Dschungelfieber - Christian Moser-Sollmann - E-Book

Dschungelfieber E-Book

Christian Moser-Sollmann

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Beschreibung

Eine gut gelaunte Zeitreise in die Neunzigerjahre ohne Sperrstunden, Rauchverbot und neue Nüchternheit. Im Rhythmus der Nacht erzählt, durchleben die Partyhelden alle Phasen einer gelungenen Ausschweifung.

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2025

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CHRISTIAN MOSER-SOLLMANN

Liebt Popmusik seit Falco, Supermax und Disco. Arbeitete als DJ, Clubbingveranstalter und Musikjournalist, bevor er erwachsen wurde. Lebt und arbeitet als Autor und Wissenschaftler in Wien. Promovierte in London zur Ästhetik der Popkultur und will seitdem Swinging London in Wien beheimaten. Aktuelle Publikation: Noble Lügen, Milena 2024; der Roman war Ö1 Buch des Monats.

Für Elke (†), Oliver (†), Xandi (†), Matzgo (†), Werner Geier (†), Hans Kulisch (†), Bertl, Bertram, Bern:ie, Kathi, Kathl, Katharina, Bernd, Hiu, Jelena, Becci, Esther von der Angewandten, Yvonne, das Original Riot Grrrl, Ella, Herbie, Hans Wu, Chris Hessle, Villacher Harry, Lienzer Harry, Andi, Natalie, Macka B, Roli, Anton Waldt, Robert Stadler, Hannes Winkler, Lothar K., Sturmi, Alexander Bunf, Markus (Max), Markus Groover Staudinger, Herwig, Martin Shoreditch Sticksl, Wolfgang I-Wolf, Max aus Kufstein, Max aus Hietzing, L.X., Thomas Tesar, Johannes D. , Peter Steinberger, Michaela, Ki von der Nordtribüne, Edith, Sonia, Fuxl, Olli, Nena, Hirsch, Gömml, Breiti, Axel Zuzek, Axel Stockburger, René, Peda, Seppi Habaraz, Lydia, Astrid, Eymen, Gabi, Heiner, Clee, Tina 303, Bertl, Tom Koch, Smashie , Eva, Reeno Reluv, Fritz P. Plöckinger, Samir H. Köck, DJ Geb.el, Onkel Werner, Onkel Bernhard (Volksgarten Pavillon represent), Heidi, Marina, Gerana, Pure, Sushi, Betty, Susanna, Su, Ozlem, Goran, Milk Posse Mannheim, Dejan, Nikolai, Parsia, Oliver Tepel, Martin P. , Mischa Z., Eva U., Geraldine, Cherry, Marion aus Amstetten, Marion aus Linz, Janina, Sebi, Demian, Hakan und all die anderen reinen Feierseelen.

Geht man davon aus, dass der Verlauf dieser Nacht von bewussten Entscheidungen bestimmt war, kommt dabei eine Lebenshaltung zum Vorschein, die von einem Totalausfall von Struktur und Disziplin, von einer alles durchdringenden Selbstbezogenheit, von absoluter Verantwortungslosigkeit und einem vollständigen Mangel an Selbstkontrolle nicht nur geprägt, sondern geradezu verkörpert wird.

Hunter S. Thompson

INHALT

Welteroberungspläne in der Vorlesung

Der Gründungskonvent

Countdown bis zur Stunde null

Weniger Gäste als im Hörsaal 33

Raven auf plus acht

Peak Time

Ein Held namens Gerald

Unter Models

Auf Touren

Sackgassen, Kälteschock und Nachhilfestunden

Neue Medizin

Verpflichtungen, Eifersucht und Leere

Bereit für die Uni

Lektüreschlüssel zum Clubkultur-Idiom der Neunziger

15 Jungle und Drum & Bass-Platten für die Ewigkeit

Nachwort des Autors

Christian Moser-Sollmann bei Milena

Welteroberungspläne in der Vorlesung

»Lass uns einen Club gründen. Die Clubkultur in Wien ist so was von hinig und tot. Wir gehen dauernd aus, aber meistens ist es langweilig. Irgendwas fehlt. Dieser Wiener Kaffeehaussound ist zum Einschlafen. Und die ganzen Techno-Deppen, die herumzappeln und MDMA fressen, nur um die Musik überhaupt zu ertragen. Smash, Wien fehlt ein guter Club«, schlug Mao seinem Studienfreund vor, mit dem er auch beim Radiosender FM4 arbeitete. »Wann, wenn nicht jetzt?«

