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Mai 2014: Tausende Menschen strömen zum 99. Katholikentag nach Regensburg. In der Nacht vor dem Abschlussgottesdienst werden der Bischof von Regensburg und der Regens des Priesterseminars aus nächster Nähe erschossen. Schnell führen die polizeilichen Ermittlungen auf die Spur der 25-jährigen Hannah Lichtenberg. Die engagierte Anwältin Silke Ritter ahnt, dass man ihr die Pflichtverteidigung in diesem spektakulären Fall nur deshalb anträgt, weil sich keiner ihrer Kollegen die Finger verbrennen will. Silkes neue Mandantin indes konterkariert ihre anwaltlichen Bemühungen und hüllt sich in Schweigen. Doch dann erfährt sie von Hannahs Zwillingsbruder, der ein Verhältnis mit einem katholischen Priester hatte – und der sich ein Jahr zuvor das Leben genommen hat. Als Silke Ritter hinter das Geheimnis kommt, das Jonas Lichtenberg mit ins Grab nehmen wollte, verschwinden plötzlich wichtige Beweismittel aus ihrem Büro, die Hannah entlasten könnten. Welche Rolle spielt der Staatsanwalt bei der Vertuschung dieses Skandals? Und: Welchen Einfluss nimmt die katholische Kirche auf diesen Prozess?
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Seitenzahl: 428
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Kurzbeschreibung:
Mai 2014: Tausende Menschen strömen zum 99. Katholikentag nach Regensburg. In der Nacht vor dem Abschlussgottesdienst werden der Bischof von Regensburg und der Regens des Priesterseminars aus nächster Nähe erschossen. Schnell führen die polizeilichen Ermittlungen auf die Spur der 25-jährigen Hannah Lichtenberg. Die engagierte Anwältin Silke Ritter übernimmt Hannahs Pflichtverteidigung, allerdings durchkreuzt ihre neue Mandantin ihre anwaltlichen Bemühungen und hüllt sich in Schweigen. Doch dann erfährt Silke von Hannahs Zwillingsbruder, der sich ein Jahr zuvor das Leben genommen hat. Als Silke Ritter hinter das Geheimnis kommt, das Jonas Lichtenberg mit ins Grab nehmen wollte, verschwinden plötzlich wichtige Beweismittel aus ihrem Büro. Welche Rolle spielt der Staatsanwalt bei der Vertuschung dieses Skandals? Und: Welchen Einfluss nimmt die katholische Kirche auf diesen Prozess?
Marion Minks
Lamm Gottes
Kriminalroman
Edel Elements
Edel Elements
Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2018 Edel Germany GmbHNeumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright © 2018 by Marion Minks
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Ashera Agentur
Lektorat: Catherine Beck
Korrektorat: Julia Jochim
Covergestaltung: Marie Wölk, Wolkenart
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-96215-258-1
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Michael Seidel bahnte sich mit verhaltener Ungeduld einen Weg durch die Menge. Der Generalvikar des Bistums, ein unscheinbarer Mann in tadellosem schwarzen Anzug und Priesterkragen, blickte immer wieder nervös über die Köpfe hinweg auf der Suche nach der violetten Kopfbedeckung des Bischofs.
In der Regensburger Altstadt herrschte eine volksfestähnliche Atmosphäre. Es war der letzte Abend des 99. Katholikentages, der Abend der Begegnung. Auf allen größeren Plätzen der Stadt waren Bühnen oder Pavillons aufgebaut, um die sich Menschen drängten. Viele von ihnen trugen ihren magentafarbenen Besucherausweis an einem blauen Band um den Hals. Selbst in den Seitenstraßen vertrieben unzählige Lichter die hereinbrechende Nacht.
Seidel verabscheute dieses Laienspektakel. Während der Bischof sich in diesen Tagen volksnah gab, hatte er die undankbare Aufgabe, bekannte Unruhestifter auszuschalten, noch bevor sie Schaden anrichten konnten. In der Kirchenvolksbewegung gab es genug Leute, die Bischof Hofrichter wegen seiner traditionalistischen Ansichten eins auswischen wollten.
Im Augenblick allerdings sorgte er sich mehr um seinen eigenen Ruf als um den des Bischofs. Schuld daran waren die beiden Anrufe, die er heute erhalten hatte.
„Weiß der Bischof alles über dich?“, hatte die unbekannte Stimme heute Morgen gefragt. Das Gespräch war von seinem Büroanschluss auf sein Mobiltelefon weitergeleitet worden.
Vor gut einer Viertelstunde kam der zweite Anruf direkt auf sein Handy: „Lass den Bischof heute Abend besser nicht aus den Augen. Wer weiß, wer ihm etwas über dich einflüstern möchte.“
Es war wieder die gleiche verzerrte Stimme, und auch diesmal wurde die Verbindung abgebrochen, noch bevor er etwas entgegnen konnte. Sollte das ein Erpressungsversuch gewesen sein? Oder wollte ihn jemand warnen?
Als die Modernisten 2009 schon einmal versucht hatten, seine Integrität zu beschädigen, hatte sich seine Loyalität Hofrichter gegenüber ausgezahlt. Der frisch in sein Amt eingesetzte Bischof hatte ihn allen Widerständen zum Trotz ins Domkapitel berufen und zum Generalvikar des Bistums ernannt. Seitdem galt er über die Grenzen des Bistums hinweg als unangreifbar.
Doch dies konnte sich jederzeit ändern. Sollte irgendetwas an die Öffentlichkeit dringen, das dem Bischof missfiel und geeignet war, die Autorität Hofrichters infrage zu stellen, würde der Bischof ihn ohne mit der Wimper zu zucken fallen lassen.
Endlich sah er wenige Meter vor sich das violette Pileolus des Bischofs aufleuchten.
Bischof Hofrichter, ein stattlicher Mann in schwarzer Soutane und violettem Zingulum, das seinen prallen Leib hervorhob, begrüßte den jungen Geistlichen mit der gewohnten Freundlichkeit. Erleichtert setzte Seidel seinen Weg an der Seite des Bischofs fort und berichtete ihm kurz über einige Vorkommnisse am Rande der Veranstaltung.
Bischof Hofrichter war bester Laune. Sein Kirchentag hatte in vielen Menschen die Freude am Glauben neu geweckt. Gleichzeitig hatte er vor wenigen Stunden auf der Podiumsdiskussion zum Auftrag der Laien die Teilnehmer mit freundlichen, aber dennoch unmissverständlichen Worten in ihre Schranken gewiesen. Anders als sein Vorgänger bemühte er sich stets darum, seine Gegner nicht vor den Kopf zu stoßen. Doch Michael Seidel kannte den Bischof gut genug, um zu wissen, dass er nichts vergaß, geschweige denn vergab. Hofrichter behielt seine Widersacher im Auge. Wer überdies den Fehler machte, seine Freundlichkeit mit Nachgiebigkeit oder gar Naivität zu verwechseln, der würde auch in Zukunft seine harte Hand zu spüren bekommen.
Während der Bischof immer wieder stehen blieb, Hände auflegte oder winkte, betrachtete der Generalvikar die Gesichter der Menschen, an denen sie vorbeischritten. Er wurde das hässliche Gefühl nicht los, dass ihn jemand beobachtete. Als sein Blick an einer Frau mit aschblonder Pagenfrisur hängen blieb, zuckte er zusammen. Die Art, wie sie ihn ansah, weckte Erinnerungen in ihm, die er mit stolperndem Herzen beiseiteschob. Nach wenigen Sekunden wandte sie sich ab, ihre Handtasche fest unter den Arm geklemmt, und verschwand in der Menge. Michael Seidel wusste nicht, ob er erleichtert oder beunruhigt sein sollte.
Es war beinahe Mitternacht, als der Generalvikar zusammen mit Bischof Hofrichter in die menschenleere Niedermünstergasse einbog. Sie unterhielten sich über den Fortschritt der Sanierungsarbeiten des Stifts Niedermünster, in das der Bischof demnächst seinen Wohnsitz verlegen würde. Vor dem Eingang des Dompfarramts verabschiedeten sie sich, während der Bischof nach seinem Haustürschlüssel suchte. Hofrichter hielt den Schlüsselbund klimpernd ins Licht der Laterne, um besser sehen zu können, als Seidel plötzlich eine Gänsehaut über den Rücken kroch. Unwillkürlich dachte er an eine Katze, die ihn aus der Dunkelheit anstarrte.
