Berlin toujours! - Joachim Geppert - E-Book

Berlin toujours! E-Book

Joachim Geppert

0,0
4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

In jedem Flieger nach Berlin sitzt einer drin, der bleibt. Mit und ohne Corona: Jedes Jahr über 30.000 Personen, so wächst die derzeit begehrteste Metropole Europas. Mae aus New York und Laurent von der französischen Riviera treffen sich in der pulsierenden deutschen Hauptstadt und nehmen den Kampf ums Überleben, ums Hierbleiben und um ihre wilde Liebe auf. SIE als leitende Architektin für das umstrittene Stalin-Truman Tor. ER als Sprachschüler, um mit seinen Deutschkenntnissen später Touristen ins elterliche Restaurant nach Cannes zu locken. Das ist sein Auftrag. Die Stadt ist voller atmender Gegensätze: Beide fühlen den unaufhaltsamen Fortschritt und die Dynamik der Stadt – mit der Gier der Oberschicht nach "Mehr" und den prekären Lebens- und Arbeitsverhältnissen der Unterschicht in ihrem Kiez. Häuserbesetzungen, brennende Autos, kleines Glück in der Großstadt, finanzieller Aufstieg, sozialer Neid, Mietspiegel, Rollkoffer der Touristen: Erfolg oder soziale Ausgrenzung liegen dicht beieinander. Jeder Tag in Berlin ist historisch, Weltstadt und Provinz zugleich, eben eine ehemals zerrissene Stadt, die sich nach dem Mauerfall täglich neu erfindet. Mittendrin kämpfen die BewohnerInnen in turbulenten Zeiten für ihre Zukunft. Können sie bleiben oder müssen sie zurück in den geschützten Schoß der Familien nach USA und France? Die Eltern geben nicht auf. Sie rufen massiv aus Amerika und Südfrankreich mit lockenden Angeboten ihre erwachsenen Kinder zurück in die alte Heimat. Die LeserInnen begleiten diese trickreichen Versuche und lernen den Blick aus anderen Weltstädten auf Berlin – ist es tatsächlich so attraktiv, damit auch unsere Protagonisten bleiben? Berlin distanziert die Sehnsuchtsorte der Welt, ja es ist selbst einer geworden! Die LeserInnen sind Zeugen bei Ost-West Diskussionen, persönlichen Verwerfungen und den Selbstheilungskräften der Stadt und – wie aus "Wenig" tatsächlich "Viel" entstehen kann

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Berlin toujours!

Hauptstadtroman

Vorgelegt von

Joachim Geppert Zur Waage 3 10247 Berlin [email protected]

Inhalt

Hausbesetzer

Architekten

Musterpärchen

Im Freudenhaus

Sprachschüler

Liebe :/:/

Stalin-Truman Tor

Gier

Nazis

Tod

Freunde

New York ruft

Harlem Gospel

Berlin :/:/

Ossi Wessi

Die Riviera ruft

Mafia am Mittelmeer

Friedensdividende: Berlin toujours!

Wiedervereinigung

Glossar

Handelnde Personen und Orte

Hausbesetzer

Laurent war ein wenig zu neugierig geworden. Er hatte seine Nase in Dinge gesteckt, die ihn nichts angingen; die ihn in Cannes oder Nizza nie interessiert hätten. Dort hatte er bis zu seiner erzwungenen Abreise nach Berlin das Dasein eines reichen und verwöhnten Bonvivants geführt. Das heitere Strandleben und die Jagd nach dem Glück hatten zu seinen Zielen an der Cote d´Azur gehört: mit ausgedehnten Feiern am Meer, attraktiven Frauen in seiner Entourage und einer unbeschwerten Zukunft. Auf seinem Weg zu den oberen zehntausend an der Riviera.

Kaum angekommen, saß er schon im Knast. Verdammt noch mal!

Im Knast. In Berlin. Nein!

So dramatisch hatte sich Laurent seinen Start nicht vorgestellt.

Hätte er ahnen können, dass ihm die Bullen gleich eins über den Schädel zogen? Nur weil er zum Gaffer bei einer Demo geworden war! Am ersten Tag seines Aufenthalts hatte er sich durch die Stadt treiben lassen. Durch die Straßen. Ohne Ziel. Am Ende seines ersten Ausflugs war er irgendwo im Berliner Osten angekommen. Zufällig war er Zeuge einer massiven Polizeiaktion geworden. Zeuge bei der Räumung des letzten besetzten Hauses der Stadt. In der Liebigstraße.

Im explosivsten Stadtteil Friedrichshain.

Friedrichshain? Den Namen hatte er vorher nie gehört.

Jetzt saß er mit brummendem Schädel auf einer Holzbank im kalten Norden Europas fest. Auf einer Polizeistation! Neben abstrusen Gestalten, die er nicht kannte. Es hatte noch ‚Klingklang’ in seinen Ohren gedröhnt, bevor Laurent durch einen Schlag über den Kopf einen klassischen Filmriss erlitten hatte. Jetzt erinnerte er sich an nichts mehr. Ein Uniformierter zerrte ihn genervt in einen öden und kalten Verhörraum. Hubschrauber kreisten in der Luft. Ihr Rotorenlärm erschwerte jede Verständigung.

*Los, setzen Sie sich auf diesen Stuhl, Mann. Kopf zur Seite. Und drehen!

Laurent versteht nicht alle Wörter, aber sehr wohl die Situation. Er befindet sich in einer extrem misslichen Lage. Die Polizeibeamten deuten ihm an, dass er kurz ohne Bewusstsein war.

Warum er sich vor dem besetzten Haus aufgehalten habe?

Eine von vielen geschrienen Fragen.

Die wollen so viel wissen.

Er, gut gekleidet, schwarze Haare, dunkle, aufmerksame Augen, klassisch athletischer Mittelmeer-Typ, braun gebrannt – so einer ist in der Hausbesetzer-Szene üblicherweise nicht zuhause.

Was hatte er hier gewollt?

Bei der Erstürmung des Gebäudes war er zwischen die Fronten geraten und hatte dabei unversehens Prügel bezogen. Das erklären die Beamten ihm jetzt.

*Verstehen Sie mich überhaupt? fragt der Polizist.

*Non, ich verstehe Sie nicht. Nicht alles! hört er sich kurzatmig stammeln.

*Warten Sie.

*Was habe ich falsch gemacht? stöhnt er eingeschüchtert weiter.

Ist er jetzt ein Verbrecher? Warum behandeln die mich hier so schlecht, denkt er. Sind so les boches? So sind die also. War ja nicht anders zu erwarten. Er versucht besonnen und ruhig zu bleiben. Es fällt ihm schwer. Alles fällt ihm jetzt so schwer. Er friert und zittert.

*Sind Sie nicht von hier? fragt der aufgewühlte Beamte, der sich in voller Kampfuniform vor ihm aufgebaut hat.

*Nein. Ich bin Franzose. Unten aus Cannes, au sud, im Süden.

*Und. Was können wir dazu?

*Nichts, antwortet Laurent.

*Na, kommt eben vor, sagt sein Gegenüber schon etwas versöhnlicher.

Der gleichaltrige Polizeibeamte erklärt Laurent die Prozedur, die er über sich ergehen lassen muss. Man hält seine persönlichen Daten fest. Warum? Na, weil man ihn aus der Demo bei den Hausbesetzern herausgeholt hat. Warum er da mitgemacht hat? Das sei nicht die Affäre der Polizei. Nach der erkennungstechnischen Behandlung könne er wieder gehen.

*Wie? Bin ich jetzt ein Gangster? fragt Laurent leise zurück.

*Nein. Ja ...

*Warum machen Sie Fotos von mir?

*Tatsächlich, das macht man auch mit Verbrechern so ... ein Fahndungsfoto und ... die Fingerabdrücke abnehmen. Den rechten Daumen, bitte, hier aufdrücken. Ja, und die übrigen 4 auch, klar.

Der Beamte bedeutet ihm, er solle sich nicht mehr hier blicken lassen. Und in Berlin, am besten in ganz Berlin, die Nähe zu Menschenaufläufen und finsteren Gestalten meiden, die sichtbar auf Krawall aus sind. Außerdem – sollte er augenblicklich am besten geräuschlos verschwinden – capito?

