Beschreibung

Seit Jahrhunderten schon herrscht Feindschaft zwischen Drachen und Menschen. Aber ein gemeinsames Schicksal hat den jungen Drachen Benfro und den Jungen Errol eng verbunden. Doch das Schicksal hat ihnen einiges abverlangt bei ihren Abenteuern: Benfro steht mittlerweile unter dem Bann des mächtigen Drachen Magog und Errol leidet noch immer unter den Folgen der Folter, die er im königlichen Schloss erlitten hat. Aber auch wenn Benfro und Errol jeder für sich leichte Beute für ihre größten Feinde sind, gemeinsam haben sie eine Chance gegen die machtlüsterne Königin Beulah und den grausamen Inquisitor Melyn.

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Seitenzahl: 763

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© Thomas James Vallely

AUTOR

J. D. Oswald verfasste bereits während des Studiums der Psychologie erste Comics. Es folgten Kurzgeschichten, diverse Blog-Posts und eine Fantasy-Reihe. Neben dem Schreiben betreibt er heute eine Farm in der schottischen Grafschaft Fife. Mit seinen ersten beiden Thrillern wurde J. D. Oswald für den renommierten Debut Dagger Award nominiert und stürmte auf Anhieb die britischen Bestsellerlisten. Mit der »Dreamwalker«-Reihe legt er seine ersten Jugendbücher vor.

Bereits erschienen:

Band 1: Dreamwalker – Der Zauber des Drachenvolkes

Band 2: Dreamwalker – Das Geheimnis des Magierordens

J. D. Oswald

Dreamwalker

Die Gefangene des Drachenturms

Aus dem Englischenvon Gabriele Haefs

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Dieses Buch ist für Julie, die alles ausgelöst hat. J. O.

1. Auflage 2016

Erstmals als cbj Taschenbuch Mai 2016

© 2016 der deutschsprachigen Ausgabe cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

© 2012 James Oswald

Die Originalausgabe erschien 2013

unter dem Titel »The Golden Cage«

bei Penguin Books Ltd, London

Übersetzung: Gabriele Haefs

Lektorat: Andreas Rode

Umschlaggestaltung: init | Kommunikationsdesign, Bad Oeynhausen

unter Verwendung einer Illustration von © Sam Headley

MP · Herstellung: wei

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-16304-4V001

www.cbj-verlag.de

1

Kuckuckskind im Diebesnest,

Bastard aus dem Stamm der Magi,

Stiehlt die Seelen, nimmt die Leben,

Kündet uns den Tod der Welten.

Die Weissagungen von Goronwy der Wahnsinnigen

Stille umhüllte die Welt wie ein unsichtbarer Nebel. Nicht einmal die Bäume waren zu hören, obwohl sie sich in der steifen Brise krümmten und beugten. Das Gras unter seinen Füßen war nass vom Tau, aber seine Fußsohlen spürten nichts von der Beschaffenheit der Halme. Ein Zittern durchlief ihn, doch es war nicht die Kälte des Windes in seinem Gesicht, sondern eher eine kriechende Kälte, vor der er instinktiv zu fliehen versuchte.

Errol wusste nicht, wie er hierher geraten war. Er kauerte sich zwischen zwei große Baumwurzeln, zog seinen Umhang enger um sich und bibberte. Er war müde, aber aus irgendeinem Grund wollte der Schlaf nicht zu ihm kommen. Wartete er auf jemanden? Er wusste das nicht so genau, aber er hatte das Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein. Seine Knöchel schmerzten, wenn er ans Weitergehen dachte. Er hatte keinerlei Verlangen danach, etwas anderes zu tun, als sich in seinem vereisten Schlupfwinkel einzuigeln und zu schlafen.

Wenn er doch nur schlafen könnte.

Sie kam als Duft zu ihm. Er konnte noch immer nichts hören, nicht einmal seinen eigenen Herzschlag, aber der Geruch zog ihn zurück in eine glückliche Zeit und weckte Erinnerungen an Sonne und Wärme, an Hände, die einander hielten, an einen lange dauernden Kuss. Alles war mit einem tiefen, tröstlichen Grün eingefärbt, und einen Moment lang konnte er sogar Kälte und Schmerzen vergessen.

Aus seinem dunklen Versteck heraus beobachtete Errol den Pfad, der sich zwischen den wenigen uralten Bäume hindurchwand. Er sah sie zuerst aus einiger Entfernung, sie bewegte sich vorsichtig weiter und hielt sich in den Schatten.

Jetzt kam sie näher, und er war sicher. Es war Martha, wie er sie zuletzt gesehen hatte: ernste Augen, die sich auf die vor ihnen liegende Aufgabe konzentrierten, im Nacken zusammengebundene dunkle, schulterlange Haare, und sie trug noch immer ihren knöchellangen waldgrünen Reiseumhang. Sie suchte sich ihren Weg am Rand des Pfades und hielt sich so weit wie möglich unter den vom Wind gezausten Bäumen. Ab und zu schaute sie zum Himmel empor und musterte die grauen Wolken, als ob dort etwas Entsetzliches auf der Lauer läge.

Errol versuchte, sie zu rufen. Martha. Aber seine Stimme blieb stumm, hallte in seinem Kopf wider. Aus irgendeinem Grund war er nicht überrascht. Es beunruhigte ihn auch nicht, dass er sich nicht bewegen konnte. Er wusste, was als Nächstes passieren würde.

Nach ungefähr zweihundert Schritten musste Martha eine offene Fläche überqueren, eine natürliche Lichtung im Wald, wo ein Felsrücken aus dem Boden aufragte. Sie blieb am Rand stehen und schaute ein weiteres Mal zum Himmel empor, bevor sie mutig ins Licht trat. Sie rannte nicht, denn das hätte zu viel Aufmerksamkeit erregen können. Stattdessen schien sie sich in sich zurückzuziehen, bis sie fast verschwunden war. Fast, aber nicht ganz. Errol konnte sie noch immer sehen, sah sie kleiner werden, als sie sich mit sicheren Schritten über die Lichtung bewegte. Und andere konnten sie ebenfalls sehen.

In der Stille lauerten unvorstellbare Wesen. Sie tauchten aus dem Nirgendwo auf, vier riesige Kreaturen mit Flügeln, die von der Schulter bis zur Spitze ein Dutzend Schritte maßen. Beim Landen hätten diese Wesen den Boden erschüttern müssen, aber sie senkten sich ohne ein Dröhnen auf ihre riesigen Krallenfüße, umringten sie. Fingen sie ein.

Errol konnte nur zusehen, gelähmt von etwas, das jenseits der Furcht lag. Aber Martha hatte keine Angst. Sie stand zwischen den Drachen wie zwischen friedlichem Vieh auf einer sommerlichen Weide. Sie sah einen nach dem anderen an, ihr Mund formte Wörter, die keinen Klang hatten. Sie streckte eine Hand aus, woraufhin eine winzige Lichtkugel auflodernd über ihrer Handfläche schwebte. Ein Drache wich daraufhin instinktiv einen Schritt zurück und ließ sich, gleichsam erstaunt, auf seinen Schwanz sinken.

Martha fasste das offenbar als Erlaubnis zum Weitergehen auf, denn sie trat kühn aus dem Drachenkreis hinaus, um ihren Weg auf die andere Seite der Lichtung fortzusetzen. Errol sah voller Erstaunen und Hoffnung zu, wie sie einen Schritt machte, dann noch einen, während die vier Drachen einander nur anstarrten. Vielleicht würde sie es dieses Mal schaffen.

Dieses Mal?

Dann überstürzten sich die Ereignisse. Der Drache, der zurückgewichen war, fuhr herum, packte Martha mit einer gewaltigen Kralle um die Taille. Errol versuchte, sich aus seinem Versteck zu zwängen, obwohl er wusste, dass er nichts tun könnte. Die Drachen hoben ab. Derjenige, der Martha an seine schuppige Brust presste, gab sich alle Mühe, nicht die Baumwipfel zu streifen. Mit einer letzten vergeblichen Anstrengung riss Errol sich los, stolperte über eine Wurzel und schlug der Länge nach hin.

Er knallte viel früher als erwartet auf den Boden auf, und beim Aufprall strömten die Geräusche über ihn hinweg: das Echo von Wasser, das über Felsen floss, das Zwitschern der ersten Morgenvögel. Seine Nase füllte sich mit einem staubigen, würzigen Geruch und ließ ihn niesen, dann kam er mühsam auf die Füße. Schmerz jagte durch seine Knöchel, und er fiel zurück auf sein flaches Bett aus Gras und Heidekraut, aus dem er im Traum herausgerollt war.

Martha.

