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Gemütliches Landleben zwischen Idyll und mörderischen Abgründen
Ein atmosphärischer Cosy Crime vor der Kulisse der Lüneburger Heide
Der Tote, der im Wald bei Sommerstorf gefunden wird, ist kein unbeschriebenes Blatt. Dennoch geht die Polizei zunächst von einem Fahrradunfall aus – und an etwas anderes mag in dem beschaulichen Dorf in der Lüneburger Heide auch niemand glauben. Als die ehemalige Lehrerin Agnes Plietsch und der pensionierte Kriminalbeamte Enno Fritjoff im Dorfverein und Häkelkreis mehr über den Toten erfahren, kommt ein Unfall für sie allerdings nicht mehr in Frage. Mit detektivischem Spürsinn beginnen sie, die vermeintlich beschauliche Fassade des Dorfes zu durchdringen und stoßen auf immer mehr Tratsch, Klatsch und Geheimnisse. Agnes und Enno ermitteln auf eigene Faust und stellen sich dabei schlauer an, als die Polizei erlaubt …
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits erschienenen Titels Eine Leiche zum Kaffee
Erste Leser:innenstimmen
„Ein wunderbarer Cosy-Krimi, der die perfekte Mischung aus Lokalkolorit, Spannung und überraschenden Wendungen hat.“
„Marion Minks fängt die Atmosphäre des ländlichen Lebens perfekt ein und enthüllt jede Menge Überraschungen.“
„Die Protagonisten Agnes und Enno sind ein unschlagbares Duo, das die Ermittlungen mit Herz und Verstand angeht. “
„Der Regionalkrimi ist ein wahrer Schatz für Krimi-Liebhaber! Absolute Leseempfehlung!“
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Der Tote, der im Wald bei Sommerstorf gefunden wird, ist kein unbeschriebenes Blatt. Dennoch geht die Polizei zunächst von einem Fahrradunfall aus – und an etwas anderes mag in dem beschaulichen Dorf in der Lüneburger Heide auch niemand glauben. Als die ehemalige Lehrerin Agnes Plietsch und der pensionierte Kriminalbeamte Enno Fritjoff im Dorfverein und Häkelkreis mehr über den Toten erfahren, kommt ein Unfall für sie allerdings nicht mehr in Frage. Mit detektivischem Spürsinn beginnen sie, die vermeintlich beschauliche Fassade des Dorfes zu durchdringen und stoßen auf immer mehr Tratsch, Klatsch und Geheimnisse. Agnes und Enno ermitteln auf eigene Faust und stellen sich dabei schlauer an, als die Polizei erlaubt …
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Überarbeitete Neuausgabe September 2023
Copyright © 2025 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-98778-701-0 Taschenbuch-ISBN: 978-3-98778-773-7 Hörbuch-ISBN: 978-8-72660-188-6
Copyright © 2020, dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2020 bei dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH erschienenen Titels Eine Leiche zum Kaffee (ISBN: 978-3-96087-985-5).
Covergestaltung: ArtC.ore-Design / Wildly & Slow Photography unter Verwendung von Motiven von stock.adobe.com: © miles5, © Jag_cz, © Okea, © orijinal_x, © Dmitri Stalnuhhin, © sveta, © Composer, © serikbaib, © jakkapan, © rob2588, © Chayanee, © kittyfly, © Pawel Kazmierczak Lektorat: Daniela Höhne
E-Book-Version 28.08.2025, 11:30:16.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
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Eine meiner Leserinnen bezeichnete Agnes Plietsch als „Miss Marple von Sommerstorf“. Das gereicht nicht nur Agnes, sondern auch mir als ihrer Schöpferin zur Ehre.
Agnes Plietsch ist pensionierte Lehrerin und lebt seit vielen Jahren in Sommerstorf, einem kleinen Ort in der Lüneburger Heide. Sie war nie verheiratet. Was aus ihrer großen Liebe wurde, darüber schweigt sie sich aus. Dafür hat sie all ihre Liebe und Leidenschaft in ihren Beruf gelegt. Aus diesem Grund kennt sie auch beinahe jeden, der in der Samtgemeinde Moorheide lebt. Über alle anderen ist Agnes‘ Freundin Heike Rickmann im Bilde, die Frau des Bürgermeisters. Zusammen mit ihr und Enno Fritjoff, einem ebenfalls pensionierten Kriminalkommissar, beteiligt sich Agnes rege am kulturellen Leben des Dorfes, wobei ihr besonders der Chor und das Literaturcafé am Herzen liegen.
Die Sommerstorfer sind allesamt ganz normale Männer und Frauen, deren beschauliches Leben hin und wieder durch ungewöhnliche oder unverhoffte Todesfälle durcheinandergerät. Diese aufzuklären bedarf es nicht nur tüchtiger Polizisten, sondern auch des Scharfsinns und der Menschenkenntnis von Agnes Plietsch und ihren Freunden.
Ich wünsche euch viel Spaß bei Eurer Reise nach Sommerstorf!
Herzliche Grüße, Eure Marion
„Auf geht’s, meine Damen!“
Heike Rickmann führte die kleine Gruppe sportlich gekleideter Frauen energisch an. Mit ihren dreiundfünfzig Jahren war sie die Jüngste unter den sechs, die sich, mit Nordic-Walking-Stöcken bewehrt, in Bewegung setzten. Körperliche Fitness war beileibe nicht der einzige Grund, weshalb sie sich immer dienstags und donnerstags um halb neun vor der Apotheke in Sommerstorf trafen. Es war natürlich die Geselligkeit, die im Mittelpunkt all ihrer Aktivitäten stand, wobei das Straffen von Bauch, Beinen und Po allzeit willkommener Nebeneffekt war.
„Schaffst du heute die große Runde, Marianne?“, fragte Heike Rickmann.
Die achtundsiebzigjährige Marianne Wiechert war die Älteste in der Runde. Sie litt unter fortgeschrittener Kniearthrose und gab aufgrund ihrer Einschränkung das Tempo an.
„Doch, doch, mir geht es heute gut. Ich trage ja außerdem meinen Angorawärmer. Der hilft mir mehr als die verdammten Kortisonspritzen ins Knie.“
„Das ist schön, dass es dir wieder besser geht, Marianne. Ich gehe so gerne am Holmbach entlang“, meinte Elke Pitzkow, eine kleine, beleibte Frau mit Apfelbäckchen und immer guter Laune. Sie setzte zu einer Erklärung für ihre Vorliebe an, aber Marlies Weber schnitt ihr das Wort ab.
„Nun stellt euch vor, mir sind doch glatt die frisch gepflanzten Blumen auf der Terrasse erfroren. Zwei Nächte hintereinander solcher Frost!“
„Es soll die nächsten Tage so biestig kalt bleiben“, bemerkte Heike Rickmann über ihre Schulter und jemand fügte hinzu: „Ich bepflanze meine Kästen erst Ende nächster Woche, nach den Eisheiligen.“
Nachdem das Damengrüppchen von der Dorfstraße in den Eichenwinkel abgebogen war, entspann sich eine lebhafte Diskussion darüber, ob die Eisheiligen schon mit den vergangenen Frostnächten abgetan waren, und inwiefern man angesichts des Klimawandels den kalendarischen Berechnungen noch Glauben schenken konnte.