Gleichzeitig bemerkte er, wie Hofrichter innehielt und an ihm vorbeisah. Im Gesicht des Bischofs spiegelte sich eine Mischung aus ungläubigem Staunen und Angst. Der Generalvikar fuhr herum.
Der Schatten, der sich von der gegenüberliegenden Hauswand herausgelöst hatte, gehörte keiner Katze. Seidels entsetzter Aufschrei verschmolz mit einem ohrenbetäubenden Knall. Seine Brust explodierte in brennendem Schmerz, der ihm das Atmen unmöglich machte. Er fiel auf die Knie.
Zwei weitere Schüsse trafen den Bischof in den Rücken, als er mit flatternden Händen versuchte, seinen Schlüssel ins Schloss zu stecken. Blutend und mit einem gequälten Seufzer sank Hofrichter neben dem Generalvikar zusammen.
Verzweifelt schnappte Seidel nach Luft, als der Racheengel schweigend auf ihn zukam. Sein Blick erinnerte den Geistlichen an die schwere Sünde, die er begangen hatte, und für die er jetzt, im Angesicht seines Todes, Gott stumm um Vergebung bat.
Das Letzte, was er von dieser Welt sah, war das Mündungsfeuer einer Pistole. Dann traf ihn die Kugel genau zwischen die Augen.
Silke Ritter wischte sich einige Brötchenkrümel von der Bluse, während sie der Justizvollzugsbeamtin durch die Gänge folgte. Ihr Magen knurrte noch immer. Es war bereits kurz nach vier, und sie hatte heute keine Gelegenheit gehabt, in der Gerichtskantine zu Mittag zu essen. Die neue Mandantin, die sie am Vormittag in ihren ohnehin vollen Terminkalender eingeschoben hatte, war eigentlich ihrem älteren Kollegen Bergmann zugeteilt worden. Da Martin Bergmann aber den Chef der Anwaltskanzlei um eine Auszeit gebeten hatte, war ihr die Angelegenheit übertragen worden. Bergmann lebte gerade in Scheidung, und seine Kinder machten Schwierigkeiten. Da war es nur verständlich, dass er sich nicht mit einem neuen Fall belasten wollte. Im Übrigen wunderte sich Silke darüber, dass ihr Chef ausgerechnet sie mit diesem Fall betraut hatte. Sie war nicht nur die einzige Frau in der Kanzlei, sondern mit zweiunddreißig Jahren auch die Jüngste im Team – wenn man diese Altherrenriege überhaupt als Team bezeichnen wollte.
Silke Ritters Spezialgebiet waren jugendliche Straftäter, die sie vor einem endgültigen Abgleiten ins kriminelle Milieu bewahren wollte. Das hatte ihr bei den anderen Verteidigern den Spitznamen „Samariterin“ eingetragen. Sie wusste sehr wohl, dass ihre Kollegen ihren angeblich typisch weiblichen Sozialtick belächelten und sie nicht als ernsthafte Konkurrentin wahrnahmen, da die Mandanten, die sie vertrat, wenig lukrativ waren. Zwar empfand Silke Ritter die Missachtung ihrer Leistung als kränkend, dennoch fühlte sie sich wohler dabei, die „kleinen Fische“ zu vertreten, als Wirtschaftskriminellen und Steuerhinterziehern dabei zu helfen, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen.
Als sie vor wenigen Minuten ihren Wagen in der Augustenstraße geparkt und sich ihren Weg vorbei an lauernden Reportern mit ausgefahrenen Teleobjektiven gebahnt hatte, wurde ihr ein neuer Umstand schlagartig bewusst. Die Strafprozesse, an denen sie bisher als Pflichtverteidigerin mitgewirkt hatte, waren meist nicht einmal der Regionalpresse eine Randnotiz wert gewesen. Dazu waren die Täter und die Opfer zu uninteressant.
Dieser neue Fall verhielt sich jedoch anders. Der Mord am Bischof von Regensburg und seinem Generalvikar, der zumindest in Traditionalistenkreisen bekannt war, erregte seit gut zwei Wochen europaweites Interesse. Die Ermittlungsbehörden standen unter so gewaltigem Druck wie zuletzt bei der Entführung von Hans Martin Schleyer.
Schon jetzt beschäftigte sich die Presse ausgiebig mit der mutmaßlichen Mörderin, die bereits zwei Tage nach ihrer Verhaftung, je nach politischem Lager, als Psychopathin oder Terroristin galt. Silke Ritter war es nicht gewohnt, im Licht der Öffentlichkeit zu stehen, doch andererseits konnte es auch nicht schaden, wenn ihre Arbeit endlich einmal wahrgenommen und wertgeschätzt wurde. Dennoch wunderte sie sich einmal mehr darüber, dass sich ihre Kollegen nicht um diesen aufsehenerregenden Fall bemüht hatten, mit dem sie ihre Geltungssucht hätten befriedigen können.
Mit gemischten Gefühlen nickte sie der Beamtin zu, die ihr die Tür zu dem schäbigen Besucherraum öffnete.
Ihre Mandantin wartete bereits auf sie. Sie wurde von einer äußerst grimmig dreinblickenden Frau in Uniform bewacht, die doppelt so breit war wie die Gefangene.
„Frau Hannah Lichtenberg?“, fragte Silke.
Die junge Frau erhob sich unsicher und nickte. Neben der Vollzugsbeamtin wirkte sie klein und zerbrechlich.
„Ich bin Silke Ritter. Der Haftrichter hat sich an unsere Anwaltskanzlei gewandt. Ich bin bereit, als Ihre Pflichtverteidigerin das Mandat übernehmen.“ Sie reichte ihr die Hand.
Hannah Lichtenberg erwiderte den Händedruck und lächelte, doch ihre Augen blieben ernst. Ihr dunkles Haar fiel ihr in sanften Wellen auf die Schultern. Nervös schob sie eine Strähne hinters Ohr, als sie der bärbeißigen Justizvollzugsbeamtin nachsah, die den Raum verließ.
„Sind Sie ordnungsgemäß über Ihre Rechte belehrt worden, Frau Lichtenberg?“
Wieder nickte sie.
Silke blätterte in ihren Notizen. „Sie sind am Montagabend in Bonn festgenommen und gestern in die JVA Regensburg überstellt worden, ist das korrekt?“
Hannah Lichtenberg nickte zum dritten Mal.
„Können Sie sich daran erinnern, was Sie der Polizei bei Ihrer Vernehmung erzählt haben?“
„Ich habe nur Angaben zu meiner Person gemacht. Ich dachte, es wäre besser, den Mund zu halten, solange ich keinen Anwalt habe.“
Ihre Stimme klang ohne jede Überheblichkeit fest und sicher.
„Das war eine gute Entscheidung.“ Silke nickte. „Wissen Sie auch, was die Polizei Ihnen genau vorwirft?“
Hannah Lichtenberg senkte kurz den Blick auf den Tisch, dann straffte sie die Schultern. „Die Polizei behauptet, jemand hätte mich während des Katholikentags, genauer gesagt am Abend des 31. Mai, in Regensburg gesehen. Das war der Abend, an dem der Bischof und der Generalvikar erschossen wurden.“
Silke lächelte sie aufmunternd an. „Zuerst einmal sollten Sie mir erzählen, was Sie am Samstag, den 31. Mai, gemacht haben. Möglicherweise ist das alles nur ein Missverständnis. Dann sind Sie schneller wieder zu Hause, als Sie denken.“
Hannah Lichtenberg runzelte die Stirn. „Vielleicht sollten Sie mir erst einmal erzählen, wie die Polizei darauf kommt, ausgerechnet mich zu verdächtigen. Denn selbst wenn ich dort gewesen wäre, heißt das noch lange nicht, dass ich den Bischof und den Priester erschossen habe. Es sollen wenigstens dreitausend Besucher in der Stadt gewesen sein. Das wären demnach dreitausend Verdächtige. Zuzüglich sämtlicher Einwohner der Stadt.“
Silke hob die Brauen. Hannah Lichtenbergs ruhig vorgetragener Sarkasmus war ungewöhnlich für jemanden ihres Alters und in ihrer Lage, zumal Silke ihre innere Anspannung deutlich wahrnahm. Bisher hatte sie immer nur junge Männer und Frauen erlebt, die trotz ihrer großen Klappe in der U-Haft zusammenschrumpften. Zuerst tischten sie ihr fadenscheinige Erklärungen und faustdicke Lügen als Gründe für ihre Verhaftung auf, und wenn man ihnen am Ende auf die Schliche kam, suhlten sie sich in Selbstmitleid.
Sie schob Hannah Lichtenberg ein Blatt Papier rüber.