Errol rieb sich den Schmutz aus den Augen und zitterte in der Kälte. Der zerfetzte Umhang, der seine einzige Decke darstellte, lag zusammengeknüllt am Fußende, als ob Errol im Schlaf mit Dämonen gekämpft hätte. Instinktiv streckte er die Hand nach den Grymlinien aus und zog genug Wärme daraus, um die Kälte aus seinen Knochen zu vertreiben. Als die Linien seine Brust erwärmten, spürte er, wie sich die Wunde dort, wo Beulah ihm das Messer ins Herz gestoßen hatte, für einen Moment zusammenzog. Die Wunde, die Martha geheilt hatte. Dann konzentrierte er sich auf seine Knöchel und versuchte, die Schmerzen hinauszuspülen, ihnen zu befehlen, schneller zu heilen.

»Die werden schon noch besser. Lass ihnen Zeit.« Errol brauchte nicht aufzuschauen, um zu wissen, dass der alte Drache Corwen zu ihm in die Höhle gekommen war. Er bückte sich und massierte erst den einen Knöchel, dann den anderen, und merkte dabei, wie die Kraft der Grymlinien durch seine Finger strömte. Als er dann endlich glaubte, mit den Schmerzen fertigwerden zu können, richtete er sich langsam auf, ging zum Feuer und legte ein paar Zweige auf die fast zu Asche verbrannten Kohlen.

»Du bist früh auf, Errol. Wieder böse Träume?«

»Keine Träume, nur ein einziger Traum.« Errol schleppte sich zur Höhlenöffnung. Alles war still, die Dämmerung brachte nur trübes Licht mit sich. »Und immer derselbe.«

»Dann versucht sie wohl, dir etwas Wichtiges zu sagen.« Corwen stand neben ihm, anwesend und doch nicht anwesend. »Du musst dich konzentrieren, dir größere Mühe geben, mit ihr zu kommunizieren. Vielleicht solltest du …«

»Benfro fragen? Der kann mich nicht leiden. Warum sollte er auch? Leute wie ich haben seine ganze Familie ermordet.« Errol schaute über den Pfad auf den kleinen Steinpferch mit dem improvisierten Dach aus Zweigen, Heidekraut und Heu. Es sah so elend aus, dass er fast die Verzweiflung des darunter schlafenden Drachen spüren konnte.

»Außerdem hat er mit seinen eigenen Träumen genug zu tun.«

»Eure Majestät, es geht Euch nicht gut. Ihr solltet im Bett bleiben.«

Königin Beulah schaute mit einer Mischung aus Verachtung und müder Resignation zu ihrer Zofe hoch. Noch eine schlaflose Nacht, und jetzt hatte sie das Gefühl, dass ihr Kopf zu bersten drohte, nachdem eben erst ihr Magen das Gleiche getan hatte. Immerhin hatte dieses Mädchen ein bisschen Mumm, anders als die übrigen jammernden Zofen, die in der Tür standen, immer bereit, vor Beulahs Zorn zu fliehen. Nutzlose Personen, wozu brauchte sie die überhaupt? Sie hatte schon mit zwei Jahren gelernt, sich selbst anzuziehen.

»Ich bin nicht mein Vater. Ich werde das Zwillingskönigreich nicht vom Bett aus regieren.« Beulah stemmte sich aus ihren Kissen hoch und zuckte zusammen, als der Schmerz sie mitten zwischen den Augen traf.

»Darf ich denn wenigstens einen Arzt holen lassen?«

Beulah staunte über diese Frage, sie klang, als sei die Frau ehrlich besorgt.

»Na gut«, sagte sie, unsicher, was es helfen sollte, von den Palastquacksalbern betastet und begrapscht zu werden. »Aber hol mir einen von den Widdermönchen. Ich will nicht, dass einer von Padraigs nutzlosen Bürokraten mich behandelt wie ein Lehrbuch.«

Die Zofe machte einen Knicks und verließ das Zimmer, zusammen mit den anderen. Beulah ließ den Kopf wieder auf die Kissen sinken und wischte sich kalten Schweiß von der Stirn. Diese seltsame Krankheit quälte sie jetzt seit Tagen, vielleicht sogar seit Wochen. Sie kam und ging, manchmal fühlte Beulah sich gesund wie eh und je, am nächsten Tag aber konnte sie kaum aus dem Bett kommen. Es fiel ihr schwer, das Essen bei sich zu behalten, und wenn sie etwas im Magen behielt, hatte sie das Gefühl, innerlich aufzuquellen. Sie hätte ein Giftattentat vermutet, aber Clun, der selbstlose Clun, bestand darauf, alle ihre Mahlzeiten vorzukosten, und er war bei bester Gesundheit.

Die Wut schenkte ihr ein wenig Kraft. Beulah nutzte das, um sich mühsam aufzurichten und ihre Beine aus dem Bett zu schwingen. Ihre Hüften und ihr Rücken schmerzten, als sie zum Badezimmer ging. Heißer, duftender Dampf wirbelte durch die Luft und stieg aus dem Bad auf, das ihre Zofe ihr schon vorbereitet hatte. Es war einladend, aber zugleich stülpte sich ihr der Magen um, und mit einem furchtbaren Gefühl von Hilflosigkeit drehte Beulah sich, so schnell sie konnte, zum Ausguss um. Sie hatte am Vorabend nicht viel gegessen, aber das wenige kam jetzt in heftigen Stößen herauf.

Sie beugte sich über das Becken, atmete tief durch und kämpfte gegen die Wellen der Übelkeit, die sie durchströmten. Wie lange war das eigentlich schon so? Hatte sie sich bereits vor dem Fiasko im Thronsaal so gefühlt, als diese seltsame junge Frau ein Dutzend durchtrainierte und erfahrene Kampfpriester ausgetrickst hatte? Als diese Fremde und der junge Errol vor Beulahs Augen auf geheimnisvolle Weise verschwunden waren? Sie hatte das Gefühl, dass die Symptome kurz danach eingesetzt hatten. Vielleicht litt sie unter irgendeinem finsteren magischen Angriff. Aber dennoch war Beulah sicher, dass sie das wissen würde. Sie kannte sich doch mit Magie aus. Und sie hatte die Macht des Obsidianthrones auf ihrer Seite. Vielleicht hätte Melyn ergründen können, wo das Problem lag, aber wie immer, wenn sie ihn brauchte, war er nicht da. Und sie bezweifelte, dass sie die Energie aufbringen konnte, ihn durch die Ätherische Sphäre zu erreichen.

Der rohe brennende Schmerz in ihrer Kehle schien ein wenig gegen die Übelkeit zu helfen, und Beulah glaubte, jetzt baden zu können. Warmes Wasser linderte ihre Schmerzen, und die parfümierte Seife wusch den Schweiß der Nacht weg, sodass sie sich schon fast wie ein Mensch fühlte, als sie danach in ein langes Seidengewand gehüllt in ihr Ankleidezimmer ging. Im Spiegel sah ihr Gesicht verhärmt, eingefallen und mitgenommen aus. Ihre Sommersprossen zeichneten sich vor der leichenblassen Haut ab wie eine entstellende Seuche. Ihre vom Bad noch feuchten Haare waren struppig und verfilzt, die Kopfhaut war ungesund deutlich zu sehen. Sie sah entsetzlich aus und war froh über die Unterbrechung, als neben ihr das Spiegelbild der Zofe auftauchte.

»Ich habe einen Arzt rufen lassen, Herrin. Einen Widdermönch, wie gewünscht. Er wartet im Empfangsraum.«

»Na, aber da ist er mir doch keine Hilfe, oder? Schick ihn her.«

Die Zofe versank in einem Knicks und lief aus dem Raum. Gleich darauf wurde leise an die Tür geklopft.

»Herein«, sagte Beulah, drehte sich aber nicht um. Zu ihrer Überraschung war die Gestalt, die jetzt in der Türöffnung auftauchte, kein müder Wandermönch, sondern Archimandrit Cassters, der Vorsteher des Widderordens, persönlich. In ihrer Erinnerung war er ein molliger Mann, weißhaarig und ein wenig exzentrisch, aber inzwischen hatte ihn das Alter eingeholt.

»Eure Majestät. Ich höre, Ihr fühlt Euch nicht wohl. Bitte, was kann ich für Euch tun?« Der Archimandrit machte Anstalten, sich gemäß der Hofetikette auf ein Knie niederzulassen, aber Beulah hielt ihn zurück. Wenn er sich auf ein Knie niederließe, würde er sich vielleicht nie wieder aufrichten können.

»Bitte, Ehrwürden, setzt Euch. Wenn ich gewusst hätte, dass diese törichte Zofe Euch holen würde, hätte ich sie nicht losgeschickt. Ich hatte ihr aufgetragen, mir einen Heilermönch zu bringen.« Sie führte den alten Mann zu einem der tiefen Sessel vor dem großen Fenster, das auf einen leeren Hof hinunterblickte, und nahm in dem anderen Platz.

