Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Wie schafft es eine, wieder anzukommen, wenn sie einmal fortgewesen ist? Susanne Köhler kehrt von einer Reise rund um die Welt mit Stationen im Kaukasus, in Zentralasien, Südostasien und Südamerika an einen Ort zurück, der früher einmal ihr Zuhause war. Der Ort trägt nun ein anderes Gewand, dennoch ist er derselbe. Aber sie, sie scheint verändert, ihre Bewegungen suchend, das Denken zerstreut. Elf Monate ist sie unterwegs gewesen, ein ganzes Leben - und hunderte Erlebnisse: ein Geruch und ein Geräusch, ein Gedanke, ein Gefühl haben sich unwiderruflich in ihre Biografie eingeschrieben, feingezeichnete Bilder hinterlassen, wunderschön, lebendig gar. Nun sind sie formverändert und verbleiben als Erinnerungen an eine unbekannte Welt. Doch was passiert mit den Erinnerungsorten, wenn niemand sie besucht? Die Autorin erzählt in fünfzehn Episoden von ihrer Reise und von ihrer Rückkehr. Dabei überdenkt sie ihre persönliche Verortung in der Welt und erkennt, dass das Leben, hier und dort, immer miteinander verbunden ist.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 169
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Susanne Köhler lebt in Berlin und ist in der Welt zu Hause. 2019 entschied sie sich kurzerhand, auf Reisen zu gehen, und betreibt seitdem ihren eigenen Blog »ein augenblick« auf ennaleroekh.com. Dort berichtet sie in einer Komposition aus Poesie und Reportage über regionale, kontinentale und internationale Destinationen.
Ein Jahr später. Ich versuche mich zu erinnern, wie es gewesen ist.
Ich versuche mich zu erinnern, was ich gefühlt habe. In welchem Takt mein Herz geschlagen hat. Damals.
Ich horche, dann schließe ich die Augen. Ich mache mich auf den Weg zu den Orten, die die Erinnerungen beheimaten. Ich öffne Schubladen und krame mich durch Stichwortzettel, Gedankenfetzen.
April 2020
5. April - 20. Mai 2019
Mai 2020
20. Mai - 8. Juni 2019
Juni 2020
10. - 15 Juni 2019
Juni 1 Juli 2020
15. Juni - 24. Juli 2019
Juli 2020
24. Juli - 5. August 2019
August 2020
6. August - 5. September 2019
Erinnerung
5. September - 4. Oktober 2019
17. Oktober 2020
4 - 31. Oktober 2019
O- Ton I
Movember 2020
31. Oktober - 28. November 2019
December 2020
2. - 21. December 2019
Erinnerung
22. December 2019 - 16. Januar 2020 45
Januar 2021
17. - 22. Januar 2020
Januar 2021
23. Januar - 5. Februar 2020
Februar 2021
6. - 27 Februar 2020
28. Februar - 2. Mart 2020
Mart 2021
O- Ton II16.02.2023, tagesschau.de
Empfehlungen
Danke
Norden, Osten, Süden, Westen. Betonwände, untapeziert, begrenzen die Himmelsrichtungen und formen einen Raum, Grau-in-Grau. Ich schaue mich um und sehe nichts, kann nichts Menschliches erkennen. Kein Bild an der Wand, kein Stuhl, kein leeres Glas mit letzten Rotweinspuren. Nicht ein Zeichen gibt mir einen Anhaltspunkt zu glauben, dass ich lebe. Müde sind meine Lider. Ich vermag den Blick nicht aufrechtzuerhalten, blinzle, schweife ab und schwenke hinüber. Abermals Grau. Doch auf einmal erspähe ich ein Farbenspiel, Reflexionen von Grün, hell und dunkel, monotoner Rhythmus, Sekundentakt. Zähle: eins, zwei, drei; zähle: vier, fünf, sechs. Was hat das zu bedeuten, frage ich träge in das Nichts hinein. Ich suche und finde nichts, suche weiter und werde fündig. Ganz oben an einer Wand wurde eine Leuchtreklame installiert. Aufblinkend erscheinen die Nachrichten von gestern, heute, morgen. Die immer gleichen Buchstaben formulieren ein und dasselbe Wort. C-O-R-O-N-A. Es gibt nicht mehr zu sagen, es gibt nichts mehr zu sagen. Das Virus ist über die Welt gekommen und hat sie verstummen lassen. Die Welt eingehüllt in ein bleiches Totentuch, ich lege mich zu ihr ins Grab.
