Dublin: Das Attentat - Neal Skye - E-Book

Dublin: Das Attentat E-Book

Neal Skye

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Beschreibung

Die Wahrheit ist das nächste Opfer. Ein Freitagnachmittag in Dublin endet im Kugelhagel. Die Detectives Alec O’Connell und Katy Nichols von der Abteilung „Drogen und Organisierte Kriminalität“ werden Opfer eines eiskalten Attentats. Für Detective Superintendent Liam Brenegan beginnt eine Jagd, die ihn nicht nur zu dubiosen Clans und skrupellosen Erpressern führt, sondern auch in ein Labyrinth aus Lügen, das bis in die höchsten Reihen seiner ehemaligen Dienststelle reicht. Während Reporterin Ciara Kean die Spuren einer mysteriösen Racheaktion verfolgt, macht Liam eine schockierende Entdeckung: Einer der Getöteten führte ein gefährliches Doppelleben. Als ein Ex-Polizist ins Visier gerät, kommt ein dunkles Geheimnis ans Tageslicht. Wer zieht im Schatten Dublins die Fäden eines gnadenlosen Rachefeldzugs, bei dem das Attentat nur der Anfang war?

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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NEAL SKYE

 

DUBLIN:

DAS

ATTENTAT

 

Krimi

 

Ein Buch aus dem FRANZIUS VERLAG

 

Buchumschlag: Simone C. Franzius

Korrektorat/Lektorat: Franzius Verlag

Verantwortlich für den Text ist der Autor Neal Skye

Satz, Herstellung und Verlag: Franzius Verlag GmbH, www.franzius-verlag.de

 

ISBN 978-3-96050-283-8 (Buch)

ISBN 978-3-96050-282-1 (E-Book)

 

Alle Rechte liegen bei der Franzius Verlag GmbH

Hogen Kamp 33, 26160 Bad Zwischenahn; Post an: Simone C. Franzius c/o Detlev Schultz, Peter-Rosegger-Str. 36, 26721 Emden, Germany

 

Copyright © 2026 Franzius Verlag GmbH

 

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß §44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

 

Informationen gemäß der Produktsicherheitsverordnung der EU (GPSR):

- Der Hersteller dieses Buches im Sinne der GPSR ist die Franzius Verlag GmbH.

- Ansprechpartner ist die Geschäftsführerin Simone C. Franzius.

- Die Kontakt-E-Mail bei GPRS-Fragen: [email protected]

- Der eindeutige Produktcode gemäß GPSR ist die ISBN.

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

 

Das Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung und Vervielfältigung des Werkes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks und der Übersetzung, sind vorbehalten. Ohne ausdrückliche schriftliche Erlaubnis des Verlages darf das Werk, auch nicht Teile daraus, weder reproduziert, übertragen noch kopiert werden, wie zum Beispiel manuell oder mithilfe elektronischer und mechanischer Systeme inklusive Fotokopieren, Bandaufzeichnung und Datenspeicherung. Zuwiderhandlung verpflichtet zu Schadenersatz. Alle im Buch enthaltenen Angaben, Ergebnisse usw. wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt. Sie erfolgen ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Verlages. Er übernimmt deshalb keinerlei Verantwortung und Haftung für etwa vorhandene Unrichtigkeiten.

Inhalt

Namensverzeichnis

Kapitel 1 Freitag, – 03.11.2023, 17:30 –Kilmacud West

Kapitel 2 – Freitag, 03.11.2023, 20:45 Uhr – Garda Síochána

Kapitel 3 – Freitag, 03.11.2023, 21:00 – Temple Bar

Kapitel 4 – Samstag, 04.11.2023, 11:00 – Aeryn's Café

Kapitel 5 – Samstag, 04.11.2023, 13:00 – Garda Síochána

Kapitel 6 – Samstag, 04.11.2023, 13:00 – Liffey Post

Kapitel 7 – Samstag, 04.11.2023, 13:45 – Garda Síochána

Kapitel 8 – Samstag, 04.11.2023, 15:00 – Garda Síochána

Kapitel 9 – Samstag, 04.11.2023, 16:40 – Liffey Post

Kapitel 10 – Samstag, 04.11.2023, 17:00 – Drumcondra

Kapitel 11 – Samstag, 04.11.2023, 18:00 –Garda Síochána

Kapitel 12 – Samstag, 04.11.2023, 18:10 – Liffey Post

Kapitel 13 – Samstag, 04.11.2023, 19:30 – Garda Síochána

Kapitel 14 – Samstag, 04.11.2023, 20:30 – Kilmacud West

Kapitel 15 – Sonntag, 05.11.2023, 10:00 – Garda Síochána

Kapitel 16 – Sonntag, 05.11.2023, 10:00 – Liffey Post

Kapitel 17 – Sonntag, 05.11.2023, 10:30 – Garda Síochána

Kapitel 18 – Sonntag, 05.11.2023, 10:30 – Liffey Post

Kapitel 19 – Sonntag, 05.11.2023, 11:15 – Darragh's Pub

Kapitel 20 – Montag, 06.11.2023, 09:00 – Garda Síochána

Kapitel 21 – Montag, 06.11.2023, 10:00 – Liffey Post

Kapitel 22 – Montag, 06.11.2023, 10:00 – Garda Síochána

Kapitel 23 – Montag, 06.11.2023, 11:10 – Tallaght

Kapitel 24 – Montag, 06.11.2023, 11:15 – Garda Síochána

Kapitel 25 – Montag, 06.11.2023, 12:30 – Garda Síochána

Kapitel 26 – Montag, 06.11.2023, 14:50 – Liffey Post

Kapitel 27 – Montag, 06.11.2023, 17:45 – Garda Síochána

Kapitel 28 – Montag, 06.11.2023, 18:35 – Sandymount

Kapitel 29 – Dienstag, 07.11.2023, 09:00 – Garda Síochána

Kapitel 30 – Dienstag, 07.11.2023, 11:15 – Liffey Post

Kapitel 31 – Dienstag, 07.11.2023, 11:15 – Cloverhill Prison

Kapitel 32 – Dienstag, 07.11.2023, 15:00 – Garda Síochána

Kapitel 33 – Mittwoch, 08.11.2023, 07:00 – Kilmacud West

Kapitel 34 – Mittwoch, 08.11.2023, 10:00 – St. Francis' Hospital

Kapitel 35 – Mittwoch, 08.11.2023, 17:00 – The Brave Ferrymen

Kapitel 36 – Mittwoch, 08.11.2023, 17:40 – Garda Síochána Portobello

Kapitel 37 – Mittwoch, 08.11.2023, 19:00 – Garda Síochána

Kapitel 38 – Donnerstag, 09.11.2023, 08:50 – Liffey Post

Kapitel 39 – Donnerstag, 09.11.2023, 08:55 – Garda Síochána

Kapitel 40 – Donnerstag, 09.11.2023, 11:10 – Clondalkin

Kapitel 41 – Donnerstag, 09.11.2023, 15:00 – Garda Síochána

Kapitel 42 – Donnerstag, 09.11.2023, 15:15 – Liffey Post

Kapitel 43 – Donnerstag, 09.11.2023, 15:20 – Garda Síochána

Kapitel 44 – Donnerstag, 09.11.2023, 20:20 – Peat Cutter's Pub

Kapitel 45 – Donnerstag, 09.11.2023, 21:45 – Garda Síochána Portobello

Kapitel 46 – Freitag, 10.11.2023, 08:30 – Garda Síochána

Kapitel 47 – Freitag, 10.11.2023, 12:00 – Garda Síochána, Portobello

Kapitel 48 – Freitag, 10.11.2023, 17:00 – Liffey Post

Kapitel 49 – Dienstag, 14.11.2023, 09:10 – Garda Síochána

Kapitel 50 – Freitag, 17.11.2023, 16:30 – Garda Síochána, Portobello

Kapitel 51 – Samstag, 25.11.2023, 09:30 – Kilmacud West

Weitere Veröffentlichungen des Autors

Novitäten 2026 im Franzius Verlag

 

 

 

 

Ein ganz besonderes Dankeschön an

Barbara, Cherry, Katja, Manfred, Martin

u.v.a.

