Dr. Norden 27 – Arztroman - Patricia Vandenberg - E-Book

Dr. Norden 27 – Arztroman E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. »Und? Was sagt ihr?« Voller Stolz stand Felicitas Norden im Wohnzimmer und betrachtete ihren neuen Gardinen. Die Zwillinge Jan und Dési und ihr Mann hatten sich hinter ihr versammelt. Janni legte den Kopf schief. »Seit wann hängt man sich Spaghetti ans Fenster?« Fee verdrehte die Augen. »Das sind keine Nudeln, sondern Fadenvorhänge. Die faszinierendste Idee, seit es Gardinen gibt«, wiederholte sie die Worte des Verkäufers. Überzeugen konnte sie ihren Sohn damit jedoch nicht. »Für das Geld hätte man sicher jede Menge Nudeln bekommen.« »Banause!«, schimpfte Felicitas, wild entschlossen, sich nicht den Spaß verderben zu lassen. »Was ist mit dir, Dési? Was sagst du dazu?« »Warum braucht man überhaupt Vorhänge? Mir gefällt es viel besser, wenn man freie Sicht hat. Dann kann auch viel mehr Licht rein.« Sie ließ die Finger durch die dünnen Fäden aus weißem Nylon gleiten.

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Dr. Norden – 27 –

Die Katze muss weg

… auch wenn wir sie mögen

Patricia Vandenberg

»Und? Was sagt ihr?« Voller Stolz stand Felicitas Norden im Wohnzimmer und betrachtete ihren neuen Gardinen.

Die Zwillinge Jan und Dési und ihr Mann hatten sich hinter ihr versammelt.

Janni legte den Kopf schief.

»Seit wann hängt man sich Spaghetti ans Fenster?«

Fee verdrehte die Augen.

»Das sind keine Nudeln, sondern Fadenvorhänge. Die faszinierendste Idee, seit es Gardinen gibt«, wiederholte sie die Worte des Verkäufers. Überzeugen konnte sie ihren Sohn damit jedoch nicht.

»Für das Geld hätte man sicher jede Menge Nudeln bekommen.«

»Banause!«, schimpfte Felicitas, wild entschlossen, sich nicht den Spaß verderben zu lassen. »Was ist mit dir, Dési? Was sagst du dazu?«

»Warum braucht man überhaupt Vorhänge? Mir gefällt es viel besser, wenn man freie Sicht hat. Dann kann auch viel mehr Licht rein.« Sie ließ die Finger durch die dünnen Fäden aus weißem Nylon gleiten. »Wenn du sie mal nicht mehr leiden magst, kannst du sie mir geben. Daraus kann ich einen super Rock nähen.«

Seufzend wandte sich Fee an ihren Mann.

»Warum versuche ich eigentlich, euch ein schönes, stilvolles Heim zu bieten?«, beschwerte sie sich enttäuscht. »Wahrscheinlich wärt ihr in einem Bürogebäude genauso glücklich.«

»Das glaube ich nicht. Ein Bürohaus hat in der Regel keine anständig ausgestattete Küche«, entfuhr es Daniel.

Die Zwillinge sahen sich einen Moment lang verdutzt an, ehe sie in prustendes Gelächter ausbrachen.

Auch Fee konnte nur mit Mühe ernst bleiben.

»Schon recht. Fallt mir nur alle in den Rücken«, murrte sie mit lachenden Augen. »Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt.«

Diese Drohung wirkte.

»Nicht böse sein, Mamilein«, umschmeichelte Janni seine Mutter. »Du kannst ja nichts dafür, dass ich kein ästhetisches Empfinden habe.«

»Das ist wahrscheinlich zugunsten deiner Fähigkeiten im Computerspielen zurückgeblieben«, entfuhr es Dési.

Janni grinste.

»Nobody’s perfect.«

Daniel lachte und legte den Arm um die Schultern seiner schmollenden Frau.

»Ich kann zwar nicht jedes kleine Detail würdigen, aber das Gesamtbild ist perfekt.« Sein Blick streichelte ihr Gesicht, und er schob ihr eine hellblonde Strähne aus der Stirn. »Noch nie hab ich mich irgendwo heimischer gefühlt als bei dir.«

»Wow, Dad! Du legst dich ja ganz schön ins Zeug!« Janni stieß einen anerkennenden Pfiff aus. »Was willst du damit bezwecken?«

Während ihn seine Frau misstrauisch musterte, wand sich Daniel vor Verlegenheit. Sein Sohn hatte ihn durchschaut.

