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Nicht die Zeit heilt alle Wunden, das kann höchstens die Liebe!
In der Welt des Rugby ist Tyler ein Star – doch abseits des Spielfelds hat er ziemlichen Mist gebaut. Als die Mutter seines Kindes stirbt, beschließt Tyler, sein Leben zu ändern und endlich für den kleinen Jungen da zu sein. Doch der Weg zur Wiedergutmachung ist steinig und voller Herausforderungen.
Cara, eine ehrgeizige Jurastudentin, sieht sich nach einem Unfall gezwungen, ein Semester auszusetzen und bei ihrer Mutter zu wohnen – direkt neben Tyler. Als sie sich auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung begegnen, knistert es sofort zwischen ihnen. Doch während Tyler mit seinen inneren Dämonen kämpft und Cara sich auf ihr Studium konzentrieren möchte, stehen die Uhren nicht still. Beide haben keine Zeit für eine neue Liebe – und doch zieht das Schicksal sie immer wieder zueinander. Werden sie es schaffen, ihre Herzen zu öffnen und die Liebe zu finden, die sie so dringend brauchen?
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Von Alina Jipp
Alina Jipp
Am Georg-Stollen 30
37539 Bad Grund
Dropkick für die Liebe
Von Alina Jipp
Buchbeschreibung:
Nicht die Zeit heilt alle Wunden, das kann höchstens die Liebe!
In der Welt des Rugby ist Tyler ein Star – doch abseits des Spielfelds hat er ziemlichen Mist gebaut. Als die Mutter seines Kindes stirbt, beschließt Tyler, sein Leben zu ändern und endlich für den kleinen Jungen da zu sein. Doch der Weg zur Wiedergutmachung ist steinig und voller Herausforderungen.
Cara, eine ehrgeizige Jurastudentin, sieht sich nach einem Unfall gezwungen, ein Semester auszusetzen und bei ihrer Mutter zu wohnen – direkt neben Tyler. Als sie sich auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung begegnen, knistert es sofort zwischen ihnen. Doch während Tyler mit seinen inneren Dämonen kämpft und Cara sich auf ihr Studium konzentrieren möchte, stehen die Uhren nicht still. Beide haben keine Zeit für eine neue Liebe – und doch zieht das Schicksal sie immer wieder zueinander. Werden sie es schaffen, ihre Herzen zu öffnen und die Liebe zu finden, die sie so dringend brauchen?
Alina Jipp
Am Georg-Stollen 30
37539 Bad Grund
https://alina-jipp.de/newsletteranmeldung/
Korrektorat Sandra Paczulla und Ulrike Limacher
1. Auflage, 2025
© 28.12. Alina Jipp – alle Rechte vorbehalten.
Alina Jipp
Am Georg-Stollen 30
37539 Bad Grund
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Bevor ich die Tür öffne, atme ich noch einmal tief durch. Fuck. Ich will nicht hier sein und ich gehöre auch gar nicht hierher. Trotzdem zieht sich mein Herz schmerzhaft zusammen, als ich das Zimmer betrete und das Piepen der Maschinen und den Geruch nach Desinfektionsmittel wahrnehme. In den letzten Monaten war ich schon mehrfach hier, nachdem ich endlich die Erlaubnis von Aislings Eltern bekommen habe, aber an den Anblick werde ich mich einfach nie gewöhnen. Das Bett sehe ich aufgrund der vielen Menschen dieses Mal gar nicht. Neben Aislings Eltern sind drei Ärzte hier. Drei Ärzte, die etwas tun wollen, das ich unbedingt verhindern muss.
Aoife, Aislings Mutter dreht sich zu mir um und schüttelt den Kopf. »Was willst du hier? Du hast hier jetzt nichts zu suchen. Ich hätte dir nie erlauben dürfen, hierherzukommen. Lass uns zumindest in Ruhe Abschied nehmen.« Ihre Stimme überschlägt sich fast.
»Mrs O´Mallin, es tut mir leid, Sie ausgerechnet jetzt zu stören, aber ich möchte Sie noch einmal bitten, es zu verschieben. Wenigstens um ein oder zwei Tage. Ich übernehme auch alle Kosten, die dadurch entstehen.«
»Nein! Und jetzt raus. Wie kannst du es wagen? Aisling ist hirntot, begreif das endlich, es hat keinen Sinn mehr, es hinauszuzögern. Wir haben das Recht, uns in Ruhe von unserer Tochter zu verabschieden.«
»Natürlich, das weiß ich, aber das ist sie in ein paar Tagen auch noch. Denk doch bitte an Sean. Er hat heute Geburtstag. Soll er sein ganzes Leben lang daran erinnert werden, dass seine Mutter an diesem Tag gestorben ist? Meinst du wirklich, dass sie das gewollt hätte? Sean war ihr Lebensinhalt.« Wenn sie mich duzt, kann ich das auch tun.
Die Ärzte sehen ziemlich betreten aus. Wahrscheinlich ist ihnen die Situation total unangenehm. Wem wäre sie das nicht? Mir selbst bricht sie auch das Herz, aber ich muss hier für Sean kämpfen. Der Kleine schreit und weint immer noch jeden Tag nach seiner Mutter und versteht nicht, warum sie nicht zu ihm kommt. Inzwischen akzeptiert er mich zwar und ich bin froh, dass er jetzt bei mir wohnen darf, auch wenn es mein Leben absolut auf den Kopf gestellt hat, aber sie liebt er abgöttisch. Wie soll er das verkraften?
Ein guter Vater bin ich garantiert nicht. Verdammt, bis vor ein paar Wochen kannte mein Sohn mich gar nicht, aber nun muss ich endlich erwachsen werden und die Verantwortung für ihn übernehmen und dazu gehört auch, ihm möglichst weitere Traumata zu ersparen. Deshalb bin ich hier.
