Dunkler Sommer - Marie Kopplin - E-Book
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Dunkler Sommer E-Book

Marie Kopplin

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Beschreibung

Die Wahrheit kann alles verändern …
Der mitreißende Psycho-Thriller für spannende Lesestunden

Der bekannte Berliner Wetter-Moderator Maxim Fuchs kann es nicht fassen, als an einem Tag im August plötzlich seine Frau und seine Tochter spurlos aus dem gemeinsamen Haus verschwinden. Als sich immer mehr seltsame Unfälle in seinem Umfeld ereignen, rückt Maxim in den Fokus der Kommissarin Sofia Nikolaidis. Hat der charismatische Meteorologe seine eigene Frau und Tochter getötet?

Sofia hat gerade selbst Probleme mit ihrer Nichte, für die sie sorgeberechtigt ist und versucht, wenigstens in ihrem neuen Fall alles richtig zu machen. Maxim behauptet weiterhin, sich an nichts zu erinnern. Er will einfach nur seine Familie zurück, doch um sie zu finden, muss er sich seiner düsteren Vergangenheit stellen. Und die Wahrheit könnte sein ganzes Leben ins Wanken bringen …

Erste Leser:innenstimmen
„Fesselnder Thriller mit unerwarteten Wendungen – eine klare Leseempfehlung!“
„Unheimlich spannender Psychothriller über einen düsteren Fall.“
„Flüssiger Schreibstil, atemraubender Spannungsaufbau und tiefgründige Figuren – ich konnte nicht aufhören zu lesen!“
„Dieser Kriminalroman ist nichts für schwache Nerven: hochspannend und überaus mitreißend.“

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Seitenzahl: 355

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Über dieses E-Book

Der bekannte Berliner Wetter-Moderator Maxim Fuchs kann es nicht fassen, als an einem Tag im August plötzlich seine Frau und seine Tochter spurlos aus dem gemeinsamen Haus verschwinden. Als sich immer mehr seltsame Unfälle in seinem Umfeld ereignen, rückt Maxim in den Fokus der Kommissarin Sofia Nikolaidis. Hat der charismatische Meteorologe seine eigene Frau und Tochter getötet?

Sofia hat gerade selbst Probleme mit ihrer Nichte, für die sie sorgeberechtigt ist und versucht, wenigstens in ihrem neuen Fall alles richtig zu machen. Maxim behauptet weiterhin, sich an nichts zu erinnern. Er will einfach nur seine Familie zurück, doch um sie zu finden, muss er sich seiner düsteren Vergangenheit stellen. Und die Wahrheit könnte sein ganzes Leben ins Wanken bringen …

Impressum

Erstausgabe Februar 2023

Copyright © 2024 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-98778-137-7 Taschenbuch-ISBN: 978-3-98637-892-9 Hörbuch-ISBN: 978-3-98778-246-6

Covergestaltung: Buchgewand unter Verwendung von Motiven von depositphotos.com: © benjaminlion stock.adobe.com: © Sabphoto shutterstock.com: © ViChizh, © ohenze Lektorat: Sandra Effert

E-Book-Version 13.06.2024, 10:31:36.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Dunkler Sommer

Jetzt auch als Hörbuch verfügbar!

Dunkler Sommer
Marie Kopplin
ISBN: 978-3-98778-246-6

Die Wahrheit kann alles verändern …Der mitreißende Psycho-Thriller für spannende Hörstunden

Das Hörbuch wird gesprochen von Sascha Tschorn.
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Kapitel 1

Es war keine einzige Wolke zu sehen und doch wirkte der Himmel in seiner tiefen, fast erdrückend dunkelblauen Farbe bedrohlich. Maxim sah auf die Anzeige seines Audi. 21:10 Uhr, heute war es spät geworden. Noch war es nicht ganz dunkel, doch in der Dämmerung ragten die hohen Laub- und Nadelbäume links und rechts empor und nahmen den schmalen Straßen das letzte Licht des Tages. Seine Tochter Nele würde schon lange schlafen. Ein seltsames Gefühl breitete sich in seiner Brust aus. Was war das? Irgendetwas fühlte sich anders an, dachte er, als er in die Auffahrt der alten, aufwändig restaurierten Stadtvilla mit dem markanten, schiefergrauen Ziegeldach in der Gabrielenstraße einbog. Er wusste nicht genau, woher das Gefühl kam. Es konnte daran liegen, dass Herr Hofmann wieder am Fenster des Nachbarhauses stand und ihn beobachtete. Oder daher, dass weder in der Küche noch im Wohnzimmer Licht brannte. Er steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die schwere Haustür. Dunkelheit und Stille.

»Clara?« Er bemühte sich, nicht zu laut zu rufen, um Nele nicht zu wecken.

Keine Antwort. Im Wohnzimmer war niemand, in der Küche auch nicht. Maxim ging die Treppe hoch und sah im Schlafzimmer nach. Leer. Mit einem beklemmenden Gefühl öffnete er die Tür zu Neles Kinderzimmer. Es dauerte ein paar Sekunden, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Auch das Kinderbett war leer. Maxim wurde gleichzeitig heiß und kalt. Sein Magen fühlte sich an wie ein schmerzend verworrener Knoten.

Wo waren Clara und Nele? Welchen Grund hätten sie, um diese Uhrzeit nicht zu Hause zu sein? Instinktiv tastete er seine rechte Hosentasche ab. Nichts. Hatte er sein Handy schon wieder im Sender liegen lassen? Er versuchte sich zu beruhigen, indem er einmal tief ein- und ausatmete. Irgendeine Erklärung würde es geben. Er setzte sich auf einen winzigen Kinderstuhl, der neben Neles Bett stand. Das Licht schaltete er nicht an. Stattdessen schloss er die Augen und konzentrierte sich.

Der Tag hatte ganz normal begonnen. Gegen 7:30 Uhr kam er in die Küche und wurde mit duftendem Kaffee empfangen. Eigentlich war das Aufbrühen des Kaffees am Morgen seine Aufgabe, doch heute hatte Clara sie übernommen.

»Auch schon wach?«, fragte sie mit einem Lächeln.

Ihre dunkelbraunen Haare waren ordentlich hochgesteckt und sie hatte ein wenig Wimperntusche und Rouge aufgelegt, was dafürsprach, dass sie heute wichtige Termine hatte. Normalerweise schminkte Clara sich nicht.

»Kurze Nacht«, sagte er.

Gestern war es besonders spät geworden. Er war erst nach Mitternacht aus dem Sender gekommen.

»Dann mach heute nicht so lange, ja? Deine Tochter wartet übrigens schon.«

Neles Teller mitsamt den Brotkrümeln stand noch auf dem Tisch. Er vermutete, dass sie im Wohnzimmer saß, in eins ihrer Bücher vertieft.

Maxim nahm einen Schluck Kaffee. »Schaffst du es heute zur Schule? Ich muss dringend noch ein paar Stunden in die Uni.«

Claras Gesichtsausdruck wandelte sich schlagartig.