„Wenn Sie dieses Formular unterschreiben, bestellen Sie mich offiziell zu Ihrer Verteidigerin. Damit kann ich Einsicht in Ihre Ermittlungsakte beantragen.“
Die grau-grünen Augen musterten sie aufmerksam, bevor sie unterschrieb. Silke schien es, als versuchte sie abzuschätzen, wie viel Vertrauen sie in ihre Qualitäten als Anwältin setzen konnte, eine Reaktion, die sie vor allem von jungen Mandanten aus dem bildungsfernen Milieu kannte, denen Begriffe wie Gleichberechtigung und Emanzipation ebenso fremd waren wie ihrem Chef.
Silke Ritter schob das Formular in ihre Mappe zurück. „Ich werde mich um das Beweismaterial kümmern, das Sie belastet. Sobald ich die Akten eingesehen habe, komme ich wieder. Sollte man Sie noch einmal vernehmen wollen, dann bestehen Sie darauf, dass ich anwesend bin.“
Silke reichte ihr eine Karte mit ihrer Telefonnummer und verabschiedete sich von ihrer Mandantin. Dann klopfte sie an die Tür und ließ sich von der Justizvollzugsbeamtin wieder nach draußen begleiten.
Natürlich war Silke Ritter keine Psychologin. Doch sie hatte schon so oft mit psychisch labilen, gestörten oder traumatisierten jungen Leuten zu tun gehabt, dass sie mittlerweile ein Gespür dafür hatte, wenn etwas nicht stimmte. Hannah Lichtenberg war gerade erst fünfundzwanzig Jahre alt. Noch nie war sie einer jungen Frau begegnet, die so gefasst und so rational war, obwohl man sie eines Kapitalverbrechens beschuldigte.
Möglicherweise war sie sich ihrer Unschuld so gewiss, dass nichts sie aus der Ruhe bringen konnte. Oder sie war eine kaltblütige Mörderin. Doch eine gewöhnliche Psychopathin war Hannah Lichtenberg mit Sicherheit nicht.
Das erste milchig-blasse Licht des Tages ergoss sich kalt über Hannahs Bett, als sie die Augen öffnete. Sie sah zur Uhr, die über ihrer geschlossenen Zimmertür hing. Es war kurz vor fünf Uhr morgens. Im Haus herrschte absolute Stille, sodass sie das leise Vorrücken des Sekundenzeigers hören konnte. Sie stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie mit diesem Zeiger die Zeit anhalten und Minute um Minute zurückdrehen könnte, um den Albtraum, den sie in den letzten Tagen durchlitten hatte, ungeschehen zu machen.
Etwas Weiches lag in ihrem Arm. Es war Jonas’ Pullover, in den sie gestern Abend beim Einschlafen ihr tränennasses Gesicht gepresst hatte. Wieder drückte sie das Kleidungsstück fest an sich, da der Geruch ihres Zwillingsbruders daran haftete.
Warum?, fragte sie sich immer und immer wieder. Warum, Jonas, hast du das getan?
Jonas und sie hatten schon vor Wochen beschlossen, die Ostertage zu Hause mit ihrer Mutter und deren Lebensgefährten Matthias zu verbringen. Hannah hatte ihren Bruder zuletzt an Weihnachten gesehen, und schon da hatte sie deutlicher als sonst gespürt, dass es Jonas nicht gut ging, auch wenn er sich beharrlich einem Gespräch verweigert hatte. Im März war es schließlich das erste Mal gewesen, dass sie ihren Geburtstag, es war der vierundzwanzigste, nicht zusammen gefeiert hatten. Jonas war die gesamten Semesterferien über in Regensburg geblieben, um sich auf eine Klausur, die für Ende März angesetzt war, vorzubereiten. Hannah hatte schon seit Ende des Sommersemesters vermutet, Jonas sei durch die Prüfungen gefallen, auch wenn er das bestritten hatte. Aber sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er ihr etwas verheimlichte. Und Jonas wusste das. Es wurde Zeit, ihm endlich auf den Zahn zu fühlen.
Hannah hatte bereits den größten Teil der Semesterferien zu Hause zugebracht und voller Ungeduld auf ihren Bruder gewartet, der am Nachmittag des Gründonnerstags eintreffen wollte. Am Vormittag seiner geplanten Ankunft, Hannah war gerade dabei gewesen, Jonas’ Bett zu beziehen, hatte sie seine SMS erhalten: Ich kann nicht nach Hause kommen. Verzeiht mir. Jonas.
Danach war ihr Bruder nicht mehr zu erreichen gewesen, sooft sie auch versucht hatte, ihn zurückzurufen. Sein Handy blieb ausgeschaltet.
Mit wachsender Sorge hatte sie mit ihrer Mutter und Matthias auf eine Nachricht von Jonas gewartet. Sie hatten versucht, sich gegenseitig zu beruhigen, und ihre Bangigkeit mit weit hergeholten, immer absurderen Erklärungen für sein Verhalten zu verdrängen, unschlüssig, was sie unternehmen sollten, um ihn zu erreichen. Mit zunehmender Gereiztheit, die Handys Tag und Nacht griffbereit und eingeschaltet, hatten sie den Freitag und Samstag ausgeharrt. Am Ostersonntag gegen Mittag hatten sich schließlich ihre schlimmsten Ahnungen bestätigt.
Hannah sah noch immer das kreideweiße Gesicht ihrer Mutter vor sich, als der Polizeibeamte sie gebeten hatte, sich zu setzen. Noch bevor er es ausgesprochen hatte, wussten sie alle, dass Jonas tot war. In Erinnerung an die Schreie ihrer Mutter hielt Hannah sich unwillkürlich die Ohren zu. Der Hausarzt der Familie war noch am Abend vorbeigekommen und hatte ihrer Mutter ein starkes Beruhigungsmittel verabreicht, ohne das sie die Autofahrt am nächsten Morgen wohl nicht überstanden hätte.
Früh morgens um fünf Uhr brachen sie auf. Der Morgen war so kalt wie ihre Herzen, die sich noch immer vor dem Unfassbaren verschlossen. Stumm stiegen sie in Matthias’ Wagen. Gut fünf Stunden schwiegen sie sich an, während Matthias die Strecke von Bergheim bis nach Regensburg ohne Pause durchfuhr, jeder in sich selbst versunken, hoffend, dass alles nur ein grausamer Irrtum sei.
Matthias’ Navigationsgerät lotste sie bis vor die Tür des Pathologischen Institutes in der Nähe der Universität, wo sie erschöpft innehielten. In einem Nebenraum warteten sie auf das Eintreffen einer Polizistin, in deren Anwesenheit ihnen schließlich die letzte Hoffnung geraubt wurde. Ihre Mutter verlor das Bewusstsein beim Anblick ihres toten Kindes. Hannah küsste ein letztes Mal Jonas’ kalte Stirn und verließ tränenblind das Gebäude.
Eine Stunde – oder war es länger? Hannah hatte bereits jedes Zeitgefühl verloren. Sie lief durch die Straßen, bis sie endlich das Priesterseminar erreichte, in dem Jonas’ Studentenapartment lag. Sie betrat das Foyer und irrte durch einige Gänge, bis sie einem pickligen jungen Mann in die Arme lief, der bei ihrem Anblick tief errötete und sie, irgendetwas unverständlich Bayrisches stotternd, zum Regens führte.
„Ich bin Hannah Lichtenberg, Jonas Lichtenbergs Schwester. Ich bin gekommen, um seine Sachen abzuholen“, sagte sie und wunderte sich, wie fest ihre Stimme dabei klang.
Nachdem sie auf die Beileidsbezeugungen des Priesters nicht antwortete, führte er sie schweigend zu Jonas’ Zimmer und zog sich sogleich taktvoll zurück.
Hannah lehnte sich an die geschlossene Tür und sah sich um. Sie kannte den Raum von den Fotos, die Jonas ihr gemailt hatte. Er war hell, weiß möbliert und hatte, dank des pflegeleichten Bodenbelags aus Kunststoff, den Charme eines Krankenhauszimmers.
Ihr Blick fiel auf die Koffer und Reisetaschen sowie einige Kartons, die jemand neben dem Bett zusammengestellt hatte. Alle Spuren, die Jonas in den vergangenen Monaten in diesem Raum hinterlassen haben musste, schienen getilgt. Kein Bild, kein herumliegendes Kleidungsstück oder Buch verriet mehr etwas über die Angewohnheiten oder den Geschmack seines Bewohners. Auch das Badezimmer war leer, weder eine Zahnbürste noch ein benutztes Handtuch oder Seifenreste im Waschbecken ließen darauf schließen, dass Jonas je hier gelebt hatte. Das Apartment erweckte den unpersönlichen Eindruck eines Zimmers in einer Kurklinik, das gereinigt auf den nächsten Patienten wartete.