Als sie das letzte der kleinen Siedlungshäuschen hinter sich gelassen hatten, mündete der Eichenwinkel in einen Forstweg, der sie eine Weile dicht am Holmbach entlangführte. Auf diesem Weg begegneten ihnen normalerweise keine Autos, und selbst Radfahrer waren hier um diese Zeit sehr selten unterwegs. Nur die älteren Schulkinder aus Gulsdorf, Nordtorf und Rullingsbeck nutzten ihn morgens zwischen sieben und halb acht und dann wieder am Nachmittag nach Schulschluss. Hier konnten sie also getrost zu dritt oder viert nebeneinander gehen und plaudern. Nach ungefähr einem Kilometer begann der Weg anzusteigen. Auf der rechten Seite fiel die Böschung immer steiler ab und der Abstand zum Holmbach vergrößerte sich. Zu ihrer Linken säumten mächtige Eichen den Forstweg und überspannten ihn mit ihren ausladenden Ästen. Dahinter leuchtete ein Rapsfeld. Wie immer an dieser Stelle des Weges erstarb ein Großteil der Gespräche. Einige der Frauen waren nun mehr mit sich selbst beschäftigt, mit dem eigenen Atem, schmerzenden Gelenken oder ziehenden Muskeln. Nach wenigen hundert Metern würde sich der Weg gabeln. Die rechte Gabelung, der sie folgen wollten, flachte in einem sanften Bogen ab und näherte sich dem Holmbach, um ihn schließlich irgendwann zu überqueren, während die linke Abzweigung, beinahe rechtwinklig zum Hauptweg und weiter ansteigend, im Abstand von vielleicht zwanzig Metern am Mertenshof vorbei in Richtung der Gemeindestraße führte. Von dort aus gelangte man bequem und in kurzer Zeit entweder nach Sommerstorf zurück, oder weiter nach Gulsdorf und Nordtorf.
Heike Rickmann marschierte zwischen Marianne Wiechert und Elke Pitzkow. Sie hatten die Gabelung beinahe erreicht. Alle drei hörten Marlies Weber zu, die hinter ihnen gerade schnaufend vom Discounter in Süderingen berichtete, wo es Markenwaschmittel zum Sonderpreis gab. Hätte sie nicht über ihre Schulter gesehen, um Marlies nach dem Preis des Waschpulvers zu fragen, hätte Heike das niedergedrückte Buschwerk wohl gar nicht bemerkt. So jedoch stutzte sie, wurde langsamer und ließ Elke, die neben ihr schwer atmete, zwei Schritte vorgehen, um zu der Stelle zu gelangen, die ihre Aufmerksamkeit erregte. Es war schon mehrmals vorgekommen, dass jemand seinen Abfall hier im Wald abgeladen hatte, und in so einem Fall würde sie sofort die Polizei benachrichtigen, in der Hoffnung, dass diese den Übeltäter endlich erwischte.
Als Heike die Böschung hinunterblickte, sah sie sofort, dass hier kein Müll entsorgt worden war.
„Was ist da?“, fragte jemand.
Marlies, die sich neugierig zu Heike gesellt hatte, rief: „Da unten liegt einer!“
Schlagartig verstummte die Gruppe und alle sahen Heike an, Heike Rickmann, die nicht nur den Nordic-Walking-Treff organisierte, sondern auch die Frau des Bürgermeisters der Samtgemeinde Moorheide war.
Sich ihrer besonderen Stellung und der damit verbundenen Erwartungen an sie bewusst, reichte Heike ihre Walking-Stöcke an Marlies weiter und atmete tief durch, bevor sie seitwärts den steilen Hang hinabstieg. Zwei magere Männerbeine, die in einer langen, schwarzen Radlerhose steckten, ragten aus dem Gestrüpp am Fuß des mächtigen Stamms der Fichte hervor, die die Weggabelung markierte. Unter der Person lag ein verbogenes, silbernes Rennrad. Er muss geradewegs gegen die Fichte geprallt sein, dachte Heike und sie fühlte, wie ihr dieses Bild den Magen zusammenzog. Als Heike die letzten Meter auf dem feuchten Gras hinabrutschte und neben dem Verunglückten zu stehen kam, bemerkte sie, dass der Kopf des Mannes tiefer auf die Brust geneigt war, als ihr gesund erschien. Mit zitternden Knien ließ sie sich nieder und versuchte, an seinem Hals den Puls zu ertasten. Heike schauderte, als sie die kalte, feuchte Haut berührte. Nichts. Sie tastete weiter, vergeblich. Dann versuchte sie, den Mann ein wenig zur Seite zu drehen, um sein Gesicht zu sehen. Als der Kopf in seiner unnatürlichen Position verharrte, während der Körper vom Fahrradlenker rutschte, dehnte sich ein Feuerball in Heikes Magen aus.
„Wer ist es denn?“, fragte Marlies.
Heike schluckte. Sie stützte sich gegen den Fichtenstamm, um wieder auf die Beine zu kommen.
„Hat eine von euch ihr Handy dabei?“ Sie wandte sich von dem Verunglückten ab. „Wir brauchen einen Krankenwagen. Oder besser noch die Polizei.“
Keine zehn Minuten später hörten die Damen das Knirschen von Reifen auf dem Forstweg. Ein Notarztwagen kam, Staub aufwirbelnd und mit rotierendem Blaulicht, heran und hielt unmittelbar vor den Frauen, die dicht gedrängt beieinanderstanden. Ihm folgte ein Rettungswagen, ebenfalls mit Blaulicht, der hinter dem Notarzt zum Stehen kam.
Der Notarzt sprang aus seinem Auto. Heike Rickmann deutete stumm auf die Stelle, an der sie selbst wenige Minuten zuvor die Böschung hinabgestiegen war. Der Arzt rutschte im Stehen den Abhang hinunter, dicht gefolgt von den zwei Sanitätern aus dem Rettungswagen, die allerlei Gerätschaften zur Wiederbelebung mit sich trugen. Die beiden hatten wegen ihres Gepäcks wesentlich mehr Mühe, ihr Gleichgewicht zu halten als der Arzt. In diesem Moment fuhr auch ein Polizeiwagen heran, der ein Stück vor dem Notarztwagen hielt. Polizeihauptmeister Olaf Dietrichs stieg zusammen mit einem jungen, im Gesicht mit Pickeln übersäten Polizeianwärter aus.
„Moin, Heike, moin, Marlies.“ Dietrichs tippte an seine Mütze und nickte den anderen Frauen mit dienstlich-ernster Miene zu. Dann sah er die Böschung hinunter, wo sich der Notarzt gerade zusammen mit den Sanitätern an dem Verunglückten zu schaffen machte.
