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Drei ungleiche Brüder erfahren durch das Testament des unbekannten Vaters voneinander. Sie treffen sich in Paris zum Kennenlernen, in London zur Testamentseröffnung sowie in San Diego und Berlin zum Sterben. Damit sie das Erbe antreten können - es besteht aus Nazi-Raubkunst aus ganz Europa - müssen sie gemeinsam durch die Welt der Kolonialherren hetzen. Unterstützt von ihren lebensfrohen Frauen sammeln sie die versteckten Schätze ein. Sie werden unschuldig schuldig, weil sie den Wonnen des gestohlenen Reichtums nicht widerstehen können. Dabei merken sie nicht, wie sie selbst zu Verbrechern werden, die in der Glut ihres Erbes zu verbrennen drohen. Alle moralischen Skrupel fallen und so werden sie Opfer ihrer eigenen Gier. Raubkunst gab es immer und zu allen Zeiten. Die erfolgreichsten "Staatsräuber" waren die Feldherren und ihre HelferInnen, die Tod, Raub und Folter über die Völker brachten. Drei Leben für Raubkunst ist ein deutscher Romanbeitrag zur Diskussion, bei der es um Milliardenbeträge geht. Er basiert zum Teil auf wahren Begebenheiten.
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Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2022
Drei Leben für Beutekunst
Vorgelegt von
Joachim Geppert
Inhalt
IN PARIS
TESTAMENTSERÖFFNUNG IN LONDON
RETOUR NACH PARIS
BACK TO LONDON
DER SCHATZ WIRD GEHOBEN
DAS ERBE GEHT STIFTEN
ZÜRICH-BERLIN UND DIE TASCHEN VOLLER GELD
PARIS-MENTON IM SAUSESCHRITT
DEM HIMMEL NAHE IN KEY WEST UND SAN DIEGO
ABSCHIED
Die Nachricht vom Tod des Vaters hatte Lucien und seine Brüder vor drei Monaten erreicht. Gewissermaßen zum zweiten Mal erreicht.
Schon in den kargen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war es für Lucien zur bitteren Gewissheit geworden, dass der Vater im Krieg geblieben war. Es hieß, er sei in den Wirren der Nachkriegsjahre zwischen Frankreich und seinen zurückeroberten Kolonien zu Tode gekommen. In Indochina am Parfümfluss. Bei den Kämpfen vor der alten Kaiserstadt Hué. Mitten in Vietnam.
Die näheren Umstände waren nie geklärt worden, so dass Lucien sich mit vagen Tatsachen zufrieden gab. Er hatte weder als Kind noch als Erwachsener daran gezweifelt. Die Erinnerung an den Vater war ihm im Laufe seines Lebens sogar abhanden gekommen; gleichwohl hatte er mit seiner jüngeren Schwester eine wohlbehütete Kindheit zwischen Paris und dem Meer verbracht.
Die Schwester war nach ihm auf die Welt gekommen. Als Kind der Liebe seiner Mutter mit ihrem neuen Ehemann Georges. Nachdem sich sein eigener Vater so gottlos aus dem Staub gemacht hatte. Dann passierte lange Zeit nichts Einschneidendes im Leben des Jungen. Die Sommer verbrachten die Geschwister mit der Mutter regelmäßig bei den Großeltern in der Normandie. Auf den Wiesen über dem Meer. Die Alten betrieben dort auskömmliche Apfelplantagen - zur Herstellung von Cidre, Calvados und anderer Schnäpse.
Lucien wollte heute seine beiden Brüder treffen - am Flughafen Charles de Gaulle im Norden von Paris. Ein überaus bedeutsamer Tag. Im Abstand von 90 Minuten würden die beiden aus Berlin und New York ankommen. Den einen kannte er so wenig wie den anderen. Der Tod des gemeinsamen Vaters schien sie erstmals über große Distanzen zusammen zu bringen. Konkret: alle drei hatten durch den Notar und Nachlassverwalter Edouard aus London von ihrer Existenz erfahren. Existenzen, die sie irgendwie unausgesprochen schon ihr ganzes Leben erahnt hatten.
Eine wohltuende Ruhe durchströmte Lucien. Eine Ruhe, wie er sie in den letzten drei Monaten nicht mehr empfunden hatte. Ein einziger Anruf, und die darauf einsetzenden Ereignisse hatten sein Leben umgekrempelt. Innerlich umgekrempelt – nach außen war er vollkommen der alte Lucien geblieben. Er ruhte in sich, trat verbindlich gegenüber seinen Mitarbeitern auf. Für seine Enkelkinder war er immer zu einem Scherz aufgelegt. Als zuverlässiger Chef d’Administration seines Arrondissements lebte Lucien großbürgerlich und ansonsten unauffällig im Paris seiner Tage.