»Raus!«, brüllt Aoife. »Was interessiert mich dieser Bastard? Ohne ihn und dich wäre Aisling jetzt nicht hier. Ihr sollt in der Hölle schmoren, alle beide.« Sie greift nach etwas und wirft es.
Zum Glück habe ich durch meinen Sport gute Reflexe und so landet die Metallschale, die wohl auf dem Nachttisch neben Aislings Krankenbett gestanden hatte, an der Wand und nicht an meinem Kopf.
»Mrs O´Mallin, das geht so nicht.« Einer der Ärzte hält ihren Arm fest, als sie nach dem nächsten Gegenstand greifen will.
Eine Ärztin tritt auf mich zu. »Mr Doyle, bitte verlassen Sie das Krankenzimmer. Ich regle das hier, aber es ist für alle besser, wenn wir Mrs O´Mallin Zeit geben, sich zu beruhigen. Danach kann ich vielleicht mit ihr über einen Aufschub sprechen.«
»Danke.« Obwohl ich gern mehr sagen würde, drehe ich mich um und verlasse das Zimmer. Nun muss ich wohl hoffen, dass sie auf mich hören und die Maschinen nicht gerade heute abstellen.
Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich auch wieder losmuss, vor mir liegen noch mindestens zwei Stunden Autofahrt. Die Babysitterin bleibt nur bis zehn Uhr, dann muss sie zur Uni und eine feste Nanny für Sean habe ich bisher nicht gefunden. Leider. Auf Dauer geht es so nicht. Im Moment funktioniert im Grunde noch gar nichts. Eigentlich müsste ich um diese Uhrzeit sowieso längst im Verein sein und mit meinem Team trainieren. Aber ich habe mich für zwei Wochen beurlauben lassen, da Sean nach monatelangen Besuchen im Heim nun endlich bei mir leben darf. Das ist mir schwergefallen und auch der Teamchef ist alles andere als begeistert davon, dass ich zum Saisonstart gleich mit so etwas komme. Vor allem nach meinen Eskapaden in der letzten Saison, aber ich konnte ihn nach langen Gesprächen davon überzeugen, mir diesen Urlaub zu gewähren, damit mein Sohn die Chance hat, sich bei mir einzuleben.
Sean kennt mich nicht, auch wenn ich ihn in den letzten Monaten regelmäßig besucht habe. Aber das waren dann ein bis zwei Stunden, die wir unter Aufsicht miteinander verbracht haben. Ein kleines bisschen konnten wir uns in der Zeit annähern, doch nun wohnt er bei mir und ich bin mit der Vaterrolle eines traumatisierten Dreijährigen – oder ab heute ja Vierjährigen – völlig überfordert. Verflucht noch mal, seit ich meine Freundin verlassen habe, bin ich sogar schon ohne Kind mit meinem Leben überfordert gewesen. Der Kleine redet kaum mit mir, schläft schlecht, weint viel und will auch nicht richtig essen. Wie zum Teufel soll ich das alles schaffen?
Als ich zu meinem Auto komme, klemmt ein Strafzettel unter dem Scheibenwischer. »Fuck!«, entfährt es mir und sofort meldet sich eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf, die mir sagt, dass ich in Zukunft besser auf meine Wortwahl achten muss. Na ja, Sean ist gerade nicht in der Nähe und ein Heiliger wird wohl eh nie aus mir.
Kaum sitze ich im Wagen, klingelt mein Telefon auch schon, das sich automatisch mit der Freisprecheinrichtung verbunden hat. Natürlich nehme ich den Anruf mit einem Knopfdruck am Lenkrad entgegen, obwohl ich nicht sehen kann, wer dran ist. Aber im Moment rufen mich so viele Leute an, sei es vom Verein, von Ämtern oder auch Leute vom Krankenhaus, dass ich keinen Anruf ignorieren kann. Es könnte ja die Babysitterin sein, weil etwas mit Sean ist.
»Doyle«, melde ich mich.
»Wo zum Teufel hast du gesteckt? Ich wollte dich beim Training überraschen und du bist gar nicht da? Haben die dich rausgeworfen? Die sagen mir hier nichts.« Als ich die nörgelnde Stimme von Daisy höre, würde ich am liebsten gleich wieder auflegen.
»Was willst du?«, frage ich stattdessen. Ganz sicher fange ich nicht an, mich vor einer Frau, mit der ich ein paar heiße Stunden verbracht habe, zu rechtfertigen.
»Dich, das ist doch klar. Wann hast du Zeit für mich? Komm einfach zu mir, wenn du schon unterwegs bist, ich mache es mir solange schon mal bequem.«
Dafür habe ich im Moment echt keinen Nerv. Deshalb muss ich wohl etwas direkter werden als beim letzten Mal.
»Sorry, Daisy, das mit uns war schön, ist jetzt allerdings vorbei. Tut mir echt leid, aber in meinem Leben geht gerade alles drunter und drüber, und da habe ich keinen Platz für eine Frau.« Das ›wie dich‹, schlucke ich wenigstens noch hinunter. Mir ist auch so klar, dass sie es nicht gut aufnehmen wird, denn obwohl ich ihr nie irgendetwas versprochen habe, will sie mehr von mir, als ich geben kann. Solange Sean noch im Heim gelebt hat, war es leicht, Zeit zu finden, um etwas Druck bei ihr abzubauen, jetzt habe ich die aber nicht mehr.
»Tyler Doyle, du Arschloch. Du vögelst mich und dann servierst du mich einfach ab?« Ihre Stimme ist so schrill, dass ich automatisch die Lautstärke herunterregele. Das tut ja in den Ohren weh.
»Sorry, Daisy. Von Anfang an habe ich dir gesagt, dass ich keine feste Beziehung will …«
Sie unterbricht mich, bevor ich den Satz beenden kann: »Ich ja auch nicht, aber wir können so viel Spaß miteinander haben und uns gegenseitig helfen.«
Daher weht also mal wieder der Wind. Wahrscheinlich hat sie irgendeinen Social-Media-Kanal, den ich promoten soll. Aber das kann sie vergessen.