Jonas hatte bereits angekündigt, dass er sein Studium lieber in Köln, in der Nähe der Familie, fortsetzen wollte. Hatte er seinen Auszug also selbst vorbereitet? Oder konnte irgendjemand es nicht erwarten, jeden Beweis seiner Existenz aus diesem Haus fortzuwischen?
Langsam durchquerte Hannah das Zimmer. Das breite, doppelflügelige Sprossenfenster über dem Schreibtisch bot einen hübschen Blick auf einen parkähnlich angelegten, mit einer weiß getünchten Mauer eingefassten Garten, der im Frühling sicher dazu einlud, im Gras zu sitzen. Jetzt lagen jedoch Schneereste wie schmutziges Papier auf dem Rasen und ließen den Garten trostlos und öde erscheinen.
Sie stellte sich vor, wie Jonas an diesem Schreibtisch gesessen hatte, den Kopf auf die rechte Hand gestützt aus dem Fenster blickend, während er mit einem Bleistift in der Linken ganz in Gedanken versunken gespielt und herumgekritzelt hatte. Zusammen mit ihren Tränen wischte sie dieses Bild von ihren Augen und betrachtete Jonas’ Laptop, der zugeklappt auf dem Tisch lag. Ein Stück braunes Papier, vermutlich ein Umschlag, lugte zwischen Bildschirm und Tastatur heraus. Ihre Hände ruhten kurz auf dem Gerät, ehe sie den Deckel ein wenig hochklappte, um den eingeklemmten Umschlag herauszuziehen.
Hannah öffnete die selbstklebende Lasche und zog zwei Blätter heraus. Zuerst entfaltete sie ein kariertes Blatt, das aus einem Collegeblock herausgetrennt worden war und Jonas’ Handschrift trug.
Liebe Hannah,
es tut mir leid, dass ich Euch alle so enttäuscht habe. Aber ich sehe für mich keinen anderen Weg. Bitte nimm meinen Laptop mit, ich will, dass er Dir gehört!
Sag Mama, dass ich sie sehr liebe!
Danke für alles. Ich liebe Dich.
Jonas
Hannah sank von Schluchzern geschüttelt auf das Bett. Mit zitternden Fingern faltete sie das zweite Blatt auseinander. Es handelte sich um einen Laborbericht, datiert auf den einundzwanzigsten März 2013, der an eine Hausarztpraxis in Regensburg gerichtet war und Jonas betraf. Immer neue Tränen aus den Augen wischend, starrte sie auf die Zahlen und Buchstabenkürzel, bis sie begriff: Jonas war HIV-positiv gewesen.
Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis sie imstande gewesen war, Matthias anzurufen. Während sie auf ihn gewartet hatte, hatte sie den Umschlag mit den beiden Zetteln in die Innentasche ihrer Jacke gesteckt und Jonas’ Laptop in eine der Reisetaschen gelegt. Zusammen mit Matthias hatte sie seine Habe in den Kofferraum des Kombis gestapelt, dann waren sie zu dritt wieder nach Bergheim zurückgefahren.
„Was soll das heißen, du kannst mir die Akte nicht geben?“
Silke Ritter bemühte sich, ihre Gereiztheit nicht allzu offen zu zeigen, als sich auf Oberkommissar Langmanns Gesicht ein süffisantes Grinsen breitmachte.
„Die gesamten Unterlagen liegen bei der Staatsanwaltschaft, beim leitenden Oberstaatsanwalt Winkler, um es genau zu sagen. Da wirst du dich bei seiner Sekretärin um einen Termin bemühen müssen.“
Silke Ritter schloss kurz die Augen und seufzte. Sie kannte Fritz Langmann schon seit ihrer gemeinsamen Schulzeit, als er noch ein magerer kleiner Besserwisser gewesen war. Als sie beide hier in Regensburg ihr Jurastudium begonnen hatten, war sie ihm so gut es ging aus dem Weg gegangen, da er sie unendlich langweilte.
Im Gegensatz zu ihr hatte sich Fritz Langmann durch sein Studium gequält und war am Ende mit Pauken und Trompeten durch das erste Staatsexamen gefallen. Danach hatte sie nichts mehr von ihm gehört.
Erst vor zwei Jahren waren sie einander wieder beruflich begegnet. Langmann, mittlerweile bullig geworden, war damals Kommissar bei der Drogenfahndung gewesen. Er hatte ihr damals genüsslich unter die Nase gerieben, dass ihr Abschluss doch nicht für das Amt einer Richterin oder wenigstens Staatsanwältin gereicht hatte, und dass er der kleinen Strafrechtsanwältin gegenüber am längeren Hebel saß.
Silke Ritter ignorierte geflissentlich seine zur Schau gestellte männliche Dominanz, die in einem tief sitzenden Minderwertigkeitskomplex wurzelte. Außerdem kannte sie Langmanns Befindlichkeiten gut genug, um zu wissen, wie man Informationen aus ihm herauskitzelte.
„Heißt das“, fragte sie mit hochgezogener Braue, „ihr habt den Fall bereits abgeschlossen? Oder“, Silke versuchte, ein wenig Mitgefühl in ihre Stimme zu legen, „hat Winkler euch etwa die Ermittlungen entzogen?“
Sie hatte den richtigen Nerv getroffen, denn Langmanns blasses Gesicht nahm sofort ein wenig Farbe an. „Natürlich bin ich noch an der Sache dran“, entgegnete er schärfer als nötig. „Aber du kannst dir ja wohl vorstellen, dass der leitende Oberstaatsanwalt bei solch einem brisanten Fall alle Informationen sofort benötigt. Ständig fragt die Presse nach dem aktuellen Ermittlungsstand.“
Er vollführte eine Geste, aus der sie schloss, dass er das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit für eine Zumutung hielt.
„Wie kommt es eigentlich, dass deine Kanzlei ausgerechnet dir diesen Fall überlässt? Haben deine Kollegen Angst, sich die Finger zu verbrennen?“
Silke Ritter zuckte gelassen mit den Schultern. Um nichts in der Welt wollte sie sich anmerken lassen, dass ihr genau dieser Gedanke ausgesprochenes Unbehagen bereitete.
„Hast du die Lichtenberg vernommen?“, fragte sie stattdessen.
„Na klar, wer denn sonst. Schließlich bin ich hier der Chef im Ring.“ Langmann lehnte sich selbstgefällig zurück. „Und wenn du mich fragst, ist das keine Islamistin oder Terroristin, wie in der Presse spekuliert wird, sondern eine ganz gewöhnliche Irre.“
Silke nickte, so als wäre sie seiner Meinung, und überlegte dabei, ob Langmann sich wieder einmal die Auffassung des leitenden Oberstaatsanwaltes zu eigen gemacht hatte.
„Hast du sie im Verhör so wahrgenommen?“
Langmann schnaubte. „Ein verstocktes Weib ist das. Wir haben von ihr gerade mal das erfahren, was ohnehin auf dem Personalausweis steht.“
Silke unterdrückte ein Lächeln. Eine Frau, die, ob schuldig oder nicht, einem Polizisten die Stirn bot, passte nicht in Langmanns Weltbild.
„Ich meine, es ist doch kein Problem zuzugeben, dass man den Katholikentag besucht hat. Noch dazu, wo wir wissen, dass sie an diesem Wochenende einen Leihwagen gemietet hat, der in Regensburg gesehen wurde.“
„Hm“, machte Silke. „Vermutlich wisst ihr auch schon, dass der Wagen in diesem Zeitraum auch nicht gestohlen oder weiterverliehen wurde.“
Langmann stutzte. „Natürlich war er nicht als gestohlen gemeldet.“
Silke nickte. „Und sicher hast du auch schon überprüft, ob die Lichtenberg ihn jemand anderem überlassen hat.“
Langmann zögerte, er kratzte sich am Hinterkopf, so als säße er wieder im Matheunterricht vor einer Gleichung mit zwei Unbekannten, die er vor der Klasse zu lösen versuchte.
Silke hatte vorerst genug erfahren. Sie erhob sich. „Wie heißt denn die Sekretärin von Winkler?“
„Monika Müller.“ Langmann schrieb ihr die Telefonnummer des Sekretariats auf.