*Alles klar und verstanden, Gendarm! antwortet Laurent eingeschüchtert und trollt sich.

*Wirklich, alles klar? ruft ihm der Beamte feixend nach.

Er eskortiert den jungen Franzosen aus dem Hinterausgang des Polizeipräsidiums hinaus. Auf die Straße. Da steht Laurent nun. Auf dem Bürgersteig, zusammen mit den übrigen Schwarzgekleideten. Hunderte Schwarzgekleidete stehen hier. Ziemlich verloren. Allein neben der 12-spurigen Kreuzung zwischen Warschauer Straße und Frankfurter Allee.

Das ist ja fast meine Ausgangsposition von heute morgen. Zwischen Präsidium und grauen Wohngebäuden. Merde! flucht er an diesem nasskalten Februartag vor sich hin. Merde! Er ordnet seine Kleider, wischt sich Blut aus dem Gesicht und sucht seinen Kamm – vergebens. Hilfesuchend schaut er den anderen Demonstranten hinterher, die alle paar Augenblicke in Schüben aus dem Polizeigebäude ausgespuckt werden. Er will das verdammte Präsidium schnell hinter sich lassen, ja vergessen und hinter sich lassen. Er mischt sich deshalb arglos unter die übrigen Demonstranten. Die winken und signalisieren ihm: ‚Komm mit’. Eine ziemlich bunt Gekleidete ruft sogar hinter ihm her.

*Los, Alter lauf! Schnell weg hier. Alles in Ordnung mit dir? He du, mit diesen Worten zieht ihn die Bunte schließlich mit. Hinein in die Menge, die sich wie brütende Pinguine direkt um sie schließen, um die beiden genauso wie ihre Kinder zu beschützen.

Sie halten ihn für einen Sympathisanten und nehmen ihn deshalb in ihrer Mitte auf, wärmen und behüten ihn. Martha ist die auffälligste Gestalt neben ihm. Sie war als neugierige Schaulustige ebenfalls in die Auseinandersetzungen geraten. Unfreiwillig. Wie Laurent. Genauso unbeteiligt. Sie hatte die Hausbesetzer neugierig vom Straßenrand beobachtet, schwamm plötzlich mittendrin im Getümmel und hatte blitzartig ein paar Hiebe abbekommen. So fanden sich beide im Polizeigewahrsam wieder. Sie will nur noch weg hier. Sie lächelt unbeholfen und signalisiert ihm mit rudernden Händen, er solle einfach mitkommen. Nur weg hier, Mann!

Unter Leidensgenossen sind unnötige Erklärungen und entbehrliche Fragen überflüssig. Gemeinsames Leid schweißt zusammen. Schneller als es der Verstand verstehen kann. Der Zufall hat die beiden zusammengeführt. Nichts ist gesteuert und vorherbestimmt.

YYY

Rückblende: Am Morgen hatte sich Laurent in der dichten Menschenmenge vor dem Frankfurter Tor aufgehalten. Auf der von Menschen schwarzen Kreuzung zwischen Warschauer Straße und Frankfurter Allee. Hunderte von Vermummten drängten auf dem Asphalt durcheinander. Die Allee war gewöhnlich das Ziel kunstinteressierter Touristen aus aller Welt. Viele Touris kamen hierher, um das drei Kilometer lange Baudenkmal auf der ehemaligen Stalinallee in Augenschein zu nehmen. Sie bestaunten die einzigartig aneinander gereihten Arbeiterpaläste. Im auffälligen ‚Zuckerbäckerstil’, wie die Kunstsachverständigen den pompösen Baustil nannten.

Bei den einen lautete das Urteil ‚echt schön’, bei den nächsten ‚viel zu monumental und bedrückend’, bei den nächsten ‚so haben die im Sozialismus gebaut’? Die Gebäude stammten aus den 50er Jahren. Den Anfangsjahren des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden. Die DDR hatte sich beim Baustil an den ‚Seven Sisters’ orientiert, den 7 prunkvollen Arbeiterpalästen aus dem Moskau der Stalin-Zeit. Und deren Architekten hatten ihre Vorbilder bei den Wolkenkratzern in New York gefunden. ‚Wie klein die Welt doch ist’, bemerkten die Kunstsachverständigen der aus aller Welt angereisten Touristengruppen immer wieder verzückt.

Auch Laurent hatte den Zuckerbäckerstil kennenlernen wollen. Als er am Frankfurter Tor ankam, stand der Verkehr still. Ungewöhnlich still. Es war kalt und feucht. Trotzdem brannte die Luft. Alle Fahrzeuge und Fahrräder wurden von der vielbefahrenen Traversalen abgeleitet. Blinkende Ampeln signalisierten: Achtung! Die Rotoren der tief fliegenden Hubschrauber zerrissen die Luft. Die Polizei setzte alle Hilfsmittel ein, die sie aufbieten konnte. Kameras in den beiden Helikoptern sollten die Laufrichtung der aufgebrachten Menge leichter ausmachen. Und die ausfindig machen, die Steine und anderen Wurfgeschossen auf Polizisten feuerten.

Finster bekleidete Demonstranten auf dem Straßenpflaster hielten Transparente mit Parolen hoch: ‚Macht kaputt, was euch kaputt macht’ und ‚Liebig 14 forever’ oder ‚Toleranz ist die Freiheit der Andersdenkenden’. Laurent konnte sie wohl lesen, aber er verstand die Hintergründe nicht. Er spürte die explosive Atmosphäre von Angreifern und Verteidigern, die sich zu einem grandiosen Show-down gegenüberstanden. Beide Seiten waren komplett schwarz gekleidet. Außerdem roch es nach Schwefel und süßem Tabak. Vereinzelt schossen Feuerwerkskörper durch die Luft.

Die Köpfe der Polizisten steckten in dunklen Helmen mit offenem Visier. Sie ordneten sich in kleinen Kampfgruppen. Hochgeschnürte Stiefel, Knieschoner. Kampfschilde in der einen, Gummiknüppel in der anderen Hand. Nervöse Gebärden offenbarten um was es ging. Keiner stand alleine. Die ‚Kampfroboter’ blieben in einer Linie zusammen. Auf dem Rücken ihre Nummern zur Identifizierung. Typisch deutsch.

In ihren Sturmuniformen flößten die hünenhaften Gestalten auch den unbeteiligten Passanten, die zufällig vorbeikamen, gehörige Angst ein. Die nach vorne gebeugte Körperhaltung der Polizisten (wie bei großen Vögeln mit langen Hälsen, bevor sie zum Fliegen abheben), verriet ihre Unsicherheit.

An diesem zweiten Februar war die explosive Luft auf den Straßen rings um das Frankfurter Tor bis hinauf zur Rigaerstraße zum Bersten aufgeladen.

Auf der anderen Straßenseite standen die Autonomen in schwarzen Sturmhauben mit Augenschlitzen – ebenfalls in kleinen Gruppen. Scheinbar ungeordnet. Sie diskutierten miteinander. Gelegentlich aufgebracht und mit den Händen gestikulierend. Auch sie trugen schweres Schuhwerk und schwarze Handschuhe. Hier und da liefen die Autonomen zu dritt auf die Polizisten zu, stoppten abrupt und drohten dann mit erhobenen Fäusten. Dann machten sie Zeichen mit den Armen wie Haut ab! oder Passt bloß auf, sonst gibt’s eins auf die Fresse! Manche skandierten ‚Wir verteidigen ostwärts, unser Leben vorwärts! ’ und meinten damit ihren Lebensstil in den alten Ostvierteln der Stadt. Hier im Osten, wo die Wohnungen nach der Wende einst billig zu haben waren.

Es fehlte nur noch der berühmte kleine Funken, der das Pulverfass zur Explosion bringen würde.

Hohe Wohnblöcke begrenzten die angsteinflößende Kulisse. Nach hinten wurde es dunkler in der breiten Allee - wie bei einem heranziehenden winterlichen Regenschauer. Laurent schwamm in der Menge mit. Zur Anhöhe hinauf. Fort von der Allee. Über Straßen mit Kopfsteinpflaster, an denen graue Mietskasernen gespenstisch in den Himmel ragten; vorbei an alten und neuen Plattenbauten mit und ohne Farbe, uneinheitlich und unansehnlich. In ihren Fassaden spiegelte sich das zerrissene Land der letzten Jahrzehnte wider. Er strandete schließlich in der Liebigstraße, die bergauf mit ihrem aufgerissenen Kopfsteinpflaster immer enger wurde. Auch hier war der Verkehr unterbrochen – die zuführenden Straßen waren abgesperrt worden. Warum?

