Drecksgeschäft - Axel Ulrich - E-Book

Drecksgeschäft E-Book

Axel Ulrich

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Beschreibung

Der Ehemann einer Kundin des Ex-Anwalts Franz Walzer wurde durch einen Sprengsatz mit seinem Kleinflugzeug vom Himmel geholt - tot. Sie wurde schwer verprügelt. Walzer wird neugierig. Er findet heraus, dass sie einen Kaiserschnitt, aber kein Kind hat. Wo ist es? Er findet noch mehr Opfer, immer das gleiche Schema. Es stinkt nach organisierter Geldwäsche und er findet ein Muster. Die Lösung liegt in einer sehr abgelegenen Gegend in den kolumbianischen Anden. Da muss er hin, mit zwei Kämpfern. Und dann kommt ihm noch ein Gedanke - könnte man Killer nicht dazu bringen, sich gegenseitig auszuschalten?

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Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Axel Ulrich

wurde 1951 in Bad Homburg geboren, ist Diplom-Volkswirt und hat einige Jahre als Wirtschaftsjournalist bei einer großen Nachrichtenagentur gearbeitet. War spannend, sagt er. Danach war er einige Jahre für eine amerikanische Management-Consulting-Firma in der Unternehmensberatung tätig.

In den Achtzigern machte er sich selbstständig, woraus ein IT-Systemhaus mit etwa 25 Mitarbeitern entstand. Von der wenig lukrativen Hardware trennte er sich später, verkaufte Firmenteile und konzentrierte sich auf Software-Entwicklung und -Vertrieb, zuletzt auch auf Apps.

Ulrich wollte schon immer Bücher schreiben, auch wenn er keinen Grund dafür nennen kann. Er wollte es einfach. Am liebsten sind ihm spannende Sachen, Thriller. Er mag Wirtschaftsverbrechen, Geldwäsche, Schwarzgeld etc., am besten gekoppelt mit Erpressungen und mafiösem Verhalten. »Drecksgeschäft« ist sein zweiter Krimi nach »Schoofseggl«, der im Verlag Oertel+Spörer erscheint. Außerdem beschreibt Ulrich in einem Thriller einen Menschen von einem anderen Planeten, der als schräger Entwicklungshelfer auf Erden tätig ist.

Axel Ulrich

Drecksgeschäft

Ein Schwaben-Krimi

Oertel+Spörer

Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen.Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.

© Oertel+Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2021Postfach 16 42 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehalten.Titelfoto: © Adobe StockGestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, ReutlingenLektorat: Elga Lehari-ReichlingKorrektorat: Sabine TochtermannSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-96555-092-6

Besuchen Sie unsere Homepage und informieren Sie sich über unser vielfältiges Verlagsprogramm:www.oertel-spoerer.de

Er schaute übers Meer und dachte nach. Es musste einen Weg zu größeren Dimensionen geben. Er brauchte eine Lösung. Wer hatte schon das Problem, der Geldflut nicht mehr Herr zu werden. Ihm kamen die berühmten »W«-Fragen in den Sinn. Wozu, wer, was, wann und warum war ja klar. Wo eigentlich auch, nämlich am liebsten in Deutschland. Nur das Wie, das stimmte noch nicht so ganz. War viel zu mühsam, wie sie es bisher gemacht hatten. Kleinkariert sagte man dazu in Deutschland.

Er gab sich eine Woche, eine Woche hier in seiner Heimat oder zumindest in der Nähe seiner Heimat Venezuela. Aufgewachsen war er in San Cristobal, nahe an der Grenze zu Kolumbien. Dann war er in der Dominikanischen Republik gelandet, wie viele Venezolaner. Geflohen vor dem Regime. Aber er fühlte sich fast heimisch. Jeden Tag wollte er hier sitzen, über den Atlantischen Ozean schauen und eine Lösung finden, eine große Lösung. Eine Woche, mehr nicht.

Ernesto Hernandez hieß er, Ernesto wie bei Che Guevara. Geboren in Venezuela, aufgewachsen in Venezuela und dann als Betriebswirtschaftsstudent nach Köln gekommen. Sein Onkel aus Kolumbien hatte ihm das bezahlt. Und danach hatte er begonnen, für den ältesten Bruder seines Vaters zu arbeiten. Und das wollte er gut machen, er war ihm dankbar. Sie hatten alle sehr enge Bindungen zur Familie – wie in diesem Teil der Welt üblich.

Am nächsten Tag saß er wieder am selben Platz am Strand, hinter ihm die Palmen. Er saß immer auf einem großen Stein. Es war ein wunderbarer Platz. Ein Palmenwald, davor der helle Strand und draußen das Wasser in all seiner Farbenpracht. Von Türkis über Grün und tiefes Blau bis zu – ganz weit entfernt – fast Schwarz. Und er war gedanklich schon ein wenig weiter. Wozu hatte er Betriebswirtschaft studiert, wie kam bei Unternehmen die wundersame Wertvermehrung zustande, na?

Angefangen hatten sie mit dominikanischen Lotteriebuden. Das waren so winzige Häuschen, in denen meistens eine Frau saß. Die gab es selbst in kleinen Dörfern. Lotterie war bei den Dominikanern sehr beliebt. Man brachte tausend Dollar als Lotterieeinsatz hin und holte ein paar Tage später neunhundert als Lotteriegewinn wieder ab. Ganz zufällig. Und dann immer wieder. Nach kurzer Zeit war klar, dass die Methode ziemlich mühsam war. Vor allem, wer glaubte einem das auf Dauer?

Und so hatte er in Köln mit Immobilien begonnen. Das war schon besser gewesen. Man kaufte ein Haus für eine Million, für das eins Komma drei Millionen gefordert wurden. Handeln konnte man nicht. Also gab man die Dreihunderttausend schwarz dazu. Funktionierte im Baugeschäft, weil die Handwerker Schwarzgeld annahmen. Dann renovierte man mit weiterem Schwarzgeld die Hütte ein wenig und verkaufte sie nach einem Weilchen für eins Komma sechs Millionen. Schon hatte man sechshunderttausend gewaschen. Das würde mit der Lotterie viel, viel länger dauern. Aber auch mit den Immobilien war es schon damals immer schwieriger geworden, weil die Neigung, Bargeld anzunehmen, immer weiter zurückging. Die Leute hatten einfach Schiss.

Es war überhaupt nicht so einfach, Millionen und Abermillionen in einem stetigen Prozess zu reinigen. Den Drogenhändlern nützte ihre ganze Kohle nichts. Die übergaben ihnen das Geld und sie wuschen es. Mit einem ordentlichen Abschlag gaben sie es zurück. War ein sehr einträgliches Geschäft. Aussteigen konnte man aber nicht. Das war ihm erst nach einer Weile klar geworden.