„Da wirst du aber erst ab Montag wieder jemanden erreichen. Du weißt ja, gestern war Feiertag.“
„Wohl dem, der in den Genuss von Brückentagen kommt“, meinte sie ironisch. „Ich danke dir, Fritz.“ Silke winkte ihm noch einmal lächelnd zu, bevor sie besser gelaunt als zuvor die Tür schloss.
Als sie gestern im Dunkeln angekommen waren, hatte Hannah nur die Reisetasche mit Jonas’ Computer nach oben in ihr Mansardenzimmer genommen. Der Rest seiner Sachen lag noch immer im Auto, und niemand wagte daran zu rühren, um sich der Akzeptanz des Unvermeidlichen noch für eine Weile zu entziehen.
Den gestrigen Tag hatten sie alle drei damit verbracht, sich krankschreiben zu lassen, und bei ihren Arbeitgebern und der Universität für die nächsten Wochen abzumelden.
Mit dumpfem Schmerz in der Brust dachte Hannah an die Zeit vor neun Jahren zurück, als ihr Vater bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, knapp ein Jahr nach ihrem Umzug nach Bergheim. Jonas und sie waren fünfzehn Jahre alt gewesen. Der Schock über diesen schrecklichen Verlust hatte sie alle aus der Bahn geworfen. Tagelang hatte ihre Mutter in einer Art Starre zugebracht, hatte wie ein Roboter noch die Hemden ihres Ehemanns gebügelt, die er nun nie mehr tragen würde, bis sie schließlich einen Nervenzusammenbruch erlitt. Jonas und sie waren damals mehrere Wochen lang nicht in der Schule gewesen, aus Angst, ihre Mutter könne sich während ihrer Abwesenheit etwas antun. Sie hatte fast zwei Jahre getrauert, bis sie wieder bereit war, am Leben teilzunehmen. Und nun, da Anke Lichtenberg endlich wieder glücklich war und zusammen mit Matthias ein neues Leben begonnen, ein neues Heim gegründet hatte, würde das alles wieder von Neuem beginnen.
Matthias hatte seine neue Partnerin noch nie so niedergeschlagen und elend erlebt, und Hannah hoffte inständig, er möge die Kraft haben, sie aus dieser Hölle, die sie nun erneut durchleiden musste, herauszuführen. Hannah spürte, dass ihre Energie kaum ausreichen würde, zu ihrer eigenen Verzweiflung auch noch den Schmerz ihrer Mutter auf sich zu nehmen.
Obwohl Matthias nicht mit Jonas verwandt war, hatte der Arzt nicht lange gefackelt und auch ihm eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in die Hand gedrückt. Solange er zu Hause war und sich um ihre Mutter kümmerte, konnte Hannah sich guten Gewissens zurückziehen, um sich ihrer eigenen Trauer hinzugeben.
In Jonas’ Pullover gehüllt saß sie auf ihrem Bett und starrte auf den Laborbericht.
HIV-positiv. Gewiss musste diese Diagnose ein Schock für Jonas gewesen sein. Aber war das ein Grund, sich das Leben zu nehmen? Vor fünfundzwanzig Jahren wäre eine HIV-Infektion ein Todesurteil gewesen. Aber heute gab es Medikamente, die die todbringenden Viren über viele Jahre in Schach halten konnten.
Zornig wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht.
Warum hast du nicht mit mir geredet? Ich hätte dich niemals im Stich gelassen! Gemeinsam hätten wir eine Lösung gefunden, damit klarzukommen. Weiterzuleben.
Als Jonas mit siebzehn zum ersten Mal ernsthaft verliebt gewesen war, hatten sie ein sehr intimes Gespräch über Liebesangelegenheiten geführt. Sie hatten dabei auch über Safer Sex geredet und über Probleme, die man üblicherweise nicht seinen Eltern, sondern ausschließlich dem besten Freund oder der besten Freundin anvertraut.
Hannah konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Jonas seine eigene Gesundheit oder gar die eines anderen leichtfertig aufs Spiel gesetzt hatte. Er war immer verantwortungsbewusst gewesen und hatte sicher nicht mit dieser Diagnose gerechnet. War er vielleicht so schockiert gewesen, dass er sich zu dieser Kurzschlusshandlung hatte hinreißen lassen?
Hannah schloss die Augen. Sie brauchte eine logische, fassbare Erklärung, warum der wichtigste Mensch in ihrem Leben sie auf diese grausame Weise verlassen hatte. Und sie wollte sich nicht den Rest ihres Lebens schuldig fühlen.
Bitte nimm meinen Laptop mit, ich will, dass er Dir gehört, hatte er in seinem Abschiedsbrief geschrieben.
Das Gerät war alt, sie selber hatte es Jonas vor drei Jahren überlassen, da sie für ihr Studium einen wesentlich leistungsfähigeren Computer benötigte. Jonas hatte, im Gegensatz zu ihr, keine besondere Affinität zu Naturwissenschaften oder Technik gehabt und auch nie allzu viel Wert auf eine moderne digitale Ausstattung gelegt. Deswegen hatte sie ihn manchmal aufgezogen und „IT-Legastheniker“ genannt. Ein Lächeln schlich sich zwischen ihre Tränen, als sie daran dachte, wie Jonas sie dann immer liebevoll in den Arm gekniffen hatte.
Noch einmal wischte sie mit dem Handrücken über ihre verquollenen Augen. Dann holte sie den Laptop ihres Bruders aus der Tasche, stellte ihn aufgeklappt auf den Tisch und schloss ihn an.
Vielleicht, so dachte sie, als sie das Gerät hochfuhr, hatte Jonas ihr darauf eine Nachricht hinterlassen, seine letzten Gedanken, die seinen Entschluss, sich das Leben zu nehmen, nachvollziehbar machten. Sonst hätte er sich wohl kaum die Mühe gemacht, seinen Laptop zu erwähnen.
Auf dem Bildschirm erschien ein weißes Feld, das sie aufforderte, ein Kennwort einzugeben. Hannah dachte nach. Sie wusste, dass Jonas sich auch nie sonderlich um einen sicheren Passwortschutz gekümmert hatte. Seinen E-Mail-Account hatte er mit einer Kombination aus ihrer beider Initialen und ihrem gemeinsamen Geburtsdatum gesichert.
„Das kann ich mir wenigstens merken“, hatte er sich verteidigt, als sie ihm einen Vortrag über Hackerangriffe und Datenschutz gehalten hatte.
Sie gab das Passwort ein, doch es war zu ihrer Überraschung falsch.
Dann versuchte sie es nacheinander mit den Namen, Geburts- und Hochzeitsdaten der gesamten Familie in allen erdenklichen Kombinationen. Doch immer wieder erhielt sie die Meldung „falsches Kennwort“.
Frustriert und verzweifelt gab sie schließlich auf und klopfte ärgerlich, ohne ein weiteres Kennwort einzugeben, auf die Entertaste.
Das Eingabefeld verschwand, und das System hieß sie willkommen.
Lachend und weinend zugleich lehnte sie sich zurück. Jonas hatte sich also gar nicht erst die Mühe gemacht, seinen Computer vor fremdem Zugriff zu schützen. Wie typisch für ihn, alle ihre Warnungen zur Datensicherheit in den Wind zu schlagen!
Hannah atmete noch einmal tief durch und aktivierte dann die Funktion des Startmenüs, die ihr die zuletzt verwendeten Dokumente anzeigte. Neun Textdokumente und sechs Videodateien wurden aufgelistet. Hannah hielt den Mauszeiger auf die oberste Videodatei, um den Speicherort zu finden.
Ihr Herz machte einen Satz. Jonas hatte das Video in einem Ordner gespeichert, der ihren Namen trug!
Sie klickte das Video an, um es zu öffnen, doch zu ihrer Überraschung teilte ihr das Gerät mit, es sei gelöscht worden. Auch der Ordner „Hannah“ war verschwunden.
Sofort öffnete sie den Papierkorb. Möglicherweise hatte Jonas ihn versehentlich dorthin verschoben. Im Papierkorb befanden sich jedoch nur eine Anzahl älterer Dokumente, der Ordner „Hannah“ war nicht dabei.
Als Nächstes öffnete sie Jonas’ Mailbox, wobei ihr die sieben ungelesenen Nachrichten ins Auge fielen, die sie und ihre Mutter ihm seit Donnerstag geschickt hatten. Jonas hatte jedoch keine E-Mails mit Videoanhängen versendet. Auch in allen anderen Ordnern und Ablagen, die sie durchsuchte, konnte sie keine ähnlichen Dateiformate entdecken.
