Dornröschen schlief wohl hundert Jahr ... - Gunnar Staalesen - E-Book

Dornröschen schlief wohl hundert Jahr ... E-Book

Gunnar Staalesen

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Beschreibung

Dieser Titel gehört zu einer Romanreihe, auf der die bekannte Krimifernsehserie ›Der Wolf‹ um den Privatdetektiv Varg Veum basiert. Die Erstausstrahlung der beiden Staffeln erfolgte in Deutschland 2008 bei Das Erste und 2013/2014 beim ZDF. Die Suche nach einem jungen Mädchen aus gutem Haus führt Privatdetektiv Varg Veum ins Drogen- und Prostituiertenmilieu von Kopenhagen, wo er sie schließlich in einer billigen Absteige findet. Kurz darauf verschwindet der Freund des Mädchens spurlos, und dieses Mal geht es um Mord. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl: 424

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Gunnar Staalesen

Dornröschen schlief wohl hundert Jahr ...

Krimi

Aus dem Norwegischen von Kerstin Hartmann

FISCHER E-Books

Inhalt

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1

Ich fand Lone H. an ihrer üblichen Ecke in der Istedgade. Sie sah genauso aus, wie sie in all den Jahren ausgesehen hatte, die ich sie jetzt schon kannte, und das waren bald zehn. Ihr üppiger Körper war vielleicht ein wenig fülliger geworden, aber ihr flammend rotes Haar hatte noch immer die gleichen starren Locken, wie das Haar der Statue einer griechischen Göttin. Ihre zwei beweglichen Muttermale brachte sie mit Wonne je nach Tagesform an unterschiedlichen Stellen in ihrem Gesicht an. An diesem Abend hatte sie eins gleich neben dem linken Nasenflügel platziert, das andere hoch oben auf der rechten Wange. Ihre Augen hatten den blassen Braunton eines Drinks, der aus Wodka und Schmutzwasser gemixt war. Ihre Nase krümmte sich wie die eines Fischadlers, und sie warf den Kopf in den Nacken, sodass man immer das Gefühl hatte, einer Audienz kaum würdig zu sein.

Aber ihr Kleid war neu: ein lilafarbenes, flatterndes Gewand mit Unmengen großer Blumen und einem Schlitz, der erst knapp unter ihrer Achsel endete.

Ich hatte längst begriffen, dass ihr herablassender Blick einfach nur auf ihre Kurzsichtigkeit zurückzuführen war, also trat ich dicht an sie heran, als ich mich zu erkennen gab.

»Veum?«, sagte sie blinzelnd.

»Hallo Lone«, sagte ich. I’ch hatte nie herausbekommen, wofür das H stand. Niemand wusste es, aber Gerüchten zufolge war sie die Tochter eines äußerst bekannten dänischen Politikers. Und Gerüchte sind gute Reklame, hatte Lone beschlossen und sich deshalb nie darum bemüht, sie zu entkräften.

»Eine halbe Stunde auf deinem Zimmer?«, fragte ich.

»Fünfhundert«, sagte sie.

»Okay.«

»Gehen wir«, sagte sie und schritt mit mir im Schlepptau wie eine Königin von dannen.

Wir gingen durch den nächsten Hoteleingang, und Lone schenkte dem Mann an der Rezeption einen gnädigen Blick. Es war ein kleiner Kerl in einem karierten Hemd, mit einem Schnauzbart wie eine dreckige Zahnbürste. Als ich auch vorbeiging rief er: »’tschuldigung …«

Ich sah ihn fragend an.

»Das macht hundert Mäuse«, sagte er.

Das war ein ganz neues System. Ich sagte: »Ich bin in Begleitung von …«

»Hundert Mäuse.«

Ich bezahlte, und das Geld verschwand wie von einem gigantischen Strudel verschlungen hinter dem Tresen. Vielleicht verschwand es noch weiter nach unten – Barzahlung an den Fürsten der Dunkelheit, Abteilung Istedgade.

Ich folgte Lone H. die Treppen hinauf.

 

Die Istedgade ist Kopenhagens Rinnstein. Nachts glitzert sie wie eine falsche Perlenkette, aber nur, weil es dunkel ist. Wenn das Licht kommt – irgendwann gegen Morgen – sieht man die Farbe von den Mauern abblättern, die grellen Fassaden der Pornogeschäfte, die tiefen Furchen in den Gesichtern der Menschen, die immer noch dort unterwegs sind. Sie erinnern an Bluthunde – oder an Ratten. Manche von ihnen können einem Leid tun; um andere sollte man einen großen Bogen machen.

Wenn es Anfang Juni ist und erst elf Uhr abends, kann es aussehen, als herrsche ein reges Leben in der Istedgade. Aber was sich dort vor allem regt, sind die Touristen. Kleine Japaner mit Fotoapparaten vor dem Bauch starren durch runde Brillengläser in die Gegend. Deutsche mit der Taillenweite eines Autoreifens rollen mit satten Zigarren im Mundwinkel und Augen wie Rosinen in fetter Soße die engen Gehwege entlang. Inder wandern mit ernsten Gesichtern und hängenden Bärten durch diese Märkte der Weltlichkeit, Schweden und Norweger versuchen ihren Vollrausch hinter fröhlichem Gerede und starren Blicken zu verbergen.

Die in der Straße ihr Geld verdienen, sind eine Klasse für sich. Gut gekleidete junge Männer mit frisch frisierten Haaren in Zweireihern fahren langsam in langen, amerikanischen Autos die Straße auf und ab, während sie in kleinen Büchern den Verdienst ihrer Mädchen notieren, Stunde um Stunde, Kunde für Kunde, die ganze Nacht lang. Die kleinen Inhaber der Pornogeschäfte, mit ihren aufgekrempelten Hemdsärmeln, ihren Hosenträgern und schwellenden Bierbäuchen zählen mit phlegmatischer Ruhe und Augen, die selten einen Blick über den Rand der Kasse werfen, ihr Geld. Hinten an den Regalen stehen die Touristen in Trauben um die verbotene Lektüre versammelt, zeigen mit aufgeregten Fingern, schlecken sich die Lippen und überschlagen hastig, wie viel sie sich noch leisten können, bevor sie die Kasse ansteuern. Draußen vor den Clubs, die noch immer Liveshows zeigen, stehen riesige, breitschultrige Türsteher, die ebenso emsig Leute hereinlocken, wie sie andere draußen halten.

Die am meisten am Leben auf der Istedgade verdienen, sieht man nicht. Sie halten sich am Rande der Straße auf, in den Seitenstraßen, oben in kleinen Dachwohnungen oder in bestimmten Zimmern der vielen kleinen Hotels. In den großen Villen nördlich der Stadt oder in Luxuswohnungen überall in Kopenhagen wohnen die Menschen, die das Ganze finanzieren. Das sind die Drahtzieher. Das sind die Haie. Ohne den Rauschgifthandel wäre die Istedgade eine weitaus friedlichere Straße und Kopenhagen ein sehr viel sichereres Reiseziel. Und besorgte Eltern in Städten und an Orten, die weit im Norden von Kopenhagen liegen, hätten keinen Grund, Privatdetektive in diese Stadt zu schicken, um ihre Töchter zu suchen.

Ich kam gegen 19 Uhr in Kopenhagen an, suchte mir ein billiges Hotel in der Norregade, sprang kurz unter die Dusche und durchdachte die Situation. Vom Fenster meines Zimmers aus sah ich in einen hohen, engen Hinterhof, in dem die Feuertreppen im Zickzack-Muster zu den Dächern und den Tauben aufstiegen. Die Tauben kämpften sich in ein viereckiges Stück Himmel hinauf. Der Himmel schien gerade zu verblassen, und es lag ein Hauch von Frost in der Luft. Es war Anfang Juni, aber der Winter war in diesem Jahr lang und hart gewesen.

