Dünenflimmern - Katharina Mohini - E-Book
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Dünenflimmern E-Book

Katharina Mohini

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Beschreibung

Ein Roman, der den Leser tief in eine der schönsten Landstriche Dänemarks führt und eintauchen lässt. Sonne, Sand, weites Meer und eine faszinierende Natur. Spätsommer in Blåvand, dem beliebten Urlaubsort an der dänischen Westküste. Hyggelig, wie die Dänen sagen ... Diese Gemütlichkeit wandelt sich für die Freunde Mads, Ove und Peder schnell zu einem Abenteuer, das ihr gewohntes Leben auf den Kopf stellt und für ewig verändern wird. Dabei beginnt alles mit der Frage: Wer ist die mysteriöse Frau, die sich in Mads’ Haus am Sandtoftevej einmietet? Und welche dunklen Geheimnisse trägt sie mit sich herum? Schnell kristallisiert sich dabei für Ove, den Polizisten, heraus, dass diese Sybille Martens keineswegs die Person ist, für die sie sich ausgibt. Dann trifft auch noch ein Fahndungsaufruf nach einer verdächtigen weiblichen Person ein, die ein Attentat auf einen führenden Politiker plant. Alles spricht dafür, dass es die Frau ist, in die sich sein bester Freund Mads geradewegs Hals über Kopf verliebt. Gefahr ist im Verzuge.mAls dann auch noch Mikkel, Mads kleiner Sohn in Gefahr gerät, überstürzen sich die Ereignisse. Ein Roman in dem es nicht nur um die Fragen von Vertrauen, Mut und Einsicht geht. Sondern auch darum, auf sein Herz zu hören und wenn es sein muss über den eigenen Schatten zu springen.

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Epilog

Kleines Lexikon der dänischen Begriffe und Redewendungen:

Ein Nachwort

Danksagung

Impressum

Dünenflimmern – Schleier der Vergangenheit

Zum Buch

Ein Roman, der den Leser tief in eine der schönsten Landstriche Dänemarks führt und eintauchen lässt. Sonne, Sand, weites Meer und eine faszinierende Natur. Spätsommer in Blåvand, dem beliebten Urlaubsort an der dänischen Westküste. Hyggelig, wie die Dänen sagen … Diese Gemütlichkeit wandelt sich für die Freunde Mads, Ove und Peder schnell zu einem Abenteuer, das ihr gewohntes Leben auf den Kopf stellt und für ewig verändern wird. Dabei beginnt alles mit der Frage: Wer ist die mysteriöse Frau, die sich in Mads’ Haus am Sandtoftevej einmietet? Und welche dunklen Geheimnisse trägt sie mit sich herum? Schnell kristallisiert sich dabei für Ove, den Polizisten, heraus, dass diese Sybille Martens keineswegs die Person ist, für die sie sich ausgibt. Dann trifft auch noch ein Fahndungsaufruf nach einer verdächtigen weiblichen Person ein, die ein Attentat auf einen führenden Politiker plant. Alles spricht dafür, dass es die Frau ist, in die sich sein bester Freund Mads geradewegs Hals über Kopf verliebt. Gefahr ist im Verzuge. Und doch ist nichts, wie es scheint. Als dann auch noch Mikkel, Mads kleiner Sohn in Gefahr gerät, überstürzen sich die Ereignisse. Ein Roman in dem es nicht nur um die Fragen von Vertrauen, Mut und Einsicht geht. Sondern auch darum, auf sein Herz zu hören und wenn es sein muss über den eigenen Schatten zu springen.

Zur Autorin

Katharina Mohini legt mit ›Dünenflimmern – Schleier der Vergangenheit‹ ihr mittlerweile viertes Buch vor. Bücher, die die Thematik ›Starke Frauen in außergewöhnlichen Lebenssituationen und der ewige Kampf mit den großen Gefühlen‹ behandeln. Dabei würzt sie ihre Geschichten stets mit einer kräftigen Prise Hochspannung und Humor. Des Öfteren stolpern ihre Protagonisten über die Fallstricke ihrer eigenen Handlungen und Taten, oder geraten in bedrohliche Situationen, die praktisch aussichtslos erscheinen.

In diesem Buch begibt sie sich zum ersten Mal, neben der eigentlichen Romance-Geschichte in das Genre des Kriminalromans hinein und beweist damit, das ein Genre nicht das andere ausschließt.

KATHARINA MOHINI

Dünenflimmern

Schleier der Vergangenheit

Roman

Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden.

Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden Personen wäre zufällig.

Mit Ausnahme der Geschäfte und der örtlichen Gegebenheiten.

Die Genehmigung wurde mir freundlicherweise von den

jeweiligen Geschäftsinhabern erteilt.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig.

Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung,

Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http:// dnb.d-nb.de abrufbar.

Copyright: © 2020 Katharina Mohini

c/o Christin Strehse, Ulzburger Str. 316, 22846 Norderstedt

Lektorat: Christel Baumgart, Lektorat Mauspfad Titelbild: © G. Strehse © Masson / Shutterstock.com Covergestaltung: TomJay - bookcover4everyone / www.tomjay.de Satz, Herstellung und Verlag: Das Printexemplar erscheint bei BoD - Books on Demand, Norderstedt ISBN: 978-3-7519-9220-6

Am Ende des Romans finden Sie ein kleines dänisches Lexikon der Begriffe

Meinem Schwiegerpapa Erich gewidmet.

Du bist der wahre Mads in unserem Leben.

Danke für all die gemeinsamen Jahre,

die wir das Leben gemeistert haben

und hoffentlich noch meistern werden.

Kapitel 1

Der Stadtteil Blankenese an einem sonnigen, kalten Januartag. Hamburgs Nobelwohnort lag um diese Zeit wie erstarrt in seinem Winterschlaf. Kalt und unpersönlich für diejenigen, die nicht mit dem goldenen Löffel geboren waren. Oder für die, die nicht mehr hierhergehörten, verglich die stumme Beobachterin in ihr.

»Und du hast es dir ernsthaft überlegt?« Der kurze Blick der Fahrerin streifte die Passagierin, die wie erstarrt neben ihr saß.

»Du musst die nächste Straße links rein«, kam es kaum verständlich über die verkniffenen Lippen der Mitfahrerin.

»Ich weiß.« Sybille Martens schluckte ihren aufkeimenden Unmut herunter und betätigte den Blinker ihres altersschwachen Golfs. Niemand, nicht einmal sie selbst mochte ermessen, was ihre beste Freundin in den letzten Monaten hatte durchmachen müssen. Ganz zu schweigen von der Zeit davor. »Nur finde ich es nicht gut, dass du da allein reingehen willst.«

Funkstille. Typisch Silje! Es wäre vergebens, darauf zu hoffen, dass sie einlenkte. Ärgerlich über sich selbst und darüber, dass sie bereit war, mit der Freundin dieses Ding zu drehen, bog sie in die Straße Wilmans Park ab.

Von alten Bäumen und noblen Villen gesäumt, schlängelte sich die wie ausgestorben daliegende Straße den sanften Abhang hinunter. Am Fahrbahnrand türmten sich schmutziggraue Schneehaufen, die an die letzten heftigen Schneefälle erinnerten, die Hamburg heimgesucht hatten.

»Du kannst dort vorn anhalten.« Silje Nehrmann deutete auf einen freien Parkplatz und zog den Reißverschluss ihrer dunklen Fleecejacke bis unter das Kinn.

Die Fahrerin lenkte ihren Wagen in die freie Lücke am Straßenrand. Der Motor erstarb und hinterließ ein bedeutungsschweres Schweigen.

»Silje?« Sybille Martens musterte die Freundin, die ganz damit beschäftigt war, sich für ihr riskantes Vorhaben vorzubereiten. Mit ihrem Outfit und der an den Tag gelegten Entschlossenheit wirkte sie wie ein weiblicher James Bond. »Ich habe ein echt mieses Gefühl bei der ganzen Sache.«

Statt auf die besorgte Feststellung ihrer Gefährtin einzugehen, beschäftigte diese sich ausschließlich damit, eine störrische Strähne ihres langen roten Haares unter die Wollmütze zu verbannen.

»Silje!«

»Nein, Spatzi.« Der sonst so milde Blick bannte die aufgebrachte Freundin an ihren Platz. »Ich bin dir dankbar, dass du mich hierhergefahren hast und Schmiere stehst. Doch der Rest ist allein meine Sache.«

»Aber …«

Statt ihr zu antworten, öffnete die zu allem entschlossene Frau die Tür und sprang behände hinaus. Nur um kurz darauf hinter der hochgewachsen Rhododendronhecke zu verschwinden, die das Grundstück der von Gernhausen’schen Villa umschloss.

Wie ein Einbrecher schlich sich Silje Nehrmann die geschwungene Auffahrt zum Anwesen hinauf. Dabei war es keine zehn Monate her, dass sie hier ein- und ausgegangen war. Sie horchte prüfend in sich hinein, suchte nach einem Bedauern, das sich partout nicht einstellen wollte. Letztlich war es nur ein goldener Käfig, aus dem sie ausgebrochen war. Nein, sie bedauerte nichts von dem, was seither geschehen war. Schluss! Sie musste aufhören, sich davon beeinflussen zu lassen. Nicht jetzt!

Silje konzentrierte sich auf das Knirschen des Kieses unter den Sohlen ihrer Sneakers und auf das Ende der Bepflanzung. Da lag es vor ihr, das Haus, das einmal auch ihres gewesen war. Ein sichernder Blick zum Nachbargrundstück. Bewegte sich da nicht eine Gardine? Dort im ersten Stock. Die alte Havekost, stellte die nüchterne Stimme in ihrem Kopf fest. Sie würde sich beeilen müssen. Gut anzunehmen, dass diese Hexe bei Hartmut anrief, um ihm brühwarm zu erzählen, wer sich hier aufhielt. Verdammt, sie würde weniger Zeit haben als geplant.