Maos Träumereien besaßen keinerlei Schnittmenge mit der Wirklichkeit. Er war aufgekratzt. »Keiner von uns kann auflegen, wir sind keine DJs«, schwächte Smash die neueste Kopfgeburt Maos ab. »Wir haben kein Geld und kennen keine Clubbesitzer.«

»Sei nicht so negativ. Wer eine Party will, muss sie selbst machen. Es ist völlig egal, ob wir auflegen können. Niemand kann das in Wien. Wir gründen direkt aus dem Vorlesungssaal heraus ein Soundsystem. So wie Bill Gates in seiner Garage Microsoft gegründet hat. Und wir spielen frische Musik. Keinen Techno, keinen lahmen Downbeat, keinen Trip-Hop, nur Breakbeats. Jungle und Drum & Bass, was wir eben auch im Radio abfeiern. Das wird ein Selbstläufer.«

»Ist dir Schlaumeier schon aufgefallen, dass wir nicht mal auf unserem Sender eine eigene Sendung bekommen? Wir dürfen nur bei der Nachwuchsschiene für fünfzehn Minuten ran – und das erst um 1 Uhr in der Früh. Da schlafen die Leute oder feiern, aber um diese Zeit hört niemand Radio. Unser Vorschlag für eine eigene Show ist mehrfach abgelehnt worden, weil unser Boss kein kommerzielles Potenzial sieht. Du denkst viel zu nischig. Sogar für unseren Spartensender. Die breite Masse mag lieber Gitarrenmusik und Techno, sagt Mischa.«

»Umso besser. Wenn noch keiner unsere Musik kennt, sind wir Pioniere. Vorreiter. Revolutionäre. Verstehst du? Wir siedeln London in Wien an und schreiben Geschichte. Wir sind jung und wissen, was die Jugend denkt. Die Entscheidungsträger in unserem Sender sind alle uralt, 35 oder 38 Jahre, so genau weiß ich das nicht. Und weil die hochbetagt sind, begreifen die nichts mehr. Die sind aus einer anderen Ära. Unsere Bosse warten doch nur auf ihre Pension, geistig sind sie längst dort, heimlich hören die bestimmt alle Bob Dylan. Wir aber nicht. Ich hasse diesen Langweiler. Lass uns bitte ein fettes Soundsystem gründen.«

Maos Spinnereien beeindruckten Smash nicht. Die beiden Freunde arbeiteten seit einem Jahr beim besten Jugendradio Österreichs. Kurz vorher hatte der besonnene Smash seinen zappeligen Freund bei einer Vorlesung kennengelernt. Seitdem waren die zwei ein unzertrennliches Gespann. Gemeinsam lernten sie. Gemeinsam feierten sie. Gemeinsam hatten sie sich auf gut Glück beim Radio beworben. Die Bosse fanden sie schräg und engagierten sie als Redakteure bei Österreichs führendem Radio für alternative Musik, FM4.

»Feste Freie« war die exakte Bezeichnung ihres Arbeitsverhältnisses. Als Reporter verdienten sie für Dreiundzwanzigjährige auch bei durchschnittlichem Fleiß überdurchschnittlich viel. Für einen dreiminütigen Beitrag kassierten sie satte tausend Schilling. Obwohl sie faul waren, schafften sie im Monat locker acht Beiträge. Radioarbeit war der perfekte Studentenjob. Keiner im Sender begann vor halb zwölf zu arbeiten. Neben dem Lernen und dem Journalistenleben fehlte aber laut Mao noch immer ein alles entscheidender Puzzlestein zum perfekten Leben: eine eigene Partyreihe. Allein traute er sich nicht, weshalb er seinen bodenständigeren Freund anbettelte und von seiner neuesten Idee vorschwärmte. Sein Kumpel war besser im Vernetzen und Organisieren. Eine eigene Clubnacht würde ihr Leben krönen. Noch war ihr Leben nicht gänzlich perfekt. Bei den Vorlesungen langweilten sich die Freunde regelmäßig. Ihre Professoren lehrten mit Vorliebe veraltete sozialwissenschaftliche Theorien aus den 1970er-Jahren. Die vom Weltenlauf längst widerlegte Irrlehre des sozialen Interaktionismus ertrugen die zwei Soziologiestudenten nur mit Tagträumereien.