Eigentlich hatte er sich in seinem jugendlichen Leichtsinn vorgenommen, da ein paar Jahre mitzumischen und dann mit dem verdienten Geld was Solides zu gründen, aber das ging nicht. Er wusste zu viel und das war nicht gut, denn man kam nicht mehr raus, zumindest nicht lebend. Seit einem Jahr war er jetzt dabei. Leider ließ es sich manchmal nicht vermeiden, unschöne Dinge zu erfahren. Dazu war ihre Welt zu klein. Am Anfang hatte er keine Ahnung gehabt, wer die Händler waren. Irgendwann bekam er mit, wer dahintersteckte. Das Geschäft funktionierte ganz einfach. Die Bauern brachten den Grundstoff zu den Händlern, die verarbeiteten es in den Laboren und sorgten für den Transport. Und zurück kamen die Einnahmen in kleinen Scheinen. Da fing ihr Geschäft an.

Sie schickten gerne Angebote per E-Mail an gekaufte Adressen, in denen sie Leuten anboten, ihnen deren Konto für Überweisungen zur Verfügung zu stellen. Die Leute bekamen zehntausend und mussten neuntausend auf ein anderes Konto transferieren. Das funktionierte erstaunlich gut, alle waren eben geldgierig. Wenn sie erwischt wurden, weil die Bank sich wunderte, dass ein armer Schlucker plötzlich hohe Summen herumschob, dann stellten die Leute sich dumm. Half aber nichts. Die Konten, von denen das Geld kam und auf die es wanderte, die gab es dann schon lange nicht mehr. Und die Inhaber waren unsichtbar. Nur die armen Schlucker standen blöd da.

Die Wäsche lief in Phasen ab. Erst wurde das Bargeld auf ein Konto eingezahlt, dann wurde es hin- und hergeschoben und am Ende in legale Geschäfte investiert.

Zwölf Monate später

Bald müsste der Lago di Montespluga vor ihm auftauchen, ein See beim Splügenpass. Das Fliegen in seiner Cessna 172 Skyhawk, dem meistgebauten Flugzeugtyp der Welt, bereitete ihm immer wieder Spaß. Fliegen eben. Wer es noch nie probiert hat, kann es nicht verstehen. Das ist so wie mit Kindern. Erst wenn man selbst Kinder hat, versteht man es richtig. Er kam aus Mailand, hatte dort einen Geschäftstermin gehabt, einen recht erfreulichen. Es könnte sein, dass sie einen Distributor für Italien und Spanien gefunden haben. Könnte. Da er eine andere langjährige Geschäftsbeziehung gekündigt hatte, blieb ihm gar nichts anderes übrig. Umsatz musste her, sonst müsste er demnächst seine geliebte Skyhawk verkaufen und noch viele andere Dinge tun, die er nicht tun wollte.

In zehn Jahren hatten sie ihre Firma für exklusiven Modeschmuck aufgebaut, mühsam war es gewesen. Dann war es für eine gewisse Zeit sehr gut gelaufen. Etwas später hatten sie eine schwere Zeit gehabt, der Umsatz war abgerutscht. Ein Retter aus der Not war aufgetaucht, aber nach kurzer Zeit hatte er dessen Geschäftsmodell durchschaut und die Zusammenarbeit beendet. Manchmal musste man eben aufräumen.

So, da war er, der Lago di Montespluga. Jetzt noch über den Splügenpass, dann nach Chur und über den Bodensee heim nach Stuttgart.

Der Motor brummte friedlich vor sich hin, schönstes Wetter. Ein lauter Knall zerriss den Frieden, ihn traf etwas hart am Hinterkopf und er verlor auf der Stelle das Bewusstsein. Von hinten pfiff wie wild der Wind herein, die Nase des Flugzeuges neigte sich nach unten und es klapperte ohrenbetäubend, aber das hörte er schon nicht mehr. Da, wo das Leitwerk sein sollte, war nichts mehr, das Heck war weg, halb abgerissene Blechteile flatterten im Fahrtwind, das Flugzeug wurde schneller. Es trudelte nach unten und raste auf graue Felsen zu, die immer größer wurden.

Zwei Jahre und acht Monate später

Das Kind fühlte sich seltsam. Der Junge konnte sich an die Frau erinnern, sie war schon mal bei ihm gewesen. Heute Morgen haben sie ihn mit einem Auto zu einem Haus gefahren. Unterwegs hat er einmal aufs Klo gemusst. Und dann ist sie gekommen, hat ihn umarmt und geküsst und da hat er sich an sie erinnert. Er hat mit ihr vor dem Haus spielen dürfen und nach einiger Zeit ist sie wieder gegangen. Sie hat geweint und ihn haben sie zurückgefahren. Jetzt lag er wieder in seinem Bett.

Drei Monate später

Franz Walzer geht die eine Treppe runter, die ihn von seiner Wohnung im Obergeschoss zu seinem Büro im Parterre der Bootswerft führt. Aus dem großen Fenster schaut er nach draußen – dahin, wo der See sein sollte. Sieht aber nur eine graue Nebelsuppe. Typisch für den Spätherbst. Der See hat sich eine Tarnkappe aufgesetzt. Da könnte jetzt ein riesiges Schiff vorbeifahren und er würde es nicht sehen. Ein Schwede hat ihm vor Jahren mal gesagt, den November könnte man seinetwegen aus dem Kalender streichen.

Das sieht Walzer völlig anders. Er ist Jurist, war früher mal Anwalt. In der Endphase seiner Karriere in der Rechtspflege hat er ganz schön über die Stränge geschlagen und für Mandanten in Not Geld über den See geschmuggelt – dafür ist der November ein toller Monat gewesen. Im Nebel ist er mit seinem Festrumpfschlauchboot über den See geschlichen. Millionen hat er auf diese Weise aus der Schweiz heim ins Reich geholt und gut daran verdient, sehr gut. Dafür hat er gern ein bisschen gefroren. Ja, so kommt man an eine Bootswerft nebst Wohnung in absoluter Vorzugslage mit der Möglichkeit, vom Balkon in den See zu springen. Funktioniert aber nur im Sommer bei hohem Wasserstand, sonst haut man sich unter Umständen den Grind an einem Stein auf dem Boden des Sees an. Hier in der Schweiz sagen sie Grind zum Kopf.

Er hat einen Termin mit einer alten Kundin. Nein, sie ist nicht alt an Jahren, sie hat ihn früher schon ab und an mal beauftragt, Teile des schwarzen Vermögens ihres Mannes nach Deutschland zu holen und ein wenig zu waschen. Das Geld stammt vom Opa ihres Mannes, der in den Fünfzigerjahren aus Furcht vor den Kommunisten oder wer weiß wem, noch begonnen hat, Schwarzgeld in der Schweiz zu bunkern. Das Vermögen ist immer weiter angewachsen und musste damals wieder zurück, weil zu befürchten war, dass die Schweiz wegen Datendieben und drohenden automatischen Datenaustauschs von einem sicheren Hafen zu einem unsicheren werden würde.