»Ernsthaft?«, fragte sie. »Ich muss in einer halben Stunde im Gericht sein. Das weißt du. Steht auch im Kalender.«

Sie nickte kurz zum bunt bekritzelten Wandkalender. Er sah auf die Uhr.

»Hättest du mich nochmal daran erinnert, hätte ich es mir einplanen können.« Schwaches Argument, das war ihm klar.

»Ach, wirklich? Wann hätte ich es dir denn sagen sollen? Im Halbschlaf, als du endlich nach Hause kamst?«

Wut funkelte in ihren Augen und Maxim wusste, warum. Clara hasste es, nach Klischee-Ehefrau zu klingen.

Er hob abwehrend die Hände. »Vergiss es, ich fahre sie.«

Sie nickte. »Es wäre schön, wenn du dich diese Woche auch noch um das Fenster kümmern könntest«, ergänzte sie und wies mit dem Kopf zum Küchenfenster. Es war schon seit längerer Zeit undicht, eine Folge des hohen Alters ihres Hauses.

Maxim stand auf und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Stimmt, ich kümmere mich darum. Wir sehen uns später. Ich versuche, früher aus dem Sender zu kommen.«

»Ja, ja.«

In diesem Moment tauchte Nele in der Küche auf, ihre langen, braunen Haare zu einem ordentlichen Zopf geflochten und mit einem knallgelben Sommerkleid – ihre Lieblingsfarbe. Sie war ziemlich klein für ihr Alter. Das war sie schon immer gewesen und sorgte häufig dafür, dass die Leute überrascht waren, dass sie nun schon in die zweite Klasse ging. Ihre großen dunkelbraunen Augen blickten ihn hellwach an.

»Papa, können wir los?«, fragte sie ungeduldig. »Ich hab schon Schuhe an.«

Maxim lächelte und streichelte seiner Tochter über die Haare.

Er musste einen Umweg fahren, um Nele in der Schule abzusetzen, bevor er sich in den morgendlichen Stau auf der Stadtautobahn einreihte. Nicht ohne Grund fuhr er morgens so früh wie möglich los. Der Stau auf der A111 war eines der Dinge, die er an Berlin am wenigsten mochte. Ungeduldig sah er erst auf die Uhr und dann auf die Temperaturanzeige. Es war 8:25 Uhr und das Display zeigte bereits 27 Grad Außentemperatur an. Endlich erreichte er die Ausfahrt Schmargendorf und kam fast 45 Minuten später auf dem Campus der Freien Universität an, als er geplant hatte. Normalerweise versuchte er so früh wie möglich dort zu sein, um jede Ablenkung durch Kollegen oder Studenten zu vermeiden. Zum Glück waren Semesterferien und kaum jemand ließ sich im meteorologischen Institut blicken. Selbst das Büro seines Doktorvaters, der sonst morgens immer als Erster das Gebäude betrat, war leer. Franz befand sich seit zwei Wochen im Schweigekloster, um Energie zu tanken. Eine beneidenswerte Vorstellung. Maxim gelang es, ein paar Stunden konzentriert durchzuarbeiten.

Auch im Sender war es nachmittags vergleichsweise ruhig und Maxim konnte eine Stunde lang in Ruhe die gestrigen Wetterprognosen mit den tatsächlich eingetroffenen Werten vergleichen. Wie in den meisten Fällen stimmten diese weitestgehend überein. Ein befriedigendes Gefühl.

»Man sorgt sich um dich«, hörte er plötzlich von hinten und er drehte sich um. Andreas, der Pressereferent von TeleSpree, stand vor ihm. »Drei Anrufe und fünf E-Mails, weil du gestern dunklere Augenringe hattest als sonst. Dazu ein Tipp, dass es Eisenmangel sein könnte, inklusive Link zu einem entsprechenden Präparat.«

Maxim lachte. »Oder ich muss mal ein ernstes Wort mit der Maske reden.«

Die meisten Zuschriften, die er von Zuschauern bekam, bezogen sich tatsächlich auf sein Erscheinungsbild, seine Aussprache oder es waren Fragen, warum bestimmte Orte im Berliner Umland nicht auf der Wetterkarte standen. Konstruktive Kritik, die sich auf die Qualität der Wettervorhersage bezog, gab es selten.

»Was gab es sonst noch an mir auszusetzen?«

Andreas zog ein kleines Stofftier aus der Hosentasche und hielt es Maxim hin.

»Keine Sorge«, sagte er. »Deine Fans bleiben dir treu. Ich hoffe, Nele freut sich über einen weiteren Fuchs in ihrer Sammlung.«

Das würde sie. Nele liebte es, dass ihr Vater der ›Wetter-Fuchs‹ war und seine kleine Fangemeinde ihm regelmäßig Füchse in den verschiedensten Formen zukommen ließ.

»Wie nett«, sagte er.

Andreas lächelte. »Ansonsten die üblichen Spinner. Einer hat angerufen und ganz viele Fragen gestellt. Wann du anfängst zu arbeiten, wie es dir gerade geht. Noch einiges mehr, das bekomme ich gar nicht mehr zusammen. Komischer Typ, aber harmlos, denke ich. Viel Erfolg heute.«

»Danke, Andreas.«

Maxim warf den Stoff-Fuchs in seinen Rucksack und machte sich wieder an die Arbeit. Wie immer rief er die aktuellen Satellitenbilder auf und studierte die letzten Radarbilder. Völlig vertieft verbrachte er den Nachmittag mit dem Analysieren und Sortieren der Wettermeldungen. Nach den letzten, drückend heißen Tagen würde es eine stürmische, hoffentlich gewitterreiche Woche werden. Maxim hasste langweilige Wetterprognosen. Aus den aktuellen Daten ließ sich ein schönes Drehbuch für den Abend erstellen. Motiviert schrieb Maxim das Konzept herunter. Für Baden-Württemberg war bereits eine Orkanwarnung herausgegeben worden, die sich wunderbar als Einstieg eignete. Maxim war zufrieden.

Bis auf die Maskenbildnerin, die nicht die beste Laune hatte und sich beschwerte, dass sie heute schon wieder dunkle Augenringe überdecken musste, verlief alles reibungslos und er stand pünktlich im Studio. Ein kurzer informeller Austausch mit Charlotte, die sich um die Sendung am Nachmittag gekümmert hatte, ein Espresso und schließlich ein gelungener Auftritt. Noch im Studio überlegte Maxim, dass er Clara mal wieder Blumen mitbringen könnte. Pfingstrosen mochte sie am liebsten. Nach der schlechten Stimmung heute Morgen würde sie sich über die kleine Wiedergutmachung freuen.