Die Rückkehr an einen Ort, der früher einmal mein Zuhause gewesen ist. Jetzt fremdelnd, begutachte ich mein sogenanntes Vaterland. Überall auf der Straße, hinter den Häuserecken sprechen Menschen meine Muttersprache. Wortfetzen dringen ungefiltert in mein Ohr, pausenlos. Ich verstehe sie, die Menschen, und ich verstehe sie nicht, uns fehlt ein gemeinsamer Sinnzusammenhang. Ich kann mich nicht einfinden.
Zeitgleich werden die Erlebnisse meiner Reise zu Erinnerungen, an denen ich mich krampfhaft festhalte. Ich habe Angst. Ich bin allein.
Ich weiß mich nicht zu artikulieren, ich verstumme. Morgens wache ich müde auf und sehne mich sogleich nach meinem Bett, in das ich früh am Abend fliehe. Versuche, Mensch zu sein, und bin doch nur Gespenst.
Ich spüre einen Druck auf der Brust, permanent. Ihn kann ich aushalten, die Sehnsucht in meinem Herzen nicht. Ich vermisse dich so sehr, dass es mir den Atem nimmt. Schreibe dir eine Postkarte und hoffe, durch die Formulierung meiner Gedanken Erlösung zu finden. Versende sie nicht.
Ich schaue meine Lieben an und bin dankbar, dass sie mich willkommen heißen, mich bedingungslos in ihre Arme schließen. Habe ein schlechtes Gewissen.
Mitunter wage ich einzelne Schritte, doch wackelig sind meine Beine und ich drohe zu fallen, immerzu. Schwarzschattiert ruft der Abgrund. Ich wünsche, es gäbe einen Ort, an den ich mich zurückziehen kann. Dort würde ich mich in die entlegenste Ecke verkriechen und uferlose Tränen weinen.
საქართველო
Als Gott das Land an die Völker verteilte, saßen die Georgier beisammen, lobpreisten den Herrn bei Wein und fröhlichem Gesang und erschienen viel zu spät vor seinem Thron.
Der Allmächtige zeigte sich jedoch gerührt und schenkte Ihnen das kostbarste Stück Land, das noch geblieben war – sein eigenes.1
Kutaissi, 5. April 2019, fünfzehn Uhr. Die Sonne scheint, im Süden rekelt sich der Kleine Kaukasus. Ein älterer Herr holt mich vom Flughafen ab, begrüßt mich höflich mit wenigen Worten auf Georgisch, dazu ein Lächeln. Dieses Arrangement habe ich mit meiner Gastmutter vorab vereinbart, denn ich hoffte auf so wenig Aufregung wie möglich, aufgeregt wie ich war. Jetzt laufen wir zu seinem Auto. Erste Beobachtung: das Lenkrad rechts, doch kein Linksverkehr. Ich wundere mich kurz, dann nehme ich auf der Rückbank Platz und greife nach hinten, taste auf und ab, und kann den Sicherheitsgurt nicht finden. Irritiert drehe ich mich um und muss lachen, leise in mich hinein. Es gibt keinen, es gibt keinen Sicherheitsgurt. Auf Wiedersehen, altes Leben. Die Fahrt beginnt.
Hallo Welt, hallo Georgien! Besinnungslos stürze ich mich in das Leben, mein Leben open end. Von nun an bin ich eine Entdeckerin, mit Herz und Lupe erforsche ich das Land und lasse die fremden Zeichen auf mich wirken. Ich bin entzückt von der Anmut georgischer Schrift, spiele Detektivin und enträtsele die Bedeutung einfacher Wörter. Neugierig erkunde ich die Waren eines kleinen Ladens, schlendere durch die Gänge und kaufe schließlich einen Radiergummi, der noch in meiner Federtasche fehlt. Die Verkäuferin dankt. Bei bestem Frühlingswetter spaziere ich weiter, vorbei am zentralen David-Agmaschenebeli-Platz, in dessen Mitte der Kolchis-Brunnen Zeugnis über Medeas Herkunft ablegt, und hinauf – über der Stadt thront die Bagrati-Kathedrale. Einst gehörte sie zum Weltkulturerbe, dann entfernte die UNESCO das Bauwerk jedoch von ihrer Liste, nachdem beim Wiederaufbau umfangreiche Umbauten vorgenommen wurden, die die Authentizität des Gebäudes beeinträchtigen würden. Aber davon weiß ich nichts, als ich das Portal in eine andere Welt betrete. Vor mir öffnet sich ein Kuppelbau. Fresken schmücken die Decke, Jesus erscheint vor himmelblauem Hintergrund. Religiöse Motive an den Wänden erzählen von Leid und Hoffnung, erzählen eine Geschichte des ewigen Lebens. Es gibt keine Sitzbänke, keinen Ort zum Verweilen, zum Innehalten. Das finde ich bemerkenswert. Stattdessen eine Vielzahl von Ikonen auf nacktem Stein, die mit Kerzen, Blumen und Küssen der Gläubigen überhäuft sind. Ich werde zahlreiche Kirchen in Georgien besuchen, mir ein Tuch auf mein Haupt legen, Kerzen für meine Liebsten entzünden und das Mysteriöse der Orthodoxie bestaunen.