Da kommt sie, die Teresa Renderle. Er geht raus, ihr entgegen.

»Grüß Gott, Frau Renderle. Lassen Sie uns ins Büro gehen, es ist kalt.«

»Herr Walzer, schön, dass es geklappt hat.«

Sie spricht mit einem ziemlich stark rollenden »R«, ist ursprünglich aus dem Tessin und mit dem Inhaber einer kleinen Firma für Modeschmuck aus Stuttgart verheiratet, wenn Walzer sich richtig erinnert.

»Wie geht’s Ihnen und Ihrem Mann?«

»Der ist gestorben.«

Walzer ist geschockt. Das ist selten bei ihm.

»Was? Wie denn?«

»Flugzeugabsturz. Vor gut drei Jahren am Splügen. Er kam aus Mailand. Eine Sprengladung im Heck des Flugzeuges. Hatte keine Chance. Ist ungeklärt.«

»Oh mein Gott, das ist ja furchtbar.«

Daher sieht sie so schlecht aus, ganz anders, als er sie in Erinnerung hat. Nicht mehr so strahlend wie bei ihrer letzten Begegnung. Etwas gebeugt.

»Wann haben wir uns zum letzten Mal gesehen, Frau Renderle? Das muss so vor gut vier Jahren gewesen sein, oder?«

»Ja, das denke ich auch. Die Firma gehört ja ihm und seinem Bruder und ich habe seinen Anteil geerbt. Aber sie läuft schlecht. Noch ist ein wenig Schwarzgeld übrig. Das müssten wir holen, denn ich brauche es in der Firma.«

»Frau Renderle, Sie können nicht so einfach Geld in die Firma einschleusen.«

»Ja, was soll ich denn sonst machen?«

»Sie müssen die Ursache bekämpfen, Geld reinpumpen bringt nichts. Wenn Sie jetzt einfach eine größere Summe als Darlehen hineingeben, dann erhöht sich ja nur die Verschuldung. Dann besteht immer die Gefahr, dass Sie Probleme mit dem Finanzamt bekommen. Die wollen von Ihnen dann Fortführungsprognosen haben. Was sagt denn Ihr Schwager dazu?«

»Der sieht das etwa so wie ich.«

»Darf ich mir das Unternehmen mal anschauen?«

»Das will er bestimmt nicht.«

»Und warum ist Ihr Mann ermordet worden?«

»Keine Ahnung.«

Walzer schaut ihr direkt in die Augen. Sie wendet sofort den Blick ab. Bei ihrer Antwort hatte sie so ein seltsames Tremolo in der Stimme.

»Frau Renderle, Sie wissen das!«

Sie steht auf, will gehen.

»Ich habe schon oft Menschen aus schwierigen Situationen befreit.«

Sie setzt sich wieder hin.

»Ich habe so eine Ahnung, aber ich kann wirklich nicht darüber sprechen, wirklich nicht.«

Das hat sie sehr eindringlich vorgebracht. Walzers Erfahrung sagt ihm, dass er besser aufhört, sie weiter zu bedrängen.

»Wissen Sie was? Sie deponieren das Geld im Schließfach der Bank und ich hole es für Sie. Wann passt es denn?«

»In etwa drei Wochen?«

»Gut.«

»Ich rufe Sie an, Herr Walzer. Und ich denke über Ihr Angebot nach. Ist ja nett von Ihnen.«

»Ich verstehe auch was von Firmen, habe schon einige saniert.«

Walzer holt ein paar Tage später das Geld in Zürich ab und transportiert es mit dem schwimmenden Schmuggelgefährt nach Radolfzell, um es in seinem Bankschließfach zu deponieren. Diesmal bei strahlendem Sonnenschein. Danach vergisst er die Frau Renderle zunächst.

Die Werft baut ein neues Holzboot und so spielt der Franz den Hilfsarbeiter in seinem eigenen Betrieb. Macht ihm einen saumäßigen Spaß, mal so richtig mit den Händen zu arbeiten. Diesmal ist es ein Klassiker aus den Dreißigerjahren, der hier neu aufgelegt wird. Der Kunde bezahlt einen Haufen Geld und die Werft verdient trotzdem fast nichts daran, aber darum geht es ihm nicht. Das ist sein Kindheitstraum und an dem muss man auch nichts verdienen. Lena hilft auch mit, seine brünette Schönheit, mit der er bald seit zwanzig Jahren zusammen ist. Im Januar ist es so weit.

Der fertige Rumpf wird gerade umgedreht. Walzer steht am Kran in der Werfthalle. Das Boot ist etwa zehn Meter lang, wiegt ohne den Kiel schon deutlich über eine halbe Tonne. Sein Handy gibt Laut. Er hat die Anrufe vom Festnetz umgeleitet, nimmt das Gespräch an.

»Ja, Walzer.«

»Hier spricht Martin.«

»Ah, Gehrenberger, du. Was verschafft mir die Ehre? Lange nichts mehr von dir gehört.«

Martin Gehrenberger ist Hauptkommissar bei der Kripo in Stuttgart.

»Wir haben doch mal über die Frau Renderle gesprochen. Muss Jahre her sein. Du kennst sie doch.«

»Ja, flüchtig. Habe ihr mal in der Firma geholfen.«

»Ach Franz, wem du so alles wobei hilfst, das will ich gar nicht genau wissen. Heute ist es etwas Ernstes. Sie liegt im Krankenhaus, ist ziemlich verletzt. Der Oberarzt hat uns informiert. Er hat sich das nicht leicht gemacht, aber er ist sich sicher, dass irgendwer sie eindeutig verprügelt hat. Ich habe jemanden hingeschickt, aber sie hat nichts gesagt, schweigt eisern. Hast du eine Idee?«

»Nein, habe ich nicht. Sie war vor Kurzem bei mir, hat mir vom Tod ihres Mannes berichtet. Kann nur so viel sagen, dass die Frau offensichtlich Probleme hat.«

»Habe gedacht, du könntest mir helfen.«

»Weißt du was, Martin, ich werde sie besuchen, und wenn ich was herausfinde, sage ich es dir.«

»Danke, Franz.«

Das hat seine Neugier geweckt. Walzer düst am nächsten Tag den Spätzle-Highway nach Stuttgart hoch, der angeblich zur Erleichterung des Schwarzgeldtransports in die Schweiz erbaut worden ist. Gemeint ist die Autobahn 81 Stuttgart-Singen. Er hat abgerüstet, fährt jetzt einen Kombi aus Bayern. Hat etwa hundert PS weniger als der davor, aber immer noch mehr als genug davon. Lena fand, dass der alte Bolide zu krawallig aussah. Der hier sieht jetzt wirklich nach nichts mehr aus, abgesehen von der Breite der Reifen und der Anzahl der Auspuffrohre.