Alle Vorsicht vergessend sprintete sie über den Wendeplatz der Auffahrt und die imposante Freitreppe hinauf. Das Adrenalin schoss durch ihren Körper und ließ die Finger zittern, als diese versuchten, den Schlüssel im Türschloss unterzubringen. Nein, das durfte nicht sein. Nicht jetzt! Hartmut hatte das Schloss austauschen lassen. Der Schweiß rann ihr brennend den Rücken hinab, während sie fieberhaft nach einem Ausweg suchte, um ins Haus zu gelangen. Die Blumenschale … Silje zwang sich dazu, den Topf nicht von der Brüstung zu fegen, um an den dort deponierten Schlüssel zu gelangen. Das war schon immer so gewesen. In gewissen Dingen war Hartmut so berechenbar.

Stille umfing sie, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel. Hatte sie etwas anderes erwartet? Partymäuse, eine Nachfolgerin? Wohl nicht.

Sie musste an ihren Safe kommen, hämmerte es in ihrem Kopf. Zielstrebig eilte sie die Treppe in das obere Stockwerk hinauf. Der Gedanke an ihre ehemalige Nachbarin trieb sie voran. Wenn diese sie bemerkt hatte, würde Hartmut keine zwanzig Minuten benötigen, um von der Kanzlei hierherzukommen. Silje riss die Tür zu ihrem Ankleidezimmer auf und prallte erschrocken zurück. Das Chaos, das sich ihr präsentierte, raubte ihr den Atem. Alle Schranktüren standen offen; wenn sie nicht gar eingetreten oder aus den Angeln gerissen waren. All ihre Kleider, die sie hiergelassen hatte, lagen verstreut auf dem Boden. Und damit nicht genug. Ein Stöhnen entrang sich ihrer Brust und zwang sie auf die Knie. Das Armanikleid, das sie damals zu Karinas Hochzeit getragen hatte –, von oben bis unten aufgeschnitten. Das nächste, das folgende, alle Kleidungsstücke, die ihre Hände erfassten, waren zerschnitten, zerrissen oder irgendwie sonst beschädigt. Hasste Hartmut sie so sehr, dass er alles, was sie besaß, blind zerstörte? Noch immer?

Auf allen Vieren kroch sie zu dem Kleiderschrank, unter dessen doppeltem Boden sie ihr ganz persönliches Versteck wusste. Hatte ihr Exmann auch hier für vollendete Tatsachen gesorgt? Das durfte nicht sein. Sie brauchte ihr Tagebuch und die Papiere, die sie hier deponiert hatte und an die sie bislang nicht herangekommen war.

Die Holzplatte über dem Versteck war wie verschweißt. Ein zweiter Fingernagel brach ihr bis auf das Nagelbett ab und trieb ihr das Wasser in die Augen. Schluchzend versenkte Silje ihre Hand in dem Stoffhaufen neben sich. Statt einer Linderung erfühlten die Finger einen festen Gegenstand. Die Schere, mit der Hartmut die Kleidung zerschnitten hatte, war ihr rettender Anker. Mit einem kratzenden Geräusch löste sich die Platte aus ihrer Verankerung und gab endlich das Versteck frei.

Das Vibrieren an ihrem Körper ließ Silje erschrocken zusammenfahren. Fahrig fummelte sie das Handy aus ihrer Jacke. Sybille? »Ja, was ist?« Ihre Stimme kam ihr selbst fremd vor. »Kommt da wer?«

»Du musst dich beeilen.« Die Freundin klang gehetzt. »Da steht eine Frau vor dem Nachbarhaus und sieht zu euch rüber. Sie scheint etwas bemerkt zu haben.«

»Warum bist du nicht im Auto geblieben?«

»Komm raus, wir versuchen es ein anderes Mal. Nein … Verdammt, jetzt kommt auch noch ein Auto die Auffahrt rauf.«

Siljes Herz setzte für einen langen Moment aus, ehe sie mehr unbewusst handelte. Sie griff sich ihren geliebten Missonischal, raffte die wichtigen Unterlagen zusammen und wickelte diese in ihn hinein.

»Silje, wo bist du!!!«, überschlug sich die Stimme der Freundin im Handy. »Es ist dein Exmann. Und er kommt gleich ins Haus!«

Mit zusammengebissenen Zähnen verknotete Silje den Schal und kam mit ihrer Last taumelnd in die Höhe. Was, wenn Sybille recht hatte? Ihren Besitz in der einen, das Handy in der anderen Hand, huschte sie zum Fenster und riss es auf. »Bille, wo bist du?« Keine Antwort, doch der Blondschopf der Freundin leuchtet vor dem dunklen Grün der Koniferen. »Schnapp dir die Sachen und warte im Auto auf mich.« Silje riss das Fenster auf. Es war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus, als sie das eigentümliche Paket im hohen Bogen hinauswarf.

Und nun? Ein Blick über die Schulter. Sie musste fort von hier. Hartmut würde mittlerweile das Haus betreten haben. Silje sprang über die traurigen Überreste ihrer Kleidung hin zur Tür. Wusste ihr Ex, dass sie hier eingebrochen war? Hatte Frau Havekost ihn informiert? Oder war er nur zufällig so früh aus der Kanzlei heimgekehrt?

Der Flur zur Treppe hin war frei. Alarmierend war, dass nicht das leiseste Geräusch von unten zu ihr heraufdrang. Jetzt musste sie nur diese dreizehn Stufen und die paar Meter über den Flur zur Haustür hin überwinden. Wenn sie schnell war und noch mehr Glück hatte, wären es Sekunden. Und Hartmut würde nicht einmal mitbekommen, wer hier eingestiegen war. Silje nahm all ihren Mut zusammen. Nahezu lautlos überwand sie die Treppe und hastete über die hellen Fliesen des Flures.

Die Haustür war zum Greifen nah, als ein derber Schlag sie von der Seite her erfasste und gegen die Wand katapultierte. Hart prallte sie mit ihrer Schulter und dem Kopf auf das Mauerwerk und sackte zu Boden. Hartmut hatte ihr aufgelauert. Er hatte die ganze Zeit über gewusst, dass sie sich hier im Haus befand. Die Erkenntnis schlug mit einem heftigen Schmerz über sie zusammen.

»Was hast du hier zu suchen, du undankbares Miststück?«, drangen seine Flüche wie durch Watte auf sie ein. Der harte Griff, mit dem er sie an den Oberarmen packte und emporriss, ließ den Schmerz, der sie durchtobte auf ein noch höheres Level schnellen. Ein weiteres Mal stieß er sie grob gegen die Wand, wobei er sie mit wütenden Verwünschungen, Flüchen und Schlägen traktierte.

Silje war sich bewusst, dass es nur eine Frage von Sekunden war, bis seine Wut auf sie und das, was sie ihm in seinen Augen angetan hatte, in einem Tobsuchtsanfall endete. Die Küche! Sie musste in die Küche kommen. Von dort ging eine Tür hinaus in den Garten. Der nächste Stoß ließ sie vorantaumeln. Die Gelegenheit, Abstand zu gewinnen. Das hier war einmal ihr Reich gewesen. Selbst jetzt, wo es sprichwörtlich um Leben und Tod ging, fiel ihr auf, wie verwahrlost all das hier wirkte. Weiter, sie musste weiter, trieb sie sich und ihren geschundenen Körper an. Schon traf sie der nächste Schlag in den Rücken und ließ sie haltlos herumschleudern.

Die Kante der marmornen Arbeitsplatte bohrte sich schmerzhaft in Niere und Hüfte, als sich der Rasende förmlich auf sie warf. Seine Hände fuhren ihr an den Hals und drückten erst langsam, dann immer kräftiger zu. Dieses selbstgefällige Lachen, dieser Blick, der in einer Mischung von maßloser Wut und beginnendem Irrsinn auf ihr ruhte, fraß sich in Siljes Bewusstsein hinein. Sie spürte, wie die Atemnot sie einer Ohnmacht entgegentreiben ließ. Und doch schrie etwas in ihr, dass sie gefälligst um ihr Leben zu kämpfen hatte. Hartmut würde sie umbringen und selbst damit vor dem Gesetz durchkommen. Er wäre erneut der, der triumphieren würde. Dieser aalglatte, selbstverliebte und durch und durch verdorbene Mensch, der alle anderen für sich einspannte und für seine Ziele missbrauchte.

»Har…«, drang ein Röcheln aus ihrer geschundenen Kehle hervor. Keine Flucht mehr möglich. Die Schatten begannen sich bereits an den Rändern ihrer Wahrnehmung zu sammeln. Ihre Hände gaben die Stahlkrallen frei, die ihr das Leben aus dem Körper sogen; sanken zur Seite, wischten ziellos suchend umher. Und dann war da dieser Gegenstand, den die Rechte umstieß. Der Messerblock. Die Finger spürten den Griff eines der Messer, schlossen sich drum. Mit letzter Kraft riss sie die Klinge hoch und stieß sie in Richtung ihres Peinigers.

Kapitel 2

Langsam näherte sich die junge Frau dem schmucklosen Backsteingebäude. Hier am Steckelhörn betrieb die Deutsche Post eine ihrer zahlenmäßig größten Postschließfachanlagen in Hamburg. Darunter auch ihres. Gegenüber dem Gebäude blieb sie stehen und scannte unauffällig die Umgebung. Doch keiner der vielen Passanten um sie herum schien Notiz von ihr zu nehmen. Mittagszeit. Ein jeder war mit sich selbst beschäftigt, hatte Besorgungen zu erledigen oder eilte in eines der Restaurants.

