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Der New York Times-Bestseller Don’t Let Him In erstmals auf Deutsch!
Bestsellerqueen Lisa Jewell auf dem Höhepunkt ihres Schaffens – ein fesselndes, abgründiges Meisterwerk, das niemanden loslässt
»Packend, schockierend, meisterhaft.« – Freida McFadden
»Lisa Jewell ist ein Genie« – Marian Keyes
»Fesselnd, abgründig clever und absolut überwältigend.« – Andrea Mara
»Grandios und vielschichtig.« – Gillian McAllister
»Ein Meisterwerk der Spannung« – Alex Michaelides
Er ist aufmerksam. Er ist charmant. Er ist perfekt.
Und der Mann, den du besser nie getroffen hättest. Sein Lächeln ist nichts als Fassade – und hinter der Maske lauert eine Wahrheit, die alles zerstören kann.
Nina Swann trauert noch um ihren verstorbenen Mann, als plötzlich ein alter Freund aus dessen Vergangenheit auftaucht: Nick Radcliffe. Charmant, aufmerksam, unwiderstehlich – er scheint genau das zu sein, was sie braucht. Doch ihre Tochter Ash ist alarmiert. Zu perfekt wirkt dieser Mann, zu glatt sind seine Geschichten. Heimlich beginnt sie, Nachforschungen anzustellen – und stößt auf Widersprüche, die ihr den Atem rauben.
Zur gleichen Zeit kämpft die junge Floristin Martha mit den ständigen Abwesenheiten ihres Mannes Al. Immer wieder verschwindet er für Tage, immer wieder lässt er sie mit ihren Kindern zurück. Doch als sie den Mut fasst, genauer hinzusehen, beginnt ihr vertrautes Leben zu bröckeln.
Drei Frauen, verbunden durch ein Netz aus Lügen, Manipulation und tödlichen Geheimnissen. Je näher sie dem Mann kommen, der ihr Leben verführt und vergiftet, desto klarer wird: Die größte Gefahr steht schon längst mitten in ihrem Haus.
Ein gnadenloser Pageturner und hochspannender Psychothriller voller Abgründe und Täuschungen – meisterhaft erzählt, beklemmend aktuell und absolut unvorhersehbar von Bestsellerautorin Lisa Jewell.
»Er sagt, er liebt dich. Du denkst, er ist für dich gemacht. Und während du noch glaubst, dein Glück gefunden zu haben, merkst du zu spät: Du hättest ihn niemals hereinlassen dürfen.« Lisa Jewell »Don’t let him in«
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Der neue Thriller von der Bestsellerautorin von »Kein Hauch von Wahrheit« und »Weil niemand sie sah«
Nr. 1 New York Times- und Sunday Times-Bestseller
Für Fans von Karin Slaughter, Jennifer Hillier, Sharon Bolton und Gillian Flynn
Ein psychologischer Domestic Thriller über Liebe, die zu perfekt ist, um wahr zu sein
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 517
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Titel
Teil eins
Kapitel 1
Kapitel 2
Teil zwei
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Teil drei
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Teil vier
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Teil fünf
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Epilog
Danksagung
Anmerkung zur Figur namens Justin Warshaw
Über die Autorin
Weitere spannende Titel von Lisa Jewell
Kein Hauch von Wahrheit – Sunday Times-Bestseller
Die Nacht ihres Verschwindens – New York Times-Bestseller
Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Inhaltsbeginn
Impressum
Don’t Let Him In
Lisa Jewell
Aus dem Englischenvon Michael Krug
November
Das Haus ist spektakulär. Eine riesige weiße Stuckvilla, dreigeschossig plus Dachzimmer. Ungehinderter Blick aufs Meer durch hohe Panoramafenster vorn und hinten. Vermutlich ist irgendwann eine Wand entfernt worden, um einen so offenen Raum in einem viktorianischen Haus zu schaffen. Stahlträger sind eingezogen. Ein teures Unterfangen. Und nur, um mehr Licht und Platz für die Eigentümer zu bieten. Ich verspüre einen uncharakteristischen Anflug von Neid. Es sieht mir nicht ähnlich, jemandem etwas zu missgönnen. Tatsächlich verschwende ich selten einen Gedanken an andere. Nur ist dieser Fall völlig anders gelagert. Ich schalte den Motor des Lieferwagens aus, bleibe einen Moment lang sitzen und wappne mich. Durch das Fenster auf der gegenüberliegenden Seite nehme ich verschwommen eine Bewegung wahr. Als ich eine Baseballmütze aufsetze und die Fahrertür öffne, höre ich ein gedämpftes Gemurmel. Vor dem Haus parken vier Autos. Es ist eindeutig noch viel los. Ich gehe zur Seite des Wagens und ziehe die Tür auf. Vor mir habe ich die letzte Lieferung für den Tag, einen besonders großen, teuren Strauß aus weißen Hortensien und Rosen in einer rosa Verpackung. Auf dem angefügten Umschlag steht »Nina Swann & Familie«.
Auf dem Weg zur Eingangstür spähe ich unauffällig durch das Küchenfenster hinein. Eine kleine Gruppe sitzt um den Tisch, eine Mischung aus jüngeren und älteren Leuten. Alle haben Wein vor sich und sind dunkel gekleidet. Musik dudelt, Kerzen flackern. An den Wänden erkenne ich Kunst, Fotos und Grafiken. Ich sehe eine mitternachtsblaue und rosa Designerküche mit Akzenten aus Messing und Kupfer. Große Globelampen hängen in unregelmäßigen Abständen an goldenen Ketten. Pflanzen stehen in Regalen. Durch eine Tür hinten in der Küche sehe ich riesige Sofas mit Samtbezug, ein Mischpult, ein Gorillaz-Poster.
Das Zuhause eines Mannes der Generation X, der gute Entscheidungen getroffen hat und erfolgreich geworden ist, indem er die Bausteine präzise und sorgfältig aufeinandergestapelt hat. Aber auch das Zuhause eines Mannes, der einen sehr schweren Fehler begangen hat, für den seine Frau und seine Familie wieder und wieder bezahlen werden.
Ich gehe weiter am Fenster vorbei und lege den Finger auf die Türklingel.
Ash dankt dem Zusteller, schließt hinter sich die Haustür und trägt die Blumen in die Küche. Hier sitzen ihre Mutter Nina, ihr Bruder Arlo, ihre Großmutter, ihr Onkel, ihre Tante, ihre drei Cousins und ihre beste Freundin um den großen Holztisch, der mit Weingläsern, schmutzigen Tellern und den gallertartigen Überresten der Kanapees übersät ist. Es herrscht eine zugleich brüchige und unbelastete Atmosphäre. Das Schlimmste ist überstanden, der Tag ist so gut wie vorbei. Mittlerweile läuft Ash in einer schwarzen Strumpfhose herum. Die Stöckelschuhe hat sie vorhin abgestreift, sobald der Großteil der anderen Gäste gegangen war.
»Von wem sind die?«, fragt ihre Mutter. Ihre Stimme klingt belegt.
»Äh ...« Ash tastet an der hellrosa Verpackung nach der Begleitkarte, löst sie davon ab und reicht sie ihrer Mutter.
»Bitte«, sagt ihre Mutter, »mach du das.«
Ash zieht eine kleine Karte aus dem Umschlag. Sie weist dieselbe Schattierung von Altrosa auf wie die Folie. Vorn ist eine Rose eingeprägt, über die sie unbewusst mit der Fingerspitze streicht. Die Karte enthält eine Mitteilung in krakeliger Floristenhandschrift mit einem Wasserklecks auf der Tinte.
Wir denken an euch.
Alles Liebe und aufrichtiges Beileid,
die Tanners
»Wer sind die Tanners?«
Ashs Mutter seufzt. »Ich habe keine Ahnung. Kannst du sie in Wasser stellen?«
»Uns sind die Vasen ausgegangen.«
Wieder seufzt ihre Mutter, und Ash weiß, dass sie heute nichts mehr erwähnen darf, das mit Blumen zu tun hat. Sie steckt den Strauß in eine Vase, die bereits einen enthält – die beiden passen überhaupt nicht zueinander und geben einen ästhetisch unerfreulichen Anblick ab. Danach kehrt sie zu ihrer Familie an den Tisch zurück.
Ella schenkt Weißwein in Ashs leeres Glas ein. Ash bläst ihr einen Kuss zu.
Die Sonne hat sich heute kein einziges Mal gezeigt. Eine Ironie, denn Ashs Vater war von Sonnenschein regelrecht besessen und ist ihm sowohl im Garten als auch um die Welt nachgejagt. Für graue Tage hatte er eine Tageslichtlampe in seinem Heimbüro. Er hat penibel die Wettervorhersagen studiert und beim kleinsten Anzeichen von Frühling darauf bestanden, im Garten zu grillen. Dieses Haus wollte er wegen seiner Ausrichtung nach Süden. Im Garten hatte er seine Lieblingsplätze. An einem, den er »Ibiza« nannte, konnte er sogar im Februar sonnenbaden. »Ich geh ein Weilchen nach Ibiza«, kündigte er an so manchem sonnigen Morgen mit einem Kaffee in der Hand und einer Sonnenbrille auf dem Kopf an. Neben der Hintertür stand immer eine Sonnencreme bereit. Das ganze Jahr über.
Aber heute, am Tag seiner endgültigen Verabschiedung, ist die Sonne ferngeblieben. Ash würde gern glauben, er hätte sie mitgenommen. Doch andererseits – nein. Sie ist fest davon überzeugt, dass die Toten nichts beeinflussen können.
Er war vierundfünfzig.
Getötet von einem Fremden.
Auf die Gleise gestoßen.
Vor einen Zug.
