Drohung der Geister - Kathrin Luny - E-Book

Drohung der Geister E-Book

Kathrin Luny

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Beschreibung

Der Liebesroman mit Gänsehauteffekt begeistert alle, die ein Herz für Spannung, Spuk und Liebe haben. Mystik der Extraklasse – das ist das Markenzeichen der beliebten Romanreihe Irrlicht: Werwölfe, Geisterladies, Spukschlösser, Hexen und andere unfassbare Gestalten und Erscheinungen erzeugen wohlige Schaudergefühle. »Du bist ja schon zurück«, wunderte sich Aliza McAlly, als ihr Mann Peter in die Küche trat, nachdem er den Trecker im Hof abgestellt hatte. »Gab es Probleme mit der Wiese unten am Fluß?« Er schüttelte den Kopf und wusch sich die Hände an der Spüle. »Nein – aber Neuigkeiten. Ich habe Robert Bruce am Firth getroffen. Stell' dir vor, was er mir erzählt hat: Alan McMoray ist wieder da. Ganz überraschend zurück aus den USA, ohne Ankündigung. Gestern abend stand er plötzlich im Haus, sagte Robert.« »Was ist daran so verwunderlich«, meinte Aliza und schob einen Topf mit Kartoffeln auf den Herd, »Moray-House ist sein Besitz, sein Erbe – man kann sich höchstens wundern, daß er so lange fort war und die Verwaltung Robert überlassen hat. Bleibt er nun hier?« wollte sie wissen und trat in die Tür, um nach den Kindern auf dem Hof zu schauen. »Das Wichtigste habe ich dir noch gar nicht erzählt«, Peter trocknete sich die Hände ab, »Robert sagt, Alan will Moray-House mit seinen gesamten Ländereien so rasch wie möglich verkaufen.« »Nein«, Aliza starrte ihren Mann an, »sag', daß das nicht wahr ist! Das Erbe seiner Väter, das Land, auf dem seit Jahrhunderten der McMoray-Clan lebte – das kann er doch nicht tun! Und was wird aus uns? Was macht er mit den Pächtern?«

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Seitenzahl: 161

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Irrlicht – 37 –Drohung der Geister

Seltsame Ereignisse erschüttern Moray-House

Kathrin Luny

»Du bist ja schon zurück«, wunderte sich Aliza McAlly, als ihr Mann Peter in die Küche trat, nachdem er den Trecker im Hof abgestellt hatte. »Gab es Probleme mit der Wiese unten am Fluß?«

Er schüttelte den Kopf und wusch sich die Hände an der Spüle. »Nein – aber Neuigkeiten. Ich habe Robert Bruce am Firth getroffen. Stell’ dir vor, was er mir erzählt hat: Alan McMoray ist wieder da. Ganz überraschend zurück aus den USA, ohne Ankündigung. Gestern abend stand er plötzlich im Haus, sagte Robert.«

»Was ist daran so verwunderlich«, meinte Aliza und schob einen Topf mit Kartoffeln auf den Herd, »Moray-House ist sein Besitz, sein Erbe – man kann sich höchstens wundern, daß er so lange fort war und die Verwaltung Robert überlassen hat. Bleibt er nun hier?« wollte sie wissen und trat in die Tür, um nach den Kindern auf dem Hof zu schauen.

»Das Wichtigste habe ich dir noch gar nicht erzählt«, Peter trocknete sich die Hände ab, »Robert sagt, Alan will Moray-House mit seinen gesamten Ländereien so rasch wie möglich verkaufen.«

»Nein«, Aliza starrte ihren Mann an, »sag’, daß das nicht wahr ist! Das Erbe seiner Väter, das Land, auf dem seit Jahrhunderten der McMoray-Clan lebte – das kann er doch nicht tun! Und was wird aus uns? Was macht er mit den Pächtern?«

»Keine Ahnung«, Peter nahm ein Bier aus dem Kühlschrank und ließ sich auf einen Stuhl fallen, »das müssen wir abwarten. Robert ist dann wahrscheinlich seine Stelle als Verwalter auch los. Und so einen Job, wo ihm keiner dreinredet, findet er nicht so schnell wieder.« Er öffnete die Flasche und nahm einen langen Zug vom Stout.