In den folgenden Tagen fahre ich mit Kleinbussen, die hier Marschrutki heißen, durch den Westen: von Kutaissi nach Achalziche, nach Batumi. Ein Ford Transit mit sechzehn Plätzen, bei Bedarf auch mehr. Dann wird kurzerhand ein Schemel in den Gang gestellt. Wir kommen voran – mehrere Stunden über holprige Straßen, kein Platz für Gegenverkehr, es gibt ihn trotzdem, und neben uns der Abgrund in immer tiefere Schluchten. Ich habe keine Angst, vertraue dem Fahrer sowie den Achsen des Autos und beobachte die Einheimischen, die sich in jeder Kurve, vor jeder Kirche bekreuzigen. Wenn Gott so nah ist, was soll mir schon passieren? Nun mitten auf der Straße im Nirgendwo, ein Mann hebt seine Hand, wir halten an und ein Päckchen landet zwischen den Fahrgästen. Es ist Platz, es ist Platz für alle und alles. Nach einer Stunde halten wir erneut. Diesmal wartet am Straßenrand eine Frau. Ein kurzer Schwatz, hiernach nimmt sie das Päckchen und entschwindet über eine Hängebrücke, darunter ein reißender Strom, am Ende ein Haus, solitär gelegen.
Ich genieße die Langsamkeit der Tage, die sich wohltuend an meinen Körper schmiegt. Gern möchte ich auch meinen Geist unabhängig fühlen, aber meine Gedanken sind es noch nicht. Die vergangenen drei Monate haben deutliche Spuren hinterlassen. Ende letzten Jahres habe ich überstürzt, eher getrieben, entschieden, mein bisheriges Leben aufzugeben. Eintönig erschien es mir, zwar nicht schlecht, doch nunmehr ohne Gefühl. Heldinnenhaft kündigte ich also mein unbefristetes Dasein in der Ahnung, dass alles Sein befristet sei. Daran anschließend turbulente Wochen, kulminierend in einem exzessiven Abschied von Göttingen, einem ausgefeilten Umzug meiner Habseligkeiten nach Berlin sowie der Ausbeute unkoordinierter Reisevorbereitungen: ein Flugticket nach Georgien. Kurz vor Abflug bin ich so erschöpft, dass auch nach Ankunft die einstige Heldin ausgezehrt die meiste Zeit im Bett verbringt, ihre Wärmflasche vermissend. Vor dem Fenster zwitschern die Vögel. Meine Gastmutter verordnet mir Borjomi-Wasser, dem heilende Kräfte nachgesagt werden, und schon bald geht es mir körperlich besser. Mein Geist hingegen treibt weiter sein Unwesen. Ich kämpfe mit meiner eigenen Courage und habe ein wenig Angst vor der Intensität des Alleinseins – so viele Fragen, die ich mir stelle und auf die ich keine Antworten finde. Zuweilen fühle ich mich einsam und losgelöst. Ich denke viel an zu Hause und weiß nicht, wo dieses Zuhause ist.
Ein paar Wochen später laufe ich durch die Straßen von Tbilissi, der Hauptstadt Georgiens. Vor der Metrostation am Freiheitsplatz hat sich eine Menschentraube gebildet, in deren Mitte junge Georgier:innen zu traditionellen Klängen Volkstänze aufführen. Eine alte Frau, fesch gekleidet mit türkisfarbenem Strickpulli zu beigem Rock, ein blauer Krempenhut bedeckt ihr weißes Haar, gesellt sich zu ihnen auf die Tanzfläche und bewegt ihre Hüften im Takt.