Er war auf dem Heimweg von der Eröffnung eines Restaurants in Soho. Keines seiner eigenen, sondern das eines Freunds. Er war ziemlich betrunken. Laut seinem Freund hatte er Tequila Slammer gezecht und war der Mittelpunkt der Party. Das war Paddy Swann immer.
Der Mann, der ihm den Stoß versetzt hat, heißt Joe Kritner.
Von jetzt auf gleich. Ein Moment. Zwei Leben. Mehr, wenn man den Lokführer dazuzählt, die Zeugen und die Sanitäter, die seine Überreste von den Gleisen bergen mussten.
Auf dem Tisch liegt ein Fotoalbum. Ash und ihr Bruder Arlo haben es zusammengestellt. Die letzten Seiten haben sie frei gelassen, damit die Gäste eigene Fotos von Dad, von Paddy, hinzufügen konnten. Ash schlägt willkürlich eine Seite auf und seufzt beim Anblick ihres Vaters mit einem Fischerhut und einer Sonnenbrille bei irgendeinem Festival, in der Hand ein Bier in einem Plastikbecher. Mitte der Neunziger, denkt Ash. Er wurde 1970 geboren, also muss er auf dem Foto ungefähr fünfundzwanzig sein. So alt wie sie jetzt.
»Wo ist das?«, fragt sie ihre Mutter und dreht ihr das Album zu.
»Ha, Glastonbury. Natürlich.«
»Natürlich«, wiederholt Ash nüchtern. »Warst du auch dort?«
»Ja. Oasis. Pulp. The Cure. Es war eine Affenhitze. Wir sind mit Lena und Johnny hingefahren. Dad hat sich damals ziemlich heftig ...«
»Betrunken?«, schlägt Arlo vor.
»Unter anderem.«
Alle lächeln verschmitzt. Jeder weiß, wie Paddy war. Er hat gern getrunken, gern Partydrogen eingeworfen, sich gern bekifft. Er hat ständig Musik gehört, ist andauernd mit Kopfhörern herumgelaufen. Er hat Schallplatten, T-Shirts, Livemusik, Leute und Essen gemocht.
Paddy Swann war der unkomplizierteste Mensch der Welt. Dann, vor zwei Wochen, hat ihn ein überaus kompliziertes Individuum als Figur in seiner komplizierten Geschichte benutzt und vor einen Zug gestoßen. Und jetzt ist er tot.
Sein ohne ihn zurückgebliebener Clan ist laut. Leise kennen es seine Verwandten nicht, noch nicht mal im schwindenden Licht des Tages, an dem sie ihn beerdigt haben. Allerdings merkt man dem Lärm einen schrecklichen Beigeschmack an. Zum einen das Fehlen seiner Stimme, seines Lachens, seiner Präsenz. Zum anderen den Umstand, dass nach diesem Tag jedermanns Leben ohne ihn weitergehen wird.
Ash knallt das Album zu, greift nach ihrem Weinglas, leert es in einem Zug und achtet nicht auf die süßliche Wärme, die sich über die Innenseiten ihrer Wangen ausbreitet. Wie werden sie heute Abend ins Bett gehen? Wie werden sie beschließen, dass dieser Tag vorbei ist und der nächste Abschnitt beginnt?
Januar
Ash nimmt die Karte von der Anrichte in der Küche und liest die Worte darin.
Liebe Nina samt Familie,
ich habe gerade die Neuigkeit über Paddy erfahren. Es hat mich erschüttert, dass er vergangenes Jahr gestorben ist. Vor langer Zeit haben Paddy und ich zusammen in einem Restaurant in Mayfair gearbeitet. Er war einer der nettesten Kerle, die ich je kennengelernt habe, und einer der besten Köche, mit denen ich je am Herd stehen durfte. Vor ein paar Jahren bin ich zufällig auf sein Restaurant in Whitstable gestoßen und wusste gar nicht, dass es ihm gehört, bis ich ihn durch das Lokal habe gehen sehen. Ich habe ihn angesprochen, und wir haben uns unterhalten. Er hat so gut ausgesehen und so viel von seinem üblichen Frohsinn und Großmut versprüht. Spontan hat er sich beim Essen zu mir gesetzt und mir gute Weine aufgedrängt. Wir haben uns über unser Leben ausgetauscht. Er hat mir erzählt, dass er eine Familie gegründet und sich ein Restaurantimperium an der Südküste aufgebaut hat, während ich als Junggeselle eine Weinbar nicht weit von dort entfernt betreibe, wo wir uns in Mayfair zum ersten Mal begegnet sind. Ich dachte immer, unsere Wege würden sich irgendwann wieder kreuzen, ich würde nach Whitstable zurückkehren, weitere ein, zwei Stunden in seiner reizenden Gesellschaft verbringen und ein weiteres seiner köstlichen Gerichte essen. Allerdings hat es sich nie ergeben. Das Leben ist dazwischengekommen. Und jetzt ist es zu spät.
Wie auch immer, ich wollte Sie nur wissen lassen, wie sehr ich Paddy verehrt habe und wie betroffen ich war, als ich erfahren habe, dass er so jung und unter so tragischen Umständen von uns gegangen ist.
Mit tiefem Mitgefühl und besten Grüßen,
Nick Radcliffe
Ash winkt mit der Karte ihrer Mutter zu, die am Wasserkocher steht und darauf wartet, dass er brodelt.
»Nette Karte.«
Ihre Mutter dreht sich um. Sie hat dunkle Ringe unter den trüben Augen.
»Oh«, sagt sie. »Ja. Sehr süß.«
»Hast du ihn je kennengelernt?«
»Nein. Ich glaube nicht. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern.«
Ash holt das Handy aus der Tasche, googelt den Namen und fügt Mayfair als Suchbegriff hinzu. Der Mann ist auf LinkedIn. Sie tippt auf den Link.
Nick Radcliffe ist »Mitbegründer und Eigentümer der Bar Amelie in London W1«. Auf seinem Profilfoto sieht er wie ungefähr fünfzig aus. Er hat schlohweißes Haar, einen gepflegten weißen Bart, sehr blaue Augen und ein freundliches Lächeln. Sie dreht ihrer Mutter das Telefon zu. »Schau«, sagt sie.
Ihre Mutter wirft einen halbherzigen Blick auf das Foto. »Nein«, meint sie. »Hab ihn noch nie gesehen. Aber er ist ziemlich heiß.«
Ash schaut entsetzt drein.
»Was denn?«, sagt ihre Mutter. »Dagegen gibt’s kein Gesetz.«
Ash googelt »Bar Amelie« und findet eine schillernde Website des Lokals. Es liegt an der Curzon Street, ist elegant und wunderschön – gebürstetes Messing, heller Samt, drei verschiedene Arten von Kaviar auf der Speisekarte. Das völlige Gegenteil der rustikalen Restaurants ihres Vaters – sandige Böden, Kreidetafeln, Holztäfelungen, dicke Suppen und auf Holzkohle gegrillter Hummer.
»Wir sollten hingehen«, meint Ash, als sie ihrer Mutter die Website der Weinbar zeigt. »Er kann uns mehr darüber erzählen, wie Dad früher war, bevor du ihn kennengelernt hast.«
»Dein Vater hat hunderte Menschen gekannt, bevor ich ihn kennengelernt habe.«
»Ich weiß. Aber er klingt wirklich nett. Vielleicht hat er Geschichten auf Lager.«
»Tja, du kannst ja hingehen«, sagt sie. »Bestimmt freut er sich, Paddys reizendes Mädchen kennenzulernen, und erzählt dir gern Geschichten. Und vielleicht kriegst du sogar ein kostenloses Abendessen. Oder einen Job.«
Auf den letzten, knappen Satz folgt eine kurze, angespannte Pause.
»Vielleicht mache ich das«, erwidert Ash schließlich. Dann stellt sie die Karte mit einer etwas hochmütigen Bewegung aus dem Handgelenk zurück auf die Anrichte. »Vielleicht.«
Ash arbeitet in der Gebrauchtmodeboutique im Dorf. Die Leute bringen ihre alten Sachen hin. Die Ladenbesitzerin Marcelline und Ash dampfreinigen sie im Hinterzimmer, um Gerüche daraus zu entfernen, und hängen sie anschließend auf teuren Kleiderbügeln neben Seidenblumen und schicken Möbeln in die Auslage. Wird etwas verkauft, erhält der Kunde fünfzig Prozent, der Rest bleibt der Boutique.
Eigentlich sollte es nur ein vorübergehender Job sein, eine Notlösung für den Sommer, nachdem es in London für sie nicht geklappt hatte und sie nach Hause zurückgezogen war, um zurück in die Spur zu finden. Aber im Nu wurde es erst September, dann Oktober, und wenig später starb ihr Vater. Inzwischen ist es Januar, fast Februar, und sie arbeitet unverändert in der Boutique und schläft immer noch im Zimmer ihrer Kindheit. Bald wird sie sechsundzwanzig und hat nicht damit gerechnet, nach wie vor hier zu sein.
Doch so bewusst ihr auch ist, dass sie es nicht sein sollte, sie will nicht ausziehen. Nicht jetzt. Sie möchte in diesem wunderschönen Haus bleiben, in dem sie aufgewachsen ist und das nach ihrem Vater riecht.
Ash entwickelt sich zurück, befindet sich im freien Fall.
Vier Jahre zuvor
Ich küsse meine Frau auf die Lippen. Ihr Atem riecht nach der Zahnpasta von gestern Abend und nach Schlaf. Trotzdem küsse ich sie jeden Morgen. Das gehört mit zur Illusion, zum Rhythmus, der die vergangenen vier Jahre unseres Lebens begleitet. Sie wäre verwundert, wenn ich sie morgens nicht auf die Lippen küsste. Und das will ich nicht. Wenn sie anfängt, sich über Kleinigkeiten zu wundern, wird sie es irgendwann auch über die größeren Dinge. Deshalb achte ich bei den Kleinigkeiten penibel darauf, dass alles gleich bleibt. Bis es das nicht mehr ist.