Ich begab mich in die Istedgade und begann die traditionelle Bordsteinwanderung an den Frauen entlang.

Die meisten Frauen in der Istedgade – und es sind viele – sind verletzte Vögel, die an einer ungastlichen Küste gestrandet sind.

Die älteren haben routinierte, zynische Herz-Dame-Gesichter in einer vor langer Zeit einstudierten Pose, ihre Gesichtszüge erinnern an zerbrochene Steinfiguren. Sie verstecken sich unter dicken Schichten von Schminke und duften stark nach Parfüm.

Die jungen sind verletzte Kinder. Ihr Mund spannt sich zu einem Ausdruck, der an Verachtung erinnert. Sie gehören nicht hierher, sondern sollten schüchtern in einem Hauseingang in einer kleinen Stadt weit oben im Norden stehen und schlaksigen Teenagern Gute-Nacht-Küsse geben. Stattdessen gehen sie mit kleinen Männern mittleren Alters auf schäbige Hotelzimmer und schlafen mit ihnen, verschaffen ihnen eine traurige Befriedigung und sich selbst Geld genug für den nächsten, unumgänglichen Schuss.

Vielleicht würde ich das Mädchen, nach dem ich suchte, unter ihnen finden, vielleicht auch nicht. Es sind viele, und in gewisser Weise sind sie alle gleich: unauffällig gekleidet, in ausdruckslosen Jeans, Rollkragenpullovern und offenen Herrenjacketts. Es war leicht, an der, die man suchte, vorbeizugehen. Ein Gesicht in der Menge, in der Dunkelheit.

Und wenn ich sie fand, was hatte ich ihr anzubieten?

Eine Reise zurück – zu was?

Aber solche Fragen stellte ich nicht. Dafür wurde ich nicht bezahlt. Ich kam, sah und fand. Und wenn ich nicht fand, fuhr ich wieder zurück. Auch dafür wurde ich meistens bezahlt.

 

Sie setzte sich auf die Bettkante, öffnete ihre Handtasche, wühlte darin herum, steckte sich einen schlanken Zigarillo zwischen die vollen, rosenroten Lippen und zündete ihn mit einem vergoldeten Feuerzeug an. Ich setzte mich auf den einzigen Stuhl.

Es war ein spartanisch eingerichteter Raum. Er enthielt ein breites Bett, den Stuhl, auf dem ich saß, ein Waschbecken, auf dem in einer Schale eine Hand voll eingepackter Seifenstücke lagen, und an der Wand darüber hing ein Behälter mit Papierhandtüchern. Das Rollo vor dem Fenster war heruntergezogen. Auf dem Rollo war ein ovaler Kreis um eine Zeichnung von einer halb nackten Frau gemalt, die auf dem Schoß eines äußerst bekleideten Herrn mit viktorianischem Vatermörder saß. Sonst gab es in dem Zimmer keinen Schmuck – außer Lone – und auch da kam es ganz darauf an, mit welchen Augen man sie betrachtete.

Ihre Stimme klang wie eine rostige Kette. »Lange nicht gesehen, Veum – aber du bist noch dabei, wie ich sehe. Klar, denn du bist ja wohl nicht als Tourist hier, oder?«

Ich sah sie an und schüttelte leicht den Kopf. »Wie geht’s dir, Lone?«

Sie blies den Rauch aus ihrem Rosenmund hinauf zur Decke. Wenn man die Augen fast geschlossen hielt, sah ihr Mund tatsächlich beinahe wie eine echte Rose aus. Wenn man sie wieder öffnete, entdeckte man, dass es nur eine Täuschung gewesen war.

»Ich stehe meine Frau. Oder liege, wenn du so willst. Das Leben geht seinen Gang: Die Betten quietschen, und die Potenzen sind verschieden wie die Vögel am Himmel. Manche sind stark und andere schwach. Aber alles in allem ist das Leben seinen normalen Gang gegangen für die alte Lone. Sie hat noch Power, irgendwie. Bald ist sie zu alt.«

»Und dann?«

»Dann ziehe ich mich zurück. Mein Bankkonto wird von Tag zu Tag und von Nacht zu Nacht dicker – und wenn ich zu alt bin, kaufe ich mir ein Reihenhaus oben bei Dronningmolle, sitze abends vor dem Kamin mit Fenster zum Meer, sehe nach Schweden rüber auf die Lichter dort, betrachte die Schiffe, die nach Norden und nach Süden gehen, vielleicht … Wer weiß, vielleicht gibt es jemanden, der mit der alten Lone zusammenleben will. Sie kann fast alles, und sie kann immer noch lernen. Wenn ich nur alt genug werde …«

Also das war ihr Traum. Ein Traum, in dem es sich gut leben ließ. »Vielleicht – vielleicht komme ich dich auch besuchen.«

Sie lächelte schief. »Tu das, Veum. Ich werde Pfannkuchen für dich backen, mit Blaubeermarmelade.«

Ich lächelte zurück, zum Zeichen dafür, dass ich die Einladung annahm. Ich suchte in meiner Jackentasche nach meiner Brieftasche.

»Aber du bist nicht hergekommen, um mit der alten Lone Blödsinn zu reden. Um wen geht es diesmal? Noch ein Mädchen, das weggelaufen ist?«

Ich zog ein kleines Foto hervor. Sie hielt es sich vor die Nase, blinzelte und starrte lange darauf. »Sie sieht jung aus, Veum. Sie sieht nicht aus, als ob – sie sieht – unschuldig aus …«

Ich nickte. Das war auch mein Eindruck gewesen, als ich das Bild zum ersten Mal sah. Ein Konfirmationsfoto von einem Mädchen aus den Schären, vielleicht. Eine Fotografie von einer christlichen Jugendfreizeit. Ein Kind: ein blasses Gesicht mit runden Wangen und einem kleinen Kinn, große, offene blaue Augen, blondes Haar, das auf beiden Seiten des Gesichts gerade herunterhing, ein Pony, der in der Mitte von der Brise geteilt wurde, die auf dem Bild wehte. Ein Mädchen, das von zu Hause weggelaufen war.

Lone fuhr fort: »Diese verdammte Straße! Sie haben mir erzählt, dass jede verdammte Nacht jemand stirbt, Veum. An Drogen. Ich habe nie welche genommen! Bier und Schnaps für die alte Lone – und auch nicht zuviel davon, denn ich spare auf ein Haus. Aber diese Mädchen … die denken an nichts anderes als an den nächsten Schuss, und deshalb verkaufen sie sich auch so verdammt billig, weil sie nicht die Nerven haben, zu warten – und sie haben nicht die Nerven, wählerisch zu sein. Wenn ich mit allen ins Bett gegangen wäre, mit denen die ins Bett gehen, wäre ich schon vor Jahren zerfranst gewesen wie ein alter Feudel. Ein bisschen Stil muss schon sein, Veum – findest du nicht?«

»Das klingt richtig, irgendwie.«

Sie gab mir das Bild zurück und sagte lakonisch: »Ich habe sie gesehen. ich fürchte, sie ist im Hundehaus.«

Ich nahm das Bild entgegen und konnte nicht vermeiden, es noch einmal anzusehen. Eine kalte Hand strich mir über den Rücken, von Schulterblatt zu Schulterblatt. Dieses Gesicht – im Hundehaus? Ich spürte, wie sich meine Muskeln im Nacken und um die Kiefer verkrampften, und ich biss unwillkürlich die Zähne so fest zusammen, dass es wehtat.

