Dunkelwelten 1: Schwarze Saat - Michael Marcus Thurner - E-Book

Dunkelwelten 1: Schwarze Saat E-Book

Michael Marcus-Thurner

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Beschreibung

Seit die Onryonen in der Milchstraße aufgetaucht sind, weiß man über dieses Volk nicht viel – bekannt ist vor allem, dass die Onryonen ihre Zivilisation auf weit verstreuten Dunkelwelten errichtet haben. Dort sind sie vor dem Zugriff der großen Sternenreiche sicher. Die Onryonen auf der Dunkelwelt Jolyona wünschen sich bessere Beziehungen zur Erde, man hofft auf enge Wirtschaftsbeziehungen. Aus diesem Grund reist Perry Rhodan nach Jolyona, er kennt die Onryonen am besten. Auf der Dunkelwelt haben sich seltsame Lebensformen entwickelt, die teilweise in den Tiefen des Planeten existieren. Es stellt sich heraus, dass es Verbindungen zur Erde gibt – und diese reichen Jahrzehntausende in die Vergangenheit. Perry Rhodan stößt auf eine Gefahr, die er selbst vor langer Zeit durch eine Zeitreise ausgelöst hat …

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Dunkelwelten

Band 1

SCHWARZE SAAT

Michael Marcus Thurner

Cover

Rückentext

Prolog

Kapitel 1: Gespräch unter alten Freunden

Kapitel 2: Der Schüler

Kapitel 3: Diplomatie

Kapitel 4: Der Lehrling und sein Herr

Kapitel 5: Die Stadt und die Salzbaronessen

Kapitel 6: Verfluchte Diplomatie

Kapitel 7: Touristenpfade

Kapitel 8: Lügen

Kapitel 9: Mylehodinns Küste

Kapitel 10: Vergangenheit: Gefängnisplaudereien (I)

Kapitel 11: Panik

Kapitel 12: Lamanto-Blau

Kapitel 13: Absturz

Kapitel 14: Ausgrabungen

Kapitel 15: Das Ende eines Hüters

Kapitel 16: Raus aus der Sitzung!

Kapitel 17: Die Höhle

Kapitel 18: Verhandlungserfolge

Kapitel 19: Erste Hinweise

Kapitel 20: Neue Ideen

Kapitel 21: Vergangenheit: Gefängnisplaudereien (II)

Kapitel 22: Ein Wiedersehen

Kapitel 23: Nahrungssuche

Kapitel 24: Unkonventionelle Ideen

Kapitel 25: Die Schwefelhöhle

Kapitel 26: Zu Besuch bei der alten Dame

Kapitel 27: Das Zusammentreffen

Kapitel 28: Der Wahrheit einen Schritt näher

Kapitel 29: Die Stamm-Zelle

Kapitel 30: Vergangenheit: Gefängnisplaudereien (III)

Kapitel 31: Manoulsis Monolog (I)

Kapitel 32: Die Erkenntnis

Kapitel 33: Fortschritte

Kapitel 34: Weisheiten

Kapitel 35: Die Wahrheit der Gefangenen

Kapitel 36: Manoulsis Monolog (II)

Kapitel 37: Die letzte Station

Kapitel 38: Offenbarungen

Kapitel 39: Der Ausbruch

Kapitel 40: Das Geheimnis der Teekannen

Kapitel 41: Kampf um die Schwarze Saat

Kapitel 42: Der Sturm auf die Festung

Kapitel 43: Emot-Nähe

Kapitel 44: Ausklang und Urlaubswünsche

Impressum

Seit die Onryonen in der Milchstraße aufgetaucht sind, weiß man über dieses Volk nicht viel – bekannt ist vor allem, dass die Onryonen ihre Zivilisation auf weit verstreuten Dunkelwelten errichtet haben. Dort sind sie vor dem Zugriff der großen Sternenreiche sicher.

Die Onryonen auf der Dunkelwelt Jolyona wünschen sich bessere Beziehungen zur Erde, man hofft auf enge Wirtschaftsbeziehungen. Aus diesem Grund reist Perry Rhodan nach Jolyona, er kennt die Onryonen am besten.

Auf der Dunkelwelt haben sich seltsame Lebensformen entwickelt, die teilweise in den Tiefen des Planeten existieren. Es stellt sich heraus, dass es Verbindungen zur Erde gibt – und diese reichen Jahrzehntausende in die Vergangenheit. Perry Rhodan stößt auf eine Gefahr, die er selbst vor langer Zeit durch eine Zeitreise ausgelöst hat ...

Gio zog Casper mit sich. Sie liefen, so schnell sie konnten. Hinein in die Gassen der Altstadt, in der die Gebäude so eng standen, dass sich kaum mehr als drei Personen nebeneinander fortbewegen konnten.

Gios Lungen brannten, vor seinen Augen tanzten weiße Punkte. Er hatte alles aus seinem Körper herausgeholt – und doch gelang es ihm und seinem Cousin nicht, ihre Verfolger abzuschütteln.

Links. Rechts. Vorbei an den Ständen des Altmarktes, deren Robothändler erst wieder mit dem Sonnenaufgang aus ihrem Hiatus erwachen und ihre Waren lauthals anpreisen würden. Hinein in das Kreislabyrinth der Goldenen Schnecke, durch die leicht versetzten Drillingsgassen, hinab zum Alten Seier, jenem Rinnsal, das einige hundert Meter südlich in die Hauptwasserader der Stadt mündete, in den Koparal.

»... kann nicht mehr ...«, ächzte Casper.

Gio packte die Hand seines Cousins, zog ihn weiter. Das Getrampel der Verfolger war gut zu hören. Die Onryonen holten auf. Sie kannten sich in diesem Teil der Stadt aus und wussten mit den Lichtverhältnissen besser umzugehen.

Er hatte die Orientierung verloren, verdammt! Wo war der schmale Weg hinab zum Alten Seier? Und warum, bei den Sternengöttern, war niemand auf den Straßen zu sehen, den sie um Hilfe bitten konnten? Wo waren die Sicherheitsdrohnen? Warum tauchte kaum ein Anuupi auf, der ihnen den Weg leuchtete?

Gio nahm auf gut Glück den Pfad zu seiner Linken. Vorbei an Krüppelgewächsen links und rechts des Weges ging es auf einen Platz zu, der von einem winzigen Springbrunnen beherrscht wurde ... und sich als Sackgasse erwies.

Gio sah sich hastig um, suchte nach einem Ausweg. Doch es gab keinen. Keinen Weg in die Sicherheit, kein Versteck. Die Häuserpositroniken waren allesamt aktiviert, die Bewohner offenbar nicht zu Hause.

»Hilfe!«, rief Casper und beugte sich dann nach vorne, um auszuspucken, völlig erschöpft von der Anstrengung.

»Es wird niemand kommen«, sagte Gio und half seinem Cousin und Freund wieder hoch. »Das ist ein abgekartetes Spiel.« Seine Beine zitterten so stark, dass er meinte, jeden Augenblick umfallen zu müssen.

»Aber warum?«, fragte Casper zwischen zwei tiefen Atemzügen. »Wir haben ihnen doch nichts getan!«

»Wir atmen und leben. Das reicht diesen Fanatikern doch.«

Das Getrappel der Schritte ihrer Verfolger wurde langsamer und leiser. Sie wussten, dass sie ihre Beute in die Falle getrieben hatten. Sie würden ihren Triumph auskosten, mit ihnen spielen.

»Wir bleiben Seite an Seite«, sagte Gio und zog sein Messer. »Du links, ich rechts.«

Casper schaute ihn entsetzt an. »Wir haben keine Chance gegen diese Verrückten! Und wir wissen nicht, wie man mit diesen Dingern umgehen muss.«

»Denk an früher, denk an die Dagor-Spiele. Wir waren gut darin. Oder willst du etwa gleich aufgeben und dich abstechen lassen, einfach so?«

Casper schüttelte den Kopf.

»Eben. Zeigen wir ihnen, dass wir Terraner sind. Bist du bereit?«

»Natürlich nicht. Aber macht das einen Unterschied?«

Nein, machte es nicht.

Gio bleckte die Zähne. Wie sonderbar. Ihm war leicht ums Herz. Und das in den vielleicht letzten Sekunden seines Lebens.

»Losloslos!«, rief er und stürmte vorwärts, mit Casper an seiner Seite und mit dem Messer in der Hand, auf völlig überraschte Gegner zu.

Gio lachte.

Kapitel 1:

Gespräch unter alten Freunden

Die Sonne ging unter, sie tauchte das südliche Gurvantes-Gebirge in leuchtendes Rot.

Dort war die einstmalige Wüste Gobi naturbelassen geblieben, dort pfiff der Wind seit Jahrzehntausenden über bizarr geformte Felsgrate hinweg und formte die Landschaft nach seinem Geschmack. Dorthin hatte die Megapolis Terrania ihre Arme noch nicht ausgestreckt.

»Woran denkst du, Perry?«, fragte Homer G. Adams. »Etwa an ... früher?«

»Ja«, antwortete Rhodan versonnen. »Ich versuche mich zu erinnern, wie es einstmals hier ausgesehen hat. Als die Stadt noch nicht da war. Als wir landeten und die Dritte Macht ausriefen. Vor über dreitausend Jahren.«

»Das sind keine sonderlich angenehmen Gedanken.«

Rhodan drehte sich seinem Freund zu. Einem der wenigen, die ihm geblieben waren und die noch wussten, wovon er redete. »Das menschliche Gedächtnis selektiert. Es hilft uns, die schlimmen Dinge zu verdrängen. Sie werden zu nebulösen Schatten.«

»So wie die guten Dinge. Außer man besitzt ein eidetisches Gedächtnis.« Adams deutete zu seinem übergroßen Kopf. »Da drin stecken verdammt viele Erinnerungsfragmente. Manchmal überlagern sie sich, manchmal lassen sie einzelne Ereignisse deutlicher zutage treten. Dann denke ich an Tod, an Kämpfe, an Verzweiflung. Eine lückenlose Erinnerung muss nicht immer nur von Vorteil sein.«

»Da hast du vermutlich recht.« Rhodan seufzte und kehrte mit seinen Gedanken ins Büro zurück. Der lichtdurchflutete Raum an der Spitze der Solaren Residenz war aufgeräumt und nüchtern möbliert. Der Schreibtisch war so gut wie leer, auch auf den positronischen Rechnern befanden sich nur wenige unerledigte Agenden. Er hatte all seine Aufgaben abgeschlossen, so gut es ihm möglich gewesen war. So sollte es sein, wenn er auf Reisen ging.

