Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
IM SONNENWINKEL ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplatz ist der am Sternsee verträumt gelegene SONNENWINKEL. Als weitere Kulisse dient die FELSENBURG, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Der Sonnenwinkel ist eine Zusammenfassung der kleinen Orte Erlenried und Hohenborn, in denen die Akteure der Serie beheimatet sind. Die einzelnen Folgen behandeln Familienschicksale, deren Personen wechseln, wenn eine Handlung abgeschlossen ist. Im Mittelpunkt, jedoch als Rahmenhandlung, stehen die immer wiederkehrenden Hauptpersonen, die sich langsam weiterentwickeln. So trennt den ersten und letzten Roman in etwa ein Jahrzehnt. »Daddy kommt!« Mit diesem Ausruf stürmte Freddy Ride in das Herrenhaus Erlenhof. »Wann?«, fragte seine Großmama Mary-Ann. »Das telegrafiert er natürlich nicht«, meinte Freddy. »Du weißt doch, dass er große Bahnhöfe hasst. Aber wie ich ihn kenne, werden wir ihn innerhalb der nächsten Tage erwarten können.« »Mir wäre es lieber, ich wüsste es genau«, murmelte Mary-Ann Ride. »Seine Überraschungseffekte habe ich nicht so gern. Plötzlich steht er vor einem, wenn man gar nicht darauf gefasst ist.« »Und wenn man vielleicht gerade herbe Kritik an ihm übt«, scherzte Tracy, Mrs Rides reizende Enkelin. »Granny, du musst an dich halten, damit du nichts Unbedachtes über deinen Sohn sagst. Aber Spaß beiseite. Ich freue mich, dass Daddy sich nun doch aufgerafft hat. Endlich wird er sehen, wie schön Erlenried ist. Und er wird auch verstehen, dass wir hierbleiben wollen.« »Wollt ihr das denn wirklich?«
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 144
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
»Daddy kommt!«
Mit diesem Ausruf stürmte Freddy Ride in das Herrenhaus Erlenhof.
»Wann?«, fragte seine Großmama Mary-Ann.
»Das telegrafiert er natürlich nicht«, meinte Freddy. »Du weißt doch, dass er große Bahnhöfe hasst. Aber wie ich ihn kenne, werden wir ihn innerhalb der nächsten Tage erwarten können.«
»Mir wäre es lieber, ich wüsste es genau«, murmelte Mary-Ann Ride. »Seine Überraschungseffekte habe ich nicht so gern. Plötzlich steht er vor einem, wenn man gar nicht darauf gefasst ist.«
»Und wenn man vielleicht gerade herbe Kritik an ihm übt«, scherzte Tracy, Mrs Rides reizende Enkelin. »Granny, du musst an dich halten, damit du nichts Unbedachtes über deinen Sohn sagst. Aber Spaß beiseite. Ich freue mich, dass Daddy sich nun doch aufgerafft hat. Endlich wird er sehen, wie schön Erlenried ist. Und er wird auch verstehen, dass wir hierbleiben wollen.«
»Wollt ihr das denn wirklich?«
»Zumindest die Hälfte des Jahres«, erklärte Freddy.
Tracy warf ihm einen verschmitzten Blick zu.
»Er scheint sein Herz für Evi Grossmann entdeckt zu haben«, bemerkte sie anzüglich.
»Du hörst das Gras wachsen«, brummte Freddy ungehalten. »Nur weil ich manchmal mit ihr spreche, brauchst du nicht sofort Vermutungen anzustellen!«
»Werde nur nicht gleich wild«, entgegnete Tracy unbeschwert. »Und lass dich nicht von ihrem Vater erwischen, sonst legt er sie in Ketten.«
»Ich bin der Meinung, dass er das schon lange genug getan hat«, äußerte Freddy gereizt. »Er behandelt Evi wie eine Sklavin. Und damit will ich sagen, was immer wir auch an Daddy bemängeln können, ein großzügiger Vater ist er!«
»Nur von Erlenried und den Riedings will er nichts wissen«, warf Tracy ein.