»Morgen«, sagt sie, schmiegt sich an mich, schlingt einen Arm über meine Brust und drückt das Gesicht an die Stelle zwischen meiner Schulter und meinem Kinn.
»Morgen, Liebste.« Ich küsse ihr Haar. Es riecht nach ihrer Wäsche und leicht nach ihrer schuppigen Kopfhaut, die mir nicht behagt, aber das gehört mit dazu. Ich kuschle mich an sie. So verharren wir eine Weile wie jeden Morgen. Dann löse ich mich von ihr, strecke mich gähnend und steige aus dem Bett. Ich greife mir meinen Morgenmantel von der Rückenlehne des Sessels am Fenster und schlüpfe mit den Armen hinein. Durch die Scheibe zeichnet sich ein sattblauer Himmel ab, der mehr nach Juli als nach Februar aussieht. Der Anblick entfacht einen Hoffnungsschimmer in mir. Meine Zeit hier an diesem erstickenden, unbefriedigenden Ort neigt sich dem Ende zu. Sie zerfließt wie ein zwischen meinen Fingern hindurchgleitendes Seidentuch.
Ich drehe mich um und lächle meine Frau an. »Ich liebe dich«, sage ich zu ihr.
»Ich dich auch«, erwidert sie.
»Ach übrigens, ich rede heute mit George«, füge ich hinzu.
George ist mein fiktiver Finanzberater.
»Er hat uns vorgeschlagen, ein bisschen mehr in unsere Renten zu investieren. Nur ein, zwei Tausender. Er hat ein wenig Spielraum gefunden.«
Auch die Renten sind fiktiv. Für eine fiktive Zukunft, die wir nie zusammen verbringen werden.
»Oh«, macht meine Frau. »Klingt gut. Nur habe ich das Geld gerade nicht flüssig. Nicht nach der Zahlung für deine Knieoperation.«
Unwillkürlich knirsche ich mit den Zähnen.
»Trotzdem finde ich, wir sollten es dennoch tun. Schatz.« Das letzte Wort auszusprechen, schmerzt beinah. »Denk an unsere Zukunft. Das willst du doch nicht ewig machen. Du arbeitest so hart. Das tun wir beide. Wir brauchen ein weiches Polster, und je früher, desto besser. Jeder Penny, den wir jetzt in die Rente stecken, bringt uns dem näher, was wir beide wollen.«
Ich höre ihr Seufzen, erkenne es als Laut der Kapitulation und spüre, wie sich meine Kiefermuskeln lockern. Das Bild, das ich von unserer Zukunft gemalt habe, ist so schön, dass ich mir beinahe wünsche, es wäre echt. Wir werden dieses dämliche Haus abstoßen. Sie hat es gekauft, als sie sich von ihrem dämlichen Ehemann getrennt hat – nichts bereitet mir mehr Freude, als mich darüber auszulassen, wie dämlich ihr Ex-Mann ist. Danach legen wir uns ein Haus an der Algarve zu. Sie wird malen, ich werde töpfern. Ihre Kinder werden uns dort besuchen. All das hier, die fürchterliche Plackerei unseres Alltags, wird enden, und wir werden für immer glücklich sein.
»Ich sehe mal, was ich machen kann«, sagt sie schließlich.
»Danke, Schatz«, erwidere ich. Diesmal schmerzt das Wort nicht, weil ich es ernst meine. Sie ist mein Schatz. Meine liebe Frau, die alles für mich tun würde. Uneingeschränkt alles.
März
Zwei Tage nach Ashs sechsundzwanzigstem Geburtstag trifft ein Paket ein. Sie erblickt es auf der Eingangstreppe, als sie von der Arbeit zu Hause eintrifft. Es handelt sich um keine Lieferung von Amazon, sondern um eine schicke Schachtel mit handgeschriebenem Etikett. Zuerst vermutet sie, dass es ein verspätetes Geschenk für sie ist. Bei genauerer Betrachtung stellt sie fest, dass es an ihre Mutter adressiert ist. Sie hebt es auf und trägt es in die Küche.
»Mum«, ruft sie. »Da ist ein Paket.«
»Ich weiß«, antwortet Nina aus ihrem Arbeitszimmer oben an der Treppe. »Ich hab den Zusteller gebeten, es draußen abzulegen, weil ich gerade auf Zoom war.«
»Sieht interessant aus. Darf ich’s aufmachen?«
»Nur zu.«
Ash entledigt sich ihrer um die Brust getragenen Tasche, bevor sie die Fleecejacke auszieht und den übergroßen Schal ablegt. Dann holt sie eine Schere aus der Schublade und schneidet durch das Klebeband. Als sie die Flügel des Kartons aufklappt, erblickt sie darin eine weitere, altrosa Schachtel mit einer blaugrünen Satinschleife.
»Äh, Mum. Ich denke, du solltest es selbst aufmachen. Sieht nach einem Geschenk aus.«
»In einer Minute.«
Kurz darauf taucht Nina auf, nimmt AirPods aus den Ohren und zieht eine Strickjacke über ihr Arbeitshemd an.
»Oh«, macht sie beim Anblick der hübschen Schachtel. Sie betrachtet die Beschriftung des Adressetiketts und zuckt mit den Schultern. »Das sagt mir nichts.«
Sie hebt den Deckel von der Schachtel und zieht Seidenpapier beiseite. Zum Vorschein kommen ein abgewetztes Zippo-Feuerzeug aus Kupfer und ein kleiner Umschlag.
Sie sieht Ash an, die mit den Schultern zuckt. Dann öffnet sie den Umschlag und liest die Mitteilung auf dem Blatt Papier darin.
Liebe Nina,
als ich neulich alte Kisten nach Briefen von meiner verstorbenen Mutter durchsucht habe, bin ich darauf gestoßen. Es hat Paddy gehört. Er hat es mal abends im Restaurant liegen lassen, und ich habe es mit nach Hause genommen, damit es niemand einstecken würde. Als ich ihn darauf angesprochen habe, hat er gemeint, ich soll es behalten. Ich glaube, er wollte mit dem Rauchen aufhören, bin mir allerdings nicht sicher, ob es ihm je gelungen ist.
Jedenfalls dachte ich mir, Sie würden es vielleicht haben wollen. Ein wenig Geschichte.
Geht es Ihnen den Umständen entsprechend gut? Ich hoffe es.
Mit den allerbesten Wünschen,
Ihr Nick Radcliffe
»Wow.« Nina hält das Feuerzeug auf der Handfläche und betrachtet es eingehend.
Ash bemerkt glitzernde Tränen in ihren Augen und berührt sie behutsam am Arm. »Das ist wundervoll«, meint sie. »Findest du nicht auch?« Als sie den Brief ergreift, stellt sie fest, dass Nick Radcliffe nach der Unterschrift seine E-Mail-Adresse hinzugefügt hat. Er will eindeutig eine Antwort. »Darf ich?« Ash sieht das Feuerzeug in der Hand ihrer Mutter an.
Sie reicht es ihr, und Ash ist verblüfft darüber, wie schwer es sich anfühlt.
»In den Achtzigern und Neunzigern hatte jeder so eines«, merkt ihre Mutter an. »Der Geruch versetzt mich geradewegs zurück in die Zeit.«
Ash hebt sich das Feuerzeug an die Nase und nimmt die Aromen von Butan, verbranntem Metall und Rauch wahr. »Schreibst du ihm und bedankst dich?«
»Denke schon«, erwidert ihre Mutter, deren Brust sich mit einem schweren Seufzen hebt und senkt. »Ja. Das sollte ich wohl.«
»Und er hat es so hübsch eingepackt. Glaubst du, er könnte schwul sein?«
»Ash!«
»Nur ein Scherz! Aber es ist so wunderschön. Das Seidenpapier. Alles miteinander.« Als sie das Feuerzeug ihrer Mutter zurückgibt, schließt sie die Finger darum. »Kann ich die Schachtel behalten?«
»Natürlich«, antwortet ihre Mutter. Dann seufzt sie erneut. »Ich muss gleich noch mal in dieses bescheuerte Zoom. Aber danach komme ich runter. Wollen wir den Kamin anzünden und irgendwelchen Schrott im Fernsehen gucken?«
Ash lächelt und nickt. »Ja. Das wäre schön.«
Ash nimmt die Schachtel mit in ihr Zimmer und stellt sie auf die Frisierkommode. Sie hat vor, sie mit irgendetwas zu füllen. Mit Schmuck. Oder Erinnerungsstücken. Sie geht zum Fenster ihres Zimmers, das zum Meer weist. Die Sonne ist gerade untergegangen. Durch die kahlen Bäume zeichnet sich ein gespenstisch dunkelgrauer Himmel ab. Das letzte Tageslicht fängt sich in fahlen Wolkenschlieren. Sie spürt den schweren Galopp der Zeit. Aus Anfang zwanzig ist rasant Ende zwanzig geworden, und die Dreißiger tauchen bereits drückend am Horizont auf. Sie hört das Dröhnen der am Ende der Woche müden, professionellen Stimme ihrer Mutter, die über Personalprobleme mit den Leuten spricht, die für die Restaurants ihres toten Vaters zuständig sind – Restaurants, die jetzt ihre Mutter leiten muss, obwohl sie einen anderen Job hat. Auch wenn es sich dabei um eine Teilzeitarbeit handelt, die sich in ein, zwei Stunden pro Tag erledigen lässt, kommt in Summe viel zusammen. Ihre Mutter ist erschöpft, traurig und allein. Genau wie Ash.
Vier Monate und acht Tage sind seit dem Tod ihres Vaters vergangen.