»Bist du bereit?«, fragte Rhodan. »Können wir aufbrechen?«

»Nein. Und ja.« Adams schüttelte widerwillig den Kopf. »Du weißt ganz genau, dass ich auf Terra viel besser aufgehoben bin. Wie eine ...«

»... wie eine Spinne in der Mitte ihres Netzes«, vervollständigte Rhodan den Satz. »Ich weiß. Aber auch die Spinne muss von Zeit zu Zeit ihr Reich kontrollieren. Überprüfen, ob die einzelnen Fäden gespannt sind oder ob man den eigenen Bereich vergrößern könnte.«

»Unsinn!«, brummelte Adams. »Wozu hat man seine Leute, die einen informieren?«

»Die Spinne wird dick und fett, wenn sie sich nicht bewegt.« Rhodan grinste und klopfte seinem Freund gegen den Bauch.

»Das ist der Kummerspeck. Weil man mich einfach nicht in Ruhe meine Arbeit machen lässt.«

»Jetzt hab dich nicht so, Homer! Du weißt ganz genau, was dich auf Jolyona erwartet. Es wird dir guttun, Terra endlich mal wieder zu verlassen und die morschen Knochen auszuschütteln. Zumal ich dich auf dieser Mission wirklich gut gebrauchen kann.«

»Letztlich geht es um Diplomatie und weniger um wirtschaftliche Belange, Perry.«

»Noch ein Widerwort von dir, und ich lasse dich zwangspensionieren. Also nochmals die Frage: Können wir aufbrechen?«

»Nur unter Protest«, grummelte Homer Gershwin Adams und bemühte sich, ein verzweifeltes Gesicht zu ziehen.

Kapitel 2:

Der Schüler

Kahoyte folgte der Herde, und die Herde folgte ihm.

Auf seinem Pfad in die Tiefe des Leuchtdorfes war er umgeben von grün leuchtenden Anuupi der großen Hauptherde. Sie benahmen sich mustergültig und blieben stets in seiner Nähe. So, wie sie es immer taten.

Weil er ein guter Schüler war. Weil er die Bedürfnisse der Tiere verstand und starke Verbundenheit mit ihnen empfand.

Der Pfad wand sich in engen Serpentinen hinab ins Tal, das beinahe unberührt zwischen den Ausläufern des Sagamoyo-Gebirges lag. Der Weg war mühsam zu begehen. Deshalb überließ ihm sein Ausbilder Obanundi immer öfter diese Aufgabe. Nur die Anuupi gaben Licht auf seinem Weg über losen Untergrund.

Hier wuchs kaum etwas. Allein die Wurzeln der allgegenwärtigen Kara-Disteln fanden zwischen den Felsen Halt. Ihre scharfen Blattränder reichten bis zu Kahoytes Hüfte. Hätte er nicht den traditionellen Lederschurz getragen, hätte er längst einige Narben davongetragen.

»Nicht so schnell«, wisperte er, an Dualles gerichtet, dem führenden Anuupi seiner kleinen Flugherde. »Ich verstehe, dass ihr es eilig habt und hungrig seid. Aber ich kann unmöglich mit euch Schritt halten. Bitte habt Verständnis, bitte bleibt bei mir.«

Es waren rituelle Worte, die er zu Dualles sprach. Viele Hüter verwendeten sie gedankenlos. Sie wiederholten sie wie ein Mantra, stetig und ohne den Sinn zu begreifen. Kahoyte hingegen richtete sie bewusst an das Leittier. Und er war sich sicher, dass Dualles ihn verstand.

Er rutschte auf einem Geröllhaufen aus, nur mit Mühe wahrte er das Gleichgewicht. Mehrere Steine klackerten links von ihm in die Tiefe. Erst nach langen Sekunden blieben sie liegen, unten, in der lichtgebenden Heiligkeit des Tals.

Kahoyte erreichte die nächste Spitzkehre, atmete kurz durch und setzte dann seinen Weg fort. Weitere sieben steile Abschnitte lagen vor ihm. Er würde ein breites Feld mit Kara-Disteln queren müssen, dann ein schmales, aber reißendes Bachbett und mehrere heimtückische Geröllfelder. Die schlimmsten Teilstrecken hatte er allerdings bereits hinter sich gebracht.

Das Armbandkom gab Laut. Widerwillig nahm Kahoyte das Gespräch an und blickte ins ernste, alterszerfurchte Gesicht seines Lehrmeisters. Das Holo-Bild Obanundis leuchtete gespensterhaft in der Beinahe-Dunkelheit. Augenblicklich näherten sich einige neugierige Anuupi.

»Du hast es bald geschafft, nicht wahr?«, fragte der alte Mann. »Du solltest dir mehr Zeit für deine Wege nehmen und die Gelegenheit zur Kontemplation nutzen.«

»Ich denke immer an die Arbeit, Herr«, gab Kahoyte zur Antwort. »Es vergeht keine Minute, keine Sekunde, in der ich nicht in Gedanken bei den Tieren meiner Herde bin.«

»Dann hast du den Sinn des Abstiegs nicht verstanden, Sohn. Du sollst über dich selbst nachdenken. Entlasse die Anuupi ruhig für eine Weile aus deiner Kontrolle. Du wirst sie im Leuchtdorf wiederfinden – und sie werden bereits satt sein, wenn du unten ankommst. Umso leichter wirst du sie beim Aufstieg kontrollieren können.«

Kahoyte hasste es, wenn ihn der Alte »Sohn« nannte. Sie waren nicht verwandt. Sie waren ein ungleiches Paar, das von der Hüter-Kammer miteinander verbunden worden war. Damals, als er seine Ausbildung begonnen hatte.

»Verzeih, Obanundi«, sagte Kahoyte und senkte ehrerbietig seinen Kopf in Richtung des Holos. »Aber ich möchte mit meinen Tieren üben, wann immer ich die Gelegenheit dazu finde.«

»Du bist der ehrgeizigste Schüler, den ich jemals hatte. Das freut mich. Aber du musst auch auf dich achten. Du darfst dich als Person nicht verleugnen. Du musst zu dir selbst finden. Nur dann wirst du ein wirklich guter Hüter werden.«

Einige Anuupi der Hauptherde gerieten ins Blickfeld der dreidimensionalen Aufnahme. Der Alte vertrieb sie mit einigen lässigen Handbewegungen, sie entfernten sich mit eleganten Bewegungen ihrer Flugnesseln.

Wie machte er das bloß? Wie schaffte er es, diese neugierigen Tierchen einfach so zu bändigen und sie mithilfe improvisierter Bewegungen zu beeinflussen?

»Ich erwarte dich in sechs Stunden zurück«, sagte Obanundi.

»Ich kann bereits in drei Stunden bei dir sein, Herr.«

»Nein, Kahoyte. Ich verlange, dass du dir im Leuchtdorf eine Pause gönnst. Dass du ruhst. Dass du die Anuupi für eine Weile aus dem Herdenverbund entlässt. Auch sie brauchen ein wenig individuellen Freiraum.«

»Aber Herr ...«

»Keine Widerrede! Du wirst dir diese Zeit nehmen.«

Das Holo über dem Armbandkom erlosch, die Anuupi rings um Kahoyte wichen ein Stück zurück.

Er schaltete das verdammte neumodische Ding aus und blickte zu Boden. Es war zwar niemand in der Nähe. Doch auch vor sich selbst wollte er das Zornesrot seines Emots verbergen. Es leuchtete grell zwischen seinen Augen, und nicht zum ersten Mal verfluchte er seine Unfähigkeit, die Farbe des Gefühlsorgans verbergen oder verfälschen zu können.

Er mochte Obanundi nicht. Hatte ihn immer verachtet. Verabscheute seine progressiven Ansichten.

Wie kam der alte Hüter nur dazu, ihm ein Armbandkom aufzuzwingen? Dieses moderne technische Zeug, das mit dem Zuzug der Emotlosen auf Jolyona immer breitere Verwendung fand?

Die Anuupi gehörten so gelenkt, wie es schon immer geschehen war. Ein Hüter hatte im Einklang mit den biolumineszierenden Tieren zu sein, immer und jederzeit. Die Herde hatte kein Anrecht auf Phasen der Unkontrolliertheit, wie es Obanundi vorschlug. Und er als Hüter musste jederzeit über die Anuupi herrschen. So, wie es seit Ewigkeiten geschah.

Kahoyte setzte seinen Weg fort. Dualles wirkte ein wenig irritiert, doch er fing sich rasch und setzte sich an die Spitze der kleinen Flugherde.

Er erreichte das Leuchtdorf weit vor der Zeit und ließ sich zwischen schroffen Felsen nieder. Wie es ihm befohlen worden war, gab er den Anuupi Freiraum. Dualles war allerdings angehalten, die Flugherde nicht weiter als fünfzig Schritte von Kahoyte wegzusteuern.

Er beugte sich hinab, hielt eine Hand vor den Mund und aß ein wenig vom Süßbrot. Hier unten war die Gefahr denkbar gering, beobachtet zu werden. Aber auch im Tal galten die üblichen Konventionen. Nahrungsaufnahme war eine überaus intime Tätigkeit, die nicht einmal die Anuupi zu sehen brauchten.