*
Die, von denen hier die Rede war, wussten nicht, was für Gedanken man sich um sie machte. Weder Eric Ride noch Titus Grossmann hatten davon auch nur die geringste Ahnung. Dabei waren ihre Väter einmal Freunde gewesen!
Der Baron von Rieding und der Großbauer Grossmann hatten manches gemein gehabt, vor allem den Dickschädel. Nur hatte Frederic von Rieding sehr jung geheiratet und Titus Grossmann sehr spät. Er war erst Vater geworden, als Frederic von Rieding schon der Geburt seines ersten Enkels entgegensah.
Titus Grossmann hatte den Schmerz erfahren müssen, seinen Erstgeborenen wieder früh zu verlieren, vier Jahre später war seine Tochter Eva geboren worden, die nun neunzehn Jahre alt war.
Immer hatte er sich um das Glück, einen Sohn und Erben zu besitzen, betrogen gefühlt. Darunter hatte Eva zu leiden. Er verlangte von ihr das, was er von einem Sohn verlangt hätte; denn nach Titus Grossmanns Ansicht musste man sein Teil dazu beitragen, um das zu erhalten, was die Ahnen geschaffen hatten.
Eric Ride, der schon von Geburt an so genannt wurde, weil seinem Vater der Name Rieding lästig geworden, nachdem er nach Amerika ausgewandert war, hatte einen sehr jungen Vater gehabt und war selbst sehr jung Vater geworden. Seine Eltern blieben nicht in Amerika, sondern gingen nach Australien und gehörten dort seit vielen Jahren zu den obersten Hundert des Landes.
Er erzog seine Kinder, beeinflusst von einer sehr großzügigen und modernen Mutter, weltoffen. Der Adel seines Herkommens bedeutete ihm nichts.
Ein immenses Vermögen stand heute hinter ihm, das Frederic mit ungeheurem Fleiß und Ehrgeiz geschaffen hatte, das er vermehrte und sein Sohn noch vergrößern sollte.
Er war nicht sehr erbaut gewesen, als seine Mutter erklärte, mit ihren Enkelkindern dorthin zu reisen, wo sie vor vielen Jahren hergekommen waren.
Die begeisterten Briefe von Freddy und Tracy bewogen ihn schließlich doch dazu, wenigstens einen kurzen Besuch in Erlenried zu machen.
Nun war sein Flug gebucht. Morgen würde die große Reise in das ihm unbekannte Europa beginnen. Er kannte die halbe Welt. Europa hatte er gemieden.
Ein wenig mürrisch stand er vor den Koffern, die sein Butler Gerson gepackt hatte.
»Wenn ich in einer Woche nicht zurück bin, haben sie mich mit ihren romantischen Neigungen überzeugt«, brummte er.
Gerson machte ein betrübtes Gesicht.
»Wenn mir eine Bemerkung gestattet ist, Sir, so möchte ich sagen, dass Sie sich ruhig einmal einen längeren Urlaub leisten sollten.«
»Willst du mich los sein?«, knurrte Eric Ride.
»Ich werde Sie bestimmt sehr vermissen, Sir, aber wo es Lady Ride und den jungen Herrschaften gefällt, wird es auch Ihnen gefallen.«
»Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber wenn es mir gefallen sollte, kommen Sie nach, Gerson. Jetzt habe ich noch zu tun.«
Bis auf die letzte Minute war er beschäftigt. Doch am nächsten Morgen war er pünktlich auf dem Flugplatz.
Eine ganz verflixte Sehnsucht hatte er nach seinen Kindern und nach Granny. Aber noch ahnte er nicht, welche Abenteuer ihm bevorstanden.
*
»Wer war der Bursche, mit dem du gestern gesprochen hast?«, fragte Titus Grossmann seine Tochter Eva barsch.
»Freddy Ride«, erwiderte sie ruhig.
»Ein Ausländer?«, fragte er erregt.
»Ein Nachkomme von Frederic von Rieding. War der nicht einmal dein Freund, Vater?«
Titus Grossmann war Ende sechzig, aber noch sehr rüstig. Eva hätte man allerdings eher für seine Enkelin gehalten.
