Dr. Jakobs Diagnosen - Patricia Vandenberg - E-Book

Dr. Jakobs Diagnosen E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! Sophie Petzold wusste genau, wann es begann. Es war ein Montagmorgen nach einem perfekten Wochenende zu dritt. Das Baby auf ihrem Arm war gerade wieder eingeschlafen, sie brachte ihren Freund noch zur Tür, und Dr. Matthias Weigand gab ihnen beiden noch einen Kuss. Ganz vorsichtig nur, damit das kleine Mädchen in ihren Armen nicht erwachte. »Bis nachher, meine beiden Frauen«, raunte er ihr zu. Ein letzter, zärtlicher Blick. Dann hörte Sophie auch schon seine Schritte im Treppenhaus. Sie stand im Flur, das Baby im Arm, und fühlte sich wie der einsamste Mensch der Welt. Dabei hatte sie gar keinen Grund dazu. Felicitas Norden hatte angekündigt, auf dem Weg zur Arbeit vorbeizukommen und ein paar Babykleider aus ihrem Fundus zu bringen. Über die Grenzen ihres Viertels hinaus war Fee bekannt für ihre Wohltätigkeit. Wo immer eine Familie in Not war, einen Kinderwagen, Spielzeug oder Kleidung brauchte, war sie zur Stelle. Nach ihrem Herzinfarkt konnte sie langsam wieder damit beginnen, die Basare nach günstigen, gut erhaltenen Artikeln abzuklappern. Ihr Sohn Jan unterstützte ihre Bemühungen im Internet. Ihm gefiel der ökologische Gedanke an dieser Idee. Warum immer mehr produzieren, wo doch genügend Dinge im Umlauf waren und nur die Umverteilung reguliert und organisiert werden musste? Manchmal glich das Haus der Familie Norden einem Taubenschlag. Immer wieder kamen Menschen vorbei, um Spenden abzugeben.

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Seitenzahl: 99

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Chefarzt Dr. Norden – 1133 –Dr. Jakobs Diagnosen

Ist er jetzt zu weit gegangen?

Patricia Vandenberg

Sophie Petzold wusste genau, wann es begann. Es war ein Montagmorgen nach einem perfekten Wochenende zu dritt. Das Baby auf ihrem Arm war gerade wieder eingeschlafen, sie brachte ihren Freund noch zur Tür, und Dr. Matthias Weigand gab ihnen beiden noch einen Kuss. Ganz vorsichtig nur, damit das kleine Mädchen in ihren Armen nicht erwachte.

»Bis nachher, meine beiden Frauen«, raunte er ihr zu. Ein letzter, zärtlicher Blick.

Dann hörte Sophie auch schon seine Schritte im Treppenhaus. Sie stand im Flur, das Baby im Arm, und fühlte sich wie der einsamste Mensch der Welt. Dabei hatte sie gar keinen Grund dazu. Felicitas Norden hatte angekündigt, auf dem Weg zur Arbeit vorbeizukommen und ein paar Babykleider aus ihrem Fundus zu bringen.

Über die Grenzen ihres Viertels hinaus war Fee bekannt für ihre Wohltätigkeit. Wo immer eine Familie in Not war, einen Kinderwagen, Spielzeug oder Kleidung brauchte, war sie zur Stelle. Nach ihrem Herzinfarkt konnte sie langsam wieder damit beginnen, die Basare nach günstigen, gut erhaltenen Artikeln abzuklappern. Ihr Sohn Jan unterstützte ihre Bemühungen im Internet. Ihm gefiel der ökologische Gedanke an dieser Idee. Warum immer mehr produzieren, wo doch genügend Dinge im Umlauf waren und nur die Umverteilung reguliert und organisiert werden musste? Manchmal glich das Haus der Familie Norden einem Taubenschlag. Immer wieder kamen Menschen vorbei, um Spenden abzugeben. Nicht immer deckten sich Angebot und Nachfrage. Manchmal beschwerte sich ihr Mann Daniel Norden schon, dass der Keller einem Warenhaus glich. Dann sammelte Fee ein paar Stücke zusammen und verteilte sie unter ihren Freundinnen und Bekannten. Diesmal war es die Assistenzärztin Sophie Petzold, die in den Genuss ein paar edler Spenden kam.

