der gesamten fahrenden Ritterschaft, ans Licht der Welt treten zu lassen.«
»Sagt«, entgegnete ich ihm, als ich dies hörte, »auf welche Weise wollt Ihr die Leere meiner Besorgnis ausfüllen und Helle in das Chaos meiner Verlegenheit bringen?«
Darauf antwortete er: »Das erste, woran Ihr Euch stoßt, nämlich daß Sonette, Epigramme oder Lobgedichte Euch für den Eingang des Buches fehlen, und zwar solche, die von Personen von Ansehen und Adel herrühren – dem kann dadurch abgeholfen werden, daß Ihr selbst einige Mühe darauf wendet, sie anzufertigen, und nachher könnt Ihr sie taufen und jeden Namen, der Euch beliebt, daruntersetzen und könnt sie dem Priester Johannes aus Indien oder dem Kaiser von Trapezunt als Kinder unterschieben, da man von ihnen, wie ich weiß, Nachricht hat, sie seien berühmte Poeten gewesen; und wenn sie es auch nicht gewesen wären und wenn es dann ein paar Pedanten und Schwätzer gäbe, die hinterrücks nach Euch beißen und gegen Eure Angabe belfern wollten, so achtet das nicht eines Dreiers wert; denn wenn sie Euch auch die Lüge nachweisen, so werden sie Euch doch nicht die Hand abhauen, mit der Ihr's geschrieben habt.
Was nun den Punkt betrifft: am Rande die Bücher und Schriftsteller aufzuführen, woraus Ihr die Lehrsprüche und Kernworte entlehnt, die Ihr in Eurer Geschichte anwendet, so braucht es weiter nichts, als es so einzurichten, daß hie und da zu gelegener Zeit etliche Sprüche oder lateinische Brocken vorkommen, die Ihr etwa schon auswendig wißt oder die aufzusuchen Euch doch nur geringe Mühe kostet; wie zum Beispiel, wenn Ihr da, wo Ihr von Freiheit und Gefangenschaft handelt, folgendes hinschreibt:
Non bene pro toto Libertas venditur auro –[1]
und dann gleich am Rande den Horaz anführt, oder wer sonst es gesagt haben mag. Wenn Ihr etwa von der Gewalt des Todes handelt, dann gleich herbei mit:
Pallida mors aequo pulsat pede pauperum tabernas, Regumque turres.
Wenn von der Freundschaft und Liebe, die Gott befiehlt gegen den Feind zu üben, dann gleich auf der Stelle in die Heilige Schrift hineingegriffen, was Ihr mit einem wenigen von Beflissenheit fertigbringen könnt, und entlehnt nichts Geringeres als Gottes eigene Worte: Ego autem dico vobis: diligite inimicos vestros. Wenn Ihr von bösen Gedanken handelt, so kommt mit dem Evangelium herbei: De corde exeunt cogitationes malae. Wenn von der Unbeständigkeit der Freunde, so ist Cato da, Euch sein Distichon zu geben:
Donec eris felix, multos numerabis amicos; Tempora si fuerint nubila, solus eris.
Und mit diesen lateinischen Brocken und anderen der Art werden sie Euch doch zum mindesten für einen Grammatiker halten, was zu sein heutzutage nicht wenig Ehre und Vorteil bringt.
In betreff des Schreibens von Anmerkungen zu Ende des Buches, das könnt Ihr mit aller Sicherheit folgendergestalt machen: Wenn Ihr in Eurem Buch irgendeinen Riesen nennt, so richtet es so ein, daß es der Riese Goliath sei, und allein schon damit, was Euch soviel wie nichts kosten wird, habt Ihr eine große Anmerkung, denn Ihr könnt hinsetzen: Der Riese Golías oder Goliath war ein Philister, den der Hirte David mit einem gewaltigen Steinwurf im Terebinthental tötete, wie solches im Buch der Könige berichtet wird, in dem und dem Kapitel, wo ihr es geschrieben finden könnt.