Sie denkt an ihren kleinen Bruder Arlo, der weit von hier entfernt lebt, unbeeinträchtigt vom Echo der niederschmetternden Trauer, die nach wie vor in ihrem Zuhause herrscht. Er hat ein großes, unordentliches Haus voller Freunde, einen gut bezahlten Job, seine Abende in Pubs und Nachtklubs, seine Freundinnen – jede Woche eine andere –, seine Tätowierungen, sein normales Leben. Arlo führt dasselbe zügellose, strukturlose Dasein wie Ash bis vor acht Monaten. Aber während er es mühelos bewältigt, hätte es sie um ein Haar zerbrochen.
Sie lässt sich aufs Bett plumpsen, ruft Hinge auf und scrollt zerstreut eine Zeit lang darauf herum, weil sie denkt, ein Mann könnte sie retten. Aber für sie sehen alle dumm und hässlich aus. Schließlich wechselt sie zu Airbnb und sieht sich teure Wohnungen in atemberaubenden europäischen Städten an, die zu besuchen sie sich nicht leisten kann. Dann, und erst dann, wischt sie in der Fotogalerie des Handys rückwärts durch den Februar, durch das grausame Weihnachten, vorbei an der Beerdigung und in den Sommer davor, in dem sie durch eine Abfolge von Ereignissen, die sie sich nach wie vor nicht erklären kann, verloren und gebrochen war. Und noch weiter zurück bis vor genau einem Jahr, vor all den schlimmen Ereignissen. Ash betrachtet sich, die junge Frau mit dem etwas kürzeren Haar, den Mund vor Gelächter weit offen, den Arm um ihren Vater gelegt, er den seinen um sie, in der anderen Hand ein Glas Wein, um die Taille eine Schürze, im Gesicht jenes Lächeln, das er immer aufgesetzt hatte, wenn die Sonne schien, wenn es Essen gab und vor allem, wenn er mit Arlo und ihr zusammen war, weil er sie beide so sehr liebte.
Sie lässt das Handy auf ihre Brust fallen und weint.
Vier Jahre zuvor
Ich sehe meine Frau über den Frühstückstisch hinweg an. Wie so oft in letzter Zeit wirkt sie müde. Was wahrscheinlich meine Schuld ist, doch dagegen kann ich wenig unternehmen. Als ich sie kennengelernt habe, war sie jugendliche vierundvierzig Jahre alt. Inzwischen ist sie achtundvierzig, sieht jedoch eher wie Mitte fünfzig aus. Sie hat ein paar Kilo zugelegt und redet ständig von der »Perimenopause«, obwohl sie zehn Jahre jünger als Jennifer Aniston ist, die kein Problem damit zu haben scheint, in Form zu bleiben. Gern würde ich ihr raten, sich weniger Butter auf den Toast zu schmieren. Aber das kann ich nicht, weil es unfreundlich wäre, und ich bin ein überaus freundlicher und sehr guter Ehemann.
»Du siehst aus, als könntest du einen Urlaub vertragen«, merke ich an.
Sie schaut zu mir auf. Kurz leuchten ihre erschöpften Augen auf. Dann werden sie wieder stumpf. »Wir können uns keinen leisten«, erwidert sie. »Das weißt du.«
»Und was, wenn ich dir sage, dass ich einen unverhofften Geldsegen hatte?«, gebe ich beschwingt zurück.
»Wirklich?«
»Ja. Ein paar Hunderter. Das Geld habe ich vor Jahren einem Freund geliehen, und er hat es mir endlich zurückgezahlt.«
»Einem Freund?«
»Ja. Peter Tovey. Erinnerst du dich? Ich hab dir davon erzählt. Er hat es gebraucht, damit sein Kind an dieser Sonderschule bleiben konnte.« Natürlich gib es keinen Peter Tovey. Das ist nie passiert. Doch was macht es schon für einen Unterschied?
Vage schüttelt sie den Kopf. »Nein«, sagt sie. »Daran erinnere ich mich nicht. Aber egal, das ist gut. Nur sollten wir es vielleicht lieber für einen der Kredite verwenden. So schön ein Urlaub wäre, die Überziehung könnte ...«
Ich unterbreche sie, indem ich mich über den Tisch strecke, ihre Hände ergreife und für sie das strahlendste, herzlichste Lächeln aufsetze, das ich mir abringen kann. »Schatz, komm schon, sieh dich nur an. Du bist ausgelaugt. Du brauchst das. Ich buche uns etwas. Überlass das mir.«
Am nächsten Tag schiebe ich die Schachtel über die Arbeitsfläche in der Küche. Sie ist himmelblau – ihre Lieblingsfarbe – und mit einem Seidenband verschnürt. Meine Frau sieht mich mit Neugier und Vorfreude in den müden Augen an.
»Hoffentlich hast du keine Dummheit begangen«, sagt sie.
»Vielleicht doch«, erwidere ich, wippe auf die Fersen zurück und schenke ihr einen liebevollen Blick. »Nur zu.«
Sie hebt den Deckel von der Schachtel. Darunter kommt der Ausdruck aus dem Internet für das Wochenende in Lille zum Vorschein, das ich für uns gekauft habe. Ebenfalls enthalten sind ein achtgängiges Degustationsmenü und die Reise mit dem Eurostar. »Das ist von Wowcher«, erkläre ich. »Wir können den Gutschein jederzeit vor dem einunddreißigsten Dezember einlösen. Rufen wir unsere Terminkalender auf? Suchen wir ein Datum aus?«
Es hat nur ein paar Hundert pro Person gekostet, und natürlich hat sie dafür bezahlt, auch wenn sie es nicht weiß. Ich habe das Geld benutzt, das sie mir vergangenen Monat für unseren fiktiven Rentenfonds überwiesen hat. Aber es zählt der Gedanke, und die teure Geschenkverpackung gehört mit zur Illusion. Ein durchschnittlicher Ehemann hätte einfach die E-Mail weitergeleitet. Ein erstklassiger Ehemann, wie ihn sich jede Frau sehnlichst wünscht, druckt den Gutschein aus, legt ihn in eine Schachtel mit ihrer Lieblingsfarbe und überreicht ihn ihr mit einem zärtlichen Lächeln. Und schon ist es kein billiges Angebot von Wowcher mehr, sondern ein Beweis inniger Liebe.
Mit strahlender Miene zückt sie ihr Handy, ruft die Kalender-App auf und scrollt darin. »Wie wär’s mit Juni?«, schlägt sie vor. »Vielleicht in der Monatsmitte. Am siebzehnten?«
Auch ich zücke das Handy, rufe den Terminkalender auf und blättere zum 17. Juni. Natürlich steht dort nichts, denn so läuft mein Leben nicht. Es weist keine Eckpfeiler und Abgrenzungen auf, hängt nicht an Daten und Plänen. Stattdessen wirft es sich mir in Form von unzusammenhängenden Brocken entgegen, die ich irgendwie zu einem Anschein von Normalität zusammensetzen muss. Deshalb arbeite ich so hart daran, mir mein charmantes Äußeres zu bewahren, denn mein Innenleben gleicht einer chaotischen Höllenlandschaft, die jedermanns Vorstellungskraft übersteigt.
»In Ordnung«, sage ich, tippe auf dem Handy, nicke dabei und vermittle den Eindruck, ich wäre organisiert. »Ja. Perfekt. Überlass alles mir. Morgen buche ich den Termin.«
Ich küsse sie auf die Wange. Dabei atme ich ein und schnell wieder aus, um den halb säuerlichen, halb salzigen Geruch ihrer Haut loszuwerden, diesen Büromief, den sie manchmal am Ende eines Tages verströmt.
»Geh ruhig duschen«, sage ich zu ihr. »Ich kümmere mich ums Abendessen.«
»Bist du sicher?«
»Klar bin ich mir sicher. Geh. In einer halben Stunde sitze ich am Tisch.«
Damit küsse ich sie erneut und lächle sie zärtlich, liebevoll und so überzeugend an, dass ich beinahe selbst glauben kann, verliebt in sie zu sein.
Dann wende ich mich ab, hole Knoblauch aus dem Kühlschrank, lege ihn auf ein Schneidbrett, greife mir ein scharfes Messer und summe auf Französisch vor mich hin, während ich ihn in hauchdünne Scheibchen schneide.
November
Der gesamte Sommer ist ohne Grillfeste, ohne laute nächtliche Partys, ohne Zelte auf dem Rasen und ohne Dad auf der Terrasse hinter dem Haus vergangen. Sie haben seinen fünfundfünfzigsten Geburtstag und Arlos vierundzwanzigsten hinter sich. Und jetzt ist Paddys erster Todestag verstrichen. Eine volle Umkreisung der Sonne. Eine komplette Abfolge von Geburtstagen, Jubiläen, Jahreszeiten und Feiertagen. Ein ganzes Jahr ohne ihn.
Ash schaut auf, als Nina in die Küche stürmt und etwas gehetzt wirkt.
Sie trägt das gefärbte braune Haar zu einem Dutt verknotet, große Kreolen, roten Lippenstift, ein schwarzes Oberteil mit Rundhalsausschnitt, abgeschnittene indigoblaue Jeans und Plateauschuhe. Obwohl sie einundfünfzig ist, wirkt sie in der Aufmachung nicht lächerlich. Als sie vorbeigeht, steigt Ash der Duft eines Parfüms mit Moschusaroma in die Nase.
»Gehst du aus?«
»Nein. Ich bleibe zu Hause. Mit Nick.«
Bei der Erwähnung des Namens atmet Ash aus und schließt langsam die Augen.
Nick Radcliffe.
Er ist so reizend.
Ein bezaubernder Mann.
Aber er ist zu früh dran.
»Wann kommt er hier an?«
»Vor einer halben Stunde.«
Nina holt eine Flasche von Dads Wein aus dem Regal und steckt sie ins Gefrierfach zwischen Erbsen, Spinat und vegane Nuggets, die bereits darin lagern, seit Paddy noch am Leben war.