»Daisy, ich kann gerade wirklich nicht. Mein Sohn wartet zu Hause auf mich. Oder willst du mir bei der Erziehung helfen? Mir fehlt nämlich eine Nanny.« Nicht, dass sie dafür infrage käme.
Ja, inzwischen gab es eine Pressemeldung von mir, dass ich Vater bin, aber dazu keine weiteren Details erklären werde und auch, dass ich jeden verklagen würde, der Fotos von ihm veröffentlicht. Das Echo war geteilt. Einige finden meine Ansage gut, manche behaupten, es wäre nur ein PR-Gag, aber das ist mir egal. Hauptsache, sie ziehen Sean nicht in die Öffentlichkeit.
Wie erwartet, will sie nicht babysitten. Zumindest denke ich das, als das Gespräch plötzlich unterbrochen wird. So einfach wird man also Frauen los. Vielleicht sollte ich mir das merken. Aber jetzt muss ich mich echt beeilen, bevor die Babysitterin wegmuss.
Die Bücher stapeln sich überall im Zimmer, dazwischen Ordner und auch einzelne Zettel. Alle sind mit Post-its übersäht und obwohl es chaotisch aussieht, gibt es ein System. Für andere, wie meine Mutter, ist es vielleicht nicht erkennbar, für mich allerdings schon. Immer wieder versucht sie, mir ihre Lernmethoden aufzudrängen, aber ich bin nicht sie und für mich klappt es so am besten.
Es gibt verschiedene Farben, je nach Wichtigkeit, und auch die Stapel sind organisiert und zeigen die Reihenfolge an, in der ich alles noch einmal durchgehen will vor der Abschlussprüfung. Wenn ich das Semester schon überbrücken muss, da ich bei den Prüfungen im Sommer im Krankenhaus lag und auch den Nachschreibtermin verpasst habe, bleibt mir jetzt nur das Beste daraus zu machen. Zumal mir das Lernen immer noch schwerfällt. Die Ärzte sagen, dass ich Geduld haben muss, aber mir setzen die Konzentrationsprobleme und die ständigen Kopfschmerzen echt wahnsinnig zu. Angeblich ist mit meinem Kopf alles in Ordnung nach der Gehirnerschütterung. Warum fühlt es sich dann nicht so an?
Wahrscheinlich sollte ich froh sein, dass es mir inzwischen wieder so gut geht. Außer den genannten Sachen erinnern mich nur noch ein paar Narben und ab und zu Schmerzen im linken Bein daran, was passiert ist. Aber für mich ist es einfach ein verlorenes halbes Jahr und dass ich nun hier festsitze, noch dazu den ganzen Winter über, macht es nicht besser.
Okay, ich liebe Waterford eigentlich. Die Stadt ist wunderschön, die bunten Häuser am Hafen, der alte Turm, der Nationalpark vor der Tür und im Gegensatz dazu die moderne Seite der Stadt mit den vielen Freizeitmöglichkeiten, die ich aber alle im Moment nicht nutze. Mit wem auch? Meine beste Freundin aus Schulzeiten lebt inzwischen in den USA und der Kontakt findet aufgrund der Kosten und Zeitverschiebung meist schriftlich statt. Meine Kommilitonen sind alle fertig mit dem Bachelorstudium und starten nun ins Berufsleben, bevor die Kurse für den Masterabschluss beginnen. Ohne mich. Also sitze ich hier allein herum und lerne, lerne, lerne. Um ein Studium abzuschließen, das ich hasse.
Meine Notizen habe ich, doch statt zu lesen, sitze ich heute schon wieder hier und halte mir die Ohren zu. Klar, ich könnte auch die Fenster schließen und die Musik lauter drehen, um das klägliche Rufen und Schreien aus dem Haus gegenüber nicht mehr zu hören. Aber ich bringe es einfach nicht über mich. Das »Mummy!«-Geschrei und das Weinen brechen mir das Herz und so geht das schon seit gestern.
»Mach das Fenster zu, das hält ja niemand aus.« Meine Mutter ist einfach ohne anzuklopfen ins Zimmer gekommen und bevor ich etwas erwidern kann, geht sie selbst zum Fenster hinüber und knallt es zu. »Endlich Ruhe.«
Für uns schon, aber der Kleine ist immer noch genauso verzweifelt. Es bringt nur nichts, darüber ausgerechnet mit meiner Mutter zu sprechen.
»Wie weit bist du? Du liest ja gar nicht. An die Arbeit, Cara, du willst mich doch stolz machen, oder?«
»Ja, Mum«, antworte ich automatisch. Mein Verhältnis zu ihr ist schwierig. Einerseits möchte ich die Anerkennung meiner Mutter, aber gleichzeitig will ich auch nie so wie sie werden.
Keeva Costello ist oberste Richterin hier in Waterford City. Sie könnte auch in Dublin oder jeder anderen Großstadt Irlands ganz oben stehen, aber sie will es nicht. Schließlich muss sie sich um mich kümmern, wie sie immer betont. Immerhin bin ich ihr einziges Kind und die einzige Erbin, die die Familie Costello hat. Daher wird Großes von mir erwartet. Mein Jurastudium habe ich mir auch nicht wirklich ausgesucht, eigentlich habe ich nur zugestimmt, damit ich von Waterford wegkonnte, um in Dublin zu studieren. Doch nach meinem Unfall bin ich wieder hier und sitze im Haus meiner Mutter fest, um für die letzten Prüfungen für den Bachelor zu pauken.
Das Lernen ist eigentlich nicht mein Problem. Ich komme normalerweise gut mit dem Stoff zurecht. Aber ein guter Abschluss wird meiner Mutter nicht reichen, sie erwartet, dass ich als Beste abschneide, und macht mir unheimlichen Druck. Das hilft nicht gerade gegen meine Kopfschmerzen und Konzentrationsprobleme.