Während der Fahrt sinniert er unter anderem darüber, was sich die Industrie denn dabei denkt, einerseits von Understatement zu sprechen und relativ kleine Autos anzubieten, die dem Kenner dann aber doch ihre aufgemotzten Innereien über bestimmte subtile Merkmale wie eben Anzahl der Auspuffrohre mitteilen. Echtes Understatement ist das nicht. Und dazu kommt noch die Sache mit den Fake-Auspuffen, wahre Ofenrohre, die nur Attrappen sind. Vier Stück, wo es technisch auch zwei täten. Man könnte vermuten, die Industrie biete dem Konsumenten hier doch Genital-Attrappen an. Nützt doch eh nichts.

Als unser Walzer, der eine deftige Fantasie besitzt, anfängt darüber nachzudenken, ob man für weibliche Autobesitzer andere Auspuffe anbieten sollte und wenn ja welche, ist er Gott sei Dank beim Katharinenhospital angekommen. Er findet die Frau Renderle sofort, sie liegt mit einem Kopfverband im Bett. Das Gesicht sieht aus wie eine blauweiße Hügellandschaft. Fahle Gesichtsfarbe und jede Menge Blutergüsse. Er setzt sich auf einen Hocker, der neben dem Bett steht.

»Oje, Sie Arme.«

Sie versucht ein Grinsen. Dann laufen ihr die Tränen runter. Probiert, sich aufzurichten. Geht nicht.

»Frau Renderle, ich sage einfach mal Teresa zu Ihnen. Ich duze sowieso die meisten Leute. Du hast riesige Probleme, das sieht ein Blinder. Was kann ich denn machen?«

Sie schüttelt den Kopf und die Tränen laufen weiter. Sie versucht, was zu sagen, aber das fällt ihr schwer. Offenbar schaut es im Mund drinnen auch nicht besser aus.

»Mir kann man nicht helfen«, flüstert sie.

Das klingt fast so wie ein indischer Akzent, bei dem sie grundsätzlich die Zungenspitze nach hinten gegen den Gaumen rollen. Jedenfalls hört es sich so an. Die Arme muss ja furchtbare Schmerzen in der Mundhöhle haben.

»Darf ich wenigstens mal mit deinem Schwager sprechen?«

Sie hält einen Augenblick inne, will zuerst den Kopf schütteln, stoppt und schüttelt ihn dann doch.

Walzer folgt dem, was er für sein Bauchgefühl hält. Er steht auf, setzt sich vorsichtig auf die Bettkante, legt den Arm um sie und drückt sie ein wenig, ganz leicht. Die Tränen laufen vermehrt und er denkt, Mädchen, du bist nicht so hart, wie du tust, aber du erduldest gerade mehr, als du kannst. Ihn beschleicht so was wie ein väterliches Gefühl.

Walzer hat keine eigenen Kinder, leider. Lena hat eine erwachsene Tochter, Lisa. Die ist jetzt zweiundzwanzig, und da Walzer mit Lena demnächst zwanzig Jahre zusammen ist, hat er durchaus so etwas wie eine Tochter. Lenas Ex-Mann wollte von dem Kind nicht viel wissen und so hat Franz die Rolle gerne übernommen. Es gab auch mal Momente in ihrem gemeinsamen Leben, in denen er sie nicht so toll fand, aber Lisa ist immer eine von den relativ Vernünftigen gewesen. Natürlich haben sie sie auch mal völlig besoffen von einer aus dem Ruder gelaufenen Party abholen müssen oder sie ist einfach nicht nach Hause gekommen, als Walzer mit ihr Krach hatte und Lena für ein paar Tage weg war. Da hat Walzer sich vor Angst sozusagen ins Hemd gemacht und ist die ganze Nacht herumgefahren, um die damals Achtzehnjährige zu finden. Und dabei hatte er auch noch einen im Tee, musste ständig auf Polizeikontrollen achten, wobei das gar nichts gebracht hätte.

Und so kann er mit Fug und Recht behaupten zu wissen, wie sich väterliche Gefühle anfühlen.

»Ich schau mir jetzt deinen Schwager an. Wie heißt der?«

»Roland«, flüstert sie mit indischem Akzent und sieht ihm in die Augen.

Sagt nichts. Zuckt nur mit den Schultern. Augenscheinlich tut auch das weh. Tränen. Er streichelt ihre Wange ganz vorsichtig und verschwindet.

Walzer fährt zur Firma Renderle Design in Stuttgart-Degerloch. Am Zettachring hat sie ein ziemlich großes Büro. Er marschiert rein, fragt am Empfang nach Roland Renderle. Der ist da und kommt nach einer Minute zu ihm vor. Walzer schätzt ihn auf etwa vierzig, er ist dunkelhaarig, recht groß und schlank, sieht sportlich aus. Er erinnert Walzer an Michael Renderle, Teresas Mann. Der sah ähnlich aus. Hatte ein ziemlich kantiges Gesicht und auch dunkle Locken. Michael und Teresa erschienen Walzer damals wie ein Traumpaar aus der Werbung. Teresa ist eine sehr attraktive Frau, mittelgroß, ebenfalls dunkelhaarig. Und offenbar vom Schicksal nicht verwöhnt, was auch immer da los ist.

Roland Renderle schaut Walzer fragend an.

»Herr Renderle, ich komme gerade von Ihrer Schwägerin.«

Renderle sieht ihn erstaunt an, will was sagen, deutet dann mit der Hand an, ihm zu folgen, und geht in sein Büro. Franz folgt ihm zu einem Konferenztisch.

»Schön, dass Sie mit mir sprechen«, sagt Walzer. »Ich habe für Ihre Schwägerin vor ein paar Jahren mal was geregelt.«

»Ich weiß, Sie sind der für die schwierigen Fälle. Und ja, wir sind im Moment in Schwierigkeiten, aber ich glaube nicht, dass Sie uns helfen können.«

»Ich bin geradezu spezialisiert auf die ganz problematischen Sachen.«

»Nein, ich will auch nicht mit Ihnen darüber sprechen. Ich kann nicht.«

Das Gespräch ist beendet. Walzer trollt sich. Er drückt Renderle die Hand. Der Mann ist nicht unsympathisch, nein, er ist auch nicht unhöflich. Unübersehbar – die beiden Renderles stehen unter einem furchtbaren Druck.

Walzer verlässt das Büro und fährt zu Gehrenberger. Der ist überrascht. Der Kommissar erhebt sich von seinem Bürostuhl und begrüßt Walzer mit einem Klaps auf die Schulter.