Im stickigen Hörsaal 33 der Hauptuniversität war es heiß wie um drei Uhr morgens am Tanzflur. Diese Hitze verunmöglichte strukturiertes Denken und der Vortragende sprach viel zu leise. Smash tropfte der Schweiß von der Stirn und er trank einen Zug aus seiner Wasserflasche. Die Sonne brannte direkt durch das Dachfenster, es war wärmer als im Schönbrunner Palmenhaus. Smash war von der Hitze, den Spinnereien Maos und den Thesen des Vortragenden gleichermaßen genervt. »Ich verstehe den Sinn des symbolischen Interaktionismus einfach nicht. Was soll das heißen, die Informationen des Gesprächspartners sind richtig zu interpretieren?«

»Das heißt, du solltest meiner Idee eine Chance geben und nicht alles gleich von vornherein abwürgen.«

Der Frühsommer 1996 hatte mehr zu bieten als veraltete soziologische Theorien, die ihre Lebenswelt nicht mehr richtig erklären konnten. Als George Herbert Mead seine Thesen entwickelt hatte, gab es weder Clubs noch die Ravekultur. Clubbings waren ohne Zweifel die wichtigste Erfindung ihrer Generation! Die Schockwellen dieser Jugendkultur waren nur vergleichbar mit der Erfindung der elektrischen Gitarre im Jahr 1932, klugscheißerte Mao. In England tanzten bereits Hunderttausende zu Breakbeats. Das müsste auch im verschlafenen Wien möglich sein.

Sie hatten einen Auftrag zu erfüllen. »Du musst positiv denken, Smash. Du denkst noch immer wie ein Oberösterreicher, rein vom Habitus her, wie das unser Professor Riedmann hochgestochen nennt. Was soll groß passieren? Wir gehen jetzt schon viermal pro Woche aus. Und was verleiht einem Musikjournalisten mehr Glaubwürdigkeit als ein eigener Club? Das wird auch unser Standing beim Sender heben. Verdienen müssen wir nichts. Wir können gratis trinken, kiffen und zu der Musik tanzen, die uns gefällt. Wenn was schiefgeht, studieren wir wieder weiter. Der Schwachkopf da vorne liest seinen Unsinn sicher auch noch in Jahren aus seinem Skript unverändert vor, das schwör’ ich dir.«

Mao referierte über seinen Sehnsuchtsort und langsam verfestigte sich auch bei Smash ein Bild: große Bassboxen, wenig Beleuchtung, eine dunkle Tanzfläche, höchstens ein Stroboskoplicht, eine lange Bar mit leistbarem Bier und Wodka, dazu Joints und tanzende Mädchen – fertig war der Clubhimmel. Seriöse Clubs waren in Wien tatsächlich Mangelware, grübelte Smash. Hatte sein Tausendsassafreund eine Marktlücke entdeckt? Als Musikjournalisten gingen sie in Erfüllung ihrer berufsständischen Pflichten oft aus und kannten den traurigen Istzustand zur Genüge. Was sie bislang erlebt hatten, war höflich formuliert ausbaufähig. Der vorherrschende Gemütszustand war Langeweile. Die Bundeshauptstadt befand sich in einem immerwährenden Dämmerzustand. Die Wiener gingen mehr aus Pflicht und Gewohnheit denn aus innerer Begeisterung aus. War man auf einer Party, wartete man vergeblich auf Höhepunkte. Rumstehen und Bierholen waren Standard, gelegentliches Mädchen-Anquatschen und -Kennenlernen rare, viel zu seltene Höhepunkte. Die Wiener Partygeher verwechselten Langeweile mit Coolness. Dabei waren Tanzen, Kiffen und Saufen viel schöner. Nur wusste das hier noch niemand. Die Zeit war gekommen, ihre Stadt wach zu küssen. Ein Zeitfenster öffnete sich.

In der lokalen Partyszene war Potenzial vorhanden. Wie Smash und Mao aus der sorgfältigen Lektüre englischer Magazine wie Jockey Slut, Q , Select, Mixmag, DJ Mag, Straight no Chaser und Muzik wussten, fluteten tanzende, schwitzende Menschen die Tanzflure Englands. Smash und Mao wollten jene sagenumwobene Gemeinschaft nachbauen, die in England längst Wirklichkeit geworden war. In London und Bristol erfanden Visionäre wie Goldie und A Guy Called Gerald die populäre Musik gerade neu. Und zum ersten Mal in ihrem Leben waren sie nicht zu spät dran. Für Hip-Hop, Techno und House waren Smash und Mao zu jung, aber im Sommer 1996 wurden von der Insel ausgehend die Karten neu gemischt und sie waren bereit ihr Blatt auszuspielen.