Ohne Vorankündigung hatte im ausgehenden Winter das Einschreiben aus London im Briefkasten gelegen - mit der unaussprechbaren Adresse Grosvenor Square. Seine Frau Fleurance hatte dem Brief keine weitere Beachtung geschenkt und ihn deshalb beiseite gelegt. Da es für Lucien ein allabendliches Vergnügen war, bei einem Glas Rotwein die Post in seinem Ohren-Sessel am Fenster durchzusehen, hatte er das Schreiben schließlich unter dem Poststapel gefunden. Briefe aus der frankophonen Welt erreichten ihn nicht nur im Amt, sondern auch zuhause. Er hatte in der Kolonialverwaltung Westafrikas gearbeitet und aus diesen Jahren waren ihm viele Freundschaften erhalten geblieben. Engländer zählten nicht dazu.
Der noble Briefkopf des Notars aus dem United Kingdom hatte ihn hellwach werden lassen. In gleichlautenden Texten auf deutsch, französisch und englisch hatte ihn Maitre Edouard wissen lassen, dass er den Nachlass des Vaters, seines Vaters, zu regeln habe. Für ihn und seine zwei lebenden Brüder.
In einem knapp gefassten Schreiben bat er Lucien zunächst um einen Identitätsnachweis und stellte einen späteren Besuch in Aussicht. Da es sich offensichtlich um einen größeren Betrag und einen ihm bislang unbekannten Teil seiner Familiengeschichte handelte, wollte Lucien nicht umständlich schriftlich antworten. So griff er noch am selben Abend zum Hörer und rief im Notariat in London an.
Seine Gedanken schnellten fortwährend hin und her. Zwischen dem Hier und Jetzt, seinem wenig reflektierten Leben als Junge, und was er nun von den Brüdern zu erwarten hatte.
Im gläsernen Terminal des Flughafens Charles de Gaulle International wartete er jetzt auf Adam. Die airberlin Nachmittagsmaschine war pünktlich gelandet. Lucien hatte ein Foto von Adam erhalten und - sich selbst erblickt. Ein stolzer, hoch aufgeschossener Mann mit dunklem Teint. Sein blonder Lockenschopf wies erste Grautöne auf. Eine sportlich geschnittene, dunkelblaue Anzugsjacke ohne Krawatte stütze das kantige Gesicht. Ein flotter deutscher Studienrat für Sprachen und Geschichte mit verschmitztem Lächeln. Einige Jahre vor der Pension.
Er würde ihn schnell aus der Masse der Ankommenden erkennen. Dann wollte er ihn im Empfangsgebäude auf einen Kaffee ‚Chez Lambert` einladen. Dort hätten sein älterer Bruder und er zunächst die Gelegenheit, einander kennenzulernen. Schließlich waren sie sich noch nie begegnet.
YYY
Zu keiner Zeit hätte ich geglaubt in meinen späten Jahren noch einen, geschweige denn zwei Brüder zu bekommen. ‚Adam, nimm es als gutes Zeichen, was das Dasein für dich noch alles Unerforschtes bereit hält’, hatte mir meine Frau beim Abschied in Berlin in der Frühe nachgerufen.
Zwar war mein Leben keineswegs ohne Brüche verlaufen, was aber nicht meine Schuld war. An meine früheste Kindheit erinnere ich mich nur mit den Fotos im zerstörten Nachkriegs-Berlin. Meine Mutter gehörte zu den Trümmerfrauen der ehemaligen Reichshauptstadt. Frauen, die die kaputten Straßen vom Schutt der zerbombten Häuser in Handarbeit befreit hatten und dafür bisweilen belohnt worden waren. Wer sich heute Filme der Alliierten anschaut, die sie in ihren Besatzungszonen zur Information der Bevölkerung gedreht hatten, kann die stumme Verzweiflung der Überlebenden erkennen. Auch farbige Bilder von lächelnden jungen Frauen mit Kopftuch und im Bauschutt spielende Kindern täuschten darüber nicht hinweg. Ich war eines von diesen naiven Kindern. Von den Kindern, die nicht verstanden, weshalb sie glücklich sein sollten, weil sie überlebt hatten.
Meine Erinnerung wird von kargen Schwarz-Weiß-Fotos aus dieser Zeit getragen. Meine Erinnerung setzt mit dem Einzug in eine Drei-Zimmer-Wohnung in die neu entstandene Stalinallee im Frühjahr 1954 ein. Was für ein Luxus in diesen monumentalen Arbeiterpalästen herrschte: fließend kaltes und warmes Wasser, ein Badezimmer mit Wanne, Müllschlucker und ein Balkon in Richtung Schulhaus mit Nachmittagssonne. Von da an ging es mit uns voran. Ich wuchs glücklich und wohlbehütet neben meiner jüngeren Schwester auf. Aber leider ohne meinen Vater. Von ihm hieß es, er sei im letzten Kriegswinter an der Westfront, in den Wirren und dem Kugelhagel der Ardennen-Offensive, gefallen.
Nach dem Krieg hatte sich meine Mutter wieder verheiratet; die Ehe war kinderlos geblieben. Ihr neuer Mann war Onkel Heinz, ein liebenswürdiger Tiefbau-Arbeiter, groß, stark, schwarze Haare. Hände so groß wie Teller, mit denen er uns gelegentlich durch die Luft wirbelte. Bis wir vor Lachen nicht mehr Luftholen konnten. Er behandelte uns überaus gütig, ja wie seine eigenen Kinder. Wir liebten ihn.