Seine Herde kreiste aufgeregt über einer der vielen röhrenförmigen Öffnungen des Leuchtdorfes. Sie strahlten allesamt hell in der immerwährenden Dunkelheit Jolyonas und gaben dabei eine fast unangenehme Hitze ab. Kahoyte hielt sich so gut es ging von den Schloten fern, die tief in den Boden reichten und vulkanischen Ursprungs waren.

Seit der Ankunft der Onryonen auf dieser Dunkelwelt und deren Urbarmachung hatten die Hüter die Leuchtdörfer aufgesucht und ihre Tiere gefüttert. Aus einer Laune der Natur war der Schwefeldioxid- und Ammoniakgehalt im Umfeld der Leuchtdörfer gering. Stattdessen gab es vermehrt Fluorwasserstoffe und Edelgase, die nahe den Röhren die Ansiedlung von Bakterien förderten. Solche, die den Anuupi besonders gut mundeten und sie dick und fett werden ließen.

Kahoyte beendete seine Mahlzeit und packte das übriggebliebene Süßbrot weg. »Dualles!«, flüsterte er leise, tat eine Fingerbewegung – und augenblicklich kam das Leittier mit eleganten Bewegungen seines Steuerschirms herangeschwebt.

Kahoyte streckte seine Rechte aus, der Anuupi ließ sich sachte darauf nieder. Wie immer war ein leichtes Kribbeln zu spüren. Geringste Verätzungen und Verbrennungen waren die Folge. Ein jeder Hüter besaß Ätzspuren auf den Handinnenflächen. Ein aufmerksamer Beobachter konnte anhand dieser Narben einen Hüter erkennen.

»Du bist so schön«, sagte Kahoyte leise – und augenblicklich reagierte das Tier. Das Grün bekam einen Gelbstich, der von einem Kranz kräftigen Rots ergänzt wurde. Dualles bewies ihm seine Zuneigung.

Mehr als jedem anderen Hüter, den Kahoyte kannte. Niemand war so gut wie er im Umgang mit diesen wunderbaren Tieren, die dem Volk der Onryonen so viel bedeuteten und auch so viel schenkten.

Licht. Wärme. Zuneigung. Nähe. Respekt ...

Die Liste ließ sich beinahe endlos lange fortsetzen – und doch wurde sie in letzter Zeit von jenen Onryonen in Frage gestellt, die in den Betonburgen der großen Städte saßen. Sie ignorierten die uralten Traditionen. Sie passten sich stattdessen dem Pulsschlag wirtschaftlichen und politischen Lebens in der heimatlichen Milchstraße an.

Dualles spürte seinen Zorn. Der Anuupi zog den Körperschirm zusammen, bis er wie ein verrunzelter Reinigungsschwamm aussah, und stieß sich durch einen explosiven Ausstoß von Luft von ihm ab. Sofort blähte sich der Schirm wieder auf. Der körpereigene Chemiebaukasten ließ gespeichertes Helium frei, das dem Tier Auftrieb gab. Dualles trieb davon, seiner Herde entgegen.

Kahoyte schloss die Augen. Er hatte wieder einmal einer Stimmungsschwankung nachgegeben und damit einen der schlimmsten Fehler als angehender Hüter begangen. Je weniger man seine negativen Gefühle über das Emot ausdrückte, desto besser gehorchten die Anuupi.

Obanundi hatte in mancherlei Hinsicht recht. Er musste sich um die eigene Entwicklung kümmern und sich selbst kontrollieren lernen. Doch die Arbeit mit diesen wundersamen und wunderbaren Wesen war ihm nun einmal wichtiger! Er wollte die Anuupi besser kennenlernen, als es jemals einem Bewohner Jolyonas gelungen war.

Kahoyte blickte auf die Uhr des Armbandkoms. Er musste noch zwei Stunden in der Ansiedlung verbringen, wollte er dem Wunsch seines Lehrherrn entsprechen.

Er stand auf und begann eine Wanderschaft durch das Lichterdorf, vorbei an unzähligen Schloten und Öffnungen. Stets darauf bedacht, den Flecken gewaltig großer Bakterienkulturen nicht zu nahe zu kommen. Sie leuchteten wie Teile eines kunterbunten, unregelmäßig geformten Flickenteppichs und prägten damit das namenlose Tal.

Kahoyte umrundete einige der größten Röhren. Sie waren gut und gerne sechs Meter hoch. Über ihnen war gegen das Sternenlicht der Milchstraße ein Schwall flirrender, funkendurchsetzter Heißluft zu erkennen.

Im Tal war reichlich Nahrung für die Anuupi vorhanden. Doch die meisten Hüter hielten es mit der Bequemlichkeit. Sie hatten in ihren heimatlichen Weidegebieten künstliche Quellen zur Ernährung der Tiere geschaffen. Viele der modernen Hüter verzichteten darauf, die alten Pfade zu beschreiten.

Kahoyte war sich sicher, dass ein derartiger Sündenfall über kurz oder lang zu einer Verschlechterung der Anuupi-Leuchtqualität führen würde. Die Tiere würden klein und dumm bleiben. Nicht so wie seine eigenen, die er seit nunmehr acht Jahren aufzog und die den Grundstock einer eigenen Herde bildeten. Irgendwann einmal, wenn er ausgelernt hatte, in zwei bis drei Jahren, würde er Dualles und die zwanzig stärksten Tiere mit sich nehmen, um ein eigenes Weidegebiet abzustecken.

Der Bedarf für neue Herden war da. Die wachsende Bevölkerung Jolyonas war auf die Leuchtkraft der Tiere angewiesen. Zwei bislang nur dünn besiedelte Kontinente gerieten in den Fokus der Aufmerksamkeit, neue Landesteile wurden urbar gemacht.

Kahoyte erreichte das Nordende des Tals. Hier führten schmale, verwinkelte Wege hoch zu einem selten begangenen Pass. Vom höchsten Punkt des Pfades konnte man auf das LaTen-Zwischenmeer blicken. Auf jene sich scheinbar ins Unendliche ausdehnende Ebene, die einmal mit gewaltigen Wassermassen gefüllt gewesen war, wenn man den Informationen der Histogeologen vertrauen konnte.

Eines Tages würde er den Aufstieg wagen. Doch noch waren Dualles und die anderen Anuupi nicht stark genug für diese gefährliche Reise. Die Tiere würden in den engen, dunklen Höhlenwegen zu Beginn des Pfades in Panik geraten und ihre Treibbewegungen einstellen, um wie nasse Brotfladen zu Boden zu platschen und dort zu zerfallen.

Kahoyte wandte sich um und suchte nach seiner Herde. Er hatte sich doch weiter als vorgehabt von seinen Anuupi entfernt. Sie trieben etwa sechzig Meter entfernt über einer breiten, nicht allzu hohen Röhre. Ihre Körper wirkten prall, die Steuernesseln leuchteten voller Kraft. Er würde sie allmählich von ihrer Nahrungsquelle lösen müssen. Es gab nichts Schlimmeres als überfressene Anuupi, in diesem einen Punkt waren Obanundi und er sich einig.

Kapitel 3:

Diplomatie

Die CEREBUS war ein kleines und elegant ausgerüstetes Schiff, das Perry Rhodan für repräsentative Zwecke zur Verfügung stand. Den ungewöhnlichen Namen hatte er dem Sechzig-Meter-Raumer aus einer spontanen Laune heraus verpasst. Rhodan hatte auf die Konventionen gepfiffen, die bei der Taufe eines Schiffs der Liga-Flotte zu beachten waren, und das kleine Ding nach einer amerikanischen Comic-Figur benannt.

Die Besatzung war handverlesen, der Komfort groß. Rhodan sah sich schuldbewusst in der großräumigen Kabine um. Sie gehörte ihm allein. Er war Einfachheit gewohnt. Er mochte das Verschwenderische und Opulente nicht allzu sehr.

»Hör auf, mich so böse anzusehen!«, sagte er zu Adams, der ihm vorwurfsvolle Blicke zuwarf. »Ich habe das alles nicht gewollt.«

»Aber du hast dich auch nicht dagegen gewehrt. Du residierst auf mindestens hundert Quadratmetern. Du besitzt eine Trivid-Anlage, die alle Stücke spielt. Formenergie-Stühle, die jede beliebige Form annehmen und extrem energieaufwendig sind. Einen Vakuum-Jacuzzi, einen angeschlossenen Fitnessraum, mehr als ein Dutzend Spezialroboter, in wertvollen Materialien verarbeitete Möbel. Man hätte hier weitaus sparsamer planen können.«

»Dann würdest du aber keinen Earl-Grey-Tee mit einer dezenten Bergamotte-Note trinken, wie du ihn liebst, du elender Pfennigfuchser!«

Adams lächelte schmallippig, lehnte sich zurück und rührte seinen Tee um. »Pfennigfuchser. Dieses Wort habe ich schon ewig nicht mehr gehört. Und ja, ich gebe zu, dass ich diesen Luxus durchaus genieße.«

»Warum ärgerst du mich dann und wirfst mir Verschwendung vor?«

»An wem sollte ich mich denn sonst reiben, Perry? Wer redet denn sonst noch wie wir beide, wer handelt nach mehrtausendjährigen Prinzipien? Wie oft haben wir uns an die Veränderung der Sprache angepasst, wie oft unseren Wortschatz erneuert? Wer außer Historikern weiß noch, was ein Waschbrett ist und wie ein Telefax funktionierte?«

»Wirst du etwa rührselig auf deine alten Tage?«

»Nein.« Adams nahm einen Schluck vom Tee und stellte die Tasse auf dem nierenförmigen Formenergie-Tisch ab. »Ich liebe die Herausforderungen dieser neuen Zeiten. Ich brauche den Wettkampf und messe mich tagtäglich mit all den jungen Schnöseln, die meinen, mir etwas über Galaktofinanzen, positronikgesteuerte Marktmanipulationen und intergalaktische Warenverschiebungen erzählen zu müssen. Aber es tut auch mal gut, einen Schritt zurückzutreten und den Blick neu zu schärfen.«

»Mit einem Auge in die Vergangenheit und einem in die Zukunft schauen«, sagte Rhodan leise.