UK Breakbeat, Hardcore, Jungle, Drum & Bass – ständig hörten die beiden Namen, die sie weder verstanden noch einordnen konnten. Wie auch? Die wichtigsten Platten schafften es nicht nach Wien, geschweige denn zu ihnen – trotz erstklassiger Kontakte zu den Verkäufern im Black Market, dem unbestreitbar bestsortierten Plattenladen der Stadt. Dort arbeitete ein Freund von Smash und reservierte ihnen die wichtigsten Neuerscheinungen in einem eigenen Fach. Wenn sie etwas wollten, bekamen sie es gleich nach den lokalen Platzhirschen Kruder und Dorfmeister. Aber selbst dieser Startvorteil relativierte sich. Das Black Market war der Szenetreffpunkt älterer Herren. Die Tastemaker dort liebten nach wie vor Acid Jazz, House, Downbeat und Techno und standen Breakbeats reserviert bis ablehnend gegenüber. Aber es gab keine Alternative zum Black Market. Und Platten eigenhändig zu importieren, war zu teuer. Also mussten sie um jede Scheibe kämpfen. Dass in London eine Revolution stattfand, predigten Smash und Mao wöchentlich, aber ihre Brandreden kümmerten die Verkäufer wenig. Lieber tauschten sie Darkroomstorys aus oder schwärmten von der Lack-und-Leder-Themenparty beim letzten Happy. Die Verkäufer hatten nicht unrecht, etwas Besseres als Schwulenpartys bot Wien augenblicklich nicht.

Es half nichts. Geile Partys fielen nicht vom Himmel; wenn sie eine wollten, mussten sie selber ran.

Ihr Lieblingslehrer, Privatdozent Jung, hatte ihnen bereits im ersten Semester im Rahmen ihres Propädeutikums den für Nachwuchssoziologen wichtigsten Satz ins Hirn gehämmert: Der einzige Weg zur Erkenntnis war der radikale Selbstversuch. Hinter dem Fremdwort Empirie versteckte sich nicht mehr, als alles einfach selbst auszuprobieren. Jung nannte diese Methode Autogenese und ermutigte sie, in der Wissenschaft ihrem Instinkt und Herz zu folgen. Wollten sie redliche und tüchtige Soziologen werden, mussten sie ins Feld. Was Jung sagte, klang gut, auch wenn sie es nicht immer ganz verstanden. Aber so wie Smash und Mao Jungs Satz auffassten, mussten sie alles selbst erforschen und durften sich nicht mit reiner Lektüre und den vorgekauten Weisheiten der Lehrstuhlinhaber zufriedengeben. Niemand half ihnen. Und sie waren blutige Anfänger. Über Lebensstile nur zu lesen, anstatt sie selbst zu erfinden, fühlte sich falsch an. Vielleicht entdeckten sie als Partyveranstalter Wahrheiten, die sich ihnen bei der Lektüre soziologischer Klassiker bisher nicht erschlossen hatten. Partyorganisation konnte so betrachtet als teilnehmende Beobachtung und angewandte Soziologie schöngeredet werden, fand Mao.

Niemand an ihrem verschlafenen Institut beforschte das Brachland Clubkultur. »Für Jungsoziologen ist es so gesehen eigentlich Pflicht, einen Club zu gründen«, untermauerte Mao seinen Standpunkt.« Wir könnten Jungle und Drum & Bass in Wien eine neue Heimat geben. Wir haben einen geilen Job und unser Boss rechnet langfristig mit uns. Das sagt Mischa doch bei jeder Redaktionssitzung. Ob wir unser Studium mit 25 oder 35 Jahren beenden, ist ihm egal. Musikredakteur zu sein war immer unser Traumjob. Früher habe ich noch von einer Professur geträumt, aber hör dir Riedmann da vorne an. Der kaut nur Vorgedachtes wieder. Solange ich Stipendium bekomme, studiere ich sicher weiter. Aber solange wir jung sind, müssen wir auch etwas Sinnvolles machen. Wenn selbst der Jagerhofer den Aufstieg zum Clubbing-König schaffte – und der hat keine Ahnung von Musik –, werden wir eben die Undergroundkings von Wien. Ich sehe unseren Club schon deutlich vor mir. Bei uns gibt es keine Türsteher, keinen VIP-Bereich, keine überteuerten Getränke. Der Eintritt muss billig sein. Nicht mehr als fünfzig Schilling. Es ist Zeit, etwas zu erschaffen, wovon du später deinen Enkeln erzählen wirst wie dir dein Opa von den Rolling Stones, Petula Clark und den Bambis. Wir entwerfen unseren eigenen kleinen Mikrokosmos. Wie Andy Warhol mit seiner Factory! Kunststudenten, Psychologiestudenten, Germanisten, Handwerker, Magersüchtige, Models, Eckensteher und Musikliebhaber, wir geben allen Suchenden eine Heimat. Schließ deine Augen und stell dir vor, wie unser Club aussehen könnte. Ich wollte bis heute nie Veranstalter werden, aber die Umstände zwingen uns dazu. Wenn keiner in dieser Metropole willens ist, eine geile Party zu machen, müssen wir eben selbst ran.«