Was mochte es mit diesem Ordner, dem Jonas ihren Namen gegeben hatte, auf sich haben? Warum hatte er es sich in letzter Minute anders überlegt und ihn gelöscht, Hannah aber dennoch einen Hinweis darauf in seinem Abschiedsbrief hinterlassen? Sie musste es einfach herausfinden.
Hannah nahm die Hände von der Tastatur. Aus ihrer Schreibtischschublade fischte sie einen alten USB-Stick und ging die steilen Treppen des Reihenhauses bis ins Erdgeschoss hinunter.
Matthias stand in der schmalen Küche und räumte den Geschirrspüler aus.
Hannah hielt den Stick hoch und fragte: „Darf ich mir ein Programm auf deinem PC herunterladen?“
Matthias nickte. Sie folgte ihm in das Arbeitszimmer, das er und ihre Mutter sich im ersten Stockwerk eingerichtet hatten, und wartete, dass er seinen Computer hochfuhr.
„Ich wollte noch etwas einkaufen gehen“, sagte er.
Hannah nickte. „Lass dir ruhig Zeit. Ich bin da, wenn Mama wach wird.“
Dankbar lächelte er ihr zu. Bevor er das Zimmer verließ, nahm er eine kleine Tüte von der Kommode und reichte sie ihr. „Das ist sein Handy.“
Er sah sie nicht an und massierte sich das Kinn, doch Hannah bemerkte, dass ihm Tränen in den Augen standen, als er mit schweren Schritten wieder nach unten ging.
Während das Programm auf ihren USB-Stick geladen wurde, schlich sie sich ins halb verdunkelte Schlafzimmer und setzte sich zu ihrer Mutter, die reglos und mit Beruhigungstabletten betäubt im Bett lag. Irgendwann würde sie aus diesem künstlichen Schlaf erwachen und den Tatsachen ins Auge sehen müssen. Hannah küsste ihre schlaffen Finger und ließ die Tür einen breiten Spalt auf, damit sie einander hören konnten.
Mit dem Wiederherstellungsprogramm auf ihrem USB-Stick lief sie auf Zehenspitzen die leise knarrenden Stufen in ihr winziges Mansardenzimmer hoch.
Hannah bemühte sich, nicht zu der Tür zu Jonas’ Zimmer zu sehen, das gleich neben ihrem lag.
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und gab mechanisch die Befehle ein, die den Ordner „Hannah“ dazu zwangen, wieder sichtbar zu werden, was ihre Geduld auf eine harte Probe stellte.
Die Anspannung fiel ein Stück von ihr ab, als sie feststellte, dass der Ordner, der insgesamt fünfundzwanzig Videos enthielt, komplett wiederhergestellt war.
Doch plötzlich fing ihr Herz so heftig an zu rasen, dass ihr ein wenig schwindelig wurde.
Was hatte der Polizist ihnen gesagt? Jonas sei am Abend des Karfreitags gestorben, das war der neunundzwanzigste März gewesen. Wie konnte Jonas also am Samstag, dem dreißigsten März um zweiundzwanzig Uhr einundvierzig Dateien auf seinem Computer gelöscht haben?
Mit zitternden Fingern umklammerte sie die Maus und öffnete das erste Video.
Nach wenigen Sekunden erschien Jonas’ Gesicht auf dem Bildschirm. Er fuhr sich mit den Fingern durch die dunkelblonden Haare, die ihm sofort wieder ins Gesicht fielen, und strich über sein Kinn, als prüfte er, wann die nächste Rasur fällig sei. Dabei wirkte er so unbeschwert, dass Hannah unwillkürlich die Tränen in die Augen schossen.
„Tja, wie fange ich jetzt am besten an?“, murmelte er.
Mit aufgestützten Ellenbogen verschränkte Jonas die Finger ineinander und legte das Kinn auf die Hände.
„Liebe Hannah, am liebsten würde ich dir das, was in den letzten beiden Tagen passiert ist, persönlich erzählen, so wie immer. Leider kann ich das im Augenblick nicht. Da ich vermutlich platze, wenn ich meine Erlebnisse noch länger für mich behalten muss, quatsche ich fürs Erste meinen Laptop voll. In ein paar Wochen schicke ich dir das Video hier in einem Mailanhang, damit du wieder auf dem Stand der Dinge bist.“
Jonas lächelte ihr zu und lehnte sich zurück, wobei sein Blick nach unten, vermutlich zu seiner Armbanduhr, wanderte.
„Also, ich sitze hier in meiner Wohnung in Münster, wir haben heute Samstag, den vierzehnten August 2010, und es ist zweiundzwanzig Uhr vierunddreißig. Ich war heute Vormittag noch kurz bei Mama und Matthias. Gleich nach dem Essen habe ich mich von den beiden verabschiedet und bin vor ungefähr drei Stunden hier angekommen.“
Er machte eine kurze Pause.
„Erinnerst du dich an den vergangenen Donnerstag? Wir beide wollten uns doch am Nachmittag in Köln treffen. Als du mich um halb drei Uhr angerufen hast, um mir zu sagen, dass dein Zug ausfällt und du es nicht mehr schaffen wirst, nach Köln zu kommen, saß ich gerade in einem Straßencafé.“
O ja, Hannah erinnerte sich noch an jenen brütend heißen Augustnachmittag, als sie wegen eines verpassten Busses ihren Zug nach Köln nicht mehr erreicht hatte. Nach fast einer Stunde Wartezeit auf dem Bahnsteig, in der sie sich schon auf ihren Bruder gefreut hatte, erfuhr sie schließlich, dass der Zugverkehr in diese Richtung wegen eines Personenschadens auf den Gleisen bis auf Weiteres eingestellt werden musste.
Es war ihr also nichts anderes übrig geblieben, als ihre Verabredung abzusagen, da Jonas vorhatte, noch am selben Abend nach Münster zurückzukehren.
„Als wir unser Gespräch beendet hatten, fragte mich ein Typ, ob an meinem Tisch noch Platz sei. Es war ziemlich heiß, und mein Tisch war der einzige im Schatten, der nicht voll besetzt war. Zuerst dachte ich natürlich, der Typ will sich keinen Sonnenbrand holen. Wir fingen allerdings gleich an, uns zu unterhalten. Er fragte mich, ob mich meine Verabredung versetzt hätte, wahrscheinlich weil ich ziemlich enttäuscht aussah. Ich erzählte ihm von dir, dem ausgefallenen Zug und davon, dass ich vorhabe, von der Uni in Münster nach Köln zu wechseln. Da verriet er mir, dass er auch in Münster studiert hat, Philosophie und Theologie. Es entwickelte sich ein sehr interessantes Gespräch über praktische Philosophie und schließlich über Aristoteles. Wir merkten dabei gar nicht, wie die Zeit verging. Leider musste er dann los, er sollte einen Gastvortrag bei irgendeinem Verein halten. Bevor er ging, fragte er mich, ob ich am nächsten Tag auch noch in der Stadt sei. Eigentlich hatte ich am Freitagnachmittag ein Vorstellungsgespräch in Münster. Das habe ich in Gedanken spontan gecancelt und mich stattdessen mit Mr Perfect verabredet.“
Er hob die Brauen, als müsse er auf ihren Einwand reagieren, den sie damals zweifellos gemacht hätte.
„Ja, ich weiß, das ist nicht vernünftig gewesen, schließlich brauche ich einen neuen Job in Münster, für den Fall, dass der Wechsel an die Uni in Köln doch nicht klappt. Außerdem bin ich wegen dieses Termins nicht nach Bonn gekommen, um dich zu besuchen. Aber wie oft im Leben trifft man seinen Mr Perfect? Deswegen habe ich das Vorstellungsgespräch abgesagt. Aber keine Panik, ich konnte es auf nächste Woche verschieben.“
Mit träumerischem Blick stützte er den Kopf in die linke Hand und lächelte.
„Ich bin sicher, dir hätten sein kultiviertes Auftreten und seine geschliffene Ausdrucksweise ebenso gefallen wie mir, Hannah. Zu allem Überfluss sieht er auch noch blendend aus. Er ist etwas größer als ich, sportlich, mit dunklen Haaren und kaffeebraunen Augen.“
Wieder machte er eine kurze Pause und neigte sich nach vorne.
„Am nächsten Tag war ich dann wahnsinnig gespannt. Ich hatte ein bisschen Angst, er könnte es sich anders überlegt oder unsere Verabredung einfach vergessen haben. Sicherheitshalber war ich schon zwanzig Minuten vor der vereinbarten Zeit auf der Domplatte und wartete. Wir wollten uns in der Nähe des Hauptportals treffen. Und stell dir vor, wer eine Viertelstunde vor der Zeit durch das Hauptportal spaziert kam? Richtig! Mr Perfect!