»Ich weiß auch nicht, was los ist«, klagte sie Fee bei einer Tasse Tee ihr Leid. »Die vergangenen Tage waren auch nicht anders als die Tage davor. Und da war ich noch glücklich. Und plötzlich ist alles anders.« Sie betrachtete den Säugling, der in seinem Stubenwagen schlief. Er lächelte selig. Schwer vorstellbar, dass sich sein Engelsgesicht innerhalb von Sekundenbruchteilen in ein zorniges, rotes Teufelchen verwandeln konnte. »Ich bin gereizt, wenn sie weint und gereizt, wenn sie nicht schlafen will. Dann bin ich sauer auf sie, auf, mich, sogar auf Matthias. Und der kann ja am allerwenigsten dafür.«

Felicitas hörte einfach nur zu. Ihre Kinder waren längst groß. Die beiden Jüngsten machten in diesem Frühsommer ihr Abitur. Trotzdem erinnerte sie sich an diese Zeit, aufreibend und wunderschön zugleich. Sie erinnerte sich daran, wie sie sich selbst gefühlt hatte. Das Schlimmste daran war wohl diese Einsamkeit gewesen. Zumindest beim ersten Kind. Herausgerissen aus dem Beruf, dem gewohnten Umfeld. Ohne neues soziales Netzwerk, ohne Leidensgenossinnen hatte sie sich manchmal wie eine Außerirdische gefühlt.

»Ich weiß genau, was du meinst. Du brauchst einfach ein paar Leute um dich. Ein bisschen Normalität.«

Sophie nippte an ihrem Tee.

»Weißt du was? Ich lade euch zum Essen ein. Gleich heute Abend. Dann habe ich endlich etwas zu tun. Einen Plan. Ich kann Kochbücher wälzen und auf dem Markt einkaufen gehen. Kochen findet Lea sowieso gut. Sie liebt das Brummen der Dunstabzugshaube.« Ihre Augen glänzten. Täuschte sich Fee, oder sah Sophie plötzlich frischer aus? Lebendiger? »Habt Ihr Zeit? Bitte sag »ja!«.«

»Ist dir das nicht zu viel?«

»Nein, nein, wirklich nicht. Ich würde mich wahnsinnig freuen.«

Im Geiste ging Felicitas den Plan für den Tag durch. Ihr Mann Daniel war schon seit acht Uhr in der Klinik. Sicher konnte er sich am Abend rechtzeitig frei machen. Sie selbst arbeitete noch im Schongang.

»Ich spreche mit Dan und gebe dir so schnell wie möglich Bescheid«, versprach sie an der Wohnungstür.

»Ich freue mich so.« Sophie hüpfte von einem Bein auf das andere. »Ist acht Uhr in Ordnung?« Ihre Augen strahlten wie die eines Kindes, das Geburtstag hatte.

In diesem Moment wusste Fee, dass eine Absage ausgeschlossen war.

»Wir freuen uns auch. Vielen Dank.«

Ein wütender Aufschrei aus der Küche beschleunigte die Abschiedszeremonie. Doch diesmal war Sophie nicht gereizt. Als könnte sie kein Wässerchen trüben, verabschiedete sie sich von Fee und eilte zu ihrer Tochter, um ihr von den wundervollen Neuigkeiten zu berichten.

*

»Haben Sie noch eines von diesen fantastischen Hörnchen? So eines, wie Dr. Norden hat.« Dr. Matthias Weigand stand im Klinikkiosk und deutete auf seinen Chef, der es sich am Holztisch unter einer Palme bequem gemacht hatte. Zeit für ein Frühstück musste sein.

»Gehen Sie nur. Ich bringe es gleich vorbei«, versprach Oskar.

Matthias kehrte zu seinem Kaffee zurück.

»Es geht doch nichts über ein Frühstück aus der besten Bäckerei der Stadt«, seufzte Daniel. Brösel und Nussstückchen regneten auf seinen Teller.

»Ich hätte da schon eine Idee.« Matthias nippte an seinem Kaffee, extra schwarz und extra stark, imstande, einen Toten zu wecken. »Eine durchgeschlafene Nacht zum Beispiel.«

Daniel pflückte ein Stück Blätterteig aus dem Mundwinkel.

»Schläft Lea immer noch so schlecht?«

Matthias Weigand zog eine Augenbraue hoch.

»Schon gut, ich habe verstanden. Tut mir wirklich leid, es kommt nicht wieder vor.« Dr. Norden wartete, bis Oskar das Hörnchen serviert hatte. »Im Übrigen finde ich es bewundernswert, wie du dich um Sophies Tochter kümmerst.«

»Du meinst wohl, um unsere Tochter«, korrigierte der Notarzt seinen Freund und Chef.