 

 

Namensverzeichnis

 

Die ›Task Force Campbell's Murder‹ besteht aus:

 

Garda Síochána – Dublin´s Phoenix Park

Detective Chief Superintendent Eugene Woywood

Detective Superintendent Liam Brenegan

Detective Inspector Glenn O'Sullivan

Detective Inspector Kirsty McDonagh

Detective Sergeant Soo Min Munelly

Detective Garda Megan Geaney

Detective Garda Conor O´Neill

 

Special Detective Unit

Detective Superintendent Frank Henderson

 

Garda Síochána – Portobello

Detective Chief Superintendent Alan Kean, verheiratet mit Ciara Kean

Detective Superintendent Peter McMahon

Detective Inspector Angela Burns

Detective Inspector Dan Rodgers

Detective Inspector Dawson Barret

Detective Sergeant Shaun Moran

Detective Sergeant Alec O’Connell (Opfer)

Detective Garda Katy Nichol (Opfer)

 

Ombudsman Commission (Interne Ermittlungen)

Detective Inspector Teresa Gleeson

Detective Sergeant Maughan

 

Liffey Post

Chefredakteurin Sharon LaChiusa

Redaktionsleitung Ciara Kean, verheiratet mit Alan Kean

Jamie Alston

Stephanie O`Hara

Eoghan Glavin

Troy Gerrard

 

Staatsanwaltschaft

Staatsanwältin Fióna Caden

 

 

 

Kapitel 1 – Freitag, 03.11.2023, 17:30 –Kilmacud West

 

 

Endlich Feierabend! Endlich Wochenende!

Zufrieden räkelte sich Ciara Kean, führte mit der linken Hand das noch halb mit trockenen, französischen Rotwein gefüllte Glas an ihren Mund und gönnte sich einen kleinen Schluck. Mit der rechten hatte sie einen neuen Islandkrimi in der Hand. Sie mochte die düsteren Krimis, die an nebelverhangenen Seen spielten, auf abgelegenen, heruntergekommenen Bauernhöfen, mit Leichen, die an die wilden Ufer der Fjorde gespült wurden und Ermittler, deren Humor noch trockener war als ihr Bordeaux.

Liam dagegen hasste Krimis aus vielerlei Gründen. Der herausstechende war sicher, dass er als Detective Superintendent bei der Dubliner Kriminalpolizei tagsüber genug damit beschäftigt war, ganz reale Verbrechen aufzuklären. Liam hatte es oft genug damit begründet, wenn sich Ciara am gemütlichen Fernsehabend für einen Krimi entschied. Nach Feierabend sich auch noch mit fiktiven Fällen zu beschäftigen, darauf verspürte er keine Lust. In diesem Punkt unterschied er sich leider kein bisschen von Alan. Nur, dass Liam sich noch mehr über die Ermittler in den Fernsehkrimis aufregen konnte, weil die so ziemlich alle Fehler begingen, die man begehen konnte.

Manchmal, wenn er guter Laune war, äußerte er sich amüsiert über die Vorstellung, wie diese sich anschließend im Büro des Generals für ihre Fehler verantworten müssten, die seine erst aufreizend leise, mit spöttischem Unterton gewürzte Stimme hörten und anschließend so laut zusammengestaucht würden, dass sie für den Rest des Tages mitleidige Blicke der Kollegen ernteten. Eugene Woywood war nicht wirklich General, sondern Detective Chief Superintendent. Aber er würde schon die passenden Worte für die Detective Inspectors der Fernsehlandschaft finden.

Ciara war es schnell leid geworden. Selbst bei guter Laune konnte er ihr jeden Spaß verderben. So schaute sie nur noch selten Krimis, sie las sie. Dann konnte sie ganz für sich allein auf die Reise gehen, ohne dass Liam ihr permanent erklären würde, warum gezeigte Vorgehen der Polizei rechtliche Konsequenzen haben konnten, warum vermeintliche Beweise vor Gericht wertlos waren und dass es äußerst selten war, dass Ermittler die Vernehmung – es hieß Vernehmung, nicht Verhör, das sei doch nun wirklich nicht schwer zu recherchieren – damit begannen, dem Beschuldigten alle möglichen Verbrechen an den Kopf zu werfen, für die sie zudem noch nicht einmal handfeste Beweise besaßen, statt erst einmal ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Es war schlimm genug, dass sie inzwischen selbst manchmal solche Stellen fand und dann prompt Liams Kopfschütteln vor ihrem geistigen Auge sah. Verdammt, Liam!

Aber heute ließ sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Auf diesen Krimi hatte sie sich schon zu lange gefreut und sie würde an diesem Wochenende ausgiebig Zeit haben. Liam hatte sich bereits ins Schlafzimmer zurückgezogen, würde noch ein wenig Musik hören und dann früh schlafen, denn er sollte am nächsten Morgen in der ersten Schicht arbeiten. Schade eigentlich, da auch ihre Wochenenden oft genug vom Verlag verplant wurden und sie somit endlich mal ein ganzes Wochenende hätten zusammen verbringen können. Aber so hatte sie Zeit für sich, konnte ihre Freundin mal wieder besuchen und vor allem würde sie vielleicht den ganzen Roman bis Sonntagabend gelesen haben. Meist wurde sie, nachdem sie gerade erst in die Welt des Verbrechens eingetaucht war, durch irgendetwas wieder herausgezogen.

Und dann passierte das Unvermeidliche, das all ihre Pläne zunichtemachen würde. Verfluchtes Handy, dachte Ciara. Und das noch, bevor ihre Vermutung bestätigt wurde, wer da ihre Ruhe störte. Sie zögerte, als ihr Blick das Display erfasste. Es half nichts. Wenn Sharon LaChiusa sie um diese Zeit aus dem Wochenende riss, dann aus gutem Grund. Zumindest aus Sharons Sicht.

»Tut mir sooo leid. Ich hätte Jamie angerufen, aber ich … ich brauche dich da, ich brauche da wirklich die Beste!«

Zum Glück konnte Sharon nicht sehen, wie Ciara verächtlich die Augenbrauen hob und mit dem Kopf schüttelte. Sie wusste, dass Sharon in ähnlichen Fällen auch Jamie schon als ihren Besten bezeichnet hatte. Und Stephanie. Und Eoghan. Wahrscheinlich hatte sie Jamie nicht erreicht.

»Danke für die Wertschätzung, Sharon. Dann reden wir Montag mal über die längst überfällige Gehaltsanpassung.«

Sharon stöhnte. »Das können wir an irgendeinem Montag mal machen, ja. Aber ich bitte dich, du musst dich sofort auf die Socken machen. Und du bist doch auch direkt an der Quelle!«

Für einen Moment erstarrte Ciara und blickte auf ihr Handy, um zu prüfen, ob sie aus Versehen eine Videoschalte angenommen hatte. Aber selbst dann würde Sharon doch nicht erkennen, wo sie sich befand, oder? Du warst vorsichtig, sagte sie zu sich selbst. Und du machst dir zu viele Gedanken!