»Ich muss gleich noch einmal in die Klinik«, gestand er zerknirscht. »Jenny hat mich um ein Gespräch gebeten.«

»Ausgerechnet heute?«, entfuhr es Felicitas. Seit sie selbst Chefin der Pädiatrie in der Behnisch-Klinik war, verstand sie ihren Mann zwar noch besser als ohnehin schon. Auch ihre Pläne wurden ­immer wieder von unvorhergesehenen Ereignissen und Notfällen durchkreuzt. Doch diesen Tag hatte sie sich extra freigehalten.

»Wir wollten doch mal wieder ins Kino und dann zum Essen gehen.«

»Ich weiß, und es tut mir wahnsinnig leid, mein Liebling. Aber sie hat darauf bestanden und wollte mir auch am Telefon nicht sagen, worum es geht.« Er beugte sich über sie und küsste sie. Einen ganz kurzen Moment huschte ein Schatten über sein Gesicht. Niemand bemerkte es, und als er sich von seiner Frau löste, war alles wie immer.

Fee lächelte ihn an und streichelte über seine Wange.

»Entschuldige. Ich wollte nicht egoistisch sein. Aber ab und zu ein bisschen Zweisamkeit …«

»Das holen wir nach. Versprochen!«, erklärte Daniel Norden mit Nachdruck.

»Schon gut.« Es war ihr anzusehen, dass sie nicht daran glaubte. Aber die Enttäuschung war bereits verflogen, und sie schmiedete neue Pläne. »Dann haben Dési und ich endlich mal Zeit, Maß für meine Bluse zu nehmen, die sie mir schon die ganze Zeit nähen will.«

»Super Idee!« Dési hängte sich bei ihrer Mutter ein, um mit ihr ins Nähatelier zu verschwinden. Bevor sie aus dem Zimmer gingen, schickte sie den neuen Gardinen einen sehnsüchtigen Blick.

»Kannst du wirklich nicht auf eine davon verzichten? So ein Rock wäre sicher todschick!«

*

»Wie bitte?« Entgeistert starrte Dr. Norden seine langjährige Freundin und Kollegin, die Klinikchefin Jenny Behnisch, an.

Zu zweit saßen Sie in der Besucherecke ihres Büros, jeder eine Tasse Kaffee vor sich. Zwischen ihnen stand ein Teller mit Tatjanas leckerem Gebäck. Doch Daniel war der Appetit vergangen. Er war blass geworden.

Jenny bedauerte, ihm keine besseren Nachrichten überbringen zu können.

»Es tut mir wirklich leid. Du hast alles getan, um Herrn Seibolds Leben zu retten. Aber du weißt selbst, dass eine Tollwut-Infektion innerhalb weniger Tage nach Symptombeginn tödlich verläuft.«

»Ich hätte erkennen müssen, dass es sich um diese Erkrankung handelt.«

»Selbst dann wäre er nicht zu retten gewesen. Die Impfung muss wenige Stunden nach einer möglichen Infektion erfolgen. Sonst gibt es kaum Chancen auf Rettung.«

»Ich weiß. Trotzdem verstehe ich nicht, warum ich nicht darauf gekommen bin.« Daniel machte sich bittere Vorwürfe.

»Wie denn auch?«, versuchte die Klinikchefin, ihn auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. »Der Patient hat selbst angegeben, nicht von einem Tier gebissen worden zu sein. Erst seine Ehefrau hat uns auf die richtige Spur gebracht. Sie hat uns von der Fledermaus erzählt, die die Katze der beiden vor ein paar Monaten nach Hause geschleppt hat. Bei dem Versuch, das Tier zu retten, muss Herr Seibold einen Biss davongetragen haben, von dem er nichts bemerkt hat.«

»Ich weiß schon, warum ich Katzen nicht leiden kann«, schimpfte Dr. Norden und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Seit Jahren war keiner seiner Patienten mehr gestorben. Selbst in schwierigen Fällen war es ihm immer gelungen, rechtzeitig die richtige Diagnose zu stellen. Dieses diagnostische Talent hatte ihm weltweiten Ruhm eingebracht. Doch diesmal war er kläglich gescheitert.