Daniel lachte.

»Heute kann ich es offenbar nur falsch machen. Hoffentlich bekommen deine Patienten deine schlechte Laune nicht zu spüren. Falls doch, leite ich die Beschwerden an dich weiter.« Er stellte das Geschirr zusammen. Höchste Zeit, an die Arbeit zu gehen.

Eine vertraute Stimme lenkte ihn von seinem Plan ab.

»Einen wunderschönen guten Morgen, allerseits.«

Matthias verdrehte die Augen. Schlaflose Nächte, eine Frau, die bei jeder Kleinigkeit an die Decke ging. Und nun auch noch die Begegnung mit Leas Vater. Es gab Tage, die waren von vornherein zum Scheitern verurteilt.

»Morgen!«, beschränkte er sich auf die allernötigste Höflichkeitsfloskel.

Doch Jakob schien diese Antwort als Einladung zu genügen. Er blieb stehen und musterte sein Gegenüber eingehend. Daniel Norden witterte Ärger. Er zog es vor, sich schnell zu verabschieden.

Jakob störte sich auch daran nicht.

»Schlecht geschlafen?«, fragte er. »Daran wird doch wohl nicht meine Tochter schuld sein? Ich würde Lea ja gern übers Wochenende nehmen …«

Matthias ging das Messer in der Tasche auf.

»Danke. Nicht nötig.« Warum hielt sich Jakob nicht an die Vereinbarung? Schon vor der Geburt war es ausgemachte Sache gewesen, dass er auf alle Rechte verzichtete. Anfangs schien der junge Mann darüber erleichtert gewesen zu sein. Nur noch die Hälfte seiner Freizeit zur Verfügung zu haben, war nicht gerade ein verlockender Gedanke für einen jungen Mann wie ihn. Doch seit Lea auf der Welt war, schien Jakob unter Vergesslichkeit zu leiden. »Wir fahren über das Wochenende weg.«

»Schade. Dann nicht.« Jakob steckte die Hände in die Hosentaschen und wippte auf den Sohlen vor und zurück. »Ich finde, wir drei sollten uns mal unterhalten. Ich meine Sophie, dich und mich. Lea kann ja noch nicht reden.« Er lachte.

Matthias stürzte seinen Kaffee hinunter. Klirrend landete die Tasse auf dem Unterteller.

»Ich wüsste nicht, was wir zu besprechen hätten.«

Ein Piepen zerriss die Luft. Dr. Weigand atmete auf. Vielleicht hatte der Tag eben beschlossen, doch nicht so schlecht zu werden.

»Ein Notfall. Ich muss los.«

Jakob überlegte nicht lange.

»Ich komme mit. Bin heute sowieso in der Ambulanz zum Dienst eingeteilt.«

*

Das Baby schrie wie am Spieß. Jeder von Carinas Versuchen, ihre kleine Tochter Ines zu beruhigen, schlug fehl.

»Sie will nicht, dass ich zur Arbeit gehe«, stellte Juan fest und beugte sich über das Kinderbett. »Aber Papa muss arbeiten gehen, damit wir deinen Lieblingsbrei für dich kaufen können. Komm, sei ein braves Mädchen. Au!«, schrie er, richtete sich kerzengerade auf und strecke den Zeigefinger in die Luft. »Sie hat mich gebissen.«

»Warum fasst du ihr auch in den Mund.« Carina untersuchte den Zeigefinger. »Alles gut. Du wirst nicht sterben.« Noch nicht einmal eine Furche war zu sehen.

»Du nimmst mich nicht ernst.« Juan schickte seiner Frau einen Blick, der sich gewaschen hatte. Grußlos verließ er das Kinderzimmer. Kurz darauf fiel die Wohnungstür ins Schloss.

Carina atmete tief ein und aus. Sie hielt sich am Kinderbett fest und gönnte sich eine kurze Pause. Ganz im Gegensatz zu Ines. Unglaublich, welch schwindelerregende Höhen so eine Babystimme erreichen konnte. Bevor Carina die Trommelfelle platzten, nahm sie das Kind aus dem Bett. Schlagartig hörte das Geschrei auf.