„Moin, Doktor Jordan“, rief Dietrichs nach unten und wandte sich dann an Heike.
„Du hast den Notruf abgesetzt?“, fragte er.
Heike nickte. „Ich habe Petras Handy benutzt.“
„Habt ihr beobachtet, was genau passiert ist?“ Polizeihauptmeister Dietrichs schaute in die Runde und zückte sein Notizbuch.
Heike antwortete wiederum: „Nein, mir sind nur die niedergedrückten Zweige am Wegesrand aufgefallen. Ich dachte erst, es hätte wieder einer seinen Müll hierhergebracht. Und dann habe ich ihn da unten liegen sehen.“
Marlies tätschelte ihr die Schulter und die anderen stimmten ihr murmelnd zu. „Ich hatte vor, ihn wiederzubeleben“, fuhr sie fort.
„Als ich keinen Puls fühlen konnte, habe ich versucht, ihn umzudrehen, aber sein Kopf …“
Heike brach ab. Sie presste sich das mit Kölnisch Wasser getränkte Taschentuch vor den Mund, das sie die ganze Zeit über geknetet und mit dem sie sich zuvor die Hände abgerieben hatte, die Hände, die wahrscheinlich einen Toten berührt hatten. Schnell nahm sie das Tuch wieder fort und verschränkte fröstelnd die Arme.
„Da ist nichts mehr zu machen“, rief Doktor Jordan nach oben, wie um Heike Rickmanns Vermutung zu bestätigen.
„Eindeutig Genickbruch. Ist noch nicht lange her, eine halbe Stunde vielleicht.“
Die beiden Sanitäter kletterten unverrichteter Dinge wieder nach oben und brachten ihre Rettungsutensilien in den Krankenwagen, um gleich darauf den Rückweg anzutreten. Da es keine Möglichkeit gab, das Fahrzeug zu wenden, nahmen sie den Weg am Mertenshof vorbei. Der Polizeihauptmeister betrachtete den ausgespülten Weg, der in einer steil ansteigenden Kurve vom Forstweg abzweigte. Dann blickte er nach rechts, wo der Fahrradfahrer die Böschung hinuntergesaust sein musste.
„Ich denke mir, dass er mit reichlich Tempo von dort oben gekommen und aus der Kurve geflogen ist“, meinte der Anwärter, der dem Blick seines Chefs gefolgt war und kratzte an seinem entzündeten Kinn herum.
„Hm“, brummte Dietrichs, und nickte dazu, was einem Lob gleichkam. Er verstaute sein Notizbuch wieder in der Brusttasche seiner Uniform.
„Dann lass uns mal nach unten schauen, Sebastian. Ist das deine erste Leiche?“
Sebastian nickte sichtlich beklommen. Unter seinen rot leuchtenden Pickeln wurde er eine Spur blasser, doch er stapfte seinem Vorgesetzten tapfer hinterher.
An der Unglücksstelle angekommen, begrüßte Dietrichs zuerst Doktor Jordan mit Handschlag. Dann deutete er auf die frischen Spuren am Stamm der Fichte, die das Fahrrad beim Aufprall hinterlassen hatte.
„Davon mach mal ein Foto. Und auch vom Fahrrad“, befahl er seinem jungen Kollegen und wandte sich dann wieder an den Notarzt.
„Heimerle“, konstatierte der Polizeihauptmeister und deutete auf den Toten.
„Der Heimerle?“, fragte Jordan mit hochgezogenen Brauen.
Dietrichs nickte mit ernster Miene.
„Hm“, machte der Arzt. „Wie gesagt, ich bin hier überflüssig. Für den hier brauchen Sie nur noch einen Leichenwagen.“
„Den werde ich gleich bestellen. Einen Totenschein brauche ich von Ihnen, damit alles seine Ordnung hat“, sagte Dietrichs, bevor alle drei die Böschung wieder hinaufkletterten. Bei seinem Wagen holte der Notarzt ein Klemmbrett und ein Formular aus dem Handschuhfach und füllte das gewünschte Dokument aus, das er sogleich Dietrichs überreichte. Der Polizeihauptmeister nickte ihm zu, als Doktor Jordan den Motor anließ und auf demselben Weg wie der Krankenwagen in Richtung Mertenshof davonfuhr.
„Sag, Olaf, hab ich richtig gehört? Ist das da unten wirklich der Heimerle aus Heidenbeck?“, wollte Marlies Weber wissen und auch Heike musterte ihn neugierig.
Olaf Dietrichs fuhr sich mit dem Zeigefinger in den Kragen, als wäre ihm sein Hemd plötzlich zu eng am Hals. Er kannte die meisten Leute aus Sommerstorf und den umliegenden Ortschaften, und mit vielen war er sogar verwandt. Er war nicht nur ein guter Freund des Bürgermeisters, seine Frau Inge war auch Heikes Cousine. Marlies Weber kannte ihn schon, seit er Windeln getragen hatte, denn sie war die jüngste Schwester seiner Mutter. Doch vor dem jungen Anwärter waren ihm diese selbstverständlichen Vertraulichkeiten unangenehm. Sebastian Meyermann war schließlich einer aus Bresinghausen, und in Gegenwart eines Bresinghauseners oder gar Horstorfers legte er großen Wert auf Respekt vor seiner Person und dem Amt, das er bekleidete. Die Überlegenheit, die ihm seine Stellung verlieh, legte er in seine Miene. Natürlich war er nicht verpflichtet, den Frauen Auskunft zu erteilen. Dennoch antwortete er seiner Tante jovial: „Genau der ist es, ja.“
Dann, als er sich mit einem Seitenblick versichert hatte, dass der Anwärter gerade gedankenverloren an einem Pickel puhlte, raunte er: „Aber behalte es vorerst für dich, Marlies, zumindest, bis seine Frau offiziell Bescheid weiß.“
Beim Gedanken an Heimerles Frau, der er noch heute die Todesnachricht würde überbringen müssen, graute es dem Polizeihauptmeister. Was für ein Tag, dachte er.
***
Es war kurz nach halb neun, als Agnes Plietsch ihr Frühstück beendet hatte. Sie hatte schon immer großen Wert auf einen regelmäßigen Tagesrhythmus gelegt, und an gewissen Regelmäßigkeiten hielt sie auch seit ihrer Pensionierung im letzten Sommer fest. Dreißig Jahre hatte sie in Süderingen als Grundschullehrerin gearbeitet, und sie fürchtete, sie würde schneller altern und geistig verschleißen, wenn sie sich dem Schlendrian hingab. Agnes war eine kleine, zierliche Frau, deren aschblonder Pagenkopf sich im Laufe der Jahre silbern gefärbt hatte. Die vielen kleinen Lachfältchen um die hellblauen Augen unterstrichen ihr freundliches Wesen, das sie bei den Kindern und ihren Eltern so beliebt gemacht hatte.