»Hallo, ihr zwei, wohin wollt ihr so eilig?« rief Aliza den zehnjährigen Zwillingen Brenda und Brendon zu, als sie versuchten, unbemerkt den Hof der Farm zu verlassen. »In einer Stunde gibt es Abendbrot, und ihr wißt, daß Vater Wert auf Pünktlichkeit legt.«

Schuldbewußt drehten sich die beiden um. »Wir laufen nur ganz kurz hinunter zum Firth«, erklärte Brendon.

»Ja, der alte Mike will uns zeigen, wo wir Krebse fangen können«, ergänzte Brenda mit ihrer Stupsnase voller Sommersprossen, die dem Bruder fast aufs Haar glich.

»Wir sind bestimmt pünktlich zurück, Mam«, riefen beide wie aus einem Mund, »mach’ dir keine Sorgen.«

»Ich hoffe, ihr denkt daran, daß in der Mittsommernacht das Kelpie aus dem Firth auftaucht, um Kinder in die Tiefe zuziehen, die unartig sind oder nicht die Wahrheit sagen«, rief Aliza ihnen nach, als sie sich bei den Händen faßten und davonrannten, um so schnell wie möglich den mütterlichen Augen zu entwischen.

Außerhalb des Hofes am Feldweg blieben sie atemlos stehen.

»Glaubst du eigentlich die Geschichten vom Kelpie?« Brenda sah den Bruder neugierig an.

»Ach, das sind doch nur Schauermärchen, um Kinder zu erschrecken«, meinte er betont selbstbewußt, »wir können ja den alten Mike fragen, der muß es wissen, schließlich kennt er den Moray Firth sein ganzes Leben lang.«

Brenda nickte, zufrieden mit der Auskunft, und so liefen sie weiter, durch die Wiesen hinunter zum Firth, dem schmalen Meeresarm, der sich tief in die Landschaft schnitt.

Es duftete nach frisch gemähtem Heu, und von Elgin herüber riefen die Glocken zur Abendandacht.

»Da seid ihr ja endlich«, begrüßte sie Mike. »Ich dachte schon, ihr kommt nicht mehr.« Er saß in seinem alten Boot und flickte ein Netz.

»Wir müssen ein Stück den Firth hinauffahren – dürft ihr so lange bleiben?« wollte er wissen und legte das Netz beiseite.

Brendon nickte. »Klar – wir haben Zeit genug, Mam weiß schließlich, daß wir bei dir sind.«

Er tat so, als merke er nicht den heimlichen Stoß, den ihm seine Schwester mit dem Ellenbogen versetzte, und sprang ins Boot.

»Gut, aber es kann spät werden. Die Stelle mit den Flußkrebsen liegt ziemlich weit drinnen in einem Seitenarm, dort wo das Wasser ruhig ist.«

Die Kinder setzten sich, und Mike warf den Motor an. Gemächlich tuckerte das Boot den Firth hinauf.

»Glaubst du an das Kelpie?« fragte Brenda plötzlich den alten Mann, »Mam sagt, es kommt in der Mittsommernacht, um unartige Kinder zu holen. Hast du es schon einmal gesehen?«

Der Fischer nahm seine Pfeife aus dem Mund und klopfte sie bedächtig am Bootsrand aus.

»Ja«, meinte er langsam, »einmal habe ich es gesehen. Es ist schon sehr lange her. Ich war noch jung damals und fuhr in einer Nacht wie dieser zum Fischen den Moray Firth hinauf. Es war sehr neblig. Und plötzlich, ich glaube, so um Mitternacht, rauschte das Wasser und ein weißes Einhorn stieg aus den Fluten. Es schnaubte, schüttelte seinen Kopf mit dem langen goldenen Horn und galoppierte über das Wasser davon.«

Schweigend starrten die Zwillingen den Alten an.