Der Knoten in seiner Magengegend zog sich weiter zusammen, als Maxim jetzt hier im Kinderzimmer an die Blumen dachte. Er hatte sie im Auto vergessen. Als hätte er es geahnt. Kurz überlegte er, ob er seiner Frau heute Morgen überhaupt einen Abschiedskuss gegeben hatte. Dann fiel ihm ein, wie irrelevant das jetzt war. Schlafzimmer und Kinderzimmer waren leer und er saß hier noch immer herum.

Kapitel 2

Maxim suchte nach seinem Handy und konnte es nicht finden. Langsam stieg Panik in ihm auf. Ein Festnetztelefon besaßen sie schon seit Jahren nicht mehr. Schließlich fand er das Smartphone auf der Flurkommode, er konnte sich nicht einmal erinnern, es beim Hereinkommen dort abgelegt zu haben. Nervös wählte er Claras Nummer. Mailbox. Was hatte das zu bedeuten? Er versuchte es bei Nele. Obwohl sie erst sieben Jahre alt war, besaß sie ihr eigenes Handy. Es war für Notfälle gedacht, ein simples Gerät ohne Internetzugang. Er tippte auf Neles Namen und auch hier meldete sich die Mailbox.

Maxim merkte, wie ihm schwindelig wurde und stützte sich an der Wand ab. Kurz schloss er die Augen und versuchte, rational zu denken. Wo konnten seine Frau und seine Tochter sein? Vielleicht war Nele etwas passiert und sie waren im Krankenhaus. Sie konnten auch zu Claras Eltern gefahren sein, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, warum sie noch nicht zurück waren.

In den Kontakten wählte er die Nummer seiner Schwiegereltern aus. Es klingelte.

»Linke, hallo?«, meldete sich eine müde Stimme.

Es war spät für Sabine, Claras Mutter.

»Hallo, hier ist Maxim. Sind Clara und Nele bei euch?«

Sabine brauchte ein paar Sekunden. »Was? Nein. Was ist los?«

Das fragte er sich auch. »Kein Grund zur Sorge, Sabine. Entschuldige die Störung, ich melde mich wieder.«

Er wusste, dass es nicht fair war, seine Schwiegermutter erst zu beunruhigen und dann abzuwimmeln. Aber er hatte jetzt andere Probleme. Soweit er es beurteilen konnte, fehlte sowohl in Claras als auch in Neles Schrank keine Kleidung, zumindest nicht so viel, dass es ihm auffiel. Doch wie genau kannte er schon die Garderobe seiner Frau und seiner Tochter? Was hatten sie heute überhaupt angehabt? Warum war er nicht aufmerksamer gewesen? Seine Gedanken sprangen wirr umher. Das Krankenhaus. Da ihm immer noch schwindelig war, setzte er sich im Wohnzimmer aufs Sofa. Die Nummer vom nahegelegenen Humboldt-Klinikum hatte er eingespeichert, so oft wie sie diese wählen mussten. Doch auch dort wusste man nichts von Clara und Nele. Es war unwahrscheinlich, dass sie in einem anderen Krankenhaus waren. Trotzdem versuchte er es in drei weiteren Kliniken der Umgebung. Nichts. Zwischendurch musste er immer wieder eingehende Anrufe seiner Schwiegermutter wegdrücken. Er merkte, wie ihm der Schweiß den Nacken herunterlief. Schließlich wählte er die Nummer der Polizei.

Eine halbe Stunde später trafen seine Schwiegereltern ein, aufgeregt und mit den unterschiedlichsten Theorien im Gepäck, die sie sich in der letzten Stunde zusammengereimt hatten. Sabine war wie immer aufwendig zurechtgemacht, die Augen geschminkt und die Haare sorgfältig frisiert. Maxim fragte sich, ob sie so schlafen ging. Michael sah aus wie immer: groß, schlank und mit der unverkennbaren dunklen Haarpracht, die Clara von ihm geerbt hatte. Maxim war froh, nicht mehr alleine zu sein. Die Polizei hatte seinen Anruf kaum ernst genommen. Dass Frau und Kind plötzlich verschwunden waren, kam oft genug vor und in so gut wie allen Fällen war der besorgte Ehemann einfach verlassen worden. Dass das in Maxims Fall nicht infrage kam, hatte er der Polizei nicht verständlich machen können. Auch Sabine und Michael waren sich sicher, dass Clara nicht einfach mit Nele gegangen war. Es ergab keinen Sinn und passte nicht zu ihr.

»Versuch es nochmal bei der Polizei«, sagte Michael, als sie alle am Küchentisch saßen.

Sabine war dabei, starken Kaffee aufzubrühen, um ihre Hirne zu so später Stunde auf Trab zu halten. Es war fast Mitternacht. »Sie müssen etwas tun«, sagte sie. »Es ist nicht nur deine Frau verschwunden, sondern auch deine siebenjährige Tochter.«

Sie hatte Recht. Maxim wählte erneut die Nummer der Polizei. Als der zuständige Polizist am anderen Ende erkannte, dass es wieder Maxim war, seufzte er.

»Bitte beruhigen Sie sich«, sagte er in einem geduldigen Tonfall. »Und warten Sie bis morgen. Wenn Ihre Frau dann immer noch verschwunden ist, können Sie eine Vermisstenanzeige aufgeben.«

»Es geht hier nicht nur um meine Frau, sondern auch um meine minderjährige Tochter. Es ist Mitternacht und sie liegt nicht in ihrem Bett. Beide sind spurlos verschwunden und nicht erreichbar. Das können Sie doch nicht einfach ignorieren? Meine Tochter hat gesundheitliche Probleme und ich weiß einfach nicht, wo sie ist.«

Vielleicht war es die Verzweiflung in seiner Stimme, die sich nun nicht mehr zurückhalten ließ, oder aber der Polizist hatte endlich die Dringlichkeit der Situation erkannt.

»Okay«, erwiderte er. »Ich schicke jemanden vorbei.«

Eine attraktive Polizistin, etwa in seinem Alter, erschien vierzig Minuten später, gemeinsam mit einem etwas älteren Kollegen ziemlich kräftiger Statur. Beide schienen müde, gaben sich aber große Mühe, freundlich und einfühlsam zu sein. Sie stellten sich als Sofia Nikolaidis und Manuel Landmann vor, setzten sich an den Küchentisch und nahmen dankbar den Kaffee entgegen, den sein Schwiegervater ihnen anbot.

»Dann erzählen Sie doch bitte mal«, forderte Nikolaidis die Versammelten auf und holte ein iPad aus ihrer Tasche. Maxim war überrascht. Ein so modernes Arbeitsmittel passte nicht in seine Vorstellung von Polizeiarbeit. Andererseits hatte er mit der Polizei nie etwas zu tun gehabt, sondern kannte sie hauptsächlich aus dem ›Tatort‹. Er begann die Schilderung des Abends mit dem Verlassen des Senders, immer wieder unterbrochen von Sabine und Michael, die die Erzählung unnötigerweise durch ihre Sicht der Dinge ergänzen wollten.