»Spätestens bei dem Ekel vor Wasser hätte ich hellhörig werden müssen.«

»Hör bitte auf, dir Vorwürfe zu machen«, bat Jenny inständig. »Sogar die erfahrenen Kollegen hier an der Klinik haben sich die Zähne an Herrn Seibold ausgebissen.« Nachdenklich nippte Jenny an ihrem Kaffee. »Nur einer hat den Verdacht auf Tollwut geäußert. Aber ihm hat keiner geglaubt.«

Überrascht blickte Daniel auf.

»Kenne ich ihn?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte sie wahrheitsgemäß. Im Gegensatz zu Daniel war sie hungrig. Wie so oft war sie ohne Frühstück in die Klinik gefahren und bis zum späten Vormittag von den Ereignissen in Atem gehalten worden. Sie musterte den Teller mit den Köstlichkeiten aus der Bäckerei ›Schöne Aussichten‹. Die Freundin von Daniels ältestem Sohn Danny war eine begnadete Bäckerin und Konditorin. Ihre Bäckerei mit dem angeschlossenen kleinen Café war stadtbekannt. Zu Recht, wie sich die Klinikchefin wieder einmal selbst überzeugen konnte. Die Kirsch-Schaum-Rolle war ein Gedicht. »Amir Merizani ist Iraner und erst vor ein paar Monaten zu uns an die Klinik gekommen. Angeblich ein begnadeter Neurologe. Leider konnte er seine Fähigkeiten bis jetzt noch nicht so sehr entfalten.«

Seit Daniel Norden mit einem Teil seiner Familie ein paar Monate im Orient verbracht hatte, um dem Sohn eines Scheichs zu helfen, faszinierten ihn die Länder am Persischen Golf. Daran änderte auch der tragische Tod von Rupert Seibold nichts.

»Wie ist Herr Merizani nach Deutschland gekommen?«, erkundigte er sich interessiert.

»Sein Studium in Mainz und Hannover wurde durch ein iranisches Austauschprogramm finanziert«, wusste Dr. Behnisch zu berichten. »Danach hat er einige Jahre sehr erfolgreich im Iran praktiziert und ist jetzt hierher zurückgekommen, um uns etwas von dem zurückzugeben, was er hier gelernt hat«, wiederholte Jenny das, was ihr der Neurologe selbst erzählt hatte. »Leider fällt es ihm offenbar schwer, sich bei den Kollegen ein Ansehen zu verschaffen.«

»Schade.« Dr. Nordens Bedauern war echt. »Der Grund, warum er hier arbeitet, klingt sympathisch. Und seine Diagnose war richtig, auch wenn sie leider zu spät kam.« Daniel sah auf die Uhr und erhob sich. Die Mittagspause war bald vorbei, und es wurde Zeit, in die Praxis zurückzukehren. »Kannst du ihm meinen Dank ausrichten?«

»Natürlich.« Die Klinikchefin begleitete ihren Freund zur Tür. »Und bitte nimm dir die Sache nicht zu sehr zu Herzen. Manchmal müssen wir akzeptieren, dass die Uhr einfach abgelaufen ist.«

An der Tür blieb Daniel noch einmal kurz stehen und ließ sich ihre Worte durch den Kopf gehen.

»Mag sein, dass du recht hast. Aber ich hätte Herrn Seibold trotzdem noch ein paar unbeschwerte Jahre gegönnt.«

»Es ist immer zu früh!«, gab Jenny zu bedenken.

Dem gab es nichts hinzuzufügen, und Dr. Daniel Norden machte sich bedrückt und mit gesenktem Kopf auf den Weg in die Arbeit.

*

Nach dem Mittagessen gönnte sich Dési Norden mit April, dem Gast der Familie, eine Verschnaufpause im Wohnzimmer. Die beiden teilten die Leidenschaft für ausgefallene Kleidung. Schon deshalb gab es immer was zu reden. Sie hatten es sich nebeneinander auf dem Boden gemütlich gemacht und blätterten in einer Modezeitschrift.

»Dieses Fellteil sieht ja mal rattenscharf aus!« April deutete auf das Foto einer weißen Weste aus kuscheligem Fell.

Tadelnd zog Dési die Augenbrauen hoch.