Als Musikjournalisten besaßen Smash und Mao einige Startvorteile gegenüber dem namenlosen Heer ihrer Mitstudenten. Sie kannten alle relevanten Szenefiguren, kamen mit ihren Journalistenausweisen praktisch überall gratis rein und staubten Getränke und Backstagepässe ab. Das letzte Semester war perfekt für sie gelaufen. Sie lebten auf der Überholspur. Nur Riedmanns Vorlesung hemmte ihren Erfolgslauf. Auch Smash langweilte Riedmanns Vorlesung, auch er war unzufrieden mit dem Gehörten. Aber Maos auf ihn einprasselnde Wortschwalle kannte er zur Genüge.

Über Musik konnte man mit Mao prima reden. Ihre gemeinsame Leidenschaft hatte sie zusammengeschweißt. Wegen der Musik hatten sie sich auch kennengelernt. Mao war bei einer Vorlesung neben ihm gesessen und hatte ihn wegen seines Rage-Against-The-Machine-T-Shirts schief angeredet. »Verbrenn dein T-Shirt. Poser-Scheiße. Clowns, die ihre antikapitalistische Botschaft von einem multinationalen Konzern aus anpreisen und diesen inneren Widerspruch nicht bemerken, sind nicht ernst zu nehmen.«

Anstatt zu streiten, hatte Smash den komischen Kauz ausgelacht und wegen seiner Bubikopf-Frisur gehänselt. Nach dem Austausch weiterer Unfreundlichkeiten hatten sie sich im Votivpark mit Dosenbier angesoffen und seitdem waren sie unzertrennliche Uni-Freunde: Sie schrieben gemeinsam Seminararbeiten, gingen auf die Bibliothek, lernten für Klausuren, positionierten sich im Hörsaal strategisch geschickt neben Frauen. Als Mutprobe sprachen sie regelmäßig weibliche Studentinnen an, weil Dozent Jung sie indirekt dazu ermutigt hatte. Er hatte ihnen eine Statistik gezeigt: In Seminaren lernten sich siebzig Prozent mehr Paare kennen als in Clubs. Und für Soziologiestudenten war Feldforschung wichtig …

Smash war noch immer nicht vom jüngsten Hirngespinst seines Freundes überzeugt. Mao entwickelte ständig irgendwelche blödsinnigen und unausgegorenen Ideen. Letzte Woche wollte er als Plattenverkäufer arbeiten, vor zwei Wochen das Studienfach wechseln. Erst ein Mal waren seine bescheuerten Ideen nicht als Rohrkrepierer geendet: Als Mao ihn in seinem unbekümmerten Größenwahn überredet hatte, sich beim ORF zu bewerben. Smash hätte sich als eingeschüchterter Provinzler nicht zugetraut, sich ohne Berufserfahrung und aus einer Laune heraus beim heimischen Marktführer zu bewerben. Mao tickte da anders. Mit schwachem Selbstbewusstsein war sein Freund nicht gestraft. Reden und Pläne schmieden konnte Mao, überzeugend klang er auch, aber er war ein Träumer. Er wollte die Welt erobern, scheiterte aber schon daran, den richtigen Vorlesungssaal auf der Hauptuni zu finden. War seinem Freund langweilig, gründete er Plattenlabels und Bands. Unmittelbar nach dem Vorlesungsende hatte er das meiste schon wieder vergessen. Smash schätzte Maos Gelaber deshalb realistisch ein. Im Unterschied zu Mao verfügte Smash über genug Erfahrungen im Nachtleben. Wegen seiner jahrelangem Boxtraining geschuldeten Kampfkraft arbeitete er als Türsteher in einer Provinzdisco in Wels. Dort hatte er mühsam gelernt, dass Eventveranstaltung mehr harte Arbeit als immerwährende Party war. Ein, zwei Tequila-Shots am Ende einer Schicht waren das Höchste der Gefühle.