Hierauf, um Euch als gelehrt in den schönen Wissenschaften und als welt- und länderkundigen Mann zu zeigen, legt es so an, daß in Eurer Geschichte der Fluß Tajo[2] genannt werde, und gleich seht Ihr Euch wieder mit einer wundersamen Anmerkung versorgt, indem Ihr hinsetzt: Der Fluß Tajo wurde nach einem spanischen Könige so benannt; er hat seinen Ursprung an dem und dem Ort und verliert sich im Großen Ozean, nachdem er die Mauern der berühmten Stadt Lissabon geküßt, und man meint, er führe Goldsand. Wenn Ihr etwa von Räubern handelt, will ich Euch die Geschichte von Cacus geben, denn ich weiß sie auswendig. Wenn von leichtfertigen Weibern, so ist der Bischof von Mondonedo zur Stelle, der Euch Lamia, Lais und Flora bieten wird, welche Anmerkung Euch ein großes Ansehen geben muß; wenn von grausamen, wird Euch Ovid die Medea hergeben. Wenn von Zauberinnen und Hexen, so hat Homer die Kalypso und Vergil die Kirke. Wenn von tapfern Feldherrn, so wird sich Euch kein Geringerer als Julius Cäsar selbst in seinen Kommentarien darbieten und Plutarch Euch tausend Alexander geben. Wollt Ihr von der Liebe handeln, so werdet Ihr mittels eines Lots Kenntnis von der toskanischen Sprache auf Leone Ebreo stoßen, der Euch das Maß bis zum Überlaufen füllen kann. Und wenn Ihr nicht in fremde Lande gehen wollt, so habt Ihr in Eurem Hause den Fonseca Von der Liebe zu Gott, worin alles inbegriffen ist, was Ihr und der Allersinnreichste nur immer bei einem solchen Gegenstand zu wünschen vermögt. Kurz, es braucht weiter nichts, als daß Ihr Euch die Mühe gebt, diese Namen zu nennen oder diese Geschichten, die ich hier bezeichnet habe, in der Eurigen zu berühren, und mir laßt dann die Sorge, die Notate und Zitate beizusetzen; ich schwör Euch drauf, ich will Euch die Ränder füllen und noch ein Dutzend Blätter am Ende des Buches verbrauchen.
Kommen wir nun zu der Anführung der Schriftsteller, die bei den andern Büchern üblich ist und die zu Eurem Buch fehlt. Die Abhilfe dafür ist sehr leicht, denn Ihr habt nichts weiter zu tun als ein Buch herbeizusuchen, das sie alle von A bis Z, wie Ihr sagt, bereits angeführt hat. Nun wohl, dies nämliche Abc setzt Ihr in Euer Buch; denn wenn man auch daraus, daß Ihr so gar wenig nötig hattet, die vielen Schriftsteller zu benutzen, die Lüge deutlich ersieht, so liegt nichts daran; und vielleicht gibt's immerhin jemanden, der so einfältig ist, zu glauben, Ihr hättet in Eurer einfachen und schlichten Geschichte sie doch alle benutzt. Und wenn auch zu weiter nichts, so wird jener große Katalog von Schriftstellern wenigstens dazu dienen, dem Buch auf einen Schlag Ansehen zu verschaffen. Zudem wird sich nicht leicht einer finden, der sich an die Untersuchung begibt, ob Ihr ihnen gefolgt oder nicht gefolgt seid, da ihm gar nichts daran liegen kann. Und dies ist um so mehr der Fall, da, wenn ich recht verstehe, dies Euer Buch nicht eines jener Dinge nötig hat, die, wie Ihr sagt, ihm fehlen; denn das Ganze ist nur ein Angriff auf die Ritterbücher, an die Aristoteles nie gedacht, von denen der heilige Basilius nichts gesagt und bis zu denen Cicero sich nicht verstiegen hat; und ebensowenig gehört in den Kreis seiner erdichteten Narreteien die strenge Genauigkeit geschichtlicher Wahrheit wie die Beobachtung der Sterndeuterei; auch sind ihm von keinem Wert die geometrischen Messungen noch die Widerlegung der Beweisführungen, deren sich die Redekunst bedient. Ebensowenig soll es irgendwem etwas vorpredigen und so das Menschliche mit dem Göttlichen vermischen – eine Art von Vermischung, die kein christlicher Geist zur Schau tragen soll. Ausschließlich soll es in allem, was es darstellt, sich der Nachahmung befleißigen, und um so vollkommener diese sein wird, um so besser wird ausfallen, was Ihr schreibt. Und da dies Euer Werk auf weiter nichts ausgeht, als das