»Erstens sagt man nicht rattenscharf, sondern sehr gut oder toll«, verbesserte sie die junge Frau, die aus einfachsten Verhältnissen stammte und in der Abendschule ihr Abitur nachholen wollte. April selbst hatte um Hilfe gebeten. Seither kümmerte sich Anneka, die älteste Tochter der Nordens, um ihre Manieren, während alle anderen Familienmitglieder an ihrer Ausdrucksweise feilten. »Und zweitens mussten für diese Weste ein paar Tiere sterben.«

»Quatsch. Das ist Kunstfell!«, entnahm April dem Text neben dem Bild.

»Kann sein. Aber wusstest du, dass der Absatz von echtem Fell inzwischen wieder steigt?«, verharrte Dési bei diesem Thema, das sie schon seit einer Weile beschäftigte.

April zuckte mit den Schultern.

»Kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht bin ich ja blind, aber ich seh keine Pelzmäntel auf der Straße rumlaufen.«

»Jetzt ist ja bald Frühling. Mal abgesehen davon, dass der Trend zu ganz anderen Sachen geht. Pelzpommelchen als Schlüsselanhänger, Handtaschen aus Pelz, Bommel für Wintermützen aus echtem Pelz«, zählte Dési auf. Ihre Miene wurde immer düsterer. »Statt dass die Leute ihr Geld für wohltätige Zwecke spenden, hauen sie es auf so eine dämliche Art und Weise raus.«

April grinste verschmitzt.

»Raushauen ist jetzt aber auch nicht gerade ein intellektueller Ausdruck.«

Dési klappte die Zeitschrift zu und lehnte sich an die Couch.

»Hast recht.« Sie erwiderte Aprils Lächeln. »Aber wenn ich solche Sachen erfahre, platzt mir der Kragen. Immer, wenn man denkt, dass man einen Schritt vorangekommen ist, machen andere garantiert zwei Schritte zurück.«

April saß im Schneidersitz neben Dési auf dem Boden und sah sie nachdenklich an.

»Stimmt schon. Aber das ist halt so. Da kann man nichts machen.«

Doch davon wollte die jüngste Tochter der Familie Norden nichts wissen.

»Und ob! Wir können auf die Straße gehen und unsere Meinung sagen, statt uns immer alles stillschweigend gefallen zu lassen.« Mit einem Satz sprang sie auf die Beine und lief aus dem Zimmer. Ein paar Minuten später kam sie mit einem Flugblatt zurück. »Hier!« Sie hielt April die Ankündigung hin.

»Menschen für Tierrecht! Demonstration mit Kundgebung auf dem Münchner Marienplatz«, las April laut vor. »Das ist ja schon morgen!«

»Und ich gehe hin. Komm doch auch mit.«

April zögerte.

»Ich weiß nicht. Ich war noch nie auf einer Demonstration. Was muss ich da tun?«

»In erster Linie da sein«, erwiderte Dési und setzte sich wieder auf den Boden. »Je mehr Leute zu so einer Demo gehen, umso mehr Aufmerksamkeit erregt die Veranstaltung in der Öffentlichkeit. Es geht darum, die Menschen wachzurütteln und mal wieder zum Nachdenken zu bringen.«

»Klingt gut. Aber morgen hab ich leider keine Zeit. Ich muss noch einen Aufsatz für Deutsch schreiben. Und mir von Janni Mathe erklären lassen.«

»Macht nichts!«, winkte Dési entspannt ab. »Dann eben das nächste Mal.«

»Einverstanden!« April nickte und sprang dann auf die Beine. »Und jetzt muss ich Bio lernen. Wenn ich gewusst hätte, dass so sein Abi so schei … ähm, wahnsinnig viel Arbeit ist, hätt ich es wahrscheinlich gelassen.«

»Gut, dass man die meisten Sachen vorher nicht weiß. Sonst würde man einfach gleich im Bett bleiben«, lachte Dési und folgte Aprils vorbildlichem Beispiel.

*

Eine Zeit lang war es für alle Mitglieder der Familie Norden zu einer liebgewordenen Gewohnheit geworden, sich abends zum Essen um den gemütlichen Esstisch zu versammeln. Doch die Veränderungen hatten auch hier ihren Tribut gefordert. Seit Felix für seine Pilotenausbildung weggegangen war, Annekas Freund Noah eine eigene Wohnung hatte und Tatjana noch mehr arbeitete als sonst, waren die Zusammenkünfte selten geworden. Umso mehr freute sich Lenny, zumindest einen Teil ihrer Lieben wieder einmal richtig verwöhnen und bekochen zu können.