Kleine Polizeibusse mit 10er-Besatzungen versperrten grimmig die Straßen vor der Kreuzung Liebigstraße. Da befanden sich die heruntergekommenen besetzten Häuser. Transparente hingen zwischen ihnen über der Straße und grüßten mit ‚Willkommen in der fabelhaften Welt des Widerstandes!‘ oder ‚Liebig 14 bleibt immer! ` Die Fenster im Erdgeschoss der Liebigstraße 14 waren neben heruntergelassenen Rollladen mit Plakaten zugeklebt. In die Straße ragte eine beschädigte Haustüre mit zwei Flügeln heraus. Darauf war mit zyklopischen Buchstaben gepinselt: ‚Das Leben ist kein rosa Ponyhof, ihr Spekulanten’.

Vier Stockwerke hoch und einen halben Straßenzug lang, so steht das besetzte Haus da. Nebendran die Justus-von-Liebig-Grundschule mit ihrer Turnhalle. Gesamtlage: eher alltäglich. Gegenüber solidarisieren sich ein Dutzend junger Sympathisanten vom ebenfalls besetzten Nachbarhaus. Sie stehen mit Transparenten auf ihren Balkonen. ‚We have nothing to loose but our fears’ und ‘Immobilienhaie zu Fischstäbchen!’ Sie skandieren es auf deutsch und englisch, immer wieder. Dazu schwingen sie ihre Fäuste im Rhythmus der rauen Sprache.

Autonome, Hausbesetzer, Schaulustige, Polizisten - alle zusammen schaukeln die beklemmende Szene auf. An einer Straßenlaterne hängt ein provisorisches Schild: heute ab 15.00 Uhr bis morgen 5.00 Uhr Halten und Parken verboten. Gespenstische Ironie!

*Wir räumen in 15 Minuten. Öffnen Sie die Türen und kommen Sie heraus, tönen die Lautsprecher von den Polizeifahrzeugen.

Wasserwerfer mit Gittern vor den Windschutzscheiben fahren in Position. Es folgt ein ohrenbetäubendes Tatütata, Tatütata aus den Megaphonen der Sympathisanten, die ringsum auf den Bürgersteigen ausharren. Rasseln, Trommeln, gebrüllte Parolen, vereinzelte Chinakracher zerreißen aufs Neue die Luft.

*Wir räumen in 13 Minuten!

Ein ansteigender Geräuschpegel ist die Antwort. Pressluft betriebene Autohupen und Vuvuzelas verstärken den Lärm. Schaulustige drängen sich zusammen, die Hausbesetzer schließen die Fenster, plötzlich Totenstille auf der gespenstischen Bühne. Minutenlang.

*Wir räumen in 3 Minuten! lärmen die Polizei-Lautsprecher.

Nach 3 Minuten - nichts.

Ein stadtbekannter Abgeordneter der Alternativen aus Kreuzberg unternimmt einen letzten Vermittlungsversuch. Er passiert geduckt die Polizeisperren und verschwindet im Hauseingang. Die drei Minuten dauern eine Ewigkeit. Mit versteinerter Minute verlässt er wenig später das Gebäude.

Dann geht alles sehr schnell.

Autonome verknäulen sich mit kampfbereiten Polizisten ineinander. Schlagen und dreschen aufeinander ein. Passanten, Schaulustige und Raufer aller Parteien mischen mit und attackieren sich. Gewaltsam und rücksichtslos. Die Herumstehenden werden von der Polizei brutal vom Bürgersteig gedrängt. Es herrscht lautstarke Aufregung. Alle strömen durcheinander.

Noch während die Polizisten mit schwerem Gerät die Türen aufbrechen und die Fenster aufschweißen, bekommt Laurent einen Stoß ins Kreuz. Einen weiteren Schlag auf den Kopf. ‚Klingklang’. Fällt zu Boden. Spürt eine Heidenangst in sich aufsteigen, bevor er das Bewusstsein verliert. Er schlägt mit dem Hinterkopf aufs Pflaster. Kaum angekommen in der großen Stadt, ist er schon ausgeknockt.

YYY

*Einen Schnaps – wo können wir einen Schnaps trinken, fragt Laurent mit erhöhtem Herzschlag seine neue Bekanntschaft.

Er - in anthrazitfarbener Gabardinehose, edel und fein. In Lloyd-Schuhen und Dolce&Gabanna Gürtel vom selben Leder, in weißem Hemd mit Stehkragen und teurer Pilotenjacke mit Fellaufsatz. Laurent sucht immer noch seinen Kamm. Am frühen Morgen stylish gekämmt und gegeelt - jetzt etwas verrutscht, verdreckt und irgendwie fehl am Platz. Will ihn überhaupt jemand begleiten? Diesen selbstgefälligen, overdressten und in den falschen Film geratenen Modefranzosen aus sichtbar feinerem Elternhaus. Über dem Viertel kreisen immer noch laut zwei Polizei-Hubschrauber. Es ist immer noch Gefahr angesagt.

Sie - Martha, jung, blond, hoch gewachsen und selbstbewusst aus New York City (ja aus der Stadt, wo alle hinwollen - und Martha lebt und arbeitet jetzt trotzdem in Berlin!): Sie ist genervt vom Geschehen und vom orientierungslosen Laurent verdutzt. Sie will ins Büro zurück, wollte doch nur kurz die Mittagspause draußen verbringen. Auf einen kurzen Imbiss ins Café Tasso. Vielleicht on the way ein Buch kaufen, antiquarisch für 1 €, nur zum Zeitvertreib. Vielleicht noch eine Wanderkarte aufgabeln mit Exkursionen durch Charlottenburg, den ehemaligen Westen der Stadt. Mit dem Fahrrad am Mauerstreifen entlangfahren! Das hatte sie sich für das Wochenende mit Freunden vorgenommen.

Martha, schlank, hochgesteckte Frisur, sehr praktisch (erspart morgens früh vor dem Büro das Haarwaschen). Mit einer Unzahl von bunten Spangen und Klämmerchen ist ihre Frisur stylish getrimmt. Ihr langer, schwarzer Rock, der ihre bella figura unterstützt, ist an der Seite aufgeschlitzt. Der Schlitz stammt vom Reinzerren in die ‚grüne Minna’, in die sie die unwirschen Jungbullen gezogen hatten. Dirigiert wurden die Youngsters von einem scharfen Hund, einem älteren Polizeibeamten, einer von denen, die bestimmt bei der Stasi früher schon Leute von der Straße einkassiert hatten.

Eine Szene wie im Film. Wie im Film ‚Das Leben der anderen’ blitzte es ihr durch den Kopf. Den Streifen hatte sie kürzlich im Kino gesehen. Im Kiez am Boxhagener Platz. Sie will den Typ neben ihr, diesen Laurent, nicht so übereilt schubladisieren und abbürsten, sind sie doch beide gerade erst dem Stundenknast entkommen. Eingeschüchtert ist der genauso wie sie. Schön zu sehen, dass Männer auch zurückhaltend auftreten können.

*Weißt du, ich will nur noch ganz schnell weg hier, flucht Martha. So hatte ich mir meine Pause nicht vorgestellt.

*Von was machst du Pause?

*You know, es gibt hier Leute, die müssen arbeiten. So wie ich. Und jetzt habe ich eigentlich Bürobesprechung.

*In was für einem Büro, wo arbeitest du?

*Wir sind Architekten, um die Ecke am Tor. Wir arbeiten an einem wichtigen Projekt, für die Baudenkmäler hier.

*Hört sich interessant an. Laurent nimmt seinen ganzen Mut zusammen und fragt weiter.

*Wie heißt du?

*Martha. Für Freunde Mae. Freunde, das bestimme ich.

*Können wir noch ein wenig zusammen gehen? Er hatte seinen gewinnenden Blick aufgesetzt. Mit Schmollmund, wie zuhause in Cannes eingespielt, wenn er überzeugend wirken wollte. Ich weiß nicht ... Ich bin erst seit heute in der Stadt, entsetzlich ... und dann so ein Erlebnis.