Mao verklärte dieses Partyding. Von hundert Disconächten war nie mehr als eine denkwürdige dabei, der Rest Dienst nach Vorschrift. Langeweile und Rumstehen fielen Smash als Erstes ein, wenn er an seine Wochenenden dachte. In seiner Disco spielte es kaum eine Rolle, welche Musik gespielt wurde. Wichtiger waren Mondphasen oder das Datum. Am Monatsanfang hatten alle Geld und hauten auf die Pauke. Seine Erfahrungen stimmten ihn skeptisch. Mao hatte überhaupt keine Ahnung. Startkapital? Fehlanzeige. Eine passende Lokalität? Nicht vorhanden. Ein Grafiker? Kannten sie keinen. DJ-Equipment und eine Anlage? Eher weniger. Konzession? Dieses Wort kannte Mao nicht mal. Smash musste ihn erden. »Nun krieg dich mal ein: Wie und wo willst du einen Club aufmachen? Wir haben kaum Platten, auflegen können wir auch nicht. Wie soll das funktionieren?«

Mao ignorierte Smashs spöttischen Unterton. »Denk nicht so österreichisch. Wir leben im Jahr 19fucking96. Alles ist möglich. Kein Mensch braucht Geld. Kein Mensch braucht Sperrstunden. Wir brauchen nur Bässe. Wenn die Wiener nichts zusammenbringen, stellen wir selbst was auf die Beine. Wann war die letzte Party, wo du fünf Stunden durchgetanzt hast und in lachende Gesichter geschaut hast?«

Mao schaute ernst. Ihm schien es wichtiger, die Utopie eines eigenen Clubs in allen Facetten durchzubesprechen, als Professor Riedmann bei seinen Ausführungen über die ideale Sprechsituation zuzuhören. Dessen sattsam bekannte Mischung aus Jürgen Habermas und George Herbert Mead hatten sie auch schon in zig anderen Vorträgen gehört. Gab es für die Anforderungen ihrer Zeit echt nur so wenig gültige soziologische Theorien oder waren all ihre Professoren Anhänger veralteter Denkschulen? Hatten die Sesselkleber mit ihrer Verbeamtung aufgehört zu lesen, zu forschen und auszugehen?

Riedmanns Vorlesung zu speziellen soziologischen Theorien war radikal uninspiriert; hier im Hörsaal 33 hörten sie nichts für ihr Leben Verwertbares. Mao schnappte einige Phrasen auf und befeuerte damit seine Argumentation: »Smash, so ein Club bringt uns ein Alleinstellungsmerkmal wie dem Habermas sein herrschaftsfreier Diskurs. Als Radioredakteure verfügen wir über soziales Kapital, wie wir von Bourdieu wissen, und das nützen wir beinhart aus. Uns kennen viele, wir kennen viele, das ergibt ein autopoietisches Subsystem, wie Luhmann das nennt. Wir basteln uns eine eigene Szene. Wir kennen ja alle. Glaub mir, die Zeit für etwas absolut Neues ist da. Platten bekommen wir von deinem Freund Reeno und vom Fritz im Black Market. Unsere Clubnacht bewerben wir gratis auf FM4. Das macht der Dominic Heinzl doch auch so. Der bewirbt seinen Energydrink Die Blaue Sau auch völlig ungeniert in jeder seiner Sendungen. Techno ist vorbei, bei euch in Oberösterreich vielleicht noch nicht, aber wir in Wien wagen den nächsten Schritt. Wir gründen den ersten Jungle-und-Drum-and-Bass-Club Wiens.«

Smash lächelte. Typisch Mao, er widerstand der Verlockung nicht, Untergriffe in seine Reden einzuflechten. Wenigstens machten seine halbseidenen Überlegungen zur Revolution der Wiener Ausgehkultur die Vorlesung halbwegs erträglich. Die Clubkultur bildete möglicherweise wirklich ein eigenständiges gesellschaftliches Subsystem. Der deutsche Zeitschriftenmogul Jürgen Laarmann hatte eben erst in einem Artikel die Raving Society erfunden. Aber trotz der Schlüssigkeit von diesem Feiermanifest nahm Smash seinen Freund nicht ernst. Der war inkonsequent und widersprach sich laufend selbst, ohne es zu merken.