Sie kam nicht oft hierher. Eigentlich suchte sie dieses Postamt nur dann auf, wenn sie eine dieser kryptischen Mails erreicht hatte. Ein Schließfach, das ihr das größte Maß an Heimlichkeit und Diskretion gewährte. Wie so vieles in ihrem heutigen Leben; diesem Doppelleben.

Ein nochmaliger sichernder Blick in die Runde, bevor sie ihren Fuß auf die Straße setzte und die Seiten wechselte.

Durch die Drehtür hindurch betrat sie die funktional wirkende Schalterhalle. Sie tat, als müsse sie sich erst anhand des Schlüssels und der Hinweisschilder orientieren. Dabei beobachtete sie erneut ihr Umfeld. Das Verhalten eines gehetzten Tieres, ging ihr dabei durch den Kopf. Und doch waren es diese Instinkte, die ihr bislang das Leben und die Freiheit gesichert hatten.

Gelassenen Schrittes steuerte sie das Postfach an, das sie vor Jahren angemietet und seitdem selten aufgesucht hatte. Das letzte Mal vor ein paar Monaten, erinnerte sie sich mitleidlos. Wie jedes Mal zuvor würde es auch dieses Mal das Leben mancher Menschen auf ewig verändern.

Der weiße handelsübliche Briefumschlag füllte nahezu das gesamte Fach aus. Er wirkte verhältnismäßig schwer. Auch das war nichts Neues. Erneut packten sie die Erinnerungen, als ihr Blick die Adressatin streifte.

Das Herz wurde ihr schwer bei dem Gedanken an die wahre Trägerin dieses Namens. Karen Winter. Ihr liebliches Lachen, die Fröhlichkeit, mit der es ihr gelang, jeden Regentag in Sonnenschein zu verwandeln. Gedanken an ihre gemeinsame, aufregende Zeit in Südostasien. Rückblickend betrachtet waren es die schönsten Monate ihres bisherigen Lebens gewesen. Unbeschwert, zusammen mit dieser beschwingten Freundin, die sie mitzog und das Leben wieder lieben lernen ließ. Und nicht nur das Leben.

»Jetzt werde nur nicht sentimental«, murmelte die junge Frau hart zu sich selbst und wischte mit dem Handrücken eine aufsteigende Träne aus dem Augenwinkel. Tiefes Durchatmen, ein eiskaltes Abblocken der weiter auf sie einstürzenden Erinnerungen. Schluss mit diesen romantischen Gefühlen. Nicht so lange, bis dieser neue Job erledigt wäre. Wenn sie ihn denn annahm.

Entschlossen versenkte sie den Umschlag in der großen Schultertasche, die sie bei sich trug. Das Postfach verschließen, ein erneutes Scannen ihrer Umgebung. Ein Handeln, das ihr längst ins Blut übergegangen war.

Ohne erkennbare Eile verließ die rätselhafte Frau das Gebäude und wandte sich in Richtung Katharinenstraße. Mit dem Mittagsläuten der Kirche im Rücken, die der Straße ihren Namen gab, ging es in Richtung Nikolaifleet, das sie über die Reimersbrücke überquerte. Ein kalter Wind zerrte an ihrem modischen Kamelhaarmantel und ließ sie frösteln. Der Gedanke an das, was sie bei sich trug und dass letztendlich ein Mensch dadurch sterben würde, hatte nicht annähernd diese Wirkung auf sie.

Das Haus im Hans-Henny-Jahnn-Weg war eines der älteren in der Straße. Es stammte noch aus der Kaiserzeit, meinte sie sich zu erinnern. Was im Grunde genommen unwichtig war. Sie fühlte sich hier sicher und beschützt. Hier im dritten Stock, zwischen den alten Leutchen und den New-Age-Typen, die ausnahmslos mit sich selbst beschäftigt waren. Man lebte nebeneinander her und ließ sich in Ruhe. Etwas, das mit Gold nicht aufzuwiegen war. Das Schönste an ihrer geräumigen Wohnung war jedoch der große alte Kachelofen, der dekorativ in der Ecke ihres Wohnzimmers stand. Ihr ›Tresor‹, wie sie ihn selbst nannte. Mit etwas Geschick hatte sie ihn, gelinde gesagt, nach ihrem Einzug modifiziert. Ein sicheres Versteck für all die Gegenstände, die definitiv nicht zu der ewigen Studentin gehörten und von niemandem gefunden werden durften.

Sie legte die Umhängetasche mit dem brisanten Inhalt auf dem Schreibtisch ab und ging in die Küche, um einen Tee aufzusetzen.

Nur langsam fiel die Anspannung von ihr ab und erlaubte, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Ein neuer Auftrag wartete auf sie. Der wievielte?, fragte sie sich und war es doch längst leid nachzurechnen. Am jüngsten Tag würde man es ihr ohnehin brühwarm auftischen. Bedeutend schwieriger war es da bei der Frage nach dem Sinn ihres Handelns. Nicht dass sie es ehrlich bedauerte; doch mit jedem Unmenschen, den sie ausschaltete, rückten gefühlt zehn weitere nach. Da war sie, diese schleichende Müdigkeit, die sich erneut in ihr festzusetzen versuchte. Erneut tauchte Karens liebliches Gesicht vor ihrem geistigen Auge auf. Sie versuchte, sich dagegen zu wehren, und versagte doch vor den auf sie einstürzenden Erinnerungen. Karens Lachen, das verführerische Glitzern in ihren Augen. Nur um ihr kurz darauf sterbend in den Armen zu liegen. Erneut diese bohrenden Fragen, ob es das alles wert gewesen war. Alle Menschen, die ihr je etwas bedeutet hatten, waren tot. Sie war es, die jedem den sicheren Tod brachte. Denen, die es verdient hatten, genau wie der, die sie über alles liebte.

Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Er reichte aus, um sich erneut auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das Teewasser brodelte im Wasserkocher. Sie gab zwei Beutel einer ayurvedischen Teemischung in die Kanne und goss mit ruhiger Hand das Wasser auf.

Die Pulverbeschichtung der Einweghandschuhe jagte ihr, wie jedes Mal, ein Frösteln über den Rücken. Doch es war nötig. Von diesem Moment an war es überlebenswichtig, keine verwertbaren Spuren zu hinterlassen. Das Dossier ihres nächsten ›Kunden‹ wäre später das Einzige, was die Spezialisten der Polizei am zukünftigen Tatort finden würden. Darin war sie gut. Ein Ermittler von Europol hatte einmal mit einem Hauch von Verständnis von ihrer speziellen Visitenkarte gesprochen. Obwohl sie selbst nicht erwartete, auch nur einen Tag Strafmilderung dafür zu bekommen. Nur weil sie die Welt von einem weiteren abscheulichen Monster befreit hatte.

Der große Umschlag lag vor ihr auf dem Schreibtisch. Unschuldig weiß, ihre Anschrift wirkte gestochen scharf, kein Absender. Die bunten Briefmarken darauf verrieten als Herkunftsland Dänemark. Aufgegeben, laut Poststempel, in Kopenhagen. Unerheblich! Der Inhalt war wichtig, nicht der Absender, solange dieser ihr ein umfängliches Dossier sandte und den üblichen Betrag zahlte.

Die Schere hatte mit dem dreimal gesicherten Verschluss zu kämpfen. Als wollte der Versender unbedingt eine Beschädigung auf dem Transportweg vermeiden. Die Bündel Banknoten, die sie zuerst hervorholte, waren luftdicht eingeschweißt. Auf den ersten Blick gebrauchte Scheine, ohne fortlaufende Nummerierung. Dreißigtausend Euro würde sie zählen, daran zweifelte sie nicht. Ihre Auftraggeber waren keine Anfänger. Das Dossier!

Einen Schluck Tee genießen, die Augen schließen und sich sammeln. Wenn sie diesen Augenblick der inneren Einkehr hinter sich hatte, wäre alles anders. Sie würde die Vita eines Menschen kennenlernen, der, wenn es gut lief, nicht mehr lange auf dieser Erde wandelte.

Jesper Hyrde-Englund. Ihr erstes Gefühl hatte sie nicht getäuscht – Hjerting bei Esbjerg, Dänemark. Das offizielle Foto zeigte einen auf den ersten Blick sympathischen, jugendlich wirkenden Mann. Die Vita erzählte von einem erfolgreichen, rechtsliberalen Politiker, der es bis zum Staatssekretär und designierten Minister für Ernährung, Fischerei und Chancengleichheit geschafft hatte. Erfolgreich, charismatisch und mit diplomatischer Immunität gesegnet. Ein Machtmensch, mit Freunden an wichtigen Positionen, Geld und Connections, die ihn unantastbar machten. Ein Mann, mit dem man es sich nicht verscherzen sollte.

Dieser Auftrag würde anders ablaufen als gewöhnlich. Zu viele Lücken und Unwägbarkeiten, die es vorab zu klären galt. Ganz tief in ihr regte sich ihr untrügliches Bauchgefühl, diesen Job abzulehnen. Doch die Bilder auf den folgenden Seiten ließen ihr keine Wahl. Bilder von missbrauchten, von geschändeten Kindern und ihre Geschichte. Die Beschreibungen dazu musste sie nicht lesen, um für sich zu einer Entscheidung zu kommen. Geschichten, die ein Aufguss ihrer eigenen Erlebnisse waren. Nüchterne Daten und Fakten, die nicht annähernd widerspiegelten, wie die Peiniger jahrelang ihre perversen Gelüste austobten. Ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Geld, Macht und die richtigen Beziehungen waren die ständig wiederkehrenden Säulen, mit denen solche ›Menschen‹ ihre abnormen Gelüste ungestraft austoben konnten.

