Rivalin für die Ewigkeit - Kathrin Luny - E-Book

Rivalin für die Ewigkeit E-Book

Kathrin Luny

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Beschreibung

Der Liebesroman mit Gänsehauteffekt begeistert alle, die ein Herz für Spannung, Spuk und Liebe haben. Mystik der Extraklasse – das ist das Markenzeichen der beliebten Romanreihe Irrlicht: Werwölfe, Geisterladies, Spukschlösser, Hexen und andere unfassbare Gestalten und Erscheinungen erzeugen wohlige Schaudergefühle. Vorhänge am offenen Fenster. Aus dem Park von Arlington House klang das vielstimmige Frühkonzert der Vögel. Verschlafen öffnete Maud die Lider und blinzelte in den anbrechenden Hochsommertag. Er versprach schön zu werden. Schon zeichneten die ersten Sonnenstrahlen ein helles Gitter auf das dunkle Parkett vor dem dicken Teppich. Rasch schlug sie die Decke zurück, sprang mit einem Satz aus ihrem Himmelbett und öffnete beide Fensterflügel. Wohlig dehnte sie ihren schlanken Körper und atmete tief die kühle Morgenluft ein. Im Osten leuchtete der Himmel zart rosa zwischen den Kronen der alten Bäume. Es war noch früh, kurz nach fünf. Im Haus schien alles zu schlafen. Nur vom Wirtschaftshof waren erste Geräusche zu hören: Das Klappern der Eimer mischte sich mit dem Wiehern der Pferde und den Rufen der Burschen, die mit ihrer Arbeit in den Ställen begannen. Dieser schöne Morgen war wie geschaffen für ein Bad unten im Fluß! Rasch schlüpfte die junge Frau aus ihrem Shorty, band die langen kastanienbraunen Locken mit einem Band zusammen und streifte das knappe Frotteekleid über. Barfuß verließ sie ihr Zimmer, horchte kurz auf Geräusche im Haus – aber alles war still – und lief die geschwungene Treppe hinunter in die Halle. Durch eine Seitentür verschwand sie in den Park und schlug quer über den Rasen den Weg hinunter zum Taunt River ein, der am Rande der Wiesen in Mäandern träge dem nahen Meer entgegen floß. Maud genoß das taufrische Gras unter ihren nackten Füßen und summte die Melodie einer alten schottischen Ballade, die mit der Erzählung vom grausamen Schicksal zweier Liebenden eigentlich nicht zu dem heiteren Morgen paßte. Aber diese Melodie verfolgte sie seit Tagen – sollte das eine Bedeutung haben? »Ach was«, sagte sie laut, »ich habe zwar auch kein Glück in der Liebe wie das Paar in dem Lied, aber darum möchte ich doch nicht sterben.« Abrupt unterbrach sie ihr Selbstgespräch und blieb am Rande des Parks stehen, um das friedliche Bild zu genießen, das der Fluß mit seinen zarten Nebelschwaden im Licht der aufgehenden Sonne bot.

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Irrlicht – 12 –Rivalin für die Ewigkeit

Du sollst mit dem Leben bezahlen, Maud!

Kathrin Luny

Ein ganz leichter Morgenwind blähte die zarten

Vorhänge am offenen Fenster. Aus dem Park von Arlington House klang das vielstimmige Frühkonzert der Vögel.

Verschlafen öffnete Maud die Lider und blinzelte in den anbrechenden Hochsommertag. Er versprach schön zu werden. Schon zeichneten die ersten Sonnenstrahlen ein helles Gitter auf das dunkle Parkett vor dem dicken Teppich.

Rasch schlug sie die Decke zurück, sprang mit einem Satz aus ihrem Himmelbett und öffnete beide Fensterflügel. Wohlig dehnte sie ihren schlanken Körper und atmete tief die kühle Morgenluft ein.

Im Osten leuchtete der Himmel zart rosa zwischen den Kronen der alten Bäume. Es war noch früh, kurz nach fünf. Im Haus schien alles zu schlafen. Nur vom Wirtschaftshof waren erste Geräusche zu hören: Das Klappern der Eimer mischte sich mit dem Wiehern der Pferde und den Rufen der Burschen, die mit ihrer Arbeit in den Ställen begannen.

Dieser schöne Morgen war wie geschaffen für ein Bad unten im Fluß!