»Wieso … was?«. Jetzt stotterte sie auch noch!

»Gail ist auch schon vor Ort. Guck mal auf unsere Facebook-Seite, da siehst du schon die ersten Bilder. Das sieht wirklich schlimm aus. Ich verstehe nicht, warum jemand so etwas macht.«

»Okay.« Ciara war schlagartig hellwach. »Ein bisschen Input wäre hilfreich. Was genau ist passiert?«

Sie hörte ein lautes Seufzen.

»Du hast es wirklich noch nicht mitbekommen? Ach, ich möchte einmal so abschalten können wie du. Und das schon an einem Freitagabend.«

Kam jetzt wieder das Lamentieren darüber, dass Sharon als Chefredakteurin niemals Feierabend habe und wenigstens eine in der Redaktion ihre Antennen permanent auf Empfang halten musste?

»Es hat einen Anschlag auf zwei Beamte der Abteilung für Drogen und Organisierte Kriminalität gegeben. Beide wurden im Parkhaus des ›Campbell's Shopping-Centers‹ erschossen. Man könnte sogar sagen ›hingerichtet‹.«

Sharon stockte und legte eine gehörige Portion Betroffenheit in den Klang ihrer Stimme. »Die Namen wurden noch nicht veröffentlicht, aber eine Quelle bei der Polizei verriet sie mir. Es handelt sich um zwei Beamte der Dienststelle Portobello. Damit leider Kollegen deines Mannes.«

Alan, dachte Ciara erleichtert und atmete durch. Sie meinte Alan. Es wurde Zeit, sich endlich auf das Wesentliche zu konzentrieren!

»Kollegen? Wer?«      

Sharon zögerte. Zumindest bei einem Namen war sie sich sicher, dass sie ihn von Ciara schon einmal gehört hatte.

»Alec O’Connell und Katy Nichol.«

»Katy, oh nein!«

Das war so eine Süße, dachte Ciara. Sie hatte bei einer der letzten Weihnachtsfeiern direkt neben ihr gesessen und sich mit ihr unterhalten. Augenblicklich erschienen die Bilder wieder vor ihrem geistigen Auge und Ciara versuchte, diese mit der gerade gehörten Nachricht zu verbinden. Hatte Liam nicht am selben Tisch gesessen oder war das, nachdem er die Dienststelle gewechselt hatte? Wenn sie damals schon in Portobello gearbeitet hatte, wird Liam sie auch gut gekannt haben. Hatten die beiden nicht über irgendetwas gemeinsam gelacht? Oder war das Alan? Den Namen des zweiten Toten hatte sie auch schon gehört. Ein sehr geschätzter Kollege, den Alan einige Male erwähnt hatte. Einer seiner besten Männer, hatte er mal gesagt. Es muss ihn hart getroffen haben.

»Dann ruf dir ein Taxi!«, sagte Sharon eindringlich auf Ciaras Protest, dass sie bereits ein halbes Glas Wein getrunken hatte. »Beeil dich. Wir müssen wissen, was dahintersteckt. «

»Okay, aber warum übernimmt hier nicht die Lokalredaktion?«

Kurze Stille in der Leitung – hatte sie ihre Chefin verärgert? Es war immerhin eine berechtigte Frage.

»Hörst du überhaupt zu? Zwei Detectives, Ciara! Hingerichtet! Ob politisch motiviert oder nicht – die ersten Kommentare sind es allemal. Gail ist gerade dabei, Schaulustige zu befragen. Aber wir brauchen vor Ort jemanden, der noch klassischen Investigativjournalismus verinnerlicht hat.«

So viel Honig an einem Freitagabend war selbst für Ciara zu viel.

»Also gut, wo genau?«

»Wheeler Street.«

Die Antwort kam nicht aus ihrem Handy, sondern von einer brüchigen Stimme direkt neben ihr. Liam sah furchtbar aus.

 

 

 

Kapitel 2 – Freitag, 03.11.2023, 20:45 Uhr – Garda Síochána

 

 

»In fünfzehn Minuten im Konferenzraum Eins«, sagte Detective Superintendent Liam Brenegan zu Detective Inspector Kirsty McDonagh, als sie beide das Büro der Dienststelle ›Phoenix Park‹ betraten und gerade im Begriff waren, sich ihrer Jacken zu entledigen.

»Alles klar. Ich sag den anderen Bescheid.«

Liam ging in sein Büro, setzte sich und ging seine Notizen durch. Zu einem Tatort gerufen zu werden, war niemals schön und auch oft genug beklemmend. Das war dieses Mal nicht anders. Er hatte schon Leichen gesehen, die sich in einem deutlich schlechteren Zustand befunden hatten, auch schon solche, deren Verwesungszustand schon so weit fortgeschritten war, dass der Anblick übelkeitserregend war. Die Leichen dagegen, die die beiden gerade eben gesehen hatten, wiesen keine dieser Merkmale auf. Sie waren frisch, die Totenstarre war in den oberen Gliedmaßen schon eingesetzt und ohne Einschusslöcher hatten sie friedlich ausgesehen. Dennoch konnte sich Liam kaum an einen Tatort erinnern, an dem er je so eine Gänsehaut bekommen hatte, wie bei dem Anblick der beiden Kollegen. Das war immer etwas Besonderes. Das hatte man Detective Inspector Angela Burns von der Dienststelle in Portobello auch angesehen.

Portobello war zunächst zuständig gewesen, da zunächst mit dem Eintreffen von Burns und Walker, dem Rechtsmediziner, der Tatort näher untersucht und die Identitäten der beiden Opfer festgestellt worden waren. Schnell war klar gewesen, dass der Fall an ›Phoenix Park‹ übergeben werden müsste, um Befangenheit auszuschließen. Befangenheit – immer, wenn Polizisten zu Tode kamen, trugen alle Ermittler diese zusätzliche Bürde mit sich herum. Keiner konnte es einfach so wegstecken, wenn es um einen der Ihren ging.

»Da brauchen wir jemanden mit einem kühlen Kopf, der ohne Schaum vor dem Mund ermittelt«, hatte Detective Chief Superintendent Eugene Woywood, sein unmittelbarer Vorgesetzter, gesagt.

Wenige Minuten später saßen nun alle Kollegen und Kolleginnen, die er für das Team benannt hatte, im Konferenzraum Eins und warteten darauf, dass Liam die Runde eröffnete.

»Danke, dass ihr alle heute noch gekommen seid. Das ist glaube ich die am schnellsten gegründete Task Force in der Geschichte dieser Dienststelle. Ich hoffe, keiner von euch hat in der nächsten Zeit Urlaub geplant – das ist erst mal hinfällig. Die Leitung der Mordkommission wurde mir übertragen, zuständige Staatsanwältin ist Fióna Caden. Als Stellvertreter ernenne ich Detective Inspector Glenn O'Sullivan. Glenn, wir müssen uns absprechen, wie wir die Brücke besetzen. Einer von uns sollte immer erreichbar sein.«

Liam räusperte sich und streckte dann den Arm aus, um auf den hochgewachsenen Herrn mit der weißen Tolle und dem Vollbart zu zeigen.

»Ich freue mich, dass Frank Henderson dabei ist. Die meisten kennen ihn ja noch, aber für die Neuen unter uns: Er ist der Grund, warum ich die Stelle hier als Detective Superintendent bekommen habe. Er ist mein Vorgänger. Vor zwei Jahren ist er zu der ›Special Detective Unit‹ gewechselt.«

»Wieso mischt die SDU jetzt schon mit? Gibt es Hinweise auf ein terroristisches Motiv?«

Liam schüttelte den Kopf.