Die Beamten hörten geduldig zu, während Nikolaidis immer wieder aufmunternd nickte und auf ihrem iPad herumtippte.

Schließlich legte sie es zur Seite und sah Maxim ernst an. »Also erst einmal: Wir haben im letzten Jahr 97 Prozent aller Meldungen von vermissten Kindern aufgeklärt. In den allermeisten Fällen ist niemandem etwas passiert und alles ist gut ausgegangen. Ich verstehe Ihre Aufregung, aber versuchen Sie bitte, sich keine Sorgen zu machen. Lassen Sie uns rational an die Sache herangehen. Welche Orte kommen in Frage, an denen sich die beiden befinden könnten? Vielleicht bei Freunden? Bei Ihren Eltern?«

Daran hatte er auch kurz gedacht. Doch es war ausgeschlossen, dass Clara mit Nele zu seiner Mutter gefahren war. Sämtliche Freundinnen von Clara hatte er ebenfalls bereits angerufen. Ebenso wie Neles Grundschullehrerin, die um diese Uhrzeit natürlich nicht ans Telefon gegangen war.

»Bei meiner Mutter ist sie nicht«, teilte er der Polizistin mit.

»Das hat sie Ihnen bestätigt?«, meldete sich Manuel Landmann zu Wort.

»Nein«, antwortete Maxim schnell und der Polizist schaute überrascht. »Es geht ihr nicht gut. Sie leidet unter Panikattacken. Die Nachricht, dass Clara und Nele verschwunden sind, würde sie viel zu sehr aufregen. Damit ist niemandem geholfen. Und mein Vater lebt nicht mehr.«

Landmann nickte. Aus seinem Gesichtsausdruck und dem seiner Kollegin konnte Maxim nicht ablesen, ob sie ihn und die Geschichte seines Vaters kannten.

»Können Sie Claras Handy orten?«, fiel ihm ein.

Nikolaidis schüttelte den Kopf. »Das ist nicht so einfach. Wir machen das nur bei Verdacht auf eine schwere Straftat und auch dann brauchen wir erst einmal eine richterliche Genehmigung. Lassen Sie uns zunächst optimistisch bleiben. Sehen wir uns doch hier mal um, ob uns etwas auffällt. Hat Ihre Frau etwas mitgenommen?«

Sie gingen ins Schlaf- und ins Kinderzimmer. Soweit Maxim das beurteilen konnte, fehlte nichts. Sicher war er aber nicht. Claras Jeansjacke hing jedoch nicht mehr an der Garderobe und von beiden fehlte jeweils ein Paar Sneakers. Sofia Nikolaidis notierte sich etwas auf ihrem iPad. Maxim hätte gerne gewusst, was das war. Er hatte das Gefühl, nicht richtig denken zu können. In seinem Kopf schwebte eine unheimliche Leere. Er rieb sich die Augen und unterdrückte ein Gähnen, das selbst der viele Kaffee nicht aufhalten konnte. Und dann breitete sich langsam eine lähmende Angst in ihm aus. Vom Hinterkopf ausgehend zog sie nach vorne in die Stirn und manifestierte sich dort in einem dumpfen Schmerz. Zum ersten Mal seit Stunden war es jedoch nicht nur die Sorge, dass Clara und Nele etwas zugestoßen sein könnte, sondern auch eine leise Stimme, die ihn fragte, ob sie nicht doch gegangen waren. Er wusste nicht, welche Angst größer war.

Kapitel 3

Es war fast 1:00 Uhr, als sie zu Hause war. Sofia Nikolaidis wohnte zwanzig Minuten von Maxim Fuchs entfernt und war in diesem Moment dankbar, dass sie keine allzu lange Autofahrt nach Hause hatte. Einerseits wollte sie in ihrem müden Kopf noch die Eindrücke des Falls sortieren, solange sie frisch waren. Am nächsten Morgen konnten vielleicht wichtige Details aus ihrer Erinnerung verschwunden sein. Andererseits hatte sie sich Notizen gemacht und fühlte sich kaum in der Lage, heute noch einen produktiven Gedanken zu fassen. Sofia öffnete eine Flasche Rotwein und setzte sich auf ihr Sofa. Der Wein stimulierte sie und half ihr beim Denken. Jedenfalls redete sie sich das gerne ein. Vielleicht würde er ihr zumindest beim Herunterkommen helfen. Noch tanzte ihr zu viel im Kopf herum.

Noch immer hatte sie nichts von Kim gehört. Nicht dass es sie verwunderte, aber es bereitete ihr Kopfschmerzen, nicht zu wissen, wo sich die Sechzehnjährige herumtrieb. Um sich doch kurz abzulenken und die nächtliche Stille zu durchbrechen, schaltete sie den Fernseher ein und folgte ein paar Minuten irgendeiner anspruchslosen Serie. Danach hätte sie nicht einmal sagen können, worum es ging. Es war sowieso belanglos. Schon vor Monaten hatte sie beschlossen, ihren Kabelanbieter zu kündigen, um sich von dem nutzlosen Gerät nicht mehr berieseln zu lassen. Aber wie das meiste in ihrem Leben hatte sie auch das nicht durchgezogen. Tief in ihrem Innern wusste sie, dass sie es nicht tat, weil ihr in der fernsehlosen Stille ihrer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung nur noch bewusster wäre, wie einsam sie war. Nicht theoretisch, schließlich hatte Kim das bisher als Büro genutzte Zimmer bezogen, aber praktisch schon. Denn wenn sich die Jugendliche mal blicken ließ, hatte sie Besseres zu tun, als sich mit ihrer einsamen Tante zu beschäftigen.

Entschlossen, nicht in Selbstmitleid zu versinken, griff sie zur Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Im schwarzen Bildschirm blickte ihr ihr eigenes Spiegelbild entgegen. Sie hatte schon besser ausgesehen. Die dicke, schwarze Lockenmähne stand trocken und wirr von ihrem Kopf ab. Sie hatte dunkle Augenringe und violette, vom Wein verfärbte Lippen. Was für ein Anblick. Kein Wunder, dass sie alleine vor dem Fernseher saß. Dabei müsste es nicht so sein. Mit ihren vierzig Jahren sah sie eigentlich noch sehr jung aus. Sie hatte bisher kaum Falten und weiche Gesichtszüge. ›Meine griechische Schönheit‹ hatte Lutz, ihr Exfreund, sie genannt. Bevor er sie für seine fünfzehn Jahre ältere Chefin verlassen hatte. Sie war damals wahnsinnig verletzt gewesen und konnte sich bis heute nicht entscheiden, ob sie es nicht weniger schlimm gefunden hätte, wenn Lutz wenigstens das Klischee erfüllt und sich eine deutlich jüngere Frau gesucht hätte. Vielleicht hätte sie ihn dann besser hassen können. Letztendlich war es aber auch egal. Sie waren mittlerweile fast genauso lange getrennt wie sie ein Paar gewesen waren. Fünf Jahre? Sechs Jahre? Sofia betrachtete ihre Spiegelung im Fernseher und schüttelte den Kopf. Etwas weniger Wein, eine ausgewogenere Ernährung und vor allem mehr Schlaf und sie könnte wieder aussehen wie damals. Sofia nahm sich vor, in nächster Zeit mehr auf sich zu achten. Mal wieder.