Krass, denkt Martha, dieser kleine Dackel ... macht mich schwach.

*Na los, vorwärts, wir trinken noch einen Latte im Kiez. Jetzt kommt es auf eine Viertelstunde auch nicht mehr an.

Sie verpasst ihm einen spontanen Schlag auf seine herunterhängenden Schultern und zeigt damit die Richtung an. Sie befinden sich zwischen den Häuserblocks auf der ehemaligen Stalinallee.

*Da, durch den Hausdurchbruch und dann 100 Meter weiter links. Siehst du die roten Bücherkisten vor dem Café? Da gehen wir hinein. Passt für uns.

*Wie meinst du das? Passt für uns ... Kiez. Ja, er war noch sehr neu in der Stadt. Gestern Abend erst angekommen. Und schon mittendrin in der Szene. Im Kiez.

*Kiez. Ja so heißt hier das Viertel, in dem man um die Ecke lebt und arbeitet. Die haben hier für vieles ihre eigenen Wörter und reden dauernd, wenn der Tag lang ist. Berliner haben zu allem was hinzuzufügen. Ich auch schon.

Sie mustern das Café. Er lässt sie, ganz gentlemanlike, zuerst durch die schmale Gasse aus Kisten den Eingang passieren. Der halbe Bürgersteig ist mit roten Bücherkisten zugestellt. Wie Obsthändler, die ihre Ware präsentieren. Tausende von gebrauchten Büchern, jedes zu 1 €. Die hohen Kisten begrenzen ein Viereck, das mit Tischen und Stühlen als Straßen-Café dient. Sie treten ein. Knarrender Dielenboden, 6 m hohe Räume, rote Fenster, uneinheitliche oder gar keine Tapeten, gerettete Möbel aus der DDR der 60er Jahre. Revoluzzercharme, alles leicht überheizt und gemütlich. Prima Begleitung, die Frau. Was für ein Glücksfall.

*Setz dich. Was nimmst du?

*Weiß nicht. Was gibt es? antwortet er überfordert zurück.

*Alles, was du willst. Willst du was essen oder nur was trinken? Ich nehme einen Latte Macchiato, wie gesagt.

*Ich dann auch, d’accord.

Beide starren erschöpft aus den hohen Fenstern nach draußen. Auf die breite Allee mit ihren grauen Mittelstreifen und knorrigen Bäumen. Das wird schön aussehen, wenn die im Frühling blühen. Trinken beide stumm ihren Kaffee. Allzu viele Wörter sind unnötig. Sie haben Ungewöhnliches gemeinsam erlebt, ohne sich zu kennen. Das verbindet. Aber dafür kann sie sich jetzt nichts kaufen; sie muss zur Besprechung ins Büro zurück und vorher noch die Dossiers aufbereiten. Martha trinkt zügig aus und bezahlt für beide, damit sie schneller los kann. Schon macht sie Anstalten aufzubrechen und das Lokal zu verlassen.

Da hat sie Laurent allerdings bei der Ehre getroffen. Er wird hellwach. Zwar fehlen ihm noch die passenden Wörter als sie aufsteht. Wenn es aber um die letzte Chance geht, weiß er, was zu tun ist.

*Eh bien. Mae, bist du öfters über Mittag hier? fragt er schüchtern.

*Ja, sagt sie kurz angebunden, steht auf und verschwindet.

Aus den Augen aus dem Sinn? mögen beide denken. Er starrt ihr wortlos hinterher und hat seine letzte Chance verpasst. Das geht selbst ihr zu flott. Nach wenigen Metern dreht sie sich auf dem Absatz um, geht zurück, öffnet die Türe und drückt ihm ihre Visitenkarte in die Hand.

*Du findest mich, wenn du willst. Links Büroadresse, rechts privat. Tschüss denn!!

YYY

Für Laurent war der Tag definitiv zu schnell abgelaufen. Gestern Abend erst in Berlin eingetroffen, musste er sich schon orientieren, auf welchem Flughafen er eigentlich gelandet war. Die Berliner hatten offensichtlich Schwierigkeiten, ihren großen internationalen Flughafen Berlin-Schönefeld zu Ende zu bauen und ans Fliegen zu bringen. Obwohl er doch in Schönefeld gelandet war, wie ihm der Taxifahrer bestätigte.

Im Gespräch stellte sich heraus, dass er am alten DDR-Flughafen im brandenburgischen Schönefeld angekommen war, den die Berliner für die wiedervereinigte Stadt gerade in großem Stil neu bauten. Der Großflughafen sollte Willy-Brandt International heißen. Nach einem westdeutschen Kanzler, der in den 1970er! Jahren irgendeine Neue Ostpolitik gestartet hatte. Für den Neubau hatten die Berliner ihren innerstädtischen Flughafen in Berlin-Tempelhof geschlossen. Der mit den ‚Rosinenbombern’, Luftbrücke 1949 und so, wie ihm der Taxifahrer in einem ebenso interessanten wie verwirrenden Redeschwall erklärt hatte. Ihren dritten Airport wollten sie jetzt offenbar in Berlin-Tegel schließen, sobald Willy-Brandt International fertig war.

Mon dieu, wenn der Chauffeur wüsste, wie wenig ihn das im Moment interessierte. Seine Zukunft stand hier auf dem Spiel. Und seine Vergangenheit auf dem Prüfstand. Er hatte sozusagen Berlin auf Bewährung! Als Strafe. Wenn er den Aufenthalt in Berlin verscheißerln, nicht den Ansprüchen der Eltern genügen würde, ja dann wäre es aus mit seiner persönlichen Freiheit. Dann würde er ins Restaurant der Eltern einsteigen müssen, tatsächlich arbeiten. Dann wäre er nur noch Sohn, und allenfalls ein bisschen Bonvivant. Entsprechend zögerlich näherte er sich dem Hotel in der unbekannten Stadt. Sollten die doch ruhig ein paar Probleme mit ihren Flughäfen haben.

Dabei war doch in Deutschland angeblich alles so gut organisiert und preußisch genau. So genau, dass mitunter französische Politiker dieses Land als Vorbild zitierten. Vieles dauerte wohl Jahre in Berlin und ... in Paris war es eigentlich ... auch so ... mit drei Flughäfen. Nur, da kannte er sich aus und hielt es für normal.

Segensreicher war tatsächlich alles in seiner Heimat, an der Cote d’Azur organisiert. Sie hatten seit jeher den internationalen Flughafen in Nizza. Vielflieger nannten die Strecke Paris-Nizza eine Autobahn. Vom Rastplatz dieser Autobahn hatten ihn gestern Nachmittag seine drei Freunde verabschiedet. Keiner der vier jungen Männer wusste, ob Laurent zu bedauern oder zu beglückwünschen war. So unsicher sah seine nahe Zukunft aus. Und so beneidenswert war ein Aufenthalt in Berlin – so komfortabel lange in dieser angesagtesten Metropole des Kontinents.

Mit Mühe (und Not) hatte er sein Studium der Betriebswirtschaft mit dem Zusatzfach Tourismus abgeschlossen. Nach 7 Jahren! Dank der Protektion der Eltern und mit Vitamin B war er durch einen Concours geschleust worden und hatte in einem renommierten web-lab Arbeit bekommen. Im benachbarten Sophia-Antipolis, dem französischen Silicon-Volley. Das war ohne Staatssubventionen genauso lebensunfähig wie er selbst - ohne den Monatscheck der Eltern. Dort in den Bergen über Cannes und Nizza, hatte sein Start-Up, in dem er im Marketing gearbeitet hatte, zu allem Überfluss nach kurzer Zeit Pleite gemacht.

Für seine Eltern und seine Geschwister war es das gefundene Fressen. Sein Vater verlangte, jetzt müsse er endlich etwas ‚Vernünftiges’ machen. Ab ins reale Arbeitsleben, ersatzweise Einstieg ins elterliche Restaurant. Die Geschwister zogen ihn einfach nur auf und zeigten mit dem Finger auf ihn. Gewiss, sein Leben als sorgenloser ‚Beau’ an der Riviera mit Strandleben und flotten Mädchen auf Kosten der Eltern würde bald zu Ende gehen – da waren sich alle sicher.