»Nein, Kirsty. Anordnung der Staatsanwaltschaft, dass wir sie von Anfang an an Bord haben. Frank kennt unsere Abläufe bereits und kann uns daher schnell und effektiv helfen.«

»Okay«, antwortete Detective Inspector Kirsty McDonagh und sah Liam mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Ich meinte nur wegen der öffentlichen Wirkung.«

Liam lächelte. Nur kurz. Es sollte nicht arrogant rüberkommen. Ihr Einwand war schließlich völlig berechtigt.

»Ich weiß, was du meinst. Es wäre wenig hilfreich, wenn wir die Option eines terroristischen Anschlages öffentlich diskutierten. Dann erhalten wir wieder Dutzende Bekennerschreiben, müssen wieder Personal abstellen für Demonstrationen, führen Diskussionen entweder darüber, dass wir angeblich die Herkunft des Täters bewusst verschweigen oder, je nach politischer Färbung, dass wir eine Bevölkerungsgruppe unter Generalverdacht setzen. All das können wir überhaupt nicht gebrauchen.«

»Deswegen bin ich offiziell auch gar nicht als Teil der Terrorismusbekämpfung im Team, sondern nur vorübergehend abgestellt, um meine ehemalige Dienststelle zu unterstützen.«

»Danke, Frank. Bitte an alle, diese Version sowohl intern als auch extern genauso wiederzugeben. Ball flach halten. Die Begriffe ›Terrorismus‹ und ›Anschlag‹ sind zu vermeiden. Wir reden von ›Tötungsdelikten‹.« Liam nickte. »Detective Sergeant Shaun Moran kennen viele von euch ebenfalls. Ich habe jahrelang direkt mit ihm zusammen in Portobello gearbeitet und schätze ihn sehr. Ich habe ihn angefordert, da niemand das Revier dort besser kennt als er, was die Zusammenarbeit verbessert und zudem beschleunigt. Den zuständigen Detective Chief Superintendent Alan Kean kenne ich noch vom Garda College. Den Antrag hat er zum Glück ad hoc genehmigt.«

»Und doch ist Moran nicht hier, oder?« Glenn kniff die Augen zusammen und sah suchend um sich. »Wo ist er denn?«

»Meinst du das ernst, Glenn?«, kommentierte Liam und verkniff sich ein Grinsen, das er angesichts der Lage für unangemessen hielt. »Er hat das Wochenende frei, es ist Freitagabend und wie viele Pubs gibt es in Dublin?«

Er bezweifelte, dass Moran an diesem Abend schon eine Hilfe sein konnte.

»Wie ihr wisst, darf seine Dienststelle in diesem Fall wegen möglicher Befangenheit nicht selbst federführend ermitteln. Natürlich waren die Kollegen von dort als erstes am Tatort, haben Zeugenaussagen aufgenommen und umgehend die Fahndung eingeleitet. Da kann ich jetzt schon sagen, dass die Aktionen bislang nicht erfolgreich waren. Viele haben die Schüsse gehört, aber niemand hat die Tat beobachtet, den Schützen gesehen oder auch nur einen beobachtet, der vom Tatort geflohen ist. Absolut keinerlei Hinweise bislang auf irgendwas.«

»Staatsanwältin Fióna Caden leitet also die Ermittlung?«

Liam nickte Frank zu. Nicht nur als Beantwortung seiner Frage, auch zur Bestätigung der Gedanken, die Frank dabei durch den Kopf schossen. Caden war schon lange im Geschäft. Dennoch verwunderte Liam die Entscheidung. Immerhin war es erst wenige Monate her, dass gegen sie wegen Rechtsbeugung ermittelt wurde. Irgendwer musste ihr den Hintern gerettet haben, dachte Liam. Liegengebliebene Verfahren, die sie eingestellt hatte – angeblich aufgrund von Arbeitsüberlastung. Eingestellt, obwohl eine Verurteilung sehr wahrscheinlich gewesen wäre. In einem Fall hatte inzwischen die Verjährung gegriffen und genau der wurde von der Presse breitgetreten. Sie war zwischenzeitlich beurlaubt worden und es ging immer noch das Gerücht durch die Presse, dass sie ein Problem mit Antidepressiva hätte.

Liam hatte so ziemlich alles über den Fall gelesen. Sie war angreifbar, das war in so einem Fall ganz sicher nicht von Vorteil. Aber er sah die positive Seite: Caden würde sich reinhängen. Sie war zum Erfolg verdammt. Das konnte unangenehm sein, aber sie würde dasselbe Ziel verfolgen wie er, nämlich dem oder den Täter beziehungsweise Tätern auf die Spur zu kommen und für möglichst lange hinter Gefängnismauern wegzusperren. An Erfahrung mangelte es ihr nicht. Sie hatte die fünfzig deutlich überschritten. Wird schon gutgehen, dachte Liam und atmete tief durch.

»Gut. Was wissen wir bislang? Um vier Minuten nach fünf Uhr am Nachmittag ging ein Notruf in der Zentrale ein, dass in dem Parkhaus des ›Campbell's Shopping Centers‹ Schüsse gefallen seien, bei denen es offenbar Tote gegeben habe.«

Liam schluckte, bevor sich zwang, möglichst gelassen und mit sachlichem Ton weiterzureden. »Diese Beobachtung hat sich leider als korrekt bestätigt. Die Identität konnte anhand des Fahrzeuges und der Papiere schnell ermittelt werden. Der Fahrer war Detective Sergeant Alec O’Connell von der Abteilung für Drogen und Organisierte Kriminalität. Ein sehr erfahrener Detective, vierundvierzig Jahre alt, ledig, keine Kinder, Eltern verstorben, hat eine Schwester, die auf Inis Mór als Hotelfachfrau arbeitet. Habe den Kollegen dort schon einen Tipp gegeben, dass sie sie informieren, bevor der Name in der Presse auftaucht. Auf der Beifahrerseite lag die Leiche von Detective Garda Katy Nichol, fünfundzwanzig, ebenso kinderlos und ledig. Von der Mutter liegt mir der Name und eine Adresse in Waterford vor. Auch da gilt das Gleiche – das Revier in Waterford ist informiert und übernimmt die Übermittlung der schlechten Nachricht.«

Zum Glück, dachte Liam. Es gab nur weniges, das er an seinem Job hasste, aber die ungläubigen Gesichter, die erstarrten Gesichtszüge, die zusammenfielen, wenn der Kopf die Nachricht verarbeitet hatte, gehörten zu den unangenehmsten Erscheinungen seines Jobs. Andererseits ergaben die Gespräche mit Angehörigen auch wertvolle Hinweise. Verhielt sich das Opfer zuletzt anders? Gab es neue Freunde oder Partner, die das Leben der Opfer zuletzt beeinflusst haben könnten? In diesem Fall wohnten die nächsten Angehörigen nicht in Dublin. Stellte sich die Frage, wie eng das Verhältnis zu den Opfern war.

»Vater?«, unterbrach Frank Liams Überlegungen.