Seiner körperlicher Leistungsfähigkeit und seiner geistiger Beweglichkeit hatten wir unser unbeschwertes Dasein über all’ die Nachkriegsjahre zu verdanken. Bei den Nachbarn galten wir als liebenswerte Musterfamilie. Bis sich zu den Tagen des Mauerbaus im August 1961 vielerlei änderte. Die Menschen begannen einander zu misstrauen und hielten Abstand zum Nachbarn. Mein eigenes Leben war bis dahin einigermaßen geschützt und aus heutiger Sicht emotionslos verlaufen, was ich erst als junger Erwachsener durchschaute.
Bald nach dem Mauerbau ging es mit den subtilen Repressalien für unsere Familie in der DDR nicht mehr voran. Wir hatten Verwandte in Ost- und West-Deutschland. Die im Westen durften wir nicht besuchen, obwohl sie uns Päckchen schickten. Für unsere Verwandten, die direkt an der Mauer zur Bernauerstraße im Osten von Berlin wohnten, brauchten wir Passierscheine. Wenn wir dort zum Kindergeburtstag hingehen wollten, wurden wir von Uniformierten abgeklopft und kontrolliert. Auch für uns Kinder waren das harte Zeiten.
Vom Klima des hoffnungsvollen Aufbaus im ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden, glitten wir zusehends in ein Klima der überall lauernden Beobachtung und Denunziation. Meine Eltern wollten als aktive Mitglieder der Hausgemeinschaft und über die Parteiarbeit hinaus nicht ständig aufgefordert werden, Ergebenheitsbekundungen für die internationalen Solidarität aller Proletarier zu leisten. Oder für den sozialistischen Staat und den Weltfrieden, die Deutsch-Sowjetische Freundschaft, die Einheitspartei und was sonst noch alles so anstand. Als sie beide massiv bedrängt wurden, in ihrem Arbeitsumfeld für die Staatssicherheit zu arbeiten und Kollegen zu bespitzeln, wuchs ihr Wille zur Republikflucht. Jeden Tag ein bisschen mehr. Bald stand der Entschluss fest. Bevor das Reiseverbot das tägliche Leben beherrschte, hatten wir die DDR schon verlassen.
So habe ich bis zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1990, die erste Hälfte meines Lebens im Ostteil und die zweite Hälfte im Westteil von Berlin verbracht. Darauf bin ich stolz. Diese außergewöhnliche Erfahrung bestimmt bis heute mein Leben.
Die wahnwitzigen Irrungen der deutschen Geschichte bringen es mit sich, dass wir nach der Wende wieder in der ehemaligen Stalinallee gezogen sind, die jetzt Frankfurter Allee heißt. Unsere Freunde nennen es Ostalgie – ich nenne es back to the roots. Die Allee hat sich nun zum gefragten Prachtboulevard nach der Wiedervereinigung entwickelt. Leider ist sie trotz üppigem Baumbestands gleichzeitig eine innerstädtische Autobahn; jedenfalls östlich des prächtigen, neu erbauten Stalin-Truman Tors. Wir haben das Glück, diesseits vom Tor zu wohnen. So genießen wir in vollen Zügen die Vorteile der verkehrsberuhigten Zone in unserem Viertel. In unserem begehrten Kiez.
Die preisgünstigen Wohnungen sind so sehr gefragt, dass potentielle Nachmieter wegen der ansteigenden Mietpreise uns hohe Abstandszahlungen bieten. In den letzten Jahren sind wir in Berlin von einer Welle von Zugezogenen aus der deutschen Provinz und dem Ausland geradezu überschwemmt worden. Wir können uns überhaupt nicht vorstellen, unsere Gegend jemals zu verlassen.
Bis heute Mittag hatte ich noch Unterricht im Händel-Gymnasium. Die Schule liegt von unserer Wohnung nur 7 Minuten zu Fuß entfernt, was in Berlin der wahre Luxus ist. Meine Frau und mein jüngster Enkel hatten mich zum Abschied zur Haltestelle begleitet. Am S-Bahnhof Stalin-Truman Tor winkten sie mir nach, als ich mich zum Flughafen aufmachte.
Nächstes Jahr möchte ich in bester geistiger und körperlicher Verfassung in Rente gehen. Ich brauche kein zusätzliches Geld oder weitere Aufregung. Der Brief aus London in unserem Briefkasten, mit der unerwarteten Botschaft, mein Vater, ja welcher denn, sei gestorben, hat Unruhe und Spannung in unser Leben zurückgebracht. Bis vor drei Monaten hatte ich das wohltuende Gefühl, mein Leben im Griff zu haben. Ja, es verlangsamte sich gerade auf angenehme Weise.
Der Notar, der sich selbst so familiär Eduard nennt, erwies sich als guter Freund des Vaters. Sie mussten sich schon lange gekannt und einander bedingungslos vertraut haben. Beide haben vor die Annahme des Erbes eine hohe, unerwartete Hürde gesetzt: Wir drei Brüder sollen uns kennenlernen und das Erbe zu gleichen Teilen annehmen. Jetzt ist es mehr das Abenteuer noch zwei jüngere Geschwister zu bekommen und vielleicht Ungeahntes über mein Leben zu erfahren, was mich antreibt, die beiden heute in Paris zu treffen, als die Aussicht auf eine große Geldsumme.