Als sie ihr Geschirr in die Spüle stellte und dabei aus dem Küchenfenster blickte, sah sie einen Krankenwagen mit Blaulicht an ihrem Haus vorbeifahren. Nachdem gleich darauf ein Polizeiauto folgte, begann sie sich Sorgen zu machen. Um diese Zeit waren üblicherweise eine Gruppe fitnessbegeisterter Hausfrauen und Rentnerinnen unterwegs, deren Nordic-Walking-Parcours sie in den Holmbachwald führte. Auch ihre viel jüngere Freundin Heike Rickmann gehörte dazu. Agnes hoffte, keiner von ihnen möge etwas zugestoßen sein und beschloss, einkaufen zu gehen, sobald sie ihr Frühstücksgeschirr gespült und die Wäsche aufgehängt hatte. Dann würde sie sicher erfahren, wem der Rettungseinsatz gegolten hatte.
Zwei Stunden Später machte sich Agnes auf den Weg ins Dorf. Der kleine Supermarkt in der Dorfstraße war der einzige Laden, in dem man sich in Sommerstorf mit Lebensmitteln eindecken konnte, wenn man kein Auto besaß. Es war außerdem der Ort, an dem Nachrichten ausgetauscht wurden, die es nicht wert waren, in der Zeitung abgedruckt zu werden, die für die Dorfbewohner dennoch von Interesse und Wichtigkeit waren. Man erfuhr, wer gerade die Grippe hatte, und wer im Begriff war, sich von einer längeren Krankheitsphase zu erholen, wer wen zum Geburtstag einlud und welches Paar gerade Streit hatte, wer sich die Haare hatte färben lassen und welche Kleider anlässlich einer Konfirmation oder Hochzeit getragen wurden. Mit etwas Glück erfuhr man aber auch von Dingen, die erst am nächsten oder übernächsten Tag im Lokalteil der Zeitung stehen würden.
Als Agnes an der Kasse stand und ihre Einkäufe aufs Band legte, tippte sie jemand von hinten an.
„Guten Morgen, Agnes!“
Erfreut wandte sich Agnes der kleinen, runden Frau mit der eisengrauen Dauerwelle zu. Ihren glänzenden Augen sah man sofort an, dass sie Neuigkeiten loswerden wollte.
„Marlies, dir auch einen guten Morgen. Gibt es etwas Neues?“
„Hast du es schon gehört, Agnes?“, raunte Marlies Weber, begierig, von ihrem außerordentlichen Erlebnis berichten zu können.
„Ach, du meinst sicher den Unfall von heute Morgen.“
Enttäuscht darüber, dass ihr offenbar jemand mit der Neuigkeit zuvorgekommen war, presste Marlies Weber die Lippen zusammen.
„Ich habe den Rettungswagen und das Polizeiauto gesehen, als sie an meinem Küchenfenster vorbeigefahren sind und mich natürlich gefragt, was da wohl passiert ist“, erklärte Agnes ihre Vermutung. „Ich hoffe, niemand aus eurer Walkinggruppe hat sich ernstlich verletzt.“
Marlies Weber, zufrieden, dass ihr niemand die Rolle als Nachrichtenübermittlerin streitig gemacht hatte, vollführte eine wegwerfende Handbewegung.
„Der Heimerle ist mit dem Fahrrad verunglückt. Unten am Holmbach. Er hat sich das Genick gebrochen.“ Nachdem sie sich auch der Aufmerksamkeit der jungen Kassiererin sicher war, fuhr sie fort: „Wir haben ihn gefunden, wohl kurz nachdem es passiert war. Heike hat versucht, ihn wiederzubeleben, aber da war nichts mehr zu machen. Mausetot der Mann!“
„Na, das ist ja gruselig“, rief das Mädchen an der Kasse und nannte Agnes den Preis. „Letztes Wochenende war ich da mit meinem Freund spazieren“, erzählte sie, während Agnes ihr das Geld in die ausgestreckte Hand zählte.
„Ab jetzt werden wir uns einen anderen Weg suchen müssen. Da, wo einer gestorben ist, gehe ich bestimmt nicht mehr lang. Hinterher bringt das Unglück.“
Agnes schmunzelte über den Aberglauben des Mädchens. Während sie ihre Einkäufe aus dem Wagen in ihre Tasche packte, hatte Marlies bereits ihr nächstes Opfer gefunden. Es war Sven Thomsen, der Inhaber des Lebensmittelgeschäftes. Er setzte eine angemessen betroffene Miene auf, als Marlies ihn über den Unglücksfall in Kenntnis setzte. Eine Nachbarin gesellte sich zu ihnen und lauschte begierig Marlies’ ausschweifendem Bericht.
„Na, dann können Sie ja die Unterschriftenlisten getrost ins Altpapier werfen“, meinte die Nachbarin.
Zufrieden, dass sie mit ihrer Sensation zum Zuge gekommen war, stimmte Marlies ihr zu. Herr Thomsen aber legte die hohe Stirn in Falten.
„Das erschiene mir doch recht pietätlos“, entgegnete er. „Ich werde sie wohl liegen lassen, bis Frau Heimerle entschieden hat, was damit geschehen soll.“
Einer seiner Mitarbeiter kam hinzu. Er hatte eine Frage an seinen Chef, der sich bei den Damen entschuldigte.
Die Nachbarin schob ihren Einkaufswagen in den Verkaufsraum, während Agnes und Marlies mit ihren vollen Taschen nach draußen auf den Parkplatz gingen.
„Ich glaube ja nicht, dass die Heimerle so bald zu Thomsen einkaufen kommt“, meinte Marlies trocken. „Die hat sich hier doch noch nie blicken lassen.“
„Wo kauft sie denn ein?“, wollte Agnes wissen.
„In der Stadt natürlich, oder im Discounter. Und im Reformhaus. Das weiß ich, weil meine Schwester sie in der Stadt gesehen hat. Sie ist da mit vollgepackten Taschen rausgekommen. Außerdem sieht man ja, was die Leute so in ihren gelben Säcken haben.“
„Ich habe gehört, sie kauft auch bei Ute im Hofladen ein“, meinte Agnes, und fragte sich im Stillen, ob Marlies den Müll all ihrer Nachbarn begutachtete.
„Ja, aber nur, wenn sie etwas vergessen hat, das sie auch bei Ute auf dem Hof bekommt.“
In Marlies’ Stimme schwang die übliche Missbilligung, die sie für Leute übrig hatte, die zugezogen waren und den Alteingesessenen zeigen wollten, wie richtiges Landleben funktionierte. Diese Ökos, wie sie sie nannte, die die Nase über den Schützenverein rümpften und die beim Feuerwehrfest vegane Würstchen verlangten, sollten nach Marlies’ Dafürhalten bleiben, wo der Pfeffer wächst.