Und dann gibt es diesen einen Tag, den Wendepunkt. Es ist der 4. Mai, als ich nach einem Ausflug in den Großen Kaukasus nach Tbilissi zurückkehre. Gestern bin ich kurz nach Sonnenaufgang in Stepanzminda gestartet, um den nahegelegenen Wallfahrtsort der Dreifaltigkeitskirche auf 2.170 Metern zu erklimmen. Stepanzminda wirkt wie aus der Zeit gefallen. Es gibt weder Straßen noch Straßenschilder, die Wege sind Sandpfade, die Steinhäuser brüchig, Hunde streunen, gelegentlich kommt eine Kuh vorbei – ferner wabern schwere Nebelschwaden. Meine Wanderung beginne ich in strömendem Regen, doch ich genieße es so sehr, in dieser Landschaft zu sein, dass jene Laune der Natur es nicht schafft, die meinige zu trüben. Schnee schmückt die Gipfel der umliegenden Berge, überragend der Kasbek mit einer Höhe von 5.047 Metern. Hier soll, der Legende nach, der griechische Held Prometheus, nachdem er bei Zeus in Ungnade gefallen war, zur Bestrafung mehrere Jahrhunderte angekettet gewesen sein. Hier fraß ein Adler täglich von seiner Leber, die ebenso täglich nachwuchs. Resümiere ich, und suche weiter den Pfad durch das Gebirge. Kein Mensch außer mir ist zugegen, am Himmel kreist ein Greifvogelpaar. Nach zwei Stunden erreiche ich die Kirche, ganzkörperlich durchnässt und sehr glücklich. Stolz lasse ich ein Erinnerungsfoto von mir machen.
Zurück in Tbilissi bin ich mit Felix, dem Freund einer Freundin aus Göttingen, verabredet. Wir treffen uns in einer Bar mit alten Sofas und schummrigem Licht und trinken Argo-Bier. Andächtig lausche ich seinen Worten, die vom Leben hierzulande erzählen. Es ist ein wunderbarer Abend, wir verstehen uns prächtig. Als Felix aufbrechen muss, beschließen wir, in Kontakt zu bleiben, und ich beschließe, noch ein wenig länger in der Bar zu bleiben. Schon nach einigen Minuten lerne ich einen Georgier kennen, mit dem ich in einen kleinen Club auf der anderen Straßenseite weiterziehe. Die Stimmung ist gut. Doch dann merke ich, dass mein Begleiter mehr erwartet, ich möchte das nicht. Daraufhin kommt es draußen im gelblich schimmernden Gaslaternenlicht zu einer lautstarken Auseinandersetzung. Wütend gehe ich ein paar Schritte, um der Situation zu entweichen, aber nach Hause will ich nicht. Er folgt mir, ich beschwöre: Don’t follow me, er antwortet auf Georgisch-Englisch: was auch immer. Welch’ ein Drama! Meine Rettung heißt Maria. Sie kreuzt unseren Weg und nimmt mich unter ihre Fittiche. Hört ihr den Startschuss? Im Schatten des leisen Platzpatronenknalls beginnt die Nacht fulminant. Denn Maria arbeitet im Bassiani, dem besten elektronischen Club der Stadt, einem der besten der Welt. Eine Taxifahrt später betreten wir die Katakomben des Dinamo-Stadions und tauchen ein in ein anderes Universum. Die Bässe dringen direkt in mein Herz, in jede Faser meines Körpers. Ich bin überwältigt, muss mich erstmal setzen. Nun beobachte ich die wunderschönen Menschen, die an diesem Ort einen Safer Space gefunden haben. Nicht jedoch ein Jahr zuvor, als die Polizei mit Maschinengewehren den Tanzclub zur Hochzeit stürmte. Kurzzeitig war es vorbei mit der Freiheit, aber heute holen wir sie uns zurück. Über diesen heroischen Wunschvorstellungen schlafe ich ein. Ich schlafe im Bassiani! Als ich erwache, ist der Bass noch da. Auch die schönen Menschen sind noch da, bewegen ihre Körper zum Takt der Musik. Ich geselle mich zu ihnen und tanze zwei-drei Stunden durch. Maria ist verschwunden – nur ich und das Leben, fabelhaft.