Beim Betreten der airberlin Maschine fühlte ich mich wie zuhause. Die Besuche mit meiner Frau in Paris und London zählen zu meinen angenehmsten Aufenthalten im Ausland. Meine Arbeit als Französischlehrer brachte das in den vergangenen Jahren so mit sich. Aber noch nie fühlte ich mich so einsam, so jung und so aufgeregt zugleich wie heute Mittag.
Nach dem Start verfolge ich normalerweise die mir bekannten Gebäude der Stadt, die Türme, die Seen und Landschaften nach Westen, bis ich ab den Leipziger Braunkohleseen nichts mehr einordnen kann. Heute schloss ich danach eilig die Augen und versuchte mir während des gut einstündigen Fluges unser Brüder-Zusammentreffen vorzustellen. Ich hielt das Foto von Lucien in den Händen und, betrachtete irgendwie mich selbst.
Keine Überraschung. Ein stolzer, hoch aufgeschossener Mann mit dunklem Teint und blondem Lockenschopf. Eine traditionell geschnittene, schwarze Anzugsjacke mit unauffälliger Krawatte stützt das kantige, ernste Gesicht. Ein gesetzter französischer Verwaltungsbeamter einige Jahre vor der Pension. Unglaublich, diese Ähnlichkeit zwischen uns. Wir werden uns bestimmt schnell am Ausgang erkennen.
YYY
Adam und Lucien hatten sich tatsächlich in der Masse der ankommenden Passagiere, die der Exit ausspuckte, sogleich erkannt. Lucien wollte seinen älteren Bruder mit ausgestreckter Hand formell begrüßen. Adam schüttelte sie, zog aber auf einmal den französischen Staatsvertreter überaus wohlwollend mit einem herzlichen ‚Bonjour` an sich heran. So löste er die ursprünglich steife Begrüßung. Zwei Naturells stießen aufeinander, die entgegengesetzter nicht sein konnten, obwohl sie sich in ihrer physischen Erscheinung sehr glichen. XXX
Der eine mit Gepäck, der andere ohne. So verließen sie gemeinsam die Ankunftshalle, um das Café aufzusuchen. Zugeneigt hatte Lucien sie zu Lambert geführt, wo sie in Louis-Seize-Sesseln versanken und die ersten ernsthaften Sätze auf französisch miteinander wechselten. Gott sei Dank, oder besser dank der französischen Besetzung des Rheinlandes in den 1920er Jahren, hatten sie eine gemeinsame Sprache zur Verfügung. Der aus den preußischen Rheinlanden stammende Vater war durch die französische Besatzungszeit in der Schule sanft gezwungen worden, französisch als erste Fremdsprache zu lernen und darüber buchstäblich frankophil geworden. Das hatte sich auf Adam übertragen. Adam hatte die Sprachen studiert, englisch und französisch.
Da saßen sie nun und hatten anderthalb Stunden Zeit, die neue Situation zu meistern und sich auf die Ankunft ihres Jüngsten, Aaron aus dem fernen Amerika, vorzubereiten.
Sie nutzten sie. Nach anfänglichem Zögern berichteten sie ohne Umwege aus ihrem Leben. Delikates wurde ausgelassen, Kleinigkeiten ein bisschen größer geredet, die Familien am Rande gestreift. Beide Männer hatten zwei erwachsene Kinder und waren mit ihren ersten Ehefrauen nach Höhepunkten und tiefen Tälern zusammen geblieben. Jedenfalls bis zum heutigen Tag. Und das war schon eine Leistung für das Europa und seine libertären Gesellschaften dieses Jahrhunderts, in denen es allen frei stand, zunächst sich selbst zu verwirklichen und erst dann nach der gemeinschaftlichen Mission zu schauen; sofern es überhaupt eine gab.
Adam brach das Eis, nachdem Lucien ihn mit dem Stichwort ‚Deutsche Wiedervereinigung’ über das Leben im Berlin dieser Tage befragt hatte. Er berichtete wie ‚zusammenwuchs, was zusammen gehörte’. Wie er beide Deutschlands erlebt und jetzt in einem vereinten Deutschland seit 20 Jahren seinen Platz gefunden hatte. Natürlich gäbe es Vorurteile über Ossis und Wessis, aber spätestens mit seiner Enkelkindergeneration würden die Vorurteile aussterben. Warum Frankreich mit seinem berühmten Schriftsteller Mauriac sprechend, Deutschland so sehr liebe, dass es sich zwei davon wünsche? Das wollte Adam von Lucien wissen. So warf Adam als Geschichtslehrer den Ball zurück.
Lucien erkannte sogleich, dass er sich wappnen musste. Sein älterer Bruder wisse ziemlich viel über Frankreich, seine Grande Nation. Adam zitierte mutig den großen französischen Dichter Francois Mauriac mit seinem schicksalhaften Satz ‚Ich liebe Deutschland - Ich liebe es so sehr, dass ich zufrieden bin, weil es gleich zwei Deutschland gibt’ .