Ansehen und die Gunst zu zerstören, die die Ritterbücher in der Welt und bei der Masse genießen, so ist kein Grund, weshalb Ihr betteln gehen solltet um Kernsprüche der Weltweisen, um gute Lehren der Heiligen Schrift, Erfindungen der Dichter, hohe Worte der Redekünstler, Wunder der Heiligen; sondern Ihr habt nur darum bemüht zu sein, daß in schlichter Weise, mit bezeichnenden, anständigen und wohlgefügten Worten, Euer Stil und Satzbau klangvoll und anmutig dahinschreite; indem Ihr in allem, was Ihr erreichen könnt und was Euch möglich ist, Euern Endzweck getreulich darstellt und Eure Gedanken zum Verständnis bringt, ohne sie zu verwickeln und zu verdunkeln. Strebet auch danach, daß beim Lesen Eurer Geschichte der Schwermütige zum Lachen erregt werde, der Lachlustige noch stärker auflache, der Mann von einfachem Verstande nicht Überdruß empfinde, der Einsichtsvolle die Erfindung bewundere, der sinnig Ernste sie nicht mißachte und der Kenner nicht umhinkönne, sie zu loben. Mit einem Worte, richtet Euer Augenmerk darauf, das auf so schlechter Grundlage ruhende Gerüste jener Ritterbücher niederzureißen, die von so vielen verabscheut und von einer noch weit größeren Anzahl gepriesen werden; und wenn Ihr dieses Ziel erreicht, so werdet Ihr nichts Geringes erreicht haben.«
Mit tiefem Schweigen saß ich und hörte meinem Freunde zu, und so tief prägten sich mir seine Worte ein, daß ich, ohne eine Widerrede zu versuchen, ihnen meine Gutheißung erteilte und mir vornahm, aus diesen selben Worten meine Vorrede zusammenzutragen. In ihr also wirst du, holder Leser, die Verständigkeit meines Freundes ersehen sowie mein gutes Glück, in einem so bedrängten Augenblicke einen solchen Ratgeber gefunden zu haben, und zugleich die Quelle deiner eigenen Befriedigung darüber, daß du die Geschichte des berühmten Don Quijote von der Mancha so lauter und so ganz ohne Abirrungen erhältst; des Mannes, von dem unter allen Bewohnern des Gefildes von Montiel die Meinung geht, daß er der keuscheste Liebhaber und der tapferste Ritter gewesen, den man von vielen Jahren her bis zu dieser Zeit in jenen Gegenden gesehen. Ich will den dir geleisteten Dienst, daß ich dich einen so edlen und ehrsamen Ritter kennen lehre, nicht zu hoch anschlagen; aber danken sollst du mir, daß du Bekanntschaft mit seinem Schildknappen, dem berühmten Sancho Pansa, machst, in welchem ich dir, nach meiner Ansicht, den Inbegriff aller knappenhaften Witze vorführe, die in dem Haufen der Ritterbücher sich zerstreut finden.
Und hiermit, Gott möge dir Heil gewähren und mich nicht vergessen. Leb wohl.
Wenn zu Trefflichen zu ko-mmen Du, mein Buch, erstreben ka-nnst, Wird dir kein Gelbschnabel sa-gen, Daß du es nicht gut getro-ffen. Doch packt Ungeduld dich o-ft, Weil du Eseln wirst zu ei-gen, Wirst du sehn im Nu, daß kei-ner Auf den Kopf den Nagel tre-ffe, Ob er sich die Finger le-cke, Sich als Mann von Geist zu zei-gen.
Und da die Erfahrung spri-cht: Wer an guten Baum sich le-hnt, Daß den guter Schatten de-ckt, Beut dein Stern in Béjar di-r Einen Baum, der königli-ch, Fürsten trägt als seine Frü-chte Und an dem ein Herzog blü-ht, Der ein neuer Alexa-nder; Wage dich in seinen Scha-tten, Denn dem Kühnen lacht das Glü-ck.
Abenteuer sollst du si-ngen Eines Ritters aus der Ma-ncha, Dem der Bücher hohler Ta-nd, Die er las, den Kopf verwi-rrte. Frauen, Waffen, edle Ri-tter Hatten so ihn eingeno-mmen, Daß er wie Roland der to-lle Ganz von Liebeswut befa-ngen Sich errang mit starken A-rmen Dulcinea von Tobo-so.
Male du nicht eitle Bi-lder Auf den Schild, denn wenn der he-ftige Spieler stets auf Bilder se-tzt, Wird er gegen As verli-eren. Sei demütig in der Wi-dmung! Und dann wird kein Spötter ru-fen: Welch ein Konnetabel Lu-na, Welch karthagischer Hanniba-l, Welch ein König Franz in Spa-nien Will noch übers Schicksal mu-rren!