Fortan lasse ich mich unbekümmert treiben, Tbilissi wird mein Zuhause. Ich liebe die Atmosphäre der Stadt, es riecht nach Aufbruch und nach Aufbau, der mehr oder weniger vollzogen ist. Diese Eleganz des Unfertigen fasziniert und erinnert mich an mein Ost-Berlin Ende der 1990er Jahre. Alles scheint möglich – und ich laufe los, bergaufwärts durch die kleinen Gassen der Altstadt, vorbei an Häusern mit Holzbalkonen und Veranden, die ihren Blick vornehm in das Tal richten. Am oberen Ende steht erhaben die Mutter Georgiens. Gut sichtbar wacht sie über die Stadt, in der rechten Hand ein Schwert, links eine Schale der Gastfreundschaft. Dankbar nehme ich auf einer Busfahrt ein Stück selbstgebackenen Kuchen entgegen. Keti, meine hiesige Gastmutter, schenkt mir zur Begrüßung eine Flasche Hauswein. Als ich einmal vor Regen und Kälte in ein Café flüchte, erhalte ich einen wärmenden Kaffee umsonst.
Tagsüber strolche ich über Flohmärkte. Dort kaufe ich selbstgestrickte Socken bei einer Händlerin mit faltigem Gesicht. Zum Abschied wirft sie mir einen Kussmund zu, ich schenke ihr mein schönstes Lächeln.
Ich besuche ein Dokumentarfilmfestival, das CinéDOC-Tbilisi, und bin begeistert. Ebenso von kleinen Galerien und dem Georgischen Nationalmuseum, in dem ich erfahre, dass um die Jahrtausendwende in Südgeorgien fünf frühmenschliche Schädel gefunden wurden. Eine Sensation, denn mit einer Altersdatierung von fast zwei Millionen Jahren sind sie das bisher älteste Zeugnis der Hominini außerhalb Afrikas.
Ich esse Chatschapuri, ein überbackenes Käsebrot, und Chinkali, gefüllte Teigtaschen; probiere eine Süßspeise, bei der aufgefädelte Nüsse mit einer Traubensirupschicht überzogen sind, namens Tschurtschchela und Tschatscha, einen siebzigprozentigen Traubenschnaps.
Ich treffe Felix und seine Freundin Nazy wieder und wir genießen bei einem Bier die ersten sommerlich warmen Nächte der Stadt.
Manchmal stolpere ich über ungesehene Löcher im Asphalt und manchmal gleicht die Überwindung der Bordsteine einem Hürdenlauf. Manchmal begleitet mich einer der Straßenhunde ein Stück, um sodann, das Interesse offenbar verloren, wieder seiner eigenen Wege zu gehen.
Tbilissi ist mein Dreh- und Angelpunkt und gleichzeitig der Ausgangspunkt vieler Entdeckungsreisen.
Ich fahre in das neunzig Kilometer entfernte Gori, den Geburtsort Stalins, und bin erschrocken, wie einseitig euphemistisch über den bekannten Sohn des Landes im örtlichen Museum berichtet wird.2 Doch das stimmt nicht ganz. Zuletzt wurde eine Vitrine mit der Beschriftung »Opfer des Sowjet-Regimes« aufgestellt. Hierin zu finden: Fotos von dreizehn Menschen, unkommentiert.
Mit Keti und ihrer Tochter besichtige ich Mzcheta. Die dreitausendjährige und einstige Hauptstadt Iberiens, eines Vorgängerstaates Georgiens, ist heute ein religiöses Zentrum des Landes.
Einem Aufruf via Facebook folgend begebe ich mich mit einer Gruppe aus Personen unterschiedlicher Nationen, unter ihnen die Initiatorin Daria, eine professionelle Weinkennerin aus Georgien, nach Kachetien. Die Region im Osten des Landes ist für ihren Weinanbau bekannt und repräsentiert die achttausend Jahre alte Tradition. Eindrucksvoll: die Quveri, handgetöpferte, zitronenförmige Tongefäße, die in die Erde eingelassen sind. Außergewöhnlich: die Maischegärung, bei der sowohl das Fruchtfleisch als auch die Schalen und Stiele der Trauben monatelang nahezu ohne Sauerstoff und ohne weitere Zusätze unter konstanten Temperaturen natürlich vergären. Seit 2013 ist das Verfahren der Maischegärung in Quevris in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Besonders köstlich schmeckt der bernsteinfarbene Weißwein.