»Das ist ja cool«, sagte Brendon schließlich, und Brenda fragte mit leicht zitternder Stimme, »glaubst du, daß es auch uns erscheinen kann?«

Mike nickte. »Möglich ist alles in den Mittsommernächten – ihr wißt sicher, daß das Kelpie verschiedene Gestalten annehmen kann? Das Ungeheuer von Loch Ness soll ebenfalls ein Kelpie sein.

Und manchmal führt das Kelpie auch den Zug der armen Seelen aller Krieger an, die vor langer Zeit im Kampf um die Freiheit Schottlands auf dem Schlachtfeld von Culloden gefallen sind. Auch die vom Clan der McMorays waren dabei. «

Er verbiß sich ein kleines Lächeln, als er die Zwillinge ansah, denen das Grauen im Gesicht stand.

»Aber ihr braucht euch nicht zu fürchten – nur in der Nacht vor Allerheiligen im Herbst verlassen die ruhelosen Geister ihre Höhlen vom Great Glen, um mit dem Kelpie die früheren Schlachtfelder aufzusuchen«, erklärte er seelenruhig und steckte seine Pfeife in die Tasche.

»Ich glaube, ich möchte jetzt lieber nach Hause«, flüsterte Brenda ängstlich, »sonst kommt das Kelpie vielleicht und holt uns, weil wir manchmal geschwindelt haben.«

Brendon überwand als erster seine heimliche Angst.

»Mädchen«, meinte er mit einer Spur von Verachtung, »immer müssen sie einem den Spaß verderben.«

Aber Mike hatte schon schmunzelnd das Boot gewendet, um zurückzufahren.

*

Ein tiefblauer Himmel wölbte sich an diesem Junimorgen über Edinburgh, Schottlands Hauptstadt, und verlieh den prächtigen Bauten an der High Street, der sogenannten Royal Mile, besonderen Glanz.

Auf dem Weg zu einem renommierten Immobilienmakler schlenderte Alan McMoray die berühmte Straße entlang, deren Fassaden und Paläste von der wechselvollen Geschichte des Landes zeugten.

Nachdenklich blieb er immer wieder stehen, um einen schönen Giebel zu betrachten oder in die verwinkelten Hinterhöfe und Passagen zu schauen, die für Edinburghs Altstadt so charakteristisch sind, wo Ortskundige urige Pubs und versteckte stimmungsvolle Kneipen zu finden wissen.

Wehmut überkam den jungen Mann, als er an die fröhlichen Jahre zurückdachte, die er zu Beginn seines Ingenieursstudiums hier gemeinsam mit seinem Freund Keith Alderton verbracht hatte.

Wie unbekümmert waren sie damals gewesen – und welch hochfliegende Pläne hatten sie gemeinsam für die Zukunft geschmiedet.

Lang lang ist’s her, dachte er und war so sehr in seine Gedanken an früher versunken, daß er, ohne es zu merken, das Ende der Royal Mile erreichte und plötzlich vor dem Portal des ehemaligen Königspalastes stand.

Düster und majestätisch wirkte der Holyrood Palace, der im Laufe der Geschichte Tatort unzähliger blutiger Dramen war.

Aufmerksam wanderte Alans Blick über die altbekannten Mauern und Türme, die so viel von Schottlands Vergangenheit zu erzählen wußten.

Auch heute fiel ihm wieder das ungewöhnliche Wappen über dem wuchtigen Tor ins Auge: Ein weißes Einhorn, Symbol des freien Schottland, hielt mit seinem goldenen Horn die Königskrone über den springenden Löwen.

Lange konnte der junge Mann seinen Blick nicht von dem Nationalwappen lösen.