Es sei denn, es gab jemanden, der es auf sich nahm, der Engel mit dem Flammenschwert zu sein. Jemanden, dem die eigene Zukunft gleichgültig war. Den einzig der Wunsch antrieb, möglichst viele Täter mit sich zu nehmen, bevor es ihn selbst erwischte.

Während sie das Dossier durchlas, arbeitete es längst in ihrem Hinterkopf, welche Strategie die passendste wäre. Sie musste sich eine Legende erschaffen. Eine, die auch auf den zweiten Blick einer Überprüfung standhielt.

Kapitel 3

Die Zahlen sahen nicht wirklich gut aus. Die beiden Stornierungen, die heute aus Deutschland hereingekommen waren, waren dabei das kleinste Problem. Peder Wieland setzte die Brille ab und rieb seine brennenden Augen.

Im nächsten Leben werde ich mit Gewissheit kein Ferienhausvermieter, schwor er sich und sah aus dem Fenster, in Richtung Oksby Kirke. Im Grunde genommen sah er gar nichts durch die regenblinde Scheibe, durch die es zudem immer dunkler wurde. Ein nachdenklicher Blick zur Uhr. Er hätte längst Feierabend machen sollen. Ja wirklich, ein kleines Feierabendbierchen in Lise’s Pub, ehe es nach Haus ging. Er sollte Mads anrufen und vielleicht kam auch Ove hinzu. Obwohl … seitdem der Freund seinen Dienst in Varde versah, ließ er sich hier in Blåvand viel zu selten sehen. Doch Mads, der würde ihn nicht im Stich lassen.

Wieland hatte gerade zum Telefonhörer gegriffen, als die Tür zum Büro aufflog. Ein heftiger Wind folgte der Eintretenden und wirbelte neben einer unbehaglichen Feuchtigkeit erstes Laub in den Raum hinein. Das Knallen der gegen die Hauswand schlagenden Außentür hatte etwas Gespenstisches an sich. So als wäre der Leibhaftige gerade hier aufgeschlagen.

»Hallo.« Die späte Besucherin schlug die Kapuze ihrer übergroßen Jacke zurück und blinzelte angestrengt zu dem Mann hinter dem flachen Tresen. »Darf ich Sie noch stören?«

»Äh, ja?« Fasziniert musterte Peder die Frau, die auf ihn wie ein junges Kätzchen wirkte, das man gerade aus dem Wasser gezogen hatte. Ohne dass sie dabei etwas von ihrer Attraktivität eingebüßt hatte, ergänzte er für sich und verfiel automatisch ins Deutsche: »Wie kann ich dir weiterhelfen?«

Ein kurzes Stutzen der Frau, verbunden mit einem missfälligen Zucken ihrer Mundwinkel. »Ich benötige ein Haus. Ein Ferienhaus«, ergänzte sie viel freundlicher und strich sich eine feuchte Haarsträhne aus ihrem schmalen Gesicht. »Sie sind meine letzte Chance.«

Ihr Lächeln fing ihn ein. Was für eine Frau … Nej, den Gedanken verschloss Peder Wieland dann doch lieber vor sich und konzentrierte sich auf das Wesentliche. »Da kann ich sicher bei behilflich sein.« Ein schüchternes Lächeln an ihre Adresse. »Ich habe ein paar schöne Häuser frei. Hast du … haben Sie einen speziellen Wunsch?«

»Es soll vor allem ruhig gelegen sein. Ich benötige nicht viel an Luxus. Ach, und ich möchte es auf längere Zeit mieten.«

Hinter ihr klapperte die Außentür weiter im Spiel des Windes. Wieland erhob sich und bewegte sich mit einer knappen Entschuldigung an ihr vorbei, um diese zu schließen. Geschenkte Zeit, sich auf diese bemerkenswerte Frau einzustellen. Das Parfum, das sie aufgelegt hatte, verströmte einen Hauch von Frische und Anmut. »Wie lange, denken Sie, dass Sie es mieten wollen?«

Ihr Blick, der irgendwie an ihm vorbeiging, wirkte mit einem Male verbittert. »Drei Monate. Vielleicht auch auf länger. Wäre das möglich?«

»Det er vanskeligt.« Wieland rieb sich nachdenklich den Nacken und blendete entschuldigend um. »Das wird nun doch ein kleine wenig schwierig sein.«

»Wenn es ums Geld geht.« Verstehend stellte sie ihre Handtasche auf den Tresen, öffnete sie und suchte darin herum. Ein dicker Briefumschlag kam zum Vorschein. »Ich hoffe, dass Sie Euro nehmen?«

»Kein Problem. Dabei nicht.« Wieland rief seine Belegungsseite auf und blätterte zur Übersicht mit den Vermietungen. »Nur sehe ich, dass es über Weihnachten und Neujahr hinweg ist. Das ist unsere A-Saison. Für diese Zeit sind die Häuser meist über ein Jahr im Voraus gebucht.«

Aus den Augenwinkeln heraus registrierte er ihren entsetzten Blick. Gerade einmal drei Häuser stachen heraus, die in den Folgemonaten durchgehend frei waren. Eines von denen konnte er niemandem zumuten, solange es nicht grundlegend saniert war. Ein weiteres gehörte seinem besten Freund Mads. Bei ihm wusste er, dass dieser das Haus gern über Weihnachten für sich selbst zurückbehielt; für irgendwelche Verwandten. Aber sollte er dafür eine durchgehende Vermietung von drei Monaten und mehr in den Sand setzen?

»Ich kann das Haus gleich bezahlen«, flüsterte sie schüchtern. »Zumindest kann ich eine Anzahlung leisten.«

»Wie vermutet.« Peder Wieland rief das erste Haus auf und drehte den Monitor so, dass sie die Bilder betrachten konnte. »Ich habe für die Zeit zwei Häuser, die ich dir gern vorschlagen will.«

Sie beugte sich interessiert vor, als er die Bilddateien aufrief und die Diashow betätigte. Zeit für ihn, fasziniert ihre Ausstrahlung auf sich wirken zu lassen.

»Ist das nicht ein wenig groß? Ich meine, ich bin allein«, gab sie zu bedenken. »Und sind das etwa die Monatspreise?«

»Wöchentlich.« Wieland sah das Erschrecken in ihren Augen und schaltete unverzüglich. »Undskyld, das ist natürlich in dänische Kronen.« Der Zeiger der Maus wischte über das kleine Icon mit der deutschen Flagge. Die Summe veränderte sich. Doch offenbar nicht so weit, dass sie damit leben konnte.

»Das wären dann ja fast viertausend Euro«, entglitt ihr ein ehrfürchtiges Hauchen. »Ich … ich wollte keine Bank ausrauben.«

Noch mehr als das, überschlug Peder Wieland für sich. Kam doch der deftige Aufschlag um Weihnachten und Neujahr hinzu. Der Moment, um ihr Mads’ Häuschen vorzustellen. »Es gibt noch ein zweites Haus. Es liegt etwas einsamer und ist sogar billiger.« Wieland rief auch diese Bilder auf.

»Und wo ist der Haken?«

Peder fragte sich irritiert, was sie damit meinte, bis er auf die Lösung kam. »Der Besitzer hat das Haus ein klein wenig für sich reserviert. Doch ich will gern mit ihm reden und versuchen, eine spezielle Preis zu machen. Wenn er hört, dass du planst, eine längere Zeit hier zu wohnen, hat er vielleicht ein Einsehen.«

Silje Nehrmann bemächtigte sich der Maus und rief die Bilder des angebotenen Hauses einzeln auf, um sie zu vergrößern. Als Shabby-Chic bezeichnete man diese Art der Einrichtung, durchzuckte sie der Gedanke. Es hatte einmal Zeiten in ihrem Leben gegeben, da wäre sie mit einem spöttischen Lachen darüber hinweggegangen und hätte sich in einem Hotel eingemietet. Doch dieser Lebensabschnitt gehörte gottlob der Vergangenheit an. Hoffentlich und endgültig, ergänzte eine gehässige Stimme in ihrem Hinterkopf. »Ich würde es mir gern einmal anschauen.«

Dieser Ferienhausvermieter nickte verhalten und war offenkundig bemüht, sich seine Neugier nicht anmerken zu lassen. Was er wohl dachte? Sie rang sich dazu durch, zu einem Abschluss zu kommen. Die Alternative war, dass sie weiter durch die Nacht fuhr, um verzweifelt nach einem Unterschlupf zu suchen. Blåvand war jedenfalls ein Ort, den sie einmal als junges Mädchen mit ihren Eltern besucht und in guter Erinnerung behalten hatte. Zumindest versprach er einen Hauch von Geborgenheit und Ruhe.

Peder Wieland hatte unterdessen die beiden Schlüsselbunde vom Haken genommen und den Rechner heruntergefahren. »Wenn es Ihnen recht ist, fahre ich voraus«, schlug er ihr vor. »Sollte Ihnen eines der Häuser zusagen, können Sie gleich dortbleiben. Das Geschäftliche können wir dann morgen Mittag regeln.«

Sie nickte beifällig und schloss ihre Handtasche. »Danke, dass Sie das alles für mich machen. Sie haben doch sicherlich längst Feierabend, oder?«

Ein mildes Schmunzeln eroberte Wielands Gesicht. »Das schon. Manchmal hat es doch Vorteile, wenn nur der Kater auf einen wartet.« Er schlüpfte in seine Jacke und bedeutete ihr voranzugehen.

Ihr Wagen stand gleich neben seinem. Ein alter Golf, der, so wie es aussah, bis unter das Dach vollgeladen war. Vom Kennzeichen her kam sie aus Hamburg.