Sie sah mich traurig an. Mit zwei kräftigen Fingerspitzen brachte sie den Zigarillo um und warf ihn auf den Boden unter dem Waschbecken. Sie befeuchtete ihre Lippen und sagte: »Kann ich sonst noch was für dich tun, – Veum? Du hast immerhin dafür bezahlt.«

Ich sagte: »Noch nicht. Ich meine, ich hab noch nicht dafür bezahlt.« Während ich die fünf Hunderter hervorholte, fuhr ich fort: »Und es ist nicht deshalb, weil es nicht nett sein könnte, aber wenn sie im Hundehaus ist, bedeutet das, dass ich keine – dass jede Minute kostbar ist.«

»Sie ist schon eine halbe Woche da, Veum. Wenn sie etwas noch hatte, als sie ankam, dann hat sie es jetzt verloren. Einmal mehr oder weniger …«

»Einmal mehr oder weniger ist gerade, was den kleinen Unterschied ausmacht«, sagte ich.

Sie sah mich mit ihren klugen Augen nachdenklich an. »Du … du bist magerer geworden, Veum. Wie steht’s denn mit – der Liebe?«

»Ich trainiere härter, Lone. Ich kann es mir nicht mehr so oft leisten, mich satt zu essen. Und die Liebe …« Ich zuckte mit den Schultern und gab ihr die fünf Hunderter. »Poker.«

Dann stand ich auf und betrachtete sie. »Ruh dich lieber eine halbe Stunde aus, Lone. Und mach’s gut. Wir sehen uns bestimmt – irgendwann.«

Ich klopfte ihr leicht und kameradschaftlich auf die Schulter. Nur das, denn mit den anderen Berührungen hatten alle anderen sie überschüttet. Aber gerade diese Berührung – den kleinen kameradschaftlichen Klaps – bekam sie vermutlich selten.

Dann drehte ich mich um und ging. Bevor ich die Tür erreicht hatte, sagte sie: »Nimm dich vor den Billing-Brüdern in Acht!«

Ich hielt inne: »Vor wem?«

»Vor den Billing-Brüdern. Mit denen ist nicht zu spaßen.«

Ich nickte langsam und bedankte mich für den guten Rat. Ich würde mich teuer verkaufen, denn ich bin ein billiger Typ.

Als ich die Tür hinter mir schloss, sah ich sie für den Bruchteil einer Sekunde auf der Bettkante sitzen, die Beine gespreizt und mit einem leeren Gesichtsausdruck. Das lila Kleid schien ihr zu groß zu sein, und sie erinnerte mich an ein Mädchen, das zum ersten Mal auf einem Sommerball ist und mit dem niemand tanzen will.

2

Das Hundehaus lag nicht direkt in der Istedgade, sondern in einer der westlichen Seitenstraßen. Es war nicht einmal ein Hotel, sondern eine vierstöckige Baracke, ein Mietshaus mit fahler Fassade, abgeblättertem Putz, verzogenen Fenstern und einer Eingangstür, die lose in den Scharnieren hing. Die Treppe vor der Tür war schief.

Ich ging auf der anderen Straßenseite entlang und ließ den Blick die Stockwerke hinauf wandern. Hinter den Fenstern waren dunkelbraune Gardinen vorgezogen. Durch die meisten schimmerte Licht. Als ich vorbeiging, kam ein ziemlich alter Mann aus der Haustür. Er sah aus, als habe er gerade ein mittleres Nirwana gewonnen, und wahrscheinlich würde er im Laufe der nächsten Stunde an einem Herzinfarkt sterben. Er torkelte in Richtung Istedgade davon.

Ich biss die Zähne zusammen, überquerte die Straße und ging durch dieselbe Tür hinein. Ich kam in einen Windfang und musste noch eine Tür passieren. Als ich den Griff berührte, klingelte irgendwo eine Glocke, und als ich sie hinter mir schloss, wurde durch eine Luke irgendwo links ein Kopf herausgestreckt.

Es war ein Mann, denn das Gesicht zeigte Bartwuchs. Gelbweiße Stoppeln umrahmten einen Mund, der nass von Bier war, und die Augen blinzelten mich misstrauisch an. Seine Gesichtsfarbe war blassfahl, und umrahmt von der viereckigen Luke sah der Kopf aus wie der eines Tiers, das jemand an die Wand gehängt hatte, wie die Jagdtrophäe aus einem Albtraum. Aber er konnte sprechen und sagte: »Was willst du?«

»Reden.«

»Das kannste im Parlament machen. Hier wird nich geredet.«

»Was tut man hier denn?«

»Bezahlen und ficken. Auf jeden Fall bezahlen.«

»Wie viel?«

»Haste Interesse?«

»Könnte man so sagen, ja.«

»Sie sind jung, aber billig, und du kriegst nur ’ne halbe Stunde.«

»Wie viel?«

»Dreihundert?«, versuchte er es vorsichtig. Als ich nicht antwortete, fügte er hinzu: »Und hundert für das Zimmer.«

»Und wenn ich eine bestimmte haben will?«

»Was Bestimmtes? Was meinste? Französin? Schwedin? Schwarz?«

»Eine bestimmte. Sie heißt Lisa und kommt aus Norwegen.«

Er schnappte nach Luft und maß mich rasch von Kopf bis Fuß. »Was bist du für einer? Bulle? Wir machen hier nix Ungesetzliches.«

»Auch nicht, wenn dieses Mädchen zufällig unter sechzehn ist?«

Er lächelte schmierig. »Du bist hier nicht in Norwegen, Mann«, sagte er und machte Anstalten, die Luke zu schließen.

Ich packte ihn schneller als er gucken konnte am Jackenkragen und zog ihn wieder aus der Luke heraus. Weil seine Schulter im Weg war, gelang es mir nicht ganz, aber doch weit genug, dass es wehtat. »Möchtest du, dass ich dir den Hals umdrehe?« Ich zog mit den Fäusten den Kragen unter seinem Kinn enger zusammen.

Er hustete dünn, rang nach Luft und trat von innen gegen die Tür. Aber seine Kräfte reichten nicht weit. Er hatte zu viele Tage in dem kleinen Raum hinter der Tür zugebracht, wo seine einzige sportliche Betätigung darin bestanden hatte, den Kopf durch die Luke zu stecken.

»Ich kenne keine – wir haben keine – die Lisa heißt …«, krächzte er.

Ich behielt mit der rechten Hand seinen Kragen im Griff, holte mit der linken das Foto von Lisa heraus und hielt es ihm gnadenlos vor die Nase. Seine Augäpfel rollten in seinem Kopf herum und die Pupillen suchten etwas hinter den Lidern, aber dann fielen sie wieder herunter. »Und?«, fragte ich. »Ich kann auch zu dir reinkommen. Ich könnte noch ganz andere Dinge mit dir tun. Ich kann ganz schön brutal werden, wenn ich stinkig bin, und ich fühl mich gerade ziemlich stinkig.«

Er piepste wie eine eingesperrte Ratte und zeigte mir ein gelbes Zähnefletschen. »Ich … kann nich. Sie … werden mich umbringen …«

»Wer sie?«

»Tu’s nich … sie werden dich auch kriegen … fahr nach Hause, sag, du hast sie nich gefunden.«

»Soll ich reinkommen?« Ich verstärkte meinen Griff unter seinem Kinn und presste ihn gegen den Rand der Luke, der genau gegen seinen Kehlkopf drückte. Er schnappte nach Luft.

»Zweiter Stock«, piepste er. »Erste Tür links.« Ich ließ ihn los, und er fiel nach hinten durch die Luke zurück. »Verdammter Idiot!«, fügte er von dort drinnen hinzu.

Ich machte mir nicht die Mühe zu antworten und war schon auf dem Weg nach oben.

Hinter der Tür stöhnte jemand laut, und ich trat sie auf. Sie lag auf dem Bett, und sie war nackt. Auf ihr lag ein Mann mittleren Alters, mit flatterndem Hemd, die Hose in den Kniekehlen. Er machte einen offensichtlich vergeblichen Versuch, in sie hineinzukommen.

Als die Tür gegen die Wand schlug, schreckten beide zusammen. Er war blaurot im Gesicht, sie graubleich. Er versuchte, etwas zu sagen, sie öffnete nur den Mund. Ich schloss die Tür hart hinter mir.