»Dann wünsche ich einen guten Appetit!« Töpfe und Schüsseln standen auf dem Tisch und verströmten einen betörenden Duft.

»Oh, wie wunderschön!« Vor Freude klatschte Tatjana in die Hände wie ein kleines Kind.

»Man könnte meinen, du hättest seit drei Tagen nichts zu essen bekommen. Dabei hast du immer was im Mund, wenn ich dich sehe«, bemerkte ihr Freund Danny kopfschüttelnd. »Was machst du eigentlich, wenn du mal keine Lust auf Essen hast?«

Während sie sich Kartoffeln und Rotkohl auf den Teller häufte, schickte Tatjana ihrem Freund einen unschuldigen Blick.

»Keine Lust auf Essen? Tut mir leid, aber ich fürchte, ich verstehe die Frage nicht.«

Janni prustete los, und auch Fee und Daniel hatten ihren Spaß. Nur Dési lachte nicht mit ihrer Familie. Stattdessen bedachte sie die Rinderroulade auf ihrem Teller mit einem kritischen Blick.

»Das Fleisch ist hoffentlich von glücklichen Tieren.«

»Wir kaufen schon seit Jahren ausschließlich Angus von Weiderindern. Das weißt du doch«, erinnerte Fee ihre jüngste Tochter.

»Schon. Aber es hätte ja sein können, dass ihr eure guten Vorsätze vergessen habt. Menschen sind so nachlässig«, klagte sie ihr Leid. »Eine Weile setzen sie sich für eine gute Sache ein, nur um ein paar Wochen später alles wieder wie gewohnt zu machen.«

Fee lächelte zufrieden.

»Dann ist es ja gut, dass wir die richtigen Angewohnheiten haben.«

Dési nickte mit vollem Mund.

»Aber viele andere Leute nicht. Um die wieder mal aufzurütteln, gehe ich morgen auf eine Tierschutz-Demo.«

»Moment mal!« An dieser Stelle schaltete sich Daniel Norden ein. Versunken in seine eigenen Gedanken hatte er bisher geschwiegen. Jetzt wurde er aufmerksam. »Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das erlaubt habe.«

Dési sah ihren Vater überrascht an. Mit Widerspruch von seiner Seite hatte sie nicht gerechnet.

»Aber Dad, das ist für eine gute Sache. Außerdem warst du früher selbst demonstrieren. Das hast du mir erzählt.«

»Stimmt. Aber damals war das was anderes.« Lustlos stocherte Daniel auf seinem Teller herum. »Heutzutage werden solche Veranstaltungen in erster Linie von Krawallmachern genutzt. Und ich möchte nicht, dass dir was passiert.«

Auf der einen Seite schmeichelte Dési die Fürsorge ihres Vaters. Auf der anderen war sie schrecklich genervt. Glücklicherweise hatte sie ein schlagendes Argument in der Tasche.

»Ich geh doch nicht allein. Wir haben das Thema Tierschutz im Unterricht behandelt, und ein paar von meinen Lehrern sind auch dabei.« Wie immer, wenn sie etwas erreichen wollte, zog sie ihre Kleinmädchenschnute. »Bitte, Papilein. Ich bin doch schon so groß und pass bestimmt gut auf.«

Daniel haderte noch mit sich, als Lenny mit dem Nachschlag hereinkam. Schnell wandte sich das Gespräch der wichtigen Frage zu, wer noch etwas von dem köstlichen Mahl haben wollte.

»Wenn ich noch ein Krümelchen esse, platze ich«, seufzte Tatjana und streichelte sich über den Bauch, den sie absichtlich herausstreckte.

»Wie außerordentlich schade«, zog ihr Freund Danny sie auf. »Zufällig hab ich nämlich gesehen, dass Lenny als Nachtisch ihre weltberühmte Joghurtbombe gemacht hat.« Bedauernd schnalzte er mit der Zunge. »Aber ich will mal nicht so sein. Ich opfere mich und esse deine Portion auch noch.«

Bei dem Wort ›Joghurtbombe‹ schaltete Janni blitzschnell.