Da der Himmel nicht gewo-llt, Daß so viel Latein du wi-ssest Als der Neger Juan Lati-no, Meide du lateinische Bro-cken. Nicht zitier mir Philosophen, Sei nicht überfein haarspa-lterisch; Sonst verzieht den Mund zum La-chen Wer den Pfiff versteht, und ru-ft Gellend dir ins Ohr den Spru-ch: Warum Kniffe mir und Phra-sen?
Nicht beschreib in breitem Schwu-lst Fremder Leute Lebensba-hn; Weitab stehn und liegen la-sse Dinge, die dem Leser Wu-rst. Dem schlägt man auf die Kapu-ze, Der zu breit sich macht mit Wi-tz, Du arbeite nur und schwi-tze, Zu erringen guten Ru-f; Denn wer Albernheiten dru-ckt, Leiht sie aus auf ewige Zi-nsen.
Merke dir: der ist ein Na-rr, Der da unterm Glasdach wei-lt Und trotzdem nach Steinen grei-ft Und sie wirft auf Nachbars Da-ch. Doch der Mann von Urteilskra-ft Geht bei allem, was er schrei-bt, Als war Blei an seinen Bei-nen; Und wer das Papier bedru-ckt, Um Backfischchen zu erlu-sten, Hat versimpelt seine Zei-t.
O du, in dem die Lieb Nachahmung weckte Des Tränenlebens, das mich quält' und plagte, Als auf dem Armutsfelsen ich verzagte, Weil mich Entfernung und Verschmähung schreckte;
Du, der zum Trank der Augen Salzflut leckte Und dem zur Mahlzeit, wenn dich Hunger nagte Und Silber, Zinn und Kupfer dir versagte, Die Erd auf harter Erd ein Tischchen deckte;
Leb du in Zuversicht, daß dir auf immer – So lang zum mindsten, als die Feuerpferde Apollos in der vierten Sphäre kreisen –
Dein Name hell wird sein von Ruhmesschimmer, Dein Vaterland das erst' auf dieser Erde, Dein Autor einzig unter allen Weisen.
Ich brach, hieb, sprach, schlug Beulen, hab vollbracht Mehr als der fahrenden Ritter ganz Geschlecht, Kühn, brav, stolz, tausend Frevel schwer gerächt Und hunderttausend wiedergutgemacht.
Der Ruhm verewigt meiner Taten Pracht; Stets war mein Lieben sanft, freigebig, echt. Im Zweikampf war ich jeder Pflicht gerecht; Ein Riese galt als Zwerg mir in der Schlacht.
Zu Füßen mir hatt ich Fortuna liegen; Am Stirnhaar hielt mein schlauer Sinn mit Spotte Die kahle Glatze der Gelegenheit.
Doch hob sich auch mein Glück im steten Siegen Über des Mondes Hörner – Don Quijote, Auf deine Heldentaten hab ich Neid.
O schöne Dulcinee! Hätt ich's vollbracht, Mein Miraflores einst, mir zum Ergetzen Und Labsal, nach Toboso zu versetzen, Mit deinem Dorf zu tauschen Londons Pracht!
O zierte deine Denkart, deine Tracht Mir Seel und Leib! wie froh würd ich mich schätzen, Den Ritter, der beglückt in deinen Netzen, Zu schaun im Kampfe gegen Übermacht!
Hätt ich's vollbracht, mit keuschem Sinn zu meiden Herrn Amadís, wie du dem höflich feinen Quijote dich entzogst trotz seinen Qualen!
Ich wär beneidet dann, statt zu beneiden, Blieb froh statt traurig und genoß den reinen Glücksbecher, ohne Zeche zu bezahlen.
Heil, edler Mann, dir! Als des Schicksals Macht Dich mit dem Amt des Knappentums belohnt, Hat's dich mit allem Pech so ganz verschont, Daß deine Pflichten du mit Glanz vollbracht.
Jetzt wird nicht Sens und Spaten mehr verdacht Den fahrenden Knappen, simpler Geist nun wohnt Im Knappentum; der Hochmut, der den Mond Mit Füßen treten will, wird ausgelacht.
Ich neide deinen Ruhm, dein Eselein; Jedoch dein Zwerchsack, der dich kennen lehrt Als höchst fürsichtig, geht mir noch darüber.
Heil nochmals dir, du Biedrer, dem allein Hat unser spanischer Ovid gewährt Ehrsamen Gruß mit einem Nasenstüber.
Sancho Pansa bin ich, Kna-ppe Des Manchaners Don Quijo-te; Einst hab ich Reißaus geno-mmen, Meines Lebens klug zu wa-rten. Villadiego sah das Ga-nze Der Politik in der Le-hre, Aus Gefahr sich fortzuste-hlen; Also sagt die Celesti-na, Die ein göttlich Buch mir schi-ene, Wenn's nicht gar zu menschlich wä-re.