Ein Jahr liegt sein Tod zurück. Nicht besonders lange. Nicht nach dreiunddreißig gemeinsamen und achtundzwanzig Ehejahren, zwei Kindern und einem erschütternden Ableben. Überhaupt nicht lange. Nick scheint zwar nett zu sein, aber wäre er nur ein Jahr später in ihr Leben getreten. Vielleicht sogar zwei. Vielleicht dann, wenn nichts mehr aus Paddys Lebzeiten im Gefrierfach gewesen wäre.
Aber Ash kann darüber nichts sagen, darf keinen Wirbel machen, denn sie ist sechsundzwanzigeinhalb Jahre alt und sollte nicht mehr zu Hause wohnen. Sie sollte die Welt erkunden, statt hier zu sitzen und ihrer Mutter dabei zuzusehen, wie sie Wein in das Gefrierfach stopft, ihr besonderes Parfüm zu riechen und mitzuerleben, wie sie sich alle Mühe gibt, einen Mann zu beeindrucken, der nicht Ashs Vater ist.
Die Türklingel bimmelt.
»Scheiße«, flucht Nina und versucht vergeblich, das Gefrierfach zu schließen.
»Lass mich das machen«, bietet Ash an und steht auf.
Ihre Mutter setzt ein Lächeln auf und geht zur Haustür.
»Hallo«, hört Ash sie sagen. Dann: »Oh! Danke! Die sind wunderschön. Komm rein!«
Ash hat das Gefrierfach gerade zubekommen, als er eintritt.
Nick ist 1,88 Meter groß. Dad war eher klein. Nur 1,73 Meter. Aber die fehlende Statur hat er durch Charisma aufgewogen. Nick besitzt eine dichte weiße Mähne. Dads Haar wurde lichter und war zu ungefähr zwanzig Prozent ergraut, überwiegend um die Ohren herum. Nick trägt ein Hemd und ein Jackett. Dad hat nie ein Hemd oder ein Jackett getragen, sondern T-Shirts, Kapuzenpullis und Jeansjacken. Nicks Zähne schimmern weiß. Die von Dad waren leicht verfärbt. Zum vierzigsten Geburtstag ließ er sie einmal bleichen, doch durch all den Kaffee und Rotwein kehrten sie in weniger als einem Jahr zum Normalzustand zurück. Nick hat stechende blaugraue Augen. Die von Dad hatten die satte, goldbraune Schattierung von Brandy. Nick ist attraktiv. Dad hat eher durchschnittlich gut ausgesehen.
»Ash«, sagt er bei seinem Auftritt und stellt makellose Zähne, gepflegtes Haar, Freundlichkeit und Herzlichkeit zur Schau. »Wie schön, dich wiederzusehen. Wie geht’s dir?«
»Gut«, antwortet sie und neigt sich ihm für eine Umarmung der Schulter und einen Kuss auf die Wange zu. »Und dir?«
»Auch gut! Wahnsinnig viel zu tun. Aber gut. Und ich freue mich umso mehr, euch beide zu sehen.«
Nina arrangiert die Blumen in einer Vase. Sie sind ausgesprochen schön. Nick schwenkt eine Flasche Champagner. »Ist noch eiskalt – wollen wir sie gleich köpfen?«
Nina lächelt. »Ja. Gute Idee! Ich hab vergessen, den Wein einzukühlen. Er ist erst seit einer Minute im Gefrierfach.«
Nick greift sich Champagnergläser aus dem offenen Regal in der Küche und dreht sie schwungvoll an den Stielen richtig herum, wie es früher Dad gemacht hat, ein für Gastronomen typischer Kniff. Wie früher Dad wickelt er ein Tuch gleich einem Umhang um die Flasche und neigt sie im idealen Winkel zu den Rändern der Gläser, füllt sie perfekt, bevor er die Flasche mit einer leichten Drehung in den Weinkühler stellt. Das ist so ziemlich die einzige Gemeinsamkeit von Nick und Dad – das Gastgewerbe.
Nick und ihre Mutter haben angefangen, einander zu texten, nachdem sie ihm vor sechs Monaten geschrieben und sich für die Zusendung von Dads Zippo bedankt hatte. Von Nick kam eine Antwort, auf die sie wieder antwortete. So ging es weiter, bis sich daraus irgendetwas entwickelte. Ash bekam davon lange nichts mit. Ihre Mutter hatte ihr nichts davon erzählt, bis sie vor einem Monat unverhofft verkündete, sie würde sich mit jemandem auf einen Drink treffen.
»Und wer ist dieser Jemand?«
»Nick Radcliffe«, antwortete ihre Mutter verhalten. »Erinnerst du dich an ihn? Der Mann, der mir Dads Zippo geschickt hat. Dem die Weinbar in Mayfair gehört.«
»Oh«, machte Ash. »Wie hat sich das denn ergeben?«
Ihre Mutter lächelte bei der Frage dermaßen unsicher, dass Ash den Anblick als körperlich qualvoll empfand.
Jetzt reicht Nick ihr ein Glas Champagner, und sie lächelt ihrerseits. »Danke.« Er zieht einen Stuhl am Küchentisch heraus und lässt den langen Körper darauf nieder. Viel von seiner Körpergröße verdankt er den Beinen, die er mit teuer wirkenden Wildlederschuhen über den gefliesten Boden in ihre Richtung ausstreckt. »Wie läuft’s bei dir?«, erkundigt er sich auf die ihm eigene, einnehmende Art.
»Beruflich, meinst du?«
»Ja. Hat sich die Literaturagentur bei dir gemeldet?«
Ash schüttelt den Kopf, obwohl sie damit lügt. Sie hat sehr wohl von der Literaturagentur gehört. Man hat ihr mitgeteilt, man wäre überaus beeindruckt von ihren Qualifikationen und hielte sie für eine »äußerst einnehmende, sympathische Kandidatin«, leider jedoch gäbe es andere mit geeigneterer Erfahrung für die Stelle, weshalb man ihre Bewerbung nicht länger berücksichtigen könne.
»Mach dir nichts draus«, sagt Nick. »Bestimmt meldet sich bald eine andere Agentur und will dich unbedingt.«
Ash lächelt verkniffen. »Ja«, erwidert sie. »Vielleicht.«
»Bist du in der Zwischenzeit weiterhin bei der Boutique?«
»Ja. Bin ich.«
Nina gesellt sich zu ihnen, und Ash kann beobachten, wie das Funkeln in ihr erwacht, das sich nur dann zeigt, wenn Nick da ist. Das Funkeln, das sie früher immer hatte und das zusammen mit ihrem Vater gestorben ist. Ihre Mutter ist wunderschön, wenn sie mit Nick zusammen ist. Ihr Hals ist schlank, ihre Wangen sind markant, der Rücken ist gerade, die Schultern sind gestrafft. Alles ist dort, wo es sein sollte. Das Licht bringt die dunklen Strähnchen in ihrem Haar zur Geltung, die lose Locke neben dem Ohr, die goldenen Kreolen. Nick hat nur Augen für sie.
Ash trinkt den Champagner aus und erhebt sich. Sie lockert ihre Züge und lächelt. »Ich lasse euch dann mal allein.«
Auf dem Weg zur Tür hinaus in den Flur schaut sie kurz zurück. Sie sieht Nicks Hand auf der ihrer Mutter. Ash versucht aufrichtig, sich das für sie zu wünschen. Aber es gelingt ihr nicht.
Alistair hat gesagt, er würde um 17:00 Uhr zu Hause sein, um Martha beim Entladen des Blumenlieferwagens zu helfen. Oder um zumindest drinnen bei den Kindern und beim Hund zu bleiben, während sie es tut. Inzwischen ist es nach sechs, und das Letzte, worauf sie Lust hat, ist, rauszugehen und den Van zu leeren.
Sie gibt zwei Fragezeichen unter ihrer letzten Nachricht an ihren Mann ein.
Wann zu Hause?
Martha schaut zu den Kindern. Troy liegt mit ausgestreckten Beinen auf dem Sofa und starrt mit AirPods in den Ohren auf sein Handy. Der Hund döst auf seinem Schoß. Jonah sitzt mit dem iPad vor sich am Esstisch und fabriziert irgendetwas in der App zum Malen. In der Regel ist es seltsames Zeug im Stil von Anime. Nala, das Baby, glotzt in ihrem Laufgestell auf den Fernseher. Es läuft etwas mit Hunden, die Superkräfte besitzen. Der Himmel draußen ist inzwischen schwarz. Die letzten schwachen Strahlen der Wintersonne sind vor einigen Minuten verschwunden.
Sie ruft zu Troy hinüber. Linkisch dreht er den Kopf und nimmt einen AirPod heraus.
»Behältst du das Baby im Auge? Ich muss raus und mich um den Lieferwagen kümmern.«
Er zuckt mit den Schultern.
»Und ich fürchte, das bedeutet, du musst die Kopfhörer rausnehmen.«
Seufzend zuckt er abermals mit den Schultern und holt auch den anderen AirPod aus dem Ohr. Der Hund richtet sich bei der Andeutung auf, dass sich etwas tun könnte. Sein Gesicht erscheint über der Rückenlehne des Sofas.
»Nein, Baxter«, wendet sich Martha an das Tier. »Du musst hierbleiben.«
Sie schlüpft in ihre Jacke, greift sich ihre Tasche und geht hinaus zur Einfahrt. Der Lieferwagen ist rosa. Es handelt sich um eine edle, verblasste Schattierung, die auf der Farbpalette California Rose heißt. Auf den Seiten steht in schwarzer Kursivschrift: »Martha’s Garden. Frische Blumen und Geschenkkörbe, Lieferung direkt an die Tür.« Durch das auffällige Fahrzeug gilt Martha in der Gegend als eine Art Berühmtheit. Normalerweise würde sie morgen arbeiten, aber Alistair verreist mit ihr für das Wochenende. Zwei Nächte in einem Hotel in der Normandie. Nur sie beide. Das Geschäft vertraut sie in der Zeit Milly an, ihrer Assistentin, die Kinder ihrem Bruder.