Außerdem zweifle ich seit dem Unfall daran, ob Jura das Richtige für mich ist. Soll ich wirklich mein Leben lang in einem Beruf feststecken, den ich nicht liebe?
Dabei hatte ich sogar schon einen Job in einer guten Anwaltskanzlei in Dublin gefunden, dort hätte ich arbeiten und nebenbei den Master machen können. Doch der ist nun futsch, da ich die Prüfung verschieben musste. Bisher habe ich mich allerdings nicht getraut, ihr das zu sagen.
Für sie ist klar, dass ich dort meine ersten praktischen Erfahrungen sammle, um dann nach Waterford zurückzukommen. Aber ganz ehrlich, ich brauche Abstand. Zu ihr und auch zu meinem Vater, der am anderen Ende der Stadt lebt und die angesehenste Anwaltskanzlei Waterfords führt, die sich auf größere und vor allem finanziell lohnende Fälle spezialisiert hat. Und genau so etwas möchte ich nicht. Hugh Costello ist in dritter Generation Inhaber von Costello and Sons. Er will, dass ich später bei ihm einsteige, obwohl ich leider sehr zu seinem Leidwesen kein Sohn geworden bin. Aber in mir sträubt sich alles dagegen. Im Gegensatz zu ihm verlangt Mum, dass ich meine Karriere darauf ausrichte, einmal Richterin zu werden, so wie sie. Also gar kein Druck für mich.
Wie schon seit ihrer Trennung zerren beide an mir. Jeder versucht, seinen Willen durchzusetzen. Ohne mich je zu fragen, was ich eigentlich möchte. Die beiden hassen sich bis aufs Blut und ich habe keine Lust, schon wieder zwischen die Fronten ihres seit zwanzig Jahren anhaltenden Krieges zu geraten.
Früher haben sie hauptsächlich um mich gestritten. Versucht, mich gegen den anderen aufzuhetzen oder mich auf ihre Seite zu ziehen. Es ging dabei aber nie um mich, oder um meine Wünsche, sondern immer nur darum, dass einer von ihnen sein Ziel erreichen konnte. Bis ich als Teenager lieber ins Internat gegangen bin, um diesem Tauziehen zu entgehen. Und genau deshalb werde ich auch jetzt nicht in Waterford bleiben. Die Stadt ist toll, keine Frage. Aber hier werde ich immer nur die Tochter der Costellos sein und zwischen den Fronten stehen.
Draußen schreit der kleine Junge schon wieder nach seiner Mutter. Er klingt so verzweifelt, dass ich es kaum aushalte. Irgendwie versetzt mich das in meine Kindheit zurück. Nicht, dass ich so geschrien habe. Das hätte ich mich nie getraut, aber den Schmerz kenne ich, und ich höre die Verzweiflung in der Stimme des Kindes.
»Vielleicht sollten wir die Polizei wegen Ruhestörung rufen. Dieser Zustand ist eine Zumutung. Der Junge soll endlich mal Ruhe geben.« Meine Mutter stöhnt genervt und ich muss mich echt zusammenreißen, um nicht die Augen zu verdrehen. »Mit diesem Haus gibt es nichts als Ärger. Erst die Reporter, die wochenlang alles belagert haben wegen dieses Fußballers, und seit der andere Sportler da lebt, dieses Geschrei.« Nun übertreibt sie. Der Typ wohnt da schon einige Zeit, aber das Kind wohl erst ein paar Tage. Zumindest sind mir vorher keine Schreie aufgefallen.
»Und der arme Junge, der eindeutig leidet.« Den Satz hätte ich mir wahrscheinlich besser verkniffen, aber ich kann es nicht.
»Der soll sich nicht so anstellen. Früher hat man so ein Theater auch nicht durchgehen lassen.«
O ja. Davon kann ich ein Lied singen. Bei der Scheidung war ich im Grundschulalter. Es ging nie darum, was das Beste für mich war, sondern immer nur um die Rechte meiner Eltern. Wie oft habe ich geweint oder gewütet, weil ich zu einem Geburtstag oder einfach zum Spielen zu einer Freundin wollte, aber nicht durfte, da es nicht in die Pläne meiner Eltern gepasst hat. Daher kann ich mich zu gut in den Jungen hineinversetzen. Der Vater muss ein ebensolches Arschloch wie meiner sein. Zwingt den Kleinen, bei ihm zu sein, um ihn dann allein zu lassen.
Kinder wie er und ich sind der einzige Grund, weshalb ich mein Studium noch nicht abgebrochen habe. Wenn ich schon Anwältin werden muss, dann will ich nicht Staranwältin oder oberste Richterin werden, sondern ins Familienrecht und dort etwas verändern. Es sollten viel mehr Anwälte für die Rechte der Kinder kämpfen und nicht dafür, dass der, der am meisten zahlt, seinen Willen durchsetzen kann.
»Denk an das Charitydinner am Wochenende. Hast du ein Kleid und einen Begleiter?«, wechselt meine Mutter nun das Thema.
Als hätte ich da jetzt Lust drauf oder Zeit dafür.
»Ich muss lernen, Mum. Kannst du nicht ohne mich da hingehen und das Geld für meine Karte einfach so spenden?« Mir ist klar, dass ich mir die Frage sparen könnte, aber versuchen muss ich es doch.
»Nein, natürlich nicht. Du hast eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber, Cara. Vergiss das nie.« Die nächsten fünf Minuten hält sie mir einen Vortrag darüber, wie privilegiert ich bin und dass ich Dankbarkeit zeigen und etwas zurückgeben soll, aber mal ganz ehrlich. Ich wäre lieber eine völlig normale Studentin und würde neben dem Studium jobben, statt in diesem goldenen Käfig zu sitzen.
»Mummy!«, kommt es schon wieder von draußen.
Auch der Kleine da drüben würde wahrscheinlich liebend gern auf das Geld verzichten, wenn er dafür zu seiner Mutter könnte.