Die Eltern hatten ihm innerhalb eines halben Jahres die Eheschließung und einen Eintritt ins geordnete Bürgerleben abverlangen wollen, wenn er nicht, ja wenn nicht ... Er hatte Bedenkzeit herausgehandelt und viel versprochen; ohne weiteres alles versprochen. Der Kompromiss war ein 6-monatiger Studien-Aufenthalt im Ausland. Laurent war quasi zum Zwangsaufenthalt nach Berlin verurteilt. Geradeso empfand er das letzte Angebot. Zur Vervollkommnung seiner Deutschkenntnisse hatten sie ihn anschließend in eine Sprachschule abkommandiert.

Erst gestern war er mit der Nachmittagsmaschine aus Nizza in Richtung Norden abgedüst. Unter sich die Promenade des Anglais – im Steilflug über das Chateau und den Vieux Port. Wehmütig war es ihm beim Anblick der Plages Opera und Beaux Rivage mit seinen süßen Erinnerungen an warme und vergnügliche Strandtage geworden. In weitem Bogen hatte der Airbus die Stätten seiner Jugend hinter sich gelassen und nahm über die Meeralpen jäh Kurs aufs kalte Berlin im Hohen Nordosten Europas. War das ein weiser Entschluss und - war es sein eigener?

Pierre Luigi Lepecheur, sein Vater betrieb, das zweitälteste Restaurant in Cannes. In der Rue St. Antoine auf dem Weg von der Altstadt hoch zum Kastell. Schon seit römischen Zeiten zogen die Fremden hier an den Wirtshäusern vorbei. Der Weg machte ihre Besitzer zu wohlhabenden Bürgern. Mancher war damit nicht zufrieden und half mit der Mafia oder als Stadtverordneter (die über viel Vitamin B verfügten) nach. So konnte das Einkommen auf vielfältige Weise wachsen. Kaum einer war damit zufrieden, die Nummer Zwei zu sein.

Laurent war der Zweitgeborene in der Familie und hatte seinem älteren Bruder Max schon die Führung des Familienrestaurant ‚Mirabeau’ überlassen müssen. Aber es war eben nur das zweitälteste der Stadt, weshalb der Vater im Beirat vom Office du Tourisme nur die zweite Geige spielte. Und hätte seine Mutter - im übrigen aus Nizza stammend - nicht immer wieder den Familienfrieden durch ihr ausgleichendes Wesen geradegebogen, wer weiß, Laurent hätte sich noch früher verweigert. Dann wäre er nicht so lange an der bezaubernden Cote d´Azur geblieben. Die Nummer Zwei mochte niemand gerne in dieser ehrgeizigen Familie sein.

Er war von den vier anstrengenden Kindern ihr heimlicher Favorit. Die Mutter hatte durch versteckte Geldzuwendungen dazu beigetragen, dass er lange in der Nähe der Familie blieb. Es passte zur ewigen Rivalität zwischen ihr und ihrem Mann, dass sie manchmal das Gegenteil von dem tat, was der Patron wollte. So wie es ihnen die Rivalität der Städte Cannes und Nizza in die Hochzeitskutsche gelegt hatte.

Die erste Nacht in Berlin hatte Laurent im Hotel Adlon verbracht. Direkt neben dem Brandenburger Tor. Das Hotel hatte einen Seitenflügel mit Zimmern fürs Personal und junge Austauschgäste in seinem rückwärtigen Teil. Die Verbandstätigkeit seines Vaters in der Region Alpes-Maritimes hatte ihm diesen Kontakt eröffnet und das privilegierte Wohnen in Berlin ermöglicht. Gleich beim Einchecken hatte er bemerkt, dass diese location etwas Besonderes war.

Von seinem Fenster schaute er auf eine belebte Straße, deren gegenüberliegende Seite ein Riesen-Stelen-Feld begrub: Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, das Holocaust – Denkmal. 2711 graue Stelen wirkten wie Grabsteine einer verwirkten Geschichte dieses so stolzen Landes, was sich auf ewig für seine Missetaten schämte und dies auch öffentlich bekundete. Über den Platz und den Entwurf hatte es jahrelange Diskussionen gegeben. In Berlin war einfach jeder Ort historisch.

Der Haupteingang des Adlon lag neben der amerikanischen und gegenüber der französischen Botschaft. Am Pariser Platz. Hier hatte Laurent sich abends aufgehalten und das Promenieren der Passanten erlebt, die Fiaker, die Straßenmusiker und die hip-hop dancer mit ihren Ghettoblustern. Vieles schien hier gleichberechtigt seinen Platz zu finden. Mitten auf dem Platz standen Verkleidete: als Stalin, DDR-Volksarmee-Soldaten oder simpel nur als Batman und Michael-Jackson kostümiert. Für ein paar Münzen ließen sie sich vor dem Brandenburger Tor mit den Touristen in der Abendsonne ablichten. Ein großer bunter Marktplatz, wo jeder durchkonnte, zu Fuß, mit dem Rad und sogar mit dem Auto. Ganz schön tolerant, diese Deutschen! Auf ihrem allerheiligsten Boden, vor dem Nationalmonument Nummer 1 ihrer Hauptstadt.

In Richtung Stalinallee war Laurent heute Morgen eher zufällig geraten. Er hatte beim Frühstück am langen Tisch mit den anderen Mitbewohnern, den Praktikanten und Lehrlingen aus den Abteilungen der Adlon–Hotelfachklasse, gehört, dass man mühelos zu Fuß Unter den Linden spazieren konnte. Er kam an vielen Zeitzeugen vorbei, der Trutzburg Russische Botschaft, der Komischen Oper (was für ein lustiger Name!), der mit Baugerüsten zugestellten Staatsbibliothek oder Fürsten auf preußischen Reiterstandbildern, die er nicht einordnen konnte.

Nach langem Spazieren war er bei den Bouquinisten vor der Humboldt-Universität angelangt, die sich auf beiden Seiten des Prachtboulevards erstreckte. Neben einem kleinen Säulentempel mit einer Flamme in einer dunklen Halle (das übliche Grabmal des Unbekannten Soldaten wie in allen Hauptstädten der Welt) hatte ein barockes Gebäude in violetter Farbe seine Aufmerksamkeit eingenommen. Durch wuchtige Holztore schritt er ins Deutsche Historische Museum herein.

In der geräumigen Vorhalle mit den Kassenhäusern, Lenin-Standbildern und Marmor-Engeln in Übergröße wollte er sich nicht verlaufen und entschied sich, später wiederzukommen. Er schritt weiter über einen roten Teppich in einer lichtdurchfluteter Glashalle ins Museums-Café und nahm einen Snack, um zu verweilen und sich zu orientieren. Sein iPhone-GPS signalisierte ihm die Museumsinsel, den Berliner Dom und so viele andere Kunstwerke zum Greifen nahe. Ihm war ganz schwindelig von so vielen bedeutsamen Monumenten im 500-Meter-Umkreis.

Das versprach doch interessanter zu werden als anfangs vermutet, bei den Preußen. Schön hatten die sich hier eingerichtet, zwischen Weltkunstwerken und Dauerbaustellen. Das gefiel ihm und er mobilisierte seine letzten Kraftreserven, um alles in sich aufzunehmen.

Rumms, rumms machten die Dampframmen auf dem Alex schon wieder. Nicht einmal der Straßenverkehr war zu hören bei diesem Baulärm. Die U-Bahn wurde verlängert bis zum Alexanderplatz, auf dem der 365 Meter (einen Meter für jeden Tag im Jahr) hohe Fernsehturm stand. In der Morgensonne glänzte das silberne Drehrestaurant. War er jetzt im Ost- oder Westteil der Stadt? Das verriet ihm das GPS nicht; musste er wohl selbst herausfinden.

Impulsiv ließ er sich weitertreiben; die Distanzen und die Hochhäuser wurden größer und länger. An einem Straßenkiosk kaufte er eine Flasche Bier, weil es die übrigen Passanten auch so machten. Und einen Stadtplan kaufte er, in dem der ehemalige Mauerverlauf eingezeichnet war. Er hatte langsam die Kontrolle über seine Wünsche und Möglichkeiten verloren und – so landete er zuletzt zufällig in den Straßenkämpfen am Frankfurter Tor.