»Aber warum sucht Ihr überhaupt unsere Hilfe? Finden Padraigs Palastärzte nicht Euren Beifall?«

»Sie haben mit meinem Blut ihre Egel gemästet und mein Rücken ist wund von ihren Saugnäpfen. Ich glaube nicht, dass sie überhaupt eine Ahnung von Heilkunst haben.«

Cassters lächelte, und um seine kleinen klaren Augen sprangen Fältchen auf. »Dann sagt mir, meine Königin: Wie lange leidet Ihr schon an diesem Unwohlsein?«

»Vielleicht seit drei Wochen«, antwortete Beulah. »Es kommt und geht. Morgens ist es immer am schlimmsten. Ich wünschte, ich könnte nachts wieder richtig schlafen. Die ganze Zeit fühle ich mich wie ausgelaugt.«

»Wenn ich darf, Herrin?« Cassters nahm ihr Handgelenk, um ihr den Puls zu fühlen. Dann legte er ihr die Hand auf die Stirn und schaute ihr in die Augen. Die Berührung fühlte sich auf ihrer Haut warm und trocken an. Es war seltsam, jemandem so nahe zu sein, es war so intim. Nur Clun wagte, ihr Gesicht auf diese Weise zu berühren, und sie hatte seit Wochen nicht mehr die Kraft besessen, seine Kammer aufzusuchen. Lieber Clun, so ganz anders als sein Stiefbruder Errol, dieser Verräter. Aber Errol war ja gar nicht wirklich Cluns Stiefbruder, oder vielleicht doch?

»Wusstet Ihr von Leyns Kind?«, fragte Beulah.

»Herrin?«

»Als sie gestorben ist, wann war das, vor sechzehn Jahren? Da war sie schwanger. Ich nehme an, das habt Ihr gewusst.«

Cassters sah ihr in die Augen. »Ich habe es erst nach ihrem Tod erfahren«, sagte er. »Father Gideon war ihr Arzt. Er hat mir nachher erzählt, was geschehen ist. Offenbar war dieser Lanwennog-Prinz, Balch, der Vater.«

Beulah nahm all ihre Kraft zusammen. Das war schwer, da die Kopfschmerzen zwischen ihren Schläfen hämmerten und ihr Magen Säure aufbrodeln ließ, aber sie konnte die Ränder von Cassters Gedanken erkennen und fand darin keine Ausflüchte.

»Und das Kind ist mit seiner Mutter gestorben.«

»Das ist mir gesagt worden. Manche empfinden es als Tragödie, andere als Segen. Sie denken, ein Halbblut als Thronerbe hätte unweigerlich zu Bürgerkrieg oder Schlimmerem geführt.«

»Ihr glaubt also an die Weissagungen?«

»An die Weissagung von Goronwy der Wahnsinnigen? Eigentlich nicht. Die Menschen im Zwillingskönigreich hätten sich jedenfalls nicht über einen Sohn von Billah auf dem Obsidianthron gefreut. Ach, einigen wäre es natürlich willkommen gewesen. Aber Aberfenn hat den Lanwennog immer nahegestanden. Andere hätten zu den Waffen gegriffen: in Castell Glas und im Westen, ganz zu schweigen von Inquisitor Melyn und seinen Kampfpriestern. Nein, die Heiler vom Widderorden hätten dann sehr viel zu tun gehabt. Das ist alles sehr kompliziert.«

Beulah spürte, wie die Empfindungen durch das Gemüt des Ordensvorstehers wirbelten. Er bedauerte es, dass die beiden Nationen keinen Frieden halten konnten, akzeptierte es aber auch. Er hatte mit der Verschwörung nichts zu tun, entschied Beulah.

»Aber was ist nun los mit mir? Habt Ihr irgendeine Vorstellung, was diese höllische Krankheit und diese bohrenden Kopfschmerzen auslösen kann?«

»Das, meine Liebe, ist ein viel geringeres Geheimnis.« Cassters streichelte ihren Arm, als das warme Lächeln in sein Gesicht zurückkehrte. »Es überrascht mich wirklich, dass Padraigs Quacksalber das nicht erkannt haben, aber sie denken ja nie an solche Dinge, bei den Gelübden, die sie unbedingt ablegen wollen. Eure Krankheit wird sich bald von selbst heilen, aber ich kann Euch sofort etwas geben, das die Symptome lindert. Ich werde das Mittel von einem Apotheker mischen lassen, aber unter den gegebenen Umständen sollte ich es Euch wohl eigenhändig verabreichen.«

»Warum? Was ist es denn? Was fehlt mir also?« Beulah registrierte, wie vertraulich der Archimandrit plötzlich war, und ihr kam eine Ahnung, die wunderschön und beängstigend zugleich war.

»Euch fehlt gar nichts, meine Königin«, sagte Cassters. »Ihr leidet ganz einfach an einer extremen Form morgendlicher Übelkeit. Bei Eurer Mutter war das ganz genauso.«

»Ich bin schwanger?«

»Ja, Majestät. Ihr seid schwanger. Darf ich Euch als Erster meinen Glückwunsch aussprechen?«

Das Licht hier war immer anders, als wäre es älter, langsamer, dichter. Es leuchtete mit einem goldenen Schein, Staubkörner schwebten in der Luft wie Spinnen an unsichtbaren Fäden. Wenn er sich große Mühe gäbe, könnte er die Zeit anhalten, das stellte er sich vor, könnte sich in einem unvorstellbar langen Moment einkapseln, statt diese endlose furchtbare Aufgabe auszuführen, auf der seine verräterischen Hände bestanden.

Der Haufen von Edelsteinen war zwar noch immer groß, aber doch viel kleiner, als er gewesen war, nachdem er und Malkin ihn aufgetürmt hatten. Benfro arbeitete sich um einen Edelstein nach dem anderen vor und kostete dabei ganz kurz die aufleuchtenden Erinnerungen der Drachen aus, die vor so langer Zeit gelebt hatten.

Zuerst hatten sie sich gegen ihn gewehrt, gespenstische Gestalten, die über seinem Kopf umhergewirbelt waren, die ihn angebrüllt hatten, um ihn zu wecken. Aber Magog hatte etwas mit ihnen gemacht, und deshalb hörte er jetzt nur noch das leise Klirren von gegeneinanderstoßenden Kristallen und die stummen Schreie gequälter Seelen.

Er war so müde, als ob er tausend Nächte nicht mehr geschlafen hätte. Die Erschöpfung riss an seinen Armen, ließ seine Flügel nach unten hängen, machte jeden Atemzug zur Anstrengung, und doch konnte er nichts anderes tun, als vor dem Haufen zu sitzen und die Edelsteine zu kleineren Haufen zu sortieren. Er wusste immer, wann die vollständigen Erinnerungen eines Drachen zusammengefügt worden waren. Es war wie das Gefühl einer Stimme, die plötzlich verstummt, eine geschluchzte Klage, die von einer ins Schloss fallenden Kerkertür zum Verstummen gebracht wird. Und wenn ein kleiner Haufen fertig war, stand er auf, nahm die funkelnden Edelsteine in seine zitternden Hände und trug sie zum nächsten steinernen Alkoven, um sie dort zu endloser wahnsinniger Einsamkeit einzusperren.

Benfro wusste, dass das hier ein Traum war. Er wusste das die ganze Zeit, während er in dem zugigen Pferch schlief und auf seinem feuchten Bett aus Zweigen und Gras zitterte. Und doch war er hier in Magogs Schatzraum, tief unterhalb der Ruinen von Burg Cenobus, ununterbrochen von der düsteren Anwesenheit des großen Magis selbst bewacht. Corwen hatte ihm einiges über die Kunst des Traumwandelns zu erklären versucht, aber Benfro war im Moment nicht sonderlich empfänglich für die Lehren des alten Drachen. Abgesehen von dieser ewigen entkräftigenden Müdigkeit warf er Corwen auch vor, dass der den jungen Errol auf die Lichtung gebracht hatte, die Benfro inzwischen als sein Zuhause betrachtete. Oder war er einfach wütend, weil Errol ihm das Leben gerettet hatte? Er schuldete den Menschen nichts anderes als Hass!

Die Edelsteine fielen aus seinen leblosen Händen und in ihr Gefängnis im Alkoven. Benfro meinte, ein verzweifeltes Aufheulen zu hören, als die Überreste eines längst verstorbenen Drachen Magogs entsetzlichen Machenschaften preisgegeben wurden. Dann ging ihm zu seinem Erstaunen auf, dass das Geräusch aus seinem eigenen Mund kam. Er beugte sich vor, lehnte für eine Minute den Kopf an die kalten Steine und schluchzte aus purer Frustration. Er hatte jetzt Angst vor dem Schlaf, denn jede Nacht bescherte ihm dieselbe Reise an diesen entsetzlichen Ort; jede Nacht wurde er zu dieser grauenhaften Arbeit gezwungen, und jede Nacht spürte er, dass Magog stärker wurde. Kein Wunder, dass er seine wachen Stunden in einer Art Dämmerzustand verbrachte. Im Schlaf war keine Erholung zu finden. Aber er konnte ihm auch nicht so leicht entkommen.