Mit dem Nachtzug reise ich in den Nordwesten nach Swanetien, nahe der russischen Grenze, und lerne im Viererabteil Zuzanna und Marcel aus Polen kennen, mit denen ich die nächsten zwei Tage verbringe. Ein Tag in Mestia. Wir nehmen die Seilbahn und genießen auf zweitausenddreihundert Metern Höhe den atemberaubenden Ausblick, wiederum mit weißen Hüten bedeckte Gipfel. Mit uns Gundi, mein Badeenten-Maskottchen, das mich auf all meinen Wegen begleiten wird. Eine treue Gefährtin und Topmodel zahlreicher Schnappschüsse. Ein Tag in Uschguli. Das höchstgelegene dauerhaft bewohnte Dorf Europas besticht durch seine Ursprünglichkeit. Eintausend Jahre alte Wehrtürme und acht Kirchen sowie ein Friedhof prägen die Silhouette. Dazwischen aus Schieferstein gemauerte Häuser, fertig, unfertig. Außentoilette, Loch im Boden. Kleine Kinder sitzen auf großen Pferden und blaue Blumen schmücken grünen Untergrund.
Nach sechs Wochen verlasse ich Georgien. Muss ja, ich kann doch nicht für immer hierbleiben. Die Welt ist groß und erwartet mich. Das war der bestmögliche Beginn einer Reise, behaupte ich und flüstere zärtlich: მადლობა3.
Johann Wolfgang von Goethe, Willkommen und Abschied (1775):
Es schlug mein Herz, geschwind, zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.
Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!
Dich sah ich, und die milde Freude
Floß von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich – ihr Götter!
Ich hofft es, ich verdient es nicht!
Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!
Heute bin ich in den Schrebergarten meiner Eltern zurückgekehrt. Die Parzelle fügt sich gut geplant und maßgerecht neben die anderen. Es ist nahezu still, denn erst wenige Nachbar:innen haben ihr Sommerdomizil bezogen. Nur die Geräusche alltäglicher Handarbeiten sind zu hören: Rasenmähen, Heckeschneiden, Pflanzenwässern. Und ein einzelnes Gespräch aus Worten, deren Bedeutung mich nicht berührt. Ich bin allein und richte mich in meinen Gedanken ein. Sie kreisen immerzu.
Am Abend. Die Pflanzen müssen noch gegossen werden. Es gibt ein ausgeklügeltes System, an das ich mich gewissenhaft halte. Der betonierte Weg teilt links und rechts die Blumenrabatte. Hier und dort ein Beet mit zarten Züchtungen verschiedener Gemüsesorten. Kürbis auf dem Kompost. Ein Kirschbaum, süß, ein Apfelbäumchen. Der Flieder ist schon halb verwelkt, das Braun mischt sich unschön in das weiße Kleid. Vorgegaukelte Natur, Photosynthese. Die Vögel zwitschern ihren Abendgesang, am Ende des Liedes ein Hund, der bellt.
In der Nacht. Ich lege mich auf den Rasen und schaue zu den Sternen, jedoch ich kann sie nicht sehen, Wolken verschleiern die Sicht. Es nieselt leise. Ich möchte eins sein mit der Natur, sie spüren und mich umarmt fühlen. Kraftlos weine ich paar Tränen in die Dunkelheit. Gartenglück, bitte gib mir Zuversicht!
Am Morgen. Nach einer traumlosen Nacht erwache ich mit dem ersten Tageslicht. Heute verweile ich nicht länger im Bett, sondern schwinge mich fröhlich-leicht hinaus und öffne die Tür des kleinen Gartenhauses. Die Sonne lacht, ebenso mein Kindermund. Ich laufe nach draußen mit nackten Füßen auf feuchtem Gras. Freiheit im Planquadrat.
Հայաստան
Wie einfach man eine Grenze überschreiten kann. Austrittsstempel Georgien, Eintrittsstempel Armenien. Das Privileg eines deutschen Reisepasses. Drei Stunden oder einen Augenblick später komme ich in der Hauptstadt Jerewan an. Mein Ersteindruck, etwas befremdlich: sowjetische Omnipräsenz in Architektur und Straßenbau, dazwischen allgegenwärtig die Polizei und auf den Gehwegen eilen Frauen mit übergroß geschminkten roten Mündern, auf ihren Oberteilen Sprüche auf Englisch und Französisch. Die Männer schauen durchdringend, mitunter ein lüsterner Blick. Häufiger nur Fragezeichen. Was macht diese Frau hier, mit ihrem Rucksack, ohne Begleitung? Doch ich lasse mich nicht beirren, beginne vielmehr, an der Oberfläche zu kratzen, und trete ein in eine faszinierende Welt.