Sie fährt mit dem Wagen die drei Minuten zum Laden in der Hauptstraße und parkt davor. Martha beeilt sich. Troy ist zwar ein guter Junge, aber wahrscheinlich wird er vergessen, dass er auf Nala aufpassen soll. Er ist ein Träumer. Milly steht noch hinter der Theke und räumt auf. »Hilfst du mir bitte?«
Milly folgt ihr hinaus auf den Bürgersteig. Zusammen entladen sie alles, was über das Wochenende nicht im Lieferwagen verderben soll. Martha wirft einen Blick auf die alte Uhr über der Theke. 18:26 Uhr.
»Geh jetzt nach Hause«, sagt sie. »Den Rest erledige ich.«
Sie sieht, wie sich Millys Miene aufhellt. Milly ist zwanzig, und es ist Freitagabend. Es ist eine lange Woche gewesen, außerdem hat sie einen Freund, nach dem sie sich ständig sehnt.
»Freuen Sie sich?«, fragt Milly. »Auf das Wochenende?«
»Oh ja«, antwortet Martha. »Ich bin zwar ein wenig besorgt darüber, das Baby bei meinem Bruder zu lassen, aber ja. Bestimmt geht alles gut.«
Al und sie sind seit Nalas Geburt nicht mehr zusammen verreist. Eigentlich wäre es schon vergangenen Monat geplant gewesen, nur wurde Al in letzter Minute zur Arbeit gerufen. So ist das bei seinem Job. Manchmal ist er ständig zu Hause, andere Male wird er kurzfristig angerufen und ist tagelang weg. Er ist ein guter Mann, aber sein Beruf ist eine Plage.
Martha wirft einen Blick auf ihr Handy. Nach wie vor keine Antwort. Herrgott noch mal.
Sie steigt in den Lieferwagen, wendet und fährt zurück nach Hause. Mittlerweile erhellt die erste Weihnachtsbeleuchtung die Hauptstraße. An den Bäumen hängen funkelnde Kugeln, weitere Lämpchen sind um die schmalen Stämme gewickelt, und an drei Stellen spannen sich Engelsflügel über die Fahrbahn. Letztere haben ein Vermögen gekostet. Alle örtlichen Ladenbesitzer haben vor ein paar Jahren zusammengelegt, um sie zu kaufen. Aber es war eine lohnende Investition. Die Enderford High Street ist eine der schönsten Hauptstraßen in Kent, eine Mischung aus viktorianischen Geschäften mit Bogenschaufenstern und pastellfarbenen georgianischen Reihenhäusern, Cafés, Antiquitäten- und Feinkostläden sowie Immobilienmaklern. Die Geschäfte sind zu Weihnachten üppig dekoriert, das von Martha mit hellrosa Schmuck, der ihm den Anstrich einer Süßigkeit verleiht.
Zu Hause ist alles ruhig. Nala ist noch völlig im Bann der Hunde mit Superkräften, Jonah zeichnet nach wie vor gruselige Bilder auf dem iPad, Troy glotzt unverändert auf sein Handy.
»Ist Al zurück?«, fragt sie Troy, obwohl sie die Antwort bereits kennt.
Er schüttelt den Kopf und setzt langsam die AirPods wieder ein.
Mittlerweile ist es fast sieben.
Mit einem leisen Fluch auf den Lippen geht Martha in die Küche, um den Kindern ein Abendessen zuzubereiten.
Als Martha am nächsten Morgen aufwacht, freut sie sich zunächst, denn das Wochenende ist angebrochen, und draußen ist es nicht dunkel wie sonst, wenn sie um diese Jahreszeit aufsteht. Ein Weilchen genießt sie das warme, wohlige Gefühl, länger als üblich im Bett zu bleiben. Sie denkt an heißen Tee und gebutterten Toast. Dann fällt es ihr ein – sie sollte heute mit Al in die Normandie verreisen. In zwei Stunden wird ihr Bruder eintreffen. Ihr Lieblingskleid hängt an der Garderobe dafür bereit, in ihre Wochenendtasche eingepackt zu werden, um es in dem schicken Restaurant zu tragen, in dem Al für heute Abend einen Tisch für sie reserviert hat. Aber Al ist nicht da.
Ihre Stimmung bricht ein.
Sorry, hat er ihr letztlich gestern Abend um acht getextet. Riesenschlamassel bei der Arbeit. Es geht drunter und drüber. Muss über Nacht bleiben. Bis morgen Nachmittag sollte ich zu Hause sein. Die Reservierung zum Abendessen können wir schaffen!
Martha hat nicht darauf geantwortet. Sie weiß genau, was die Nachricht bedeutet – nämlich, dass er keine Ahnung hat, wann er wirklich zu Hause sein wird. Ihr Magen krampft sich beklommen zusammen.
Sie schlägt die Decke zurück, schlüpft in ihren Morgenmantel aus Seide und geht ins Zimmer ihrer Jüngsten. Nala schläft noch – dabei ist sie immer wesentlich unkomplizierter gewesen als die Jungs. Martha verlässt sie wieder, begibt sich zur Treppe, lächelt Baxter an, der unten liegt und freudig mit dem Schwanz wedelt, steuert an ihm vorbei in die Küche.
Sie hat Al vor vier Jahren kennengelernt. Zwei Jahre später war sie schwanger. Damit hat sie als vierundvierzigjährige Geschiedene mit einem Zehnjährigen und einem Dreizehnjährigen nicht gerechnet. So hat sie sich das nächste Kapitel ihres Lebens nicht vorgestellt. Andererseits hat sie auch niemanden wie Al in ihrer Zukunft gesehen. Davor hatte sie keine Ahnung, dass ihr der perfekte Mann über den Weg laufen würde.
Sie unterdrückt die Wut und Enttäuschung, schluckt die Übelkeit erregende Furcht davor zurück, wie sich die nächsten Stunden oder Tage anfühlen werden, füllt den Wasserkocher und schaltet ihn ein.
Ash nimmt ihren Morgentoast mit ins Wohnzimmer und lässt sich im Schneidersitz auf dem großen Sofa am Panoramafenster mit Blick auf das Meer nieder. Manchmal kann man von hier aus Frankreich und sogar die Konturen einzelner Häuser ausmachen. Heute jedoch hängt ein dichter Dunst über dem Ärmelkanal, durch den man am Horizont rein gar nichts erkennt. In der Luft liegt Kälte. Sie zieht die flauschige Decke von der Rückenlehne über ihre nackten Beine, bevor sie ihr Handy nimmt und darauf zu scrollen beginnt. Sie hält inne, als sie nahe Atemgeräusche und das Knarren einer Diele unter Füßen hört. Martha dreht den Kopf und erblickt Nick, der auf sie zukommt. Er trägt Boxershorts und ein T-Shirt. Der Anblick ist verstörend. Boxershorts sind Unterwäsche. Sie sind hellblau mit einem cremefarbenen Gittermuster. Seine schlanken Beine weisen seitlich an den Oberschenkeln harte, tiefe Konturen auf. In seinem dichten weißen Haar steckt seine Lesebrille.
»Guten Morgen, Ash«, grüßt er. »Wie geht’s dir?«
»Oh«, erwidert sie. »Gut. Und dir?«
»Auch«, antwortet er und reibt sich mit den Fingerspitzen den Nacken. »Bisschen durch den Wind, aber sonst gut. Ich hab vergeblich versucht, eure Kaffeemaschine zu bedienen.«
Dads Kaffeemaschine, würde sie gern sagen, verkneift es sich jedoch.
»Oh.« Ash zieht sich die flauschige Decke vom Schoß. »Kein Wunder. Lass mich ...«
»Nein«, fällt er ihr ins Wort. »Bitte. Bleib. Du scheinst es da so gemütlich zu haben. Gib mir nur ’nen kleinen Hinweis, dann schaffe ich es selbst.«
Sie erklärt ihm die Eigenheiten der Maschine, und als er geht, spielt sie mit dem Gedanken, sich durch die andere Tür hinauszuschleichen und in ihr Zimmer zu flüchten. Aber sie ist sechsundzwanzig und keine launische Teenagerin. Also strafft sie die Schultern und wartet.
Wenig später kehrt er mit einem von Dads Kaffeebechern in der Hand zurück.
Als er sich neben sie setzt, räuspert sie sich und unterdrückt ihre lächerliche Wut.
»Diese Aussicht«, meint er verträumt. »So was hab ich noch nie gesehen. Man hat beinah das Gefühl, in Südfrankreich zu sein. Kaum zu glauben, dass wir in Kent sind.«
»Das liegt an der Zeder«, sagt Ash und zeigt darauf. »Die vermittelt das mediterrane Flair.«
»Ah, richtig.« Er nickt. »Jetzt sehe ich es auch. Wunderschön. Und du hast immer hier gelebt?«
»Ja. Seit ich ein paar Wochen alt war. Abgesehen von der Zeit, als ich in Bristol studiert hab.«
»Tja, dann hast du Glück. Was für ein unglaublicher Ort zum Aufwachsen.«
Ash zuckt mit den Schultern. »Schon möglich.«
Es war wirklich ein wunderbarer Ort zum Aufwachsen. Nah genug bei London, um sich mit einer Metropole verbunden zu fühlen, trotzdem besitzt er den altmodischen Charme eines viktorianischen Badeorts mit kreuz und quer verlaufenden Straßen, eigenständigen Cafés und Pizzerien, einem Kiesstrand mit weitläufiger Aussicht über den Ärmelkanal und die Küste entlang zu den düsteren, klobigen Umrissen von Dungeness. Unbestreitbar wundervoll. Allerdings sollte sie nicht mehr hier sein. Für sie hat die Idylle ihrer Kindheit ihren Glanz verloren.