Ihr Handy gab einen aufdringlichen Ton von sich. Blitzschnell griff sie danach und guckte auf das leuchtende Display. »Bin unterwegs«, las sie. Immerhin. Das war mehr, als sie an den meisten Tagen erwarten konnte. Kim hatte gelernt, dass sie sich ihre Tante weitestgehend vom Hals schaffen konnte, wenn sie sich zumindest halbwegs regelmäßig bei ihr meldete. Nicht dass sie dabei jemals preisgab, wo und mit wem sie unterwegs war. Oder was ›unterwegs‹ mitten in der Nacht überhaupt bedeutete. Die Nachricht war eigentlich genauso wenig hilfreich, als wenn sie sie gar nicht geschrieben hätte. Zur Schule ging Kim schon lange nicht mehr. Sofia konnte dagegen wenig ausrichten und nur hoffen, dass sie ihrer rebellischen Phase eines Tages entwachsen würde. Vermutlich gäbe es doch Möglichkeiten für sie, etwas zu tun. Das Jugendamt einschalten zum Beispiel. Aber sie hatte bisher keine Kraft dazu gehabt. Sie nahm noch einen großen Schluck und raffte sich auf. Ohne genau zu wissen, warum, ging sie in Kims Zimmer. Die Tür war zu, aber nicht abgeschlossen. Das lag nicht daran, dass das Mädchen ihr vertraute, sondern daran, dass Sofia ihr den Schlüssel nie ausgehändigt hatte, unter dem Vorwand, ihn verloren zu haben. Eine gute Entscheidung. Immerhin war es ihre Wohnung und es war ja wohl nicht zu viel verlangt, dass sie ihre eigenen Räume betreten konnte. Das zwölf Quadratmeter große Zimmer sah aus wie die typische Teenager-Bude. Die Rollläden waren unten, unzählige Kleidungsstücke lagen auf Boden, Bett und Schreibtischstuhl und an den Wänden hingen Poster irgendwelcher Rapper sowie Skizzen von Kims letzten Tattoo-Ideen.

Kreativ war sie, das musste man Kim lassen. Sie selbst würde sich die düsteren Motive nicht unter die Haut stechen lassen, aber schlecht waren sie nicht. Vielleicht würde Kim einmal Künstlerin werden, wie ihre Mutter. Für die meisten Erziehungsberechtigten war das wohl keine Idealvorstellung, aber Sofia wäre froh. Denn es würde bedeuten, dass das Mädchen etwas mit seinem Leben anfing. Damit sie so endet wie du?, fragte eine leise Stimme in ihrem Kopf. Einsam mit einer Flasche Wein vor dem Fernseher?

Kim war die Tochter ihrer zwei Jahre älteren Schwester Helena. Ihrer lieben, stillen Schwester, die irgendwie immer gewusst hatte, wie sie zu ihrer Tochter durchdringen konnte, obwohl die schon seit dem Kindergartenalter alles andere als einfach gewesen war. Sofia und Helena hatten sich gemocht, aber nicht sehr viel Kontakt gehabt. So schwer es ihr unter den aktuellen Umständen fiel, es sich einzugestehen, aber sie hatte sich schlicht zu wenig um die Beziehung zu ihrer Schwester bemüht. Sie war beschäftigt gewesen. Mit dem Aufbau ihrer Karriere, mit Büroarbeit, mit Beziehungen und Affären, die am Ende alle zu nichts geführt hatten. Wie wichtig es gewesen wäre, mehr Zeit mit ihrer Schwester und ihrem Schwager zu verbringen, hatte Sofia erst verstanden, als es zu spät war.

Helena und Theo Weiss waren am 10. November ums Leben gekommen. Es war ein tragisch unnötiger Tod gewesen. Das Ergebnis einer unglücklichen Verkettung von Ereignissen, an deren Ende ein unschuldiges Paar sein Leben lassen musste. Helena und Theo waren abends mit dem Auto aufgebrochen, um durch die Nacht zu Theos Eltern nach Österreich zu fahren. Kim war von einem Besuch im spießigen Burgenland nicht zu überzeugen gewesen und hatte nach langer Diskussion durchsetzen können, dass sie die Woche bei ihrer Freundin Hanna verbrachte. Ihre jugendliche Rebellion hatte ihr schließlich das Leben gerettet. Denn nach einer Stunde Fahrt war Helena eingefallen, dass sie das Geschenk zum Geburtstag ihrer Schwiegermutter zu Hause vergessen hatte. Helena verbrachte ihre Freizeit mit Ölmalerei und hatte in ihrem kleinen Atelier unter dem Dach ein Portrait des Jack-Russel-Terriers von Theos Eltern angefertigt. Sie hatte zwei Wochen an dem Bild gesessen und es im Stress der Reisevorbereitungen schließlich sorgfältig verpackt im Hausflur stehen lassen.

Um 21:55 Uhr, so zeigte es später die Überwachungskamera an, öffnete das Ehepaar die Tür zu seinem Haus. Dann ging es schnell. Um 21:58 Uhr hörte Emma Heinrich, die alleinstehende Nachbarin von nebenan, vier Schüsse. Zwei pro Person hatten ausgereicht, um ihre Leben zu beenden. Und das alles, weil Theo und Helena Weiss überraschend nach Hause gekommen waren, als Einbrecher dort nach Wertgegenständen gesucht hatten. Die Kriminellen hatten sich in Sicherheit gewähnt, stellte sich später heraus, als sie gefasst wurden. Sie hatten gewusst, dass in dieser Nacht niemand in dem schönen Neubau am Rande der Großstadt sein würde. Jemand hatte ihnen den Tipp gegeben, dass die Bewohner ausgeflogen waren und im Haus sicherlich etwas zu holen wäre. Jemand, der Kims Instagram-Story gesehen hatte, in der sie viel zu viel mit der Welt teilte. Sofia hatte damals überlegt, ob sie Kim diesen Sachverhalt verheimlichen sollte, der letztendlich zu der schrecklichen Tat geführt hatte, um sie vor einem Leben voller Schuldgefühle zu bewahren. Doch es war schnell herausgekommen. Der zuständige Polizist hatte es Kim bereits mitgeteilt, bevor Sofia es verhindern konnte. Kim hatte kaum reagiert. Doch sie war über mehrere Tage nach der Tat sowieso in einem Schockzustand, der nicht erkennen ließ, was in ihr vorging. Der Tod ihrer Eltern war nicht ihre Schuld, denn sie war es nicht gewesen, die den Kriminellen den Hinweis gegeben hatte, in ihr Haus einzubrechen. Sie war nicht dafür verantwortlich, dass ihre Eltern überraschend umgedreht hatten. Und vor allem hatte sie keine Waffe auf sie gerichtet. Doch Sofia hatte in ihrem Leben genug mit Opfern und Angehörigen zu tun gehabt, um zu wissen, dass das nicht ausreichte, um Schuldgefühle zu verhindern. Kim würde für immer damit leben müssen.