Rasch schlüpfte die junge Frau aus ihrem Shorty, band die langen kastanienbraunen Locken mit einem Band zusammen und streifte das knappe Frotteekleid über.

Barfuß verließ sie ihr Zimmer, horchte kurz auf Geräusche im Haus – aber alles war still – und lief die geschwungene Treppe hinunter in die Halle.

Durch eine Seitentür verschwand sie in den Park und schlug quer über den Rasen den Weg hinunter zum Taunt River ein, der am Rande der Wiesen in Mäandern träge dem nahen Meer entgegen floß.

Maud genoß das taufrische Gras unter ihren nackten Füßen und summte die Melodie einer alten schottischen Ballade, die mit der Erzählung vom grausamen Schicksal zweier Liebenden eigentlich nicht zu dem heiteren Morgen paßte.

Aber diese Melodie verfolgte sie seit Tagen – sollte das eine Bedeutung haben?

»Ach was«, sagte sie laut, »ich habe zwar auch kein Glück in der Liebe wie das Paar in dem Lied, aber darum möchte ich doch nicht sterben.«

Abrupt unterbrach sie ihr Selbstgespräch und blieb am Rande des Parks stehen, um das friedliche Bild zu genießen, das der Fluß mit seinen zarten Nebelschwaden im Licht der aufgehenden Sonne bot.

Fast konnte man glauben, Elfen tanzten in ihren durchscheinenden Gewändern, um den Tag zu begrüßen.

Rasch lief sie die wenigen Meter zum Ufer, streifte ihr Badekleid ab und legte es auf einen Busch blühender Heckenrosen.

Nackt, wie Gott sie schuf, stand sie nun am Rand der Böschung und zögerte einen Moment.

Gerade, als sie sich entschlossen in das morgenkühle Wasser stürzen wollte, raschelte etwas im Schilf zu ihren Füßen.

Gespannt trat Maud einen Schritt nach vorn, um zu sehen, ob es vielleicht eine der großen Bisamratten war, denen sie nicht so gern begegnete – da tauchte zwischen den dichten Binsen der Oberkörper eines jungen Mannes auf, muskulös und braungebrannt, mit breiten Schultern.

Sprachlos starrte die junge Frau auf den Fremden und sah in ein ausdrucksvolles Gesicht mit hohen Backenknochen und grünen schräggeschnittenen Augen unter dem kühnen Schwung dunkler Brauen. Aus dichten honigblonden Locken perlte das Wasser, ein sinnlicher Mund lächelte sie an.

Pan, dachte sie sekundenlang, das kann nur der heidnische Hirtengott Pan sein, auf seiner Jagd nach einer schönen Nymphe...

Für einen endlosen Moment tauchte ihr meergrauer Blick in den grünen, goldgesprenkelten des jungen Mannes – und die Zeit schien stillzustehen.

Aber dann wurde ihr plötzlich ihre Nacktheit bewußt, Schamröte schoß ihr ins Gesicht, hastig wandte sie sich um, griff nach ihrem Kleid und rannte davon, so schnell sie konnte.

Als sie die schützenden Büsche des Parks erreichte, war ihr, als klinge vom Fluß ein Lachen herauf, warm und mokant – und ihr Herz klopfte zum Zerspringen.

»Du bist schon auf, mein Kind?« erkundigte sich Lady Margaret Arlington, als Maud eine halbe Stunde später im Frühstückszimmer erschien.

Die junge Frau beugte sich zu ihrer Großmutter und küßte sie leicht auf die gepflegte Wange.

»Warst du schon schwimmen an diesem herrlichen Morgen?« fuhr Lady Arlington fort und winkte dem Butler Henry, der sich leise am Frühstücksbuffet zu schaffen machte.

»Tee oder Kaffee?« fragte sie ihre Enkelin und ließ Maud somit keine Zeit zu antworten.

Die junge Frau nahm Platz und griff nach einem

Toast, während Henry wie üblich Rührei und Kaffee servierte.

»Ich war unten am Fluß«, begann sie und zögerte einen Moment, bevor sie fortfuhr, »aber dort badete ein Fremder – und so bin ich umgekehrt.«

»Ach ja – und warum?« erkundigte sich die Ältere interessiert.