Zorn und Frustration durchfuhren ihn, als er in dem kalten Schatzraum stand. Benfro hämmerte mit den Händen gegen den groben Stein und spürte, wie bei den Schlägen das Leben in ihn zurückströmte. Fast ebenso schnell verfestigte sich die über ihm hängende unsichtbare Gestalt seines Peinigers zu einer kompakten Form. Benfro spürte, wie sein Feind nach seinen Gedanken griff.

»Komm schon, junger Lehrling, deine Arbeit ist noch nicht vollendet.« Magogs Stimme übte einen unwiderstehlichen Zwang aus und führte Benfros Muskeln zurück zu dem funkelnden Haufen aus Edelsteinen. Benfro wehrte sich mit aller Kraft dagegen, wie in jeder Nacht, seit er auf dem Berggipfel angekommen war, und suchte die schwache Stelle in Magogs Einfluss. Er wusste, was er brauchte, den dumpfen bohrenden Schmerz zwischen seinen Schulterblättern, an der Wurzel seines verzerrten Flügels.

»Ich will nicht mehr! Lass mich in Ruhe!« Benfro drehte sich um, als er das schrie, und fühlte dabei nach den unebenen Zweigen, auf denen Hunderte von Meilen entfernt seine schlafende Gestalt lag. Aufkeuchend fand er die Stelle seines Körpers, die besonders empfindlich war. Ein furchtbarer Schmerz schoss durch seinen Rücken, als ob eine riesige wilde Bestie auf ihn gesprungen wäre und ihm mit den Zähnen das Fleisch von den Knochen fetzte. Er stieß einen schrillen, ohrenbetäubenden Schrei aus. Vor seinen Augen wurde alles dunkel, und dann lag er wieder auf seinem Bett aus Heu und Heidekraut, schnappte nach Luft und zitterte vor Schock.

Die bleiche Frühlingssonne hing über den Baumwipfeln auf der Ostseite der Lichtung, als Benfro müde aus dem Pferch auftauchte und zum Fluss hinunter trottete. Das Wasser war noch immer eiskalt, Schmelzwasser aus den Bergen im Norden. Ihm war das egal, als er auf den Wasserfall zuwatete und seinen verwirrten Kopf darunterhielt. Sein Flügel schmerzte wie ein weher Zahn, wie etwas, an dem man immer wieder rüttelte und drückte. Der Flügel hätte inzwischen geheilt sein müssen, aber jede Nacht verzerrte Benfro ihn aufs Neue, um sich vor Magogs Beeinflussung zu retten.

»Es kann dir helfen, weißt du.«

Benfro blickte sich um und sah Corwen neben sich stehen. Das Bildnis des alten Drachen war fast vollkommen, nur teilte sich das Wasser dort, wo sie im Fluss verschwanden, nicht um seine Beine und seinen Schwanz.

»Wie soll er mir helfen können? Er kann ja nicht mal gehen.«

»Errols Knöchel sind schon ziemlich gut verheilt. Und er hört immerhin denen zu, die ihm Hilfe anbieten. Na ja, meistens jedenfalls.«

»Und was könnte er für mich tun?«

»Er kann über dich wachen, wenn du schläfst.«

Benfro schnaubte und Wasser spritzte aus seiner Nase. »Warum sollte er das tun wollen?«

»Weil er es kann. Und weil er helfen will.«

»Und warum sollte ich ihm vertrauen, selbst wenn ich glaubte, dass er etwas für mich tun kann?«

»Benfro, du bist jetzt seit drei Wochen wieder hier. Du hast in dieser ganzen Zeit kein einziges Mal richtig geschlafen. Jede Nacht musst du in Magogs Schatzraum seine Macht wiederherstellen, und jede Nacht verlierst du ein wenig mehr von dir an ihn. Alle können sehen, dass du dich jeden Tag ein bisschen änderst. Das Drachkitz, das Morgum aufgezogen hat, würde sich niemals geweigert haben, ein Unrecht wiedergutzumachen, selbst wenn es einem Menschen angetan worden ist. Aber du hast Errol sich selbst heilen lassen. So jedoch verhält sich Magog, nicht Benfro.«

»Ich kann ihn besiegen. Ich werde ihn besiegen. Und zwar allein.« Benfro trat aus dem Fluss und schüttelte sich trocken. Seine Flügelwurzel knackte schmerzhaft bei dieser Bewegung, aber Benfro achtete nicht darauf, sondern richtete seine Aufmerksamkeit auf seine Aura und die substanzlose dünne rote Schnur, die seine Stirn leerte wie ein gespenstischer Saugarm. Der Knoten, den er hineingeknüpft hatte, war verschwunden, als er geschlafen hatte, und er verbrachte ermüdende Minuten mit dem Versuch, ihn wiederherzustellen. Der Erfolg brachte eine gewisse Linderung seiner Schmerzen, als ob eine schwere Last von seinen Schultern gehoben würde. Es überraschte ihn, dass er sich auf dem Flussufer wiederfand, er konnte sich nicht erinnern, sich dort niedergelassen zu haben. Sein Magen knurrte vor Hunger, aber er achtete in diesem Moment nicht darauf, sondern genoss das Gefühl der Sonne in seinem Gesicht. Nach einer Weile kam Corwen dazu und setzte sich neben ihn.

»Es tut mir leid«, sagte Benfro. »Manchmal ist es schwer, gegen ihn zu kämpfen.«

»Das weiß ich. Aber du kannst es schaffen. Und du kannst gewinnen. Aber nicht allein, Benfro. Wenn du nicht die Hilfe annimmst, die dir angeboten wird, und zwar bald, dann wird nichts mehr von dir übrig sein, was gerettet werden könnte.«

2

Obwohl sie in dem Ruf stehen, abgelegene Siedlungen zu verwüsten und zum Zeitvertreib Menschen zu töten, gibt es keinerlei zuverlässigen Beweis dafür, dass Drachen jemals irgendwem bewusst Schaden zugefügt hätten. Mander Keeces Märchen schildern wütende Schlachten der Drachen untereinander und erzählen von unglücklichen Bauern, die aus Versehen zwischen die Fronten gerieten. Erst in späteren literarischen Werken wird von Drachen erzählt, die sich bemühen, den Menschen zu schaden.

In Wahrheit sind Drachen friedliche, sanfte Wesen, und nur ihr wildes Aussehen kann den Geschichten, die um sie herum ersonnen werden, Glaubwürdigkeit schenken.

Father Charmoise: Drachengeschichten

»Das ist wirklich ein Elendsnest. Ein Wunder, dass überhaupt jemand hier leben mag.«

Inquisitor Melyn schaute zu Hauptmann Osgal hinüber, als sie auf die wenigen heruntergekommenen Hütten zuritten. Der Offizier trug eine abfällige Miene zur Schau.

Melyn war erst jetzt bewusst geworden, wie verfallen und primitiv der Ort wirklich war. Die Dorfhalle hatte eine robuste Schlichtheit und die klobige Kirche erfüllte ihren Zweck, aber die anderen Gebäude waren wenig mehr als Lehmhütten mit Schilfdächern. Nur zwei Häuser hatten mehr als ein Stockwerk, vermutlich die des Dorfschulzen und die von Cluns Vater, der Kaufmann war. Die übrigen Gebäude drängten sich um den Dorfanger und an der Hauptstraße nach Candlehall und waren einfach elende Behausungen. Im grauen Nieselregen ließ sich kein Mensch sehen, als der kleine Trupp der Kampfpriester ins Dorf einritt.

»Stammst du nicht aus dieser Gegend, Osgal?«

Die verächtliche Miene verfestigte sich. »Und ich war heilfroh, von hier wegzukommen. Der Landbau ist hier verdammt hart, und man ist abseits der wichtigen Handelsstraßen. Als der Hof noch in Ystimtien war, gab es wenigstens im Wald Arbeit, aber die meisten Leute hier müssen sich bitter abmühen, um überleben zu können.«

Der Trupp ritt weiter durch das stumme Dorf, bis er vor dem Haus des Dorfschulzen angekommen war. Einer der Kampfpriester stieg ab und hämmerte an die solide Eichentür. Das Dröhnen hallte über dem feuchten Anger wider und verschwand dann im Nebel. Sie warteten einige Minuten, und der Inquisitor wollte schon befehlen, die Tür einzutreten, als sie endlich das Dröhnen hörten, mit dem ein schwerer Bolzen zurückgezogen wurde, gefolgt von einem gequälten Kreischen, als die Tür einen Spaltbreit geöffnet wurde.

»Dorfschulze?«, fragte Melyn. Das bleiche Gesicht, das durch den Türspalt lugte, verzog sich zu einer überraschten Miene. Dorfschulze Cluster öffnete die Tür nun ganz und schaute sich besorgt um, ehe er aus dem Haus trat.

»Inquisitor, dem Hirten sei Dank«, sagte er.