Lucien wollte auf diese Frage nicht antworten. Er konnte es nicht. Er zog es vor, über andere Ereignisse zu sprechen. So berichtete er davon, dass er seinen Militärdienst im Senegal verbracht hatte, der alten französischen Kolonie. Das war eine großartige Zeit, fern des hektischen Alltags im Paris der vorrevolutionären Jahre; bevor die Studentenrevolution die traditionelle Gesellschaft in Frage stellte. Zeitgleich mit den Maiunruhen sei er 1968 nach Paris zurückgekommen. Er habe sein Studium an der ENA, der französischen Eliteschule, aufgrund der absolvierten Militärzeit mit einem Stipendium aufnehmen können. Und als Jahrgangsdritter abgeschlossen - die ENArchen hielten ewig zusammen, wie er versicherte.
Am Fuße des Montmartre-Hügels, am Boulevard de Clichy, bewohne er mit seiner Familie eine großzügige Dienstwohnung. Damit habe er bis heute das konservative, das linke und das kosmopolitane Paris mit seinen Touristen vor der Haustüre. Für Fleurance sei das immer eine Vitalitätsspritze und für ihre Ehe eine Überlebensgarantie gewesen. Gerne würde er dort zu einem späteren Zeitpunkt Adam und seine Familie empfangen, wenn es sich ergeben sollte.
Der eher steife Lucien in Schlips und Kragen, Adam, locker und ein wenig zu bunt in grünen Jeans und Baseball-Cap: sie hatten Gefallen aneinander gefunden. Darüber täuschten die Gegensätze nicht hinweg. Gleichzeitig war es wie die Verabreichung einer Beruhigungspille für das bevorstehende Treffen mit ihrem außereuropäischen Familienmitglied Aaron, dem jetzt schon eine mehrfache Sonderrolle zukam. Er war im swinging New York der 60er Jahre groß geworden. Aaron betrieb jetzt im Süden Floridas eine Hotelkette, soviel hatten die beiden schon erfahren. Außerdem war er als einziger der drei Brüder mit dem Vater aufgewachsen. Das gab ihm unausgesprochen einen Startvorteil, um den die beiden ihn beneideten. Ihnen war nicht verborgen geblieben, dass der Vorname jüdischen Ursprungs war. In Andeutungen waren sie beide kurz davor gewesen zu fragen, was es damit wohl auf sich habe. Adams Mutter war Halbjüdin gewesen; und das in Nazi-Deutschland, was sie um Jahrzehnte überlebt hatte. Also gab es verborgene Hinweise, denen keiner nachgegangen war.
Das Leben des unbekannten Vaters sparten sie komplett aus. Sie hatten nie, jedenfalls was ihre frühkindliche Erinnerung betraf, mit ihm zusammen gelebt. Das hatte nur einer: Aaron. Von ihm erwarteten sie deshalb, dass er Licht ins Dunkle bringen könne. Und der Anfang dazu sollte heute Nachmittag gemacht werden. Die Brüder verließen Chez Lambert und machten sich zu dem Gate auf, an dem der Amerikaner ankommen sollte. Die Delta-Maschine New York - Paris hatte wegen Turbulenzen über dem Atlantik Verspätung. Das erhöhte für alle drei Beteiligten die Spannung, weil auch eine Umleitung auf einen anderen Flughafen möglich schien.
YYY
Es war weder ein Geheimnis noch erstaunlich, dass die drei Brüder keine Schwierigkeiten hatten, sich bequem zu erkennen. Außer der Kleidung wirkten sie für jedermann wie aus einem Wurf.
Aaron schob einen nagelneuen, karierten Samsonite-Rollkoffer neben sich her, den er sogleich lachend stehen ließ, als er die beiden Europäer erblickte. Mit offenen Armen und ‚Hi Folks’ wusste er die ersten Augenblicke gehörig zu entkrampfen.
*Who the fuck is my German and who is my French brother? nahm er beide nacheinander zur Brust. Er klopfte überschwänglich deren Rücken und wollte nicht mehr aufhören sich begeistert zu freuen, bis Lucien leicht zu hüsteln begann.
Wer hier den Leitwolf machen würde, war damit klar. Und natürlich hatten die beiden anderen sein ‚God damned’ English zu sprechen, wie es für amerikanische Weltreisende eben normal ist. Lucien wies den Weg zum Ausgang, Adam blieb wieder und wieder stehen und musste innehalten, wobei er die beiden Brüder anschaute. Er schüttelte wohlwollend sein graueres Haupt und wiederholte in allen drei Sprachen Unglaublich! Incredible!, um seiner Verwunderung und Freude Ausdruck zu verleihen. Eine lustige, gemischte Gesellschaft gaben sie ab. Sie waren auf dem Weg zum Airport-Bus. Lucien hatte ihn ausgesucht, weil die Einfahrt ins Centre von Paris so einige touristische Highlights wie Montmartre mit Sacre Couer, den Eiffelturm und das Seine-Ufer touchierte.
