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Dr. Laurin ist ein beliebter Allgemeinmediziner und Gynäkologe. Bereits in jungen Jahren besitzt er eine umfassende chirurgische Erfahrung. Darüber hinaus ist er auf ganz natürliche Weise ein Seelenarzt für seine Patienten. Die großartige Schriftstellerin Patricia Vandenberg, die schon den berühmten Dr. Norden verfasste, hat mit den 200 Romanen Dr. Laurin ihr Meisterstück geschaffen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Sie hat allein im Martin Kelter Verlag fast 1.300 Romane veröffentlicht, Hunderte Millionen Exemplare wurden bereits verkauft. In allen Romangenres ist sie zu Hause, ob es um Arzt, Adel, Familie oder auch Romantic Thriller geht. Ihre breitgefächerten, virtuosen Einfälle begeistern ihre Leser. Geniales Einfühlungsvermögen, der Blick in die Herzen der Menschen zeichnet Patricia Vandenberg aus. Sie kennt die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Leser und beeindruckt immer wieder mit ihrer unnachahmlichen Erzählweise. Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. Die Familie Laurin weilte wieder einmal bei Clemens Bennet zu Gast. Man hatte einen Grund zum Feiern, denn der bekannte Musikproduzent und Pferdenarr hatte die bildschöne zweijährige Stute Miranda erworben, auf die er schon spekuliert hatte, seit sie von ihrer berühmten Mutter Ophelia zur Welt gebracht worden war. Ophelia, im Besitz des Fürsten Trassenstein, war unverkäuflich, und auch von Miranda hatte er sich nur schwer zu trennen vermocht. Es hieß offiziell, dass der Fürst seinem guten Freund Clemens eine ganz besondere Geburtstagsfreude bereiten wollte, doch niemand ahnte, wie teuer diese Freude Clemens Bennet zu stehen kam. Nun, er hatte das Geld, und der Fürst brauchte es. Der Verkauf war auf beiden Seiten sehr diskret abgewickelt worden. Selbst Irmela Kaufmann, die das Gestüt des Fürsten betreute, ahnte nichts von dem Verkauf. Sie meinte nur, es sei ein etwas zu großartiges Geburtstagsgeschenk. Vor allem schmerzte es sie, sich von der schönen Miranda trennen zu müssen. Irmela hatte die junge Stute selbst zum Gestüt von Clemens Bennet transportiert, und für den war es selbstverständlich, dass die junge Frau als Gast blieb. So lernte Dr. Leon Laurin diese recht eigenwillige Dame kennen. Irmela war fünfundzwanzig, doch man sah ihr dieses Alter nicht an. Von schmaler, knabenhafter Gestalt, mit kurz geschnittenem, naturgelockten Haar wirkte sie in der Reitkleidung wirklich eher wie ein Junge, dazu sehr reserviert. Selbst die Kinder, die natürlich auch anwesend waren an diesem schönen, sonnigen Nachmittag im Frühherbst, konnten sie nicht aus der Reserve locken. »Sie interessiert sich nur für Pferde«, sagte Dagmar Petersen mit leichtem Spott zu Antonia Laurin. »Als Lebensinhalt kann ich mir das nicht vorstellen.« Glücklich verheiratete Frauen, die dazu auch noch Mütter von reizenden Kindern waren, hatten freilich andere Interessen. Aber was wussten Dagmar und Antonia schon von Irmela Kaufmann?
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Seitenzahl: 134
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Die Familie Laurin weilte wieder einmal bei Clemens Bennet zu Gast. Man hatte einen Grund zum Feiern, denn der bekannte Musikproduzent und Pferdenarr hatte die bildschöne zweijährige Stute Miranda erworben, auf die er schon spekuliert hatte, seit sie von ihrer berühmten Mutter Ophelia zur Welt gebracht worden war.
Ophelia, im Besitz des Fürsten Trassenstein, war unverkäuflich, und auch von Miranda hatte er sich nur schwer zu trennen vermocht. Es hieß offiziell, dass der Fürst seinem guten Freund Clemens eine ganz besondere Geburtstagsfreude bereiten wollte, doch niemand ahnte, wie teuer diese Freude Clemens Bennet zu stehen kam. Nun, er hatte das Geld, und der Fürst brauchte es. Der Verkauf war auf beiden Seiten sehr diskret abgewickelt worden.