„Soll ich dich mit dem Auto mitnehmen, Agnes?“, bot sie an.
Agnes lehnte dankend ab. „Ich bin mit dem Fahrrad da. Kommst du morgen zum Kaffee ins Pfarrhaus?“
Bedauernd schüttelte Marlies den Kopf. „Ich bin morgen in Brietze zum Geburtstag eingeladen.“
Sie kramte aus ihrer Handtasche den Autoschlüssel hervor. „Die Schwiegermutter meiner Ältesten wird siebzig.“
„Oh, dann wünsche ich dir viel Spaß. Und grüß deine Töchter von mir.“
Am darauffolgenden Nachmittag machte sich Agnes Plietsch zur Kaffeezeit auf den Weg ins alte Pfarrhaus, wie das Gemeindehaus genannt wurde. Dort fand jeden zweiten Mittwoch im Monat das Literaturcafé statt.
Diese Bezeichnung war genau genommen etwas hochtrabend gewählt, und niemand konnte sich mehr erinnern, wer die Idee zu diesem Namen gehabt hatte. Im Wesentlichen trafen sich bis zu acht Damen mittleren Alters und Enno Fritjoff, ein pensionierter Kriminalbeamter, um sich bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen über die zuletzt gelesenen Bücher zu unterhalten. Als Agnes Plietsch das alte Fachwerkhaus betrat, empfing sie bereits der Duft frisch gebrühten Kaffees. Aus der offen stehenden Küchentür klang das Schwatzen mehrerer Frauen. Agnes rief ihnen einen Gruß zu und brachte ihren Marmorkuchen in den Salon, wie die gute Stube des ehemaligen Pfarrhauses seit seiner Umgestaltung durch den Dorfverein genannt wurde.
Heike Rickmann deckte gerade die Kaffeetafel. Auf dem soliden Eichentisch, der samt seiner zwölf Stühle in der Mitte des lichtdurchfluteten Raumes stand, waren bereits dunkelgrüne Platzsets und weiße Teller verteilt. In der Mitte des Tisches lag ein farblich passender Läufer, auf dem, von Maiglöckchensträußen flankiert, Hildes Käsesahne thronte. Agnes stellte ihren Kuchen daneben ab.
„Hallo, Agnes!“ Heike hob lächelnd den Kopf. Ihre glühenden Wangen zeigten, dass sie ganz in ihrem Element war.
„Lass dir helfen, meine Liebe.“ Agnes nahm ihr die Untertassen ab.
„Wie schön du den Tisch wieder dekoriert hast. Ich sehe, du hast sogar passende Servietten zu den Blumen gefunden.“
Doch statt sich wie sonst über dieses Kompliment zu freuen, wirkte Heike an diesem Tag ein wenig abwesend. Sie streifte sich mit dem Handrücken eine blonde Strähne aus dem Gesicht und zählte die Teller, die sie platziert hatte. „Ein Gedeck zu wenig“, murmelte sie.
„Ich glaube, die Anzahl stimmt. Marlies hat doch abgesagt“, entgegnete Agnes.
Heike seufzte. „Du hast recht. Wo habe ich heute nur meinen Kopf?“
Noch bevor sich Agnes nach dem Grund ihrer Zerstreutheit erkundigen konnte, klapperten die Schuhe der übrigen Frauen über das Parkett und der Kaffee wurde in den Salon gebracht. Alle waren dem Anlass ihres Zusammentreffens entsprechend gekleidet. Und schließlich tauchte die große, schlanke Gestalt von Enno Fritjoff auf, wie immer zum Literaturcafé tadellos in Tweedanzug und Krawatte.
Enno Fritjoff war ein Neuling im Dorf. Er hatte sich nach seinem Ausscheiden aus dem Polizeidienst vor zweieinhalb Jahren in Sommerstorf niedergelassen, um unter der Wirkung des entschleunigten Landlebens seine aufreibenden Berufserlebnisse in schriftlicher Form aufzuarbeiten. Damit meinte er die Arbeit an seinem großen Kriminalroman. Wann immer er sich in vagen Andeutungen zum Fortschritt seines Manuskriptes erging, hingen die Frauen an seinen Lippen.
„Meine Damen“, begrüßte er die sieben mit einer galanten Verbeugung. Er hatte die Ehre, am Kopf der Tafel Platz nehmen zu dürfen und wurde von seinen Verehrerinnen emsig bedient.
Kaum hatten alle ihr erstes Stückchen Kuchen auf dem Teller liegen, begann Sanne Peters, die jüngste der Anwesenden: „Habt ihr schon mitbekommen, was Heike gestern passiert ist?“ Sie sah ihre Freundin auffordernd an.
„Wir haben gestern Heribert Heimerle tot im Wald gefunden“, erklärte Heike schließlich und errötete leicht. „Ihr wisst schon, den Heimerle.“
Es stellte sich heraus, dass alle bis auf Enno Fritjoff dank Marlies Weber bereits im Bilde waren. Dennoch schilderte Heike ihr Erlebnis erneut in allen Einzelheiten.
Beim Gedanken an den Toten bekam sie Gänsehaut, was sie allerdings nicht daran hinderte, die Käsesahne zu kosten.
„Morgen wird darüber in der Zeitung berichtet“, wusste Inge Dietrichs, die Frau des Polizeihauptmeisters.
„Sicher steht dann wieder allerhand Lobhudelei über seine Bürgerinitiative drin“, meinte Sanne.
„Wie hat es denn seine Frau aufgenommen?“, fragte Sanne. „Hat Olaf dir etwas davon erzählt?“
„Du weißt doch, dass das Dienstgeheimnisse sind“, entgegnete Inge. „Sie schien aber erstaunlich gefasst, meinte Olaf“, ergänzte sie. „Das wäre ja was geworden, wenn mein Olaf sie auch noch hätte trösten müssen.“
Enno Fritjoff sah Agnes fragend an, die an seiner rechten Seite saß.
Sie beugte sich ein wenig zu ihm hinüber. „Heribert Heimerle hat vor gut zehn Jahren die Bürgerinitiative grün statt grau gegründet“, begann sie. „Er war ein sehr engagierter Naturschützer und hat“, sie hielt einen Moment inne, um eine passende Formulierung zu finden, „Bewegung ins Dorfleben gebracht.“
„Das kann man wohl sagen“, fuhr Sanne an Enno gewandt fort. „Er hat unter anderem jahrelang einen Kleinkrieg gegen die Carstensens geführt. Denen gehört das Land hinter Heidenbeck bis zum Deich und die Carstensens wollten ein paar Windräder aufstellen. Immer wieder sammelt die Bürgerinitiative Unterschriften gegen die Verspargelung der Landschaft, wie sie es nennen, und Carstensen wartet bis heute auf seine Baugenehmigung. Hatte dein Mann nicht einen weiteren Gesprächstermin vereinbart, Heike?“
Heike Rickmann seufzte. Sie erinnerte sich mit Grauen an das letzte Zusammentreffen ihres Mannes mit Heimerle vor fast zwei Jahren, bei dem Heimerle und seine Transparente schwingenden Naturschützer versucht hatten, den Bürgermeister medienwirksam vorzuführen. Der mühsam vorbereitete Vermittlungsversuch zwischen Carstensen und den Naturschützern war beinahe zum Eklat geworden, als die Demonstranten den Bürgermeister niedergeschrien hatten und die Presse daraufhin die Autorität desselben infrage gestellt hatte.