An der Endstation am Place Saint Michel stiegen sie in ein Taxi um, was sie zum Hotel gegenüber dem Eingang zur altehrwürdigen Sorbonne brachte. Aaron hatte vorgeschlagen, den Boulevard zu Fuß hinauf zu laufen, obwohl er das meiste Gepäck dabei hatte. So war er. Lucien insistierte, den unbeschwerlicheren Weg zu nehmen. Sie traten guter Dinge in die Halle des Hotels ein.
*Mes frères, ich habe euch das Hotel hier im Quartier Latin ausgesucht. So seid ihr bei den jungen Leuten untergebracht. Wir können uns hier heute Abend wieder unkompliziert treffen, wenn ihr euch ausgeruht habt. Ganz Paris liegt euch zu Füßen.
*My brother, antwortete Aaron. Das ist großartig. Ich habe so viel von der Sorbonne, und ihrem revolutionären Geist gelesen. Wann können wir ihn treffen?
*Mein Vorschlag wäre die Rue Mouffetard zum Abendessen. Gegen 20 Uhr bin ich hier. Er drückte beiden Brüdern lange liebenswürdig die Hand, verließ das Hotel und eilte in Richtung Metro davon.
*Well, Adam, here we are. Ich habe überhaupt keine Lust allein auf mein Zimmer zu gehen. Ich lade dich auf einen Whisky oder Pastis or a German Beer ein. Ich hab’ die ganze Zeit im Flugzeug gesessen und möchte Paris by day and night erleben. Kommst du mit?
*Gute Idee, das machen wir nach dem Auspacken. Bis in 10 Minuten hier in der Rezeption, ok? erwiderte der Berliner. Er freute sich auf ein erstes Gespräch mit Aaron.
So verließen sie im immer noch hellen Abendlicht das Hotel, kreuzten den Sorbonne-Platz und den Boulevard Saint-Michel, um in einem der typischen Pariser Straßencafés gegenüber dem Parc de Louxembourg ihren ersten gemeinsamen drink zu nehmen. Zwischen ihnen ging es ziemlich entspannt zu. Aaron fragte Adam ungeniert nach den Details seines Lebens aus. Das ging so spontan und unbeschwert vonstatten, dass Adam kaum Zeit und Luft blieb, nach dem Leben in den USA, das Leben mit dem Vater zu fragen. Nach dem ersten Bier folgte das nächste ‚Blonde’ und so fort. Aaron war gut im Trinken trainiert, so dass ihm der deutsche Studienrat kaum folgen konnte. Und so kam Aaron ins Reden und Schwärmen.
Mit seiner mitten im Arbeitsleben stehenden Frau, Betty und den Kindern hatte er die letzten drei Monaten spekuliert, was der gewitzte Großvater in seinem Leben alles auf die Beine gestellt haben mochte. Sie alle kannten ihn eher aus dem fernen New York, wo sie ihn früher gerne besucht hatten, um mit ihm ein paar interessante Tage in seinem Loft in Greenwich Village zu verbringen. Sie brauchten nur anzurufen – und zwei Tage später fanden sie die Flugtickets in ihrem Briefkasten. Er war großzügig mit jedermann, gebildet und welterfahren. Über die Gründe seiner Welterfahrenheit schwieg er sich vielsagend aus.
Aaron war einer von denjenigen makellosen US-boys, die ihre Zukunft im Blick nach vorne sahen – ‚always look forward, never turn back’ war sein Bekenntnis, ja sein Lebensmotto. Dennoch war auch ihm nicht vollständig bekannt, wie der Vater Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen hatte, um in den Staaten einen kompletten Neuanfang zu starten. Als gelernter Kaufmann hatte dem Vater das neue Land mit seinem Wirtschaftsboom offen gestanden und er hatte verstanden, es für sich zu gewinnen. Sein Export-Import Geschäft, so hieß es, habe mit Kunstgütern aus der gesamten Welt gehandelt; vornehmlich aus Europa und Südost-Asien in Richtung USA. So, wie es am einträglichsten erschien.
Aaron hatte gerade begonnen, für Adam das Leben in New York allzu sehr auszuschmücken, als Lucien anrief. Wo sie denn seien, er stünde im Hotel an der Sorbonne und hätte zufällig beim Rezeptzionisten erfahren, dass sie ausgegangen waren. Mais oui, er kenne ihr Lokal. Er komme sie in 10 Minuten, sie wie verabredet, zum Abendessen abholen.
Mit gegenseitiger Sympathie saßen die Neubrüder lange im Rue Mouffetard Restaurant oberhalb des Pantheon-Hügels zusammen und versuchten sich kennenzulernen. Sie erzählten über ihre Familien und Berufe. Aaron, der Jüngste, ließ auch seine sportlichen Aktivitäten nicht aus, denen er auf den Keys in Florida leicht nachgehen konnte. Niemand prahlte, niemand wich einer Frage aus. Nach diesem Abend hatte sich eine Hierarchie der Lebenseinstellungen herausgestellt: Adam der Besonnene, aber offen; Lucien eher verschlossen und, witzig, Aaron der Sunnyboy und Lebenskünstler. Leicht beschwipst ging es früh zurück. Für den nächsten Morgen früh um 6 Uhr war die gemeinsame Abreise nach London geplant.