»Aber Grandma«, lachte Maud hell heraus, »du weißt doch, daß ich morgens immer nackt schwimmen gehe.«

»Vielleicht hättest du trotzdem seine Bekanntschaft machen können«, schmunzelte Lady Arlington, »ihr jungen Leute seid doch heute so viel freizügiger in diesen Dingen als wir früher.«

Nachdenklich rührte sie in ihrem Tee. Dann warf sie ihrer Enkelin einen besorgten Blick zu.

»Ich finde, du bist zu viel allein, seit du wieder bei mir wohnst. Junge Menschen brauchen die Gesellschaft ihresgleichen – nicht nur Bücher und alte Leute wie mich.

Vielleicht solltest du endlich deine Freundin Harriet in Dunster besuchen. Sie würde sich bestimmt freuen, dich nach so langer Zeit wiederzusehen. Du mußt auf andere Gedanken kommen und nicht immer nur deiner mißglückten Ehe nachtrauern«, schloß sie und ließ sich von Henry eine weitere Tasse Tee einschenken.

»Laß mir noch etwas Zeit, Grandma. Die Scheidung ist schließlich erst ein halbes Jahr her. Und ich habe Peter wirklich sehr geliebt«, setzte Maud traurig hinzu, »im übrigen fühle ich mich hier wohl mit meinen Büchern und Studien. Vergiß nicht, daß ich eine Chronik der Familie Arlington schreiben soll.

Die Vorarbeiten mit der Durchsicht alter Schriften und Dokumente sind zwar spannend, aber auch zeitaufwendig. Und im Augenblick möchte ich mich ganz auf diese Arbeit konzentrieren.«

Sie schwieg und schaute einen Moment durch die offene Terrassentür hinaus in den Park.

»Ich glaube, auf diese Weise komme ich am besten über meinen Kummer hinweg«, meinte sie abschließend und stand auf, »ich bin bis zum Lunch in der Bibliothek. Am Nachmittag könnten wir ja zusammen ausreiten«, schlug sie vor, »damit du dir wegen meiner selbstgewählten Einsamkeit nicht allzu viele Sorgen machst.«

»Ich nehme dich beim Wort«, rief Lady Margaret ihr nach und erhob sich ebenfalls, um in ihrem Arbeitskabinett mit der Haushälterin den Wochenplan zu besprechen.

In der Bibliothek mit den hohen dunklen Eichenregalen warf Maud einen Blick auf den Stapel alter Bücher, der sich auf ihrem Schreibtisch türmte. Doch dann beschloß sie, die Arbeit aufzuschieben.

Statt dessen griff sie zu einem historischen Roman aus den Anfängen des englischen Königreichs, den sie am Vortag zufällig entdeckt hatte, und ließ sich in den bequemen alten Sessel am Fenster fallen.

Zärtlich strich sie über den abgegriffenen Einband. Das Buch hatte offensichtlich ihrer vor vielen Jahren tödlich verunglückten Mutter gehört.

Maud las ihren Namen auf dem ersten Blatt »Christina Arlington – gekritzelt in einer etwas ungelenken Jungmädchenschrift. Der Zustand des Buches ließ darauf schließen, daß es nicht nur einmal gelesen wurde.

Mit einer gewissen Melancholie blätterte sie das erste Kapitel auf. Durch die Lektüre erfuhr sie vielleicht ein wenig von dem, was ihre Mutter als junges Mädchen interessiert hatte.

Sie wußte ja fast nichts von ihr, jedenfalls nichts Persönliches – nur das, was Großmutter im Laufe der langen Jahre erzählte, die sie seit ihrer frühen Kindheit in Arlington House verbrachte, das seit dem Tod der Eltern ihre Heimat war.

Neugierig begann sie zu lesen. Fasziniert von der aufregenden Geschichte eines historischen Liebespaares, vergaß Maud die Zeit.

In dem Roman »Die verfluchte Krone» ging es um zwei Enkel Wilhelm I., der im Jahre 1066 von der Normandie aus England erobert hatte. Diese beiden, die Kronprinzessin Maud und der junge Graf Stephan von Blois, kämpften gegeneinander um die Herrschaft Englands und waren einander doch bis an ihr Lebensende in leidenschaftlicher Liebe verfallen.

Ihre Mutter schien damals ebenfalls vom dramatischen Schicksal des ungewöhnlichen Paares bewegt gewesen zu sein, denn die Eselsohren der Seiten zeigten, welche Passagen es ihr am meisten angetan hatten.