Des Babieca Enkelso-hn, Rosinante hochberü-hmt, Meine Schwächen abzubü-ßen, Dient ich einem Don Quijo-te; War im Langsamlaufen gro-ß; Doch dem gaulhaft klugen Si-nn Nie ein Gerstenkorn entgi-ng; Was mich Lazarillo le-hrte, Der, dem Blinden Wein zu ste-hlen, Sich ins Maul den Strohhalm hi-elt.
Du bist kein Großer zwar des Reichs, indessen Muß man als Größten dich der Großen ehren, Du Sieger, unbesiegt von ganzen Heeren; Dir gleich zu sein, darf keiner sich vermessen.
Von Liebe zu Angelika besessen, Zog rasend ich, Roldán, zu fernen Meeren, Und Opfer bracht ich auf des Ruhms Altären, Daß nie mein Name sinket in Vergessen.
Obschon du den Verstand wie ich verloren, Kann ich dir gleich nicht sein; das Weltall schätzt Weit höher deinen Ruf und deine Taten.
Mir wirst du gleich, wenn du den stolzen Mohren, Den wilden Skythen bändigst, der uns jetzt Gleich nennt im Lieben, das vom Glück verraten.
Nie hat mein Schwert so kühn wie deins gedroht, Du span'scher Phöbus, du voll Lieb und Witz, Und deinem Arm weicht meiner, der als Blitz In Ost und West viel Feinde schlug zu Tod.
Den Thron verschmäht ich, den die Welt mir bot, Verließ im Orient den Königssitz Für Claridianas Anblick, denn mich litt's Nur, wo ich sah mein holdes Morgenrot.
Heiß liebt ich sie, das hehre Wunderbild; Als sie mich kalt verstieß, griff ich die Rotte Der Höllen an, die ich mit Schrecken schlug.
Doch du, ein echter Gote, wild und mild, Bist ewig groß durch Dulcinee, Quijote, Und sie durch dich berühmt als keusch und klug.
Junger Quijote, so Ihr Euch geschwächt Das Hirn und seid zur Narrenzunft gesprochen, So sagt kein Mensch doch, daß Ihr was verbrochen, Noch eines Schelmenstücks Euch habt erfrecht.
Wohl Eure Taten sitzen drob zu Recht. Auf Ritterfahrt habt Frevel Ihr gerochen, Und tausendmal zerschlugen Euch die Knochen Manch böser Wicht und mannich loser Knecht.
Und so dich Dulcinee gen Euch erbost Und tut Euch Leids und bringt Euch auf den Hund Und Eurem Weh kein willig Labsal gibt,
In solchen Nöten sei Euch dies zum Trost: Daß Sancho sich aufs Kuppeln nicht verstund, Ein Dummkopf er, sie hart, Ihr nicht verliebt.
B. So hager, Rosinante, so verschlissen? R. Weil's Arbeit stets und niemals Futter gab. B. Wirft Euch der Dienst nicht Stroh und Gerste ab? R. Mein Herr verabreicht mir nicht einen Bissen.
B. Ihr loser Knecht, schämt Euch in Eu'r Gewissen! Ein Eselsmaul reißt seinen Herrn herab. R. Er ist ein Esel von der Wieg ans Grab; Seht nur, wie er der Liebe sich beflissen!
B. Ist Lieben Torheit? R. Doch nicht viel Vernunft. B. Du bist ein Philosoph. R. Das kommt vom Hungern. B. Verklagt den Diener, der auf Euch nichts wandte.
R. Wem sollt ich's klagen bei der Bettlerzunft, Wo Herr und Diener in der Welt rumlungern Und grad so schäbig sind wie Rosinante?