Vier Jahre zuvor war ich in ein ähnliches Zimmer gekommen und hatte ein Paar in ungefähr derselben Position vorgefunden. Damals hatte es der Mann nur um Haaresbreite überlebt, aber damals kannte ich das Mädchen auch sehr gut. Diesmal war es nur ein Gesicht von einem Foto, das ich in der Tasche hatte, und der Mann war ein Schatten aus einem grauen Alltag. Deshalb sagte ich nur: »Ich bin gekommen, um dich nach Hause zu holen, Lisa.« Ich gab dem Mann ein Zeichen, dass er verschwinden sollte.

Er krabbelte aus dem Bett. Er war Ende fünfzig, und sein graubraunes Haar lag in langen Strähnen über der fettigen Glatze. Sein Gesicht war faltig wie eine Packung Wienerwürstchen, die Augen blass und der Blick unterwürfig. Er zog sich die Hose hoch und murmelte irgendwas von Geld.

»Wenden Sie sich an die Kasse«, sagte ich.

Das Mädchen von dem Foto blieb auf dem Bett liegen. Ihre Brüste waren flach, ihr Geschlecht mager und struppig. »Zieh dich an«, sagte ich. »Du wirst kalt.«

Sie schloss ihre Schenkel, wie man eine Schere nach Gebrauch schließt, und sah mich trotzig an.

Der Mann murmelte noch immer irgendwas von Geld. Auf dem Weg zur Tür hielt er inne. Die Tür wurde wieder geöffnet. Es war nicht nur einer, der herein wollte. Sie waren zu zweit und mussten nacheinander eintreten, denn sie waren so breit, dass sie nebeneinander nicht durch die Tür gepasst hätten.

Beide waren zirka einen Meter neunzig groß. Der Linke musste ungefähr hundert Kilo wiegen, der andere war ein Hänfling von nur neunzig Kilo. Dafür sah er aber durchtrainierter aus. Sie trugen groß karierte Anzüge, als seien sie auf dem Weg zum Karneval, allerdings schienen sie schon an ihrem Ziel zu sein, und ich glaubte kaum, dass dieser Karneval besonders lustig würde. Der Mann mittleren Alters hatte plötzlich zu lächeln begonnen.

Ich sagte: »Bleibt stehen, bevor ihr eine Dummheit macht.«

Da begannen auch sie zu lächeln.

Sie hatten sich nicht vorgestellt, aber ich ging davon aus, dass es sich um die Billing-Brüder handelte, denn sie sahen ziemlich fies aus.

3

Der größere der beiden bewegte sich weiter in den Raum, genauer gesagt bis zur Wand, und unterwegs nahm er mich mit. Er presste mich mit all seinen Kilos gegen die Wand, und ich fühlte mich platt wie eine Zitronenscheibe.

Der kleine Bruder blieb ein paar Schritte entfernt stehen und wandte sich auf unmissverständliche Weise an den Mann mittleren Alters: »Raus!« Nachdem dieser eilig verschwunden war, machte er die Tür hinter ihm zu und schloss ab. Der Schlüssel drehte sich mit einem schicksalsschwangeren, rostigen Laut im Schloss – ungefähr so musste es sich in der Hölle anhören, wenn sie das Tor hinter einem schließen.

Lisa hatte sich die Decke bis unter das Kinn gezogen und sah aus wie ein kleines Mädchen, das keine Märchen mehr hören wollte, aber dazu gezwungen wurde.

Ich piepste: »Hört mal, Jungs. Ihr macht einen Riesenfehler. Ich bin Privatdetektiv und aus Norwegen gekommen, um dieses Mädel nach Hause zu holen. Sie ist fünfzehn«, log ich, »und wenn ich nicht mit ihr zurückkomme, dann werden die Bullen hier auftauchen, mit allem, was sie an Staubsaugern aufbieten können, und sie werden erst Ruhe geben, wenn keine Hure in der Istedgade mehr übrig ist, und ihr werdet viel Geld verlieren. Verdammt viel Geld … Jungs?«

Der große Bruder bewegte sich kaum merkbar. Er sah auf mich herunter. Mein Gesicht befand sich ungefähr in Höhe seines Schlipses, und ich versuchte, so treu ich konnte, zu ihm aufzusehen. Seine Augen sahen aus wie grüne, schrumpelige Rosenkohlköpfe und seine Nase wie etwas, auf das schon viele draufgetreten waren. Als er sprach, klang es, als hätte er den Mund voller Brei. Er sagte: »Ruf den Chef an – und frag ihn.«

Der kleine Bruder schloss die Tür auf und ging raus.

Der große Bruder bewegte sich noch ein Stückchen. Ich versuchte mich zu bewegen, aber er klatschte einen Schinken von einer Faust gegen meine Schulter. »Bleib stehen!«

Dann machte er ein paar Schritte ins Zimmer. Er schielte auf Lisa hinunter und sah zufrieden aus. »Zeig dich mal«, sagte er.

Sie hielt die Decke vor sich. Ihre Augen waren groß geworden.

Er machte eine schnelle Bewegung und riss ihr die Decke vom Leib. Sie saß in derselben Haltung da, hatte aber nichts mehr, hinter dem sie sich verbergen konnte, nur ihre dünnen, nackten Arme unter dem Kinn. Wie sie so dasaß, war sie weniger Mädchen und ein bisschen mehr Frau. Ihre Brüste bewegten sich schwach, wenn sie atmete. Und sie atmete – schwer und langsam.

Er lächelte. »Na also. Was hältst du davon, von mir ans Bett genagelt zu werden? Ich würde – dich mit meinem Ding aufspießen, dass du die nächsten Wochen nicht einmal mehr an Männer denken könntest. Na?« Es lag ein merkwürdiges Leuchten in seinem Gesicht, etwas Jungenhaftes, als sei er in seiner Entwicklung irgendwo stehen geblieben. »Ich würde dich auf meiner Fahnenstange auf halbmast flaggen.«

Ich versuchte, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken und sagte: »Ist jemand gestorben?«

Er sah mich an. »Noch nicht.« Und wieder zu Lisa gewandt sagte er: »Wir kümmern uns nur erst um diesen Schwächling hier. Wie möchtest du sterben, Norweger? Wir kennen viele schöne Varianten.«

»Erzähl mir davon«, sagte ich.

Lisa hatte eine Gänsehaut am ganzen Körper. Sie sah aus, als würde sie die ganze Reise bedauern. Das tun die meisten nach einer Weile. Ihre Brüste ähnelten hilflosen Hundewelpen und das kleine Küken zwischen ihren Beinen war einen allzu frühen Tod gestorben. Ihre Schenkel waren dünn wie Unterarme, und auf der Innenseite erkannte man große blaue Flecken von stumpfen Nadelspitzen.

»Im Kanal«, sagte der große Bruder. »Das ist am einfachsten. Wir klopfen dir einfach mit was Schwerem auf den Kopf …« Er hielt eine Hand hoch, um mir etwas Schweres zu zeigen. »Und wenn es dunkel ist, schmeißen wir dich in den Kanal, und wenn du aufwachst, ist es kalt und dunkel um dich herum, und du bist tot.« Er erzählte fast im Telegrammstil, aber er bekam das Wichtigste mit.

»Oder wir nehmen die Hackfleischmethode. Einer von unseren Bekannten arbeitet als Putzhilfe in einer Wurstfabrik.« Er lächelte wieder.

»Ich möchte nur mit Ketchup«, sagte ich dünn.