Wie es seit dem tragischen Vorfall vor neun Monaten in dem Mädchen aussah, wusste kaum jemand – wahrscheinlich nicht einmal Hanna – nur ihr Therapeut, dessen Sitzungen Kim mal in Anspruch nahm und mal nicht. Direkt nachdem sie vom Tod ihrer Eltern erfahren hatte, war sie erst einmal abgetaucht. Tagelang hatte man nichts von ihr gehört oder gesehen. Sofia vermutete, dass sie bei Freunden untergekommen war. Sie war abgemagert und mit tiefen Augenringen bei ihr aufgetaucht, sah aber nicht aus, als habe sie auf der Straße übernachtet. Kim hatte sie angefleht, sie bei sich aufzunehmen, damit sie nicht zu ihren Großeltern nach Österreich ziehen musste. Natürlich hatte Sofia sofort eingewilligt, heilfroh, das traumatisierte Mädchen in Sicherheit zu wissen und sich um sie kümmern zu können. Sie selbst hatte zu diesem Zeitpunkt noch schwer mit der Bewältigung des Vorfalls zu kämpfen gehabt, war krankgeschrieben und tat den ganzen Tag lang nichts anderes, als ihren Kummer und ihr schlechtes Gewissen in Rotwein zu ertränken. Sie war sich sicher, Kim und sie würden sich guttun, würden einander verstehen und sich helfen können. Dass das Gegenteil der Fall war, wurde ihr recht schnell klar. Und dass sie für ihre Nichte nichts anderes war als eine Verwandte, die ihr Essen und ein Dach über dem Kopf zur Verfügung stellen musste. Von der Schule war Kim für einige Zeit freigestellt worden, was sie zum Anlass nahm, überhaupt nicht mehr dorthin zurückzukehren.

Sofia hatte nicht tatenlos dabei zugesehen, wie ihre Nichte immer weiter abrutschte. Wochenlang hatte sie auf sie eingeredet, wann immer sich ihr die Gelegenheit bot. Teilweise war sie überrascht gewesen, dass sie überhaupt die Energie dafür aufbrachte. Sie hatte es mit verständnisvollen, pseudo-therapeutischen Gesprächen versucht, bei denen sie die coole Tante gespielt und ihrer Nichte ein Glas Wein eingeschenkt hatte. Das hatte genauso wenig funktioniert wie ihre Drohungen, sie aus dem Haus zu werfen, oder ihre Bestechungsversuche, bei denen sie Kim am Ende sogar kleine Geldbeträge angeboten hatte, damit sie sich in der Schule blicken ließ. Wie pädagogisch schwach das war, war ihr spätestens klar geworden, als sie begriff, dass Kim das Geld beim Dealer ihres Vertrauens ablieferte, den Tag kiffend mit Hanna verbrachte und ihr abends erzählte, sie sei in der Schule gewesen. Die Lüge war schnell aufgefallen, als Kims Klassenlehrer bei Sofia anrief, um sich zu erkundigen, wann Kim den Schulbesuch wieder aufnehmen wollte. Eine Weile hatte sie ihn hinhalten können und irgendwann hatten die Anrufe aus der Schule aufgehört, bis man ihr schließlich schriftlich mitteilte, dass Kim nun von der Schule ausgeschlossen worden war. Da sie sowieso nicht mehr schulpflichtig war, hatte sich das Thema Bildung für Kim damit erst einmal erledigt.

Der einzige Lichtblick war Grete. Sie war die 58-jährige Sozialarbeiterin, die das Jugendamt Kim zur Hilfe geschickt hatte. Grete war ein Segen. Mit ihrer jahrelangen Erfahrung und einer beruhigenden, vertrauenserweckenden Ausstrahlung hatte sie bei ihren bisher drei Treffen mit dem Mädchen mehr erreicht als Sofia und der Psychotherapeut in neun Monaten. Was genau die beiden besprachen, wusste Sofia nicht, aber es gab ihr Hoffnung. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie wieder etwas Luft, um sich auf die Arbeit zu konzentrieren.

Im Präsidium hatte man sehr viel Geduld mit ihr. Ivan, ihr Chef, versicherte ihr, dass sie sich so viel Zeit nehmen konnte, wie sie brauchte, um den Tod ihrer Schwester zu verarbeiten. Sofia wusste, was für ein großes Zugeständnis er ihr damit machte, denn auf dem Präsidium war ausgerechnet in den letzten Monaten die Hölle losgewesen, als der Streit zweier bewaffneter Gangs in Reinickendorf eskaliert war. Und auch als sie schließlich an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte, sorgte Ivan dafür, dass sie Zeit hatte, wieder anzukommen und hielt einen großen Teil der Büroarbeit von ihrem Schreibtisch fern. Vielleicht stimmte es doch, was ihre Kollegin Kirsten sagte, und Ivan erhoffte sich mehr von seinen netten Gesten als nur Dankbarkeit. Was Sofia geschmeichelt hätte, wäre Ivan nicht verheiratet und Vater von drei kleinen Kindern. Am Ende waren doch alle Männer gleich.

War Fuchs auch so jemand? Ihre Ermittlererfahrung sagte ihr, dass jeder Mensch Dreck am Stecken hatte. Was war sein Geheimnis? War er wirklich so geschockt und unschuldig wie er tat? Er war ein sehr attraktiver Mann, das war ihr erster Eindruck gewesen. Groß, athletische Figur, volle, dunkle Haare und ein charmantes Gesicht. Eins, das unter normalen Umständen wahrscheinlich Selbstbewusstsein und professionelle Freundlichkeit ausstrahlte. So wie es sein Job in der Öffentlichkeit erforderte. Sie kannte ihn aus dem Fernsehen, sah ihn ab und zu in der Wettervorhersage, aber hatte ihm nie mehr Beachtung geschenkt als anderen Moderatoren. Von den Schlagzeilen um seine Person hatte sie am Rande mitbekommen. Sie wusste, dass sein verstorbener Vater irgendeine Rolle spielte, aber hatte sich nie näher dafür interessiert. Das sollte sie ändern. Sofia nahm sich vor, morgen früh eine umfassende Recherche anzustellen und alles über den Moderator und seine Familie herauszufinden.