*Gentlemen, I beg your pardon and a great Welcome! in unserem Notariat. Wir treffen uns an diesem Nachmittag unter traurigen Umständen. Merci, Danke and Thank you für Ihr Kommen.
*Well, Guten Tag! ... Bonjour und danke für Ihre Mühen, klang es ihm von den drei Brüdern entgegen.
*Meine vornehme Aufgabe ist es heute, Ihnen die Bedingungen im delikaten Nachlass Ihres Vaters zu verlesen. Anschließend beglaubige ich die mit Ihnen getroffenen Entscheidungen. Darf ich Sie zunächst um einen Identitätsnachweis bitten?
Bei dieser letzten Bemerkung schaute Mr Edward in die Runde und nickte mehrfach stumm lächelnd vor sich hin. Er sah in mehr oder weniger gleiche Gesichter. Nur die Mimik und die unterschiedlichen dress-codes unterschieden die drei Brüder voneinander. Sie nickten ebenfalls und zogen ihre Pässe aus ihren Brieftaschen, um sie dem Notar an seinem langen, mit grünem Stoff bezogenen Tisch zu überreichen. Ihm assistierte seine Sekretärin, Miss Mayflower, mit Dutt im grauen Kostüm. Sie glich mehr einer Gouvernante als einer versierten Bürokraft.
Das Innerste des Notariat Fishers&Partners unterschied sich in nichts vom Sitzungssaal einer viktorianischen Bank im ehrwürdigen Finanzdistrikt von London. Die mit edlen Tropenhölzern getäfelten Wände dämpften jede zu laute Unterhaltung und verströmten eine gediegene Atmosphäre. Notar Edward saß am Kopfende, Miss Mayflower zu seiner Rechten. Ihnen gegenüber hatten in einer Reihe die drei Brüder Platz genommen. Eine große Teekanne aus edelstem chinesischen Porzellan, Tassen und eine ebensolche Dose mit braunem Kandiszucker – alles aus ehemaligen britischen Kolonien - erwärmten den würdigen Raum. Es begann bald dunkel zu werden, so dass sich das Licht der Straßenlaternen an den Fensterscheiben warm und behaglich reflektierte.
*Nachdem Sie sich alle ordnungsgemäß ausgewiesen haben, darf ich mit dem Verlesen beginnen. Fühlen Sie sich wie Zuhause.
Der Notar begann die mit Siegeln versehene Niederschrift zu verlesen. Auf englisch, einem singenden französisch und, in akzentfreiem Deutsch, was nur Adam auffallen konnte.
*Gentlemen, die Niederschrift umfasst an die 20 Seiten. Wenn einer von Ihnen nicht mehr folgen kann, bitte ich um ein Zeichen. Wir können dann eine Pause einlegen. Sie gestatten, dass ich nun beginne.
Der Text war wie eine Geschichte abgefasst.
Ein halbes Leben habe ich mit mir gerungen, wie ich nach meinem Ende meine drei Söhnen ansprechen kann. Ich habe mich entschieden, keine Rechtfertigung, sondern eine Erklärung meines Lebens in Auszügen zu verfassen.
Mit jedem von Euch habe ich eine Zeit lang zusammen gelebt. Die Umstände der Weltgeschichte brachten es mit sich, dass ich Adam und Lucien nur als kleine Jungen erleben durfte. In ihrer frühen Kindheit musste ich sie und ihre Mütter zu meinem eigenen gewaltigen Leid verlassen, um ungeheuerlichen Aufgaben zu dienen.
Nach dem zweiten Wechseln meiner Identität und der Übersiedlung in die Vereinigten Staaten zu Beginn der 50er Jahre, war es Aaron am längsten vergönnt, mit mir in einer Familie zusammenzuleben. Dafür danke ich ihm und der großen Naturgewalt, so nenne ich das, was bei Euch als Gott bezeichnet wird. Meinen Glauben an Gott habe ich nach den Kriegsereignissen verloren. Ich entschuldige mich bei Adam und Lucien, dass wir nur kurze Zeit zusammen verbringen konnten. Ich hoffe, Ihr könnt mir verzeihen.
Da ich selbst 1915 mitten in den Wirren des Ersten Weltkrieges geboren wurde, hatte ich zu keinem Zeitpunkt die freie Schul- oder Berufswahl. Mir wurde praktisch in die Wiege gelegt, dass ich einen kaufmännischen Beruf erlernen sollte. In einer großen Kölner Maschinenfabrik wurde ich im Stadtteil Deutz zum Buchhalter ausgebildet, was für die damaligen Zeiten ein überaus angesehener Beruf war. In dem Jahr, als die Nazis die Macht ergriffen, beendete ich meine Ausbildung. In den nachfolgenden 5 Jahren brachte ich es zum Stellvertreter des Chefs der Lohnbuchhaltung. Mehr und mehr wurden meine Sprachkenntnisse in der Firma geschätzt. Unsere Fabrik belieferte die ganze Welt, auch mit Reparationsgütern, die Deutschland an die Sieger des Ersten Weltkrieges in Europa zu leisten hatte.