»Frederics Sohn?«, fragte er elektrisiert.
»Sein Enkel«, entgegnete Eva. »Er hat früh geheiratet. Seine Frau und seine Enkelkinder sind im Erlenhof zu Besuch.«
»Und das erfahre ich erst jetzt?«, brauste er auf.
»Du kümmerst dich ja nicht darum, was hier geschieht«, stellte sie fest.
Sie war ein herbes Mädchen, fast jungenhaft. Aber so war sie ja auch aufgezogen worden. Titus Grossmann hatte etwas gegen Mädchen, gegen ihre kleinen Eitelkeiten. Er hatte seine Tochter hart erzogen.
Spät hatte er eine Frau gefunden, die nach seinem Geschmack war, wenngleich viel jünger.
Marta Grossmann war eine tüchtige Frau gewesen. Dass ihr Sohn Diethard im Alter von zwei Jahren an einer Gehirnhautentzündung gestorben war, hatte sie jedoch nicht verwunden. Auch die Geburt von Eva hatte sie darüber nicht hinweggetröstet. Sie war früh gestorben, und Eva war mit ihrem strengen Vater allein geblieben.
Evas Gesicht war schmal, ihr Profil jedoch von gemmenhafter Klarheit. Ihr Haar hatte die Farbe dunklen Bernsteins, und wenn es nicht so kurz geschnitten wäre, hätte es seine Pracht voll entwickeln können.
Eng saßen die Reithosen, die sie trug, auf knabenhaft schmalen Hüften. Ihre langen schlanken Beine steckten in Reitstiefeln.
»Was hast du mit dem jungen Rieding geredet?«, fragte Titus Grossmann barsch.
»Sie nennen sich jetzt Ride«, betonte sie. »Sie sind schon seit vielen Jahren in Australien ansässig.«
»Dann hat er es wahr gemacht, der Frederic«, brummte ihr Vater. »Er wollte immer hinaus in die weite Welt. Und weil auch Albrecht es auf die Annemarie abgesehen hatte, sind sie ausgezogen.«
»Mary-Ann heißt die Großmutter von Freddy«, stellte Eva fest.
Seine dichten Augenbrauen schoben sich zusammen.
»Freddy nennst du ihn?«, fragte er erzürnt.
»Er heißt Frederic, wie sein Großvater«, erklärte Eva gelassen.
»Früher hieß sie Annemarie und war ein verdammt hübsches Mädchen«, knurrte er. »Alle waren hinter ihr her.«
»Du auch, Vater?«, fragte Eva unverblümt.
Er starrte sie an. »Werde nicht frech!«, fauchte er. »Was ist das überhaupt für ein Ton!«
»Du behandelst mich wie ein Kind, aber ich bin erwachsen, und ich werde mir doch wohl meine Gedanken machen dürfen«, entgegnete sie selbstbewusst.
Zu ihrer Überraschung wurde er nicht ausfallend.
»Wie lange sind die Riedings schon hier?«, fragte er.
»Vier Wochen.«
»Und wie lange kennst du den jungen Frederic bereits?«
Freddy war ihm doch etwas zu fremd. Albern fand er es, genauso wie wenn man seine Tochter Evi statt Eva nannte.
»Zehn Tage, Vater«, erwiderte sie ruhig.
»Und du hast mir noch nicht davon erzählt?«
»Du hast mich nicht gefragt. Ich habe gelernt, nur zu antworten, wenn ich gefragt werde.«
»Ich verbitte mir diesen Ton!«, knurrte er.
»Ich kann ja gehen«, erklärte sie stolz.
»Hat dieser Freddy dir diese Aggressivität beigebracht?«, fauchte er.
Sie überlegte einige Sekunden.
»Er hat mir bewusst gemacht, dass ich ein Mensch bin und keine Marionette, die du nach Belieben herumschieben kannst«, stellte sie fest.
»Ich will diesen Burschen kennenlernen!«, platzte er heraus.
»Dazu wird er jetzt keine Zeit haben. Sein Vater kommt in den nächsten Tagen«, erwiderte sie beherrscht.