»Na, Alter, wirst auch immer grauer.«

Er hat recht, Franz Walzer ist ziemlich grau, die Haare stehen undefiniert vom Kopf ab, folgen keinem System und keiner Richtung. Er ist immer noch ziemlich sportlich, versucht, sein Gewicht in einem angemessenen Verhältnis zu seiner Größe von eins achtzig zu halten, was zunehmend misslingt. Er hält sich selbst für nicht besonders gut aussehend und wundert sich immer wieder, was Lena an ihm findet. Die gefällt ihm nämlich ausnehmend gut. Lena ist etwa zehn Zentimeter kleiner als er, durchaus gerundet, so ein dunkler Typ. Kommt aus Konstanz.

»Bei denen ist etwas gewaltig im Busch. Kannst du mal eine Kontoabfrage besorgen und mir zeigen, was ihr alles über die habt, auch über den Absturz?«

Gehrenberger verdreht die Augen.

»Martin, darf ich erinnern?«

»Ja, ist ja gut. Dafür komme ich in die Hölle.«

»Klar, aber du warst aufgrund meiner diskreten Dienste auch schon im Himmel.«

Walzer verschwindet. Gehrenberger will sich bei ihm melden, sobald er alles zusammen hat.

Walzer fährt dann noch zu einem Freund. Der besorgt ihm die Bilanzen der Firma Renderle Design GmbH. Der Mann arbeitet beim Finanzamt. Unfassbar. Jedermann kann Bilanzen zwar auch beim Bundesanzeiger im Internet einsehen. Bilanzen von Kapitalgesellschaften sind öffentlich. Aber die sind doch arg zusammengefasst. Die ausführlichen sind da schon aussagekräftiger. Und die bekommt er so einfach.

Ernesto schlägt ihm die Faust mitten ins Gesicht, trifft die Nase, Blut quillt heraus, tropft auf den Parkettboden in Ernestos Wohnung in Stuttgart.

»Du verdammter Idiot.«

Er schlägt wieder zu. Auf dieselbe Stelle. Alejandro stöhnt und sackt auf die Knie.

»Bitte hör auf.«

»Mann, warum baust du so einen Scheiß?«

»Ich weiß es nicht, sie hat mich wahnsinnig gemacht.«

»Das war überhaupt nicht nötig.«

»Sie hat gesagt, sie gehe sofort zur Polizei, hat sich umgedreht und ist losmarschiert. Ich habe sie aufgehalten und sie hat mir eine geknallt. Ja und dann konnte ich mich nicht mehr beherrschen.«

Alejandro ist auch Venezolaner, in Deutschland aufgewachsen. Er ist mit Ernestos Onkel José und damit auch mit Ernesto verwandt und der sollte ihn aufbauen, um seine Arbeit zum Teil zu übernehmen. Ernesto sollte sich nur noch um Neuakquisition kümmern. Mittlerweile haben sie etwa dreißig Kunden oder – je nach Betrachtungsweise – Lieferanten zu betreuen. Und da muss man den Daumen draufhalten, damit die keine Sperenzchen machen.

Ernesto hat jetzt schon mehr zu tun, als er bewältigen kann. Und wenn einer aus der Reihe tanzt, dann muss er ihn disziplinieren. Das passiert immer wieder, daran hat er sich gewöhnt. Meistens ahnt er schon im Voraus, wann sie anfangen zu spinnen. Wenn diesen Star-Unternehmern das Wasser am Hals steht, dann sind sie zugänglich, aber sobald sie etwas Luft zum Atmen haben, kommen sie einem mit der Moral. Nein, das hat er früh erkannt. Die muss man im Griff halten. Eisern.

»Alejandro, hau bloß ab und tu das nie wieder. Du weißt, was sonst passiert. Und bete zu Gott, dass die im Krankenhaus nichts zur Polizei gesagt haben. Das geschieht manchmal bei verprügelten Frauen. Finde das heraus!«

Alejandro schleicht davon wie ein geprügelter Hund. Ernesto denkt, dass er auch genau das ist. Was für ein Trottel. Da steht er ganz anders da. Mit dem Erfolg seiner Operation sind alle zufrieden. Er schafft gut sechzig Millionen im Jahr und das mit stark steigender Tendenz. Wenn es so weitergeht, dann braucht er mehr Personal, und zwar qualifizierte und vor allem zuverlässige Leute. Er muss mit seinem Onkel sprechen, sie müssen handeln, und zwar jetzt.

Es gibt in ihrem Geschäft weit größere Organisationen, aber dahin will er gar nicht. Sein Onkel lässt ihm freie Hand. Der hat gesehen, dass er es kann. Und Ernesto denkt sich, besser klein bis mittelgroß als ganz groß. Da ist das Risiko, erwischt zu werden, deutlich geringer. Und er ist sich mit Onkel José einig, dass sie das Geld in Europa anlegen wollen. Die USA sind wesentlich aktiver in Sachen Geldwäschebekämpfung und sonst gibt es nicht so viele sichere Häfen auf der Welt. Er mag Europa, speziell Deutschland. Die anderen wollen das Geld in ihrer Nähe haben, also gehen sie zum Beispiel nach Panama. Da suchen aber alle zuerst, denn jeder kennt den dortigen laxen Umgang mit Geld aus dubiosen Quellen.

Walzer ist wieder zu Hause am Bodensee. Genau betrachtet ist das der Untersee, der kleinere Teil des Bodensees. Zwischen dem Obersee und dem Untersee liegt der Seerhein – und in Konstanz gibt es Brücken. Daher muss jeder, der mit einem Segelboot vom Untersee in den Obersee will, vorher den Mast legen.

Franz hat Beziehungen. Eigentlich langt der Begriff »Beziehungen« für das, was er hat, kaum aus. Man sieht ja, wie ein gestandener Hauptkommissar – und das ist immerhin mehr als ein Kommissar oder ein Oberkommissar – zu ihm sagt, er möchte gar nicht genau über seine Geschäfte Bescheid wissen. Jeder weiß, dass Walzer schon immer nicht alles so ganz genau genommen hat.

Er ruft den Chef der Neurochirurgie vom Katharinenhospital an.

»Hallo Matthias, hier ist Franz.«

»Ach je, du.«

»Ja, ich brauche dich.«

»Mei-o-mei.«

»Hör zu, bei euch liegt eine Teresa Renderle. Ich brauche die Befunde. Sie ist ziemlich schwer verletzt eingeliefert worden, jemand hat sie angeblich verprügelt. Und du brauchst keine Angst zu haben, ich arbeite dieses Mal mit der Polizei zusammen. Ich muss wissen, was der untersuchende Arzt gefunden hat, ganz einfach.«

»Ja gut, ich finde das heraus. Wenn es weiter nichts ist. Habe schon Angst gehabt, dass du was Schwierigeres von mir willst. Du weißt ja, dass ich dir ewig dankbar bin.«

»Das freut mich sehr.«

Danach ruft Walzer einen Anwalt in Panama an und denkt, während er die Nummer wählt, dass er dort heute noch Anwalt wäre. Die lassen einem Sachen durchgehen, für die man hierzulande sofort seine Zulassung verliert. Aber er relativiert seinen eigenen Gedanken gleich wieder. Das mit dem Sofort stimmt so nicht. Er hat sich schon einiges auf sein Kerbholz ritzen lassen, bevor man ihn rauskomplimentiert hat.