An einem Orte der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, lebte vor nicht langer Zeit ein Junker, einer von jenen, die einen Speer im Lanzengestell, eine alte Tartsche, einen hagern Gaul und einen Windhund zum Jagen haben. Eine Schüssel Suppe mit etwas mehr Kuh- als Hammelfleisch darin, die meisten Abende Fleischkuchen aus den Überbleibseln vom Mittag, jämmerliche Knochenreste am Samstag, Linsen am Freitag, ein Täubchen als Zugabe am Sonntag – das verzehrte volle Dreiviertel seines Einkommens; der Rest ging drauf für ein Wams von Plüsch, Hosen von Samt für die Feiertage mit zugehörigen Pantoffeln vom selben Stoff, und die Wochentage schätzte er sich's zur Ehre, sein einheimisches Bauerntuch zu tragen – aber vom feinsten! Er hatte bei sich eine Haushälterin, die über die Vierzig hinaus war, und eine Nichte, die noch nicht an die Zwanzig reichte; auch einen Diener für Feld und Haus, der ebensowohl den Gaul sattelte als die Gartenschere zur Hand nahm. Es streifte das Alter unsres Junkers an die fünfzig Jahre; er war von kräftiger Körperbeschaffenheit, hager am Leibe, dürr im Gesichte, ein eifriger Frühaufsteher und Freund der Jagd. Man behauptete, er habe den Zunamen Quijada oder Quesada geführt – denn hierin waltet einige Verschiedenheit in den Autoren, die über diesen Kasus schreiben –, wiewohl aus wahrscheinlichen Vermutungen sich annehmen läßt, daß er Quijano hieß. Aber dies ist von geringer Bedeutung für unsre Geschichte; genug, daß in deren Erzählung nicht um einen Punkt von der Wahrheit abgewichen wird.
Man muß nun wissen, daß dieser obbesagte Junker alle Stunden, wo er müßig war – und es waren dies die meisten des Jahres –, sich, dem Lesen von Ritterbüchern hingab, mit so viel Neigung und Vergnügen, daß er fast ganz und gar die Übung der Jagd und selbst die Verwaltung seines Vermögens vergaß; und so weit ging darin seine Wißbegierde und törichte Leidenschaft, daß er viele Morgen Ackerfeld verkaufte, um Ritterbücher zum Lesen anzuschaffen; und so brachte er so viele ins Haus, als er ihrer nur bekommen konnte. Und von allen gefielen ihm keine so gut wie die von dem berühmten Feliciano de Silva[3] verfaßten; denn die Klarheit seiner Prosa und die verwickelten Redensarten, die er anwendet, dünkten ihm wahre Kleinode; zumal wenn er ans Lesen jener Liebesreden und jener Briefe mit Herausforderungen kam, wo er an mancherlei Stellen geschrieben fand: Der Sinn des Widersinns, den Ihr meinen Sinnen antut, schwächt meinen Sinn dergestalt, daß ein richtiger Sinn darin liegt, wenn ich über Eure Schönheit Klage führe. Und ebenso, wenn er las: ...die hohen Himmel Eurer Göttlichkeit, die Euch in göttlicher Weise bei den Sternen festigen und Euch zur Verdienerin des Verdienstes machen, das Eure hohe Würde verdient. Durch solche Redensarten verlor der arme Ritter den Verstand und studierte sich ab, um sie zu begreifen und aus ihnen den Sinn herauszuklauben, den ihnen Aristoteles selbst nicht abgewonnen noch sie verstanden hätte, wenn er auch zu diesem alleinigen Zweck aus dem Grab gestiegen wäre. Er war nicht sonderlich einverstanden mit den Wunden, welche Don Belianís austeilte und empfing; denn er dachte sich, wie große Ärzte ihn auch gepflegt hätten, so könnte er doch nicht anders als das Gesicht und den ganzen Körper voll Narben und Wundenmale haben. Aber bei alldem lobte er an dessen Verfasser, daß er sein Buch mit dem Versprechen jenes unbeendbaren Abenteuers beendet; und oftmals kam ihm der Wunsch, die Feder zu ergreifen und dem Buch einen Schluß zu geben, buchstäblich so, wie es dort versprochen wird; und ohne Zweifel hätte er es getan, ja er wäre damit zustande gekommen, wenn andere größere und ununterbrochen ihn beschäftigende Ideen es ihm nicht verwehrt hätten.
Vielmals hatte er mit dem Pfarrer seines Ortes – der war ein gelehrter Mann und hatte den Grad eines Lizentiaten zu Siguenza erlangt – Streit darüber, wer ein besserer Ritter gewesen, Palmerín von England oder Amadís von Gallien; aber Meister Nikolas, der Barbier desselbigen Ortes, sagte, es reiche keiner an den Sonnenritter, und wenn einer sich ihm vergleichen könne, so sei es Don Galaor, der Bruder des Amadís von Gallien, weil dessen Naturell sich mit allem zurechtfinde; er sei kein zimperlicher Rittersmann, auch nicht ein solcher Tränensack wie sein Bruder, und im Punkte der Tapferkeit stehe er nicht hinter ihm zurück.