Mao redete, wenn der Tag lang war, viel über afrobritische Musik und gab sich als Kenner der britischen Seele aus, dabei war er wegen seiner Flugangst noch nie in England gewesen. Smash hingegen kannte London schon. Die deutschsprachigen Musikmagazine feierten jeden englischen Mikrotrend ab, aber als er den angeblich legendären Blue Note Club im Londoner Szeneviertel Shoreditch besucht hatte, tanzten dort keine 250 Hansln. Weniger als dreihundert Tänzer in einer 8-Millionen-Metropole interessierten sich für die neueste Spielart elektronischer Tanzmusik, doch die Zeitungen erklärten diesen Minikirchtag zum wichtigsten Ort des Planeten. Und Mao, der Träumer, glaubte vorbehaltlos alles und plapperte nach, was er in den Musikzeitschriften las. Das Drum&Bass-Aushängeschild Goldie, von Mao als Gottheit verehrt, war unbemerkt neben ihm in der Blue Note herumgestanden und hatte ihn um eine Zigarette angeschnorrt. Das Feiern in London war nett, aber auch nicht spektakulärer als die durchschnittliche Wiener Clubnacht.

Die Engländer tanzten zwar mehr als die Wiener, aber ein Augenöffner waren diese Nächte auch nicht gewesen. Die besten Partys waren immer die, von denen Mao während ihrer Vorlesungen erzählte. Aber das waren Kopfgeburten. Nur wusste Mao das nicht. Für ihn blieb London das gelobte Land, weil er es nicht kannte. Er fantasierte sich irgendwas zusammen. Seine Begeisterung für Tanzmusik erklomm monatlich neue Höhen. Wöchentlich sprach er irgendein anderes Genre heilig. Seit zwei Wochen redete er nur noch von Jungle und Drum & Bass, hypte jede einzelne Maxi als epochal und zukunftsweisend. Mao schaute mit seinen Stirnfransen und seiner Secondhand-Kleidung wie ein Soziologiestudent aus dem Bilderbuch aus, klang aber bei seinen Lobreden wie der Boxpromoter Don King, wenn der seine Protegés vor Kämpfen zu Wundermännern aufplusterte. Mao bekam im Unterschied dazu nichts bezahlt, verkündete aber jedem, egal ob er es hören wollte oder nicht, die Frohbotschaft der neuen musikalischen Wunderdroge. Seine Begeisterungsfähigkeit war ansteckend, aber auch nervig.

Smash wechselte das Gesprächsthema. »Lass uns ein Bier trinken gehen ins Museumsquartier. Da legt Peter Kruder auf, dann hast du was zum Schauen und Lästern.«

»Scheiß auf Trip-Hop. Das ist Friseurmusik für Menschen, die keine Musik mögen. Das hat Samir H. Köck in der Presse geschrieben.« Nicht mal an Frauen dachte Mao, wenn er über Musik sprach. Dabei hatte er, was Smash verwunderte, meistens welche im Schlepptau.

Smash wohnte erst seit zwei Jahren in Wien. Mit einundzwanzig hatte er seine Abendmatura im zweiten Anlauf geschafft; mittlerweile hatte er sich eingelebt. Er war kein Wiener, fand sich aber zurecht. Smash wohnte in Naschmarktnähe in einer WG. Ein eigener Club wäre eventuell doch nicht schlecht, überlegte er. In Wels hatte das mit dem Fidelio schließlich auch geklappt. Jedes Wochenende versammelten sich dort alle Außenseiter, die Musik abseits der Ö3-Hitparade hörten; an schlechten Abenden 150 Leute, an guten 400. Als Türsteher verdiente er tausend Schilling pro Nacht. Türsteher waren Respektspersonen und bekamen manchmal ein Mädchen ab, aber die richtig feschen Frauen entschieden sich für die DJs.

Bei seinem nächsten Heimatbesuch wollte er sich bei seinem Boss über Chancen und Risiken einer eigenen Veranstaltungsreihe erkundigen. Wissen aus erster Hand einzuholen war immer ratsam.