Im Lyzeum hatten wir neben Latein als erste Fremdsprache Französisch zu lernen, weil die Rheinlande nach den Statuten des Versailler Vertrages entmilitarisiert waren und sich unter französischer Besatzung befanden. Die Sprache der Besatzer zu erlernen, das fiel mir leicht und ich wählte freiwillig Englisch hinzu. Vier Jahre vor dem Abitur nahmen meine Eltern uns Geschwister von der Schule. Sie hatten nicht mehr genügend Einnahmen aus dem kleinen Lebensmittelgeschäft, um für uns Kinder das obligate Schulgeld zahlen zu können. Die beginnende Weltwirtschaftskrise mit Massenarbeitslosigkeit und zurückgehenden Einnahmen hatte auch meine Familie getroffen.
Mit Ach und Krach konnte ich noch das Einjährige, den mittleren Schulabschluss, erwerben. Und dann begann ich zu arbeiten. Ich ging in die Lehre. Damals tobten schon die Straßenkämpfe zwischen Kommunisten, Sozialisten, Deutschnationalen, Nationalsozialisten und ihren Kampfbünden. Wir begannen uns an einen Bürgerkrieg ohne schwere Waffen zu gewöhnen. Unsicherheit beherrschte das tägliche Leben. Wer die Arbeit verlor, einen Kranken in der Familie oder keine Unterstützung hatte, konnte sich mitunter schnell auf der Straße wiederfinden.
Mein Vater schloss sich den Deutschnationalen an und nahm mich mit in deren Jugendorganisation. Es gefiel mir gut, ein Hemd mit Halstuch zu tragen, deutsche Lieder zu singen und in der Sandkuhle unweit des Elterhauses Geländespiele zu machen. Darin unterschieden sich die Kampfbünde nicht, sie alle begeisterten zu dieser Zeit die Kinder mit den mehr oder weniger gleichen Mitteln und Verlockungen.
Meine Kölner Firma hatte bei Kriegsbeginn einen großen Wagenpark und eine eigene Spedition. Die Verwaltung der LKWs wurde mir neben der Buchhaltung übertragen. Als Sohn eines national und chauvinistisch geprägten Vaters, zu dem ich loyal stand, machte es mir nichts aus, dass unsere Firma schon in den ersten Kriegstagen damit beauftragt wurde, Beutekunst abzufahren. Zunächst aus Polen, später aus den baltischen Staaten und im großen Maßstab aus Frankreich und den Benelux-Ländern.
Die Fahrzeuge fehlten der Fabrik. Überall in der Heimat und in den besetzten Gebieten wurden Sammellager angelegt. Anfangs hieß es, mit den Möbeln würden bedürftige Volksdeutsche versorgt. Die Möbel und andere Haushaltsgegenstände sollten von Juden stammen, die aus Deutschland ausgereist waren, so wurde uns erklärt. Die Transporte waren für mich nur Theorie, die sich in meinen Journalen in der Buchhaltung abspielte. Ich fragte nicht nach Sinn und Zweck, sondern nach Buchung und Gegenbuchung, nach Soll und Haben. Sowohl in der Firma, was ich merkte, wie in den staatlichen Stellen für den Abtransport und die Verteilung der Beutekunst, war ich als Mitarbeiter unverzichtbar geworden. Mein Organisationstalent, mein Sprachtalent und mein Verständnis für Zahlen waren mir eine enorme Hilfe. Ich galt an der Heimatfront für unabkömmlich und wurde nicht eingezogen. Der Krieg fand vorläufig ohne mich statt.
Der Überfall zu Kriegsbeginn 1939 auf Polen war für uns geografisch weit entfernt erfolgt. Der Überfall auf Frankreich war dagegen um die Ecke passiert, und er hatte mein frankophiles Herz belastet. Von da an, begann ich alles Politische und Militärtische sehr aufmerksam zu betrachten.
Zu dieser Zeit versetzte mich die Firma nach Berlin. Ich war begeistert. In die Reichshauptstadt. Alle meine täglichen Aktivitäten und die Blicke auf gleichaltrige Frauen ergänzten sich. Ich traf meine spätere Ehefrau im Amt in der Wilhelmstraße. Wir lernten uns kennen und lieben. Details gehören hier nicht her.
Adam, es handelte sich um deine spätere Mutter. Aber zur Zeit deiner Geburt, zu einer Zeit als noch alle deutschen Truppen auf dem Vormarsch waren und Stalingrad im Osten erst noch angegriffen werden sollte, hatten sich meine Aufgaben geändert. Sonderkommandos von mir unbekannten Stellen in der Wehrmacht, in der SS oder in Ministerien legten Depots von Kunstschätzen aus Polen an. Meine Dienststelle war für den Transport per Eisenbahn oder Lastwagen zuständig. Was mit den Gegenständen passierte, wurde uns nicht mitgeteilt. Wir haben auch nicht danach gefragt. Wir dachten eher es ging um ihre Sicherung, um sie vor Schaden zu bewahren.