Selbst Irmela Kaufmann, die das Gestüt des Fürsten betreute, ahnte nichts von dem Verkauf. Sie meinte nur, es sei ein etwas zu großartiges Geburtstagsgeschenk. Vor allem schmerzte es sie, sich von der schönen Miranda trennen zu müssen.
Irmela hatte die junge Stute selbst zum Gestüt von Clemens Bennet transportiert, und für den war es selbstverständlich, dass die junge Frau als Gast blieb. So lernte Dr. Leon Laurin diese recht eigenwillige Dame kennen.
Irmela war fünfundzwanzig, doch man sah ihr dieses Alter nicht an. Von schmaler, knabenhafter Gestalt, mit kurz geschnittenem, naturgelockten Haar wirkte sie in der Reitkleidung wirklich eher wie ein Junge, dazu sehr reserviert. Selbst die Kinder, die natürlich auch anwesend waren an diesem schönen, sonnigen Nachmittag im Frühherbst, konnten sie nicht aus der Reserve locken.
»Sie interessiert sich nur für Pferde«, sagte Dagmar Petersen mit leichtem Spott zu Antonia Laurin. »Als Lebensinhalt kann ich mir das nicht vorstellen.«
Glücklich verheiratete Frauen, die dazu auch noch Mütter von reizenden Kindern waren, hatten freilich andere Interessen. Aber was wussten Dagmar und Antonia schon von Irmela Kaufmann? Nicht einmal ahnen konnte man, welche Wünsche und Sehnsüchte Irmela bewegten. Vielleicht hätte Antonia Laurin etwas gemerkt, wenn sie Irmela Beachtung geschenkt hätte, als Fürst Gregor und sein Sohn Constantin eintraten, denn Antonia hatte schon immer ein feines Gespür für die Gefühlsregungen anderer gehabt.
Doch Irmela stand abseits und befasste sich mit Miranda, als die beiden Herren eintrafen. Herzlich war die Begrüßung. Von Adelsstolz konnte man bei beiden nicht reden. Fürst Gregor war jovial, Constantin ein überaus charmanter junger Mann, dem die Lust am Leben nur so aus den Augen lachte. Er verstand es, gute Laune um sich zu verbreiten, und sein Vater verstand es, seine Sorgen hinter lächelnder Miene zu verbergen, doch diese Sorgen waren erdrückend. Clemens Bennet wusste davon, und es wunderte ihn nicht, dass der Fürst seine Gesellschaft suchte und unter vier Augen mit ihm sprechen wollte.
Die fröhliche Stimmung wurde dadurch nicht gestört. Nur Irmela schaute den beiden Männern mit nachdenklichem Ausdruck nach, als sie sich von den anderen entfernte. Aber gleich wandte sie sich wieder Miranda zu.
»Wir müssen uns trennen«, sagte sie traurig. »Ich hätte es nicht zulassen sollen, Miranda. Ich hätte ihm sagen sollen, dass ich dich behalten will. Aber es tröstet mich, dass du es gut haben wirst.«
Doch plötzlich ertönte eine Stimme neben ihr. Irmela erschrak und blickte Kaja Laurin verwirrt an. Das hübsche Mädchen errötete.
»Bitte, halten Sie mich nicht für aufdringlich, Irmela«, sagte Kaja leise. »Ich weiß, wie Ihnen zumute ist. Ich habe manchmal zugeschaut, wenn Sie mit Miranda auf Gut Trassenstein gearbeitet haben. Es fällt Ihnen schwer, sich von Miranda zu trennen, nicht wahr?«
»Ja, es fällt mir schwer, Kaja«, sagte Irmela. »Ich habe Miranda aufgezogen.«
»Und dann ist es so, als würde man einer Mutter das Kind wegnehmen«, sagte die gefühlvolle Kaja leise.
Irmela sah sie mit einem ganz seltsamen Ausdruck an. »Nein, ganz so ist es nicht.«
»Ophelia wird ja sicher wieder fohlen«, sagte Kaja.