»Ich denke, wir fahren erst zu Horns Bjerge, dem ersten Haus, das du gesehen hast.«

Sie sah ihn an, als wollte sie etwas sagen. Doch es blieb bei einem stummen Nicken.

»Dann bis gleich, ich fahre vor.«

Während der Fahrt blieb Peder Wieland genug Zeit, sich seine Gedanken über die attraktive, aber unterkühlt wirkende Frau zu machen. Sein Bauchgefühl lief Sturm dagegen und signalisierte ihm, dass er lieber auf diese Rieseneinnahme verzichten solle. Über kurz oder lang würde sie nur Ärger bedeuten. Er sah in den Rückspiegel, auf die Scheinwerfer des Wagens, der ihm unbeirrt folgte. Kurz darauf stoppte er vor einem dunkel daliegenden Haus und stieg aus.

Aus dem Gebäude in der Nachbarschaft drang genug Licht zu ihnen, um den Platz vor dem Haus auszuleuchten. Und laute Musik, ergänzte Wieland für sich, der selbst nur bedingt auf Heavy-Metal stand. Damit war er nicht der Einzige, registrierte er die pikierten Blicke der Frau.

»Ist das hier immer so laut?«

»Das kann ich nicht sagen. Das Haus dort gehört einem anderen Vermieter.« Er klimperte mit dem Schlüsselbund. »Wollen Sie es sich trotzdem anschauen?«

Silje Nehrmann zuckte mit den Schultern, obwohl sie sich im Grunde ihres Herzens längst dagegen entschieden hatte. Was, wenn solche Randalebrüder öfter hier auftauchten? Und dann diese grässliche schwarze Farbe, mit der das Haus gestrichen war. Doch ansehen musste sie es sich. Mittlerweile wurde es hier draußen immer dunkler. Sie folgte dem Vermieter, der das Haus betreten hatte und nun aus einer Abstellkammer heraus an ihre Seite trat. Er betätigte mehrere Lichtschalter, die den Flur und die angrenzenden Räume in einem unangenehmen, kalten Licht präsentierten.

»Dieses Haus hat acht Schlafplätze«, moderierte der Mann neben ihr in einem Tonfall, als würde er sich selbst unbehaglich fühlen. »Die Einbauküche ist ganz neu, ebenso die Sauna, die dort im Anbau untergebracht ist.«

Kopfschüttelnd durchmaß Silje den Wohnraum. Möbel, die in Schwarz und Weiß gehalten waren. Ein Brennofen zwar, ansonsten alles ins Minimalistische gehend. Kaum Wandschmuck, nichts, was den Hauch einer persönlichen Note besaß. Selbst wenn sie die heutige Nacht im Auto verbringen musste, hier würde sie es auf Dauer nicht aushalten! Sie wandte sich dem sympathisch wirkenden Mann zu. »Ich denke, dieses Haus sagt mir überhaupt nicht zu. Dürfte ich doch noch das andere Haus sehen?«

»Ja, gerne. Das wird Ihnen vermutlich besser gefallen. Der Sandtoftevej liegt am Rande von Oksby und nicht so nahe am Militärgebiet wie dieses Haus.«

Silje wandte sich um und verließ beinahe fluchtartig das Haus. Ein Blick über die kaum bewachsenen Hügel zum Horizont. Das waren wohl die Dünen, erinnerte sie sich dunkel an ihre Jugendzeit.

»Wir können fahren.« Der Mann hatte das Haus verschlossen und stand bereits an seinem Wagen. »Wir müssen den Weg wieder zurückfahren.«

Erneut folgte Silje dem unscheinbaren Kleinwagen über die Schotterpisten und schmalen Straßen. Die niedliche Straßenbeleuchtung war mittlerweile in Betrieb. Erst jetzt fielen ihr die Ansätze auf, die an den Laternen angebracht waren. Kleine rostbraune Leuchttürme, die von innen heraus ein warmes Licht ausstrahlten. Wie süß war das denn! Ein warmes Gefühl durchströmte sie und ließ sie automatisch langsamer fahren. Um diese Zeit war noch viel Betrieb im Ort, den sie nun auf der Hauptstraße durchfuhren. Kurz darauf ließen sie das Ortsschild hinter sich. Links und rechts krochen die dunklen halbhohen Nadelwäldchen bis dicht an die Straße heran. Der Wagen vor ihr beschleunigte zügig und bog dann nach etwa zwei Kilometern rechts ab. Das kam so schnell, dass es ihr nicht gelang, die Hinweisschilder zu lesen. Irgendwas mit Høvlehuset meinte sie erkannt zu haben. Mit den dänischen Wörtern würde sie die nächste Zeit über ganz sicher ihren Kampf haben. Erschrocken trat sie auf die Bremse, als der Wagen vor ihr plötzlich scharf abbremste, kurz den Blinker setzte und zügig abbog. Kaum war ihr ein herzhafter Fluch über die Lippen gerutscht, bog der Wagen vor ihr erneut ab. Die Einfahrt schlängelte sich zwischen hohen Kiefern hindurch und endete auf einem unbefestigten Parkplatz.

Die Dunkelheit war nun beinahe vollständig. Vom Haus selbst war kaum etwas zu erkennen. Außer dass es aus Stein gemauert war und ein Strohdach besaß. Auch hier ging der Vermieter so schnell um das Gebäude herum, dass sie kaum hinterherkam.

Ja, dieses Haus hatte schon beim Eintreten eine ganz andere Ausstrahlung. Zu ihrer Rechten befand sich ein kleiner Hauswirtschaftsraum, in dem der Mann gerade die Sicherung einschaltete. Die Angaben, mit denen Herr Wieland sie fütterte, glitten ungehört an ihr vorüber. Mit angehaltenem Atem betrat Silje den kleinen Flur und betätigte die Lichtschalter. Auch wenn die Räume ausgekühlt waren, konnte sie im warmen Licht diese Behaglichkeit auf sich einwirken lassen. Die offene Küche mit der Durchreiche ins Esszimmer hinein, das Wohnzimmer mit dem gemütlichen Brennofen, der mit großen weißen Kacheln verkleidet war. Selten hatte Silje in den letzten Monaten solch ein intensives Gefühl von Geborgenheit und Zufriedenheit verspürt wie in diesem Augenblick.

»Ja, das würde ich sehr gern nehmen«, hörte sie sich sagen und drehte sich dabei im Kreise. »Und Sie werden mit dem Besitzer sprechen?«

»Ja, ich denke, er ließe mit sich reden. Mit Glück erreiche ich ihn heute Abend. Sodass wir morgen einen Vertrag schließen können.« Über das Gesicht des Mannes glitt ein zufriedenes Lächeln. »Wir müssen nur den Stromzähler ablesen und dann können Sie einziehen.«

Letztendlich war es dann wohl doch ein versöhnlicher Tag, entschied Peder Wieland für sich, während er vom Grundstück fuhr und eine glückliche Mieterin zurückließ. Jetzt musste er nur noch Mads davon überzeugen, dass er seine Weihnachtsgäste diesmal woanders einlogierte.

Er holte sein Handy hervor. Mads Nummer lag auf der Kurzwahl. »Hej, det er Peder.«

»Hej, wie geht es dir?« Die Stimme des besten Freundes klang angespannt. »Was gibt’s?«

»Gute Nachrichten! Wollen wir uns gleich in Lise’s Pub treffen?«

»Ich weiß nicht. Ich hatte heute einen vollen Tag und ein nicht wirklich gutes Gespräch mit Kirsten.«

Daher rührte also Mads’ Ausgebranntsein, begriff Peder und erahnte, wie der Freund drauf sein würde. Konnte Mads Exfrau ihn denn nicht endlich in Ruhe lassen? »Nun komm schon. Auf ein Bier. Ich habe sehr gute Nachrichten für dich.«

»Gut, ich bin in einer halben Stunde bei Lise.«

Peder beendete das Gespräch. Den Rest der Fahrt machte er sich seine eigenen Gedanken über das Los seines besten Freundes seit Schulzeiten. Nein, dann lieber der ewige Single bleiben, als das durchzumachen, was Mads zugestoßen war.

Nur wenig klüger befuhr Peder den großen Parkplatz, der im eigentlichen Zentrum Blåvands lag. Die Herbstferien in Deutschland waren noch nicht in allen Bundesländern beendet. Somit brummte der Tourismus weiterhin, der für die meisten von ihnen hier im Ort die Lebensgrundlage war. Diesmal bekam er sogar einen Parkplatz direkt vor dem Pub.

Schon vor dem Lokal wurde er von Nachbarn und Freunden begrüßt. Ein kurzer Smalltalk hier und da, ehe er hineinging und den letzten freien Tisch für sich und den Freund belegte.

Kaum hatte sie der junge Mann allein gelassen, begann es erneut zu regnen und zu stürmen. Silje Nehrmann schloss den Wagen und schleppte den schweren Koffer ins Haus. Das war es dann wohl vorläufig mit dem Wagen auspacken.

Ächzend bugsierte sie ihre Last ins Schlafzimmer, das dem Bad gegenüber lag, und betrat dann die Wohnstube. Der zentrale Platz im Haus, von dem alles abging. Nachdenklich sah sie sich um und nahm es für sich in Besitz. Kühl war es, spürte sie es über ihren Rücken ziehen. Jetzt, nachdem sie sich warm gearbeitet hatte, ganz besonders. Ob es ihr gelingen würde, den Brennofen anzuheizen? In dem kupfernen Bottich befanden sich einige Holzscheite, doch viel zu dicke. Also doch die Heizung, die hier so ganz anders mit Kipphebeln und einem blinden Temperaturregler zu bedienen war. Ob sie sich an all das würde gewöhnen können? Ob sie hier jemals zur Ruhe kam? Silje spürte, dass solche Stimmungen exakt in die falsche Richtung führten.