Ich trete ans Fenster, von dem ich hinüber in den Garten blicken kann. Der ist zwar von einem zweieinhalb Meter hohen Zaun und von Hecken umgeben, aber mein Zimmer liegt im zweiten Obergeschoss. Daher kann ich alles überblicken.
Seit gestern steht dort ein Spielgerät mit Kletterturm, auf dem ein Spielhaus ist, eine Rutsche, zwei Schaukeln und gerade wird daneben von Lieferanten ein Trampolin aufgebaut. Der Vater gibt sich also immerhin Mühe, seinem Sohn ein kindgerechtes Leben zu ermöglichen. So etwas gab es hier nicht. Das hätte ja die Optik des Gartens zerstört, aber trotzdem würde der Kleine sicher lieber zu seiner Mutter gehen, als einen eigenen Spielplatz zu bekommen.
Natürlich ist mir klar, dass ich hier urteile, ohne die Umstände zu kennen, aber in so einem Fall fällt es mir echt schwer, unparteiisch zu bleiben.
Ein Auto fährt durch das Tor und hält vor dem Haus neben dem Wagen der Lieferfirma an. Aus dem Wagen steigt Tyler Doyle. Ja, spinne ich? Der gefeierte und auch verschriene Rugbyspieler ist unser neuer Nachbar? Okay, es ist irgendwie logisch, weil ja vorher sein Cousin Aaron dort gewohnt hat, der Fußballer. Den habe ich selbst allerdings nie hier gesehen, da ich ja normalerweise nicht mehr hier wohne. Aber die Männer sind mir natürlich ein Begriff. Zwei so talentierte Sportler aus einer Familie sind selten und dann kam man in den letzten Monaten ja kaum um die Schlagzeilen herum. Partys, Frauen und Prügeleien. Sogar zwischen den beiden Cousins. Auch dabei ging es wohl um eine Frau. Aber von einem Kind war nie irgendwo die Rede gewesen. Oder habe ich etwas verpasst? Der größte Sportfan bin ich ja nicht, obwohl ich die Gesichter der Sportler aus den Medien kenne.
Vielleicht ist er auch nur zu Besuch. Wobei ich das Auto in den letzten Tagen schon öfter gesehen habe. Als wieder das Rufen des Kindes zu hören ist, bleibt Tyler stehen und es sieht fast so aus, als würde er den Kopf hängen lassen, aber dann strafft sich seine Haltung und er geht schnellen Schrittes ins Haus.
Die Babysitterin steht schon im Wohnzimmer und hat ihre Tasche über der Schulter, als ich den Raum betrete.
»Wie lief es?«, frage ich und halte sie kurz auf. Wahrscheinlich nicht gut, wenn ich den Kleinen so schreien höre.
»Ich muss echt los. Geben Sie mir mein Geld?« Sie senkt den Blick und ich bin mir sicher, dass es gar nicht gut war.
Seufzend ziehe ich meine Geldbörse heraus und drücke ihr fünfzig Euro in die Hand.
»Kannst du die Woche noch …« Ihr Kopfschütteln sehe ich schon, bevor ich den Satz beenden kann, und breche daher ab.
»Sorry, ich babysitte gern, aber mit Sean komme ich nicht zurecht. Er agiert nicht mit mir und schreit ständig nach seiner Mutter. Das bringt niemandem etwas.« Den Vorwurf in ihrer Stimme höre ich genau, aber ich ignoriere ihn.
Wahrscheinlich denkt sie, ich soll den Kleinen einfach wieder zu seiner Mutter bringen und ganz ehrlich, wenn das möglich wäre, würde ich es tun.
Aber Aisling ist hirntot, oder auch schon für immer von uns gegangen, ich weiß nicht, ob mein Besuch heute etwas ändern konnte. Jedenfalls wird sie ihren Sohn nie wieder trösten können. Aber wie erklärt man das einem Vierjährigen? Ich bin völlig überfordert und obwohl das Jugendamt als auch ich Druck machen, kann ich bisher keinen Platz bei einem Therapeuten für Sean bekommen. Irgendwie habe ich das Gefühl, einfach nichts zu schaffen. Dabei bin ich innerhalb von zwei Wochen von meinem Loft in das Haus gezogen, das ich meinem Cousin abgekauft habe. Ich habe es geschafft, eine Haushälterin zu finden, damit wir nicht im Dreck ersticken werden, da Haushalt oder gar Kochen nicht zu meinen Stärken gehört. Es gibt ein Kinderzimmer für Sean mit allem, was das Kinderherz begehrt, ein Spielgerüst für den Garten, das er gleich bekommen wird …
»Schon gut. Danke für deine Arbeit. Wir werden dann jetzt seinen Geburtstag feiern.« Wenn man es denn feiern nennen kann. »Wo ist er?« Eigentlich brauche ich nicht zu fragen, schließlich habe ich ihn gerade noch schreien gehört.
»In seinem Zimmer. Er weigert sich, sich umzuziehen, etwas zu essen und auch zu spielen. Der Junge braucht keinen Babysitter …« Sie sagt nicht mehr, was er ihrer Meinung nach braucht, sondern geht endlich. Fuck. Dabei hatte ich beim Vorstellungsgespräch so ein gutes Gefühl bei ihr gehabt. Sie studiert Pädagogik, kann ich da nicht etwas Einfühlungsvermögen von ihr erwarten?
Warum hat sie dann kein Verständnis für Sean? Es ist hier alles noch völlig fremd für ihn. Schließlich durfte ich ihn erst gestern, nach einem wochenlangen Kampf mitnehmen. Aber obwohl ich im Vorfeld versucht habe, alles zu organisieren, läuft es noch nicht so. Die Nanny, die ich einstellen wollte, hat in letzter Minute abgesagt und die Babysitterin wird wohl kein zweites Mal kommen. Ich brauche eine feste Bezugsperson für ihn und das so schnell wie möglich. Schließlich geht die Rugbysaison bald richtig los und das über den ganzen Winter bis ins Frühjahr und ich benötige eine Betreuung für ihn, wenn ich im Training bin und erst recht bei den Auswärtsspielen.