»Und dann gibt es noch die Schatzsuchermethode. Wir graben dich irgendwo im Wald ein und schauen, wie lange es dauert, bis dich jemand findet. Meistens sind es ein paar Jahre.«

Lisa piepste vom Bett her. »K-k-kann ich mich anziehen?«

Er sah sie an, noch einmal – und ich stieß mich mit dem Fuß an der Wand ab, krümmte den Nacken und zielte mit dem Kopf auf seinen Bauch. Er bewegte sich ein paar Zentimeter, hob mich vom Boden auf und schmiss mich wieder an die Wand. Ich fiel zu Boden und blieb liegen. Irgendetwas tat weh, aber das Ganze ging so schnell, dass es eine Weile dauerte, bis mir klar wurde, dass es mein Arm war. Sicherheitshalber blieb ich liegen.

Der große Bruder lächelte. »Und dann haben wir noch die Andie-Wand-klatsch-Methode. Die ist auch ganz nett, aber ein bisschen langweilig. Sie dauert so lange.«

Ab und zu – besonders in solchen Augenblicken – frage ich mich: Was hat dich eigentlich dazu bewogen, so was Bescheuertes wie Privatdetektiv zu werden? Warum hast du dir nicht einfach einen Job in einem Büro gesucht, wo du sitzen und Briefe in Umschläge und Notizen in die Schublade und Anträge in den Papierkorb schieben könntest? Warum hast du dir nicht einen Job beim Straßenbauamt gesucht, dann hättest du den Rest deines Lebens damit zubringen können, Löcher in Straßen zu schlagen und sie wieder zuzumachen. Was hat dich dazu verleitet, ein Leben als fliegender Torpedo zu wählen, als lebendiger Punchingball, öffentlicher Spucknapf und Clown für die Armen? – Aber ich bekomme nie eine Antwort. Es kommt immer irgendjemand zu irgendeiner Tür herein.

Die Tür ging auf und der kleine Bruder war wieder da. Diesmal schloss er nicht hinter sich ab. Das bedeutete entweder, dass sie mich laufen ließen, oder dass sie mich schnellstens umlegen wollten. Der kleine Bruder konstatierte stumm, dass ich auf dem Boden lag und sagte: »Der Chef sagt, es ist okay, wir sollen ihn laufen lassen.«

Der große Bruder sah enttäuscht drein. Ich kam auf die Knie und sagte: »Grüß den Chef von mir und sag ihm, er ist ein guter Geschäftsmann.«

Der kleine Bruder sagte: »Der Chef hat gesagt, wenn du noch mal wiederkommst, dann kommst du nie mehr wieder. Kapiert?«

»Ich kapiere, dass ihr hier in der Straße die knappen Formulierungen liebt. Hat er was über – sie gesagt?« Ich nickte zu Lisa hin.

Er warf einen verächtlichen Blick auf das nackte Mädchen auf dem Bett. »Sie kann gehen. Sie war sowieso nicht gerade der Renner.«

»Aber …«, sagte der große Bruder. »Zuerst werd ich – du hast versprochen, dass ich …«

Der kleine Bruder sah den großen Bruder an und zuckte mit den Schultern. »Wenn du Lust hast, dann –«

Lisa sagte: »Nein!« Zum ersten Mal sah sie mich direkt an. »Nein, sag, dass er nicht – mach, dass er nicht –«

Ich stand ganz auf. »Sie kommt jetzt mit mir. Sonst kannst du unseren Deal vergessen.«

Beide Brüder sahen mich ungläubig an.

Ich fuhr fort: »Wenn der Chef gesagt hat, dass wir gehen sollen, dann weil er vernünftig war. Sie ist minderjährig, und das bedeutet das Ende eures Geschäfts, wenn sie und ich nicht binnen fünf Minuten dieses Haus verlassen haben. Sie und ich! Es gibt Leute, die wissen, wo ich bin, Leute, die immerhin so viel von mir halten, dass sie den Bullen schon erzählen werden, wo sie die Reste von mir finden, also überlegt’s euch – oder ruft noch mal an.«

Sie starrten mich weiterhin an.

»Zieh dich an«, sagte ich zu Lisa.

Der große Bruder sagte: »Aber –«

Der kleine Bruder fasste ihn am Oberarm. »Vergiss sie – ich werd was Besseres für dich finden, jetzt sofort. Was viel besseres! Lass sie ruhig laufen.«

Lisa zog sich die dünne Unterwäsche und die Jeans an, zog sich den Pullover über den Kopf, steckte ihre Füße in die Stiefel und war angezogen. Sie trat ganz nah an mich heran, als suche sie Schutz. Ich war ein toller Typ – eine halbe Minute lang.

Dann kam der große Bruder herüber und boxte mich in den Bauch. Es war nur ein kleiner Hieb, aber es reichte, um mich fast ohnmächtig zu schlagen. Ich lehnte mich schwer gegen die Wand, und mir wurde schwarz vor Augen.

»Verdammt noch mal!«, hörte ich den kleinen Bruder sagen. »Raus mit dir, zum Teufel. Der Chef –«

Die Tür ging auf und der kleine Bruder blieb allein zurück. Das Zimmer drehte sich um mich.

Er spuckte vor meinen Füßen auf den Boden. »Verpiss dich!«

Allerdings, ich war ein richtig toller Typ. Ich war ein so toller Typ, dass ich von einem sechzehnjährigen Mädchen gestützt werden musste, um einigermaßen aufrecht aus dem Haus zu kommen. Ich war ein so toller Typ, dass sie mich den ganzen Weg bis zum Hotel stützen musste. Wir sahen aus wie eine x-beliebige Hure mit einem x-beliebigen Kunden, deshalb nahm niemand Notiz von uns. Das einzige, was ich mich hinterher fragte, war, warum sie die Gelegenheit nicht genutzt hatte, um abzuhauen.

4

Im Hotel kannten sie mich, deshalb ließen sie mich ohne schräge Blicke Lisa mit aufs Zimmer nehmen.

Ich setzte Lisa in einen der beiden grünen Ohrensessel. Per Telefon schickte ich ein Telegramm nach Bergen, um mitzuteilen, dass wir am nächsten Morgen den ersten Flug nehmen würden. Es war 20.25 Uhr, und das bedeutete, die letzte Maschine nach Bergen war soeben gestartet. Über das Haustelefon bestellte ich zehn belegte Brote und eine Kanne Kaffee. Lisa und ich würden die Nacht zusammen verbringen, im selben Zimmer, denn ich mache selten den gleichen Fehler zweimal. Bei einer anderen Gelegenheit war ich so ehrbar gewesen, dass ich für das Mädchen, das ich gefunden hatte, ein eigenes Zimmer bestellt hatte, neben meinem, und als ich am nächsten Morgen aufwachte, war der Vogel ausgeflogen, und ich musste weitere zwei Tage in Kopenhagen verbringen.

Ich würde mich allerdings gehörig auf Abstand halten und ihr das Bett überlassen.

Lisa war stumm. Den ganzen Weg vom Hundehaus bis hierher hatte sie ein aufrichtig schmollendes Gesicht gezeigt: ein Gesicht, wie es Menschen ihres Alters sonst meistens ihren Eltern vorbehalten. Ich hatte auch nicht so viel zu sagen, also benahmen wir uns, als seien wir blutsverwandt und sprachen kein Wort miteinander.

Ein Mann in einer weißen Jacke kam mit den Broten und dem Kaffee. Er deckte den kleinen runden Serviertisch für uns, goss Kaffee in zwei weiße Kaffeetassen und fragte, ob wir Zucker oder Sahne wünschten. Lisa antwortete nicht und ich sagte: »Nein danke, heute nicht.«

Dann verschwand er, und wir gingen zum Angriff auf die belegten Brote über. Sie waren auf diese übertriebene dänische Weise dekoriert und erinnerten eher an Blumengebinde als an Brote. Die Auflage stapelte sich in die Höhe und in die Breite, als gelte es, eine Weltmeisterschaft zu gewinnen, und wenn man hineinbiss, spürte man die Auflage weit die Wangen hinauf und fast bis zu den Ohren.

Lisa schlürfte ihren Kaffee, schubste demonstrativ den ganzen Belag von ihrem Brot und aß es trocken. Sie starrte auf die Tischdecke. Sie war blau.