Architekten

*Wo warst du, Mae? Die Ingenieure vom Bauamt sitzen schon mit dem Chef im Sitzungsraum, ermahnte sie die gleichaltrige Sekretärin beim Eintreten ins Büro. Die ganze Etage war von IMA International Monuments Architects & Co. belegt, wie die großen Messingschilder verrieten.

*Na ich war mal eben auf einer Kurzdemo bei der Liebig 14, weißt du. Die haben heute Mittag kurzerhand das Haus geräumt. Hat etwas länger als vorgesehen gedauert, und du glaubst es kaum, weil ich erkennungsdienstlich behandelt wurde. War nicht auf meinem Plan, erklärte Martha im Weitergehen.

*Echt, bist du bis nach vorne ran? Mitten in die Demo? Musst deine Nase wirklich überall reinstecken. Naja, dafür hast du dir ja deinen job hier ausgesucht, bemerkte die Sekretärin.

*Stimmt überhaupt nicht. Ich bin zufällig da reingeraten. Eigentlich wollte ich nur Mittag im Tasso machen. Entschuldige, ich pack schnell die Ausschreibungen und die Pläne, und dann bin ich ready fürs meeting.

*Warte, hielt sie ihre Kollegin auf. Ich lege dir noch ein bisschen Rouge auf und schminke dir die Lippen. Und dreh deinen Rock zur Seite, dann denken die Herren du trägst Vintage mit Seitenschlitz. Männer wollen gerne ein bisschen geblendet werden - von unserer natürlichen Schönheit. Unterstützen wir es und machen uns das Leben dadurch leichter. Und öffne den obersten Knopf an deiner Bluse zum...

*OK, ich danke dir, Sweetheart. Du weißt, ich will durch Qualität, nicht durch Mode überzeugen, befreite sich Martha etwas genervt. Sie öffnete aber dennoch den Knopf, bevor sie mit einem Kopfschwung nach hinten selbstbewusst in den hellen Meeting-Raum trat.

Ihr vielbeschäftigter Chef schlug sich gerade vor Lachen auf die Schenkel. So lustig und gelöst erlebte sie ihn selten, und schon gar nicht, wenn die Spaßbremsen vom Bauamt kamen.

*Ist ja unglaublich, die haben tatsächlich die Goethe-Figur aus’m Tiergarten vom Sockel gesägt und geklaut? Und das im braven Westen? Wird ja immer dreister in der Stadt.

*Ja, die Polizei vermutet internationale Auftraggeber dahinter. Die Figur ist noch ein Original von Schaper. Die Stadt hatte kein Geld, die Originalfigur durch eine Kopie zu ersetzen, klärte sie der Bauamtsleiter auf.

*Ich hatte auch schon daran gedacht, ein paar berühmte Dichter und Philosophen in die Rotunde vorm Stalin-Truman Tor zu postieren. Vielleicht gibts die ja auf diese Art zum Sonderpreis, hahaha, schüttelte sich Juri G., Hauptgesellschafter von IMA.

*Meine Herren, ich habe alle Akten dabei und eröffne unsere 7. Ausschreibungsrunde. Wir haben nach HOAI hoch angesetzt, weil das Projekt besondere Herausforderungen an Planer und ausführende Firmen stellt führte eine ernste Martha die versammelte Runde in die Realität zurück. Das Protokoll der letzten Sitzung ist ihnen per e-mail zugegangen. Gibt es Bemerkungen oder Fragen?

*Wir müssen das gesamte Bauvorhaben aufgrund der hohen Summe EU-weit ausschreiben, erläuterte Juri.

*Dann müssen wir mit dem Protest der heimischen Bauwirtschaft rechnen. Außerdem verhalten sich die anderen Staaten auch nicht immer so EU-freundlich wie wir ...

*Ja genau, die spalten die einzelnen Lose so lange auf, bis sie jeweils die erforderlichen Summen unterschreiten, gaben die Beamten der Bezirksverwaltung zu bedenken.

Martha schaute in die Runde und fragte:

*Soll ich das jetzt auch notieren oder ist das off-the-record?

Martha glaubte immer sich besonders anstrengen zu müssen, seitdem sie vor zwei Jahren als Architektin und zukünftige Juniorpartnerin bei IMA angeheuert und das ambitionierte Stalin-Truman Tor als Vize-Chefplanerin übernommen hatte. Sie wollte ursprünglich auf jede Art von Protektion durch ihre Eltern verzichten. Dennoch hatte sie sich entschlossen, nachdem sie eine ganze Zeit lang unterbezahlt in den USA gearbeitet hatte, den Rat ihres Vaters anzunehmen und im Ausland anzuheuern. Ihr Dad war ein renommierter Architekt in New York City und hatte durch gewagte, moderne Architektur Anerkennung gefunden. Baustellen in Vietnam, Doha und Deutschland gehörten zu seinen Lieblingsobjekten; als besonders einfühlsam und innovativ galten seine Kulturbauten. In der Fachwelt wurden sie als gelungene Symbiose von Architektur und Kommerz kommentiert.

So hatte er mit IMA Architects schon einiges hochgezogen. Gegen gutes Honorar, versteht sich. Sie waren auch im Architekturwettbewerb um den Wiederaufbau des Stadtschlosses der Hohenzollern ziemlich weit vorne gelandet. In Berlin hatten aber die Baumafia und die großen politischen Parteien eine andere, pikanterweise eine italienische Lösung bevorzugt. Zuletzt genügten wenige Worte ihres Vaters mit Juri G. – und sie hatte das Engagement in dem Büro im Berliner Ostteil sicher. Im Osten gab es viel wiederaufzubauen, die Bauaufträge lagen auf der Straße.

In Ergänzung zum über 50 Jahre alten Frankfurter Tor, das aus zwei Wohntürmen mit 13 Etagen im Zuckerbäckerstil und Rotunden auf dem Dach bestand, sollte in der Verlängerung ein modernes Gebäude die ehemalige Stalinallee nach Osten öffnen. Es entsprach dem Zeitgeist, dies modern und international zu planen. Außerdem sollten neue Wohnungen den Preisanstieg für Mieter in diesem Stadtteil bremsen. Es gab neben einem Kultur- und Konsumpalast sowie der Sport- und Schwimm-Oper nur wenige Luxuswohnungen im neuen Bauvorhaben. Durchschnitt sollte der Standard bleiben, nicht Spitzenpreise. Dieser Kompromiss gefiel Martha ausgesprochen gut und sie musste ihn planerisch umsetzen. Juri gab ihr zwar viele brauchbare Tipps, ließ sie aber weitestgehend alleinverantwortlich agieren. Er veränderte nur wenig, so dass beide eine hohe Wertschätzung im täglichen Umgang auszeichnete, trotz der 20 Jahre Altersunterschied.

Viel Spaß hatten sie damit, sich gegenseitig über ihren Kleidungsstil aufzuziehen. Hatte er wieder einmal zu große Karos in bunten Flanellhemden unter feinem Zwirn, so musste er sich Guten Morgen Herr Holzfäller! anhören. Ebenso erging es ihr, wenn ihre gelockten Haare zu zottelig das Gesicht verbargen und er sie als unsere verehrte Lakshmi bezeichnete. Die Göttin der Schönheit und des Glücks, die, die auf der Lotosblume sitzt; Gemahlin des Welterhalters Wischnu. Es herrschte ein flottes und entspanntes Betriebsklima im Büro. An die 35 Architekten und Ingenieure aus aller Herren Länder befeuerten das und es machte deshalb Freude hier zu arbeiten.

17.30 Uhr war schon vorbei und die Sonne in einem fetten, runden Feuerball zwischen Ostbahnhof und dem Fernsehturm am Alex untergegangen, als Martha ihren Rucksack packte. Sie hatte immer an die zwei Kilo Krimskrams im Sack, für alle Fälle bereit. Das hatte sich heute als praktisch erwiesen, als sie diesem Franzosen ein Pflaster auf die Wange geklebt hatte, weil der leicht blutend etwas unbeholfen neben ihr im Polizeiauto gelandet war. Was war das nur für ein Tag!