Unwillkürlich dachte er an jenen nächtlichen Markt in Hongkong, wo ihm vor zwei Jahren ein alter Magier im Schein eines kleinen Kohlefeuers die Zukunft vorausgesagt hatte.

›Ein weißes Tier in Gestalt eines Pferdes mit einem spitzen Horn auf der Stirn wird dein Schicksal verändern‹, hatte er prophezeit und dazu bedeutungsvoll mit dem Kopf genickt, ›wenn Du ihm begegnest, nimmt Dein Leben eine unerwartete Wendung‹, fügte er hinzu, war aber nicht bereit, zu erklären, ob es sich um eine positive oder negative Veränderung handeln würde.

Ob der Alte damals das schottische Kelpie gemeint hatte, das den Sagen nach angeblich immer wieder sein Unwesen trieb und manchmal auch in Gestalt eines Einhorns erschien, überlegte Alan – und ein verträumtes Lächeln erhellte sein männlich schönes Gesicht, während er an die Erzählungen seiner alten Kinderfrau dachte.

Doch dann erinnerte er sich an sein Vorhaben und schaute auf die Uhr. Schon kurz vor elf. Wollte er den verabredeten Termin mit dem Makler einhalten, mußte er sich beeilen.

Entschlossen wandte er sich um und ging die High Street zurück bis zum bekannten John Knox House. Dort überquerte er die Straße und bog nach rechts in die St. Mary’s Street ein. Sein Blick glitt suchend über die eleganten Fassaden alter Patrizierhäuser. Hier mußte es sein, wenn er die telefonische Auskunft richtig verstanden hatte, St. Mary’s Street Nr. 7.

Richtig. Ein gediegenes Messingschild mittlerer Größe neben einem dunklen Eichenportal wies ihm den Weg. Albert Patterson & Son, Immobilien las er und betätigte den massiven Türklopfer in Form eines Löwenkopfes.

Wenige Sekunden später ertönte der Summer. Alan drückte die Klinke und betrat die Eingangshalle der traditionsreichen Firma, die früher schon sein Vater bei Grundstücksgeschäften zu Rate gezogen hatte.

Eine Dame mittleren Alters von dezenter Eleganz bat ihn freundlich, einige Minuten in der komfortablen Sitzecke Platz zu nehmen, weil der Seniorchef noch mit einem Klienten verhandelte.

»Mr. Patterson ist gleich für Sie da, Mr. McMoray – er freut sich schon auf Ihren Besuch und hat für den Rest des Vormittags alle weiteren Termine abgesagt«, erklärte sie und erkundigte sich, ob er vielleicht eine Erfrischung wünsche.

Er lehnte dankend ab und griff nach einem der Golfmagazine auf dem Tisch vor ihm. Zerstreut blätterte er die Seiten mit den Berichten vom letzten Turnier des ältesten schottischen Clubs von St. Andrews durch, als sich hinter ihm die Tür öffnete und eine joviale Stimme rief: »Wie schön, dich endlich wiederzusehen, mein Junge!«

Alan sprang auf und ging auf den distinguierten älteren Herrn zu, der ihm mit offenen Armen entgegenkam.

Albert Patterson schlug seinem jungen Besucher zur Begrüßung kräftig auf die Schulter und schob ihn in sein mit dunklem Holz getäfeltes Büro.

»In der nächsten Stunde bitte keine Telefonate, meine Liebe«, instruierte er seine Mitarbeiterin, »und bringen Sie uns bitte einen guten alten Malt Whisky. Schließlich müssen wir unser Wiedersehen feiern«, fuhr er fort und zwinkerte Alan zu, »ich hoffe, du hast nichts gegen einen anständigen schottischen Tropfen?«

Alan lachte. »Im Gegenteil – er hilft mir vielleicht, mich schneller heimisch zu fühlen.«

Sie nahmen in den gemütlichen Sesseln Platz. Nachdenklich schaute Albert Patterson den jungen Mann an. »Wie lange ist es her, seit deine Eltern auf ihrer Reise in Afrika verunglückten?«

»Acht Jahre«, sagte Alan leise, »ich vermisse sie sehr, besonders hier in der Heimat. Nichts ist mehr so, wie es war. Sicher hat mein Vater früher einmal erwähnt, daß ich der einzige Nachkomme unserer Familie bin.