»Hey Daniel, kennst du mich noch, Franz Walzer?«

Daniel Lopez ist Anwalt in einer Kanzlei in Panama-Stadt, Walzer hat mal mit ihm an einem schrägen Fall mitgewirkt.

»Ich brauche deine Hilfe.«

»Ja, gut.«

Walzer nennt ihm die Namen der Firma Renderle und der Inhaber und bittet ihn nachzuschauen, ob er in Panama die Firma oder eine Verbindung zu ihr findet. Das ist so ein Bauchgefühl. Panama-Papers eben. Eines der Zentren für illegales Geld in Mittelamerika. Es gibt natürlich noch andere wie beispielsweise Belize. Walzer war mal in Panama. Ist keine schöne Stadt, außer der Altstadt. Der neue Teil der Stadt macht auf kleine Version von New York: modern, viele Hochhäuser. Dem ganzen Land geht es vor allem wegen der stetigen Einnahmen durch den Kanal ziemlich gut. Daniel will sich melden.

»Ich schicke dir eine E-Mail.«

Der Franz stellt immer wieder fest, dass Leute eigentlich ganz froh sind, wenn sie nicht mehr live mit ihm sprechen müssen. Schicken dann E-Mails. Verständlich, er macht im direkten Kontakt immer ein wenig mehr Arbeit. Aber Daniel braucht sich nicht zu beschweren. Für den hat er vor einem Jahr etwas über eine deutsche Firma herausgefunden, für das er sich sonst hätte herbemühen müssen, und das ging ratzfatz. Walzer kommt zustatten, dass er leidlich Spanisch spricht, es ist nur total eingerostet – tengo poca práctica en español. Er grinst und rollt seinen Stuhl vom Schreibtisch weg. Eames. Hat er sich gekauft, aber erst, als er ein absolutes Sonderangebot gefunden hat. Sein Wahlspruch:

»Wenn ich mir den Arsch schon hier am Tisch breit sitze, dann wenigstens auf einem Qualitätsmöbel.«

Teresa wacht im Krankenhausbett auf, fühlt sich etwas besser. Am schlimmsten waren in den letzten zwei Tagen diese ekelhaften Schmerzen im Mund. Jede Bewegung geriet zu einer reinen Qual. Diesen Morgen fühlt es sich ein bisschen weniger schlimm an. Ein minimaler Fortschritt. Der weckt in solch einer Situation einen Hoffnungsschimmer. Linderung gegenüber dem vergangenen Morgen ist die Hoffnung auf Besserung und komplette Heilung. Natürlich ist ihr klar, dass es vorübergeht, aber es zu spüren, das ist ein schönes Erlebnis. Ihr wird warm ums Herz. Aber gleich kommt ihr wieder die Ausweglosigkeit ihrer Situation in den Sinn. Und schon fühlt sie sich wieder schlecht. Seit Jahren zermartert sie sich das Gehirn, wie sie das Problem lösen könnte. Komplett erfolglos. Dennoch – vielleicht könnte ihr jemand wie dieser Walzer helfen. Sonderlich vertrauenerweckend fand sie ihn am Anfang nicht. Das hat sich über die Zeit geändert. Er ist so ein mittelgroßer Typ mit wirren grauen Haaren, wachen Augen, einer leichten Hakennase und einem näselnden Schwäbisch. In den letzten paar Jahren ist er ein bisschen dicker geworden.

Es müsste ein Wunder geschehen. Aber die minimale Linderung der Schmerzen lässt sie alles um sich herum ein klein wenig positiver sehen. Vielleicht gäbe es doch irgendeinen Ausweg. Irgendwie. Und so schläft sie wieder ein. Der erste etwas erholsamere Schlaf seit Monaten. Seit Monaten? Seit Jahren.

Ernesto muss in die Dominikanische Republik. Dort trifft er sich gerne mit seinem Onkel José. Der hat da eine schöne Villa direkt am Meer, ein Traum. Ernesto hat auch noch eine Wohnung in der Domrep, wie die deutschen Touristen sie nennen. Sie müssen die Zukunft planen, über Personal, Gebiete und über andere Länder außer Deutschland sprechen. Er möchte noch unauffälliger arbeiten. Je öfter Geld Grenzen überquert, desto schwieriger wird die Spurensuche. Man muss allerdings aufpassen, dass man es nicht übertreibt.

Wie oft hat er von bedeutenden Managern den Satz gehört: »Wir müssen wachsen.« Dabei hat er sich immer gefragt, ob man wirklich wachsen muss. Muss man? Muss jedes Unternehmen wachsen? Da ist er sich nie sicher gewesen. Aber jetzt müssen sie wachsen, weil immer mehr Geld kommt. Und er hat eine neue Methode gefunden. Eine, die einen Umweg vermeidet. Er ist stolz. Muss man erst mal schaffen. Hat er das wirklich geschafft? Aber er hat auf jeden Fall den Königsweg gefunden, die Leute zum Schweigen zu zwingen.

Der Mann aus Panama meldet sich zuerst. Walzer denkt, die Entferntesten sind manchmal die Schnellsten. Im Handelsregister gibt es keine Hinweise auf den Firmennamen oder den Namen Renderle. Gut, das war ja auch nur ein Schuss ins Blaue.

Drei Tage später ruft Matthias aus dem Krankenhaus bei Walzer im Werftbüro an. Er bittet um einen persönlichen Besuch, könne man nicht am Telefon besprechen. Das weckt bei Walzer die Neugier. Und so vereinbart er auch noch einen Termin mit seinem Lieblings-Hauptkommissar, damit sich die Fahrt lohnt.

»Dann komm halt vorbei, habe einiges gefunden«, sagt der widerstrebend zu.

Walzer fragt Lena, ob sie mitkommt. Die ist noch völlig erledigt von den letzten Wochen. Lena hat lange mit einer Freundin zusammen eine kleine Kunstgalerie in Konstanz betrieben. Das Ding ist immer so leidlich gelaufen. Walzer hat nach jeder Besichtigung der Bilanz gespottet, der Gewinn sei zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig. Dann ist ihre Freundin ausgestiegen, weil sie nach eigener Aussage die Schnauze voll hatte.