Sie machte sich jetzt auf den Weg zum Kulturtempel – ein bunter, mit Graffiti besprühter Ziegelbau - nicht weit vom Büro entfernt, auf der anderen Seite des ungenügend beleuchteten RAW-Geländes, dem ehemaligen ReichsbahnAusbesserungsWerk. Hier fand alles Mögliche an Fortbildungen, Sport und Veranstaltungen statt. Sie besuchte im zweiten Jahr einen Konversationskurs zu Themen der Stadtentwicklung und der Kreativwirtschaft. Jaja, sie hatte keine Probleme damit, anspruchsvoll ihre Freizeit zu verbringen. Junge Männer und Frauen aus aller Herren Länder vervollkommneten hier ihre Deutschkenntnisse mit interessanten Themen. Die Sprachschule mit Namen ‚Zukunft’ hatte die ganze obere Etage gemietet. Zu jedem Zeitpunkt des Tages und der Nacht hatte man von dort einen weiten Ausblick über die flimmernde Stadt, phantastisch.

Die Sprachschule gehörte Theo, einem guten Freund von ihrem Chef. Allerdings war das nur eine seiner Aktivitäten. Im Hauptjob betrieb er den KGB, vielmehr die Kreative Gesellschaft Berlin. Ja, auch dieser Typ hatte viel Spaß am Leben und zeigte es täglich. Sie hatten so viel gemeinsam, Martha und Theo, und konnten doch nicht zusammenkommen, die beiden Königskinder. Schade, dass er um so Vieles älter war. Das passte einfach nicht. Aber wo sie sich ergänzen und dem anderen gut sein konnten, da taten sie es. Insgeheim hätte sie sich darüber gefreut, wenn er heute dem Kurs wieder beigewohnt hätte, wie er es manchmal tat. Er brachte dann Themen aus seinem Arbeitsbereich mit und stellte sie den Sprachkursteilnehmern mit viel esprit vor. Es waren immer Themen aus Berlin.

New York und Berlin hatten Berichte über ihre Kreativwirtschaft erstellt und waren jetzt dabei, ihre staatlichen Förderungen und wirtschaftlichen Auswirkungen zu vergleichen. Theo hatte dazu mit seinem Büro Definitionen formuliert sowie Umsätze, Anzahl der Firmen und Beschäftigte errechnet. Die kreativen Branchen mit ihren Künstlern und IT-Freaks waren ein bedeutender Markt in Berlin, der mit dafür verantwortlich war, dass Millionen von Kulturtouristen in die Stadt kamen. Allerdings gab es auch viel Ungereimtes, etwa wie Fördergelder verteilt wurden. Die Großen und Mayors der Hochkultur wie die Filmindustrie oder die Theater-, Oper- und Konzerthäuser sahnten am meisten ab. Dagegen wurde die freie Szene in der Regel nur mit 5% der Staatskulturgelder abgefüttert. Warum sollten freie Theatergruppen nicht auch regelmäßig in den Häusern der sogenannten Hochkultur auftreten dürfen?

Das war heute Abend ein Thema. Für die 12 Sektoren der Kreativwirtschaft wurden vergleichbare Beispiele in beiden Städten aufgezählt: Juilliard School im Lincoln Center for the Performing Arts, Hochschule für Musik Hanns Eisler, Hochschule für Schauspielkunst Hans Busch, ehemaliges Reinhardt-Seminar, Lincoln Center und Potsdamer Platz, Museumsinsel und MOMA, Universität der Künste UdK und Columbia University. Irgendwie hatte das alles mit darstellender und bildender Kunst zu tun. Die Einzelheiten verschwommen langsam im Kopf eines langen Tages Abend.

*Mae, wo kommst du denn her? rief Theo erfreut. Er lief dieselbe Treppe wie sie im Kulturturm hinunter, hatte gerade als letzter sein Büro abgeschlossen.

*Vom Sprachkurs, aber du warst nicht da, antwortete Martha. Bei Freunden und Vertrauten trug sie den weichherzigeren Namen Mae.

*Hast du noch Lust auf einen drink? fragte Theo und nahm sie bei der Hand. Sie hatten ein unverkrampftes Verhältnis miteinander. Isi holt mich erst in einer halben Stunde ab.

*Ja, das passt, und sie traten zusammen heraus auf das Pflaster des RAW-Geländes. Wo sollen wir hin, vielleicht ins Badehaus?

*Geritzt, antwortete Theo und steuerte in Richtung der Kneipe, die tatsächlich früher das Badehaus der RAW-Arbeiter war. Sie bestellten zwei Cocktails, Pina Colada für den Älteren und einen Hugo für sie. Na, was beschäftigt dich im Moment am meisten?

*Das ist einfach gesagt, die Ausschreibungen fürs Stalin-Truman Tor, der Architektenwettbewerb für das Nationaldenkmal am neuen Schloss, mein Liebster, meine Karriere als Demonstrantin, der Lockruf meines Vaters nach New York, einfach nur im Bett zu bleiben, Putzen in meiner WG, Hunger, Durst, der Frühling, mein Alter ... und du selbst?

*Verstehe schon, du bist voll hier angekommen. Na, ich arbeite gerade an einer Definition der Kreativwirtschaft für unseren EU-Report.

*Warum müsst ihr das erst definieren? Die EU hat doch ein eigenes Statistikamt.

*Du glaubst gar nicht, was die angeblich alles haben, und ... bei näherem Hinschauen bleibst du allein auf dich gestellt. Ist aber auch unser Auftrag, klar Schiff zu machen, antwortete Theo.

*Mit wie viel Leuten arbeitet ihr daran – und habt ihr nicht noch Partner im Ausland wie du erzählt hattest? Wäre doch eine gute Gelegenheit in unserem Sprachkurs mal alles vorzustellen, regte Mae an.

*Weiß nicht, ob das geht; so öffentlich. Ich muss die beiden anderen Büros in Brüssel und in Finnland fragen. Wir haben nächste Woche wieder Treffen mit der EU-Kommission in Brüssel.

*Hallo ihr beiden, nehmt ihr noch einen drink, wenn ich euch einlade? trat Isi ein und küsste ihren Theo auf den Mund und Mae zweimal auf die Wange. Ihr könnt euch ja gar nicht mehr von eurem RAW trennen, selbst zum Trinken bleibt ihr hier, sagte sie gutmütig.

*Meine Liebste, es ist hier total schön und praktisch.

*Was, diese Mischung aus abgefuckten Gebäuden und morbiden Kreaturen im Abendlicht soll schön sein? bemerkte Isi gut gelaunt zum alten Ausbesserungswerk der Reichsbahn.

*Jaja, so ist der Osten, morbid, abgefuckt und kreativ. Außerdem wollen wir, dass der € im Kiez bleibt, konterte Theo etwas angepisst und geistreich.

*Ist ja schon gut, mein Kämpfer, streichelte Isi ihrem kleinen Revoluzzer über den Kopf, um ihn zu beruhigen. Wenn der sich nämlich erst einmal warm geredet hatte, ließ er so leicht keinen davonkommen. Sie nahmen sich über ihre Stühle gebeugt in den Arm und herzten sich liebevoll. Eben ganz Musterpärchen im zweiten Frühling.

Mae schaute ihnen ebenso neidvoll wie wohlwollend über den Tisch hinüber zu.

*Prost auf euch, Musterpärchen. Schön euch zuzusehen. Wie viele Stunden hattest du heute, Isi?

*Mein Tag war heute geteilt. Bis Mittag hatte ich Schule und dann noch den Nachmittag bis jetzt in der Senatsverwaltung. Wird alles ein bisschen zu lang, aber ich hab den job zugesagt und jetzt mache ich ihn auch.

*Jaja meine tugendhafte Preußin, wenn dich dein Pflichtgefühl da mal nicht irgendwann auffrisst, neckte er sie ein wenig zuviel vor Publikum

*Alter Besserwessi, das diskutieren wir zuhause aus.

Musterpärchen

Isidore Jekatarina, kurz Isi, war in der DDR aufgewachsen, systemtreu ohne ihre eigene Person zu verdrehen. Ihr Name zeigte die bedingungslose Begeisterung ihrer Eltern für das russische Sowjetsystem. Beide hatten Fortbildungen für verdiente Kader in der UdSSR besucht und wollten anfänglich tatkräftig den ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden mit aufbauen. In Moskau hatten sie sich kennen und lieben gelernt. Eine durchaus wiederkehrende Geschichte im Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre. Beim sozialistischen Bau des Assuan-Staudammes in Ägypten halfen sie ebenfalls mit – aus Ägypten stammte Isis Name, Isis die Liebesgöttin. Isi und ihre Geschwister waren politisch bewusst aufgewachsen und hatten ihre eigenen Lebensweisheiten nach dem Fall der Mauer 1989 und der Wiedervereinigung auf den gesamtdeutschen Prüfstand stellen müssen.