Ich habe weder Geschwister noch Verwandte. Ohne

eigene Kinder stirbt mit mir der einst so stolze Clan

der McMorays endgültig aus«, setzte er traurig hinzu, »darum möchte ich auch nicht länger in Schottland bleiben.

In Moray-House ist es kalt und einsam. Meine Mutter fehlt, die mit ihrer Güte und Wärme die alten Mauern so anheimelnd machte.«

Ein leises Klopfen unterbrach ihn, und Mrs. Falkirk, Pattersons Mitarbeiterin, trat mit einer bauchigen Flasche und zwei Gläsern auf einem kleinen Tablett ein.

»Danke, Elisabeth, stellen Sie es auf den Tisch – wir bedienen uns selbst.«

Nachdem sich die Tür lautlos hinter ihr geschlossen hatte, griff der weißhaarige Herr zur Flasche und schenkte die Gläser voll.

Er hob sein Glas und prostete dem jungen Mann zu. »Auf deine wunderbaren Eltern«, sagte er, »ich habe sie sehr geschätzt – und natürlich auf dich und deine Zukunft!«

Ebenso wie Alan nahm er einen kräftigen Schluck der goldbraunen Flüssigkeit und ließ sie mit geschlossenen Augen genießerisch durch die Kehle rinnen.

»Hm – ein ausgezeichneter Tropfen«, bemerkte er und stellte das Glas zurück, »ein Teil deiner Heimat, mein Junge. Warum hast du sie verlassen und bist all die Jahre nicht zurückgekehrt?«

Alan schwieg und spielte mit dem halbvollen Glas in seiner Hand.

Dann sagte er langsam. »Nach dem Tod der Eltern konnte ich die Einsamkeit auf Moray-House nicht ertragen. Ich dachte, daß ich die schrecklichen Ereignisse bei einem Auslandsstudium vergessen würde. Darum ging ich in die Staaten.

Vor einem Jahr machte ich in Los Angeles meinen Abschluß als Projektingenieur. Dort lernte ich auch meine jetzige Lebensgefährtin kennen und erhielt meinen ersten interessanten Job.«

»Und nun willst du Moray-House samt seinen Ländereien verkaufen? Diesen herrlichen Besitz, der seit Jahrhunderten in deiner Familie ist? Hast du niemals überlegt, nach Schottland zurückzukehren, um hier mit deiner Frau zu leben?«

Alan zögerte mit der Antwort und leerte sein Glas.

»Nach meinem Examen war ich mit Nora für zwei Wochen hier, um ihr alles zu zeigen«, sagte er nachdenklich, und Albert Patterson entging nicht der traurige Unterton seiner Worte, »leider gefiel ihr Schottland im Vergleich mit Kalifornien gar nicht.

Auch auf Moray-House fühlte sie sich nicht wohl. Sie fand es nur verstaubt und antiquiert. Daraufhin habe ich mich entschlossen, es zu verkaufen und ganz in die Staaten zu ziehen.«

»Schade, mein Junge, wirklich schade«, der alte Herr schenkte nochmals von dem Whisky nach, »das Erbe deiner Väter hätte ein anderes Schicksal verdient. Von deinem Verwalter Robert Bruce hörte ich manchmal von dir, wenn ich in der Gegend um Inverness zu tun hatte. Insgeheim hofften wir beide, daß du eines Tages endgültig in die Heimat zurückkehren würdest.«

Nachdenklich schwiegen beide Männer.