»Was ist los, Mann? Wo sind alle hier?«

»Sie verstecken sich, Euer Gnaden. Sie fürchten um ihr Leben.«

»Wovon redet Ihr eigentlich?«

»Bitte, draußen ist es gefährlich.« Der Dorfschulze rang verzweifelt die Hände. »Kommt herein.«

Melyn wollte schon widersprechen, aber er würde den Mann wohl kaum zum Reden bringen können, wenn der solche panische Angst vor dem Himmel hatte. Also drehte er sich zum Hauptmann um.

»Warte hier, es dauert nicht lange.« Er stieg ab, warf dem anderen die Zügel zu und folgte dem nervösen kleinen Mann dann ins Haus.

Als die Tür verschlossen und sorgfältig verriegelt war, schien Dorfschulze Cluster ein wenig von seiner Fassung wiederzufinden. Er fiel auf die Knie, packte die Hand des Inquisitors und küsste sie.

»Bitte, verzeiht meine Unhöflichkeit, Euer Gnaden. Aber diese letzten Wochen waren hart für uns alle.«

»Hart? Worüber redet Ihr denn nun, Mann? Was ist hier passiert?«

»Niemand hat diese Wesen gesehen und noch davon berichten können. Sie kommen meistens bei Nacht, aber an Tagen wie heute, wenn der Nebel aus dem Wald strömt, kann man hören, wie sie am Dorfrand herumtrampeln.«

Melyn überflog den Rand der Gedanken des Dorfschulzen und versuchte, dessen Reden einen Sinn zu entnehmen, aber er konnte nur die Angst des Mannes spüren, die diesen ganz und gar erfüllte, aber nicht mit dem Verstand zu begründen war. Es gab keinen Grund, sich zu fürchten.

»Fangt mit dem Anfang an.« Melyn gab dem Dorfschulzen ein Zeichen, wieder aufzustehen. »Wann sind diese … Dinge erstmals aufgetaucht?«

»Schwer zu sagen, Euer Gnaden. Vieh verschwindet immer wieder, aber vor einigen Wochen begannen einige der Bauern, die etwas abgelegener wohnen, sich zu beklagen. Nicht nur ein oder zwei Tiere hatten sich verirrt, diese Bauern verloren über Nacht ganze Herden. Alle jüngeren Männer sind sofort zur Armee gegangen, als Soldaten ausgehoben werden sollten. Und sie waren froh, hier wegzukommen. Ich wäre ja auch mitgegangen, aber, na ja, ich bin eben auch nicht mehr der Jüngste. Und ich stehe dem Dorf gegenüber in der Verantwortung.«

»In der Tat.« Melyn versuchte, die konfusen Gedanken des Dorfschulzen zu beruhigen, ehe der wieder losplapperte. »Aber was greift Euch nun an, was glaubt Ihr? Wer holt Eure Schafe?«

»Drachen, Inquisitor. Das waren Drachen.«

»Drachen?«, fragte Melyn. »Wie kommt Ihr denn auf diese Idee?«

»Tom Tydfil, der Schmied, hat geschworen, dass er oben am Waldrand einen gesehen hat. Ein riesiges Biest, mit Flügeln, so weit wie eine Scheune. Er flog durch die Luft, als ob das sein gutes Recht wäre.«

»Wirklich?« Melyn musste zugeben, dass er diese Geschichte hochinteressant fand, auch wenn sie keinerlei Wahrheit enthalten konnte. Der Drachenschlüpfling Benfro war irgendwo im Norden, und noch so ein Wesen konnte es nicht geben. »Und wo ist Tom Tydfil jetzt? Ich würde gern über diese Beobachtung mit ihm sprechen. Es gibt Gold für Hinweise, die zum Fang eines Drachen führen, wie Ihr wisst.«

»Er ist tot, Euer Gnaden. Sie haben ihn getötet.«

»Ihn getötet? Wie das?«

»Ich weiß nicht. Wir haben ihn auf einer der hochgelegenen Wiesen gefunden. Er lag auf dem Rücken, hatte die Augen aufgerissen und war eiskalt. Und da sind die meisten jüngeren Männer gegangen. Ich habe auch meine Tochter weggeschickt.«

»Wie viele Menschen sind denn noch hier?« Melyn sah sich in der Diele des Dorfschulzen um. Die war eingestaubt und lange nicht mehr aufgeräumt worden.

»Vielleicht zwanzig, alles in allem.«

»Der Mann, der gerade geheiratet hat, als ich zuletzt hier war – Defaid heißt er. Ist der noch da?«

Der Dorfschulze erstarrte, als sei es eine Beleidigung, dass diese Hochzeit in seinem Haus erwähnt worden war.

»Angeblich hat diese Hexe, die er geheiratet hat, uns die Bestien an den Hals geholt. Sie hat ihn verhext, das ist jedenfalls eine Tatsache. Warum hätte er sonst sein Haus hier im Dorf aufgeben und in ihre Hütte im Wald ziehen sollen? Ich habe die beiden nicht mehr gesehen, seit die Drachen aufgetaucht sind, aber bestimmt sind sie noch im Wald und befehlen ihnen, uns alle zu vernichten.«

Melyn blickte Dorfschulze Cluster lange und durchdringend an, und plötzlich begriff er. Der Mann war einfach verrückt. Irgendetwas hatte ihn in den Wahnsinn getrieben. Vermutlich hatte er es nicht verkraftet, ansehen zu müssen, wie das Dorf, das er früher als sein eigenes kleines Königreich regiert hatte, zerfiel, während immer mehr seiner Bewohner es verließen. Die Rekrutierung für Königin Beulahs Armee hatte sicher vielen Dörfern wie diesem die Lebenskraft ausgesaugt. Es gab keine Drachen, die die Viehweiden plünderten. Selbst wenn in dieser Ecke des Zwillingskönigreichs noch Drachen existiert hätten, war es doch noch sehr die Frage, ob sie es wagen würden, sich zu zeigen, nach allem, was Melyn Morgum und der traurigen Ansammlung von Tieren, die sie versteckt hatte, angetan hatte. Wenn er sich richtig erinnerte, war der Schmied ein heftiger Trinker gewesen, ein gewaltiger Bär von Mann. Es war durchaus möglich, dass sein Herz einfach eines Nachts aufgegeben hatte, als er sich auf dem Heimweg befand.

»Na, ich würde gern mit dem guten Defaid und seiner Frau über ihre Söhne sprechen«, sagte Melyn. »Jetzt scheint es ja noch einen Grund für meinen Trupp zu geben, sie in ihrer Hütte aufzusuchen. Aber natürlich brauche ich dabei einen Führer.«

»Einen Führer?« Melyn brauchte die Gedanken des Dorfschulzen gar nicht zu lesen, um die irre Angst zu sehen, die Cluster nun durchzuckte. Die zeigte sich in dessen Augen.

»Keine Sorge, Dorfschulze. Ich würde das doch von Euch nicht erwarten. Gebt mir einen Jungen mit. Dem passiert schon nichts.«

»Wir … wir haben alle Kinder weggeschickt. Father Kewick ist mit ihnen ins Seminar in Beteltown gegangen. Es waren nicht viele, und wir hielten es für das Beste.«

»Na gut.« Melyn verspürte ein kurzes Aufflackern des Zorns, als er das hörte, verdrängte dieses Gefühl aber gleich wieder. »Ich bin sicher, wir finden den Weg selbst. Inzwischen möchte ich, dass Ihr die übrigen Dorfbewohner in die Halle ruft. Ich habe einige wichtige Neuigkeiten für Euch alle.«

Dem Dorfschulzen quollen fast die Augen aus den Kopf bei der Vorstellung, sein Haus verlassen zu müssen, aber Melyn packte ihn am Wams und zog ihn nach draußen. Hauptmann Osgal saß noch immer auf seinem Pferd, hielt das des Inquisitors fest und wartete geduldig. Der Trupp hinter ihm hatte nicht einen Muskel bewegt.

»Plan geändert, Hauptmann«, sagte Melyn. »Wir reiten in den Wald. Offenbar hatten sie hier kürzlich ein bisschen Ärger mit Drachen. Du hilfst so lange Dorfschulze Cluster, die noch vorhandenen Dorfbewohner zusammenzurufen. Nimm den halben Trupp und sorg dafür, dass sie alle in der Dorfhalle versammelt sind, wenn ich zurückkomme.«

Osgal nickte, als Melyn wieder auf sein Pferd stieg. Ohne weiteren Befehl schloss sich die Hälfte der Kampfpriester dem Inquisitor an. Sie ritten auf dem vom Dorfschulzen gewiesenen Pfad aus dem Dorf, aufwärts auf den Waldrand zu.