»Richtig.« Adams räusperte sich. »Jetzt sag mir doch, was uns auf Jolyona erwartet. Ich habe es schon wieder vergessen.«

»Du hast noch niemals etwas vergessen, du Lügner!«

»Richtig. Gut, dass du mich daran erinnerst: Du schuldest mir seit 1972 drei Pfund zwei Sixpence. Ich musste dir in einem Pub in Glasgow Geld borgen. Möchtest du wissen, wie viel das in Galax umgerechnet ist, samt Zins und Zinseszins?«

»Jetzt nicht. Reden wir in ein-, zweihundert Jahren nochmals drüber.«

Sie grinsten einander an. Rhodan prostete seinem Gegenüber mit dem Bierglas zu und trank dann langsam, Schluck für Schluck und mit viel Genuss.

»Also schön«, sagte er dann, »lass uns über Jolyona sprechen.«

»Ich bitte darum.«

»Die Welt ist erdähnlich: 0,99 Gravos bei einem Durchmesser von etwa zwölftausend Kilometern. Die Atmosphäre ähnelt bis auf geringe Abweichungen der auf Terra.«

»Das ist nicht, worauf ich hinauswollte, Perry ...«

»Lass mich ausreden, alter Freund. Ich brauche selbst ein wenig Anlaufzeit, um alles richtig einsortieren zu können.«

»Also schön. Mach weiter.«

»Bei aller Ähnlichkeit mit Terra ist Jolyona halt auch eine Dunkelwelt. Ein Irrläufer, der in einer Entfernung von etwa neunzehntausendfünfhundert Lichtjahren von der Erde entfernt dahintreibt. Wir wissen nicht, woher Jolyona kommt und was dazu geführt hat, dass sich der Planet durch das Nichts zwischen unzähligen Sternensystemen dahinbewegt. Eine Theorie besagt, dass er bei der Ankunft des Litrakduurn-Schwarms vor einer halben Milliarde Jahren aus der Umlaufbahn um eine namenlose Sonne gerissen wurde. Aber das ist bloß eine von vielen Ideen zur Herkunft Jolyonas.«

Rhodan nahm einen weiteren Schluck von seinem Bier und wischte sich den Schaum von der Oberlippe.

»Was wir allerdings wissen, ist, dass Jolyona im Jahr 1208 in Besitz genommen wurde. Von Onryonen. Von Vertretern eines Volkes, mit dem wir einige unangenehme Erinnerungen teilen. Mit denen wir nun mal zurechtkommen müssen. Die Onryonen sind gekommen, um zu bleiben.«

»Das weiß ich doch alles, Perry. Auch, dass sich seit einigen Jahrzehnten eine terranische Kolonie auf Jolyona entwickelt und es zu Berührungspunkten kommt. Mitunter auch zu Spannungen.«

»Ach, du hast dich bei Thersa Gooden informiert?«

»Lassen wir bitte schön meine Privatangelegenheiten beiseite.«

»Natürlich, Homer.« Rhodan räusperte sich. »Die Onryonen Jolyonas werden als ... ungewöhnlich beschrieben. Ihre Gepflogenheiten unterscheiden sich von denen anderer Teilvölker. Sie haben eine eigenständige Entwicklung durchgemacht und werden von den übrigen Onryonen fast schon gemieden. Was ich als Chance für die Liga Freier Terraner erachte.«

Adams blickte nachdenklich drein. »Wir beide sollen also austesten, wie eng wir die Jolyona-Onryonen an uns binden können? Ich halte das für bedenklich.«

»Hältst du sie etwa noch immer für gefährlich? Ihr Sendungsbewusstsein ist erloschen. Es ist bloß noch diese sonderbare Erhöhung des Atopischen Tribunals zu spüren, dem sie einmal verpflichtet waren.«

Das Atopische Tribunal ...

Beide hingen sie ihren Gedanken nach und dachten an die Bedrohung, die das Tribunal und die Onryonen einstmals ausgestrahlt hatten. Es war verflixt schwer, die Ressentiments beiseitezuschieben. Zumal die Onryonen unheimlich und düster wirkten.

Rhodan trank das Bier aus und stellte das Glas ab. »Nach allen Berichten, die ich bekommen habe, wären die Bewohner Jolyonas bereit, engere wirtschaftliche Kontakte zu knüpfen. Ich möchte diese Chance ergreifen. Und dich bei den Verhandlungen mit dabeihaben. Ich vertraue deinem geschulten Auge und deiner taktischen Härte.«

Adams nickte.

»Thersa Gooden hat dir sicherlich einiges über die Probleme der terranischen Kolonie auf Jolyona erzählt?«

»Ja. Auch sie hat die Eigentümlichkeiten der Onryonen betont. Die Bewohner haben teilweise sehr sonderbare Sitten und sind allem Fremden gegenüber prinzipiell misstrauisch eingestellt. Anfangs sind sie den Terranern mit höflicher Distanz gegenübergetreten. Aber nachdem die Kolonie mittlerweile mehrere zehntausend Liga-Angehörige stark ist, reagieren sie zunehmend ablehnend. Manchmal sogar aggressiv.«

»Es ist zu zwei Morden gekommen. Zwei betrunkene terranischstämmige Jugendliche haben Onryonen getötet.« Rhodan nickte ernst. »Wir werden uns diesen Fall näher ansehen müssen. Du weißt, wie verzwickt derartige Angelegenheiten sein können. Es wird einerseits von uns erwartet, dass wir die Bürger der Liga Freier Terraner schützen. Andererseits unterliegen die beiden nun mal der Jurisdiktion Jolyonas – und damit onryonischem Recht.«

Er schnippte mit den Fingern, die Kabinenpositronik stellte ihm ein holografisches Auswahlmenü zur Verfügung. Rhodan rief Bildmaterial auf, das ihm die terranische Botschaft auf Jolyona geschickt hatte.

Es zeigte Aufnahmen von Überwachungsdrohnen aus mehreren Blickwinkeln. Zwei Terraner, einer schlaksig, der andere untersetzt und wuchtig. Sie waren jung und sichtlich angeheitert und gerieten mit einer größeren Gruppe Onryonen in Streit. Es war nicht klar auszumachen, von welcher Seite die Provokationen ausgingen. Doch spielte dies überhaupt eine Rolle?

Eben noch fröhlich feiernde Jugendliche schlugen plötzlich aufeinander ein. Die Terraner trugen Messer, die sie, in Bedrängnis geraten, zückten und damit auf die Onryonen einstachen.

Woher kommt diese unvermittelte Wut?, fragte sich Rhodan, schüttelte den Kopf und gab sich gleich darauf selbst die Antwort: Sie waren angetrunken und ließen sich allzu leicht provozieren.

»Gio und Casper Moulin. Cousins. Beide hochbegabte Robotiker, die ein Stipendiatsstudium im Fachgebiet Hybridtechnik absolvieren und im Rahmen eines Regierungsprojekts ein Praktikum leisten. Und nun ist ihr Leben zu Ende.«

»Sie sind schuldig, Perry. Das zeigen diese Bilder nur allzu deutlich.«

Rhodan stand auf, um unruhig in der geräumigen Kabine auf und ab zu gehen. »Die Gesetze der Onryonen sind uralt und nicht dem Status modernen Strafvollzugs angepasst, wie wir ihn kennen. Den beiden Jungs droht lebenslange Verbannung auf einem Gefängnisplaneten. Allem Anschein nach möchten politische Hitzköpfe der Onryonen ein Exempel statuieren lassen.«

»Es ist nie so einfach, wie man es gerne hätte.« Adams seufzte. »Es gibt so viele Facetten des Zusammenlebens. So viele unterschiedliche Gemengelagen, Fremdeinflüsse, kulturelle Differenzen.«

»Ich will das geklärt haben!«, sagte Rhodan und blieb stehen. »Ich möchte den Frieden wiederherstellen und beweisen, was möglich ist, wenn beide Seiten sich ein wenig ins Zeug legen.«

»Du bist ein unverbesserlicher Optimist, Perry. Wie immer. Du bist auch richtig gut in dem, was du machst. Aber du bist nicht der Messias, der durch sein Erscheinen alles zu ändern vermag.«

»Ich kann es versuchen. So wie immer. Ein Scheitern ist möglich. Aber nicht einmal zu versuchen, etwas zum Besseren zu bewegen – das ist für mich das wahre Versagen.«

»Perry Rhodan, wie er leibt und lebt.« Adams lächelte ihn an, wurde aber gleich wieder ernst. »Wir werden Erfolg haben, dessen bin ich mir sicher. Wenn du mich jetzt bitte entschuldigst – ich habe mir Arbeit mit an Bord der CEREBUS genommen. Langweiligen buchhalterischen Kram, wie du es nennen würdest.«

»Wie kommt es, dass ich dir nicht so richtig glaube, Homer? Solange ich dich kenne, und das sind nun doch schon ein paar Jährchen, ist die Materie, mit der du dich beschäftigst, alles andere als langweilig. Du schließt waghalsige Geschäfte ab, gehst hochriskante Finanzierungen ein und spielst mit Beteiligungen, die ganze Volkswirtschaften in den Ruin treiben könnten. Und das in einer Zeit, in der die wichtigsten Welten der Liga gar nicht mehr mit Geldwerten arbeiten.«

»Es ist einerlei, wie hoch meine Investitionen letztlich sind. Ich mache Geschäfte. Sie können gut gehen oder uns schaden. Aber entgegen deiner Meinung gehe ich nur selten Risiken ein.«

Homer nickte ihm zu, überblickte nochmals die Luxuseinrichtung der Kabine, schüttelte vorwurfsvoll den Kopf und verließ den Raum.

Rhodan grinste. Sein Freund war lästig wie ein Floh. Aber es gab auch kaum einen zuverlässigeren Partner. Es war gut, dass es Homer G. Adams gab.