„Nun, ich glaube nicht, dass es jetzt noch Anlass zu weiteren Gesprächen geben wird.“
Wie jeden Freitagabend klingelte Enno Fritjoff auch heute um Punkt siebzehn Uhr dreißig an Agnes’ Tür, um sie zur wöchentlichen Kirchenchorprobe abzuholen. Sie hatte ihn vor gut zwei Jahren eingeladen, an einer ihrer Proben teilzunehmen, nachdem er sein Interesse an Musik bekundet hatte. Mit seiner klaren Baritonstimme hatte er sich als willkommene Verstärkung erwiesen. Seitdem bildete er zusammen mit Olaf Dietrichs’ sonorem Bass und Eckhard Lürs’ Bassbariton ein angenehm klingendes Gegengewicht zu den zahlenmäßig überlegenen Frauenstimmen.
Da Enno vis-à-vis von Agnes Plietsch wohnte, legten sie freitags den Weg zum alten Pfarrhaus immer gemeinsam zu Fuß zurück. In Agnes’ Umhängetasche steckte die Mappe mit den Notenblättern, die ihnen Eva, die Leiterin des Kirchenchors kopiert hatte. Enno, eine sehr englisch aussehende Schirmmütze mit Hahnentrittmuster auf dem schütteren Haar, trug seine Noten in einer verschlissenen, ledernen Aktentasche und bot ihr den Arm an, damit sie sich unterhaken konnte. Auf dem Weg unterhielten sie sich über die Stücke, die sie das letzte Mal geprobt hatten und über die richtige Zeit für den Heckenschnitt, den sie beide noch erledigen mussten.
Heike Rickmann und Inge Dietrichs, die beiden Vorsitzenden des Dorfvereins, waren schon da und hatten die Notenständer aufgestellt. Die Diele des alten Pfarrhauses, die eine wunderbare Akustik bot, füllte sich und innerhalb weniger Minuten war der Chor vollzählig. Die Chorleiterin Eva Wiebe war Musiklehrerin am Gymnasium in Süderingen und kam immer auf den letzten Drücker mit ihrem kleinen, roten Toyota angerauscht.
An diesem Freitag staunten sie alle nicht schlecht, als auch Pastor Dieckmann aus Evas Wagen ausstieg. Rolf Dieckmann, ein schlanker Mann Ende vierzig, hatte vor sieben Jahren die Stelle des alten und schwerhörigen Pastors übernommen, der nun seinen wohlverdienten Ruhestand bei seinen Kindern in Lüneburg verbrachte. Pastor Dieckmann wohnte im neuen Pfarrhaus in Süderingen und alle hatten Verständnis dafür, dass er seine Freitagabende mit seiner Frau und den beiden Kindern verbringen wollte. Seine Anwesenheit bei der Chorprobe konnte also nur bedeuten, dass eine kirchliche Feier außerhalb der Reihe anstand.
„Meine Damen und Herren“, begann er ohne Umschweife. „Wie Sie bereits wissen, haben wir einen tragischen Todesfall in unserer Gemeinde zu betrauern.“
Die Verwunderung, die ihm in Form von Blicken und Raunen entgegenschlug, überging er freundlich lächelnd.
„Wie sie sicher alle gehört haben, ist Heribert Heimerle am Dienstag durch einen Unfall ums Leben gekommen. Seine Witwe hat mich gestern Abend darum gebeten, eine würdige Beerdigungsfeier für ihn zu gestalten.“
„Ich wusste gar nicht, dass der Heimerle in der Kirche war“, platzte Sanne Peters heraus.
„Nun“, Pastor Dieckmann schob seine Brille hoch und blickte ernst in die Runde. „Herr Heimerle war zwar selber kein Kirchenmitglied, wohl aber seine Frau. Ich weiß natürlich, dass Herr Heimerle nicht bei allen in Sommerstorf und Umgebung wohl gelitten war. Vergebung ist jedoch eine christliche Pflicht und Tugend und wenn ich richtig informiert bin, hegt keiner im Dorf einen tiefen Groll gegen seine Frau. Ich glaube deshalb, wir sollten zumindest ihr und ihren Kindern gegenüber Mitgefühl zeigen und ihnen den schweren Gang erleichtern, indem wir ihnen Trost spenden.“
Nachdem keiner ein Wort sagte, fuhr er fort: „Ich habe mit Frau Heimerle bereits eine kleine Auswahl an Liedern getroffen, und möchte sie alle herzlich bitten, an einer würdigen Trauerfeier für den Verstorbenen mitzuwirken.“
Dabei setzte er eine so treuherzige Miene auf, dass niemand ihm diese Bitte abschlagen konnte, ganz gleich, was die Anwesenden von Heimerle gehalten hatten.
Eva Wiebe, die bisher ein wenig abseits gestanden hatte, trat nun nach vorne.
„Lassen Sie es uns versuchen mit: Von guten Mächten wunderbar geborgen.“
„Das kennen wir. Das haben wir letzten Herbst bei der Beerdigung von Marlies’ Mutter gesungen“, warf eine der Frauen ein.
Eva stimmte mit einem wohlwollenden Nicken das Lied an, doch bereits im zweiten Takt erstarb der Gesang.
„Nein!“, schluchzte Gisela Schröter auf. „Nein, ich kann nicht und ich will nicht!“
Den Handrücken auf die Lippen gepresst, stürzte sie aus dem Haus und warf die Tür ins Schloss, dass die Scheiben klirrten.
Betroffen sah Dieckmann ihr nach. Der Pastor hatte sich bei den Menschen in der Samtgemeinde Moorheide schnell den Ruf eines durchgeistigten Philanthropen erworben. So vertrauten die Menschen ihm zwar so manche Kümmernis an, jedoch verschonten sie ihn mit allem, von dem sie meinten, er könne es für bloßen Klatsch halten. Auf diese Weise entging ihm so manche Information, die ihm einen tieferen Einblick in die menschliche Natur im Allgemeinen und in die Befindlichkeiten der Leute aus den Heidedörfern im Besonderen hätte geben können. Deshalb blieb ihm nichts anderes übrig, als wegen seines Unwissens peinlich berührt in die Runde zu sehen und den Blicken der anderen zu folgen, die sich Kerstin Lürs, der besten Freundin von Gisela Schröter, zuwandten. Kerstin verschränkte die Arme. „Das wäre wirklich ein bisschen viel verlangt, wenn Gisela nun auch noch bei Heimerles Beerdigung singen sollte. Nach allem, was vorgefallen ist.“
Die meisten Frauen und auch Eckhard Lürs nickten.