Er runzelte die Stirn. »Geh an die Arbeit. Das Vieh muss versorgt werden.«
»Diese Absicht hatte ich«, sagte sie gelassen.
»Eva!«, rief er, als sie schon an der Tür war.
»Ja, Vater, was ist?«, fragte sie über die Schulter.
»Wie weit hat es der Frederic gebracht?«
»Sehr weit. Sie sind steinreich.«
»Wir sind auch nicht gerade arm«, entfuhr es ihm.
»Mit dem, was wir besitzen, werden wir ihnen kaum imponieren können«, konterte sie.
*
Eric Ride hatte sich auf seinem reservierten Fensterplatz niedergelassen.
Die Maschine war ausgebucht, was ihn sehr verwunderte. Wie viel Menschen doch zwischen den Erdteilen hin und her flogen. Er konnte nur den Kopf schütteln.
Der Platz neben ihm war frei, was ihm recht angenehm war. Doch er hatte sich zu früh gefreut.
Eine hübsche blonde Stewardess brachte jetzt ein kleines Mädchen mit dunklem Pagenkopf. Es trug ein graues Faltenröckchen und eine dunkelblaue Clubjacke. Im Arm hielt es einen braunen Plüschaffen.
»Hier ist dein Platz, Jacqueline«, sagte die Stewardess. Und zu Eric Ride gewandt, fuhr sie fort: »Dieser Platz wurde durch Rückbuchung frei, deswegen konnten wir diese kleine Dame mitnehmen.«
Es klang entschuldigend, wohl weil sie meinte, dass er es als Zumutung empfinden könnte, ein Kind neben sich zu haben.
Jacqueline machte einen Knicks vor ihm, bevor sie sich niederließ. Die Stewardess wollte sie anschnallen.
»Danke, das kann ich allein«, bemerkte die Kleine.
Eric Ride war zuerst einmal fassungslos. Er war immer ein guter und besorgter Vater gewesen und begriff es nicht, dass man ein Kind allein fliegen lassen konnte.
»Fliegt das Kind ganz ohne Begleitung?«, fragte er mit deutlichem Vorwurf in der Stimme.
Die Stewardess nickte. Das kleine Mädchen sagte mit einem süßen Stimmchen: »Das macht mir nichts aus. Mir ist es lieber, wenn diese Nurse nicht mitkommt. Ich werde Sie nicht belästigen, Sir.«
»Ich fühle mich nicht belästigt«, brummte er. »Möchtest du vielleicht lieber den Fensterplatz haben?«
»Sie sind sehr freundlich, aber ich gucke nicht gern in den Himmel.«
Ein Unterton war in der Stimme des Kindes, der ihn stutzig machte, doch er sagte nichts.
Die Maschine war startklar. Die Ansage zum Anschnallen erfolgte. Die Düsenmotoren heulten auf.
»Jetzt geht es los, Bimbo«, bemerkte das Kind zu seinem Äffchen. Dann lächelte es bezwingend zu Eric Ride hinüber. »Er heißt Bimbo, und es ist seine erste große Reise. Vielleicht hat er Angst.«
Wollte es damit das eigene Herzklopfen wegreden? Eric Ride legte seine schmale Hand über die kleinen Finger, die die Armlehne umschlossen. Jacqueline sah ihn wieder an und ließ es sich gefallen.
Unter ihnen war schon das Meer. Sie blickte nun doch zum Fenster hinaus.
»Es sind keine Wolken da. Mama kann nicht angeflogen kommen, Bimbo«, flüsterte sie.
Eric Ride verstand es. Ein Frösteln kroch über seinen Rücken.
Nun konnten sie sich wieder abschnallen. Jacqueline tat es sehr geschickt. Dann brachten die Stewardessen auch schon das Frühstück.
»Ich habe eigentlich gar keinen Hunger«, bemerkte die Kleine, »nur großen Durst.«
»Versuch auch ein wenig zu essen«, meinte die blonde Stewardess, und auch in ihren Augen konnte man Mitgefühl lesen. »Wir haben noch einen sehr weiten Flug vor uns, Jacqueline.«
»Meinetwegen kann er noch länger sein«, murmelte das Kind.