Lena besitzt eine gewisse Sturheit und so hat sie noch eine Weile durchgehalten, aber kürzlich dann doch beschlossen aufzuhören. Galerien sind eine schöne Sache, es macht Freude, mit Ästhetik ein wenig Geld zu verdienen, der Kunstmarkt jedoch ist pervers geworden. Für manches Gekleckse werden fünf- und sechsstellige Summen hingeblättert, ohne mit der Wimper zu zucken, und zwar überwiegend von Leuten, die das nur tun, weil sie sicher sind, dass die Bilder ein Jahr später das Doppelte wert sind. Da geht es nur um Geld. Bei so einer kleinen Galerie, die Künstler aus der Region ausstellt, die einfach nur schöne Bilder malen, da kommen die Leute nur zu den Vernissagen, futtern und trinken, erzählen jedem Künstler, was sie alsbald kaufen werden, und dann sieht man sie erst wieder bei der nächsten Veranstaltung, wo es was umsonst gibt. Die angesagten Künstler stellen nur bei den angesagten Galerien aus und Lena hat es nie geschafft, in diesen Kreis aufzusteigen.

Sie malt selbst. Hat Kunst und Mathematik studiert, eine seltene Kombination. Lena hat als Lehrerin gearbeitet, bis die Sache mit der Galerie losging. Wenn sie es genau nimmt, hat sie die Kosten für die Galerie zum Teil aus dem Erlös ihrer eigenen Bilder bezahlt. Dumm ist nur, dass sie ohne die Galerie wohl auch ihre eigenen Bilder nicht mehr verkauft bekommt. Aber sie hat zu Walzer gesagt, wozu habe sie denn einen Mann, der mit allerlei nicht ganz koscheren Geschäften zu Geld gekommen sei. Vielleicht würde sie ihn doch noch heiraten, nur um versorgt zu sein. Ab sofort sei sie nicht mehr stur und kämpfe um die Galerie, denn Sturheit münde ab einem gewissen Zeitpunkt in Dummheit. Das fand Walzer dann auch wieder vernünftig. Momentan befasst sie sich mit Bootselektronik. Ja, öfter mal was Neues.

Die vielseitige Dame sagt:

»Fahr du alleine. Kommst am Abend wieder und ich koche uns was Schönes. Habe so viel zu tun gehabt mit dem Ausräumen der Galerie, den Abmeldungen, ich mag nicht weg.«

Und so düst er wieder mal nach Stuttgart. Zuerst geht’s ins Krankenhaus. Er trifft Matthias unten im Foyer.

»Ich muss aufpassen. Ich darf das ja nicht, und wenn ich am Telefon quatsche und das jemand mitbekommt, dann bin ich dran.«

Der Franz nickt.

»Ist klar, erzähl.«

Matthias spricht leise.

»Wir haben die Teresa Renderle bei der Einlieferung natürlich gründlich untersucht. Wir haben zwei frisch gebrochene Rippen diagnostiziert und außerdem einen älteren Armbruch, etwas schief zusammengewachsen. Sieht nach selbst ernanntem Urwalddoktor aus. Dazu kommt ein ordentliches Schädel-Hirn-Trauma. Und sie hat einen Kaiserschnitt, ein paar Jahre alt, auch nicht gerade hochprofessionell ausgeführt.«

Walzer zieht die Augenbrauen hoch und stößt einen leisen Pfiff aus.

»Die frischen Verletzungen zeigen, dass sie übelst verprügelt worden ist. Haben wir so schwer nicht oft.«

Walzer steht auf, klopft Matthias auf die Schulter und geht.

Ab zu Gehrenberger. Er betritt dessen Büro.

»Gott zum Gruße, Herr Hauptkommissar.«

»Gott zum Gruße, du Meister der Jurisprudenz. Also, die Frau Renderle ist aus dem Tessin, sechsunddreißig Jahre alt, war mit Michael Renderle verheiratet. Der ist vor ungefähr drei Jahren bei einem Flugzeugabsturz in der Schweiz ums Leben gekommen. Am Splügenpass. Die Trümmer wurden untersucht, aber nichts Brauchbares gefunden. Sprengsatz im Heck. Die Teile wurden im Umkreis von einem Kilometer gefunden, da kannst du dir ja vorstellen, wie man so ein Gebiet absuchen kann. Mache keinem einen Vorwurf. Die alten Renderles hatten ein Juweliergeschäft, die beiden Söhne haben Goldschmied gelernt und einen Bachelor-Abschluss in Schmuckdesign erworben, mit knapp dreißig den Laden übernommen und aus der Klitsche einen international aufgestellten Designladen gemacht. Hier hast du die Kontoabfragen. Und lass dich bloß nicht mit dem Zeug erwischen.«

»Martin, wenn du nicht weißt, dass man mir vertrauen kann, wer dann? Hast du etwas über ein Kind gefunden?«

»Kind? Nein, da war nichts. Wenn du etwas herausfindest, was ich wissen sollte, dann sagst du es! Noch was, habe ihr eine Polizistin geschickt, die Polizeischutz angeboten hat. Wollte sie nicht.«

»Jawoll, Herr Hauptkommissar.«

Walzer knallt die Hacken zusammen.

Er fährt noch mal ins Krankenhaus und sucht Teresa auf. Die sieht etwas besser aus, kann sich heute aufrichten.

»Hallo Franz.«

»Teresa, dir geht es etwas besser?«

Sie nickt.

»Ich wollte dich noch was fragen. Hast du noch Eltern?«

»Nein, sind gestorben.«

»Waren deine Eltern wohlhabend?«

»Nein. Mein Vater war Lehrer. Habe etwas Geld geerbt, ist noch auf meinem Konto in Mendrisio.«

»Gut, Teresa.« Walzer rückt mit seinem Hocker etwas näher zu ihr. »Du weißt ja, ich habe auch leicht dubiose Dinge gedreht und auch einigen Leuten in schwierigen Situationen geholfen. Und meistens habe ich auch was daran verdient. Nötig habe ich das schon lange nicht mehr. Aber ich tu es gerne. Du bist in einer sehr schwierigen Situation.«

Walzer denkt, Franz, labere nicht herum, und fragt sie dann direkt:

»Was ist mit deinem Kind?«

Jetzt erschrickt sie. Wird noch bleicher. Das bisschen Farbe, was sie seit seinem letzten Besuch dazugewonnen hat, ist aus ihrem Gesicht gewichen.

»Da ist nichts. Ich habe kein Kind.«

»Ach Teresa.«

»Oje, die Ärzte. Die müssen doch schweigen.«

»Ja, schon.«

Walzer kommt in den Sinn, dass er sie jetzt besser allein lässt. Zuerst hat er vorgehabt, den Schreck zu nutzen, um mehr herauszufinden, er folgt jedoch lieber der Eingebung, seinem Bauchgefühl. Er hat es ja nicht eilig.

»Ich gehe wieder. Glaub mir, du brauchst Hilfe und dein Schwager auch. Der war übrigens ganz nett zu mir.«

Er verlässt das Krankenzimmer, düst wieder nach Hause. Mal schauen. Zwingen kann er sie ja nicht, aber er ist neugierig, ziemlich neugierig.