»Aber wenn der Verkauf des Besitzes wirklich dein fester Entschluß ist, wüßte ich einen solventen Käufer«, nahm der Makler schließlich das Gespräch wieder auf.

Fragend schaute Alan sein Gegenüber an. »Das wäre wunderbar; dann könnte ich die Angelegenheit bald beenden und in die Staaten zurückkehren. An wen dachten Sie?«

Albert Patterson warf dem jungen Mann einen forschenden Blick zu. Der melancholische Gesichtsausdruck, der so gar nicht zu seinen Worten paßte, gab ihm zu denken.

»Peter Hamilton, ein sehr erfolgreicher Broker der United Bank of Scotland hier in Edinburgh interessiert sich für derartige Objekte. Durch die internationalen Verbindungen seiner Bank sucht er für zahlungskräftige Kunden alte Besitzungen und Ländereien. Damit hat er sich neben seiner Tätigkeit als Banker schon ein kleines Vermögen verdient«, setzte er hinzu.

»Um welchen Kundenkreis handelt es sich dabei?« wollte Alan wissen.

»Manchmal um Amerikaner – im Gegensatz zu deiner Freundin können viele dem Charme unserer historischen Schlösser nämlich nicht widerstehen«, schmunzelte der alte Herr.

»Oft sind Japaner interessiert – mitunter auch ein zahlungskräftiger Nachbar, der seine eigenen Ländereien vergrößern möchte.«

»Hm«, Alan dachte nach und meinte dann: »Am liebsten wäre mir, wenn ein Schotte Moray-House kaufen würde. Die Vorstellung, daß eventuell Japaner den Besitz übernehmen könnten, behagt mir nicht besonders«, schloß er.

»Ich würde dir raten, nochmals alles genau zu überlegen. Wenn du in einer Woche immer noch die Absicht hast, zu verkaufen, rufst du mich an und ich stelle den Kontakt zu Peter Hamilton her. Er kann dir am besten sagen, wer als potentieller Käufer in Frage kommt. Hast du dir eigentlich schon Gedanken über den Preis gemacht?«

Der junge Mann schüttelte den Kopf. »Nein, daß überlasse ich Ihnen. Sie wissen, was der Besitz heute wert ist. Ebenso wie einst mein Vater habe auch ich volles Vertrauen zu Ihnen.«

»Gut, mein Junge, dann ist soweit alles klar. Laß uns nun in Ruhe noch ein Glas von dem guten Malt trinken. Und dabei erzählst du mir von deinem Leben und deinen Erfahrungen in den Staaten.«

Kurz nach zwölf Uhr klopfte Mrs. Falkirk, um ihren Chef an seine Verabredung zum Lunch mit einem wichtigen Klienten zu erinnern.

Alan stand auf, und Patterson begleitete ihn zur Tür.

Als er ihm die Hand zum Abschied reichte, sagte er: »Überleg’ dir den Verkauf noch einmal sehr gründlich, mein Junge. Solltest du dich entgegen deiner jetzigen Absicht doch für Moray-House entscheiden, werden deine Ahnen es dir danken.«

Verwirrt von der seltsamen Bemerkung des alten Herrn fragte Alan, »was meinen Sie damit, Mr. Patterson? Warum sollten meine Ahnen es mir danken, wenn ich nicht verkaufe?«

Patterson schmunzelte. »Als Schotte kennst du doch unsere Sagen und Legenden, und du weißt auch, daß in diesem wilden Land manchmal Dinge geschehen, die mit dem Verstand nicht zu erklären sind. Und nun geh’ und überlege alles in Ruhe.«

Mit diesen Worten öffnete er die Tür und schob den jungen Mann sanft hinaus.

*

Roxana Stewart saß auf der Terrasse des Café Royal am Canon Gate und genoß den ungewöhnlich heiteren Junitag. Sie war hier mit ihrer Freundin Ariana Nevis verabredet.