»Nein, das wäre lebensgefährlich. Aber sie hat wenigstens ein Kind, ein wunderschönes Kind.«
Kaja war ganz seltsam zumute. Sie dachte lange über diese Worte nach, doch erst am Abend, als die Laurins wieder daheim waren und von den Eindrücken dieses Tages sprachen, bekamen sie eine besondere Bedeutung für sie.
»Du hast dich mit Irmela unterhalten«, sagte Antonia. »Der Abschied von Miranda ist ihr wohl sehr schwer gefallen?«
»Ja, sehr. Ophelia kann nämlich nicht mehr fohlen. Irmela sagt, es wäre lebensgefährlich. Kann man das bei Frauen eigentlich auch voraussagen, Papi, wenn sie erst ein Kind bekommen haben?«
»Ja, das kann man, Kaja«, erwiderte Leon Laurin. »Was beschäftigt dich so?«
»Das, was Irmela gesagt hat. Die Worte bezogen sich auf Ophelia, aber sie hat es so seltsam gesagt.«
»Was hat sie gesagt?«, fragte Antonia.
»Sie hat wenigstens ein Kind, ein wunderschönes Kind.«
»Komisch, dass der Fürst Miranda hergegeben hat«, warf Konstantin, Kajas Zwillingsbruder, ein. »Aber wenn Ophelia nichts mehr einbringt, kann er sie doch verkaufen. Die bringt bestimmt ein Heidengeld.«
»Sei nicht so ekelhaft«, sagte Kaja zornig. »Ihm geht es doch nicht um Geld.«
»Kann man es wissen? Da wird allerhand gemunkelt.«
»Was wird gemunkelt – und wer munkelt?«, fragte Antonia.
»Dass das Gestüt einen Haufen Geld kostet und der Fürst das Schloss verkaufen will. Aber es steht unter Denkmalschutz, und da findet sich nicht sobald ein Käufer.«
»Unser realistischer Sohn«, sagte Leon. »So schlecht kann es dem Fürsten nicht gehen, wenn er Clemens so ein kostbares Pferd schenkt.«
»Clemens ist eigentlich nicht der Typ, der sich so teure Geschenke machen lässt«, meinte Konstantin.
Leon und Antonia tauschten einen langen Blick. Damit hatte Konstantin eigentlich den Nagel auf den Kopf getroffen.
Doch Kaja beschäftigte etwas anderes. Aber darüber wollte sie lieber mit ihrer Mami allein sprechen. Die Gelegenheit ergab sich in der Küche.
»Vielleicht hängt Irmela ihr ganzes Herz in die Pferde, weil sie keine Kinder bekommen kann«, sagte Kaja.
»Nun ja, es ist nicht auszuschließen«, gab Antonia ihr recht.
»Oder sie hat eine unglückliche Liebe«, überlegte Kaja. »Sie ist sehr nett, nicht so ein Dutzendtyp. Sie hat Charakter.«
Damit hatte allerdings auch sie den Nagel auf den Kopf getroffen.
*
Irmela hatte schon sehr früh große Erfolge als Turnierreiterin erzielt. Damals hatte ihr Vater noch gelebt. Und er hatte ihre Leidenschaft für diesen Sport unterstützt, obwohl er ihm seine Gesundheit und sein Eheglück geopfert hatte.
Sigrid Kaufmann hatte sich scheiden lassen, als ihr Mann nach einem schweren Sturz durch eine Querschnittslähmung an den Rollstuhl gefesselt war. Glücklich war die Ehe ohnehin nicht gewesen, und auch zu ihrer Tochter hatte Sigrid keine echte Beziehung gefunden. Sie hatte einen schwerreichen Spanier geheiratet und jede Verbindung zu Irmela abgebrochen. Bernhard Kaufmann war auch kein armer Mann gewesen, aber seine Krankheit hatte den größten Teil des vorhandenen Vermögens aufgezehrt.
Vor drei Jahren war er gestorben und hatte gerade noch so viel hinterlassen, dass Irmela sich eine Existenz aufbauen konnte. Mit dem kostspieligen Turniersport war es allerdings vorbei, doch die Stellung auf dem Gestüt des Fürsten Gregor bot sich an, und trotz ihrer Jugend bekam Irmela diese wegen ihres Pferdeverstandes und des Namens, den sie sich als Turnierreiterin gemacht hatte.