Seltsam, dachte die junge Frau und ließ den Roman einen Moment sinken, die Beschreibung des jungen Grafen entsprach auffallend dem aufregenden Äußeren des Fremden, dem sie am Morgen unvermutet am Fluß begegnet war.

Während ihr Herz in der Erinnerung an das überraschende Treffen wieder heftig zu klopfen begann, tauchte aus der Erinnerung ein anderes Bild auf und schob sich über das aktuelle.

Es war das Bild eines schönen, ungefähr vierzehnjährigen Knaben, blondgelockt mit schrägen grünen Augen, der mit seinem ungewöhnlichen Charme alle bezauberte und so von seinen Schelmenstreichen abzulenken wußte.

So weit sie sich entsann, war er damals während der Sommerferien in der Nachbarschaft auf Burg Tower Hall zu Besuch.

Manchmal trafen ihre Freundin Harriet und sie ihn auf ihren Ausritten, wenn er ohne Sattel auf einem temperamentvollen Rappen über Felder und Wiesen preschte und tollkühn Gräben und Zäune nahm. Insgeheim bewunderten sie ihn dafür.

Außerdem gehörte es zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, junge Mädchen zu erschrecken. Sie erinnerte sich an eine Episode, in der es fast zu einem Unfall gekommen wäre.

Harriet und sie ritten im Schritt durch ein dichtes Gehölz, den sogenannten Feenwald, der Arlington House von den Ländereien Tower Halls trennte.

Plötzlich ließ sich vor ihren Pferden jemand mit lautem Geheul von einem Baum auf den schmalen Reitweg fallen und lief lachend davon, während die Pferde sich wiehernd aufbäumten, um dann vor Schreck wie besessen davon zu galoppieren.

Harriet und sie hatten alle Mühe, die Tiere außerhalb des Waldes auf einem frisch gepflügten Acker zu beruhigen, während jener Knabe von ferne fröhlich winkend auf seinem Rappen heimwärts ritt.

Jetzt schmunzelte Maud über den Streich – aber damals hätte er ernsthafte Folgen haben können.

»Grandma, ich habe heute vormittag eine kleine Arbeitspause eingelegt. Statt die alten Schriften zu sichten, las ich in einem historischen Roman, der offensichtlich einmal meiner Mutter gehörte«, begann Maud, als sie nach dem Lunch zusammen mit Lady Margaret auf der schattigen Terrasse einen Eiskaffee trank.

Interessiert schaute die Lady ihre Enkelin an und freute sich im geheimen über ihre leicht geröteten Wangen und den fröhlichen Glanz ihrer Augen.

Irgend etwas muß geschehen sein, dachte sie und ließ eine weitere Kugel Vanilleeis in ihren Becher gleiten. In den letzten Monaten war die junge Frau immer so blaß und traurig gewesen. Was hatte diese erfreuliche Änderung bewirkt?

»Deine Mutter liebte als junges Mädchen historische Romane«, meinte sie und erkundigte sich, »welcher ist es denn? Doch nicht etwa Die verfluchte Krone?«

»Doch«, lachte die junge Frau überrascht auf, »woher weißt du das?«

»Christina liebte diese dramatische Geschichte der beiden Enkel Wilhelm des Eroberers über alles – immer wieder las sie den Roman – ich glaube, sie kannte ihn schließlich auswendig. Mit ihrer Begeisterung hat sie deinen Großvater und mich damals ganz verrückt gemacht.«

»Weißt du auch, warum die Geschichte sie so sehr fesselte?«

»Natürlich, mein Kind. Es war die Schwärmerei eines Teenagers für einen verführerischen jungen Mann, der in dem Roman die Hauptrolle spielt. Stephan von Blois hieß er, glaube ich. Später ging er als König Stephan I. in die englische Geschichte ein.«

Nachdenklich rührte sie in ihrem Kaffee, bevor sie fortfuhr, »aber ihren Höhepunkt erreichte Christinas Schwärmerei erst durch den Bruder unseres Nachbarn auf Tower Hall, der einige Jahre älter war als sie.«

»Hattest du denn damals Kontakt zu den Nachbarn?« erkundigte sich Maud gespannt, »in meiner Teenagerzeit wurde Tower Hall doch von einem Verwalter bewirtschaftet, soviel ich weiß.«