»Soll ich dir Pickis zurechtmachen?«, fragte Eric Ride.
»Was sind Pickis?«, fragte sie verwundert.
»So nannten meine Kinder die kleinen Häppchen. Ich habe sie ihnen immer zurechtgemacht, als sie klein waren.«
»Und jetzt sind sie groß?«, fragte Jacqueline.
»Ja, jetzt sind sie erwachsen«, erwiderte er.
»Ich möchte auch sehr gern erwachsen sein, dann brauchte ich nicht zu der fremden Großmutter«, erklärte sie.
»Großmütter sind sehr nett. Wir haben auch eine liebe Granny.«
Die mächtig staunen würde, dass ich mich mit einem fremden Kind unterhalte, fuhr er in Gedanken fort.
»Ihre Kinder haben einen lieben Daddy und eine liebe Granny. Sie haben es gut«, seufzte Jacqueline tiefsinnig. »Ich weiß nicht, ob meine Großmutter lieb ist. Ich habe sie noch nie gesehen.«
»Willst du sie besuchen?«
»Ich soll bei ihr bleiben, weil Li tot ist«, äußerte sie beiläufig. Ohne Ausdruck sagte sie es. »Ich hätte gern ein Picki.«
Er machte es liebevoll zurecht und schob es ihr in den Mund.
Ihre Augen lächelten ihn schelmisch an. Es schien ihr sehr zu gefallen, denn auf solche Weise aß sie zwei Toasts.
»Li war meine Mama«, erklärte sie dann ungefragt. »Ich habe aber Li zu ihr gesagt. Sie wollte es so.«
Das musste schon eine eigenartige Mutter gewesen sein, die nun tot war und die ihre kleine Tochter nicht zu vermissen schien.
»Und dein Daddy?«, fragte Eric Ride beklommen.
»Welcher? Charles, Ben oder Clark? Das waren auch keine richtigen Daddys. Keiner wie du«, entgegnete sie.
Die Pickis hatten sie anscheinend schon ganz nahegebracht. Sie ging zum Du über.
»Vielleicht hatte ich auch mal einen richtigen Daddy«, bemerkte sie sinnend, »aber den kannte ich nicht. Li hat immer gesagt, dass ich den Mund halten soll, wenn ich nach ihm gefragt habe. Du kannst mich Jacky nennen, das ist einfacher«, fuhr sie übergangslos fort.
»Und nun bist du ganz allein«, sagte er gedankenvoll.
»Ich habe Bimbo«, erwiderte sie.
»Und die Granny«, stellte er fest.
»Die Großmutter«, berichtigte sie. »In Deutschland sagt man Großmutter, hat mich die Nurse gelehrt. Und sie ist eine Freiin. Aber was eine Freiin eigentlich ist, hat mir die Nurse auch nicht erklären können. Kannst du es?«
»Doch …, ja«, antwortete er stockend. »Das ist ein Adelstitel.«
»Was ist Adel? Das kenne ich nicht.«
Er erinnerte sich ungern, dass auch sein Vater als Baron zur Welt gekommen war. Er lebte in einer modernen Welt und fand das lächerlich.
Für ihn zählte nicht die Herkunft, sondern das, was ein Mensch leistete.
Umständlich begann er es ihr zu erklären.
»Aber eigentlich brauchen wir uns damit nicht zu befassen, Jacky«, meinte er. »Es spielt keine Rolle.«
»Aber die Freiin legt großen Wert darauf, hat die Nurse gesagt. In Deutschland küsst man auch die Hand. Willst du auch nach Deutschland?«
»Ja«, nickte er. »Nach Frankfurt.«
Ihre Augen strahlten noch heller.
»Ich auch. Wie heißt du?«
»Eric Ride.«
Sie legte den Kopf schief und sah ihn an. Ein sehnsüchtiger Blick war in ihren schönen topasfarbenen Augen.
»Darf ich dich Daddy nennen bis Frankfurt?«, fragte sie leise. »Ich möchte so gern einmal einen Daddy haben, den ich lieb haben könnte.«
Seine Augen begannen zu brennen. Verflixt, dachte er, diese süße kleine Person rührt mich zu Tränen. Sanft strich er ihr über das glänzende Haar.