Bevor ich mich aber um eine neue Nanny kümmern kann, ist mein Sohn dran. Mich kennt er wenigstens ein bisschen von den Besuchen im Heim. Also laufe ich die Treppe hinauf und direkt in Seans Zimmer hinein.
»Hey, Sean, ich bin wieder da. Jetzt können wir deinen Geburtstag feiern. Bist du gespannt auf die Geschenke? Vier Jahre schon. Das ist richtig cool.« Obwohl ich versuche, total fröhlich zu klingen, gelingt es mir nicht wirklich.
Sean sitzt auf seinem Bett, hält das Foto seiner Mutter in der Hand, sieht kaum auf und reagiert auch nicht groß auf mich. Erst als ich zu ihm laufe und neben ihm in die Hocke gehe, schaut er kurz zu mir. In seinen Augen stehen Tränen und es bricht mir das Herz, von dem ich bisher dachte, dass ich es gar nicht besitze.
»Ich will zu meiner Mummy!«, jammert er und mein Herz bricht noch weiter. Das Schicksal ist manchmal ein Arschloch und seins ganz besonders.
Auf einmal merke ich, was ich für ein Riesenidiot war in den letzten Jahren. Es wäre meine Pflicht gewesen, für Sean da zu sein, aber ich habe mir immer eingeredet, dass es besser für ihn ist, mich nicht zu kennen. Schließlich hatte er eine Mutter, die sich hervorragend um ihn gekümmert hat, im Gegensatz zu meiner eigenen früher. Aber in meinem Leben gab es andere Menschen, die immer für mich da waren. Sean hatte nur Aisling und die ist nun weg und kann niemals zurückkommen. Wie soll er je darüber hinwegkommen?
»Darf ich dich umarmen?«, frage ich. Denn ich weiß, wie mies es ist, wenn ein Fremder einen einfach in den Arm nehmen will und das bin ich für Sean ja immer noch. Ein Fremder, obwohl ich sein Vater bin. Aber was für ein mieser Vater, vor ein paar Monaten habe ich ihn das erste Mal gesehen und seitdem durfte ich ihn sechsmal besuchen, bis vor ein paar Tagen der Anruf kam, dass Sean nun zu mir ziehen darf.
Vorher habe ich zwar brav gezahlt und ab und zu hat Aisling mir ein Foto geschickt, aber ich habe ihn nicht ein einziges Mal gesehen, weil wir beide das besser fanden. Aisling konnte durch den Unterhalt ihr Studium beenden und danach Teilzeit arbeiten und ich? Tja, ich habe dafür gesorgt, dass weder meine damalige Freundin Mailin noch meine Familie von meinem Seitensprung erfahren haben. Win-win dachte ich lange. Bis jetzt, denn nun sitzt hier ein Vierjähriger, der seine einzige Bezugsperson verliert.
Aisling hat im Homeoffice gearbeitet und Sean fast allein betreut. Ihre Eltern sind strenge Katholiken und haben ihr nie verziehen, dass sie unverheiratet schwanger geworden ist und das Kind auch noch behalten hat. Daher hat Sean niemanden außer den Erzieherinnen aus der Vorschule, die jetzt aber natürlich nicht einspringen können, da sie in Dublin sind. Und er dort nicht mehr war, seit er in die Pflegeeinrichtung gekommen ist.
Sean schüttelt den Kopf, also bleibe ich neben ihm sitzen. Meine Mutter war auch alleinerziehend, hatte aber ständig wechselnde Freunde und ich habe es als Kind gehasst, wenn die mich einfach angefasst haben. Daher habe ich mir selbst geschworen, als ich Sean abgeholt habe, dass ich ihn immer fragen werde, ob Berührungen in Ordnung sind.
»Ich bin für dich da, wenn du es möchtest, aber du musst nichts tun, was du nicht willst.«
»Ich will zu Mummy«, sagt er wieder.
Fuck. Nun kämpfe ich echt mit den Tränen. Ich weiß ja nicht mal, ob seine Mutter überhaupt noch lebt. Sie ist hirntot, so viel steht fest, aber ich wollte um jeden Preis verhindern, dass Aislings Eltern heute die Maschinen abstellen lassen. Er wird seinen Geburtstag doch nie glücklich feiern können, wenn es gleichzeitig ihr Todestag ist.
»Ich weiß, Sean, und wenn sie könnte, würde sie zu dir kommen. Aber deine Mama hatte einen Unfall und liegt im Krankenhaus.« Das habe ich ihm schon öfter erklärt, doch was soll ich sonst sagen? Dass ich so verdammt froh bin, dass er im Kindergarten war und nicht mit im Auto gesessen hat? Das stimmt, hilft ihm allerdings wirklich nicht weiter. »Aber ich habe ein Geschenk für dich organisiert. Schließlich ist ja dein Geburtstag und nachher kommt meine Familie vorbei, um dich kennenzulernen und mit dir zu feiern. Da gibt es dann auch Kuchen und Eis.«
Die Begeisterung bleibt wie zu erwarten aus, aber immerhin hebt Sean den Kopf und sieht mich mit diesen traurigen grünen Augen an, die er von ihr geerbt hat. Dann nickt er und erhebt sich. Als er nach meiner Hand greift, schmilzt mein Herz für diesen kleinen Kerl. Vielleicht wird der Tag doch keine völlige Katastrophe. Zumindest ist er aktuell ruhig, und dass er meine Nähe sucht, werte ich nun als gutes Zeichen. Denn das brauche ich jetzt, im Moment fühle ich mich einfach mit allem völlig überfordert.
Genervt sitze ich in dem bequemen Sessel und lasse die Make-up-Artistin ihre Arbeit machen. Meine Mutter hat natürlich nicht nachgegeben und zwingt mich, zu dem Charity-Event zu gehen, obwohl ich lieber lernen würde.