Lady Margaret nickte zustimmend. »Das stimmt. Aber als deine Mutter ein junges Mädchen war, lebten dort die Besitzer, Henry Mortain, der damalige Earl of Bloyd, mit seiner Frau. Die Gräfin war Französin und wollte später unbedingt in ihre Heimat zurückkehren, wo sie an der Loire ebenfalls Ländereien besaßen.«

»Du erzähltest gerade von Mutters Schwärmerei«, versuchte die junge Frau ihre Großmutter zum Thema zurückzuführen, »was hatte es mit dem Bruder des Earl auf sich?«

»Er war wesentlich jünger als der Graf und kam nur einmal während der Semesterferien zu Besuch. Christina lernte ihn auf einer der vielen sommerlichen Gartenpartys kennen, die damals auf dem Land in Mode waren, und verliebte sich Hals über Kopf in ihn.

Der Grund für ihre Sommerliebe lag wohl in der Ähnlichkeit, die jener junge Mann – er hieß übrigens auch Stephan – mit dem Helden des Romans zu teilen schien, jedenfalls was die Beschreibung seines Äußeren betraf.

Möchtest du noch einen Eiskaffee, Liebes?« unterbrach Lady Margaret ihren Ausflug in die Vergangenheit, »bei diesen Temperaturen würde ich gern noch einen zweiten trinken.«

Als ihre Enkelin zustimmend nickte, winkte die Lady dem jungen Hausmädchen Ellis, das im Eßzimmer die Anrichte aufräumte.

»Christinas Vorliebe für jenen tapferen Ritter des Romans hat Stephan Mortain natürlich ausgenutzt und nach Kräften genährt. Er behauptete nämlich, daß seine Familie, deren Stammbaum bis ins 11. Jahrhundert zurückreicht, mit der Dynastie Wilhelm des Eroberers verwandt sei.

Angeblich besaß Wilhelm I. Stammvater dieses jahrhunderte alten Herrschergeschlechts ein kostbares Amulett. Es war eine Sonne aus schwerem Gold mit einem großen, überaus wertvollen Saphir in der Mitte. Wegen des funkelnden Edelsteins nannte man es auch das Auge Gottes.

Der Sage nach soll ein Druidenpriester dieses Schmuckstück dem Eroberer nach seinem Sieg bei Hastings überreicht haben mit dem Rat, es niemals aus der Hand zu geben. So lange diese Kostbarkeit im Besitz der Familie wäre, ruhe der Segen des Herrn auf ihr. Sollte es verloren gehen, wären dem Unglück Tür und Tor geöffnet.

Nachdem der junge Mann ihr diese alten Geschichten erzählt hatte und ihr außerdem anvertraute, daß er auf der Suche nach dem seit langem verschwundenen Amulett sei, war Christina nicht mehr zu halten. Sie wollte nur noch mit Stephan zusammen sein.

Ich muß zugeben, er war ein sehr charmanter gut aussehender Bursche und ein glänzender Reiter«, setzte die Lady hinzu und nippte an ihrem Kaffee.

»Für dich als Pferdenärrin war das ja immer sehr wichtig, Granny«, lachte Maud, »aber wie ging die Geschichte weiter?« wollte sie wissen.

»Die beiden ritten fast täglich aus oder fuhren im Einspänner zum Picknick hinunter an die Küste bei Dunster, trafen Freunde, gingen tanzen. Der damalige Earl sah diese Eskapaden seines jüngeren Bruders nicht sehr gern. Aber die jungen Leute ließen sich ihre Treffen von niemandem verbieten.

Außerdem weihte Stephan Christina nach und nach weiter in sein Geheimnis ein: Jenes bedeutsame Amulett war der Familie leider im 18. Jahrhundert abhanden gekommen, und er wußte angeblich, wo er danach forschen mußte.

Einer der Vorfahren, ich glaube, es war der neunte Earl of Bloyd, soll es der Sage nach seiner Geliebten geschenkt haben. Das wäre ja nicht weiter schlimm«, kommentierte die Lady die zurückliegenden Ereignisse, »aber der Graf war ein verheirateter Mann und auch seine Maitresse, ebenfalls aus adliger Familie, war nicht frei, sondern ebenfalls gebunden und Mutter mehrerer Kinder.

Sie soll eine ungewöhnliche Schönheit gewesen sein, der jener Earl bis zur Selbstaufgabe verfallen war.