Der Fürst brauchte seine Entscheidung nicht zu bereuen. Das zierliche Mädchen hatte eine unglaubliche Energie und war schier unermüdlich. Sie schien wirklich keine anderen Interessen zu haben, abgesehen von der Zuneigung zu dem irischen Terrier Bozzi, der sofort zu ihr übergelaufen war und seinem Herrn gegenüber keine Hundetreue bewiesen hatte. Wann immer Bozzi Irmelas Nähe witterte, war er bei ihr. Der Fürst konnte dem Hund nicht böse sein, der stillen Irmela auch nicht. Er mochte das Mädchen sehr.
Irmela hatte eine Wohnung im Seitenflügel des Schlosses zugewiesen bekommen und sich diese mit ihren eigenen Möbeln sehr wohnlich eingerichtet. Ihr Gehalt war nicht üppig, aber sie war zufrieden. Sie hatte alles, was sie brauchte, und für sich war sie bescheiden. Nur einen Abend in der Woche weilte sie regelmäßig außerhalb. Da besuchte sie ihre Tante Christa, die unverheiratet gebliebene Schwester ihres Vaters, die als Lehrerin an einer Sonderschule tätig war.
Am Abend nach dem Fest bei Clemens Bennet fuhr Irmela außer der Reihe zu ihrer Tante, und das hatte einen besonderen Grund. Christa Kaufmann hatte dringend um ihren Besuch gebeten.
Christa Kaufmann bewohnte das Haus ihres Bruders. Das Obergeschoss hatte sie vermietet, als Irmela die Stellung beim Fürsten Trassenstein angenommen hatte. Die Mieteinnahmen wurden Irmelas Konto gut geschrieben, doch das Mädchen machte davon keinen Gebrauch.
Christa war eine schlanke Blondine von Mitte vierzig, die viel jünger aussah, als sie war. Sie war eine sehr tüchtige, energische Person. An Herzenswärme fehlte es ihr nicht.
»Kind, kommst du denn gar nicht aus den Reithosen heraus?«, wurde Irmela empfangen.
»Ich habe heute Miranda zu Bennet gebracht«, erwiderte Irmela entschuldigend. »Ich komme von dort und konnte mich nicht erst umziehen.«
»Ist schon gut, war ja nicht so gemeint«, sagte die Ältere.
»Was ist denn los, Christa?«, fragte Irmela. »Warum wolltest du mich so dringend sprechen?«
»Setz dich erst mal. Möchtest du etwas essen?«
»Nein, danke, doch für eine Tasse Tee wäre ich dankbar.«
»Gut, lies inzwischen den Brief. Er kam heute Morgen. Der Briefträger wollte ihn mir zuerst gar nicht aushändigen, weil es ein Einschreiben ist. Es ist gut, dass du mir eine Vollmacht hinterlassen hast.«
»Ein Einschreiben?« Irmela betrachtete den dicken Umschlag. »Aus Spanien«, sagte sie verächtlich. »Du erwartest doch keine Freudensprünge von mir?«
»Nein, die erwarte ich gewiss nicht, Kleines. Es ist jedoch ein amtliches Schreiben.«
Irmela presste die Lippen aufeinander. »Ich werde nicht in Tränen ausbrechen, wenn sie auch tot ist«, sagte sie heiser.
Sie saß still da, bis Christa den Tee brachte, erst dann öffnete sie den Umschlag. Kaum hatte sie die ersten Zeilen überflogen, ließ sie den Bogen sinken. »Sie ist tot. Sie starb bei einem Hotelbrand«, sagte sie tonlos. »Lies du, Christa.«
Es war ein umfangreiches Schreiben. Christa setzte ihre Brille auf und las.
Die Contessa Sigrid d’Aquila habe laut Testament ihren gesamten Nachlass ihrer Tochter vermacht, stand da in etwas schwerfälligem Deutsch zu lesen. Da auch der bereits vor einem Jahr verstorbene Conte Fernando d’Aquila keine leiblichen Erben hinterlasse, stünde einer korrekten, sofortigen Abwicklung nichts im Wege. Irmela Kaufmann würde gebeten, sich nach Saragossa zu begeben, um die notwendigen Unterschriften zu leisten, unter Vorlage ihrer amtlichen Papiere und Identitätsbescheinigungen. Eine Bankanweisung über fünftausend Euro zur Bestreitung der Reisekosten sei beigefügt.