»Moment mal!«, legte er Einspruch ein. »Ich fordere eine demokratische Entscheidung!«

»Immer mit der Ruhe.« Daniel Norden versuchte, seinen jüngsten Sohn zu beschwichtigen. »Meinetwegen kannst du meine Portion haben. Ich habe heute eh keinen Hunger.«

Plötzlich gehörte ihm die ganze ungeteilte Aufmerksamkeit.

»Wie? Du willst keine Joghurtbombe?« Fees fragender Blick ruhte auf ihrem Mann. Bis jetzt hatte sie keine Gelegenheit gehabt, ein ruhiges Wort mit ihm zu wechseln, und sie ahnte nicht, was ihm den Appetit verdarb. Sie wusste nur, dass etwas nicht stimmte mit ihm.

»Bist du krank?«, stellte Danny gleich die nächste besorgte Frage. »Du warst den ganzen Nachmittag schon ziemlich schweigsam«, erinnerte er sich auf einmal.

»Außerdem bist du blass«, wollte Anneka ihrer Familie in nichts nachstehen.

»Du solltest dich mal durchchecken lassen.« Annekas Freund, der Rettungsassistent Noah Adam, teilte ihre Meinung. »Ärzte sind bekannt dafür, dass sie andere Leute ständig bevormunden, selbst aber Vorsorgemuffel sind.«

Daniel Norden verstand den Scherz sehr wohl. Allein ihm fehlte an diesem Abend die Energie, sich darauf einzulassen.

»Muss ich mir so was sagen lassen?«, wandte er sich hilfesuchend an seine Frau.

Im Normalfall hätte Felicitas in die Scherze der Kinder eingestimmt. Doch etwas in Daniels Tonfall irritierte sie.

»Natürlich nicht, mein Lieber.« Beschwichtigend legte sie die Hand auf seinen Arm. »Aber ich finde, Noah hat recht. Du solltest dich mal untersuchen lassen. Es ist ewig her, dass du beim Gesundheitscheck warst.«

»Meinetwegen kann Wendy morgen mal Blutdruck messen. Aber der ist sicher in Ordnung«, winkte Daniel ab. Er wusste, dass er seiner Familie eine Erklärung schuldig war. »Einer meiner Patienten ist heute in der Klinik gestorben.«

Erschrocken schlug Fee die Hand vor den Mund.

»Doch nicht etwa der Mann, den du mit Verdacht auf einen Schlaganfall in die Klinik eingewiesen hast.«

»Genau der. Aber ich habe mich geirrt. Mit meiner Diagnose lag ich völlig daneben. Er ist heute an Tollwut gestorben.«

Danny machte große Augen.

»Wo hatte er das denn her?«

»Von einer Fledermaus, die seine Katze mit heimgebracht hat«, antwortete Daniel bereitwillig und schob den Teller endgültig von sich. »Als er das verletzte Tier retten wollte, muss es ihn gebissen haben. Das ist zumindest der Verdacht von Frau Seibold.«

»Was für ein tragischer Unfall.« Fees Bedauern kam aus tiefstem Herzen. »Aber du darfst dir keine Vorwürfe machen. Ohne Anhaltspunkte ist die Diagnose Tollwut wahnsinnig schwer zu stellen«, versuchte sie, ihren Mann zu trösten.

Daniel hätte noch viel zu sagen gehabt. Doch der diffuse Schmerz, der ihn schon seit Tagen immer wieder quälte und seine Stimmung zusätzlich drückte, raubte ihm auch noch den letzten Elan.

»Du hast ja recht. Trotzdem trifft es mich.« Er schob den Stuhl zurück und stand auf. »Tut mir leid, dass ich heute kein besserer Unterhalter war. Ich gehe jetzt ins Bett.« Er verabschiedete sich von seiner Familie und verließ das Esszimmer.

Fee lief ihm nach. Sie holte ihn an der Treppe ein und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Kann ich dir irgendwas Gutes tun, mein Liebster?«

»Nein, danke.« Er beugte sich zu ihr und küsste sie flüchtig. »Ich möchte einfach nur schlafen. Morgen ist bestimmt alles besser.«

In dieser Hoffnung entsprach Felicitas seinem Wunsch und ließ ihn gehen, ehe sie zu ihrer Familie ins Esszimmer zurückkehrte, die sich auf die Joghurtbombe stürzte, als hätte sie seit Tagen nichts zu Essen bekommen.