Alejandro hat Angst vor Ernesto. Sie sind zwar um einige Ecken herum miteinander verwandt, aber Ernesto ist ihm nicht geheuer. Alejandro verdient bombig mit seinem Job. Hat wenig zu tun und dabei im letzten Jahr weit über zweihunderttausend für seine Dienste bekommen. Nicht schlecht für einen Zweiundzwanzigjährigen, der in Stuttgart Betriebswirtschaft studiert. Das hat er sich von Ernesto abgeschaut. Der ist ja auch Betriebswirt. Auf der einen Seite bewundert er Ernesto, der bestimmt die erste Million schon lange zusammenhat und gerade mal dreißig geworden ist. So will er auch sein, aber wenn er genug Geld verdient hat, will er sich mit einem anständigen Geschäft selbstständig machen.

Ernesto ist so unberechenbar. Einmal ist er wahnsinnig nett, hat mit ihm seinen Geburtstag gefeiert und es so richtig krachen lassen. In einem sündhaft teuren Hotel am Bodensee haben sie gefeiert, einem alten Kloster. Vom Garten aus konnte man in den See steigen. Und dann schlägt er einfach zu wie kürzlich. So will er nie sein.

Onkel José hat ihn damals angerufen und gesagt, er solle zu Ernesto gehen, der hätte einen Nebenjob für ihn, einen sehr lukrativen. Das hat ihn natürlich gefreut. Ernesto hat ihn auf Anhieb begeistert. Er war gut gekleidet, sah gut aus, knapp eins achtzig groß, schlank, attraktiv und sehr charmant. Alejandro bewunderte auch die teure Wohnung und den Porsche. Als er ihm einen Job angeboten hat, war er hin und weg, hat in allem versucht, Ernesto nachzueifern. Er hatte auf einmal das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein. Das war ein sehr schönes Gefühl. José hat ihm damals gesagt, Ernesto sei ihm, Alejandro, auch äußerlich ähnlich. Das hat ihn sehr stolz gemacht, mittlerweile will er davon nichts mehr wissen.

Er hat genau hingehört. Am nächsten Tag ist er ins Krankenhaus gegangen und hat heimlich auf dem Gang vor dem Zimmer von dieser Frau Renderle eine Kamera angebracht – in einem der Stromkanäle aus Plastik verborgen, die an der Wand entlanglaufen. So konnte er sich per Smartphone ansehen, wer zu Besuch kam.

Ihr Schwager kam alle zwei Tage, dann kreuzte einmal eine Freundin auf, eine ganz hübsche. Die Frau Renderle ist ja auch sehr attraktiv, recht groß, dunkle mittellange Haare, gute Figur. Warum ist er nur so ausgerastet? Irgendwie wusste er sich nicht anders zu helfen. Er ist selbst über seine Reaktion erschrocken und schämt sich dafür.

Und dann tauchte so ein Typ mit wirren grauen Haaren auf, bestimmt über fünfzig Jahre alt. Nicht mehr ganz schlank, sah aber noch ganz fit aus.

Als der wieder rauskam, hat er ihn in seinem Audi-Kombi mit Schweizer Nummer verfolgt. Irgendwo in Richtung A 81 hat er ihn verloren. Da hat er seinen Kumpel aus Kreuzlingen losgeschickt, den Namen zu besorgen. Der hat gesagt, das sei in der Schweiz anhand der Autonummer ganz einfach, den Namen hat er gleich geschickt. Der Typ heißt Franz Walzer. Wohnt irgendwo im Kanton Thurgau am Bodensee.

Im Internet hat er herausgefunden, dass der früher Anwalt war und jetzt eine Bootswerft hat. Anwalt, aha. Das klingt nicht gut. Müsste er Ernesto sagen, aber er hat Angst. Das Problem ist, dass man in diesem Geschäft tot ist, wenn man einen schweren Fehler begeht. Ihm ist gar nicht wohl. Er wird erst mal diese Teresa weiter beobachten. Vielleicht ist das ja ganz harmlos, etwa so: Ihr Anwalt hat gehört, dass sie im Krankenhaus liegt und ihr einen Besuch abgestattet. Nein, er wird Ernesto nichts sagen.

Ein Notfallplan muss her. Ein wenig Geld auf einem Konto in einem anderen Land deponieren und einen Rucksack mit den wichtigsten Dingen vorbereiten, um im Notfall ganz schnell abhauen zu können. Genau, das wird er angehen. Sofort. Was hält ihn denn in Stuttgart? Er hat ein paar Freunde, keine aktuelle Freundin, seine Mutter ist tot und sein Vater hat wieder geheiratet und mit ihm nicht viel zu tun. Der kümmert sich um seine neuen Kinder. Eigentlich – überlegt Alejandro – ist er nicht so verwöhnt vom Schicksal. Da ist ihm Ernesto wie gerufen gekommen, aber diese Beziehung entwickelt sich auch nicht sehr positiv. Er wird nicht zugeben, dass er diese Sache mit dem Anwalt zu verantworten hat, wenn es denn so ist.

War es ein Fehler, seinen Kumpel in Kreuzlingen um den Namen von diesem Walzer zu bitten? Nein, der kennt Ernesto und den Verein gar nicht. Keine Gefahr. Die Kamera im Krankenhaus wird er so einstellen, dass sie auf Bewegung reagiert und nur aufzeichnet, wenn was los ist. Dann muss er nur noch ab und an den Akku tauschen.

Dieser Anwalt oder vielmehr gewesene Anwalt sitzt an seinem Luxus-Schreibtisch. Das Teil ist ein wahres Monstrum, dennoch recht elegant. Wirkt nicht so wuchtig, wie es wirklich ist. Den hat er aus seiner letzten Kanzlei mitgenommen. Diese Bezeichnung findet er so was von hirnrissig – Kanzlei – ein Begriff aus dem Mittelalter oder sogar älter. Kurz nach Christi Geburt vermutlich.

Er hat die Kontoabfrage und die Bilanzen auf dem Tisch verteilt – ein ziemlicher Haufen Papier. Nach einer halben Stunde beginnt sich der Zahlendschungel ein wenig zu lichten. Eigentlich hasst er diese Art von Tätigkeit. Deswegen muss er sich zwingen, da überhaupt ranzugehen. Aber wenn er mal drin ist, dann packt es ihn. Franz, der Oberbuchhalter. Er hat um elf Uhr angefangen. Als es draußen dunkel wird, beginnt er, die Situation des Unternehmens zu verstehen.

Die haben vor zehn Jahren bescheiden angefangen. Dann stieg der Umsatz an, dann sackte er plötzlich wieder ab. Da sie viel auf Pump investiert und das Personal aufgestockt haben, ging das Betriebsergebnis massiv in die Knie. Zwei Jahre später lief der Laden wieder, und zwar bis heute.