Er schlug vor, zusammen essen zu gehen, zu einem oberleckeren Italiener. Und wir haben die ganze Zeit über geredet.“
Jonas hielt inne.
„Na ja, wenn ich es mir recht überlege, wollte er erst mal alles Mögliche über mich wissen. Aber er hat mir auch erzählt, dass er schon ein paar Mal in Rom war, unter anderem, um dort zu studieren. Er spricht natürlich auch fließend italienisch. Nach dem Essen – er hat darauf bestanden, mich einzuladen – sind wir noch eine Weile spazieren gegangen. Ich war ein bisschen beschwipst, wohl nicht nur vom Wein.“
Jonas grinste breit.
„Jedenfalls hatten wir beide nicht das geringste Bedürfnis, uns zu trennen. Er hat meine Hand in seine genommen und mich gefragt, ob ich ihn begleite.
Das war echt oldschool, Hannah! Natürlich bin ich mitgekommen. Er hatte ein Zimmer in so einer kleinen, unscheinbaren Pension, in der keiner so genau hinschaut, wer kommt und wer geht.“
Jonas fuhr sich wieder durchs Haar, so wie er es früher immer getan hatte. Sein Gesicht wirkte nun etwas angespannt, auch wenn er noch lächelte.
„Ja, er war wirklich Mr Perfect, die ganze Nacht hindurch. Am Morgen hatte ich dann das Gefühl, dass irgendwas mit ihm nicht stimmte. Wir haben uns angezogen und sind zusammen frühstücken gegangen. Er war während des Frühstücks ungewöhnlich schweigsam, und ich habe insgeheim vermutet, er weiß nicht, wie er es beenden soll.“
Er seufzte.
„Ich habe ihn noch mal auf sein Zimmer begleitet, als er seine Sachen holen wollte. Da habe ich ihn gefragt, was los ist. Er sah mich erst ganz merkwürdig an und drehte sich dann von mir weg.
Schließlich sagte er: Ich würde dich so gern wiedersehen. Doch bevor du etwas sagst, musst du wissen, dass ich nicht ganz ehrlich zu dir war.
Hannah, ich habe geglaubt, mein Herz bleibt stehen. Natürlich dachte ich sofort, er erzählt mir jetzt den üblichen Mist: Er sei verheiratet, könne aber seine kranke Frau wegen der Kinder nicht verlassen, und ich solle bitte doch Verständnis haben.
Aber das war es nicht. Er starrte aus dem Fenster und sagte: Ich bin katholischer Priester.
Zuerst wusste ich nicht, ob ich erleichtert oder enttäuscht sein sollte. Da drehte er sich zu mir und sagte: Die Vorstellung, dich nie wiederzusehen, bricht mir das Herz. Ich weiß, ich darf dich nicht lieben, und ich habe kein Recht, von dir irgendetwas zu verlangen. Dennoch wünsche ich mir nichts mehr, als mit dir zusammen zu sein.
Mir kamen fast die Tränen, Hannah. Ich konnte nichts sagen und habe ihn stattdessen umarmt und geküsst, weil ich so einen Kloß im Hals hatte.
Und dann kam der Haken an der Sache, weshalb ich nun hier vor meinem Laptop sitze, anstatt mit dir zu telefonieren. Wir können nur zusammen sein, solange niemand von uns weiß. Wenn irgendjemand von unserer Beziehung erfährt, dann ist Mr Perfect sein Priesteramt los. Er würde von der Kirche rausgeworfen, und seine Existenz wäre von einem Tag auf den anderen vernichtet, ohne Gnade. Deswegen habe ich ihm versprochen, niemandem von ihm zu erzählen, nicht einmal dir.“
Obwohl die Sonne schien, fror Hannah. Es machte keinen Unterschied, ob sie draußen vor dem sonnengewärmten Eichenportal der Kirche stand oder im klammen Innenraum des weiß getünchten Barockbaus. Die Kälte, die sie frieren ließ, strömte aus ihrem leeren Herzen.
Mit verschränkten Armen an das Treppengeländer zur Empore gelehnt, wartete sie auf ihre Mutter. Sie schien Hannah in den letzten zwei Wochen um zwanzig Jahre gealtert. Als sie endlich an der Seite ihres Lebensgefährten die Kirche betrat, tat sie dies mit den vorsichtigen Schritten einer alten Frau. Hannah hakte sich bei ihr unter und führte sie zusammen mit Matthias durch den Mittelgang. Ihr Blick, noch immer von Beruhigungsmitteln getrübt, wanderte durch die Kirche, über kleine Putten, bunte Heiligenbilder und rosa gefärbten Stuck, bis er an dem aufgebahrten Sarg hängen blieb. Ihr Atem stockte, so als erinnerte sie sich erst jetzt wieder, warum sie hier war. Zusammen mit Matthias schob Hannah ihre Mutter auf einen Platz in der dritten Bank.
Hannah ignorierte die ungeduldigen Gesten ihrer Großmutter, mit der sie ihr und ihrer Mutter Plätze in der vordersten Reihe zuwies. Mit schmalem Mund bugsierte sie schließlich Großvater in die Bank, die den engsten Angehörigen vorbehalten war und gebot seinem aufgeregten Gemurmel Einhalt. Großvaters Verstand war durch seine Demenz bereits von Ermüdungsbrüchen gezeichnet. Die Nachricht vom Tod des Stammhalters der Lichtenbergs hatte ihn nun noch schneller auseinanderbersten lassen. Seit gestern mussten sie ihm immer wieder erklären, dass nicht Johannes, sein Sohn, zu Grabe getragen wurde, sondern sein Enkel Jonas, der letzte männliche Spross der Lichtenbergs, wie Großvater seit dem Tod ihres Vaters vor neun Jahren unermüdlich betont hatte. Als er noch klar im Kopf war, hatte er Jonas regelmäßig daran erinnert, dass es an ihm war, für den Erhalt des Namens zu sorgen: „Na, Jonas, hast du denn schon ein Mädel?“
Diese und ähnliche Fragen waren begleitet von eindeutigen Gesten, die Großmutter gerügt hatte, wann immer sie sie bemerkte.
Jonas hatte die Anzüglichkeiten des Großvaters mit seiner gewohnten Nonchalance hingenommen. Dass Jonas ihn dafür als chauvinistischen alten Sack bezeichnet hatte, wusste außer Hannah niemand.
Sie lauschte dem Rascheln von Kleidung, als sich die Bankreihen füllten. Ihre Großmutter wandte sich einige Male um und ließ ihren Adlerblick über die Trauergäste schweifen. Dann erhob sie sich noch einmal, um das Bild ihres Enkelsohns zurechtzurücken, das für alle sichtbar vor dem Sarg stand.
Anke Lichtenberg hatte es vor dreieinhalb Jahren aufgenommen, im Sommer, als sie zusammen Matthias’ Geburtstag gefeiert hatten. Damals, als noch alles in Ordnung schien.
Ursprünglich waren sie zu zweit auf dem Foto zu sehen gewesen, die Köpfe aneinandergelehnt, und Jonas hatte den Arm um ihre Schulter gelegt. Hannah liebte dieses Bild, weil es ihre Verbundenheit zum Ausdruck brachte und gleichzeitig Jonas’ Sanftmut und Freundlichkeit auf unvergleichliche Art einfing. Ihre Mutter hatte den Großeltern einen vergrößerten Abzug davon zu Weihnachten geschenkt, und Großmutter hatte ihm einen Platz neben dem Foto ihres verstorbenen Sohns gegeben.
„Es sieht aus, als würde Papa uns ansehen“, meinte Jonas, als sie an Großmutters fünfundsiebzigstem Geburtstag die Anordnung der Bilder gemeinsam betrachtet hatten. Die Bemerkung hatte den Großvater damals zu Tränen gerührt. Nun hatte Großmutter Jonas aus dem Bild herausgeschnitten, so wie ihr Zwillingsbruder aus ihrem Leben herausgeschnitten worden war.
Der Priester erschien, und die Trauergäste erhoben sich, als er die Arme zum Gebet ausbreitete.