Kapitel 4

Maxim wachte um zehn Uhr mit Kopfschmerzen auf. Kurz fragte er sich, ob er alles geträumt hatte, bis er sich umdrehte und Claras leere Betthälfte sah. Der Knoten, der früher einmal sein Magen gewesen war, meldete sich wieder. Er stand auf, ging in die Küche und saß mehrere Minuten lang da, während er versuchte einen klaren Kopf zu bekommen. Als das nicht funktionierte, stellte er die Kaffeemaschine an. Die gluckerte vor sich hin, als er erneut auf Claras und Neles Handys anrief. Wieder erfolglos. Sein Blick fiel auf den Wandkalender, in dem fast jeder Tag mit mehreren Terminen aller drei Familienmitglieder gefüllt war.

»Breslau und Partner, guten Tag«, meldete sich eine gestresst klingende Dame, als Maxim schließlich in Claras Kanzlei anrief.

»Hallo Katharina, hier ist Maxim.«

»Ach, hallo. Alles in Ordnung?«

Sie hatten sich ein, zwei Mal in der Kanzlei gesehen, bei den wenigen Anlässen, an denen er Clara abgeholt hatte. Katharina war die junge Empfangsmitarbeiterin, die seines Wissens nach noch im Studium steckte und im hektischen Alltag der Kanzlei für Familienrecht immer ein wenig überfordert wirkte.

»Ich wollte nur kurz nachfragen, ob Clara gestern ihr Handy im Büro vergessen hat.«

Er wollte sich die Blöße nicht geben und erklären, dass es nicht nur ihr Handy war, nach dem er verzweifelt suchte.

»Moment, ich schaue mal kurz nach.«

Er hörte ein kurzes Poltern, als sie das Telefon auf den Schreibtisch legte, und stellte sich vor, wie die junge Frau in Claras Büro ging, um nachzusehen. Eigentlich wollte er wissen, ob Clara gestern überhaupt im Büro gewesen war.

»Maxim? Ich finde kein Handy. Wann kommt Clara denn heute rein? Sie hätte eigentlich um 9:00 Uhr hier sein sollen. Teambesprechung. Sieht ihr gar nicht ähnlich, nicht aufzutauchen, ohne Bescheid zu geben.«

Maxim verspürte ein dumpfes Gefühl in der Magengegend und ignorierte Katharinas Frage.

»Wann hat Clara gestern das Büro verlassen?«, fragte er stattdessen. Er wusste nicht, wie er es subtiler hätte verpacken können und eigentlich war es ihm auch egal.

Katharina zögerte kurz. »Äh … Ich war gestern nicht hier, aber in ihrem Kalender steht, sie war bis spätnachmittags unterwegs bei Mandanten. Wie meinst du das? Ist alles in Ordnung mit Clara? Ist sie krank?«

»Ja, es geht ihr nicht gut. Würdest du sie bitte krankmelden? Danke, Katharina.«

Er überlegte, was er noch tun konnte. Bei den beiden Polizeibeamten hatte er eine Vermisstenmeldung aufgegeben. Neles Schule hatte er kontaktiert. Dort war niemandem etwas Ungewöhnliches aufgefallen. Nele hatte am Unterricht teilgenommen und sich verhalten wie immer. Ob, wann und von wem sie anschließend abgeholt wurde, wusste man nicht.

Eine Weile saß er einfach nur da, starrte auf seine Kaffeetasse und überlegte, ob die Möglichkeit bestand, dass Clara ihn verlassen hatte. Ein Reim kam ihm plötzlich in den Sinn. Nele hatte ihn in der Schule gelernt, die viel Wert auf englischsprachige Früherziehung legte.

Peter, Peter, pumpkin eater,

Had a wife but couldn’t keep her;

He put her in a pumpkin shell

And there he kept her very well.

Der Reim hatte eine zweite Strophe, an die konnte er sich allerdings nicht erinnern. Die erste hatte sich in sein Gehirn eingebrannt, vielleicht weil sie so eingängig war. Sicherlich aber wegen des Protestes, den eine der Mütter der verantwortlichen Lehrerin entgegengebracht hatte. Sie hatte herausgefunden, dass es sich bei dem harmlos klingenden Kinderreim um die Geschichte eines Mannes handelte, der erfuhr, dass seine Frau ihn betrogen hatte – had a wife but couldn’t keep her –, und daraufhin beschloss, sie zu ermorden und die Leiche in der Schale eines Kürbisses zu verstecken – he put her in a pumpkin shell and there he kept her very well. Die anderen Eltern hatten sich dem Protest angeschlossen und auch er und Clara hatten es befremdlich gefunden, dass ausgerechnet ein solch düsterer Reim die englische Spracherziehung fördern sollte. Das Thema hatte sich schnell erledigt, nachdem die Lehrerin beteuerte, von der Bedeutung des Gedichts nichts gewusst zu haben, und ihn aus dem Lehrplan strich. Maxim hatte die Zeilen nicht vergessen und er fragte sich, warum sie ihm gerade jetzt in den Sinn kamen. Had a wife but couldn’t keep her … War es das? Das Bild von Clara in einer riesigen Kürbisschale schoss ihm durch den Kopf und er schüttelte es schnell ab. Es half niemandem, wenn er jetzt verrückt wurde.

Wie er es drehte und wendete, es ergab für ihn keinen Sinn, dass Clara ihn verlassen hatte. Oder? Sie hatten sich in letzter Zeit öfter gestritten, das musste Maxim sich eingestehen. Aber es waren unwichtige Themen gewesen. Kleinigkeiten, wie gestern früh. Wer bringt Nele zur Schule, wer holt sie ab, wer räumt die Spülmaschine aus. Sie hatten beide sehr viel zu tun und darunter litt nun mal ab und zu der Haussegen. Das war doch normal. Obwohl Maxim sich eingestehen musste, dass meistens er derjenige war, der Dinge vergaß zu erledigen oder viel später nach Hause kam, als er angekündigt hatte. Clara passierte das nicht. Irgendwie bekam sie alles unter einen Hut.

Seine Frau war eine zielstrebige Person. Sie hatte ihr Jurastudium in München innerhalb von fünf Jahren durchgezogen und ihr erstes Staatsexamen mit 23 Jahren abgeschlossen, als eine der Jüngsten ihres Jahrgangs und mit hervorragenden Noten. Für ihr Referendariat zog sie nach Berlin, eine Stadt, die sie schon immer mehr fasziniert hatte als die beschauliche bayerische Landeshauptstadt. Auf einer Juristenparty lernten sie sich schließlich kennen. Maxim erinnerte sich an den Abend, als wäre er nicht bereits neun Jahre her.

Er war mit seinem besten Freund Jakob dort, der immer schon wusste, wo die besten Partys stattfanden – in diesem Fall in einer Bar irgendwo im Prenzlauer Berg, in der ein Bekannter von Jakob sein erstes Staatsexamen feierte. Und wie immer fand Jakob nach kurzer Zeit zahlreiche neue Freunde, mit denen er auf das Leben anstieß. Maxim setzte sich währenddessen mit einem Bier an die Bar und beobachtete die Partygäste. Irgendwann erschien Clara und setzte sich einfach neben ihn. Sie sah mit ihren langen, dichten Haaren wunderschön aus, die auf ihre schmalen Schultern fielen. Alles an ihr wirkte so natürlich und irgendwie ungewollt. Sie war kaum geschminkt und trug Jeans und T-Shirt. Ganz im Gegensatz zu all den aufgebrezelten jungen Frauen um sie herum.