Sie brauchten für den Weg zur Hütte nicht so lange, wie Melyn erwartet hatte. Der Pfad war ausgetreten, zweifellos ein Beweis für Hennas’ Geschick als Heilerin. Melyn gab seinen Kampfpriestern ein Zeichen, auszuschwärmen und das Haus zu umstellen, ehe er sich näherte. Er hätte sich die Mühe sparen können. Das Haus war leer und schien schon vor mehreren Tagen verlassen worden zu sein. Alles wies auf einen überstürzten Aufbruch hin: Auf dem Boden lagen Kleidungsstücke herum, die Speisekammer war in aller Eile nach Proviant durchsucht worden, der Kamin war gefüllt mit verkohltem Holz. Es war kalt und feucht. Melyn bahnte sich einen Weg durch das Chaos und fand hinten im Haus ein wenig mehr Ordnung vor. Ein Zimmer, offenbar das Elternschlafzimmer, wurde von einem ungemachten Bett und einem riesigen Kleiderschrank aus Eichenholz dominiert, die Türen standen offen und erlaubten einen Blick auf allerlei Kleider. Das Zimmer roch feucht, als sei es länger nicht benutzt worden. Das Gleiche galt für das kleinere Schlafzimmer, das der ordentlichste Raum im Haus war.

Errols Zimmer, dachte Melyn, als sein Blick auf das schmale Bett fiel, auf den unter dem Fenster stehenden Schreibtisch und die schwere hölzerne Kommode, die zweifellos die Kleider des Jungen enthielt. Er war auch nicht hier gewesen, das stand fest.

»Inquisitor, das solltet Ihr Euch ansehen.«

Melyn drehte sich zu dem Kampfpriester um, der ihn aus seinen Überlegungen gerissen hatte. Der junge Mann hatte zweifellos einen Namen, aber für den Moment konnte Melyn sich nicht daran erinnern. Er verfluchte seine Vergesslichkeit und folgte dem anderen aus dem Haus und über eine kleine Lichtung zum Waldrand.

»Hier entlang.« Der Kampfpriester schob Zweige beiseite und bildete für Melyn einen schmalen Pfad, ehe er ihn zwischen die nun dichter stehenden Bäume und dann endlich auf eine weitere Lichtung hinausführte.

Hier lagen umgestürzte Bäume, die zerbrochen und zersplittert waren, als hätte ein Riese auf der Lichtung gewütet. Der Boden war aufgewühlt, Pfützen aus öligem Wasser sammelten sich in den Löchern, wo Wurzeln aus der Erde gerissen worden waren. Etwas hatte sich eine nicht weniger als dreißig Schritte breite Schneise von der Hütte aus in den Wald geschlagen.

»Was im Namen des Hirten kann das denn gewesen sein?«, fragte Melyn, obwohl er das entsetzliche Gefühl hatte, es bereits zu wissen.

»Es wird noch schlimmer, Herr. Da drüben.« Der Kampfpriester bahnte sich einen Weg durch die Verwüstung zur anderen Seite der Lichtung. Melyn folgte und nahm langsam alles in sich auf. Inzwischen hatten sich die Sonnenstrahlen durch den Nebel gekämpft und bemalten alles mit einem unwirklichen goldenen Leuchten. In ihrem Schein funkelte etwas im Schlamm zu Füßen des Inquisitors. Melyn bückte sich danach und hob den Gegenstand auf. Aber ehe er ihn untersuchen konnte, fiel sein Blick auf etwas anderes: Im Krater, den die Wurzeln einer besonders kräftigen Eiche hinterlassen hatten, hatte jemand die Knochen von sicher einem Dutzend Tieren aufgehäuft. Hier und da hingen noch Reste von Wolle, Fleisch und Haut an den Gebeinen. Fliegen summten hektisch um die Knochengrube herum, und wirbelten einen Gestank auf, der Melyn an ein Schlachtfeld erinnerte. Verfaulendes Fleisch, Blut und Eiter, der Gestank von brutal zerfetzten Eingeweiden. Diese Wesen hier waren keines leichten Todes gestorben.

Es waren vor allem Schafe gewesen, dazu einige Rinder und vielleicht zwei Pferde, wenn er nach der Form der eingeschlagenen Schädel gehen durfte. Zwei weitere Knochenhaufen, die ein wenig abseits lagen, lenkten Melyns Aufmerksamkeit von den Überresten der Tiere ab. Sie lagen zusammen wie zwei auf groteske Weise miteinander verschlungene Liebende. Beide waren reduziert auf Fetzen von Fleisch, Knorpel und Knochen. Ihre Glieder waren aus den Gelenken gerissen, die Schädel baumelten lose an den Wirbelsäulen.

Menschenschädel.

»Vielleicht sind Godric und Henna ja doch nicht entflohen. Wie schade. Ich wollte sie doch selbst umbringen.« Melyn wischte sich das Gesicht mit dem Handrücken. Er dachte an den funkelnden Gegenstand, den er aufgehoben hatte, und hielt ihn ins Licht, um sich ihn besser anzusehen. Das Ding war ungefähr so groß wie seine Handfläche, dreieckig und an der einen Seite dicker als an den beiden anderen. Es bog sich ein wenig auf die eine Spitze zu und war an der flachen Seite von Rillen durchzogen, die Melyn auf seltsame Weise an einen Fingernagel erinnerten.

»Was ist das, Herr?« Melyn sah den Kampfpriester an. Er hieß Mogwin, jetzt wusste er es wieder.

»Offenbar ist der Dorfschulze doch nicht so verrückt, wie ich dachte«, sagte er. »Das ist eine Drachenschuppe. Vielleicht die größte, die ich je gesehen habe.«

Benfro kratzte mit einer ausgefahrenen Kralle an dem Holzscheit herum und bedeckte seine Füße mit blassgelben Spänen. Er schnitzte nichts Besonderes und wollte auch kein Feuer anmachen. Es war einfach eine Ablenkung, etwas, das ihn davon abhalten sollte, in den Schlaf und damit in Magogs unwillkommene Umarmung zu sinken. Er lehnte sich an die grobe Steinmauer seines Pferchs, was das Gewicht von seiner verletzten Flügelwurzel nahm, doch er wusste, dass der Schmerz ihn wecken würde, wenn er einnickte.

Eine Bewegung am Höhleneingang erregte seine Aufmerksamkeit. Der junge Mann, Errol, trat heraus ins Licht und zuckte bei jedem Schritt ein wenig zusammen, obwohl er sich auf ein Paar grober, selbst hergestellter Krücken stützte. Benfro sah zu, wie Errol sich mühsam zum Fluss schleppte und zum Trinken niederkniete, um dann langsam durch die Furt aufs andere Ufer zu waten und dann, ohne sich umzuschauen, in den Wald zu schlurfen.

»Er sollte wirklich nicht so weit gehen. Noch nicht.« Benfro schaute sich um und sah neben sich Corwen sitzen. Das plötzliche Auftauchen des alten Drachen stürzte ihn aber nicht mehr in Verwirrung.

»Wo will er hin?«

»Etwas tiefer in den Wald, um Fallen zu legen. Ich glaube, er hat die Wurzeln und Kräuter satt, von denen er sich bisher ernährt hat.«

»Kann er sich nicht einfach etwas holen? Du weißt schon …«

»Wie Ynys Môn das gemacht hat? Und Sir Frynwy und die anderen? Das ist eine Kunst, die man nur mit jahrelanger Übung meistern kann, wie du vermutlich weißt. Was hast du denn geschafft – eine Melone und eine Rübe? Und das unter Anleitung des größten Magis, der je gelebt hat.«

»Magog war nicht dabei. Das habe ich allein gemacht.«

»Magog ist immer da, Benfro. Du wirst erst von ihm befreit sein, wenn du eine Möglichkeit gefunden hast, diesen Edelstein zu extrahieren.«

»Dann könnte ich auch gleich aufgeben und mich ganz von ihm übernehmen lassen. Es gibt keine Drachen mehr, die über diese Fähigkeit verfügen.«

»Vielleicht nicht hierzulande, das nicht. Vielleicht solltest du dich anderswo umschauen.«

Das Holzstück zerbrach zwischen Benfros Händen. Benfro schaute nach unten und sah, dass er es zu fast nichts abgeschabt hatte. Dünne Späne bedeckten seine Füße und waren auch auf den Pfad geweht. Er erhob sich, wischte sich ab und war plötzlich gelangweilt.

»Wo willst du hin?«, fragte Corwen, als Benfro sich auf den Weg zur Furt machte.

»Ich will mir mal diese Fallen ansehen. Ich glaube kaum, dass der Knabe weiß, was er zu tun hat.«

Der Wald war kühl und still. Benfro ging lautlos durch geflecktes Licht, kostete die Luft aus und achtete aufmerksam auf die verräterischen Spuren, die Errol hinterlassen hatte. Es war nicht schwer, dem Jungen zu folgen. Innerhalb weniger Minuten hatte Benfro die erste Falle gefunden. Es war eine improvisierte Schlinge aus langen Fäden, die Errol wohl aus seinem Mantel gezogen und dann zusammengeflochten hatte, um ihnen Stärke zu geben. Sie war zu hoch angebracht, aber immerhin auf einer viel benutzten Tierfährte. Benfro hob sie auf und legte sie so zurecht, dass ein Fang wahrscheinlicher wurde, dann machte er sich auf die Suche nach der nächsten Falle.