»Irgendjemand sagte, ein Pole. Hier haben wir leider noch keinen Namen, aber das habe ich schon in Auftrag gegeben. Was ihre Wohnung betrifft, haben wir noch Schwierigkeiten, da wir den Vermieter nicht erreichen. O’Connell wohnte ebenfalls alleine. Hier habe ich bereits mit der Vermieterin gesprochen. Die Forensik ist schon auf dem Weg und ich werde gleich noch zusammen mit Soo Min vorbeifahren, damit wir uns selbst einen Eindruck machen können.«

Liam räusperte sich. »Weiter zum Tathergang: Die Beifahrertür stand offen, die Fenster waren unbeschädigt, sodass die Vermutung naheliegt, dass diese beiden im Begriff waren, das Fahrzeug zu verlassen. Stattdessen wurden sie aus nächster Nähe erschossen. Wir sind uns deswegen sicher, weil die Fahrertür noch geschlossen und der Fahrer noch angegurtet war. O’Connell muss durch die offene Beifahrertür erschossen worden sein. Der Täter feuerte die Waffe direkt davor ab.«

»Aber warum?« Glenn kratzte sich seitlich hinter seinem rechten Ohr und verzog das Gesicht, als täte es ihm weh. »Wäre das in einem Fernsehkrimi passiert, wo die Detectives immer denselben Wagen fahren, am besten noch einen betagten Oldtimer, könnte ich es nachvollziehen. Aber dem ist nicht so, oder? Wie konnte der Täter wissen, in welchem Fahrzeug die beiden in das Parkhaus fahren würden?«

»Das war auch die erste Frage, die mir in den Kopf schoss«, sagte Liam. »Wie konnte der Täter wissen, wann und wo die beiden parken würden?«

Glenn nickte, während seine Augen die von Liam suchten.

»Das ist das Rätsel, oder? Ich mein, die beiden saßen noch im Auto. Vom Ablauf kann es nur so gewesen sein, dass die beiden geparkt haben, den Motor abstellten, Detective Garda Katy Nichol öffnete die Beifahrertür, während O’Connell immer noch angeschnallt war. Damit können wir doch ausschließen, dass der Schütze den beiden hinterhergefahren ist, sonst wäre er nicht da schon vor Ort gewesen.«

»Spätestens nach Auswertung der Videobilder«, warf Liam ein. »Ausschließen mag ich es zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Nur dann müsste sein Fahrzeug auch von den Kameras erfasst worden sein, er müsste in unmittelbarer Nähe geparkt haben und sich schnellen Schrittes genähert haben.«

»Gibt es denn schon Erkenntnisse, in welcher Reihenfolge die Schüsse abgegeben worden sind?«

Liam schüttelte den Kopf.

»Nein, Frank. Die Vermutung liegt aber nahe, dass zunächst die Beifahrerin erschossen wurde, da diese sich näher zum Schützen befand und zudem nicht mehr angeschnallt war. Gut, für den Anfang will ich wissen, woran O’Connell zuletzt gearbeitet hat. Was hat er für offene Fälle oder gab es Auffälligkeiten bei Ehemaligen? Hat er sich mit Clans oder sonstigen Gruppierungen angelegt? Wen hat er in der Vergangenheit hinter Gittern gebracht – sprich, wer konnte sich an ihm rächen wollen?

Nichol hat noch keine eigenen Fälle, aber auch über sie möchte ich alles wissen, was in egal welcher Akte über sie zu lesen ist, da werde ich den entsprechenden Zugang beantragen und mich selbst darum kümmern. Beantragen werde ich auch, dass uns sein PC und sein Mobiltelefon zur Verfügung gestellt werden – das sollte eigentlich gar kein Problem sein.

Megan, du klebst der Forensik an den Hacken – die sollen Gas geben. Haben wir die Projektile gefunden? Welche Waffe wurde benutzt? Gibt es noch verwendbare DNA-Spuren am Tatort? Und finde heraus, ob es irgendwo in Irland schon einmal einen vergleichbaren Anschlag gegeben hat.

Soo Min, du stellst ein möglichst lückenloses Diagramm über die Aktivitäten der beiden während der letzten achtundvierzig Stunden zusammen. Mit wem haben sie telefoniert? War das der einzige Außeneinsatz an dem Tag? Was haben die wann und wo zu Mittag gegessen? Woran haben sie gearbeitet? Nur den Fall, die Akte dazu beantrage ich dann. Und vor allem: Was wollten die im Shopping-Center und, fast noch wichtiger: Wer wusste, in welchem Wagen die beiden unterwegs sein würden? Aber als Erstes hätte ich dich gerne dabei, wenn ich zu der Wohnung von O’Connell fahre.

Conor und Shaun, so wie er uns zur Verfügung stehen wird, sollen dich dabei unterstützen. Das gilt für alle, die Fragen zu den Abläufen oder Besonderheiten der Dienststelle in Portobello haben.

Glenn und Kirsty gehen Zeugenaussagen nach. Gestern wurden diverse Personalien aufgenommen – wir benötigen jedes Detail. Zudem setzt das Super-Recognizer-Team auf den Fall an. Die sollen sich um die Verkehrskameras kümmern, Irgendwie muss der Täter ja rein- und auch wieder herausgekommen sein. Vielleicht finden sie ihn. Frank und Soo Min befragen das nähere Umfeld der Opfer. Kollegen, Verwandte, Freunde, Nachbarn, Affären, das Übliche. Morgen um sechszehn Uhr ist eine Pressekonferenz angesetzt. Wir treffen uns zwei Stunden vorher hier im Konferenzraum. Noch Fragen?«

 

 

 

Kapitel 3 – Freitag, 03.11.2023, 21:00 – Temple Bar

 

 

»Warum fragst du nicht deinen Mann? Du sitzt doch an der Quelle.«

Ciara Kean seufzte. Mal abgesehen davon, dass Alan niemals über Interna gesprochen hatte, würde er zurecht stocksauer sein, wenn sie ihn ausgerechnet jetzt in ihrer Eigenschaft als Journalistin kontaktieren würde. Nein, das kam für sie nicht in Frage. Die Zeit für ihn war schwer genug, da musste sie nicht auch noch Salz in die Wunden streuen.

»Du kennst ihn doch, Shaun«, antwortete sie und nippte an ihrem Glas Rotwein. »Wann immer ich Alan gefragt habe, und das habe ich anfangs immer mal wieder versucht, hat er mir geraten, mich an die Pressestelle der ›Garda Síochána‹ zu wenden. Da hatte ich null Bonus.«

Ciara zuckte zusammen. »Hatte«?

Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, und glücklicherweise war Shaun schon abgefüllt genug, um die Vergangenheitsform nicht zu bemerken. Stattdessen schien er gerade an Alan zu denken und lachte laut.

»Erinnerst du dich an diesen Fall mit der angeblichen Schlägerei bei der Razzia im ›Jordan's‹?«

»Klar«, antwortete Ciara. »Alan war noch Detective Inspector, ich hatte gerade bei der ›Liffey Post‹ angefangen und den Auftrag erhalten, darüber zu berichten. Er hat mich damals eiskalt abblitzen lassen.«

»Oh Mann, ja. Ich erinnere mich. Liam hat mir das damals erzählt, dass so eine junge hübsche Frau von der Zeitung Alan dazu befragen wollte. Der hat sich verdünnisiert, aber er konnte dich nicht so schnell abwimmeln.«

Ciara lächelte. »Zu der Zeit habe ich alles Mögliche versucht, um wenigstens aus ihm etwas herauszukitzeln.«

Sie unterdrückte ein Schmunzeln. Das mit dem Kitzeln war nämlich durchaus wörtlich gemeint. Damals hatte sie sich nichts dabei gedacht. Flirten gehörte schließlich zum Geschäft. Liam hatte das aber offenbar gar nicht so witzig gefunden und sich dazu entschlossen, aufzustehen, sich einige Schritte von dem Stuhl wegzubewegen und ihr eindeutig klarzumachen, dass es Grenzen gebe und er seine Verschwiegenheitspflicht sehr ernst nehme.