***

Peder Wieland hatte kaum an seinem Tisch Platz genommen, als auch Mads den Pub betrat. Unbeirrt trat dieser an den Tresen und begrüßte die Wirtin mit ein paar Worten. Zwei Touristinnen, die am Nebentisch saßen, tuschelten nervös lachend, ohne ihre Blicke von dem Ankömmling zu lassen.

So war es immer, wenn Mads Lynggaard die Bühne betrat, resümierte Peder und horchte in sich hinein. Wer von ihnen beiden hatte das bessere Los gezogen? Er, der ausgemachte Blindgänger, wenn es darum ging, die Liebe einer Frau zu erringen? Oder Mads? Der alles in die Wiege gelegt bekommen hatte und die Herzen der Frauen berührte, ohne es überhaupt wahrzunehmen?

»Hej Peder, du hast eben sehr geheimnisvoll geklungen.«

Der Freund kam mit zwei Flaschen Bier zu Peder an den Tisch und klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter. Er setzte sich ihm gegenüber und schenkte den Frauen am Nachbartisch ein einnehmendes Lächeln.

Das war sein Geheimnis, das war Mads. Einnehmend, positiv und sich seiner Ausstrahlung nicht einmal wirklich bewusst, die er auf die Menschen in seiner Nähe besaß. Die Mädels am Nebentisch gerieten an den Rand einer Ohnmacht und er bekam nicht einmal mit, dass er der Auslöser war.

»Peder?« Grinsend schnipste Mads mit den Fingern vor seinem Gesicht. »Was wolltest du mir sagen?«

Der Angesprochene kehrte aus einer anderen Welt zurück und tat mysteriös. »Du musst deine Weihnachtsgäste umquartieren.«

»Was ist geschehen? Warum tust du so geheimnisvoll?«

»Ich habe Lykkebo vermietet.« Peder Wieland berichtete dem Freund euphorisch, was sich vor Kurzem zugetragen hatte. Irritierend war nur, dass Mad’s Begeisterung von Satz zu Satz mehr abnahm. »He, ich habe dich schon mal leidenschaftlicher gesehen. Mann, das sind mindestens drei Monate, vielleicht sogar mehr!«

Inzwischen hatte es Mads geschafft, das Etikett auf seiner Bierflasche zu zerpflücken. Das Lächeln, das sonst sein Markenzeichen war, hatte es deutlich schwer, in sein Gesicht zurückzukehren.

»Ich plane, das Haus zu verkaufen.«

Mit offenem Mund setzte der Ferienhausvermieter sein Bier ab. »Echt jetzt? Ich meine … das ist gut … sehr gut. Du löst dich mental von Kirsten.« Peder wusste wohl als Einziger, wie sehr der Freund darunter gelitten hatte, dass seine Exfrau ihn damals betrogen und vorgeführt hatte. Das Haus war das Letzte, was ihn mit dieser Schnepfe verband. Das und sein Sohn Mikkel. »Hast du schon einen Käufer?«

Mads schüttelte den Kopf und ließ ein kraftloses Lächeln folgen. »Ich habe gedacht, du wirst mir dabei helfen.«

»Ja, gerne, nur … Willst du dir diese Einnahme entgehen lassen? Drei Monate«, zog er seine letzten Worte genüsslich in die Länge.

»Mir kommt es vor, als hätte dich die Dame längst um den Finger gewickelt.«

»Mich!?!« Peder rollte mit den Augen.

Mads stand auf und holte ihnen ein weiteres Bier. »Komm, ich kenne dich. Erzähle mir von ihr. Ist sie hübsch?«

»Ach was. Nun ja«, geriet Peder ins Schwärmen. »Sie sieht schon rassig aus. Obwohl, ganz jung dürfte sie nicht mehr sein. Sie wirkt … Ja, sie wirkt geheimnisvoll, mit einer Spur Weltenschmerz.«

»Herrgott Peder, du redest wie ein Philosoph.« Mads hatte zu seinem Lachen zurückgefunden. »Komm, wie sieht sie aus?«

»Langes, lockiges rotes Haar. Sie hat ein schmales zartes Gesicht«, tauchte Peder mit geschlossenen Augen in seine Erinnerung hinab. »Und um die Nase herum hat sie süße Sommersprossen. Sonst kann ich nicht viel sagen. Die große Jacke, die sie trug, hat eigentlich alles verdeckt.«

»Hm, drei Monate sagtest du?«

»Ja, mit Möglichkeit zur Verlängerung. Sie mag das Haus. Ich habe ihr versprochen, dass ich mit dir reden werde.«

»Okay, versuchen wir es mit ihr«, ließ sich Mads überreden, obwohl sich alles in ihm sträubte. »Aber keine Sonderkonditionen! Und ich will, dass du dich um den Verkauf kümmerst.« Er trank den Rest seines Bieres in einem Zug und erhob sich. »Entschuldige, ich muss am Morgen früh aufstehen.«

Kapitel 4

Die letzte Nacht war anstrengend gewesen. Silje hatte zwischen den Regenschauern ihre Habe ins Haus geholt und war dann wie ein Stein auf das Bett gefallen.

Jetzt lag sie hier in ihrer Kleidung, auf einem ungemachten Bett und starrte an eine weißgestrichene, getäfelte Decke. Die Sonne schien aus einem wolkenfreien Himmel ins Zimmer hinein und setzte alles in ein richtiges Licht. Und doch war sie sich nicht sicher, ob sie bleiben sollte. Nur, wohin sollte sie denn noch flüchten? Es gab keine absolute Sicherheit. Sie hatte alles geplant, an alles gedacht, war sie sich sicher. Niemand außer ihrer Freundin Sybille wusste, wohin sie geflohen war; und die würde schweigen wie ein Grab. Okay, ich werde bleiben, entschied sie aus dem Bauch heraus. Erst einmal für vier Wochen, mit Garantie auf Weitermietung. Ja, so wollte sie es regeln. Der junge Mann vom gestrigen Abend schien doch sehr zugänglich zu sein. Wie er sie angesehen hatte.

Silje erhob sich von ihrem Bett und trat aus dem Zimmer hinaus. Herr im Himmel war das ein Schlachtfeld. Sie dachte an ihren überstürzten Aufbruch aus Hamburg und daran, dass sie wahllos zusammengetragen hatte, was ihr in die Hände gefallen war. Sie würde Tage brauchen, bis sie alles wiederfand und sich eingerichtet hatte.

Mit ihrem Beauty-Case und dem Kulturbeutel bewaffnet suchte sie das Bad auf. Na, seine besten Jahre hatte der Raum bereits hinter sich. Zumindest wirkte es auf dem ersten Blick hin sauber. Raus aus den Klamotten, trieb sie sich an. War es überhaupt schon mal geschehen, dass sie in ihrer Kleidung eingeschlafen war? Was für ein Start in ein neues Leben!

Fröstelnd überwand Silje die kühle Strecke zurück ins Bad. Der dunkel gehaltene Steinfußboden war eisig kalt. Da war es eine Wohltat, sich unter die Dusche zu stellen und das schnell heiß werdende Wasser auf dem Körper zu spüren. Das wohlriechende Shampoo vermittelte umgehend das Gefühl, sich endlich wieder wie ein Mensch zu fühlen. In Ermangelung eines Stücks Seife verteilte sie es über ihren ganzen Körper und genoss das auf sie herabprasselnde Wasser … das mit einem Male gar nicht mehr so heiß war. Sch… der Fluch blieb ihr im Halse stecken. Den Regler auf heiß zu stellen, brachte kaum einen spürbaren Erfolg. Die Temperatur des Wassers nahm rapide ab. Zu allem Unglück hatte sie nicht an ihr Badelaken oder den Bademantel gedacht. Jetzt waren es erste Tränen, die ihren Körper herabperlten.

***

Den ganzen Morgen über weilte Peder Wieland mit seinen Gedanken bei der Frau, die gestern so stürmisch in sein Leben getreten war. Und bei den anstehenden Plänen seines Freundes, ergänzte er bekümmert für sich. Ein Empfinden, das ihn mehr verwirrte, als er bereit war zuzugeben. Warum freute er sich nicht für Mads, dass dieser endlich Abstand zu seiner Exfrau fand? Es war doch gut, das Mads jetzt bereit war, das Haus abzustoßen, das er in seiner damaligen Verliebtheit für Kirsten angeschafft hatte. Nur weil seine Madame gehofft hatte, dadurch schnell reich zu werden. Aber so war diese Frau schon immer gewesen. Viel Geld verdienen und immer auf der Überholspur leben. Jeder, außer Mads, hatte es damals kommen sehen.

Peder war froh, dass die folgende Kundin ihn von seinen Gedankengängen abhalten würde. Oder auch nicht, ergänzte er, als er in ihr ebendiese Traumfrau wiedererkannte. Sie wirkte zwar leicht derangiert, trug heute aber eine weit positivere Ausstrahlung mit sich.

»Guten Morgen, Herr … Ich weiß gar nicht, wie Sie heißen?«

»Peder. Peder Wieland. Guten Morgen.« Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Ferienhausvermieters aus. »Und Ihren Namen erfahre ich ja auch gleich, oder?« Er erhob sich höflich und reichte ihr die Hand. »Haben Sie gut geschlafen? Fühlen Sie sich wohl? Wie finden Sie das Haus?«

»Das sind ja einige Fragen.« Silje gab die Hand des jungen Mannes frei. »Die ich leider nicht alle mit einem Ja beantworten kann.«

»Oh, woran mangelt es denn?«

»Das ist noch eine lange Liste. Zuerst einmal an einem starken Kaffee.« Sie lachte verlegen. »Ich habe an vieles gedacht, nur nicht daran, dass ich mich in einem Ferienhaus selbst versorgen muss.«

»Das passiert nicht nur Ihnen so.« Peder machte auf dem Absatz kehrt und verschwand im Nebenraum. »Den Kaffee mit Milch und Zucker?«

»Oh, das ist aber lieb von Ihnen. Schwarz, ich trinke ihn immer schwarz.« Silje horchte in die Richtung, in die er verschwunden war. Ein wirklich aufmerksamer junger Mann, erkannte sie für sich. Mit einem Becher Kaffee und einem kleinen Teller mit dänischen Buttercookies kam er zurück.