»Hast du Lust, mir einen Drink auszugeben?«, fragte sie.

Maxim lächelte. »So direkt hat mich das noch keine Frau gefragt.«

Sein Gegenüber zuckte mit den Schultern und hielt ihm die Hand hin. »Ich bin Clara. Und meine Intuition sagt mir, ein klassischer Anmachspruch kommt bei dir nicht so gut an. Also frage ich einfach direkt.«

»Du willst mich also anmachen?«, fragte er.

Clara hielt seinem Blick stand, keine Spur von Verlegenheit. »Vielleicht. Vielleicht ist mir aber auch einfach langweilig unter den ganzen Jurastudenten, die sich mit ihren Praktika in den ganzen bekannten Kanzleien gegenseitig übertrumpfen wollen. Oder ich habe nicht mehr genug Geld für einen Whiskey.«

»Du bist also keine Jurastudentin?«

»Doch.« Clara lächelte. »Aber ich habe Lust, mich mal mit jemandem zu unterhalten, der damit nichts am Hut hat.«

»Was sagt dir denn, dass ich kein Jurist bin?«, fragte Maxim.

Sie musterte ihn von oben bis unten. »Du siehst nicht wie einer aus.«

Maxim war sich nicht sicher, ob er sich geschmeichelt fühlen oder beleidigt sein sollte. Und Claras Selbstbewusstsein und Offenheit beeindruckten ihn. So bestellte er zwei Whiskey und verließ die Bar gemeinsam mit Clara erst am frühen Morgen, als der Besitzer sie als letzte Gäste hinauswarf. Da waren sie sturzbetrunken und hatten einander bereits so viel über sich erzählt, dass Maxim scherzhaft sagte, sie müssten nun für immer zusammenbleiben, da sie zu viel übereinander wussten. Eine kitschige Aussage, die ihm jetzt peinlich wäre, hätte sie sich nicht bis heute bewahrheitet.

In ihre erste gemeinsame Wohnung in der Nähe vom Rosenthaler Platz zogen sie ein, als Clara gerade ihr zweites Staatsexamen abgeschlossen hatte. Maxim, der zwei Jahre jünger war, steckte damals noch mitten im Studium. Clara begann ihre Karriere nach einem guten Studienabschluss und der Zusage von Breslau und Partner. Die ersten Monate waren anstrengend. Doch wenn sie abends nach Hause kam, war sie glücklich und berichtete Maxim in allen Einzelheiten, was sie den Tag über erlebt hatte.

Nach nur sieben Monaten war der Karriere-Höhenflug erst einmal vorbei. Der positive Schwangerschaftstest war für sie beide eine Überraschung. Maxim hatte seine Diplomarbeit gerade abgegeben und war dabei, sich auf dem Arbeitsmarkt umzusehen, der für Meteorologen nicht allzu rosig aussah. Er hatte nie den klassischen Weg einschlagen und beim Deutschen Wetterdienst anfangen wollen, wie es die meisten seiner Kommilitonen zu dieser Zeit taten. Sein Ziel war es immer, sich eine Karriere beim Fernsehen aufzubauen. Und wieder war das Timing seiner und Claras Karrieren nicht aufeinander abgestimmt. Als Nele geboren wurde, hatte Maxim gerade bei TeleSpree in der Wetterredaktion begonnen. Und während er sich dort seinen Weg nach oben freischaufelte, ging Clara in ihrer Mutterrolle auf. Maxim erinnerte sich, wie schön es gewesen war, sie in ihrer Rolle als Mutter genauso leidenschaftlich zu sehen, wie sie es vorher im Beruf gewesen war. Er bewunderte sie sehr dafür, wie sie jede Aufgabe meisterte als hätte sie nie etwas anderes getan. Für ihn war es schwerer, sich auf die Herausforderungen einzulassen. Die ersten zwei Jahre in Neles Leben schlief er kaum und gab sein Bestes, sowohl für seine Familie als auch im Beruf hundert Prozent zu geben. Im Sender machte es sich ausbezahlt: Schon bald bekam er die Stelle als Moderator, die er sich immer erträumt hatte. Auch Clara arbeitete bald wieder und war dabei, sich langsam einen guten Ruf in der Branche aufzubauen.

Maxim schreckte auf und sah aus dem Fenster. Die Blätter der alten Eichen vor ihrer Einfahrt flatterten im Wind, als wäre nichts gewesen. Doch im Augenwinkel hatte er einen Schatten zwischen den Bäumen vorbeihuschen sehen. Sein Puls raste. Wenige Sekunden später war er sich allerdings schon nicht mehr sicher, ob sein Gehirn ihm nicht einen Streich gespielt hatte. Er stand auf und betrachtete die von dichten Laubbäumen umsäumte Straße. Sie war leer, alle Menschen waren längst bei der Arbeit. Mehrere Minuten lang beobachtete er die Umgebung und wurde dieses beklemmende Gefühl nicht los. Vielleicht hatte er sich den Schatten nur eingebildet, höchstwahrscheinlich sogar. Der Schatten war es gar nicht, der das ungute, bedrohliche Gefühl in ihm auslöste. Es war etwas anderes, das er nicht genau definieren konnte. Irgendetwas, das tief in ihm schlummerte und vielleicht die Antwort auf das war, was gerade geschah. Ein wenig, wie wenn einem ein Name sprichwörtlich auf der Zunge lag, aber man ihn einfach nicht aus den Tiefen des Gehirns hervorkramen konnte. Es war zum Verrücktwerden.

Kapitel 5

Das Klingeln seines Handys weckte Maxim aus der Lethargie. Sein Herz klopfte, bis er den Namen auf dem Display las. Langsam beruhigte sich sein Puls, als er das Gespräch annahm. »Dr. Trier, hallo.«

»Hallo Herr Fuchs, entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich wollte mich nur kurz erkundigen, ob bei Ihnen alles in Ordnung ist.«

Maxim stutzte. Woher kam diese Nachfrage? Wie konnte sein Therapeut ahnen, was bei ihm zu Hause los war? Hatte die Presse bereits …

»Beim letzten Termin ging es Ihnen ja wieder etwas schlechter«, fuhr er fort. »Nachdem Sie dann heute Morgen nicht erschienen sind, habe ich mir doch etwas Sorgen gemacht.«

Richtig. Er hätte einen Termin gehabt, an den er unter den aktuellen Umständen nicht gedacht hatte. Kurz warf er einen Blick auf den Familienkalender. Dort war der Termin gar nicht eingetragen. Mit einem Arbeitstermin wäre ihm das nicht passiert.