Sie stutzte. Er hatte sie im Gespräch mit Shaun erwähnt, also mit einem Arbeitskollegen über sie gesprochen und sie ihm gegenüber als jung und hübsch bezeichnet? Liams Blick, den er seinen harschen Worten folgen ließ, hatte sie als den eines entschlossenen Detectives gedeutet, also eine Warnung und Aufforderung, seine Grenzen zu respektieren.

Aber nun kam sie ins Grübeln. Hinter diesem strengen Blick, den sie so klar vor Augen sah, als würde er sie ihn in diesem Moment zum ersten Mal wahrnehmen, entdeckte sie gerade eine völlig neue Komponente: Unsicherheit. Er hatte sie nicht gleich abwimmeln können? Das hatte er Moran so erzählt? Wenn Liam etwas konnte, dann jemandem die kalte Schulter zu zeigen. Wenn er das gewollt hätte, wäre er noch schneller verschwunden gewesen als Alan. Aber das wollte er offenbar nicht. Und er hatte ihm erzählt, sie sei hübsch?

Ciara schüttelte fast unbemerkt den Kopf. Er hatte zwar einmal zugegeben, dass er schon länger etwas für sie empfinden würde, aber zu dem Zeitpunkt bereits? Vor fast fünfzehn Jahren? Sie musste ihn unbedingt einmal darauf ansprechen.

»Leider nicht erfolgreich«, sagte sie schließlich. Jedenfalls nicht, was die Frage nach Informationen betraf.

»Das stimmt. Und du lächelst, weil …?«

»Nichts. Sláinte!«, antwortete Ciara schnell und hob ihr Weinglas.

»Sláinte!« Shaun blickte mit einem Runzeln auf der Stirn in sein Guinness-Glas ohne Guinness. »Schon wieder leer? Wann ist das denn passiert? Hey, Ryan! Ich brauch Nachschub! Pass doch mal auf hier!«

Er grinste. »Das ist Mailin noch nie passiert, dass ich hier vertrockne.«

»Kann das nicht sein, dass du doch noch zu dem Fall hinzugezogen wirst?«, fragte Ciara mit einem besorgten Unterton, während sie auf sein leeres Glas blickte.

Shaun winkte ab. »Keine Chance. Unsere Dienststelle darf da gar nicht ermitteln. Mein Handy ist aus, und das bleibt so die ganze Nacht. Basta! Na endlich!«

Ciara musterte ihn. Aus Detective Sergeant Shaun Moran konnte man nicht schlau werden. Immerhin waren zwei seiner Kollegen vor nur wenigen Stunden ums Leben gekommen – und dennoch war er hier. In einem Pub direkt vor Liams Dienststelle. Da, wohin sich nur selten ein Ire verirrte – im Dubliner Pub-Viertel ›Temple Bar‹. Hier reihten sich Pub an Pub, aus den meisten klang Livemusik von irischen Musikern, die neben der Crew hinter dem Tresen in der Regel die einzigen Iren waren, die den Weg hierher gefunden hatten.

Sie hatte ihn hier mal aus Zufall getroffen und wusste, dass er herkam, um sich abzulenken. Es fiel ihm leicht, hier Aufmerksamkeit zu erhalten, wenn der Musiker fragte, aus welchen Ländern die Zuschauer kämen und er oft als Einziger bei ›Irland‹ die Hand hob. So kam er schnell mit anderen ins Gespräch und alles, was sich daraus entwickelte, war unverbindlich. Touristinnen, die für ein Wochenende oder für ein paar Tage länger Dublin besuchten, waren nicht auf der Suche nach einer Beziehung, sondern auf der nach einem Abenteuer. Zeitlich begrenzt, mutiger als zuhause, da letztlich alles in Dublin blieb, was in Dublin geschah.

Die Musiker, die die Frage nach der Herkunft nicht stellten, taten dies dann oft nach einem kleinen Trinkgeld von ihm und so ging er selten allein nach Hause. Mindestens trank er selten sein Bier ohne weibliche Begleitung. Auch heute nicht, aber heute würde außer Reden nichts passieren, so viel war klar.

»Kanntest du beide gut?«, begann Ciara dann, wie sie dachte, vorsichtig. Im Grunde genommen war sie gerade mit der Tür ins Haus gefallen. Aber Shaun hob nur die Schultern. Er musste nachdenken.

»Katy weniger. Vom Sehen ja, aber sie ist noch nicht lange bei uns. Bislang hatten wir noch keine gemeinsamen Einsätze. Hoffnungsloser Fall, wenn du mich fragst.«

»Das tue ich ja gerade.« Ciara hob ihr Glas und zwinkerte Shaun zu.

»Völlig naiv. Hat irgendwem auf der letzten Weihnachtsfeier ihrer alten Dienststelle erzählt, sie sei gerade von ihrem Freund verlassen worden. Da hat sie gleich jemanden gefunden, der sie trösten wollte. Und was macht sie? Verliebt sich in den Kerl. Und als der nach einer Nacht nichts mehr von ihm wissen wollte …, ich meine, einmal fällt man darauf rein, aber dann passierte bei uns genau dasselbe mit einem anderen Kollegen. Was sagt das über ihre Qualität als Detective aus, wenn sie zweimal auf die gleiche Masche hereinfällt?«

»Warst du der Zweite?«

Shaun drehte den Kopf weg. Er konnte für einen Moment dem herausfordernden Blick Ciaras nicht standhalten.

»Ich? Ich doch nicht! Hör mal, ich würde sowas doch nie machen! Früher vielleicht. Aber so ein junges Ding und ich. Ich habe auch einen Ruf zu verlieren, ob du es glaubst oder nicht.«

Ciara glaubte ihm. Jedoch nicht, weil sie Shaun für zu ehrenhaft hielt, eine solche Situation auszunutzen, sondern weil Katy Nichol zu uninteressant war. Vielleicht zu jung, zu unscheinbar, zu klein, etwas mollig zudem. Sie passte einfach nicht in Shauns Beuteschema.

»Ist nicht gut, wenn das Erste, was einem zu einem Detective einfällt, ist, dass sie leicht zu haben ist.«

Das Erste, was Ciara dazu einfiel, war, dass offenbar eine Polizeimarke Männer nicht davon abhalten konnte, sich wie ein Arschloch zu verhalten. Letztlich galt das auch für Shaun, den sie eigentlich mochte. Eine junge Frau trauerte um ihre Beziehung, und alles, was ihrem Kollegen dazu einfiel, war, ihre Verletzbarkeit dazu auszunutzen, sie flachzulegen. Und weil die Masche so gut funktionierte, hielt ein weiterer Kollege es offenbar für eine gute Idee, sie noch einmal anzuwenden. Das alles war schon übel genug, aber das i-Tüpfelchen war, dass Shaun ihr nun die Schuld für die Situation gab. Nicht das Verhalten der Kollegen befand sich auf dem Prüfstand, nein, ihre Naivität war es. Und es ging so weit, dass Shaun sie deswegen für einen schlechten Detective hielt, ohne ihre Arbeit zu kennen.

Für einen Moment überlegte sie, ob sie ihm die beiden Namen entlocken konnte, jedoch war sie zu sehr davon überzeugt, dass er sich da loyal seinem Kollegen gegenüber verhalten würde.