»Etwas Besseres kann ich Ihnen zurzeit leider nicht bieten.«

»Das ist mehr, als ich zu hoffen wagte.« Wie eine Verdurstende setzte Silje den Becher an die Lippen. Das heiße Getränk weckte umgehend ihre Lebensgeister. »Nun haben Sie mir ein weiteres Mal mein Leben gerettet.«

»Das freut mich. Dann wird es mir sicher auch gelingen, Ihnen die weiteren Sorgen von den Schultern zu nehmen«, flirtete er zurück und verscheuchte den Gedanken, herauszufinden, ob er je Chancen bei ihr hätte.

»Danke schön«, hauchte sie und schlug die Augen nieder. »Ich muss Ihnen gestehen, so unbeholfen wie heute Morgen habe ich mich lange nicht gefühlt. Das heiße Wasser war sofort wieder kalt. Gibt es denn gar keine Bettwäsche? Bekommt man hier alles, was man zum Leben braucht? Ach, und ist es möglich, das Haus vorerst über vier Wochen zu mieten und sich eine Verlängerung zu sichern? Konnten Sie schon mit dem Besitzer sprechen?«

Peder Wieland lachte befreit auf und bemühte sich, all ihre Fragen umfassend zu beantworten. Mit der letzten begann er: »Ich konnte gestern mit dem Eigentümer sprechen und denke, dass er Ihnen das Haus auch über Weihnachten und Neujahr überlässt. Nur muss er Gewissheit haben, dass Sie zu Ihrer Zusage stehen.«

»Das heißt, ich muss gleich die vollen drei Monate mieten?«

»Ich denke ja.« Wieland hob in einer verlegenen Geste seine Schultern. »Mads … Ich meine, der Eigentümer verspricht uns im Gegenzug, seine Verkaufsabsichten zurückzustellen.«

»Das Haus soll verkauft werden?«

»Nicht solange Sie darin wohnen. Das hat er mir zugesagt.«

Silje Nehrmann biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Wie sie es hasste, in Zugzwang gebracht zu werden. Drei Monate, das waren mindestens zweitausendfünfhundert Euro, überschlug sie im Geiste. Ihre Finanzen würden nicht lange reichen, wenn das so weiterging.

»Dreitausendundzwölf Euro wären es dann bis zur Woche drei«, zauberte der Vermieter eine Summe hervor, die weit über dem lag, was sie eben überschlagen hatte.

»Wie?« Silje spürte, wie ihr Blut in Wallung geriet. »Das wären ja weit mehr als die zweihundert, die ich laut Katalog pro Woche zahlen muss! Außerdem wäre es doch wohl recht und billig, über die Zeit einen Nachlass zu bekommen. Ich denke, ich muss selbst mit dem Besitzer verhandeln.«

Peder musste bei dem Gedanken daran sein Auflachen herunterschlucken. Mads und diese selbstsichere Frau in einem Raum; ja, das würde wirklich lustig werden. Stattdessen ließ er ein bedächtiges Kopfschütteln folgen. »Das ist keine so gute Idee. Ich verspreche Ihnen, dass ich bei nächster Gelegenheit ein weiteres Mal mit ihm darüber sprechen werde. Nur machen Sie sich bitte keine Hoffnungen. Unsere Mietpreise sind knapp kalkuliert und die Auflagen, die der dänische Staat uns Vermietern auferlegt, sind nicht ohne.«

Silje hätte in diesem Moment nichts lieber getan, als wütend mit dem Fuß aufzustampfen. Doch ihre Kindheit lag weit hinter ihr. Zudem hatte sie seit ihrer Trennung von Hartmut ständig erfahren müssen, dass das Leben kein Ponyhof war. Es half nicht, wenn sie immer nur davon sprach, alles hinter sich zu lassen. Sie musste ihr Leben endlich in den Griff bekommen. »Gut, ich nehme es. Aber mit dem Preis haben wir das letzte Wort noch nicht gesprochen.«

Peder Wieland nickte aufatmend und schob ihr den Anmeldebogen zu.

»Was ist das?«

Die Blicke aus ihren so intensiv grünen Augen bannten ihn an seinen Platz.

»Das Anmeldeformular. Wir benötigen die Daten für die Kundenkartei und für die Meldungen an die Tourismusbehörde. Hast du deinen Ausweis dabei? Ich kann dir gerne helfen.« Wieder dieser Blick aus ihren eindrucksvollen Augen. Nur war dieser diesmal deutlich finsterer. Schon gestern Abend hatte sie ihm dadurch signalisiert, dass sie wenig erbaut darüber war, wie er sie duzte. Dabei gab es im Dänischen nicht die förmliche Anrede ›Sie‹. »Ich möchte mich …«

»Es ist gut.« Sie stellte ihre Handtasche auf den Tresen und öffnete diese mit verkniffenem Mund. Sie holte eine dieser dicken Frauenbörsen heraus und fummelte den Ausweis hervor.

Peder nahm das Dokument entgegen. Das Bild hatte wenig Ähnlichkeit mit dieser attraktiven Frau, die vor ihm stand. Doch das hatte nichts zu sagen. Er selbst sah auf seinem Ausweis wie ein Schwerverbrecher aus. »Sybille Martens?«

»Ja, oder glauben Sie mir das etwa auch nicht?« Betretenes Schweigen. Sie griff sich das Formular und begann es auszufüllen.

»Frau Martens, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.« Wieland wartete vergebens auf eine Annahme der Entschuldigung. Ernüchtert ging er in den Nebenraum und suchte für sie die schönste Bettwäsche heraus. Gefasst kehrte er zurück und tauschte Bettzeug gegen Formular. »Kann ich Ihnen sonst auf irgendeine Art behilflich sein?«

»Nein.« Sie schloss ihre Handtasche und ergriff mit einem flackernden Lächeln die Bettwäsche. »Entschuldigen Sie, dass ich eben ein wenig mürrisch war. Ich hatte in den letzten Tagen wenig gute Momente.«

»Dafür nicht. Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Wir Dänen sprechen uns nur mit Du an. Das mag für euch Deutsche ein wenig zu direkt sein.«

»Ach so.« Ihr Lachen wirkte befreit, als sie ihm die Hand entgegenhielt. »Ja, das wird es sein. Dann sagen wir doch einfach Du. Ich bin Sybille.«

Silje verließ das Büro mit klopfendem Herzen und feuchten Handflächen. Ärgerlich, dass sie nicht vorher bedacht hatte, den Ausweis vorzuzeigen. Ob dieser Wieland etwas ahnte? Sie musste Sybille benachrichtigen. Herr im Himmel, was hatte sie sich nur dabei gedacht! Kaum saß sie im Auto, kramte sie das Handy hervor, das Sybille ihr am Tag der Abreise zugesteckt hatte. Uralt, prepaid und nicht zu orten, erinnerte sie sich an die mahnenden Worte der Freundin. Und nur zu benutzen, wenn es unbedingt nötig war. War es das? Nötig? Eine SMS? Das musste doch gehen.

***

Mads Lynggaard hatte heute nicht gerade seinen besten Tag gewählt, erkannte er für sich. Das gestrige Gespräch mit Peder hatte vieles wieder aufgewühlt. Er hätte das Haus längst verkaufen sollen. Stattdessen würde er es sich länger als geplant ans Bein binden. Wer kaufte schon ein Haus, das für eine kleine Ewigkeit vermietet war? Nein, er musste den Vertrag rückgängig machen, unbedingt.

»Hej Mads! Was ist mit dir los?« Thorben Skærbek, der Zimmermann lehnte an dem Deckenbalken, den er längst mit Hilfe seines Pflegmanns auf das Mauerwerk hatte aufbringen wollen.

»Entschuldige.« Mads hob beide Arme. Bevor er sich seiner Arbeit widmen konnte, klingelte sein Handy. »Nochmals sorry.« Er nahm das Gerät vom Gürtel und erkannte missmutig, wer ihn nun anrief. »Thorben, das ist wichtig.«

Mads trat aus dem Neubau hinaus und nahm Peders Gespräch an. Ausdauer musste belohnt werden. »Ich hoffe, sie hat die Bedingungen abgelehnt.«

Stutzen auf der anderen Seite. »Meinst du Frau Martens?«

»Weiß nicht. Diese Frau eben, die du mir gestern schmackhaft machen wolltest.«

»Hej, das ist nicht nett. Du weißt, dass ich dich nicht verkuppeln werde.«

»Nicht mehr«, knurrte Mads und ballte die Faust in seiner Tasche. »Was ist, hast du diese Frau weitergeschickt?«

Diesmal ein bedeutsames Schweigen. »Sie hat für drei Monate im Voraus bezahlt. Inklusive der Saison A.«

»Peder, ich kann Lykkebo nicht verkaufen, wenn du sie da wohnen lässt.«

»Sag mir nur eines. Warum bist du plötzlich so wild darauf, Lykkebo zu verkaufen?«

Mads Lynggaards Kiefer mahlten vor unterdrücktem Zorn. Sein harter Blick verfolgte, wie eine junge Familie am Nachbarhaus mit ihren Kindern spielte. So fröhlich, so liebevoll, dass es ihm das Herz zerriss.