»Das war eine sehr wertvolle Erziehungsmaßnahme, nicht wahr.« Kopfschüttelnd wanderte Carina mit der knapp Einjährigen durch das Zimmer ans Fenster. »Magst du deinem Papa noch auf Wiedersehen sagen?«

Der kleine Körper wurde von Schluchzern geschüttelt. Eine übrig gebliebene Krokodilsträne löste sich aus dem Wimpernkranz – jeder Teenager wäre neidisch auf diese dichten Wimpern gewesen – und rollte über die dicke Babywange.

Doch Carina hatte keinen Blick für ihre Tochter. Sie stand da und starrte hinunter auf die Straße. Statt in den Wagen zu steigen und sich auf den Weg ins Fitnessstudio zu machen, unterhielt Juan sich mit einer Frau. Blonde Haare, die wie in der Shampoowerbung über ihre Schultern fielen. Sie trug einen Jumpsuit, der keine Fragen offen ließ. Carina fuhr sich durch die Haare. Eigentlich hatte sie heute Morgen duschen gehen wollen. Bis Ines beschlossen hatte, schlechte Laune zu haben. Und an ihre Figur wollte Carina gar nicht erst denken. Angeblich benötigte der Körper die Dauer der Schwangerschaft, um wieder zu alter Form zurückzufinden. Wenn es danach ging, hatte Carina einen Elefanten ausgetragen. Kein Wunder, dass ihr die Blondine unten vor dem Auto Schweißperlen auf die Stirn trieb. Sie unterhielt sich immer noch mit Juan. Carina konnte ihr Lachen hören. Jetzt legte er auch noch den Arm auf ihre Schulter! Und was machte er jetzt? Ging doch tatsächlich um den schwarzglänzenden Wagen herum und hielt der Frau die Tür auf.

Carinas Herz trommelte wie ein Schlagzeug. Sie wandte sich ab.

»Mamamamamammaaa, dadadaddadadaa«, lallte Ines vor sich hin und stopfte die ganze Faust in den Mund. Wahrscheinlich ein neuer Zahn, der das kleine Mädchen piesackte.

»Hast du Zahnweh, Chiquita?«, keuchte Carina. Warum war ihr auf einmal so kalt? Und warum die Beine so schwach? »Komm, ich gebe dir eine Karotte zum Kauen.« Sie setzte Ines in den Hochstuhl. Auf dem Weg zum Kühlschrank hielt sie sich an Tisch und Stühlen, der Arbeitsplatte fest.

Das Ehepaar Bauer saß gerade beim Frühstück, als es in der Wohnung über ihnen polterte, als sei eine ganze Schrankwand umgefallen. Ein Schrei folgte. Danach war alles still.

»Ich weiß nicht.« Regina Bauer saß am Tisch, den Blick hinauf zur Decke gerichtet. »Da stimmt jetzt was nicht.«

»Ach, was du immer denkst. Du hörst ja sogar die Flöhe husten«, murrte ihr Mann und biss in sein Marmeladenbrot. Ein paar Minuten später stand er doch auf, um nach dem Rechten zu sehen.

*

»Guten Morgen«, grüßte der Notarzt Erwin Huber die Belegschaft in der Ambulanz und reichte Schwester Elena die Handtasche seiner Patientin. Die Liege hinter ihm quietschte, als sein Kollege Cornelius Hahn sie um die Ecke bugsierte.

»Das kann die junge Frau nicht gerade behaupten.« Elena deutete auf die Patientin. »Was ist passiert?«, fragte sie in dem Moment, als Dr. Weigand die Bühne betrat. Jakob folgte ihm wie ein Schatten.

»Vermutlich ein Schwächeanfall. Infolgedessen ist Frau Gonzales gestürzt. Leichtes Schädel-Hirn-Trauma und eine Platzwunde am Hinterkopf«, berichtete Dr. Huber. »Außerdem Verdacht auf eine Ellbogenfraktur.«

»Kreislauf?« Dr. Weigand begleitete den Transport in eines der Behandlungszimmer.

»Soweit stabil.«

»Gut. Auf drei!«, befahl er und zählte rückwärts.

Mehr oder weniger sanft landete Carina auf der Behandlungsliege.

Jakob war unterdessen nicht untätig gewesen.

»Na, wen haben wir denn da?« Er kniete vor dem Buggy, den der Rettungsassistent aus dem Wagen geholt hatte.

»Mamamamammamama!«, krähte es aus dem Wagen.

»Ines!« Carina hob den Kopf. Ein Lächeln glättete ein paar der Schmerzfalten in ihrem Gesicht. »Meine Tochter«, beantwortete sie die stummen Fragen.