*

»Das ist schon ein tolles Gemeinschaftserlebnis!«, schwärmte Désirée, als sie am nächsten Nachmittag auf dem Heimweg von der Demonstration war. Ihre Biologie-Lehrerin Frau Rettenstein und ein paar Mitschülerinnen waren bei ihr. »Und so friedlich. Keiner ist irgendwie aus der Rolle gefallen. Das muss ich unbedingt meinem Vater erzählen.«

Nach und nach zerstreute sich die Gruppe, bis schließlich nur noch Dési und ihre Lehrerin übrig waren. Bis auf das letzte Stück hatten sie den gleichen Weg und wanderten durch einen der vielen Stadtparks von München.

»Hatte dein Vater denn Angst um dich?«, fragte Lydia Rettenstein verständnisvoll.

Dési nickte.

»Dabei bin ich kein kleines Kind mehr. Ich kann mich schon wehren.«

»Das ist schon richtig. Trotzdem verstehe ich deinen Vater gut. Leider muss man heutzutage bei Menschenansammlungen gut aufpassen und sich am besten am Rande des Geschehens aufhalten«, ermahnte sie ihre Schülerin auch noch einmal.

Doch Dési hörte nicht mehr zu. Ein Geräusch hinter ihnen hatte sie aufmerksam werden lassen. Sie blieb stehen und sah sich um.

»Oh, sehen Sie nur, Frau Rettenstein! Wie süß!« Ihre Begeisterung galt einer kleinen Katze, die ihr ohne Zögern entgegenlief.

»Ist das deine?«, erkundigte sich die Lehrerin verwundert, als das Tier um Désis Beine strich und laut vernehmlich schnurrte.

»Nein. Mein Vater mag keine Katzen.« Dési ging in die Knie und streichelte das seidenweiche, dreifarbige Fell. »Als er ein kleiner Junge war, hat ihm eine Babykatze die Krallen in den Hals gehauen und sich in der Haut verhakt. Seitdem traut er ihnen nicht mehr über den Weg.«

»Fragt sich, wer den größeren Schock erlitten hat. Die Katze oder dein Vater«, lachte Lydia. »Wusstest du übrigens, dass das eine Glückskatze ist?«

Dési sah fragend zu ihr hoch.

»Woher wissen Sie das?«

»Sie heißen so wegen des dreifarbigen Fells.«

Dési konnte dem Schmeicheln des Tiers nicht länger widerstehen. Sie nahm es auf den Arm und stand auf. »Wem sie wohl gehört?« Ihr suchender Blick wanderte durch das weitläufige Gelände. »Hier steht weit und breit kein Haus.«

»Gut möglich, dass sie ausgesetzt wurde«, gab Lydia Rettenstein zu bedenken. »Das kommt leider immer wieder vor.«

»Wie kann man so einem süßen Tier etwas derart Böses antun?« Unwillkürlich drückte Dési die Katze an sich. Wider Erwarten wehrte sie sich nicht, sondern schmiegte sich noch tiefer in die Arme des Mädchens.

Dieser Anblick brachte Lydia zum Lächeln. »Ihr zwei seid ein hübsches Paar. Als hättet ihr euch gesucht und gefunden.« Seite an Seite wanderten sie weiter, bis sie an eine Gabelung kamen. Hier trennten sich ihre Wege.

»Vielleicht gibt es ja einen Grund, warum sie ausgerechnet mich ausgesucht hat.« Dieser Gedanke gefiel Dési. »Ich glaub, ich nehm sie mit nach Hause.

»Ich dachte, dein Vater mag keine Katzen.«

Dési legte den Kopf schief und lächelte ihre Lehrerin schelmisch an.

»Sie haben doch gesagt, dass die Kleine hier eine Glückskatze ist. Wenn das stimmt, wird mein Dad ihr nicht widerstehen können.«

Diese Logik brachte Lydia zum Lachen.

»Dann wünsche ich dir viel Glück. Aber bitte vergiss über deinem neuen Haustier nicht den Bericht über die Demo, den ich euch als Hausaufgabe gegeben habe.« Sie hob die Hand zum Gruß und machte sich auf den Nachhauseweg.

Désirée Norden wanderte allein weiter. Noch immer schnurrte die Katze in ihren Armen. Doch je näher Dési ihrem Zuhause kam, desto langsamer wurden ihre Schritte. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich immer lauter.