»Sie sehen umwerfend aus, Miss Costello. Augen auf.«
Das Gesicht im Spiegel ist mir fremd, aber ich lächle brav und bedanke mich. Schließlich macht die Frau nur ihren Job und kann nichts dafür, dass ich so gar keine Lust habe, heute Abend zu diesem Dinner zu gehen und mich dafür regelrecht verkleide. »Kann ich dann aufstehen?«
»Natürlich.« Sie knickst und geht endlich. Warum zum Teufel knickst diese Frau vor mir? Ich bin nichts weiter als eine Studentin, die durch die Prüfung fallen wird. Zumindest kommt es mir heute so vor. Ich hänge beim Lernen total hinterher, mein Kopf schmerzt und ich habe das Gefühl, dass es völlig umsonst ist. Ich lerne und lerne, aber es bleibt einfach nichts hängen und dieser Abend kostet mich zusätzliche Zeit. Alles für die Tiere oder sind es Kinder? Obdachlose? Ach zum Teufel, ich habe absolut keine Ahnung, wofür diese Charity-Veranstaltung heute überhaupt ist.
Meine Mutter hält es ja nicht für nötig, mir das mitzuteilen. Bis vorhin hat sie sowieso nur von einem Dinner gesprochen, da hatte ich noch gehofft, dass ich die Sache nach spätestens zwei Stunden hinter mir habe. Ha. Von wegen! Das Ganze ist eine abendfüllende Veranstaltung mit Essen, Versteigerung und anschließendem Tanz. Jetzt ist es knapp sechs Uhr abends und wir fahren gleich los. Statt wie gehofft spätestens um neun Uhr wieder hier zu sein, wird es nun eher Mitternacht oder noch später.
Mein Telefon klingelt, natürlich meine Mutter.
»Ja?«
»Cara? Wir wollen los, bist du so weit?« Ihre Stimme ist betont leise und ich muss ein Lachen unterdrücken. Sind wir allein, schreit sie auch mal so laut, dass man es durchs gesamte Haus hört. Obwohl sie immer so vornehm tut, hat sie ein ganz schönes Organ. Aber das würde sie natürlich nie vor anderen tun. Der Schein ist ihr unheimlich wichtig.
»Bin sofort da«, antworte ich, greife nach meiner Clutch und gehe langsam die Treppe hinunter zu ihr und ihrer heutigen Begleitung. Es ist ein bekannter Geschäftsmann aus Waterford. Frederik O´Brynn, ihm gehört die O´Brynn Destillerie, die größte Whiskeybrennerei der Stadt. Der Kerl ist so widerlich, ich kann ihn nicht ausstehen. Aber das darf ich mir nicht anmerken lassen.
Natürlich begrüße ich ihn trotzdem mit der angemessenen Höflichkeit, obwohl der Arsch auf meine Oberweite glotzt. Wie kann meine Mutter das nicht sehen und falls sie es sieht, warum tut sie dann nichts dagegen?
»Mein Fahrer wartet draußen. Kommen Sie, meine Damen. Es ist mir eine Ehre, gleich zwei so wunderschöne Begleiterinnen zu haben.« Er tut zwar sehr höflich, aber das hindert ihn nicht daran, mich weiter zu begaffen, während er meiner Mutter den Arm reicht und sie hinausführt.
Schon jetzt bereue ich es, mir keinen Begleiter gesucht zu haben, dann hätte ich es verhindern können, mit ihm fahren zu müssen. Als wir aus dem Haus treten, geht das Tor nebenan auf und ein Wagen fährt heraus.
»Ach, kommt der Junge doch. Das freut mich, ich habe ihm auch Konsequenzen angedroht, wenn er sich drückt«, kommentiert O´Brynn und grinst dämlich. »Er wollte tatsächlich wegen seines Balgs absagen.«
»Frederik, wir fahren zu einer Gala vom Kinderschutzbund, da solltest du nicht so sprechen«, tadelt meine Mutter ihn sanft.
Wie kann sie nur so freundlich bleiben? Ich muss mir fest auf die Lippe beißen, um nicht etwas Unhöfliches zu sagen. Stattdessen frage ich nach. »Sie kennen Doyle wohl näher?«
»Ja, beide Cousins gehören zu meinen Bekannten und Schützlingen, ohne mich würden die Sportler nicht so gut verdienen.« Er lacht und ich höre den Stolz in seinen Worten, der mich irgendwie ankotzt. Es gibt ja wohl viel Wichtigeres, als Sportler zu unterstützen. Aber wenn man das Geld für arme Kinder spendet, statt die reichen Stars zu sponsern, verdient man mit der Publicity wohl nicht so viel. »Aber sie sind schwierig und nicht gut fürs Geschäft. Ich hab sowohl den Waterford Shamrocks als auch den Waterford Devils schon mit einer Kündigung der Sponsorenverträge gedroht, wenn sie die beiden nicht unter Kontrolle bekommen. Diese öffentliche Prügelei vor Kurzem ging eindeutig zu weit und nun hat Tyler Doyle sich auch noch beurlauben lassen, weil er seinen Sohn zu sich genommen hat, von dem bisher niemand wusste. Was für ein Theater wegen eines Kindes.«
Mir wird ganz anders, wenn ich an die Schreie des Jungen denke. Warum hat Tyler Doyle das arme Kind von seiner Mutter getrennt? Falls ich ihn heute treffe, werde ich ihm definitiv die Meinung sagen. Beziehungsprobleme und Streit mit der Ex kann man doch nicht auf dem Rücken eines Kindes austragen. Obwohl ich ihn noch nie gesehen habe, wird er mir immer unsympathischer. Erst prügelt er sich mit seinem Cousin um eine Frau und jetzt das. Der Kerl kann nur ein Arschloch sein. Aber da passt er ja zu seinem Sponsor.