Insgesamt gab es zehn, jede aus diesen geflochtenen Fäden hergestellt. Die waren nicht ideal zum Fallenstellen – Benfro hatte unten in seiner Ledertasche bessere Schlingen liegen –, aber die Arbeit zeugte von bemerkenswerter Findigkeit. Errol hatte sonst nichts, das ging Benfro nun auf – noch weniger sogar als er selbst. Nur die Kleider, die er am Leib trug. Und doch machte er das Beste aus seiner Lage. Es war schade, dass der Junge keine wirkliche Begabung zum Jäger hatte. Er würde lernen müssen oder hier im Wald verhungern.

Errol humpelte zwischen den Bäumen hervor. Auf seine Krücken gestützt schleppte er sich durch die seichte Furt. Die Nachmittagssonne wärmte seinen Rücken, aber das war angesichts der Schmerzen in seinen Knöcheln nur ein geringer Trost. Dass er überhaupt laufen konnte, war schon ein Wunder, wie er sich nun in Erinnerung rief.

Nirgendwo war etwas von Benfro zu sehen, abgesehen von den Spanhaufen an der Stelle, wo der Drache den ganzen Tag lang Holzscheite zerspaltet hatte. Errol bückte sich, hob eine Handvoll auf und nahm sie mit in die Höhle. Das trockene Holz ließ sich an der letzten Glut des alten Feuers rasch entzünden, sodass bald wieder Flammen aufflackerten. Es war nur schade, dass er nichts darauf kochen konnte außer zähen Wurzeln und einigen wenigen Kräutern aus dem Wald, wo allerlei heranwuchs, jetzt, da der kalte Winter in den Frühling überging. Er hoffte nur, dass seine Fallen stark genug waren, um das festzuhalten, was immer sich darin verfing. Wenn sich überhaupt etwas verfing.

»Du wirst nicht verhungern, Errol. Mach dir deshalb keine Sorgen.«

Er schaute auf und sah Corwens gewaltige Gestalt auf der anderen Seite des Feuers sitzen. Das Bild Corwens, sagte er sich wieder. Corwen war schon lange tot, aber irgendwo in der Nähe lagen seine Edelsteine an einer Schnittstelle der Grymlinien – genau wie die von Sir Radnor. Doch während Sir Radnor als gewaltiger Drache mit noch breiterer Flügelspreite als Benfro erschienen war, hatte Corwen sich für das Aussehen eines zittrigen Drachengreises entschieden, vom Alter gebeugt und mit zerkratzten und zerbrochenen Schuppen.

»Warum siehst du so aus?«, fragte Errol.

»So habe ich ausgesehen, als ich gestorben bin. Es wäre eitel, anders auftreten zu wollen.«

»Aber du musst doch einmal jünger gewesen sein, stärker.« Errol gab sich Mühe, seine Gedanken in Worte zu fassen, ohne unhöflich zu klingen. »Tut es nicht weh, so alt zu sein?«

»Ich bin tot, Errol. Ich spüre nichts in meinen Knochen, die sind schon vor Jahrhunderten in der Großen Flamme verbrannt worden. Das Bild, das du jetzt siehst, zeigt mich so, wie ich mich selbst sehe.«

Errol massierte sich die Knöchel, als er sich auf das niedrige Bett setzte. Sein Gang hatte ihm größere Schmerzen bereitet, als er zugeben mochte. Er konzentrierte sich auf die Grymlinien, um sich ein wenig Wärme und Heilkraft daraus zu holen, um etwas von seinem Unwohlsein zu verteilen, aber als er zusah, wie die Linien schimmernd zum Vorschein kamen, fiel ihm auch etwas am Bild des alten Drachen auf.

Corwen leuchtete bleich und durchscheinend. Er war von diesem Licht durchtränkt, als wäre es aus der Grym selbst gebildet. Er saß auf einer Stelle, an der sich zwei dicke Stränge kreuzten, durch die Kraft in ihn hinein zu strömen schien. Aber während die Grymlinien um Corwen herum golden waren wie Sonnenschein im Frühling, waren die Linien gleich unter ihm rosa durchsetzt.

»Du siehst es, oder nicht?«, fragte Corwen. »Der Krebs, der sich im ganzen Land verbreitet hat. Das hier ist nur ein Bruchteil dessen, was Benfro verspürt.«

»Ich verstehe das nicht. Wovon redest du?«

Statt zu antworten, stand Corwen auf und drehte sich zur Höhlenwand um. »Komm mit«, sagte er. Dann war er verschwunden.

Errol starrte die Stelle an, wo der alte Drache eben noch gewesen war. Das Rosa war verblasst, aber eine Linie leuchtete heller als die anderen und bohrte sich durch den Felsen. Für einen Moment war Errol verwirrt. Er konnte nicht durch massiven Stein sehen, und doch fühlte er, wie die Linie einen Bestimmungsort anstrebte. Er konnte fast eine andere Höhle sehen, rund, dunkel, mit einer kleinen Erhöhung in der Mitte. Je mehr er starrte, umso deutlicher wurde dieses Bild, sodass die Felswand zwischen ihm und diesem seltsamen Anblick sich in Luft auflöste und dann in nichts. Er konnte die Erhöhung jetzt klar sehen. In ihrer Mitte lag ein Haufen klarer weißer Edelsteine. Am Rand ruhte ein einzelnes rotes Juwel. Ohne zu überlegen, was er da tat, streckte Errol die Hand danach aus.

»Ich an deiner Stelle würde das lassen.«

Errol hielt mitten in der Bewegung inne und bemerkte zu seinem Erstaunen, dass er stand. Er konnte sich nicht daran erinnern, sein Bett verlassen zu haben, aber die Luft kam ihm anders vor, kühler. Der Geruch des Holzrauches war verschwunden, und es war dunkler, als zu erwarten gewesen wäre. Als er nach einem Ausgang Ausschau hielt, sah Errol glatten Fels, der einige Dutzend Schritte vor ihm einen fast perfekten Kreis bildete. Nur eine dunkle Öffnung brach diese Form und ließ das Geräusch fließenden Wassers herein.

Corwen nahm schimmernd Gestalt an, er stand vor der Erhöhung, verdeckte sie jedoch nicht.

»Zweihundert Jahre sind vergangen, seit Benfros Mutter die Zeremonie der Extraktion durchgeführt und meine Edelsteine hier untergebracht hat. Kein Drache hat seither diese Höhle betreten. Kein Mensch hat sie je betreten. Du solltest dich überaus geehrt fühlen, Errol Ramsbottom.«

Errol schauderte es, weil es so kalt war und weil er nun begriff, was er soeben getan hatte.

»Warum …? Was …?«

»Diese …«, Corwen wies auf die Edelsteine mitten auf der Erhöhung, »diese da sind meine Edelsteine. Das«, er hob einen einzelnen bleichen Edelstein hoch, der hinter dem Haufen versteckt gewesen war, »ist alles, was Benfro von seiner Mutter, Morgum der Grünen, geblieben ist. Dein Freund, Inquisitor Melyn, hat den Rest. Und das«, er zeigte auf einen kleinen ungleichmäßig geformten roten Kristall, »ist ein nicht extrahierter Edelstein des großen Magog, Sohn des Sommermondes.«

»Aber ich dachte, Magog sei einfach ein Mythos. So, wie Sir Radnor das erzählt hat, war die Geschichte eine Fabel, eine Warnung vor Arroganz und Stolz.«

»Das ist sie auch. Aber das bedeutet nicht, dass sie nicht wahr ist. Magog hat vor Jahrtausenden gelebt. Seine Taten wurde niemals übertrieben, und seine Grausamkeit auch nicht. Aber was uns allen niemals klar war, waren die Ausmaße seines Wahns. Er nutzte die finsterste Perversion der Feinen Künste, um einige seiner eigenen Edelsteine zu entfernen, als er noch lebte. Durch diese Edelsteine hat er seit Jahrtausenden seinen Einfluss auf Menschen und Drachen bewahren können.«

»Und das hier ist einer davon?« Errol zeigte auf den hässlichen roten Edelstein.

»Nein, das ist der letzte seiner wahren Edelsteine. Benfro hat ihn gefunden. Oder genauer gesagt, er wurde zu ihm hingezogen. Was Magog niemals erwartet hatte, war, dass Benfro den Edelstein retten und mitnehmen würde. Er hätte ihn zurücklassen sollen. Denn dann hätte er niemals das Band entdeckt, das zwischen beiden geschmiedet worden war. Oder erst, wenn es zu spät gewesen wäre.«

»Was für ein Band? Und wozu zu spät?« Errol kam sich wieder vor wie im Unterrichtsraum in Emmas Faur, nur hatte er diesmal absolut keine Ahnung, was ihm eigentlich beigebracht werden sollte.