»Vielleicht sollte ich doch lieber erst Dad fragen, bevor ich dich einfach so mit heim nehme«, sagte sie zu dem Tier in ihren Armen.

Als wollte sie ihr Mut machen, blinzelte die Katze mehrmals. Dési nahm dieses Zeichen als Antwort und lachte.

»Also gut. Dann machen wir zuerst einen Abstecher in die Praxis.« Sie drehte sich um und lief den Weg bis zur Gabelung zurück und bog nach rechts ab. Von hier aus war es nicht mehr weit bis zum Arbeitsplatz ihres Vaters.

*

»Wegen der Pneumonie habe ich Antibiotika verordnet. Damit müsste es Frau Pecher schnell besser gehen«, erklärte Danny Norden. Wie jeden Mittwoch hatte die Sprechstunde schon mittags geendet. Das bedeutete aber nicht, dass die beiden Ärzte frei hatten. Sie nutzten diese Gelegenheiten für Besprechungen, Hausbesuche, Papierarbeiten und andere Dinge, die ebenso zur Arbeit eines Arztes gehörten wie Krankheiten behandeln. Die letzte Patientin des Tages hatte die Praxis eben verlassen. Wie so oft saßen Vater und Sohn in einem der Sprechzimmer zusammen und besprachen mehr oder weniger besondere Fälle. Anders als während der Sprechzeiten stand die Tür offen und gab den Blick frei auf den Tresen, hinter dem die beiden Assistentinnen Wendy und Janine arbeiteten.

Daniel hatte sich über die Patientenakte gebeugt und studierte den Befund seines Sohnes.

»Ich weiß nicht. Aufgrund der Vorerkrankungen wäre ich vorsichtig. Frau Pechers Immunsystem scheint nicht auf der Höhe zu sein. An deiner Stelle würde ich sie in die Klinik einweisen.«

Danny maß den Vater mit einem nachsichtigen Blick.

»Kann es sein, dass du nach dem Erlebnis mit Herrn Seibold ein bisschen übervorsichtig bist?«, fragte er behutsam. »Frau Pecher hat kaum Fieber und ist nicht als schwer krank zu bezeichnen. Das Antibiotikum in Kombination mit ein paar Tagen Ruhe und schon ist sie wieder ganz die Alte. Da bin ich ganz sicher.«

Daniel rang sich ein Lächeln ab.

»Dein Wort in Gottes Ohr.« Er hielt es durchaus für möglich, dass Danny recht hatte und er zu vorsichtig war. Doch da war noch sein Bauchgefühl, das ihn bis jetzt selten im Stich gelassen hatte. »Trotzdem solltest du ein Auge auf die Patientin haben.«

Vom Tresen hallte ein begeisterter Ausruf herüber und unterbrach das Gespräch der beiden.

»Meine Güte, was für ein Anblick!« Janine stand am Fenster und sah hinaus.

»Was denn? Steht da draußen ein Adonis, der Ihnen schöne Augen macht?«, rief Danny gut gelaunt zu ihr hinüber in der Hoffnung, auch seinen Vater aufzuheitern.

»Mir nicht. Aber Ihrer Schwester Dési«, antwortete Janine, ohne sich umzudrehen.

Schlagartig wollte Daniel aufspringen. »Na, der kann was erleben«, stieß er durch die Lippen, als Danny ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm legte.

»Immer mit der Ruhe, Dad!« Er konnte sich nur wundern über den Vater, der all seine Souveränität verloren zu haben schien. »Keine unüberlegten Handlungen.«

»Schon gut.« Daniel wollte sich nicht aufhalten lassen. Er schüttelte die Hand ab und eilte aus dem Sprechzimmer zu Wendy, die inzwischen neben Janine am Fenster stand.

Danny folgte ihm in gebührendem Abstand.

»Keine Angst. Ich rede doch nicht von einem Mann«, klärte Janine das Missverständnis unterdessen auf. »Wie diese Katze Dési anhimmelt, das ist unglaublich.«

»Wahrscheinlich ist es ein Kater«, warf Wendy belustigt ein.

Alle lachten. Bis auf einen. Daniel Nordens Miene wollte sich nicht aufhellen.

»Seit wann hat Dési eine Katze?«, fragte er unwillig und spähte über Janines Schulter, um einen Blick nach draußen zu erhaschen.