»Deine Eltern«, fährt Nick fort, »waren ausgesprochen clever, indem sie hergezogen sind, bevor es angesagt war. Ich meine, sieh sich nur einer dieses Haus an.« Mit einer ausladenden Geste deutet er zur hohen Decke, auf den großen, luftigen Raum und das sanft hügelige Gelände draußen. »Was für ein Ort!«
Wieder zuckt Ash mit den Schultern. »Ich weiß«, sagt sie. »Es ist wunderschön.« Sie verstummt und sieht ihn flüchtig an. »Was ist mit dir? Wo wohnst du?«
»Oh, ich habe derzeit übergangsweise eine Wohnung in Tooting gemietet.«
»Tooting?« Ash ist überrascht. In ihrer Vorstellung war der Besitz einer Weinbar in Mayfair einem Zuhause irgendwo in der Londoner Innenstadt gleichzusetzen.
»Ja.« Verspielt lächelt er sie an. »Ist irgendwas verkehrt an Tooting?«
»Nein. Ich dachte nur ...«
Er lächelt sie weiter an. »Du dachtest was?«
»Nichts«, wiegelt Ash ab, als sie das Geräusch der Schritte ihrer Mutter auf der Treppe hört. Sie dreht sich weiter um, sieht sie hereinkommen und verspürt Erleichterung darüber. Ihre Mutter hat das Haar zu einem Dutt zusammengebunden und trägt eine graue, weite Strickjacke über dem Pyjama, dicke Socken an den Füßen und ihre große, eckige Lesebrille auf dem Kopf.
Nina gähnt und lächelt. »Morgen, mein Engel«, begrüßt sie Ash, beugt sich vor und küsst sie auf die Stirn. Ash ergreift die Hände ihrer Mutter und hält sie fest, lange genug, um sich im Auge des Sturms dieser schrägen Situation zu erden.
Ihr widerstrebt zutiefst, wie gut ihre Mutter und Nick zueinanderpassen.
Die Freunde ihres Vaters hatten immer gescherzt, dass Paddy sich mit Nina übernommen hätte. Für Nick gilt das nicht. Er und ihre Mutter geben ein perfektes Paar ab.
»Tja«, sagt Ash, zieht die Decke von sich, steht auf und ergreift den leeren Teller, von dem sie den Toast gegessen hat. »Ich mache mich dann mal fertig.«
Ihre Mutter streichelt erneut ihr Haar, bevor sie sich auf dem Sofa neben Nick niederlässt, die Beine an seine schmiegt und mit den Fingern, die eben noch in Ashs Haar waren, zärtlich über die Behaarung seiner Arme streichelt.
Ash dreht sich um und verlässt den Raum.
Vier Jahre zuvor
Auf dem Heimweg vom Bahnhof zu meiner Gattin fällt mir eine junge Frau mit so großen Augen auf, dass sie beinahe wie ein Alien wirkt. Als ich jung war, hat mich das erregt. Zwischen der Größe der Augen und der Gesichtsstruktur besteht ein Missverhältnis. Sie trägt eine Wollmütze, eine Steppjacke, Yoga-Leggings und Turnschuhe. Seit ich nicht mehr jung bin, sind solche elfenartige Geschöpfe keine Gefahr mehr für mich oder mein männliches Ego. Während diese Kleine mich früher vielleicht in einen Zustand sprachloser Begierde gestürzt hätte, sehe ich sie jetzt als das, was sie ist – machtlos.
Der Himmel ist mittlerweile dunkel. Natürlich wird sie sich in dieser stillen Seitenstraße weniger sicher fühlen als noch vor einer Stunde bei Tageslicht. Der Gedanke an ihre Angst und der große Wodka-Tonic, den ich in der Bahnhofskneipe hatte, bescheren mir einen schnellen, billigen Kick. Ich beschließe, ihn zu schüren, indem ich ein wenig zu nah bei ihr gehe und etwas lauter als normal atme. Als sie das Tempo verringert, um auf ihr Handy zu schauen, werde auch ich langsamer. Und als sie die Schritte beschleunigt, um Abstand von mir zu gewinnen, werde ich ebenfalls schneller. Ich kann die von ihr ausgestrahlte Furcht förmlich riechen und fühle mich dadurch so lebendig, dass ich bereit bin, meine Frau zu vögeln, als ich zu Hause eintreffe. Als ich es tue, bin ich dabei zärtlich und stelle sie in den Mittelpunkt wie der perfekte Ehemann, der ich bin. In Wirklichkeit dreht sich dabei alles um die kleine Fee und die Empfindungen, die sie mit den ruckartigen, panischen Bewegungen ihres Kopfs auf diesem zierlichen Hals in mir ausgelöst hat.
Danach schmiegt sich meine Frau an mich und meint: »Also, das war jetzt unerwartet. Woher ist das denn gekommen?«
Ich erwidere darauf etwas Abgedroschenes darüber, dass ich den ganzen Tag nur an sie gedacht habe, was ihr außerordentlich gefällt. So leicht zu erfreuen. Wie die meisten Frauen. Weil die meisten Männer einfach fürchterlich sind. Mir ist unbegreiflich, warum Kerle nicht erkennen, wie wenig Mühe es kostet, Frauen glücklich zu machen, und wie viele Vorteile damit einhergehen.
Ich helfe meiner Frau mit dem Abendessen. Dazu werfe ich mir ein Geschirrtuch über die Schulter und wir schalten Musik ein. Ich tanze ein wenig mit ihr, bringe sie zum Lachen, fülle regelmäßig ihr Weinglas auf und achte auf ausreichend gedämpfte Beleuchtung, dass ich sie ansehen und mir einreden kann, sie wäre hübsch. Das ist sie zwar nicht wirklich, aber sie hat etwas Weiches an sich, das ich recht ansprechend finde, und sie besitzt ein charmantes Lächeln.
»Oh.« Ich hebe die Serviette an die Lippen und tupfe die buttrige Soße davon ab. Dann verziehe ich das Gesicht, um sie darauf vorzubereiten, dass ich etwas zu sagen habe, das ihr nicht gefallen wird. »Tut mir so leid. Aber es sieht danach aus, dass ich bei der Cocktailparty nicht dabei sein kann.«
Ihre Züge werden verkniffen. Die Gabel baumelt von ihrer erschlafften Hand. »Bei unserer Cocktailparty? Am Freitag?«
Das war meine Idee. Ich dachte, es würde sie darüber hinwegtrösten, dass wir nie wirklich ausgehen oder jemanden treffen, weil ich ihr verkauft habe, dass wir beide niemanden sonst brauchen. Allerdings will ich auch nicht, dass sie sich gefangen und einsam fühlt und diese Emotionen gegen mich wendet. Deshalb habe ich vorgeschlagen: »Lass uns ein kleines Zusammentreffen veranstalten. Deine Familie. Ein paar Freunde.« Dabei haben sich ihre Züge aufgehellt wie der Himmel bei Sonnenaufgang.
»Ja«, antworte ich jetzt. »Ich muss das ganze Wochenende nach Edinburgh. Tut mir wirklich, wirklich leid.« Ich klinge so aufrichtig, dass ich mir beinahe selbst glaube.
»Aber ich hab diese teuren Kanapees bei Marks & Spencer bestellt.«
»Die kannst du bestimmt stornieren«, schlage ich leise und mit bedauernder Miene vor.
»Darum geht’s nicht«, kontert sie mit einem ungewöhnlichen Anflug von Verärgerung. Sie lässt ihr Besteck auf den Teller fallen. »Warum musst du nach Edinburgh?«
»Dienstlich. Die neue Niederlassung, von der ich dir erzählt habe. Dort gibt’s Anlaufschwierigkeiten, und man schickt mich hin, um mit der neuen Mannschaft zu arbeiten.«
»Aber ...« Sie verstummt. In ihr Gesicht tritt eine leichte Röte. Ich merke ihr an, wie sich tief in ihr Wut aufbaut. Wir nähern uns der Grenze, die wir immer wieder erreichen. Aber wir überschreiten sie nie, denn sonst würde sie mich ansehen und sich fragen: Wer zum Geier bist du eigentlich? Sie würde Antworten und Wahrheiten verlangen. Und dann wäre die Beziehung natürlich zum Scheitern verurteilt, weil ich nicht mehr ihr perfekter Ehemann wäre, sondern ein Problem. Immerhin genügt selbst ein kleiner Sprung, um eine Teekanne von Royal Doulton zu ruinieren. Ich muss die Lage schnell entschärfen, also fabriziere ich glasige Augen – ein nützlicher Trick, den mir ein befreundeter Schauspieler beigebracht hat. Als Auslöser ziehe ich eine Erinnerung an den Hund meiner Kindheit heran. Dann ergreife ich ihre Hände und sage: »Schatz, ich kann’s nicht ertragen, dich zu enttäuschen. Das weißt du. Es bringt mich um. Genau deshalb brauchen wir einen Zukunftsplan. Damit diese irrwitzigen Arbeitszeiten ein Ende haben und ich dich nicht mehr so hängen lassen muss. Damit wir ein richtiges Leben zusammen haben. Ein schönes Leben.«
Ihre Hände lockern sich in meinem Griff, während ich rede. Ich spüre, wie sie dahinschmilzt.