»Durch seinen Edelstein übernimmt Magog Benfro nach und nach. Seine Gedanken, seinen Leib. Er hat ihm seine Flügel gegeben. Das ist eine gewaltige Magie, sogar für einen lebenden Drachen. Diese Gabe hat eine fast unzerreißbare Verbindung zwischen den beiden geschaffen. Ich habe getan, was ich konnte, um zu helfen, vorher brauchte sich Benfro nur einige Schritte von dem Edelstein zu entfernen und er war total handlungsunfähig. Aber ich habe die Zeit, die Magog braucht, um sein Ziel zu erreichen, nur verlängert, ich habe ihn nicht ausgeschaltet.«

»Und das vernichtet dich auch, oder?«

»Ein nicht extrahierter Edelstein ist überaus gefährlich, Errol. Dieser hier sogar auf geradezu unvorstellbare Weise.«

»Aber man kann ihn ausschalten. Du hast gesagt, die Bindung sei fast unzerreißbar. Nicht vollständig unzerreißbar.«

»Der Edelstein muss extrahiert werden. Und dazu muss er zusammen mit dem Körper verbrannt werden, der ihn enthalten hat. Du brauchst nur einen einzigen Edelstein zu verbrennen, und alle anderen werden weiß, selbst wenn sie sich auf der anderen Seite von Gulad befinden. Aber ein Edelstein muss verbrannt werden.«

»Magogs Leib muss doch schon längst verwest sein. Wenn die Sagen zutreffen, ist er vor über zweitausend Jahren von König Diseverin erschlagen worden.«

»Wenn Benfros Geschichte stimmt, und ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln, dann sind einige von Magogs Knochen noch vorhanden. Aber durch einen uralten und mächtigen Zauber sind sie an dem Ort verborgen, an dem beide Brüder geschlüpft sind. Man kann sie nur finden, wenn man von Magog oder seinem Bruder Gog dorthin eingeladen wird.«

Errol war sich nicht ganz sicher, aber er hatte den Eindruck, dass der rote Edelstein mit wütendem Lodern pulsierte, als der Name Gog fiel. Und Corwens Bild schien ein wenig zu verblassen, als sei der Drache von einer besonderen Kraft getroffen worden.

»Aber wenn sie beide tot sind …«

»Wenn beide Brüder tot wären, würde sich die Magie, die ihren Schlüpfort bedeckt, langsam auflösen. Und alle, die jemals dort gewesen sind, würden den Weg zurück finden können. Benfro hat keine Ahnung, wo dieser Ort ist, also ist das Versteck noch geschützt. Wo immer er sein mag, Gog muss jedenfalls noch überaus lebendig sein.«

Wieder schien bei Erwähnung dieses Namens dieses Aufleuchten wütender Energie an Corwens Lebenskraft zu zehren.

»Aber warum erzählst du mir das? Soll ich Gog suchen? Ich wüsste ja nicht einmal, wo ich anfangen sollte.«

»Du weißt mehr, als dir bewusst ist, junger Errol. Und du bist geschickter in den Feinen Künsten als irgendein anderer Mann. Und ja, ich möchte, dass du ihn suchst. Oder dass du Benfro bei der Suche hilfst. Aber es gibt noch einen Grund, warum ich dir das hier zeigen wollte: um alles zu erklären, so gut ich das überhaupt kann. Magog darf sich nicht wieder erheben. Ich liebe deinesgleichen wirklich nicht, aber wenn Magog Benfro übernehmen kann, wird er auf der Suche nach seinem Bruder ganz Gulad zerfetzen. Und wenn er ihn findet, wird es zum Kampf kommen. Was immer übrig bleibt, wenn sie fertig sind, wird kein Ort zum Leben sein, weder für Menschen noch für Drachen. Darum möchte ich, dass du Benfro hilfst, sich von diesem Fluch zu befreien – und mich übrigens auch. Aber wenn du versagst, musst du etwas anderes tun. Du wirst wissen, wenn nichts mehr von Benfro übrig und Magog an seine Stelle getreten ist. Wenn dieser Augenblick gekommen ist, musst du ihn töten.«

Errol schaute überrascht zu dem alten Drachen hoch.

»Aber es muss doch …«

»Ich verlange kein Versprechen von dir, Errol. Du schuldest keinem von uns etwas. Aber ich hoffe, du kannst das verstehen. Magog darf nicht noch einmal leben. Und jetzt komm. Wir gehen zurück zu deiner Höhle. Oder du gehst allein, wenn du dich dazu imstande fühlst.«

Errol wusste, dass er damit entlassen war. Corwens Worte hatten in seinen Gedanken einen wahren Tumult ausgelöst, und doch hatte er immer noch das Gefühl, den Versuch machen und an den Linien dahin zurückgehen zu müssen, wo er angefangen hatte. Er konzentrierte sich auf die Grymlinien und suchte nach dem Weg, auf dem er gekommen war, aber es war zu verwirrend. Die Linien führten überall hin, jede zeigte ein verlockendes Bild eines anderen Ortes. Für einen kurzen Moment sah er die Höhle oder etwas, das große Ähnlichkeit damit hatte, aber darüber schob sich das Bild eines Raumes mit steinernen Mauern, der von einem gewaltigen Kamin und einem riesigen Lesepult dominiert wurde. Ein weiterer düsterer Raum voller Säulen und niedriger Wände schwebte wie ein Nebel im Hintergrund seiner Gedanken. Frustriert gab Errol auf.

»Das bringt nichts. Ich kann mich nicht konzentrieren.«

»Verständlich unter diesen Umständen.« Corwen schlurfte an Errol vorbei zu der dunklen Öffnung am Ende der Höhle. »Komm jetzt mit, aber ich fürchte, du wirst dabei nass werden.«

Ohne Krücken war das Gehen schmerzhaft. Errol stützte sich, so gut er konnte, an den Wänden ab, während er sich durch einen breiten Wendeltunnel schleppte, der nach oben in eine viel größere Höhle führte. Licht fiel durch einen Vorhang aus Wasser, der gleich gegenüber herunterschäumte, und doch war die Luft so trocken wie die Einrichtungsgegenstände, die das füllten, was einst eine Wohnung gewesen war. Corwens Wohnung, wie Errol nun begriff, als der alte Drache weiterging, mitten durch den Wasserfall, der dadurch absolut nicht verändert wurde. Errol humpelte an den Rand des Wasserfalls, zögerte und schritt dann hindurch.

Er fiel ungefähr einen Meter tief in das brodelnde Wasser am Fuße des Wasserfalls. Das mit Blasen gefüllte Wasser konnte sein Gewicht nicht tragen, und er sank wie ein Stein auf den Grund. Kälte schlug ihm die Luft aus der Lunge, und für einen Moment war er wieder am Zackensprung und kämpfte um sein Leben. Dann trug die Strömung ihn in raschem Tempo davon, auf die Furt zu, und bald konnte er sich aufs Trockene ziehen. Keuchend und bibbernd humpelte er langsam zurück zur Höhlenöffnung, wo Corwen stand. Benfro war nicht zu sehen, aber der Haufen Späne an der Stelle, wo er vorhin herumgeschnitzt hatte, war jetzt noch höher. Errol nahm an, dass er in den Pferch gegangen war, um zu schlafen oder vielleicht einfach zu schmollen. Er fragte sich, ob er es wohl jemals schaffen würde, dem jungen Drachen zu helfen. Oder ihn zu töten.

Drinnen brannte ein warmes Feuer und füllte die Höhle mit willkommener Wärme. Errol streifte seine triefnassen Kleider war und hängte sie zum Trocknen auf, ehe er sich in seinen Umhang wickelte. Erst dann bemerkte er am Rand der Feuerstätte etwas, das aussah wie ein Haufen geschwärzter Blätter. Neugierig zog er diese Blätter mit einem Stock zu sich heran. Ein himmlisches Bratenaroma stieg auf. Er schob die Blätter auseinander und fand ein großes Kaninchen, abgehäutet, ausgenommen und perfekt zubereitet. Die leere Bauchhöhle war mit einigen erlesenen Kräutern gefüllt worden, um den Geschmack zu verstärken, aber Errol war das egal. Er hätte das Tier auch roh verschlingen können.

Er dachte erst wieder an seine Manieren, als er den letzten Knochen abgenagt hatte. Er hüllte sich in seinen Umhang und humpelte aus der Höhle in die abendliche Dunkelheit. Auf der anderen Seite des Pfades war nichts von Benfro zu sehen, vermutlich war er zu Bett gegangen.

»Danke«, sagte Errol trotzdem, und sei es nur zur Nacht.

3

Drachen sind von Natur aus magische Wesen. Jeder ausgebildete Magis kann die Aura schildern, die einen Drachen umgibt. Die Edelsteine, die im Gehirn eines Drachen wachsen, sind wegen ihrer Fähigkeit, sich auf die Grymlinien zu konzentrieren, kostbarer als Gold. Drachen üben Magie nicht bewusst aus, so wenig, wie sie in anderer Hinsicht über einen überlegenen Intellekt verfügen. Drachen sind vielmehr wie frühreife Kinder, die bisweilen ihre Eltern mit großen Fähigkeiten überraschen, die ihnen aber doch nur durch Zufall zuteil geworden sind.