»Nenn mich ruhig Daddy, kleine Jacky«, sagte er zärtlich.
Wenn Freddy jetzt hier wäre … Nein, er glaubte nicht, dass er spotten würde. Er war ja auch von der deutschen Romantik angesteckt worden. Es musste wohl doch im Blut liegen.
Jacky schmiegte ihr Köpfchen an seine Schulter.
»Wir müssten immer weiterfliegen. Es dürfte nicht zu Ende sein«, murmelte sie. »Ich habe solche Angst vor der Großmutter, Daddy.«
Na, die werde ich mir einmal ordentlich vornehmen, dachte Eric Ride.
»Du brauchst keine Angst zu haben Jacky. Wenn die Großmutter nicht lieb ist, nehme ich dich einfach mit.«
Himmel, was hatte er da gesagt? War das zu glauben? Aber es waren keine leeren Worte. Er war entschlossen, die Worte auch in die Tat umzusetzen.
»Hoffentlich ist sie gar nicht lieb«, war Jackys Kommentar.
*
Freddy Ride wusste, wo er Evi Grossmann finden konnte.
Um diese Zeit war sie auf der Koppel.
Er hatte ziemlich lange gebraucht, um herauszukriegen, zu welchen Zeiten er sie dort finden konnte, und er war anfangs ganz heimlich dort herumgestrichen, weil er nicht gewagt hatte, sie anzusprechen, bis sie ihn dann mal fragte, ob er sich für Pferde interessierte.
Heute sah sie ihm nicht mit leuchtenden Augen entgegen.
»Halt dich nicht auf, Freddy«, murmelte sie. »Ich fürchte, mein Vater wird bald hier aufkreuzen. Wir hatten gestern eine Debatte.«
»Meinetwegen?«
Sie errötete, und das stand ihr sehr gut. Sie nickte.
»Es wird Zeit, dass man mal vernünftig mit ihm redet«, meinte Freddy, sich auf das Gatter setzend. »Er kann dich doch nicht einsperren. Du sollst mal auf den Erlenhof kommen. Granny will dich auch kennenlernen.«
Er stellte sich das so einfach vor. Er nahm es offenbar nicht ernst, dass schon Jahrzehnte eine Fehde zwischen den Riedings und den Grossmanns bestand. Warum eigentlich, wusste Evi auch nicht.
»Vater ist eine ganz andere Generation«, murmelte sie. »Er könnte ja mein Großvater sein. Ich würde meinen Kindern das nicht antun.«
»Willst du Kinder haben, Evi?«, fragte er.
»Freilich«, erwiderte sie.
»Dazu brauchst du aber einen Mann«, lachte er.
»Was du nicht sagst! Für blöd brauchst du mich auch nicht zu halten.«
»Das tue ich ja nicht.«
»Vater wird mir schon einen präsentieren«, fuhr sie fort.
»Gesetzten Alters, so um die fünfzig?«, fragte er spöttisch. »Und du wirst parieren?«
Ihre violetten Augen verdunkelten sich.
»In zwei Jahren bin ich mündig«, stieß sie hervor. »Dann tue ich, was ich will, und gehe, wohin ich will!«
»Vielleicht nach Australien?«, bemerkte er hintergründig. »Es ist ein großes weites Land und hat viel Platz für Menschen, die ihr Glück versuchen wollen.«
»Ich jage dem Glück nicht nach«, sagte sie leise. »Ich will eine Aufgabe haben, die ich selbst verantworten muss.«
Er tippte ihr mit dem Zeigefinger auf ihre schmale Nase, die ihr nahezu klassisches Profil bestimmte.
»Eine Frau wie du sollte ihre schönste Aufgabe darin sehen, einen Mann glücklich zu machen und ihm ein halbes Dutzend Kinder zu schenken.«
»Nur ein halbes Dutzend?«, fragte sie ironisch.
»Meinetwegen auch ein Dutzend. Und ich wüsste auch einen Mann für dich.«