Rhodan beobachtete die gemächliche Annäherung an Jolyona von der Zentrale der CEREBUS aus. Die Dunkelwelt war in der optischen Wahrnehmung nicht auszumachen. Massetaster hatten die erdähnliche Welt vor einer halben Stunde erfasst, aus einer Entfernung von etwa fünf Lichtminuten.

Ebenso lange wurde ihrem Schiff bereits von drei kugelförmigen Raumeinheiten der Onryonen Geleitschutz gewährt. Die Schiffe, im Raumfahrerjargon Raumkinder genannt, waren in Patronit gehüllt, einem äußerst widerstandsfähigen Werkstoff mit hyperenergetischer Aufladung. Das Rot der Raumschiffshüllen wirkte bedrohlich, geradezu aggressiv.

Rhodan sah sich um. Kommandant Jonus Kiresits tappte mit dem rechten Fuß unruhig auf dem Boden auf. Die Hälfte der unzähligen Arme des Piloten Shaq, eines Geflechtwesens, blieben eingerollt, als Zeichen seiner Nervosität.

»Wir haben sonderbare Freunde heutzutage«, sagte Kiresits mit seinem ausgebildeten Bariton. »Ich mache mir immer noch in die Hose, wenn ich Onryonenschiffe zu sehen bekomme.«

Rhodan wusste, dass der Kommandant in mehrere Gefechte verwickelt gewesen war. Damals, vor etwa zwanzig Jahren, als die Onryonen im Auftrag des Atopischen Tribunals ihre Deckung aufgegeben und in weiten Teilen der Milchstraße aufgetaucht waren, um die Atopische Ordo zu etablieren. Ein Ordnungssystem, das dem Freiheitsdenken der meisten Völker zuwidergelaufen war.

Das Tribunal war in der heimatlichen Sterneninsel nicht mehr präsent, die Onryonen aber waren geblieben. Rhodans Besuch auf Jolyona stellte einen von vielen mühseligen Versuchen dar, das Verhältnis zwischen zwei ehemals verfeindeten Seiten zu verbessern.

Die Erfahrung lehrt, dass es Jahrhunderte dauert, bis Ressentiments abgebaut sind und gute, freundschaftliche Kontakte geknüpft werden können, dachte Rhodan und unterdrückte einen Seufzer. Außerdem wird es die üblichen Rückschläge geben. Engstirnige Politiker torpedieren die Friedensverhandlungen, die Ängste vor dem Fremden und Unbekannten werden geschürt. Wie oft bin ich schon auf diesen Kreislauf des Hasses gestoßen ... Und ich wünschte, ich hätte ihn öfter durchbrechen können.

Die Annäherung an Jolyona würde eine weitere Viertelstunde dauern. Shaq hatte inzwischen sein Misstrauen abgelegt und gut zwanzig der Geflechtarme in die Steuerfutterale gesteckt. Mit bemerkenswerter Feinfühligkeit hielt er die CEREBUS auf Kurs und verzichtete dabei auf die Hilfe der Bordpositronik.

Homer betrat die Zentrale. Er fuhr sich fahrig über sein schütteres Haar, nickte Rhodan zu und ließ sich auf einem Stuhl in seiner Nähe nieder.

Jolyona rückte in den Fokus des Zentralholos. Die Welt wirkte düster, grau und schroff. Auf drei der sechs Kontinente waren milchig weiße Flecken zu erkennen; dort, wo die Onryonen Teile ihrer Städte an die Planetenoberfläche gekleckst hatten. Das lebenswichtige Licht wurde von Kunstsonnen gespendet, die rings um die Siedlungsgebiete kreisten, oder von riesigen Anuupi-Schwärmen, die sich auf Jolyona nach Berichten, die Rhodan vorlagen, besonders wohl fühlten.

»Wir haben ein Landesignal von unseren Lotsen bekommen«, unterbrach Kiresits Rhodans Gedanken. »Wie erwartet, sollen wir auf Komyts größtem Raumhafen landen.«

»Wir befolgen die Anweisungen der Onryonen auf Punkt und Komma«, befahl Rhodan.

Der Schiffskommandant bestätigte.

Komyt ... Die Hauptstadt Jolyonas wurde von etwa eineinhalb Millionen Onryonen und mehr als achtzigtausend Zuzüglern aus allen Teilen der Milchstraße bewohnt. Dort pulsierte das Leben, dort war man das Zusammenleben gewöhnt. In den ländlichen Bereichen der Dunkelwelt beäugte man einander misstrauischer.

Kiresits zoomte die Stadt näher heran. Sie lag auf dem Zentralplateau des kleinsten Kontinents namens Cycoc. Nur etwa ein Fünftel aller Bauten ragten an der Oberfläche in den Himmel, der Rest der Gebäude war ins Innere des granitenen Höhenzugs gelegt worden. Dort wucherte die Stadt wie ein Krake nach allen Himmelsrichtungen. Sie folgte dem Verlauf mehrerer unterirdischer Flüsse, natürlicher Hohlräume oder in den Fels gesprengter Kavernen.

Rhodan entdeckte das zentrale Gebilde der städtischen Oberfläche, die Kuppel der Weisheit. Der halbkugelförmige Bau war semitransparent. An der Kuppel-Innenseite bewegten sich Myriaden von Anuupi. Sie schufen ein angenehmes Licht, das mal stärker und mal schwächer strahlte.

»Faszinierende Geschöpfe«, sagte Shaq, während sich seine Geflechtarme wellenförmig über die Steuerelemente bewegten. »Sie sind so anders. So fremd.«

»Schau mal selbst in den Spiegel«, meinte Kiresits. »Wärst du in der präastronautischen Zeit auf Terra gelandet, hätte man dich für ein zerstörtes Fischernetz mit Dornen gehalten.«

»Erstens brauche ich sechs Spiegel, um meine Anmut in ihrer ganzen Pracht bewundern zu können. Zweitens sprechen deine Worte nicht unbedingt für den viel gepredigten terranischen Humanismus.«

Rhodan hörte den beiden nicht länger zu. Trotz aller Unterschiede waren Pilot und Kommandant bestens aufeinander eingespielt und verstanden sich privat ausgezeichnet. Darüber hinaus waren sie kampfgestählt. Sie wussten, Situationen richtig zu beurteilen und flexibel zu reagieren.

Er erhielt weitere Daten in die Holo-Kugel gespiegelt. In Komyt wurde alles für einen förmlichen Staatsempfang vorbereitet. Das leitende Duumvirat der Stadt sowie unzählige onryonische Honoratioren erwartete sie am Raumhafen. Auch die terranische Botschaftsrätin Thersa Gooden würde ihnen zur Verfügung stehen. Gooden, mit der Adams seit einigen Jahren ein, nun ja, seltsames Verhältnis pflegte und die Rhodan bereits bei mehreren Gelegenheiten über den Weg gelaufen war.

»Landung in acht Minuten«, kündigte Kiresits an.

Plötzlich ging alles blitzschnell. Die Kommandanten der drei Lotsenschiffe verabschiedeten sich, ein Leitimpuls lenkte die CEREBUS in Richtung Raumhafen. Sie umkreisten Jolyona nur einmal in einer niedrigen Umlaufbahn – und Hastdunichtgesehen, visierten sie das für sie freigeräumte Landefeld an.

Shaq steuerte die CEREBUS mit der ihm eigenen Nonchalance. Er setzte den Kugelraumer sachte auf, ohne auch nur ein einziges Mal auf die Hilfen der Bordpositronik zugreifen zu müssen. Sein dezentralisierter Verstand erlaubte es ihm, viele Tätigkeiten zugleich auszuüben.

»Willkommen auf Jolyona«, sagte Kiresits und nickte Rhodan zu. »Mein Part ist erledigt. Jetzt bist du dran, Perry.«

Das Duumvirat hätte ungleicher nicht sein können. Der eine Onryone, Gasc Sheromyc, war rank und schlank und schweigsam, während der andere, Xyl Conmyc, beleibt und behäbig war und kaum einmal den Mund halten konnte. Eines seiner Spitzohren hing weit herab, so als hätte es jegliche Muskelspannung verloren.

Rhodan ließ Conmycs Redeschwall geduldig über sich ergehen, während er erste Eindrücke von Jolyona sammelte. Die Luft war gut atembar, allerdings etwas dünn. Es war ihm, als würde er in den terranischen Alpen in einer Höhe von dreitausend Metern umherklettern.

Das vage Licht einer Kunstsonne, die knapp über dem Horizont stand, war gewöhnungsbedürftig. Doch er würde den Teufel tun und sich einen Sauerstofftank umschnallen – und schon gar nicht würde er sich Restlichtverstärker-Linsen einsetzen.

»... sind wir erfreut, dich zu dieser besonderen Jahreszeit auf Jolyona empfangen zu dürfen«, plapperte Conmyc fröhlich weiter. »Wir sind uns sicher, dir während deines Aufenthalts auf unserem wunderschönen Heimatplaneten ein besonderes Programm bieten zu können.«

Rhodan nickte und sagte einige freundliche Worte. Er gab sich gelassen und ruhig, während er sein Gegenüber musterte. Das Emot zwischen den Augen des groß gewachsenen Sheromyc leuchtete durchgehend in warmen Gelbtönen, während das Organ in Conmycs Gesicht immer wieder die Farbe wechselte. Der Dicke war sichtlich aufgeregt – und er machte seine Nervosität öffentlich.

Rhodan schüttelte ein gutes Dutzend Hände, bevor er zu Thersa Gooden gelangte. Sie hatte bisher abseitsgestanden und das Treiben ruhig beobachtet, um sich nun als Letzte in die Reihe der Honoratioren einzugliedern.

»Schön, dich wiederzusehen, Thersa«, sagte Rhodan.

»Ebenfalls«, sagte Gooden und reichte ihm die Hand. Sie war klein gewachsen, drahtig und hatte ein Puppengesicht. Antlitz sowie Hände waren mit einer bronzefarbenen, leicht glänzenden Lasur eingelassen. Womöglich ein Modespleen unter den hiesigen terranischen Kolonisten, dachte Rhodan.