»Anders bei Alec. Ehrgeiziger Typ, redet nicht viel, war aber ein fähiger Detective. Das wird dir jeder bestätigen.«

Ciara nickte. »Alan beschreibt ihn ähnlich. Er mochte ihn, aber das taten wohl nicht viele, oder? Warum?«

Shaun sah sie mit einem Hast-du-nicht-zugehört-Blick an.

»Ehrgeiziger Typ, redet nicht viel«, wiederholte er kopfschüttelnd. »Das ist bestimmt einer, der zu Hause Fälle auf einem eigenen Whiteboard weiterbearbeitet – ich würde darauf wetten.«

»Also ein Karrieretyp?«

Shaun schüttelte den Kopf. »Nein, so nicht. Er ist einer, der sich in einen Fall reingraben kann, wenn du verstehst, was ich meine. Keiner, der das Ziel hatte, eines Tages Commissioner zu werden. Hätte auch nicht das Zeug dazu gehabt. Da musst du reden können, in so einer Position. Außerdem eckte er gerne auch mal an.«

Beim letzten Satz wurde Ciara hellhörig.

»Eckte an?«

Sie lächelte. Natürlich hatte sie nicht vor, alles, was Shaun erzählte, in ihrem Bericht wiederzugeben, schon gar nicht so, dass irgendjemand dahinterkommen konnte, dass er der Informant war. Zum einen mochte sie ihn. Zum anderen war er ein Kollege von Liam, wenn dieser auch inzwischen in einer anderen Dienststelle arbeitete. Und Liam mochte Shaun ebenfalls. Letztlich hatte sich Shaun immer als eine gute Quelle entpuppt. Die brachte man nicht zum Versiegen, die pflegte man.

Shaun sah sich um, so als prüfte er, ob jemand sie beobachtete, aber niemand schien sich für die beiden zu interessieren. Er nickte zufrieden, beugte den Kopf vor, sodass sein Mund sich ihrem Ohr näherte, und senkte deutlich die Lautstärke seiner Stimme.

»Hatte mal was mit einer Zeugin. Wäre beinahe suspendiert worden deswegen. Ist aber ein paar Jahre her. Verzwickte Angelegenheit, denn der Fall stand eigentlich kurz vor dem Abschluss, aber O’Connell konnte nicht warten. Hat ihm einen Haufen Ärger eingebracht.«

»Du meinst, nur wenige Tage oder Wochen später und der Fall wäre abgeschlossen gewesen und dann hätte sich niemand für die Affäre interessiert?«

»Ja, genau das habe ich doch gerade gesagt«, antwortete Shaun irritiert. »Aber solche Sachen interessierten ihn nicht. Ich bin ja auch kein Kostverächter, aber Arbeit ist Arbeit und Bier ist Bier. Apropos:« Shaun erhob sein Glas. »Sláinte!«

»Verstehe. Sláinte. Und hat er dadurch jemand anderem auf den Fuß getreten? Ich meine, war sie liiert? War jemand eifersüchtig? Hat sie die Affäre ausgenutzt? Ist deswegen der Fall nicht so abgeschlossen worden wie erwartet?«

Shaun lachte. »So viele Fragen … Hab die erste schon wieder vergessen. Aber zu der letzten: Nicht, dass ich wüsste. Die Zeugin selbst wurde dadurch von der Verteidigung als unglaubwürdig dargestellt, da sie angeblich die Aussage nur aufgrund des Drucks von Seiten der Polizei getätigt habe. Es war um häusliche Gewalt gegangen, ein Prozess gegen ihren damaligen Ehemann. Aber es ist dennoch zu einer Verurteilung gekommen, da es mehrere Zeugen gegeben hat und die Verletzungen der Frau auch zu ihren Geschichten passten. Sie wurde auch mehrfach ins Krankenhaus eingeliefert. Durch die Untersuchungen dort war ja erst alles ins Rollen gekommen.«

Ciara schluckte. Sie sprachen also über einen Sergeanten, der nicht nur mit einer Zeugin eine Affäre hatte, sondern mit einem Opfer häuslicher Gewalt. Und zwar in einem Fall, in dem er gegen den Täter ermittelte. Wie widerlich war das?

»Wie kann man nur so eine Situation ausnutzen?« Angeekelt schüttelte sie den Kopf.

»Ich verstehe die Frau auch nicht«, fügte sie dann leise hinzu.

Shaun zuckte mit den Achseln. »Kann mir nur denken, er hat ihren Typen festgenommen, war also ihr Ritter in glänzender Rüstung.«

»Ich kotze gleich.« Ciara stöhnte. »Aber sie sind jetzt geschieden? Du sagtest ehemalige Frau? Hast du da noch einen Namen? Ist der Typ vielleicht gerade wieder raus und wollte sich an O’Connell rächen?«

»Keine Ahnung. Und wie soll das abgelaufen sein? Es sind ja zwei Detectives erschossen worden. War Nichol einfach nur am falschen Platz zur falschen Zeit?«

»Könnte doch sein.«

Shaun runzelte die Stirn. »Rache kommt immer wieder mal vor, aber man erschießt doch nicht gleich einen und dann noch eine Unbeteiligte dazu. Im Affekt vielleicht, aber dass ein Detective nicht allein zu einem Einsatz fährt, ist doch nicht ungewöhnlich. O’Connell wohnt allein, warum da riskieren, jemanden zusätzlich umbringen zu müssen, der mit dem Motiv nichts zu tun hat? Aber gut, wenn du das recherchieren willst …«

Ciara nickte aufgeregt. Eine erste Spur. Und ein erster Eindruck.

»Rossiter. Paul und Naoisha Rossiter. Ob sie noch so heißt oder wie der Fall weiterging, weiß ich nicht. Aber …«

Mit einem breiten Grinsen schob Shaun ihr seinen Deckel herüber. »Jetzt lass dich nicht lumpen.«

»Sechs Guinness?« Ciara staunte.

»Nur sechs? Kein Wunder, dass ich noch eine staubtrockene Kehle hab. Ist ja ein Schnäppchen, wenn die Geschichte zur Aufklärung führen sollte. Ich hoffe, das wird sie. Die oder eine andere. Niemand darf damit davonkommen, Polizisten umzubringen.«

Er trank sein Bier aus und sah Ciara kopfnickend an.

»Oder sonst jemanden.«

 

 

 

Kapitel 4 – Samstag, 04.11.2023, 11:00 – Aeryn's Café

 

 

»Wo ist bloß dein Feuer geblieben?« Erwartungsvoll sah Sharon LaChiusa Ciara an, doch diese nahm nur einen Bissen von ihrem Ciabatta Bacon und entschied sich, darauf nicht zu reagieren. Ohnehin gab es keine richtige Antwort auf so eine Frage. Bis drei Uhr morgens hatte sie recherchiert, um an diesem Morgen, an dem ihre Chefredakteurin sie zum Frühstück in Aeryn's Café eingeladen hatte, gut vorbereitet zu sein. Darum ging es doch, oder?

Seit wegen Corona jeder sehr gut von zu Hause aus arbeiten konnte, hatte sie oft bis spät in die Nacht noch am Computer gesessen und in den Archiven geschmökert, meistens zielorientiert für aktuelle Fälle recherchiert, manchmal aber auch einfach nur konsumiert. Andere verbrachten Stunden vor Krankenhausserien vor der Glotze, sie stöberte in Akten und durch Reportagen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Internet, ›Work from Home‹ - Fluch und Segen zugleich. Was erwartete Sharon? Dass sie hier einen Freudentanz vorführte, weil sie über den Tod zweier Kollegen ihres Mannes schreiben durfte? Ganz sicher würde sie das nicht tun. Richtig, es gab Zeiten, in denen sie wild drauflosgeplappert hätte. Zeiten, in denen sie ausgeschlafener war. Heute erschien es ihr wichtiger, erst mal in Ruhe zu frühstücken und die Gedanken zu sortieren.