Die Wände waren weiß, und auf dem Bett lag ein Überwurf mit einem Muster aus großen Rosetten in Blassblau und Weiß. An einer Wand hing ein Bild, das einen Bauernhof zeigte. Ein Ehepaar stand dort und sah auf einen Hund hinunter, der fröhlich an ihnen hochsprang – stilistisch ein später Disney.

Ich sagte: »Was ist eigentlich los?«

Sie starrte auf die Tischdecke und antwortete nicht.

Also fuhr ich fort: »Ich frage nicht aus Neugierde, oder weil ich es deinen Eltern weitererzählen will oder den Bullen oder sonst irgendjemandem. Ich frage, weil ich dir gern helfen will. Wenn ich kann.«

Zum ersten Mal, seit wir das Hundehaus verlassen hatten, sah sie mich an. »Wer hat Sie geschickt?«, fragte sie. Ihr Blick war voller Misstrauen, als wolle sie sagen, auch wenn ich antwortete, müsste ich dennoch nicht denken, dass sie mir glauben würde.

»Dein Vater. Er kam gestern Morgen in mein Büro, weil er und deine Mutter sich Sorgen machten, wo du geblieben warst …«

»Ha!«

»Und weil sie nicht die Polizei einschalten wollten. Ich habe es so verstanden, dass du – dass du schon mal mit ihnen zu tun gehabt hast. Sie haben eine Einweisung für dich bewirkt, wenn du – gesund werden willst.«

»Gesund? Mir fehlt gar nichts! Aber ihnen fehlt was! Sie sind beide krank. Geisteskrank.«

Ich sagte: »Fühlst du dich – ganz fit?«

Sie antwortete nicht.

»Deshalb setzt du dir also die Spritzen?«

»Sp-spritzen?«

»Ich habe die Einstiche an deinen Schenkeln gesehen, Lisa. Ich sehe so was nicht zum ersten Mal. Sie sprechen eine deutliche Sprache.«

»Was zum Teufel hast du mir auf die Schenkel zu glotzen, altes Schwein!«, rief sie heftig und fegte vier Brote auf den Boden, schmiss die Kaffeekanne und ihre eigene Tasse um und brach in Tränen aus. Ihr Gesicht wurde dunkelrot, und die Tränen schossen ihr aus den Augen.

Ich erhob mich stumm und sammelte die Reste der Blumendekoration vom Boden auf, stellte die Kaffeekanne und die Tasse wieder an ihren Platz, sah mich nach einem Wischtuch um, fand aber keins und holte stattdessen ein Handtuch aus dem Bad.

Ich ließ sie weinen: ein heftiges, kindliches Weinen – wie das eines kleines Mädchens, dem jemand die schönste Puppe kaputtgemacht hatte oder das die Schokolade nicht bekommen hatte, auf die es gezeigt hatte.

Ich betrachtete sie. Ihr kindliches Weinen unterstrich noch, dass sie genau das war: ein Kind, eine kleine Frau, die gerade sechzehn geworden war. Vor ein paar Jahren war sie ein kleines Mädchen in einem Hauseingang gewesen oder an einem Gartenzaun oder in einer Ecke des Schulhofes. Noch ein paar Jahre vorher hatte sie in der Sandkiste gesessen oder war vor Freude jubelnd eine Rutsche hinuntergerutscht. Vor wenigen Jahren war sie wirklich noch ein kleines Kind gewesen. Wenn sie gelacht hatte, hatte sie gelacht – und wenn sie geweint hatte, hatte sie geweint. Wenn sie jetzt lachen würde, dann wäre es ein hysterisches Lachen – und als sie weinte, war das Weinen ein einziger Krampf.

Schließlich hatte sie keine Tränen mehr, weinte aber immer noch. Ihr Körper schnappte nach Luft. Die trockenen Schluchzer kamen aus der Magengegend, aus dem zerzausten Unterleib, in den so viele Männer mittleren Alters ihren Fühler gesteckt hatten.

Sechzehn armselige Jahre war sie alt. Als sie geboren wurde, war ich einundzwanzig gewesen und weit, weit weg, an Bord eines Schiffes, das ›Bolero‹ hieß und in die Staaten fuhr. Als sie fünf war, war ich sechsundzwanzig und ging auf die Hochschule für Sozialwesen in Stavanger und hatte gerade eine Frau mit Namen Beate kennen gelernt, damals noch mit dem Nachnamen Larsen, im Jahr darauf dann Veum – heute heißt sie Wiik. Und Lisa ging noch nicht in die Schule. Als sie zehn Jahre alt war, war ich schon zum ersten Mal in Kopenhagen gewesen, für das Jugendamt, und hatte ein Mädchen, das so alt war, wie sie jetzt, nach Hause geholt – und Lisa war zehn gewesen und in die Grundschule gegangen. Und jetzt …

Jetzt saßen wir beide in einem anonymen Hotelzimmer in einer Großstadt mit Janus-Gesicht. Tivoli, Tierpark und fröhliche Touristen auf der einen Seite, Drogenmissbrauch, Prostitution und Tod auf der anderen. Unsere Wege hatten sich plötzlich gekreuzt, auch wenn keiner von uns beiden darüber besonders erfreut war.

Der Sturm in ihr legte sich. Sie saß mit erschöpftem Gesichtsausdruck da, wie nach einer Geburt. Ihr Haar war verschwitzt und zerzaust, ihr Gesicht hatte rote Flecken, ihre Augen waren rotgerändert und blickten starr. Sie sah von ganz unten irgendwo kurz zu mir auf und fragte: »Hast du eine Zigarette?«

Ich sagte: »Nein, aber ich kann welche bestellen.«

Sie nickte.

Ich rief in der Rezeption an und fragte, ob jemand mit einer Packung Zigaretten und einer Schachtel Streichhölzern zu uns raufkommen könnte. Es kam derselbe Mann, der uns schon den Kaffee gebracht hatte. Er sah Lisa verwundert und mich skeptisch an. Ich begleitete ihn zur Tür und sagte leise: »Sie hat Probleme.«

Er zuckte mit den Schultern. »Wer hat die nicht?« Auf seine knappe Weise war das auch eine Art Lebensphilosophie.

Lisa öffnete geübt die Zigarettenpackung, steckte sich eine Zigarette in den Mund und zündete sie mit zittrigen Fingern an. Sie sog den Rauch ein, und es war mir schleierhaft, wo er blieb, denn er kam nicht wieder heraus. Ihre Lungen mussten völlig durchlöchert sein.

Mit der Zigarette fand sie ein Stück von sich selbst wieder. Langsam sah ich, wie ihre Gesichtszüge, die von dem heftigen Weinen ganz aufgeweicht waren, wieder starr wurden, hart und undurchdringlich.