»Du hast dich gut eingelebt auf Jolyona?«

»Die hiesigen Bewohner machen es mir leicht, mich wohl zu fühlen«, antwortete Gooden diplomatisch.

»Das höre ich gern.« Rhodan wandte sich mit einem Kopfnicken ab. Die Gelegenheit zu einem längeren Gespräch würde sich ergeben. Später. Wenn die üblichen zeremoniellen Aufgaben abgearbeitet waren.

Gooden näherte sich Adams und schüttelte ihm ebenfalls die Hand. Die beiden versuchten, die gegenseitige Zuneigung zu verheimlichen – und scheiterten kläglich. Hätten sie wie Onryonen Emots besessen, wären beide in diesem Moment grellrot aufgeleuchtet.

Kommandant Kiresits entzog sich bei erstbester Gelegenheit der formellen Begrüßung und kehrte an Bord der CEREBUS zurück. Shaq war ohnedies in der Kommandozentrale geblieben. Er hätte Stunden gebraucht, um sein komplexes Körpergeflecht aus dem Schiff zu lösen.

»Ihr seid gewiss hungrig?«, fragte Conmyc und nahm Rhodan vertrauensselig am Arm. »Wir haben ein kleines Einzel-Buffet in der Kuppel der Weisheit vorbereitet. Thersa Gooden hat uns geholfen, eine Speisenauswahl zu treffen. Sie hat uns auch einige Getränke zur Verfügung gestellt, unter anderem ein Fass terranischen Biers. Ich habe schon die wundersamsten Dinge über dieses Göttergetränk gehört und bin besonders neugierig darauf. Wenn ich euch bitten darf? Ein Transportgleiter wartet ...«

Die Kuppel der Weisheit war in der Tat etwas Besonderes. Rhodan hatte sich selten zuvor so wohl gefühlt wie in diesem beinahe durchgängig offen gebauten Raum mit einer lichten Höhe von gut einhundertfünfzig Metern und einem ebensolchen Durchmesser.

Die luftige Halle war mit Grünpflanzen angefüllt, die der Kuppel die Anmutung eines riesigen botanischen Gartens gaben. Nach den schwierigen Bedingungen im Freien gab es hier eine dichtere Atmosphäre, die mit unzähligen Gerüchen durchmengt war.

Über Efeugeflechten, riesenhaften Farnplantagen und sorgfältig gruppierten Bäumen schwebten Anuupi. Mal stiegen sie hoch, mal senkten sie sich beinahe bis auf Griffweite zu den Besuchern hinab. Die quallenförmigen Wesen leuchteten jeden Fleck des Kuppelraums ein klein wenig anders aus – und veränderten damit beständig die Stimmung in den einzelnen Sektoren.

»Die Kuppel der Weisheit ist bemerkenswert«, sagte Rhodan zu Gasc Sheromyc, ohne seine Bewunderung zu verhehlen.

»Danke. Unsere Anuupi-Hüter tun ihr Bestes, um euch den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Sie werden im Laufe des Abends zeigen, wozu sie und ihre Tiere imstande sind. Darf ich dich nun zum Buffet bitten?«

Rhodan folgte Sheromyc. Es ging an mehreren Gartenlauben vorbei, in denen Onryonen an mobilen Arbeitsplätzen saßen oder standen. Auch sie wurden von Anuupi umlagert.

Auf einer freien Fläche im Zentrum des Kuppelbaus standen reichlich gedeckte Tische, umgeben von einem schwach flackernden Energieschirm. Im Zentrum des Aufbaus befand sich ein Fünfzig-Liter-Fass aus Echtholz, das vermutlich für ein größeres Vermögen von Terra nach Jolyona transportiert worden war.

»Europäisches Bier«, sagte Sheromyc mit stolz klingender Stimme. »Wir haben uns sagen lassen, dass die Terraner es am liebsten lauwarm trinken.«

Höchstens manche von uns, dachte Rhodan und unterdrückte einen Seufzer. Laut sagte er: »Das ist aber mal eine besondere Überraschung.«

»Wir möchten dich bitten, den Anstich vorzunehmen und das erste Glas zu trinken.«

»Gern.« Er ging auf den Tisch zu und wartete geduldig, bis sich der Schutzschirm öffnete.

Thersa Gooden gesellte sich zu ihm und nahm ihn am Arm. »Du weißt, wie Onryonen über Essen und Trinken in der Öffentlichkeit denken?«, bemerkte sie mit einem freundlichen Lächeln, als würde sie unverbindliche Konversation betreiben.

»Selbstverständlich. Sie bleiben dabei stets für sich allein. Es wäre unhöflich, in ihrer Gegenwart zu kauen oder zu trinken. Aber was erwartet man jetzt von mir?«

»Du trittst an das Fass und stichst es an. Der Schutzschirm wird abdunkeln, sodass niemand dich dabei beobachten kann. Du nimmst einen ersten Schluck und lässt das halbvolle Glas als Zeichen des Respekts zurück. Anschließend bedienst du dich am Buffet und packst die Lebensmittel in eine der bereitliegenden Schachteln. Rechts von uns befinden sich winzige Gartennischen, in denen du schweigend isst. Schmatze nicht zu laut – und lass bitte schön nur ja keinen Rülpser los. Es kam auf Jolyona erst unlängst deswegen zu einer tödlichen Fehde, als der Cousin dritten Grades des Bräutigams während des Hochzeitsmahls gluckernde Geräusche von sich gab.«

»Diese Informationen hätte ich gern vorab bekommen.«

Thersa Gooden lächelte erneut. »Es gibt eine strenge Zensur auf Jolyona. Sobald das Gespräch auf Mahlzeiten kommt, wird selbst der Hyperfunkverkehr unterbrochen. Was meinst du, was ich für einen Eiertanz aufführen musste, um dieses blöde Fass Bier hierherzuschaffen ...«

Die Botschaftsrätin entfernte sich, der Schutzschild öffnete sich. Rhodan trat näher an den Tisch heran – und war mit einem Mal zur Gänze von der Außenwelt abgeschnitten. Eine Art Dunkelfeld legte sich um den Tisch. Etwa ein halbes Dutzend Anuupi lieferte gerade noch ausreichend Licht, sodass er den Holzschlägel und den messingpolierten Zapfhahn erkennen konnte.

Wann hatte er das letzte Mal eine derartige Zeremonie durchgeführt? Vor hundert Jahren, vor dreihundert? Rhodan wusste es nicht zu sagen. Manche Dinge verschwanden in den Tiefen seiner Erinnerungen.

Er griff nach dem Schlägel, setzte den Hahn im unteren Drittel des Fasses an und schlug so kräftig wie möglich zu, mehrmals hintereinander.

Er hörte höflichen Applaus und einige Hoch-Rufe, während Bierschaum aus dem Stich spritzte und ihn badete. Verzweifelt schlug er weiter zu. Mit jedem Hieb trieb er den Hahn tiefer ins Holz, so lange, bis er bis zum Anschlag darin steckte und der Strom versiegte.

Rhodan stand in einer Lache. Und er war nass und voller Schaum, von oben bis unten.

»Geschafft!«, rief er, der Applaus wurde stärker.

Er öffnete den Zapfhahn und goss das bauchige Glas voll, um ein wenig davon zu trinken. Anschließend nahm er vom kalten Buffet und legte die Fleisch- sowie Gemüsestücke sorgfältig in die vorbereitete Nahrungsbox.

Bier tropfte von seinen Hosenbeinen, als er den abgesperrten Bereich verließ. Sheromyc und Conmyc lächelten ihn freudestrahlend an. Offenbar glaubten sie, dass die Bierdusche integrer Bestandteil des Rituals war.

Rhodan zog sich so schnell wie möglich in den Essensbereich zurück, den Thersa Gooden ihm zugewiesen hatte. Kaum war er in der kleinen, von Efeupflanzen umwucherten Ecke angelangt, riss er sich die Kleidung vom Leib und wrang sie aus. Das Bier versickerte im sandigen Boden.

Schlimm genug, dass ich vollständig nass bin, dachte er. Das Wissen, dass dieser Fauxpas nicht einmal für die Top Ten verpatzter Repräsentationsauftritte reicht, ist umso trauriger.

Mit frischer Kleidung, die ihm von Bord der CEREBUS geliefert worden war, ging es zu einem ersten Sondierungsgespräch. Rhodan überließ die Unterhaltung weitgehend Adams, zumal sie sich um wirtschaftliche Belange drehte. Er beschränkte sich darauf, die Onryonen zu beobachten und einzuschätzen.

Rhodans Vermutung bestätigte sich. Sheromyc gab Takt und Ton des Gesprächs vor, während sein Duumvirat-Partner Conmyc nur wenig Substanzielles beitrug. Er mochte ein guter Gastgeber sein – aber auch ein miserabler Politiker mit grauenhaften Wissenslücken.

»Das hört sich ja alles recht gut an«, sagte Thersa Gooden, nachdem einige Freihandelsabkommen im Groben besprochen worden waren. »Wenn wir nun noch über Gio und Casper Moulin reden könnten ...«

»Abgelehnt«, sagte Sheromyc schroff. »Diese beiden Gewalttäter unterliegen der Gerichtsbarkeit Jolyonas. Es gibt rein gar nichts zu diskutieren.«

»Ich bedaure zutiefst, was geschehen ist«, begann Rhodan vorsichtig. »Junge Onryonen wurden aus dem Leben gerissen. Gio und Casper gehören zur Rechenschaft gezogen, aber ...«

»War ich nicht deutlich genug?«, unterbrach ihn Sheromyc. »Es gibt nichts zu sagen.«

»Oh doch«, widersprach Rhodan. »Wenn ihr mir zwei Minuten Zeit zur Erklärung gewährt? Ich bitte darum.«

»Meinetwegen«, stimmte Sheromyc zögernd zu.