Das war Anlass zu vielen inhaltsvollen und ebenso fruchtlosen Diskussionen zwischen Theo und Isi, jeden Tag und manchmal auch nachts. Ein gesamtdeutsches Liebespaar waren sie schon seit Jahren. So wie die zwei Deutschlands 1989 atemlos, schnell und nahezu unerwartet von der Großen Politik zusammengefunden hatten, so hatten sie bei ihrer ersten Begegnung gewusst, dass sie zusammenpassten und mussten sich doch über Jahre vereinen. Zu unterschiedlich waren ihre Jugendjahre verlaufen - er im Rheinland im Westen geboren und sie im südlichen Brandenburg im Osten. Und doch hatten sie viele Gemeinsamkeiten entdeckt, beide dritte Kinder von vier Geschwistern, beide stark und redegewandt – und so wagten sie auch mal ein Wort zu viel. Beide mit interessanten und so gegensätzlichen Berufen ausgestattet, und beide wollten ihre Beziehung um jeden Preis zum Erfolg führen, da waren sie sich sicher.

Vom Kulturtempel im RAW-Gelände führte ihr Weg durch die Revalerstraße, den Simon-Dach-Kiez, der sein Gesicht in den letzten Jahren hin zum Touri-Kiez mit Restaurants, Straßen-Cafés und kleinen Modegeschäften verändert hatte. Im Sommer saßen sie hier gerne draußen und diskutierten auch mit den Sprachschülern aus seiner Schule, die hier zuweilen mit ihren Lehrern brüteten. Aber es war noch früh im Jahr und die warmen Tage würden erst noch Einzug halten. Zügig überquerten sie Arm in Arm wie ein junges Liebespaar die Stalinallee an der Ampel und strebten ihrem Townhouse im einstigen Berliner Großschlachthof entgegen. In Berlin, mit seinen günstigen Verkehrsverbindungen und einem optimalen S-Bahnnetz, konnte man getrost aufs Auto verzichten. Und gerne gingen sie eng umschlungen zu Fuß über kurze Distanzen.

*Ich habe Avocados und Shrimps für einen kleinen Salat mitgebracht. Isi fiel es leicht, ihn für ihre Küche zu überzeugen.

*Ich mache einen Rosé auf. Soll ich noch was aus dem Keller mitbringen?

Zügig war der Tisch gedeckt und beide streckten ihre Beine auf den freien Stühlen auf der anderen Tischseite aus. Sie saßen nebeneinander und schauten gemeinsam nach draußen, wo vereinzelt Passanten an ihrer Gartenseite vorbei schlenderten. Sie bewohnten das Haus seit drei Jahren, nachdem sie sich vorher von ihren alten Häusern – und den dazu gehörigen Ehepartnern getrennt hatten. Die alten Wunden waren endgültig mit dem Bezug des Backsteinhauses geheilt.

Im sanierten ehemaligen Schlachthofgelände waren mehrere Wohnblocks, Einzelhäuser und Geschäfte in teilweise alten Gemäuern entstanden. Juri G. hatte mit seiner Architektengruppe den Wettbewerb zur Neugestaltung gewonnen und in den Verkaufsgesprächen waren er und Theo sich näher gekommen. Darüber waren sie gute Freunde geworden.

*Setzen wir uns nachher auf ein Gläschen Wein auf die Dachterrasse? fragte Isi und signalisierte mit dem Tête-à-Tête ihrer Füße, dass sie sich mehr vorstellen konnte.

*Bist du verrückt? dazu ist es viel zu kalt, brauste Theo auf, schloss die Türe, nahm die Flasche Wein bereitwillig mit nach oben und - seine unwirsche Antwort tat ihm sogleich leid. Nach einem anstrengenden Tag glaubte er allzu oft, erst einmal etwas Gegensätzliches bemerken zu müssen, um zu zeigen, was für ein Bär an Mann er war. Vor allem sich selbst, was Isi jederzeit liebevoll zu übersehen bereit war.

*Ist ja gut mein Brauner, beruhige dich und schlüpfe bei Mutti unter, los, komm her.

*Hast ja recht, pardon und dafür wärme ich dich jetzt. Er nahm sie unter die Decke mit auf ihren Ostsee-Strandkorb, wo sie schweigsam vom Dach bis zum Frankfurter Tor starren konnten und leise bei sich ankamen. Das geruhsame Ende eines erfüllten Arbeitstages.

Als die Gläser leer waren, ließen sie sich von der Dachterrasse auf den Futon fallen. In ihrem Dachbüro, an dessen Ende zwei Schreibtische gegenüberstanden, war diese Ruhestelle ebenso praktisch wie gemütlich. Nachdem sie sich ohne Straßenhosen eine Weile aneinander gerieben hatten, würden sie hier ihre Liebesnacht verbringen.

Sie entledigten sich gegenseitig ihrer Hemden und Blusen.

*Ich krieg deinen Büstenhalter nicht auf, obwohl seine Hand schön lange ihre Brustspitzen liebkost hatte.

*Dann streng dich an, oder habe ich es mit einem Anfänger zu tun? lagen sie bald aneinander, bald aufeinander. Sie fanden es aufreizend, sich gegenseitig umeinanderdrehend die Slips abzustreifen. Besonders gerne Theo ihren String aus schwarzer Seide, bei dem sich besser, wie er immer wieder laut betonte

* ... deine schönen Arschbatzen klatschen lassen. Auf dem Weg nach oben war es ihr gelungen, den getragenen Tagesschlüpfer gegen das geile Verführungsaccessoire zu tauschen.

Er legte sich hinter ihren Rücken. Maß lustvoll betatschend ihre festen Oberschenkel, streichelte sie lasziv (ja auch daran war er Meister, wenn er wollte) und zögernd bis zu ihrem bereiten Venushügel, während er wollüstig und langsam in sie eindrang. In rhythmischen Bewegungen steigerten sie sich bis zur Erlösung. Sie führte ihn dabei sicher.

*Warte kurz, und jetzt noch mal ... durch das Elfental in die Höhe der Lust. Erreichten, durch die in anderen Landschaften über Jahrzehnte erprobte Erfahrung, ineinander zu verharren, ihren zweiten Höhepunkt – wo sie in Jugendjahren nur von hätten träumen können. Zufrieden und erschöpft fiel die Nacht über sie herein.

Früh um 6 Uhr weckte sie der Radiowecker mit Radio 1. Schon berichtete der Rundfunk zusammenfassend von den Vorgängen in der Liebig-14: ‚1990 war der Altbau besetzt worden, 1992 erhielten die Besetzer Mietverträge, 1999 wurde das Haus verkauft, der neue Eigentümer kündigte die Verträge. Bei der aktuellen Räumung waren etliche Polizisten im Einsatz. Es gab Verletzte und Festnahmen nach Tumulten und Straßenschlachten’, klärte der Reporter auf.

Isi war als erste fertig, deckte den Tisch und holte die zwei Tageszeitungen aus dem Briefkasten: Die Morgenpost mit Schwerpunkt auf die City-West mit Charlottenburg, Kudamm und was die rechte Springer-Presse so propagierte. Die linke Berliner Zeitung, die in ihrer Fortschrittlichkeit auch so manchen DDR-Mief wiederaufbereitete - war sie doch hier entstanden - berichtete ausführlicher aus dem Ostteil der Stadt und aus Brandenburg. Die Morgenpost drosch auf die linke Szene ein und wünschte noch stärkere Polizeieinsatze bei Liebig; die Berliner Zeitung ließ den grünen Bezirksbürgermeister ausführlich zu Wort kommen, der die alternative Szene verteidigte. Da war sie schon am Frühstückstisch präsent, die kleine und die große Politik. Obwohl Theo morgens mundfaul war, erregte er sich zuerst.

*Lies mal, wie sie wieder drauf dreschen, auf die Autonomen, kommentierte Theo die Morgenpost. Am liebsten würden sie gleich alle rausschmeißen oder in den Arbeitsdienst schicken.