Aber das Zittern ihrer Hände und die unkontrollierten Zuckungen ihres Körpers konnte sie nicht verbergen. Ich wusste, es ging ihr nicht gut. Ich nahm an, sie hatte ihre letzte Spritze am Nachmittag bekommen, bevor sie »zur Arbeit« ging. Ich wusste nicht, wie abhängig sie war, wie lange sie schon an der Nadel hing, aber ich nahm an, dass sie schon begonnen hatte, den unbarmherzigen Sog in sich zu spüren. Ich nahm sogar an, dass die Wellen in ihrem Inneren schon ziemlich hoch schlugen. Der Flug am nächsten Morgen würde ein Albtraum für sie werden, und sie würde mehr tot als lebendig in Bergen ankommen. Aber in jedem Fall gab es einen freien Platz in der psychiatrischen Klinik für sie, und außerdem jemanden, der ihr durch die erste furchtbare Zeit helfen würde – durch die erste, endlose Nacht, eine zweiwöchige oder dreiwöchige Nacht, je nachdem – und dann, wenn sie Glück hatte, wieder hinaus in den Tag. Und das, was all die Anstrengung, all die Qual mit Sinn erfüllte, war, ich wusste, dass dieser Tag, wenn sie es denn schaffte, um so vieles heller und klarer als irgendein Tag sein würde, den sie je erlebt hatte. Sie würde die Sonne stärker und wärmer spüren, das Grün der Bäume und des Grases würde intensiver, der Himmel würde so blau sein – und sie würde sich verliebt fühlen, offen, verliebt und glücklich. Sie würde ihr Schicksal preisen, und vielleicht würde sie auch für den Bruchteil einer Sekunde einen dankbaren Gedanken zu Veum, dem Willigen schicken: immer zur Stelle, wenn Sie rufen, nimmt Schläge dankbar entgegen …

Die Glut fraß die Zigarette so schnell auf, dass man dabei zusehen konnte, und sie steckte sich eine neue an. Etwas von dem Rauch musste sich hinter ihren Augen sammeln, denn sie wurden merkwürdig trüb. Aber durch den grauen Nebel sah ich etwas Hartes und Zynisches schimmern, das zu einer fünfzigjährigen Hure passte, aber nicht zu einem sechzehnjährigen Mädchen. Und ich wusste, dass sie mich hasste – weil ich sie schwach gesehen hatte, sogar zweimal.

Ich wusste, dass sie mich hasste, und ich wusste, dass ich keine Sekunde schlafen durfte, dass ich es mir gut überlegen musste, bevor ich zum Pinkeln rausging, und dass ich ihr am besten nicht einen Augenblick den Rücken zukehrte.

Ich sagte: »Wir müssen morgen früh aufstehen, Lisa. Du solltest schlafen gehen.«

Es blitzte in ihren Augen auf. »Und wo gedenkst du zu liegen?« Sie brauchte noch nicht einmal das verächtliche »du geiler alter Sack« hinzuzufügen; ihr ganzes Gesicht sagte es, die gefletschten Zähne, die höhnisch zurückgezogene Oberlippe. Ich war siebenunddreißig und fühlte mich doppelt so alt. Ich fühlte mich, wie in schon mehrmals benutztes, fettiges Butterbrotpapier eingewickelt.

Ich hielt meine Stimme in einer leisen und geduldigen Tonlage, um zu unterstreichen, dass ich mich nicht provozieren ließ. »Nirgends. Ich habe vor, hier sitzen zu bleiben, in diesem Sessel, Kaffee zu trinken und ein Buch zu lesen. Ich habe nicht vor, auch nur eine Sekunde lang die Augen zu …«

»Ich habe nicht gefragt, ob du vorhast, die Augen zuzumachen, ich habe gefragt, wo du liegen willst. Ich weiß genau, wonach du gierst. Ich weiß genau, was du willst.«

Ich sagte: »Wie ich gesagt habe, ich –«

»Aber du sollst dafür bezahlen!«, stieß sie heftig hervor. »Glaub bloß nicht, dass du es gratis kriegst. Zweihundert Kronen pro Nummer, und nicht eine Öre weniger.« Sie hob das bisschen Brust, was sie hatte, nach vorn, legte die eine Hand in den Nacken und schob ihr Haar nach oben, während sie mich mit der Karikatur eines Vampblickes ansah und ihre Zungenspitze lüstern über ihre Lippen gleiten ließ. Vielleicht hatte ich mich geirrt. Vielleicht war sie kein Kind mehr, sondern eine viel zu reife junge Frau in einem viel zu kleinen Körper.

Ich lächelte sie schief an. »In zehn Jahren und mit fünfzehn Kilo mehr kannst du es noch mal versuchen, Lisa. Dann werd ich es mir überlegen. Du bist irgendwie nicht – mein Typ.«

»Wie willst du sie denn haben? Fünfzig Jahre alt und fett wie Elefanten? Pfui Teufel, was für ein altes Schwein du bist! Du bist wirklich ein altes Schwein.« Sie sagte es also doch noch. Sogar zweimal. Sie rechnete wohl damit, dass ich es schwer nehmen würde. »Scheiße«, sagte sie abschließend zu sich selbst.

Sie steckte sich eine neue Zigarette an und rauchte stumm. Ich trank langsam meinen Kaffee und holte das Buch hevor, das ich lesen wollte. Es war ein amerikanischer Roman über einen CIA-Agenten, der Krach mit seiner Frau hatte. Irgendwie klang das vertraut. Ich las mir den Rückentext durch. Manchmal braucht man Bücher nicht mehr zu lesen, wenn man gelesen hat, was hinten draufsteht. Auf diese Weise kann man viele Bücher lesen. Man wird belesen und schlagfertig und ein populärer Unterhalter auf Cocktailparties. Wenn man denn zu welchen eingeladen wird.

Schließlich wurde es ihr zu langweilig, so dazusitzen. Sie stand auf. »Ich geh aufs Klo. Willst du mit und Händchen halten?« Die Zuckungen waren jetzt bis in ihr Gesicht vorgedrungen.

Ich sagte: »Nicht ganz.« Aber ich stand auf und ging mit ihr zusammen auf die Toilette. Ich versicherte mich, dass dort keine scharfen Gegenstände herumlagen und dass sie sich nicht an den Handtüchern erhängen konnte. Sie war schon dabei, ihre Hose herunterzuziehen. Ich ließ die Tür einen Spalt offen stehen und hörte das plätschernde Geräusch aus der Kloschüssel. Als sie wieder hereinkam, hatte sie nur den Reißverschluss hochgezogen, den Knopf aber nicht zugemacht. Ich sah, dass sie etwas mit ihren Haaren gemacht hatte. Aber sie hatte keinen Kamm, und sie hätte sich hundert Jahre kämmen müssen, um die Zuckungen aus ihrem Gesicht zu kämmen.

Ich sagte: »Geh jetzt schlafen. Das wird dir gut tun.«

Sie trat ganz nahe an den Tisch neben mir, spreizte ihre Schenkel vor mir und ließ eine kleine magere Hand liebkosend die Innenseiten ihrer Jeansbeine entlang gleiten, über den zerschlissenen, blauweißen Stoff. Ihre dünnen Schenkel sahen noch kläglicher aus als vorher.

Mit der einen Hand zerzauste sie mein Haar. Sie versuchte, ihrer Stimme einen sexy Unterton zu geben, als sie sagte: »Nun sei doch nicht blöd. Jetzt hast du die Chance. Kannst du nicht – ich brauch dringend – einen Schuss … Du kannst mich umsonst haben, wenn du mir nur … Ich komm mit dir nach Hause zu den Alten und geh in die Klinik und mach, was du willst mit dir und sag es keiner Menschenseele, aber gib mir –«

»Lisa …«

»Hundert Kronen? Fünfzig!«

»Geh schlafen, Lisa.«

Sie spuckte mir ins Gesicht. Ich war nicht nur ein altes Schwein, ich war auch ein verdammter Schwuler, und ich sollte mich doch ins Knie ficken und verdammten Strichern den Arsch lecken – ja, ich sollte ihn mir doch selbst – ja, bis ich alt und grau wäre: Sie hatte eine lange Reihe guter und erbaulicher Vorschläge, was ich mit diesem und jenem tun könnte. Aber ich hatte ein Buch, und das sagte ich ihr.