»Danke sehr.« Rhodan räusperte sich. »Ich habe mich in die Materie der Gerichtsbarkeit auf Jolyona eingelesen und dabei interessante Details zutage gebracht. Unter anderem habe ich erfahren, dass onryonische Täter bei Weitem nicht so streng bestraft werden wie terranischstämmige, Arkoniden oder Angehörige anderer Völker. Es sieht so aus, als würde zweierlei Maß angelegt bei den Urteilen.«

»Willst du die Unabhängigkeit unserer Gerichte in Frage stellen, Perry Rhodan?«

Die Farbe von Sheromycs Emot verfärbte sich hin zu einem dunklen Blau. Zu kühler, berechnender Wut, wie Rhodan nur zu gut wusste. Der Onryone ließ ihn wissen, was er von der Richtung hielt, die diese Unterhaltung nahm.

»Keineswegs.« Rhodan lächelte. »Ich habe größten Respekt vor dem Rechtssystem auf Jolyona.«

»Dann wäre ja alles geklärt.«

»Dennoch hielte ich es für angemessen, Bild- und Tonmaterial sowie die Aussagen von einem terranischstämmigen Spezialisten überprüfen zu lassen. Und ich bitte darum, einen Gerichtspsychologen hinzuzuziehen. Einen onryonischen Fachmann, der die Gemütsunterschiede zwischen den Angehörigen deines und meines Volkes kennt und beurteilen kann.«

»Ich halte das nicht für notwendig. Wir leben seit einigen Jahrzehnten zusammen. Wir wissen, was wir voneinander zu halten haben.«

»Du meinst also, mich richtig einschätzen zu können, Gasc? Du wurdest noch nie von den Motiven oder Taten eines Terraners überrascht? Du weißt, wie wir ticken?«

Sheromyc schwieg, das Blau seines Emots gewann an Kraft.

»Wir sitzen hier beisammen, um allgemeingültige Freihandelskonventionen zu entwickeln. Wir streiten dabei mitunter über Marginalien. Um gewachsene Traditionen auf beiden Seiten, die nur schwer miteinander zu vereinbaren sind. Was wir hier im Groben besprechen, wird eure und unsere Fachleute jahrelang auf Trab halten. Irgendwann finden wir hoffentlich Lösungen, die für beide Seiten akzeptabel sind. Wir nehmen uns also ausreichend Zeit und bringen die Geduld auf, Lösungen zu finden. Weil wir wissen, dass gelungene Verhandlungen zu mehr Wohlstand und zu mehr Miteinander führen.«

Rhodan legte eine kurze Pause ein. Sheromyc ahnte wohl, worauf er hinauswollte. Aber er war nicht der Einzige, der über das Wohl und Wehe auf Jolyona entschied. Da war auch noch Xyl Conmyc. Ihn musste er überzeugen, ihn musste er auf seine Seite ziehen.

Bedächtig fuhr Rhodan fort: »Warum nehmen wir uns bei Handelsverfahren ausreichend Zeit, während bei diesem Gerichtsverfahren alles möglichst rasch vonstattengehen soll? Warum investieren wir in diesem Fall nicht ebenso ein klein wenig Mühe? Lassen wir doch die besten Leute beider Seiten beurteilen und entscheiden, um größtmögliche Fairness zu erreichen!«

Rhodan vermied es, Conmyc direkt anzublicken. Aus den Augenwinkeln bekam er mit, dass der untersetzte Onryone unruhig auf seinem Stuhl hin und her wetzte.

»Ich habe mich eine Weile auf einem onryonischen Gefängnisplaneten aufgehalten«, sagte Rhodan. »Ich kenne euer Rechtssystem, das nach wie vor von der Atopischen Ordo geprägt wird. Man brummte mir fünfhundert Jahre Autoritäts- und Mobilitätsentzug auf. Für ein Verbrechen, das ich noch nicht einmal begangen hatte.«

»Deine Geschichte ist hinlänglich bekannt, Perry Rhodan.«

»Ich wurde fälschlich beschuldigt und verurteilt. Nach einem Rechtsverständnis, das nicht das meine ist. Ich weiß also nur zu gut, in welcher Lage sich Gio und Casper befinden. Deshalb appelliere ich an euch beide ... nein, deshalb bitte ich euch, ihnen ein faires Gerichtsverfahren zu gewährleisten, in dem auch terranische Verhaltensmuster berücksichtigt werden.«

Sheromyc sah ihn an. Lange. Und sagte dann: »Abgelehnt. Wer auf Jolyona lebt, hat sich unserer Lebensweise anzupassen. Die beiden sind des Mordes oder des Totschlags schuldig. Darüber werden die Richter entscheiden. Aber die Justiz wird sich nicht auf ein langwieriges Verfahren mit Anhörung unzähliger Gutachter einlassen.«

»Was meinst du dazu, Xyl?«

Conmycs Emot wechselte die Farbe im Zehntelsekundentakt. Er war sichtlich überfordert und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte.

»Ich ... ich bin dafür, es so zu machen, wie mein Kollege es vorschlägt«, sagte er stockend nach einer Weile. »Unsere Gesetze haben sich über Jahrhunderte hinweg bewährt.«

Rhodan atmete tief durch. Er hatte alles versucht – und versagt. Zwei Zwanzigjährige erwartete die Verbannung auf eine Fremdwelt ohne Aussicht, die Heimat jemals wiederzusehen. Sie würden zugrunde gehen. Sie würden niemals die Möglichkeit zur Rehabilitation bekommen.

»Das ist äußerst bedauerlich«, sagte Rhodan.

»Du bist ein wohlgeschätzter Gast, Terraner.« Die Haarbüschel an Sheromycs spitzen Ohren bewegten sich leicht. »Wir freuen uns darauf, einen ersten Assoziationsvertrag mit der Liga Freier Terraner zu unterschreiben. Aber ihr solltet euch niemals, ich wiederhole: niemals in unsere internen Angelegenheiten einmischen.« Der Onryone erhob sich. »Ich denke, damit ist alles gesagt.«

Zeit war ein abstrakt-logisch-messbarer Begriff, so wie alles in seiner Begriffswelt.

Er gliederte und strukturierte den Verlauf von Geschehnissen nach elementaren Pulsfolgen eines Energieaggregats. Die Maschine fütterte und nährte ihn, sie hielt ihn am Leben. Und das schon seit sehr langer ... Zeit.

Bald würden Veränderungen eintreten. Alle Informationen deuteten darauf hin, dass das Leben an der Oberfläche seiner Welt in Aufruhr geriet.

Er wusste, was Spannungen und Wechselwirkungen waren. Er hatte sich lange genug damit auseinandergesetzt und die Fakten aus der scheinbar unlogischen Aufeinanderfolge von Ereignissen abstrahiert.

Bald würde er vollends zu leben beginnen. Und dann ...

Und dann.

Kapitel 4:

Der Lehrling und sein Herr

Die große Herde trieb über ihnen dahin. Einige dominante Tiere bewachten die Flanken des großen Zuges, während die Jungen im Zentrum von Hegerinnen aufmerksam beäugt wurden.

»Es ist ein gutes Jahr für Anuupi«, sagte Obanundi. »Sie vermehren sich großartig. Es liegt wohl an den Sternen.«

»Es liegt wohl an den Sternen«, wiederholte Kahoyte rituell.

Schweigsam gingen sie dahin. Als Lehrling oblag es ihm, ausbrechende Anuupi-Gruppen einzufangen und sie mit Lichtreflexen seiner Führlaterne zu steuern.

Kahoyte spürte immer noch dieselbe Aufregung wie ehedem, wenn die Herde in ihrer gesamten Ausdehnung den Himmel erhellte. Dann wurde die Dunkelheit zu einem Teppich, der durch grüne, rote und gelbe Pünktchen perforiert war und dessen Farbmuster sich in Sekundenschnelle änderte.

»Morgen ist ein anstrengender Tag«, sagte Obanundi. »Wir haben mehrere Aufträge zu erledigen. Wir müssen darauf achten, die Herde nicht zu überanstrengen.«

»Ich weiß, Herr. Das Familienfest der Gomcyks. Die Eröffnung des neuen Stabbaus in Komyt-Mitte. Eilige Reparaturarbeiten im Stadtmuseum, die ausschließlich im Licht der Anuupi geleistet werden dürfen.«

Anschließend folgte eine Nachteinheit in der Altstadt Jolyonas. Sie würden die gut dressierten Anuupi entlang der Wege und Straßen steuern. Die Tiere würden jeden Passanten sicher nach Hause leuchten, um dann wieder zum zentralen Sammelpunkt zurückzukehren und einen neuen Auftrag anzunehmen.

Mehr als zwanzig Kilometer Wegstrecke mussten überwacht und bedient werden, von ihm und dem alten Obanundi. Bei einer Aufgabe, die sie jeden vierten Tag im Auftrag der Gilde übernahmen.

Sie erreichten die heimatlichen Stallungen. Das kugelförmige Gebäude, das von unzähligen Anuupi-Volieren umgeben war, leuchtete weithin. Jene Tiere, die hier zurückgeblieben waren, fühlten ihr Nahen und strahlten miteinander um die Wette.

»Ich bin ein alter Mann«, sagte Obanundi mit Ehrfurcht in der Stimme. »Doch bei der Heimkehr fühle ich mich immer wieder wie ein blutjunger Hüter-Lehrling, der dieses Schauspiel zum ersten Mal genießen darf.«

In diesem Punkt waren sie sich ausnahmsweise einig. Die Anuupi, diese wundersamen Geschöpfe, leuchteten den Onryonen nicht nur ihren Weg durch die Dunkelheit. Ihre Strahlkraft berührte gleichermaßen Herz und Gemüt.

Kahoyte entließ die mitgeführte Herde aus seinem Kommando. Die Anuupi strebten den heimatlichen Volieren näher, anfangs zögerlich, dann immer schneller dahingleitend.

Wenn er genau hinhörte, konnte er leises Ploppen hören. Dann, wenn besonders starke Tiere ihre Innenkörper explosionsartig kontrahieren ließen und sich vorwärts stießen.