»Mads?«

»Kirsten will Jørgen heiraten.«

»Mads? Mads, bist du noch dran?« Peder Wieland legte nachdenklich auf, wobei er sich fragte, wie er seinem besten Freund in dieser Lage helfen konnte. Mads’ letzte Äußerung sprach nicht davon, dass er wirklich über die Trennung von seiner Exfrau hinweg war. Vielleicht sollte er doch noch einmal mit Ove reden? Der dritte Musketier ihrer Runde fand sonst auch auf alles einen guten Rat.

***

Erst die Horrorsumme für die Miete und nun die dringend benötigten Einkäufe. Ja, sie nahmen hier natürlich Euro. Zweifelnd sah sie auf die Silbermünzen in ihrer Hand; mit und ohne Löcher. Der Rest von ehemals fünfzig Euro. Wenn das so weiterging, war sie am Ende des Monats pleite. Silje ließ das Kleingeld in ihre Handtasche fallen und holte stattdessen das altersschwache Handy heraus. Nie hätte sie geglaubt, dass sie einmal ihr Smartphone vermissen würde. Erneut keine Antwort. Mensch Sybille, melde dich endlich. Was soll ich nur tun?

Tja, was wohl? Silje stopfte das nutzlose Handy in die Tasche zurück und machte sich mit den Einkäufen auf den Weg in ihre neue Heimat. Zu tun gab es ja genug.

Kapitel 5

Der Freitagmorgen brachte die Routinearbeiten für das kommende Wochenende mit sich. Sieben Anreisen würde es am Samstag geben. Das Reinigungsteam musste noch in zwei der Häuser geschickt werden und dergleichen mehr. Kaum hatte Peder sein Büro betreten, fiel ihm das Blinklicht des Anrufbeantworters auf. Er betätigte die Taste des Aufnahmegerätes und hörte umgehend eine ihm mittlerweile wohlbekannte Stimme.

»Herr Wieland?« Eine angestrengt wirkende Pause. »Sybille Martens hier. Bin ich bei Ihnen richtig, um einen festgestellten Schaden zu melden? Dieser Warmwasserboiler spinnt die ganze Zeit über. Ich hole mir den Tod, wenn ich nach drei Minuten Duschen nur noch kaltes Wasser habe! Manchmal wird es gar nicht erst warm. Und dann ist da auch noch der Wasserhahn in der Küche. Wenn man ihn aufdreht, leckt es an der Seite.«

Wieland setzte sich an seinen Arbeitsplatz und versenkte sein Gesicht in den Händen. Diese Frau schon wieder, suhlte er sich in einem Aufstöhnen. Wenn sie denn wenigstens ihre Nummer hinterlassen hätte. Er notierte sich die Hausnummer und den Schaden mit der dumpfen Vorahnung, dass sie mit Gewissheit weitere Mängel finden würde. Nun, das war ein Fall für Mads, der seine Mieterin dann gleich richtig kennenlernen durfte. Ein leicht diabolisches Grinsen huschte ihm dabei über das Gesicht.

»Peder, altes Schlitzohr. Was ist mit unserem Mads nicht in Ordnung?«

Imposanter konnte der Auftritt der Staatsmacht nicht wirken. Peder sah zu dem eintretenden Politikommissær auf. Wie ein Bär füllte Ove Rassmussen mit seiner Gestalt den kompletten Türrahmen aus. »Frag mich mal, was mit ihm überhaupt in Ordnung ist.«

»So schlimm?«

Peder hob die Schultern und seufzte: »Kirsten will diesen Jørgen heiraten.«

»Fuck.« Ove durchmaß mit einem Kopfschütteln das Büro und bediente sich ungefragt an der Kaffeemaschine. »Das volle Programm?«

Peder hob die Schultern. »Das hat Mads nicht gesagt. Aber er will das Ferienhaus verkaufen.«

»Ist das nicht was Gutes?« Ove verzog das Gesicht und sah skeptisch auf den Becher in seiner Hand. »Zumindest besser als dein verbrannter Kaffee.«

»Zurzeit bestimmt nicht. Ich habe erst gestern sein Lykkebo für ganze drei Monate vermietet. Und nun kommt er bei mir an und will die Frau da nicht wohnen lassen. Weil er es angeblich verkaufen will.«

»Das ist doch Blödsinn«, brummte der Polizist. »Wer kauft oder verkauft um diese Jahreszeit sein Ferienhaus? Wir werden Mads heute Abend aufsuchen und ein aufrichtiges Gespräch unter Freunden führen«, entschied er kurzentschlossen. »Ich hole dich um sechs Uhr ab. Und du bringst den schönen Whisky mit, den dir dein deutscher Freund hiergelassen hat.«

»Was wenn Mads keine Zeit hat?«

»Er wird, Peder. Er wird uns empfangen.« Der Politikommissær sah über seine Schulter hinweg und ließ ein dröhnendes Lachen folgen. »Aber nun muss ich los und schwere Jungs einfangen.«

Peder Wieland trat an das Fenster und verfolgte, wie Ove gemächlich in den Streifenwagen einstieg. Es war schon beruhigend, dass er einen Teil seiner Besorgnis mit dem Freund teilen konnte. Nur ließ sich diese innere Stimme nicht verscheuchen, die ihm unmissverständlich drohte, dass sie allesamt aufregenden Zeiten entgegengingen.

***

Silje wischte sich prustend mit dem Unterarm über die Stirn. Es half nicht, diese sich wie lebendig gebärdende Haarsträhne aus dem Blickfeld zu bekommen. Sie ging ins Bad und löste ihr Haar, um es durchzubürsten, zusammenzufassen und erneut mit der Klammer zu fixieren. Nach dieser Putzaktion spürte sie jeden Knochen in ihrem Leib. Dabei war sie das letzte Jahr längst nicht mehr auf Rosen gebettet gewesen. Dank ihrer Fehler, dank ihrer Unbeherrschtheit, dank ihres Exmannes. Und schon war sie erneut in dieser unaufhörlichen Dauerschleife gefangen. Denke positiv, denke daran, was du alles geschafft hast.

Silje wandte sich von ihrem Spiegelbild ab und verließ das Bad. Es gab immer noch genug zu erledigen. Zum Beispiel, diesen Vermieter anzurufen, um ein weiteres Mal nachzuhaken, warum er nicht tätig geworden war. Oder eben, um selbst Hand anzulegen. Es wäre doch gelacht, wenn sie diesen Boiler nicht überlisten konnte.

***

Als Peder den Wagen vor seinem Zuhause im Fyrvej abstellte, saß Ove bereits auf der altersschwachen Holzbank vor dem Innenhof. Selbst im Sitzen und in ziviler Aufmachung wirkte er wie ein Fels in der Brandung. »Du bist schon da?«

»Richtig.« Ove stemmte die Faust in die Hüfte. »Deine Schilderung von Mads’ Seelenheil hat mir keine Ruhe gelassen. Hat er etwas über Mikkel gesagt?«

»Mikkel?« Peder sortierte die Erinnerung an Mads’ Sohn, der wie so viele Kinder das Leid trug, das die Trennung der Eltern mit sich brachte. »Nein, zumindest gestern nicht. Kommt er denn nicht zum Wochenende zu Mads?«

»Nein, ich meine, er ist mit seiner Mutter und ihrem Kerl in den Ferien. Mads hatte das letztens erzählt.« Ove vermied, dem Freund von den Befürchtungen zu erzählen, die Mads ihm vor Kurzem in einem schwachen Moment gebeichtet hatte. Herr im Himmel, hoffentlich kam Kirsten nicht auf diese Idee. Es würde Mads umbringen. »Sieh zu, Peder. Ich will den Abend nicht hier bei dir verbringen.«

»Duschen und umziehen muss ich mich aber«, begehrte dieser auf.

»Was für eine Diva«, brummelte Ove in seinen gepflegten Vollbart hinein und winkte verdrossen ab. »Wer fährt?«

»Ich opfere mich schweren Herzens«, warf sich Peder in die Brust und schloss die Tür auf. »Muss morgen ja eh ins Büro.«

Ove hatte sein erstes Bier gelüftet, als Peder endlich die Treppe herunterkam. »Hej, was ist das?« Er schnupperte wie ein Golden Retriever auf Speed. »Hast du dich eingesprüht? Eh, wir wollen einen ehrlichen Männerabend feiern.«

»Was ja nicht unbedingt heißen muss, dass wir wie eine Hammelherde duften müssen.«

»Ist es wegen dieser deutschen Frau?«

»Gibt es etwas, was man einem Polizisten verheimlichen kann?« Peder deutete seufzend auf die Flaschen, die auf dem Tisch standen. »Lass uns fahren.«

Peder nahm den Weg über den Sønder Vasevej. So würden sie das Verkehrsgewühl umgehen, das selbst zu dieser Jahreszeit um den Blåvandvej und den Ortskern herum herrschte. Am Ende der Straße hieß es dann doch warten. Eine Karawane aus Wohnwagengespannen, die allesamt Richtung Hvidbjerg Strandcamping fuhren, vereitelte ein zügiges Durchkommen zum Tane Hedevej, an dem Mads’ Vorfahren seit Generationen ihren Hof besaßen.

Irgendwann hatten sie es doch geschafft. Peder parkte seinen Wagen neben Mads’ Geländewagen und stieg aus. Nicht zum ersten Mal bewunderte er den Hof seines Freundes, der der Familie den Namen gegeben hatte: Lynggaard. Mit den Augen des Immobilienwirtes gesehen, war das Anwesen eine Goldgrube. Wenn Mads denn die Zeit und das Geld besessen hätte, es durchgehend zu renovieren. Stattdessen lief er lieber in der Gegend herum und half jedem anderen bei dessen Problemchen und kleinen Bauaufträgen.