„Ja, er hat sich wohl nach Wolfgangs Unfall ihr und auch dem Sohn gegenüber ziemlich schäbig benommen“, erhob sich Petra Mützels Stimme aus dem allgemeinen Gemurmel. „Wenn das so stimmt, wie ich es gehört habe, würde ich an Giselas Stelle auch nicht singen können.“
„Was wollen wir nun machen?“, fragte der Pastor. Sein Unbehagen war ihm nun deutlich anzumerken. „Ich möchte Frau Schröter nicht ausschließen, aber natürlich will ich auch Frau Heimerle nicht enttäuschen.“
Heike Rickmann seufzte. „Ich werde morgen mit Gisela reden. Sie soll wissen, dass wir ihr nicht böse sind, sondern sie verstehen, dass sie nicht für Heimerle singen will. Wenn es für euch alle in Ordnung ist, dann proben wir jetzt erst mal ohne sie weiter.“
Alle stimmten zu, wenn auch zögernd.
„Dann kann ich also bei der Trauerfeier am nächsten Freitag auf Sie zählen?“ Dankbar lächelte Dieckmann. „Es tut mir außerordentlich leid, dass es da offenbar einen ungelösten Konflikt gibt. Vielleicht sollte ich auch mit Frau Schröter reden und ihr Hilfe anbieten.“
„Das ist eine gute Idee, Herr Pastor“, meinte Kerstin Lürs.
Ihrem Gesang, diesmal leidenschaftslos und verhalten, hätte jeder Unkundige entnehmen können, dass die Sänger mit wenig Lust bei der Sache waren. Deshalb endete die Probe früher als gewöhnlich.
Zügig verabschiedeten sich der Pastor und die Chorleiterin. Auch Sanne Peters hatte es eilig, nach Hause zu kommen. Deshalb trieb sie ihre Freundinnen Hilde und Petra an, denen sie versprochen hatte, sie im Wagen mitzunehmen.
„Ich glaube, wir genehmigen uns heute mal einen kleinen Likör. Und den Männern einen Köm“, beschloss Inge Dietrichs, nachdem die meisten Sängerinnen das Haus verlassen hatten. Sie verschwand in der Küche.
„Ich helfe dir“, riefen Heike und Kerstin gleichzeitig und eilten ihr hinterher.
Polizeiobermeister Olaf Dietrichs kratzte sich am Hinterkopf. Er war sich bewusst, dass er als Ordnungshüter eine Vorbildfunktion besaß, was Alkohol am Steuer betraf und schielte zu seinem ehemaligen Kollegen im Ruhestand hinüber, um sich zu versichern, dass Fritjoff nicht etwa erstaunt, oder gar missbilligend die Brauen hob. „Na ja. Einer wird wohl gehen“, wischte er schließlich seine Bedenken beiseite und ging voran in den Salon.
Enno Fritjoff wandte sich seinerseits an Olaf Dietrichs. „Was hat es denn nun mit dem Zwist zwischen Heimerle und den Schröters auf sich?“
„Das alles hängt mit dem Unfall zusammen, den Wolfgang Schröter vor drei Jahren hatte“, brummte Olaf. „Er sitzt seither im Rollstuhl. Aber lass dir das mal besser von den Frauen erzählen. Die wissen da genauer Bescheid.“
„Vier Jahre werden es im September“, verbesserte Kerstin Lürs ihn und schenkte den Männern einen doppelten Korn ein, während Inge Kirschlikör an die Damen verteilte.
„Was auch immer vorgefallen sein mag, es muss wirklich schlimm gewesen sein.“
Agnes Plietsch beobachtete Kerstin, die offenbar mit sich kämpfte. Sie beugte sich zu ihr herüber. „Du fragst dich, ob es illoyal wäre, uns von diesem Vorfall zu berichten?“ Kerstin presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Erst nach dem zweiten Likör gab sie sich einen Ruck und begann:
„Ihr wisst ja alle, dass es vor sieben Jahren mit dem Bau der Umgehungsstraße hätte losgehen sollen. Jeder in Süderingen, in Brietze und in Seebeck wäre heute froh, wenn die Laster nicht mehr durchs Dorf fahren würden, Tag und Nacht ist dort Lärm und Gestank! Und seit der Autobahnmaut hat der Verkehr ja noch zugenommen. Die Einzigen, die zu Anfang etwas dagegen hatten, waren dieser Tankstellenbesitzer aus Brietze und der Hamburger, der in Seebeck einen Kiosk hat, an dem sich die Lkw-Fahrer treffen. Er hat dort einen Parkplatz und Duschen gebaut und jetzt fürchtet er um sein Geschäft, wenn der Verkehr in Zukunft am Dorf vorbeirollt.“
„Aber beide wären doch entschädigt worden“, wandte Heike Rickmann ein. „Und es gab sogar schon eine verbindliche Zusage, eine Baugenehmigung für einen Rastplatz mit Tankstelle bei Seebeck zu erteilen. Das hat der Gemeinderat damals beschlossen.“
Olaf und Eckhard nickten. Sie konnten sich noch gut daran erinnern, als Heikes Mann Bernd, der seit zwölf Jahren parteiloser Bürgermeister in der Samtgemeinde Moorheide war, für dieses Vorgehen geworben hatte.
„Aber dann kam dieser Heimerle mit seiner Bürgerinitiative. Grün statt grau!“ Kerstin spie die Worte aus, als seien sie etwas Unanständiges. „Erzählte uns, das Ackerland zwischen Seebeck und Heidenbeck sei ein wertvolles Biotop, ein Magerrasen, und was nicht alles. Pah! Das Einzige, das dort mager ist, ist Heimerles Frau.“
Inge lachte auf und schenkte sich und Kerstin noch einmal nach. Agnes aber entgegnete: „Heribert Heimerle hat also versucht, den Bau der Umgehungsstraße gegen den Willen der Samtgemeinde zu verhindern. Was hat das mit Wolfgang Schröters Unfall zu tun?“
Heike seufzte. „Zunächst einmal nichts. Aber nachdem Wolfgang am Ortseingang von Süderingen von einem Transporter angefahren worden war, wurden auch die Gemeinderatsmitglieder nachdenklich, die vorher außer den Aspekten des Naturschutzes nichts hatten gelten lassen. Es war ja schließlich nicht der erste Unfall an der Ortseinfahrt, wohl aber der bislang schwerste. Der Widerstand gegen die Umgehung bröckelte, als Bernd anmahnte, die Gesundheit und das Leben der Menschen in den betroffenen Dörfern dürfe nicht weniger zählen als der Naturschutz.“
„Aber Heimerle behauptete, der Gemeinderat wolle den Umweltschutz gegen vermeintliche Sicherheitsbedenken ausspielen“, ergänzte Inge Dietrichs.