Nur so ist es zu verstehen, daß der über Jahrhunderte gehütete kostbare Schatz, angeblich die Grundlage für Glück und Reichtum des Geschlechts derer of Bloyd, so leichtfertig verschenkt wurde.«

Lady Arlington schwieg und rührte nachdenklich in ihrer Tasse.

Dann hob sie den Blick und sah ihre Enkelin an, »ich sage es dir besser gleich«, begann sie zögernd, »bevor du in den alten Dokumenten darauf stößt: Die Geliebte des neunten Earl of Bloyd im 18. Jahrhundert stammte aus unserer Familie. Sie hieß übrigens auch Maud. Wie du weißt hat dieser Name bei uns eine lange Tradition.

Seit dem frühen Tod der jungen Frau – sie brachte sich um, weil sie die Schande nicht ertrug, als ihr Liebesverhältnis offenbar wurde – ist das Amulett verschwunden.

Seither stehen die Arlingtons unter Verdacht, das Schmuckstück zu besitzen. Alle Beteuerungen des Gegenteils haben nichts genützt, jede Suche nach dem Auge Gottes blieb bisher ergebnislos.

Du kannst dir denken, daß wegen dieses lange zurückliegenden Dramas die nachbarschaftliche Beziehung gestört ist. Bis auf deine Mutter haben wir niemals wirklich mit den Besitzern von Tower Hall verkehrt.«

Maud hatten die aufregenden Ereignisse die Sprache verschlagen.

»Aber Granny«, sagte sie schließlich,» warum hast du mir das alles nicht früher erzählt? Das ist ja ungeheuer spannend. Haben denn meine Mutter und der Bruder des Grafen das Kleinod gefunden?« wollte sie wissen.

Die Lady schüttelte den Kopf. »Leider nicht. Obwohl der junge Mann glaubte, sichere Hinweise auf den möglichen Fundort zu besitzen.

Schade, wären die beiden erfolgreich gewesen, hätte sich das nachbarschaftliche Verhältnis vielleicht gebessert.

Aber irgend etwas scheint es mit den warnenden Worten des Druidenpriesters und dem Amulett auf sich zu haben; denn seitdem es verschwunden ist, ereigneten sich in der Familie derer of Bloyd immer wieder unerklärliche Unfälle«, sagte Lady Margaret nachdenklich.

Nach kurzem Schweigen fuhr sie fort, »dein Großvater war damals sehr besorgt über das enge Verhältnis der beiden jungen Leute. Aber Stephan Mortain hat sich wohl wie ein Gentleman verhalten«, schmunzelte sie, »jedenfalls scheint nichts Ernsthaftes passiert zu sein.

Doch dann war er eines Tages fort – einfach so, ohne jede Ankündigung und ohne ein Wort des Abschieds.

Christina war untröstlich. Zum Glück mußte sie zurück in ihr Internat. Bald darauf lernte sie in London deinen Vater kennen.

Aber wenn ich an jenen Sommer zurückdenke und an ihren großen Kummer über das plötzliche und für sie unerklärliche Verschwinden des jungen Mannes, glaube ich, daß sie in ihrem kurzen Leben nur einen Mann wirklich geliebt hat – Stephan Mortain.«

Lady Arlington schaute versonnen hinaus in den Park, wo im Schatten der alten Bäume ein Pfau gemessenen Schrittes stolzierte und ein imponierendes Rad schlug, um seine unscheinbare Henne zu beeindrucken.

»Hat sich dieser Stephan Mortain niemals gemeldet? War er nie wieder auf Tower Hall?« wollte Maud wissen.

Lady Margaret schüttelte den Kopf. »Nein, nie wieder. Nach seinem rätselhaften Verschwinden kam allerdings ein seltsames Gerücht auf – ich weiß es von Henry«, unterbrach sie sich, »das ich deiner Mutter natürlich nicht erzählte.

Angeblich sollte Stephan hohe Wett- und Spielschulden gehabt haben – und sein Bruder, der damalige Earl, weigerte sich hartnäckig, sie zu zahlen.

Man vermutete, daß Stephan Mortain in einer Auseinandersetzung mit seinen Gläubigern eventuell durch eine Gewalttat ums Leben gekommen sei. Seine Leiche wurde jedoch nie gefunden, obgleich auf Betreiben der Familie eine diskrete polizeiliche Untersuchung stattgefunden haben soll.