Ariana kam aus Glasgow, um mit Roxana ein paar Stunden in Edinburgh zu verbringen, bevor sie gemeinsam nach Durness Castle bei Elgin zu den Großeltern Roxanas, Lord und Lady Durness, weiterfuhren.

Lady Daphne Durness hatte darauf bestanden, daß in diesem Jahr der 25. Geburtstag ihrer einzigen Enkelin mit Familienmitgliedern und Freunden auf dem alten Adelssitz gefeiert wurde.

»Dieser Geburtstag hat bei uns eine besondere Bedeutung«, hatte die Lady geheimnisvoll angekündigt, »darum möchte ich, daß alle Menschen, die dich lieben, mit dir gemeinsam diesen Tag begehen.«

Roxana hatte sich einen großen Eisbecher bestellt und ihren Laptop geöffnet. Sie wollte die Zeit bis zur Ankunft Arianas sinnvoll nutzen.

Die Freundinnen arbeiteten gemeinsam für das bekannte Reiseunternehmen Travel Sky in Glasgow. Zu ihren Aufgaben gehörte es, neue attraktive Touren zusammenzustellen und Events zu planen, die den Kunden gefallen könnten.

Aufmerksam ging die junge Frau auf dem Bildschirm ihre letzten Notizen durch, als die freundliche Kellnerin das Gewünschte brachte und sie wegen des kleinen Tisches ihren Laptop auf den Schoß nehmen mußte.

Ariana würde staunen. In letzter Zeit hatte sie eine Route durch die nahen Highlands oberhalb des Great Glen ausgearbeitet, die schon allein durch die Bilder der ursprünglichen und wilden Natur jeden Wanderer überzeugen mußte.

Aber wo blieb die Freundin? Vom nahen Turm der Kathedrale schlug die Uhr zwölf. Eigentlich sollte sie längst da sein.

Ein wenig beunruhigt hielt Roxana Ausschau. Es war doch hoffentlich nichts passiert? Zur Sicherheit versuchte sie, Ariana über Handy zu erreichen – aber leider meldete sich nur die Mailbox.

*

Viel fröhlicher als er gekommen war, verließ Alan McMoray kurz nach zwölf Albert Pattersons Immobilienfirma. Das Gespräch mit dem alten Herrn, einem guten Bekannten seiner verstorbenen Eltern, und die gemeinsamen Erinnerungen an früher hatten ihm gut getan.

Daher beschloß er, vor der Heimfahrt nach Moray-House bei dem herrlichen Wetter auf einer Terrasse am Grassmarket mit Ausblick auf die alte Burg Edinburghs ein kühles Bier zu trinken.

Vielleicht sollte er seinen Freund Keith Alderton in Glasgow anrufen und fragen, ob er Zeit hätte, ein paar Tage hinauf in die Highlands zu kommen.

Eventuell könnten sie wie früher in die Berge zum Drachenfliegen fahren. Seit Jahren schon lag seine

Ausrüstung unberührt in einem Nebengelaß der großen Halle von Moray-House, wo Sportgeräte und passende Kleidung für jedes schottische Wetter aufbewahrt wurden.

Beschwingt und in Gedanken schon bei einem möglichen Treffen mit seinem besten Jugendfreund ging Alan den Canon Gate hinunter. Die bewundernden und manchmal koketten Blicke junger Frauen und Mädchen überging er achtlos, denn er war daran gewöhnt, wegen seines ungewöhnlich guten Aussehens Aufmerksamkeit zu erregen.

Auf seinem Weg zum Gamba, das er aus Studienzeiten kannte, und wo er früher nach der Uni viel Zeit mit Keith Alderton verbracht hatte, kam er an der Terrasse des Café Royal vorbei.

Dort saß Roxana Stewart vor einem unberührten Eisbecher und tippte etwas in ihren Laptop, den sie auf dem Schoß hielt.