Dann drehte sie mir demonstrativ den Rücken zu und begann, sich auszuziehen. Ich sagte: »Du brauchst dich nicht …«

Sie drehte sich abrupt um. »Warum nicht? Hast du Angst, dass du geil wirst?« Sie zog sich den Pullover über den Kopf und hielt mir ihre kleinen Brüste entgegen. »Guck mal!« Sie rollte sich die Hose herunter, aber bevor sie sich den Slip auszog, schien sie sich plötzlich zu besinnen und wieder war eine Andeutung von Tränen in ihren Augen. Brust und Bauch zuckten heftig und die blauen Flecken auf ihren Schenkeln starrten mich wie leere Augenhöhlen an. »Bitte! Gib mir einen Schuss …«

Das Schlimme an drogenabhängigen Menschen ist, dass ihnen jegliches Schamgefühl verloren gegangen ist. Gerade noch haben sie dich beschimpft, und jetzt liegen sie vor dir auf den Knien. Gerade noch haben sie dich so sehr gehasst, dass sie dich hätten töten können, und jetzt sind sie willig, dich von heute bis in alle Ewigkeit zu lieben, wenn du ihnen nur bald einen Schuss besorgst.

Ich wiederholte geduldig: »Geh schlafen, Lisa. Es tut mir wirklich Leid. Ich weiß, dass es dir verdammt dreckig geht, aber ich kann dir absolut nichts geben. Ich habe nichts, was ich dir geben könnte.«

Wäre ich Polizist gewesen, hätte ich sie mit Handschellen an das Bett fesseln können, aber ich hatte nur ein Buch über einen CIA-Agenten und seine Frau, und das würde sie wohl kaum fesseln.

»Du bist ein verdammtes Arschloch!« Ihre kleinen Brüste tanzten, als sie herumfuhr. Sie sah sich verzweifelt nach etwas um, das sie nach mir werfen konnte, fand aber nichts. Stattdessen trat sie gegen den kleinen Tisch, sodass beide Tassen, die Kaffeekanne und der Rest der belegten Brote auf dem Boden landeten. Ich stand auf und trat auf sie zu. Ihre Augen blitzten mir entgegen. »Rühr mich nicht an! Halt deine dreckigen Hände weg!«

Sie wich zurück, bis sie an die Wand stieß. Wie ein gefangenes Tier starrte sie mich an, und es war wirklich etwas Wildes in ihrem Blick. Wenn ich die Hand ausstreckte, würde sie beißen.

Ich zeigte auf das Bett. »Geh schlafen, Lisa! Geh schlafen!«

Dann ließ sie die Schultern wieder hängen. Plötzlich hatte sie begriffen, dass es keinen Sinn hatte. Sie behielt den Slip an, krabbelte ins Bett und, so weit sie konnte unter die Decke, drehte mir demonstrativ den Rücken zu und krümmte sich um ihre Hände und ihre Schenkel zusammen.

Ich stellte den Tisch wieder hin, räumte die Reste der eindrucksvollen Abendmahlzeit zusammen, ging auf die Toilette und füllte Wasser in eine Kaffeetasse, ging wieder zu meinem Ohrensessel und setzte mich hinein.

Ich saß da und betrachtete die Wand über ihr, die Konturen ihres Körpers unter der Decke, sah durch die Wand nach draußen, in die Nacht: Immer die gleichen Schicksale, die verzweifelten, frühreifen Kinder, die hilflosen Eltern, die Huren und die Zuhälter, die Verlierer und die, die daran verdienen. Und ich wusste, dass es keinen Sinn hatte zu denken, dass es keinen Sinn hatte zu reden. Das einzige, was half, war handeln. Das einzige was half, war dorthin zu fahren, wieder und wieder, bis es keinen mehr zu holen gab, bis es keine Istedgade mehr gab und keinen Grund mehr, an solche Orte zu fahren.

Lisa lag im Bett wie ein Panther auf dem Sprung. Ich wusste, wenn es eine Lücke gäbe, würde sie springen.

Ich glaubte keine Sekunde, dass sie schlafen würde. Ich wusste, dass sie wartete. Ich schlug mein Buch ungefähr auf Seite 50 auf und begann zu lesen.

5

Aber sie musste doch geschlafen haben. Und ich auch. Denn das Letzte, woran ich mich erinnere ist, dass der CIA-Agent dalag und seine Frau neben sich atmen hörte, ohne selbst einschlafen zu können. Ich musste vor ihm eingeschlafen sein, denn dann weckte mich der Schrei.

Es war ein gellender, elektrischer Schrei; es war eine wilde Lokomotive, die schrie, während sie mit 200 Stundenkilometern aus einer Tunnelöffnung schoss; es war der Schrei einer Möwe, die von einem herabstürzenden Düsenflugzeug zermalmt wird; der Schrei eines Schakaljungen, das von einer Horde Elefanten zertrampelt wird; es war der Schrei einer Sechzehnjährigen, die von Entzugssymptomen geschüttelt wurde.

Ich warf Arme und Beine in die Luft, riss die Augen auf und wurde von dem grellweißen Licht geblendet. Der Schrei kam auf mich zu, wie von tausend schmerzenden Fingern getragen, und etwas schlug mir ins Gesicht und gegen die Brust, trat gegen meine Beine und Knie. Ich schützte mich mit den Händen und den Unterarmen, spürte einen glatten und verschwitzten Oberkörper. Die nackte Haut schien fieberheiß unter meinen Fingern. Meine eine Hand berührte eine Brustwarze, die steinhart war. Ein süßlicher Duft kam mir entgegen, eher Übelkeit erregend als verführerisch. Ihr Körper glitt zur Seite, und ich hörte, wie sich der Schrei in Fluchen verwandelte, in Winseln, in hysterisches Weinen.

Jetzt sah ich klar. Sie lag zusammengesunken über der Stuhllehne, das Gesicht an meinen Bauch gedrückt, ihre Hände umklammerten meine Schenkel, und ihr Haar lag wie Seetang auf meinem hellblauen Hemd. Ihre Wirbelsäule stach aus dem weißen Rücken hervor wie eine Bergkette, weit, weit unten, wenn man aus dem Flugzeug schaut.

Es klopfte kräftig an der Tür. »Hallo? Hallo?«, ertönte eine belegte Stimme. »Was ist da drinnen los? Wenn nicht bald Ruhe ist, dann ruf ich den Portier.«

Ich machte mich mühsam frei, hob sie ein wenig in meine Arme, spürte, dass sie kaum mehr als 45 Kilo wiegen konnte. Ich legte sie sanft wieder auf das Bett. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, wie um sich gegen das grelle Licht zu schützen. Wieder wurden ihre Brüste zu nichts als versteinerten Warzen und wo andere Menschen einen Bauch haben, hatte sie eine tiefe, pochende Kuhle. Ich deckte sie mit der leichten Decke zu, fuhr mir mit der Hand durch die Haare und ging zur Tür, um sie zu öffnen. Die Tür zum Schlafzimmer ließ ich angelehnt. Ich ging nach wie vor kein Risiko ein.

Draußen stand ein fülliger, rotgesichtiger Däne. Er trug ein weißes T-Shirt, eine dunkle Hose mit grauen Hosenträgern, und das fettige Haar stand ihm zu Berge. Er war barfuß, hatte Schweißperlen im Gesicht, und ich nahm an, dass er ungefähr dreimal so viel wog wie Lisa. »Was zum Teufel treiben Sie da drinnen mitten in der Nacht?«, zischte er misstrauisch, als er mich sah. »Vergewaltigung?«

Ich sagte: »Tut mir leid, dass ich Sie geweckt habe, aber es war ein – Albtraum.«

»Sie sehen ja verdammt noch mal selbst wie ein Albtraum aus. Wen haben Sie da drinnen?« Er versuchte, an mir vorbeizusehen, über meine Schultern.

Ich lehnte mich in den Türrahmen und versperrte ihm den Blick. »Sie können an der Rezeption nachfragen«, sagte ich müde. »Es ist kein Geheimnis. Ich bin ein international bekannter Pädophiler, und das Mädchen da drinnen war vor fünf Minuten noch Jungfrau. Jetzt ist sie es nicht mehr.«

Er sah mich an – öffnete den Mund, der nicht schön war, auch innen nicht. Die Zähne waren Löcher mit weißen Rändern. Die Zunge erinnerte an verdorbenen Wurstaufschnitt.

Ich sagte: »Gute Nacht.«