Es war noch eine Liste angeheftet über alle Papiere, die sie vorzulegen hätte, außerdem der amtlich beglaubigte Totenschein, aus dem hervorging, dass Sigrid d’Aquila schweren Brandverletzungen erlegen war.
»Dann wird sie wenigstens gespürt haben, wie es Papa zumute war«, sagte Irmela bitter. »Ich verzichte auf das Erbe.«
»Das wäre ja noch schöner«, widersprach Christa resolut. »Willst du ein Leben lang wie ein Pferdeknecht schuften und leben? Mein liebes Kind, ich habe mich nie eingemischt, aber diesmal stauche ich dich zurecht. Deine Mutter hat ihr Testament lange vor dem Unfall gemacht, wie aus dem Schreiben hervorgeht. Lange hat sie sich dieser zweiten, so sorglos scheinenden Ehe auch nicht erfreuen können. Sicher hat sie eine ganze Menge hinterlassen. Soll das etwa dem Staat zufallen? Du kannst damit allerhand anfangen. Vielleicht kannst du sogar Schloss Trassenstein kaufen.«
»Nun bleib mal auf dem Boden, Christa«, begehrte Irmela auf.
»Immerhin wird ja gemunkelt, dass der Fürst es nicht halten kann«, sagte Christa ruhig. »Dann bist du auch deine Stellung und deine geliebten Pferde los.«
Irmela starrte die Tante entsetzt an. »Das kann doch nicht wahr sein«, stammelte sie. »Ich habe davon noch nichts gehört.«
»Du trägst ja auch Scheuklappen«, erwiderte Christa gelassen. »Du wachst immer erst auf, wenn man dir den Boden unter den Füßen wegzieht. Gut, ich habe den Schritt deiner Mutter auch nicht verstanden, aber immerhin scheint sie nicht vergessen zu haben, dass sie eine Tochter hat. Du wirst jedenfalls nicht auf das Erbe verzichten, und ein paar Tage Urlaub wirst du nach diesen drei Jahren wohl auch mal beanspruchen können.«
»Ich wusste nicht, dass du so geldgierig bist«, sagte Irmela.
Christa lachte leise auf. »Ich brauche nichts, aber manche Menschen muss man zu ihrem Glück zwingen.«
»Was ist Glück, Christa?«, fragte Irmela verhalten. »Du weißt, dass Dr. Brandlmeier mir nach der Operation gesagt hat, dass ich keine Kinder bekommen kann, also wäre auch eine Heirat unsinnig. Einen Lebensinhalt muss man sich doch schaffen.«
»Du kannst es jetzt«, erklärte die Tante. »Nicht für andere, Irmela, sondern für dich selbst. Sei doch einmal egoistisch. Bisher ist dir doch nichts geschenkt worden – nur ein schnell verblasster Ruhm aus der Jugendzeit. Wo sind denn die Freunde von damals geblieben?«
»Warum bist du eigentlich ausgerechnet Lehrerin an einer Sonderschule geworden?«, konterte Irmela.
»Weil ich gebraucht werde, weil ich Dankbarkeit ernte und manchmal sogar Liebe. Du gibst deinen Vierbeinern Liebe, aber sie brauchen dich nicht, wenn ein anderer sie gut füttert. Sei mir nicht böse, dass ich das sage, Irmela.«
*
Als Irmela auf dem Gut ankam, lag Bozzi vor ihrer Wohnungstür. Er schlich winselnd um sie herum und gab seltsame Töne von sich. Es war nicht die übersprudelnde Freude, die sie sonst gewöhnt war.
»Was hast du denn, Bozzi?«, fragte sie. »Weißt du denn so genau, dass heute gar nicht mein privater Abend war? Die anderen sind wohl auch noch nicht da? Hast du Hunger?«
Er hatte Hunger. Irmela dachte an Tante Christas Worte. Aber ein wenig besser wusste sie selbst es schon. Bozzi fraß nicht, wenn er sie vermisste. Und wie war es mit Ophelia? Sie würde wohl vor allem Miranda vermissen.