Am Naschmarkt tranken sie eine Dose gut gekühltes Wieselburger. Die Frühsommersonne ließ die Haut der Melanzani, Gurken und Tomaten wie Discokugeln schimmern. »Mao, hör mal zu, vor der Sommerpause werden wir keinen Club mehr starten. Aber ich fahr morgen heim und rede mit meinem Boss über deine Idee. Überleg dir in der Zwischenzeit, wie du den Club aufziehen willst. Dann sehen wir weiter.«

Im Zug nach Wels dachte Smash über die Umsetzbarkeit von Maos neuestem Hirngespinst nach. Selbst in seinem verschlafenen Provinznest änderten sich Outfits und Moden mittlerweile halbjährlich. Eine eigene Clubnacht zu veranstalten war wie früher in einer Band zu spielen. Dance war der Punkrock der Neunzigerjahre, nur noch einfacher. All jene, die zu blöd waren, drei Akkorde zu lernen, konnten jetzt mitspielen. Plattendrehen konnte jeder Depp. Selbst in Wels boomte Tanzmusik. Man musste die Leute nicht mehr mit Wet-T-Shirts anlocken.

Mit seiner Unbekümmertheit schlug sich sein Freund bisher erstaunlich erfolgreich durchs Leben. Beim Vorsprechen bei FM4 hatte dieser Streber im Assessment-Center beim Wissenstest in Geografie, Politik, Wirtschaft die höchstmögliche Punktezahl aller fünfzig Kandidaten erreicht. Als Einziger kannte er alle Entwicklungsstränge sämtlicher Musikgenres der Popkultur. Mao spulte die Rezeptionsgeschichte sämtlicher New-York-City-Hardcorebands der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre runter, ohne zu merken, wie die Prüfer vor so viel geballtem Wissen kapitulierten. Die hörten dem Neunmalklugen nicht zu, er stand bereits auf der Abschussliste, nur bei der abschließenden Selbstpräsentation hatte Mao die Jury mit seiner mitreißenden Rede doch noch für sich eingenommen.

Als Meidlinger Vorstadtbewohner kenne er existenzielle Langeweile wie kein Zweiter und sei daher berufen, im Brotberuf des Reporters beim Radio, das als Medium etwas zutiefst Persönliches verkörpere, instinktiv jene Themen zu finden, welche die heutigen, von Langeweile geplagten Teenager in den Vorstädten von ganz Österreich beschäftigten. Mao war so verwegen gewesen, seine Herkunft, sein Weitab-von-relevanten-Szenen-aufgewachsen-Sein als notwendigen Bestandteil für eine steile Karriere bei Österreichs bestem Radiosender anzupreisen. Er erklärte seinen vermeintlichen Makel zur Grundlage seiner Glaubwürdigkeit.

Smash imponierte diese Unbekümmertheit; er hatte Maos Taktik nachgeahmt und bei seiner Selbstpräsentation ebenfalls sein holpriges Heranwachsen thematisiert. Smash erzählte von seiner kurzen Karriere als semiprofessioneller Boxer und seiner gebrochenen Nase. Von seiner beeindruckenden Statur stammte sein Spitzname. Seine Kampfkraft hatte er auch als Hooligan bewiesen. Schlägereien gehörten in der Stahlstadt einfach zum Aufwachsen dazu. Sich mit den Fans des LASK zu prügeln, war Bestandteil seiner Sozialisation gewesen. Neben seiner Vorliebe für Faustkämpfe liebte er Elvis, weshalb seine Oberarme zwei Tätowierungen mit Südstaatenflagge zierten, die er der Jury präsentierte. Die Prüfer hatten auf seine Lebensbeichte verstört reagiert. Ein sich als ehemals rechter Hooligan bezeichnender Redakteur war für einen linken Sender undenkbar.

Die restlichen Milchbubis dort waren alle in der Aktion kritischer Schüler sozialisiert und lehnten Randale ab. Dennoch waren sie von Smashs Outing als prügelnder Hooligan mit rechter Schlagseite beeindruckt und hatten schlussendlich auch ihn aufgenommen. Sie hatten Smash als leuchtendes Aushängeschild für eine gelungene Resozialisierung im Sender auserkoren. Die Bürgerkinder kannten Gewalttäter wie ihn nur aus ihren Elendsreportagen. Sie hatten alle Privatschulen absolviert und kannten die Beschäftigung mit ihrem Arbeitsfeld – der sogenannten Jugendkultur