„Allmächtiger Gott. Ratlos treten wir vor dein Angesicht, weil uns Fragen quälen, die kein Mensch beantworten kann.“
Hannah würgte an dem dicken Kloß in ihrem Hals. Sie fragte sich, ob irgendeiner der Anwesenden wirklich die Antworten, Jonas’ Antworten, würde hören wollen. Dann warf sie einen besorgten Blick in das nass geweinte Gesicht ihrer Mutter. Ihr fehlte im Augenblick die Kraft, um die Wahrheit zu ertragen. Der Rest der Trauernden würde sicher die Ohren verschließen. Es gab eben Antworten, die vielen zu unbequem waren, um sich damit auseinanderzusetzen.
„Gequält treten wir vor dich, vom Schmerz des Verlusts, weil ein Mensch von uns gegangen ist, der zu unserem Leben gehörte wie das Atmen, wie das Lachen und das Weinen“, fuhr der Priester fort.
Matthias drückte ihre Mutter an sich, die jetzt wieder von stummem Schluchzen geschüttelt wurde. Doch Hannah hatte keine Tränen mehr. Sie hatte alle aufgebraucht, als sie sich um Jonas’ Nachlass gekümmert hatte. Als sie sich der vielen verpassten Gelegenheiten bewusst geworden war, bei denen sie sein Schweigen hätte durchbrechen können, es aber versäumt hatte. Wie ein heißes Schwert fuhr ihr der Schmerz in die Brust, als sie an die Momente dachte, in denen sie die Veränderung in Jonas wahrgenommen und dennoch geglaubt hatte, sie hätten keine Geheimnisse voreinander. Solange sie denken konnte, war sie die Stärkere gewesen. Fast immer hatte sie die Initiative ergriffen. Warum war sie nicht hartnäckiger gewesen bei ihren Versuchen, in ihn zu dringen, obwohl sie gespürt hatte, dass etwas nicht stimmte? Sie hatte versagt, als es darauf ankam. Sein Tod war auch ihre Schuld, und mit dieser Schuld würde sie leben müssen.
Hannah beobachtete teilnahmslos, wie die Menschen aufstanden, niederknieten und sich wieder setzten. Geduldig streichelte sie die Hand ihrer Mutter, die auf ihrem Schoß lag, während sie sich ihrer eigenen Bitterkeit hingab.
„Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt, erbarme dich unser“, skandierten die Gläubigen, als der Priester Kelch und Hostie hob.
„Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt, gib uns deinen Frieden.“
Ihre Großeltern erhoben sich als Erste zum Empfang der Kommunion, danach Hannahs beide Tanten und deren Familien, die auf der rechten Seite saßen, und dann die übrigen Trauergäste. Als Hannah wiederum die ungeduldigen Blicke ihrer Großmutter bemerkte, mit denen sie sie nach vorne beorderte, schloss sie die Augen. Sie spürte, wie sich etwas Dunkles in ihr regte, das die unerträgliche Leere füllte, die der Tod ihres Bruders in ihr zurückgelassen hatte.
Lamm Gottes, dachte sie, deine Diener haben uns Tod und Verderben gebracht. Sie haben weder Erbarmen noch Frieden verdient.
„Silke Ritter am Apparat, guten Tag, Frau Müller“, meldete sich Silke bei der Sekretärin des leitenden Oberstaatsanwalts.
„Ich hätte gern einen möglichst kurzfristigen Termin zur Akteneinsicht beim Oberstaatsanwalt. Ich bin zur Pflichtverteidigerin im Fall Lichtenberg bestellt.“
„Sie wollen zu Oberstaatsanwalt Winkler?“, fragte die Sekretärin spitz, als sei ihr Anliegen eine Zumutung.
„Ja, der Ermittlungsleiter im Kommissariat sagte mir, der leitende Oberstaatsanwalt hätte die Akte schon in seinem Büro.“
Silke erwartete, dass Frau Müller nun den Hörer beiseitelegte, um mit ihrem Chef Rücksprache zu halten, doch stattdessen sagte die Sekretärin: „Ach, Sie meinen die Akten zum Mord an Bischof Hofrichter und dem Generalvikar!“
„Genau“, bestätigte Silke. „Kann ich eben vorbeikommen und mir die Akten holen? Sicher haben Sie die Kopien schon gefertigt.“
„Das geht leider heute nicht mehr, Frau …“
„Ritter“, rief sie Frau Müller ihren Namen in Erinnerung.
„In einer halben Stunde haben wir eine Pressekonferenz“, meinte Frau Müller. „Und danach hat Oberstaatsanwalt Winkler einen Termin beim Innenminister.“
Silke unterdrückte ein genervtes Seufzen und verfluchte ihren Mandanten, dem sie einen verschwendeten Vormittag beim Amtsgericht zu verdanken hatte. Ohne diesen Termin hätte sie sich beizeiten um die Unterlagen zu ihrem neuen Fall kümmern können.
„Wie sieht es morgen früh aus?“
„Wenn Sie um viertel vor acht kommen, haben wir noch ein Zeitfenster von ungefähr zwanzig Minuten für Sie.“
„Gut, danke, Frau Müller. Dann sehen wir uns morgen früh.“
Silke legte auf. Verärgert über diese Ignoranz warf sie sich gegen ihre Stuhllehne. Doch es half nichts, bei Winkler hatten sich schon ganz andere Anwälte in Geduld üben müssen. Sie sah zur Uhr und beschloss, sich einstweilen dem Fall eines weiteren Mandanten zu widmen, der seinen Prozess wegen schwerer Körperverletzung in drei Tagen vor dem Landgericht erwartete. Vorher holte sie den letzten Rest des Kaffees, der mittlerweile aussah, als sei er auf der Platte ihrer Kaffeemaschine zu Sirup eingekocht. Der Kaffee, den sie kochte, war meist so stark und bitter, dass er auch frisch aufgebrüht nur mit Milch und Zucker zu genießen war, was ihr nichts ausmachte, aber verhinderte, dass ihr Chef sie zum Kaffeekochen einspannte, wenn seine Vorzimmerdame nicht im Hause war.
Kurz nach fünfzehn Uhr legte sie die Unterlagen beiseite. Sie schaltete den Computer an und öffnete den Internetbrowser, um den Livestream des Bayrischen Rundfunks zu sehen. Ein Nachrichtensprecher kündigte gerade die aktuellen Informationen seines Senders in Schlagzeilen an, bevor er an seinen Kollegen übergab, der über die gerade stattfindende Pressekonferenz des leitenden Oberstaatsanwalts und des Polizeipräsidenten zum Doppelmord an Bischof Hofrichter und Generalvikar Seidel berichtete.
Der leitende Oberstaatsanwalt Winkler teilte der Presse mit, dass die verhaftete Frau die Morde an den beiden Geistlichen mit hoher Wahrscheinlichkeit verübt hatte, da die Indizienlage erdrückend sei.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit heißt aber nicht mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit, dachte Silke sofort.
Die Fragen zu Ermittlungsdetails ließ der Oberstaatsanwalt unbeantwortet, da, wie er sagte, die Ermittlungen noch nicht ganz abgeschlossen und auch der Staatsschutz in den Fall involviert sei.
„Na, so was aber auch“, murmelte sie überrascht.
Nur zu gern hätte sie sofort Fritz Langmanns Nummer gewählt und ihn gefragt, was er davon hielt, dass der Staatsschutz nun seinen Fall übernahm.
Sie war überzeugt, dass ihr ehemaliger Mitschüler dies nicht von seinem Vorgesetzten, sondern genau wie sie aus der Presse erfahren würde. Es würde ihm darüber hinaus auch nicht gefallen, dass womöglich jemand anders die Lorbeeren für seine Arbeit ernten würde.
Allerdings wäre es dumm von ihr, wenn sie es sich mit ihm verdarb, indem sie ihm diese Hiobsbotschaft übermittelte. Das sollten lieber andere tun. Denn, so schoss es ihr durch den Kopf, er war bislang der Einzige, der über sämtliche Ermittlungsergebnisse in diesem Mordfall Bescheid wusste. Sie selber hatte mit dem Staatsschutz noch keine Erfahrung, doch von anderen Juristen wusste sie, dass die Beamten dieser Behörde eng mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeiteten, und aus diesem Grund auch den Strafverteidigern gegenüber meist unkooperativ waren. Deswegen nahm sich Silke vor, Langmann gleich morgen Vormittag einen Besuch abzustatten, um sein angekratztes Ego wieder aufzurichten. Sich gemeinsam mit ihm über die Geringschätzigkeit seines Vorgesetzten zu empören, würde ihm sicher die Zunge lockern. So gut kannte sie Langmann immerhin.
„Komm bald wieder heim.“
Matthias schloss sie in die Arme. Hannah nickte und versuchte zu lächeln.