»Komm, Bozzi, wir gehen zu den Ställen«, sagte sie, »zu Ophelia.«
Er schien es zu verstehen. Für Irmela war es allerdings selbstverständlich, dass er sie verstand.
Er lief ihr voraus, geradewegs auf Ophelias Box zu. Dort standen allerdings der Fürst und Prinz Constantin.
»Gut, dass Sie kommen, Irmela«, sagte der Fürst. »Ophelia frisst nicht.«
»Das dachte ich mir«, sagte Irmela. »Sie vermisst Miranda. Sie war immer eine gute Mutter.«
Die Stute sah sie aus feuchten Augen an. Irmela streichelte ihr den Hals. »Komm, meine Gute, es ist nicht mehr zu ändern«, sagte sie.
Constantin starrte sie an, aber sie würdigte ihn keines Blickes. Sie sprach weiter auf Ophelia ein. Und Bozzi legte sich nieder und wich nicht von ihrer Seite.
»Komm, Papa, wir verstehen anscheinend die Sprache nicht«, sagte Constantin sarkastisch. »Und Irmela kann anscheinend nur mit Vierbeinern reden.«
»Durchaus nicht«, widersprach Irmela ruhig. »Ich muss Sie sogar dringend um eine Unterredung bitten, Fürst.«
Gregor ließ sich nur so anreden. Andere Titulierungen waren ihm zuwider. Herr von Trassenstein wäre ihm noch lieber gewesen, aber so wurde schon Constantin angesprochen. Ein kleiner Unterschied musste doch bestehen.
»Noch heute Abend, Irmela?«, fragte er.
»Wenn es möglich wäre, ja«, erwiderte sie. »Aber jetzt möchte ich erst Ophelia zureden.«
»Tun Sie das. Ich bin bis Mitternacht zu erreichen.« Er lächelte nachsichtig und wohlwollend.
»Wer bestimmt hier eigentlich?«, fragte Constantin seinen Vater. »Du oder sie?«
Der Fürst warf seinem Sohn einen schrägen Blick zu. »Wir wissen beide, was für die Tiere gut ist«, war seine Antwort. »Dir wäre es natürlich lieber, sie würde dir mehr entgegenkommen. Aber da bleibt dir der Schnabel sauber.«
»Seit wann übernimmst du meinen Wortschatz, lieber Papa?«, fragte der junge Mann.
»Ich passe mich an, Conny. Wenn du dich nicht endlich entschließt, eine gute Partie zu machen, ist der Zauber aus.«
»Nenne mir eine gute Partie«, forderte Constantin. »Aber eine, mit der sich das Leben ertragen lässt.«
»Du hast doch die Auswahl.«
»Zum Amüsieren schon, aber zum Heiraten?«
»Carolin Kremer?«, deutete der Fürst an.
»Eine Bürgerliche, Papa?«, staunte Constantin.
»Mir ist das wurscht, wenn wir nur Trassenstein retten können«, knurrte der Ältere.
»Wie lange lässt du mir Zeit?«
»Drei Monate, dann können wir anfangen, die Koffer zu packen.«
»Ich werde mir Mühe geben«, versprach Constantin. »Aber wie kommen wir über die drei Monate?«
»Ich werde Ophelia verkaufen und noch drei andere Pferde. Ich habe schon mit Bennet gesprochen.«
»Irmela wird es das Herz brechen.«
»Mir vielleicht auch«, sagte Fürst Gregor müde.
*
Irmela hatte endlich erreicht, dass Ophelia fraß. »Wir holen Miranda zurück«, hatte Irmela immer wieder gesagt. »Dafür bringe ich jedes Opfer, Ophelia. Ich verspreche es dir. Du sollst dein Kind wiederhaben.«
Bozzi hatte seine Schnauze auf Irmelas Reitstiefel gelegt und starrte unverwandt zu ihr empor.
Er folgte ihr auf den Fersen, als sie durch die Ställe ging. Sechsundzwanzig edle Pferde standen hier. Irmela liebte sie alle, aber Ophelia liebte sie besonders.