„Und deshalb“, Kerstin stellte ihr Glas hart auf dem Tisch ab, „gab es auch diese Demonstration vor dem Rathaus. Wolfgang war damals gerade zur Reha und Dirk, sein Jüngster, hat sich auf die Seite der Befürworter der Umgehung geschlagen. Ihr müsst wissen“, dabei wandte sie sich Agnes und Enno zu, „Dirk war dabei, als sein Vater fast totgefahren wurde. Die beiden waren mit den Fahrrädern unterwegs an dem Abend, als es passierte. Sie waren am Holmbach angeln. Auf dem Nachhauseweg fuhr Wolfgang vor seinem Sohn auf der Hauptstraße. Da kam von hinten so ein weißer Transporter an, viel zu schnell, wie Dirk meinte, und hat Wolfgang angefahren. Der arme Junge musste mit ansehen, wie sein Vater mehrere Meter mitgeschleift wurde. Dabei waren die beiden ordnungsgemäß auf der richtigen Seite mit verkehrstüchtigen Fahrrädern unterwegs. Das hat Dirk damals auch zu Protokoll gegeben. Sonst hätte die Unfallversicherung wohl auch nicht gezahlt.“
Sie wischte sich über die Augen. „Dirk hat den Heimerle bei der Demo angesprochen, ob das sein Ernst sei, so zu tun, als wäre der Erhalt eines Maisackers wichtiger als das Leben eines Menschen.“ Kerstin zögerte einen Moment, bevor sie weitersprach. „Was genau bei der Demonstration passiert ist, kann ich natürlich nicht sagen. Ich war ja nicht dabei. Jedenfalls hieß es, dass Dirk den Heimerle in seinem Zorn geschubst hat und der hat dann ihm, dem Dirk, eine runtergehauen. So, dass sein Nasenbein angebrochen war. Gisela hat darauf bestanden, dass der Heimerle angezeigt wird, was Dirk auch gemacht hat.“ Kerstin sah betreten in Olafs Richtung, der zustimmend nickte.
„Aber keine vierzehn Tage später hat Dirk die Anzeige zurückgezogen.“
Schweigend wechselten sie betroffene Blicke.
„Stellt sich nur die Frage, ob er das aus freien Stücken gemacht hat“, murmelte Heike Rickmann und leerte ihr Glas.
Am darauffolgenden Freitag, dem Tag von Heribert Heimerles Beerdigung, erwachte Agnes Plietsch ein wenig früher als sonst. Sie hatte für einen kurzen Moment dies untrügliche Gefühl, dass irgendetwas passieren würde.
Sie wusste, dass sowohl Pastor Dieckmann, als auch Heike mit Gisela Schröter gesprochen hatten. Agnes hatte Heike noch darin bestärkt, um eventuell aufkommende Missstimmungen wegen der Beteiligung des Kirchenchors an Heimerles Beerdigung von vornherein den Nährboden zu entziehen. Am vergangenen Abend hatten sie mit dem Pastor ein letztes Mal den genauen Ablauf der Trauerfeier besprochen, hatten nochmals – ohne Giselas klaren Sopran – die drei Lieder geprobt und hatten sich auf eine passende Garderobe geeinigt. Sicher würde der Reporter der Lokalzeitung dabei sein und fotografieren. Deshalb wollten die Damen im Kostüm mit weißen Blusen und schwarzem Halstuch und die Herren im Anzug und schwarzer Krawatte erscheinen, um ein einheitliches Bild zu geben.
Agnes seufzte leise und setzte ihre Kaffeemaschine in Betrieb. Während das Wasser leise in die Glaskanne gluckerte, schob sie ihre Küchengardine zur Seite und sah zu Enno hinüber. Auch er war bereits auf den Beinen und holte gerade seine Zeitung aus dem Briefkasten. Wie immer wanderte dabei sein kritischer Blick gen Himmel, bevor er wieder im Haus verschwand. Ein feiner Nieselregen hatte eingesetzt, der, würde er anhalten, den Gang zum Friedhof noch unerquicklicher machte.
Um neun Uhr hatte Agnes bereits die Zeitung gelesen und ihren Haushalt versehen. Nun saß sie mit klappernden Stricknadeln in ihrem Lieblingssessel und dachte nach.
Seit einer Woche hatten sie und Enno Fritjoff nicht mehr über Heimerle gesprochen, obwohl Agnes das, was Kerstin Lürs nach der letzten Chorprobe über die Schröters und diesen Mann erzählt hatte, nicht mehr aus dem Kopf ging. Sie hatte den Eindruck, dass Kerstin mehr über den Konflikt wusste, als sie zugab. Doch wer verpetzt schon seine beste Freundin?
In der Lokalzeitung jedenfalls waren die Aktivitäten von Heimerles Bürgerinitiative grün statt grau immer wieder wohlwollend erwähnt worden, besonders wenn es um den Schutz der Rotmilane vor gewaltigen Windkraftanlagen ging. Von einer Allianz der Jungen und der älteren Generation gegen die Profitgier Einzelner war die Rede gewesen. Allerdings waren die Zeitungsberichte seit dem Eklat zwischen der Bürgerinitiative und Bernd Rickmann, dem Bürgermeister, wesentlich zurückhaltender geworden.
Dass Enno Fritjoff kein weiteres Interesse an diesen Zwistigkeiten zeigte, lag vermutlich an der Arbeit an seinem Roman, in die er seit Tagen ganz und gar versunken schien. Denn normalerweise nahm er rege Anteil am dörflichen Leben.
Gegen zehn Uhr legte Agnes ihr Strickzeug beiseite und kleidete sich an. Als sie und Enno Fritjoff um halb elf in die Kirche aufbrachen, zwängten sich endlich einige wärmende Sonnenstrahlen durch die Ritzen in der Wolkenmauer.
„Bei meiner letzten Beerdigung hat es wie aus Kübeln gegossen“, begann Enno unvermittelt.
„Wer wurde denn da begraben?“
„Ein alter Kollege von mir. Ich überlege, ob ich ihm nicht ein Kapitel in meinem Roman widmen sollte.“
„Sind Sie denn vorangekommen mit Ihrem Manuskript?“
Enno wiegte den Kopf hin und her, um dann das Thema zu wechseln. „Vermutlich wird diese Beerdigung heute einen Schlussstrich unter all die Zerwürfnisse in der Gemeinde ziehen. Oder was meinen Sie, Agnes?“
Nun, es wäre zumindest wünschenswert“, antwortete sie. „Allerdings heißt es auch, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Ich habe ganz ehrlich ein ungutes Gefühl, was diese Trauerfeier angeht.“
„Ah, die berühmte weibliche Intuition!“ Um Ennos Mundwinkel zuckte ein spöttisches Lächeln.
Doch Agnes wollte nicht auf seine Neckerei eingehen. „Vielleicht irre ich mich ja auch. Warten wir es doch einfach ab.“