Die Fahrt zum ›Castle Hotel und Golf Resort‹, in dem das heutige Event stattfindet, dauert für meinen Geschmack viel zu lange. Vor allem, weil wir mit der privaten Fähre zu der kleinen Insel, auf der das Resort liegt, übersetzen müssen. Noch mehr Zeit auf engstem Raum mit diesem Widerling.
O´Brynn und meine Mutter sprechen über jede Menge Leute, von denen ich die meisten nicht kenne, und die wenigen, die ich kenne, interessieren mich nicht. Meine Sehnsucht nach meinem Studentenzimmer in Dublin wächst. Dort hatte ich zwar keinen Luxus, aber meine Ruhe.
Endlich sind wir da. Ein livrierter Angestellter öffnet mir die Autotür und ich steige erleichtert aus. Zurück werde ich mir ein Taxi nehmen, nur damit ich von O´Brynn wegkomme. Hoffentlich muss ich nicht mit meiner Mutter und ihm an einem Tisch sitzen, aber wahrscheinlich bleibt mir auch das nicht erspart.
Am Eingang werden wir vom nächsten Angestellten begrüßt, der unsere Namen auf einer langen Liste abhakt. »Sind Sie bei der Junggesellenauktion dabei, Miss Costello? Dieses Jahr versteigern wir sowohl die männlichen als auch die weiblichen Junggesellen.« Der Mann strahlt mich an und noch bevor ich ablehnen kann, stimmt meine Mutter zu.
»Aber selbstverständlich. Das wird ein Spaß.«
›Es ist für den guten Zweck. Es ist für den guten Zweck. Es ist für den guten Zweck‹, bete ich mir innerlich vor, um nicht laut zu schreien. Ein Spaß wird das sicher nicht, wahrscheinlich ersteigert mich irgend so ein schmieriger Kerl wie O´Brynn und ich muss dann einen Abend mit dem Arsch verbringen. Danke für nichts, Mum.
»Wir haben die Tischordnung ausgelost. Da für Sie kein Begleiter auf der Liste steht, haben wir Ihnen einen Tischherren zugelost, der mit Ihnen am Vierertisch sitzt.« Der Kerl strahlt mich schon wieder ein. Was erwartet er? Dass ich ihm danke? Da ich nichts sage, fährt er fort. »Sie sitzen mit Mr. Evans zusammen. Luca Evans, den kennen Sie bestimmt.«
»Der Eishockeyspieler? Das ist ein Engländer«, mischt O´Brynn sich ein. Seine Stimme klingt, als wäre seine Herkunft ein Verbrechen. Ist ja klar, dass er ihn kennt. Die O´Brynn Destillerie sponsort alle größeren Mannschaften der Stadt, nicht nur die Fußball- und Rugbymannschaften der Doyle Cousins.
Um nicht so negativ zu klingen, lächle ich den Angestellten an und bedanke mich. Was soll ich auch sonst tun? Er macht ja nur seinen Job.
In diesem Moment stellt sich jemand hinter uns. Automatisch drehe ich mich um und sehe in die grünen Augen von Tyler Doyle. Dem Mann, der mich gedanklich so viel beschäftigt, obwohl ich ihn gar nicht kenne und auch nicht kennenlernen will.
Aber irgendetwas ist da, etwas wie eine magische Verbindung, die ich mir nicht erklären kann. Einen Moment lang schauen wir uns einfach nur an und ich versinke regelrecht in seinem Blick. Da liegt eine Traurigkeit in seinen Augen, die mich irgendwie fasziniert. Aber bevor ich noch etwas sagen kann, stößt meine Mutter mich an und unterbricht diesen Augenblick zum Glück. Was habe ich heute nur für seltsame Gedanken?
»Komm, Cara.«
»O Tyler, gut, dass du da bist. Ich will dich nachher sehen. Ist dein Cousin auch schon da?«, mischt O´Brynn sich ein, bevor wir gehen können.
»Das weiß ich nicht. Er und Mailin werden aber auf jeden Fall kommen.« Tyler setzt ein Lächeln auf, das absolut nicht echt wirkt.
Das Gespräch hätte ich gern weiter verfolgt, aber meine Mutter führt mich in den Saal, der mit einigen runden Tischen bestückt ist, an denen immer vier Personen Platz finden. Über jedem Tisch hängt ein Kronleuchter und sie sind edel eingedeckt. Man sieht, dass hier alles für die reichsten Leute der Stadt und Umgebung vorbereitet ist. Wie immer habe ich das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Obwohl ich in diese Welt hineingeboren wurde, finde ich mich doch nicht darin zurecht. Warum spendet man das Geld, das diese ganze Veranstaltung kostet, nicht einfach zusätzlich? Damit wäre so viel mehr geholfen.
Ausgerechnet Frederik O´Brynn gleich am Eingang zu treffen, verdirbt mir den Abend noch mehr als sowieso schon. Der Arsch hat darauf bestanden, dass all seine ›Goldjungs‹ – seine Worte – hier erscheinen. Er sponsert mit O´Brynn Destillerie die vier großen Sportvereine der Stadt. Aus jedem der Teams sind heute Leute hier und müssen nachher bei der Junggesellenversteigerung gute Miene zum bösen Spiel machen und sich für den guten Zweck versteigern lassen. Wobei er das Wort Junggesellen sehr großzügig ausgelegt hat, denn er hat auch Aaron dazu verdammt, der mit Mailin eine glückliche Beziehung führt. Zumindest glaube ich das und zum ersten Mal versetzt es mir nicht einmal einen Stich, daran zu denken.
Ja, ich wollte Mailin noch vor ein paar Wochen zurück, doch im Grunde eher, damit sie mir hilft, mein Leben zu ordnen – denn darin ist sie großartig – und nicht, weil ich sie noch liebe. Ich weiß sowieso nicht, ob ich lieben kann. Liebe ist so ein großes Wort, aber was bedeutet es eigentlich?