»Was hast du heute gelernt?«, stellte Obanundi dieselbe Frage wie bei jeder Heimkehr.

»Ich bin zu ungeduldig, und ich lege meinen Fokus auf zu wenige Tiere. Ich sollte mehr auf die Randgruppen der Herde achten. Ich darf die Anuupi nicht ihrer Freiheiten berauben, muss sie aber auch behutsam lenken.«

»Das klingt wie auswendig gelernt, Kahoyte.«

Das ist es ja auch, alter Mann! Tag für Tag erfinde ich irgendein Sprüchlein, um dich zufriedenzustellen. Und das bereits seit einem halben Jahr. Weil ich längst so gut wie alles weiß über die Anuupi. Ich bin stärker und schneller als du, ich beherrsche die Steuergesten ausgezeichnet. Du hast bloß die jahrzehntelange Routine auf deiner Seite.

»Du irrst dich, Herr«, sagte er laut und konzentrierte sich auf das Emot. Nicht einmal in Ansätzen durfte er das Glittergrün eines schlechten Gewissens herzeigen.

Die Volieren öffneten sich automatisch, die Anuupi schwebten ins Innere. Sie umtanzten die Daheimgebliebenen auf ruhige und bedächtige Art. Manche Hüter hielten die Tiere für höchst intelligent und behaupteten, dass sie eine Art Bewegungssprache nutzen würden, um sich mitzuteilen. Ein Anuupi-Psychologe hatte sich sogar zur Behauptung versteift, dass sie etwa dreihundert Wortgruppen beherrschten und sich umso intensiver unterhielten, je mehr Tiere in einer Herde zusammenfanden.

Ob das nun stimmte oder nicht, war Kahoyte egal. Für ihn waren die Anuupi schätzenswerte Geschöpfe, die ihm den Weg von der Vergangenheit in die Zukunft leuchteten. Nicht mehr, nicht weniger. So war es in den Schriften der alten Hüter festgelegt. Und in dieser Tradition würde er schon bald eine eigene, große Herde leiten.

»Übermorgen ist der große Tag«, sagte Kahoyte und betrat die Wohnungskuppel. Weitere fünfzigtausend Anuupi empfingen sie aufgeregt, schwebten grüßend zu ihnen herab und glitten dann wieder zur Decke hoch.

»Ich weiß, Kahoyte.«

»Ist es vermessen, wenn ich frage, welchen Platz du mir bei der Großen Zusammenkunft zugeordnet hast, Herr?«

»Sprich doch nicht immer derart geschwollen, Kahoyte. Ich bin auch nicht dein Herr. Diesen Begriff hat man bereits vor zwei Generationen abgeschafft.«

»Ich finde es gut, die Traditionen zu wahren.«

»Ich weiß.« Obanundi seufzte. »Deswegen bin ich mir auch nicht sicher, ob ich dich an der Großen Zusammenkunft teilnehmen lassen soll.«

»Wie bitte, Herr?«

»Komm. Lass uns in den Abdrückanlagen darüber reden.«

»Nein, Herr. Ich verstehe das nicht. Was habe ich falsch gemacht? Warum möchtest du mir diese Schmach antun? Du weißt ganz genau, dass die Teilnahme an der Großen Zusammenkunft das Allerwichtigste im Leben eines angehenden Hüters ist. Meine Karriere hängt davon ab, wie gut ich mich präsentieren kann. Ich möchte die Herde über die Heilstätte schweben lassen und meine Künste als Hüter unter Beweis stellen.«

»Ich weiß, Kahoyte.«

»Warum willst du mich dann nicht mitnehmen?« Er brüllte seinen Herrn an, hielt nicht länger an sich. War dieser alte, vertrottelte Narr denn endgültig durchgedreht?

»Weil du der Beste bist, den ich jemals in meiner Obhut hatte«, sagte Obanundi leise.

Der Hüter redete völlig wirr. »Was soll das heißen, Herr?«

»Ich sehe, wie innig dein Verhältnis zu Dualles ist. Ich erkenne, dass er eines Tages dank deiner Ausbildung ein ganz besonderes Leittier werden wird. Du bist großartig in allem, was du mit den Anuupi anstellst.«

»Und trotzdem möchtest du mich nicht nach Mylehodinn mitnehmen.«

»Weil dein Gemüt mit deiner Begabung nicht Schritt hält, Sohn. Du vergräbst dich in Berichten über die gute, alte Zeit. Du hängst unzeitgemäßen Ritualen nach. Du reagierst nicht auf Veränderungen. Dabei sollte dies die wichtigste Aufgabe eines Hüters sein. Wir leuchten unseren Schutzbefohlenen nicht nur den Weg. Wir helfen ihnen auch, Entscheidungen zu treffen.«

»Das ist bloß neumodisches Blabla, Obanundi. Wir bewahren die Traditionen und geben weiter, was uns von unseren Vorgängern gelehrt wurde.«

»Ist dir denn noch nie in den Sinn gekommen, welche Verantwortung wir übernehmen? Wir schenken mehr als Licht, wie du weißt. Der Schein der Anuupi wirkt sich positiv auf all jene aus, die wir betreuen. Er hilft uns, Fehler zu erkennen. Wir Hüter bestimmen auf indirektem Weg die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entscheidungen auf Jolyona.«

»Indem wir die Traditionen wahren«, beharrte Kahoyte auf seiner Meinung.

»Du hörst nicht zu, Sohn! Das ist genau das, was ich dir ankreide.« Obanundi ging mit holprigen Schritten im großen Saal der Wohnkuppel auf und ab. »Das Leben auf Jolyona verändert sich. Wir müssen uns anpassen. Die Atopische Ordo ist längst nicht mehr das bestimmende Element unserer Existenz. Es gibt neue Gesetze, neue Begegnungen, neue Formen des Zusammenlebens. Wir müssen uns mit den Angehörigen fremder Völker arrangieren ...«

»Unsinn! Blasphemie!« Wie konnte Obanundi es wagen, derart defätistische Meinungen von sich zu geben! »Das Atopische Tribunal mag nicht mehr wirken in der Milchstraße. Aber wir waren sein verlängerter Arm und haben das Wort der mächtigsten Wesen im Universum durchgesetzt. Wir müssen dies auch weiterhin tun.«

»Merkst du eigentlich, was du da redest, Kahoyte? Wir haben Beweise dafür, dass die Atopen niemals wiederkommen werden.«

»Aber ihre Gesetze wirken nach. Meine Freunde und ich ...«

»Deine Freunde? Erzähl mir mehr von ihnen.«

Kahoyte hielt inne und bemühte sich, sein Erschrecken zu verbergen. Sein Emot leuchtete lindgrün auf, nur für ein oder zwei Zehntelsekunden, bevor er sich wieder unter Kontrolle hatte. Vielleicht übersah Obanundi seinen Gefühlsausbruch.

»Du warst schon immer ein schrecklicher Lügner, Kahoyte. Ich will augenblicklich alles über deine Freunde wissen. Wer sind sie? Was haben sie vor?«

Er presste die Lippen fest aufeinander und schwieg.

»Nun? Ich warte.« Obanundi tat einen Wink mit der Rechten, einige tausend Anuupi senkten ihr Körperlicht auf ein Minimum ab. Sie fielen in einen Halbschlaf, den sie erst dann beenden würden, wenn sie von den Leittieren den Impuls zum Erwachen erhielten.

»Es gibt nichts zu sagen, Herr.«

»Es sind die Revs, nicht wahr? Die Revisionisten. Du hast dich diesem Pack angeschlossen, das sich vehement gegen die Zuzügler von Terra und anderen Welten stemmt.«

Kahoyte hielt weiterhin den Mund und bemühte sich, die verräterischen Ausstrahlungen seines Emots zu übertünchen.

»Ich habe mich mit den Ansichten dieser Volksverhetzer auseinandergesetzt, Junge. Sie erzählen Lügen. Sie weisen ausschließlich auf die negativen Seiten eines Zusammenlebens hin, ohne über die großartigen Chancen einer Gemeinschaft auch nur ein Wort zu verlieren. Hast du dich denn schon mal mit einem Terraner unterhalten?«

»Mit diesem Mördergesindel? Nein danke!«

»Du nennst sie Mörder? Jeden einzelnen von ihnen? Es ist etwas Schreckliches geschehen, und die beiden jungen Terraner werden dafür zur Verantwortung gezogen. Willst du von zwei schrecklich dummen Jungen auf Hunderttausende andere Wesen schließen?«

»Es wird wieder geschehen, wenn wir ihnen nicht Einhalt gebieten. Wir müssen etwas unternehmen, sie von Jolyona forthalten.«

»Und du meinst, dass die Revisionisten den richtigen Weg gehen?«

»Er ist gewaltfrei, Obanundi. Wir protestieren mit erlaubten Mitteln. Wir weisen auf die Gefahren hin, die unserer Zivilisation drohen. Aber wir bewegen uns im Rahmen der Gesetze.«

»Ihr gießt Öl ins Feuer. Je nun. Ich kann es dir nicht verbieten, in deiner Freizeit zu tun und zu lassen, was du möchtest. Aber du musst verstehen, dass ich niemanden zur Großen Versammlung schicken kann, der derartige Ideen vertritt. Das Gedankentum der Revs widerspricht all dem, was wir als Hüter predigen.«

»Das ist nicht wahr, Herr! Lies dir die alten Schriften durch, und du wirst sehen, dass ...«

»Die alten Schriften sind genau das: alt! Sie reichen in eine Zeit zurück, in der wir ganz andere Aufgaben und Pflichten zu bewältigen hatten. Wie ich bereits sagte, müssen wir uns auf neue Herausforderungen vorbereiten, uns immer wieder neu erfinden. An uns liegt es, den Terranern den Weg zu leiten. Ihnen das Licht der Anuupi mitzugeben.«

»Niemals!«, rief Kahoyte. Er konnte seinen Zorn nicht länger verbergen. »Die Hüter dienen ausschließlich dem Volk der Onryonen. Das ist so und wird immer so bleiben.«