Schließlich seufzt sie. »Ich werd sehen, ob ich die Bestellung stornieren kann.«
»Danke. Vielen Dank. Ich verdiene dich gar nicht. Echt nicht.«
Wir haben vor drei Jahren geheiratet, sechs Monate nach unserem ersten Date. Im kleinen Rahmen. Sehr klein. Keines ihrer erwachsenen Kinder war dabei. Ihre betagte Mutter ist widerwillig gekommen. Trauzeugin war ihre beste Freundin Fleur. Ihre Mutter ist vor einem Jahr gestorben, und was aus Fleur geworden ist, weiß ich nicht. Die Kinder meiner Frau kommen regelmäßig zu Besuch, vor allem ihre Tochter Emma, die gerade zum ersten Mal schwanger ist und mich wohl zu einer Art Großvater machen wird. Ich merke Emma an, dass ihr der Gedanke überhaupt nicht behagt, weil sie mich nicht als wahres Mitglied der Familie betrachtet. Sie kann mich kein bisschen leiden. Dasselbe gilt für Taras andere Kinder. Was mich nicht allzu sehr kratzt. Immerhin kann ich selbst nicht behaupten, sie sonderlich zu mögen. Muss ich auch nicht. Ebenso wenig müssen sie mich mögen. Das Wichtigste, der Schlüssel zu allem, ist, dass meine Frau mir vertraut. Und das tut sie. Uneingeschränkt. Ich kenne alle ihre Passwörter. Sie lässt mich auf ihr Handy. Ich habe Zugriff auf jeden einzelnen Aspekt ihres Lebens. Und sie auf jeden von meinem. Oder zumindest auf die Teile von mir, von denen sie weiß. Ich bin ein abgeschotteter Mensch – das muss ich sein. Um Frauen zu geben, was sie wollen, muss ich jonglieren, und das bedingt Geheimnisse und gelegentlich Lügen. Ich kann ihr keinen Zugriff auf alles gewähren. Offensichtlich nicht.
Nach dem Abendessen kündige ich an, dass ich duschen gehe. Ich lasse sie am Laptop zurück, wo sie das für unsere Cocktailparty bestellte Essen storniert und Absagen an die Gäste schreibt. Mitfühlend drücke ich im Vorbeigehen ihre Schultern, bevor ich nach oben verschwinde. Dort hole ich meine Tasche unten aus dem Kleiderschrank hervor. Es ist eine Arzttasche. Sie hat meinem Vater gehört – er war Hausarzt – und bietet eine Vielzahl von Fächern, Seitentaschen und Stauplätzen mit Reißverschluss. In einem davon ganz innen befindet sich mein anderes Handy. Ich hole es heraus und schalte es ein. Mit stetig pochendem Herzen tippe ich.
Alles geklärt, bin nächstes Wochenende frei, kann am Donnerstag um 20 Uhr bei dir sein. Passt es bei dir noch?
Ich starre auf das Display und warte darauf, dass sich die Häkchen blau färben, was sofort eintritt – wie immer. Sie ist ziemlich vernarrt in mich.
Ich sehe, dass sie tippt, und betrachte mich im Spiegel an der Innenseite der Schranktür, während ich auf ihre Antwort warte. Meine Augen haben ihre Strahlkraft nicht verloren, und ich sehe zwar ein wenig zerknittert aus, aber mit knapp einundfünfzig immer noch besser als die meisten Männer meines Alters, die ich kenne. Ich strecke die Brust vor und vergewissere mich, dass sie nicht begonnen hat, sich in einen Männerbusen zu verwandeln. Die harten Konturen, die sich durch die feine weiße Baumwolle meines Hemds abzeichnen, beruhigen mich. Meine Finger streichen meine Kieferpartie entlang. Dem gepflegten Stoppelbart gelingt es recht gut, die sich mehrenden Falten teilweise zu kaschieren. Schließlich richte ich den Blick wieder auf das Handy und stelle fest, dass sie zu Ende getippt hat.
20 Uhr am Donnerstag passt perfekt. Kann’s kaum erwarten, dich zu sehen. Wir treffen uns am üblichen Ort. Die Kinder sind bis Sonntagmittag bei meinem Ex, also gehöre ich ganz dir. Liebe Grüße.
Ich lächle. Sie ist jünger als meine Frau. Zwar nur um vier Jahre, trotzdem fühlt es sich nach einem beträchtlichen Altersunterschied an. Auch ihre Kinder sind jünger. Sie ist kesser. Ihre Taille ist an der schmalsten Stelle noch straff. Ihre Haut besitzt nach wie vor einen Anschein von Glanz. Vermutlich ist sie bisher nicht in der Perimenopause. Obwohl nicht mehr viel dazu fehlt. Sie lebt in einem Bilderbuchhäuschen in einer putzigen Marktgemeinde in Kent, Welten entfernt von dem etwas traurigen Neubau meiner Frau in einer seelenlosen Siedlung am Stadtrand von Reading. Eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die sich selbst erhalten kann. Außerdem ist sie mit ihrem Schopf seidiger blonder Locken, den türkisblauen Augen, den ungewöhnlich langen Wimpern und dem weichen, zartrosa Mund bezaubernder, als es meine Frau je gewesen ist, da bin ich mir ziemlich sicher. Vor allem aber – und das ist entscheidend – braucht sie mich auf eine Weise, die ihr nicht mal bewusst ist. Sie betrachtet sich nach wie vor als rassige Geschiedene, die Kinder und Karriere mühelos unter einen Hut bringt und gleichzeitig sowohl ihr Haus als auch sich selbst in Schuss hält. Neben einem ausgefüllten Gesellschaftsleben besitzt sie wunderbares Haar. Sie glaubt, alles zu haben und keinen Mann zu brauchen. Was nicht stimmt. Das verrät mir das so rasante Erscheinen jener blauen Häkchen. Oder dass ich noch klebrige Rückstände vom schnellen Wachsen an ihren Schenkeln spüren kann, wenn wir uns kurzfristig treffen. Oder wie tollpatschig sie manchmal in meiner Gegenwart ist. Oder wie sie ihre Kinder herunterspielt, obwohl ich nie angedeutet habe, dass mir lieber wäre, sie würde ohne sie kommen. Oder wie sie mich mit einer Mischung aus Lust und Angst ansieht – Angst davor, dass mein Interesse abkühlen und ich löschen könnte, was ich in ihrem Leben entfacht habe.
Sie hat geglaubt, keinen Mann zu brauchen, bis ich mit meinem Mantel von Reiss und meinen Chelsea-Schuhen aus Wildleder und meinen extravaganten Geschenken auf der Bildfläche erschienen bin und sie angesehen habe, als wäre sie – und nur sie – das einzig Wahre und alles andere eine billige Tapete. Und jetzt ist sie süchtig nach etwas, von dem sie gar nicht wusste, dass sie es wollte. Nach mir.
Nachdem ich mein Spiegelbild angelächelt habe, blicke ich wieder auf ihre Nachricht hinab.
Ich gehöre ganz dir.
Ich antworte mit einem Emoji in Form einer roten Rose.
Wir sehen uns am Donnerstag, wunderschöne Martha, geht mir durch den Kopf. Ich kann es kaum erwarten.
Nina steckt vegane Croissants in die Heißluftfritteuse. Dabei trägt sie ein Jackett. Vor dem Tod ihres Vaters hat sie nie eines besessen. Jetzt hat sie ein ganz spezielles, dunkelblau mit rotem Revers, das sie anzieht, wenn sie sich mit Leuten treffen muss, die den Umgang mit professionell gekleideten Menschen gewohnt sind. Ihr Handy vibriert. Gedankenverloren ergreift sie es und betrachtet die Benachrichtigung auf dem Display, und Ash beobachtet, wie ein freudiges Lächeln in ihre Züge tritt.
Nick ist erst vor einer Stunde gegangen. Ash hat das Klicken der Eingangstür gehört, aus dem Fenster ihres Zimmers geschaut und Nick auf dem Weg in Richtung Bahnhof gesehen.
Am Ende ist er drei Nächte geblieben.
Das gesamte Wochenende.
Und jetzt liegt überall im Haus eine Mischung aus Sex, Neuartigkeit und Hormonen in der Luft.
»Hattest du ein schönes Wochenende?«, erkundigt sich Ash.
»Ja«, antwortet ihre Mutter leise und verhalten. »Ja. Es war bezaubernd.«
Angespannte Stille tritt ein. Es fühlt sich an, als würden weder Ash noch ihre Mutter atmen.
»Ist es ...«, beginnt Nina. Sie dreht sich Ash zu, sieht sie unverwandt an und fragt: »Ist es in Ordnung für dich? Das mit Nick?«
Ash zuckt mit den Schultern und spürt, wie ihr Körper ein wenig Adrenalin ausschüttet. Obwohl die Frage nicht herausfordernd gestellt wird, könnte sie zu einem Streit führen, wenn sie ehrlich antwortet. »Denke schon.« Wieder folgt eine Pause. Ash beendet sie mit den Worten: »Ist es ... ist es für dich in Ordnung?«
Nina nickt. »Ja«, sagt sie. »Obwohl es natürlich sehr unerwartet kommt. Ich dachte, ich wäre noch in Trauer. Das bin ich. Wirklich. Mein Herz ist ...« Sie stößt hörbar den Atem aus, als wäre ihr in den Bauch getreten worden. »Es schmerzt ständig ...«
»Auch wenn du mit ihm zusammen bist?«
»Ja. Selbst dann. Aber es ist ... beinah so, als hätte ich ein neues Herz neben dem alten, und es ist frisch und unverbraucht und kann Freude darüber empfinden, mit jemandem zusammen zu sein, den man gern um sich hat. Falls das ...« Kurz verstummt sie und schaut zu Ash auf. »Falls das nachvollziehbar ist.«
Ash nickt. Ist es und zugleich auch nicht. Aber sie hat nicht vor, es in Frage zu stellen. Was weiß sie schon? Sie ist noch kein einziges Mal verliebt gewesen, geschweige denn zweimal. Der einzige Mann, den sie je geliebt hat, ist ihr Vater, und der ist tot. »Also meinst du, es könnte etwas Regelmäßiges daraus werden?«