»Herrgott, Ciara! Wenn ich dir vor fünf Jahren so eine Chance gegeben hätte, hättest du mich aus dem Bett geklingelt und nicht umgekehrt. Sonnst du dich jetzt neuerdings im Schatten deines Superbullen?«

Einatmen, ausatmen, dachte Ciara. Nur sich nicht beim Essen aufregen, das verursacht Sodbrennen. Sie spürte schon ein leichtes Ziehen in der Magengegend, ließ sich aber nichts anmerken. Stattdessen lächelte sie. Kurz, denn das kam ihr schnell albern vor. Im schlimmsten Fall hätte es Sharon als Zynismus interpretiert.

»Danke. Alan wird sich freuen, dass du ihn so genannt hast. Weißt du, er denkt, du hättest etwas gegen ihn. Aber Superbulle, das ist ja mal eine Wertschätzung, die sich hören lassen kann.«

Ciara schmunzelte. Hatte sie sich nicht eben noch das Lächeln verkniffen, um nicht zynisch herüberzukommen? Alan kannte alle Geschichten über ›Bossy-Sharon‹, wie Ciara sie oft genug in Erzählungen über ihre Arbeit genannt hatte. Bei den Weihnachtsessen, bei denen auch die Partner eingeladen waren, waren sich Sharon und Alan einige Male begegnet und die Meinung, die sich Sharon dabei über ihren Mann gemacht hatte, spiegelte sich genau in diesem Moment in dem Blick ihrer Chefin wider.

»Lass gut sein, Sharon. Es ist für heute Nachmittag eine Pressekonferenz angesetzt. Detective Chief Superintendent Eugene Woywood vom Revier ›Phoenix Park‹ wird diese leiten. Die Leitung der Task Force ›Campbell's Murder‹ wurde Liam Brenegan übertragen, mehr hat die Pressestelle nicht rausgerückt. Er hat früher mit meinem Mann in Portobello zusammengearbeitet, bis ihm die Stelle als Detective Superintendent im Phoenix Park Revier angeboten wurde. Nur kurz, nachdem Alan zum Detective Chief Superintendent in Portobello wurde, begann Liam als Detective Superintendent beim Revier ›Phoenix Park‹.«

Ein unnatürliches Lächeln huschte über Sharons Gesicht.

»Sag ich doch: Superbulle. Und was ist das eigentlich für ein einfallsloser Name für eine Task Force?«

Ciara seufzte. »Die Tat fand nun einmal im ›Campbell's Shopping Center‹ statt. Sollen sie sie ›Task Force Detectives Murder‹ nennen? In der Sache selbst steckt doch schon so viel Emotion, dass es unmöglich erscheint, dass nicht irgendwann wer die Befangenheitskarte spielt. Auch, wenn eine andere Dienststelle die Ermittlungen durchführt, sind es doch Kollegen, die da kaltblütig hingerichtet worden sind. Anders kann man es nicht bezeichnen.«

»Ist ja gut«, sagte Sharon, begleitet von einer beschwichtigenden Handbewegung und gefolgt von zusammengekniffenen Augen. »Und kennst du diesen Liam Brenegan? Kannst du über deinen Sss…chatz an den herankommen?«

Ciara hätte am liebsten laut gelacht. Zum einen über das Wort Schatz, denn um ein Haar hätte Sharon wieder das Wort Superbulle gesagt. Aber offenbar hatte sie aus Ciaras Reaktion lesen können, dass es sie ärgerte, wenn sie ihn so nannte. Zum anderen barg die Situation eine bittere Ironie. Über Alan an Liam herankommen? Darin lag schon eine gewisse Komik.

»Ja, ich kenne ihn. Aber auch wenn Alan die Ermittlungen nicht leitet, wird er sicher keine Informationen teilen, die von Relevanz sind. Dasselbe wird für den Leiter der Task Force gelten.«

Ganz bewusst nannte sie ihn nicht einfach Liam, das klang viel zu vertraut. »Wenn du mich also ausgewählt hast, in der Hoffnung, dass …«

»Was hast du eigentlich für ein Bild von mir?«, protestierte Sharon. »Nein, was hast du eigentlich für ein Bild von dir? Oder beides.« Ein Runzeln legte sich auf Sharons Stirn. »Ich meine, du erzählst mir das seit Jahren immer wieder – glaubst du, ich vergesse das jedes Mal? Und was meinst du, wieso ich dich auf die Story ansetze, die, wenn es gut läuft, endlich mal wieder eine Auflage generieren könnte, die unser Gehalt zahlt? Sage ich dir nicht regelmäßig bei den Bewertungsgesprächen, dass du gute Arbeit leistest?«

»Schon«, antwortete Ciara. Du liebe Güte, klang das kleinlaut. »Gut, dass das geklärt ist. Ich habe bislang einen Namen eines Falles, an dem O’Connell beteiligt war. Paul und Naoisha Rossiter. Die Kurzfassung: Ermittlung wegen häuslicher Gewalt gegen Paul, Affäre mit Naoisha.«

»Er hat mit dem Opfer geschlafen? Und das weißt du ganz sicher? Wie zuverlässig ist deine Quelle?«

Ciara schmunzelte. War Detective Sergeant Shaun Moran zuverlässig?

»In diesem Punkt können wir sicher sein, denn der Anwalt von Paul Rossiter hatte die Affäre für dessen Verteidigung genutzt. Erfolglos, denn Rossiter wurde dennoch auf zwei Jahre ohne Bewährung weggesperrt. Seit Januar ist er wieder draußen. «

»Hast ja doch deine Hausaufgaben gemacht.«

Sharons wohlgemeinter Blick verärgerte Ciara, ehe sie scheinbar unbeirrt fortfuhr.

»Sicher könnte man auf die Idee kommen, dass sich Rossiter rächen wollte. Aber warum erst jetzt, zehn Monate, nachdem er sich wieder auf freiem Fuß befindet? Und das ist nicht die einzige Frage, die sich mir hier stellt. Er hat zwei Jahre bekommen. Dafür begeht man doch keinen Doppelmord und riskiert eine lebenslange Freiheitsstrafe. Und außerdem …«

»Warum unterhalten wir uns dann über ihn?«, unterbrach Sharon sie. »Was ist mit Mrs. Rossiter? Sind die noch verheiratet? Oder gab es mit O’Connell ein Happy End?«

Sharon schluckte. Angesichts der Tatsache, dass der Detective am Vortag erschossen worden war, konnte die Wortwahl wohl kaum unpassender sein.

»Nun sieh mich schon nicht so entgeistert an. Ich meinte nur, ob da noch was zwischen den beiden lief.«

»Ich weiß, was du meinst«, sagte Ciara und schob sich schnell den letzten Bissen Ciabatta in den Mund, als wolle sie eine spontane, sehr direkte Antwort verhindern. »Ich habe den Namen erst gestern Abend das erste Mal gehört. Naoisha Rossiter wohnt immer noch in derselben Wohnung, die seit 2011 auf den Namen Paul Rossiter läuft. Auch er ist immer noch da gemeldet. Aber nachdem, was sie auf den sozialen Medien in diesem Jahr gepostet hat, vor allem aber, was sie nicht gepostet hat, lässt darauf schließen, dass sie nicht mehr zusammen sind.«

»Oder sie schämt sich wegen ihres Mannes und postet deswegen nichts über ihn.«