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Schon früh hatte Katrin Berger vermutet, dass die wiederkehrenden Albträume direkt aus den Tiefen einer Amnesie drängten, die ihr den Blick auf ihre Kindheit verwehrte. Mit einer Reise in die Bretagne wollte Katrin versuchen, ihre Herkunft zu enträtseln. In Le Thiénne, einem kleinen Küstenort im Finistére, wollte sie beginnen. Fügung oder Schicksal, bereits bei ihrer Ankunft tauchten erste Erinnerungen aus dem Nebel des Vergessens. Und schon bald wird ihr klar, dass an diesem Ort ein sehr viel größeres Geheimnis schlummerte, als nur die Spuren ihrer verlorenen Kindheit. So forscht sie weiter und bemerkt nicht, dass ihr Handeln Geschehnisse in Gang setzt, die Gegenwart und Vergangenheit zu einer Realität vermischt, die nicht nur für sie zu einer tödlichen Bedrohung wird.
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Seitenzahl: 190
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Dunkles Wissen – Das dritte Opfer
© Copyright Bernd H. Goetz
© Copyright 2024 der E-Book-Ausgabe bei Verlag Peter Hopf, Minden
www.verlag-peter-hopf.com
ISBN 978-3-86305-319-2
Korrektorat: Andrea Velten, Factor 7
Cover und Umschlaggestaltung: Jörg Jaroschewitz, etageeins
Alle Rechte vorbehalten
Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.
Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.
Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg, sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages erfolgen.
Mystery-Thriller
Katrin versuchte sich zu erinnern, weshalb sie in den Feldweg eingebogen war. Viel zu früh, um zu der kleinen Ortschaft zu gelangen. Sie war ihm trotzdem weiter gefolgt, ungeachtet der vielen Schlaglöcher. Links von ihr, im Gegenlicht der untergehenden Sonne, entdeckte sie in der Ferne die Silhouetten der Häuser unter tiefhängenden Wolken des Spätnachmittags. Vermutlich ihr eigentliches Ziel.
Ihr Blick wanderte nach rechts, und sie entdeckte, von windbewegten Grashalmen leicht verborgen, ein paar verlassene Gebäude.
Da war dieses eine Haus … dessen Anblick sie gefangen hielt. An etwas erinnerte, das sie nicht greifen konnte. Aber auch zutiefst entsetzte und gleichzeitig mit zögerlicher Neugier erfüllte. Unbewusst forschte sie nach Vertrautem in der düsteren Fassade. Sie glich einem leblosen Gesicht. Fensterläden schief. Scheiben darin, wie stumpfe Augen. Blinde Augen, gerichtet in eine trübe Vergangenheit. Die offene Türe, ein stummer Schrei. Das eingestürzte Dach mit seinen zerbrochenen Schindeln glich verfilztem Haar. Grau und alt.
Das verfallene Gehöft … Es war wie in diesem Traum. Diesem schrecklichen Albtraum aus ihren Kindertagen … nicht so beklemmend in dem goldenen Dämmerlicht und schon gar nicht so entsetzlich bedrohlich.
Und dennoch … diese Gebäude … zeigten sie ihr eine ferne und verdrängte Erinnerung?
Ein Déjà-vu?
Wie konnte ein so wohlklingendes Wort so viel Unbehagen und Zweifel in sich bergen?
»Mama? Mama, warum fahren wir nicht?«
»Was?« Katrin erschrak. Ihre Hände verkrampft am Lenkrad, drehte sie sich zu ihrer Tochter um. Sie saß in ihrem Kindersitz auf der Rückbank des Wagens. Ungeduldig und müde.
»Weiß nicht, Schätzchen. Ich hab mich ‒ erinnert …«
»An was, Mama?«, wollte das Mädchen wissen.
Katrin schwieg.
»Was denn, Mama?«
»Nichts … Nichts Besonderes, nur an … Nicht jetzt, Lenchen.«
»Ist es ein Geheimnis?«
»Nein.«
»Warum sagst du es mir dann nicht?«
»Nun …«, Katrin zögerte einen Augenblick. »Ich hab immer von so einem Haus wie diesem geträumt.«
»War es ein schöner Traum?« Die Achtjährige ließ nicht locker. »Einer mit Papa?«
Eine Frage, wie ein Stich mit einem Messer. Katrin biss sich auf die Lippe. Tränen stiegen in ihre Augen. Sie schwieg. Schwieg die Trauer fort. Ein kläglicher Versuch. Sie hatte nicht daran denken wollen. Nicht jetzt, nicht heute ‒ nie mehr! Und keinesfalls mehr in Hellens Gegenwart. Langsam drehte sie sich zu ihrer Tochter um.
Mit großen, braunen Augen blickte sie unsicher zu ihrer Mutter. »Mama, ich wollte nicht …«, versuchte sie in kindlichem Begreifen, den Fehler zu entdecken.
»Schschsch, Liebes, ist schon gut. Komm her zu mir.«
Hellen löste den Sicherheitsgurt und kletterte nach vorne auf den Beifahrersitz. Tränen kullerten aus ihren großen Augen und rollten stumm über ihre blassen Wangen. Zärtlich schloss Katrin ihre Tochter in die Arme und zog sie zu sich auf den Schoß. Sie hoffte, das Kind mit ihrem Lächeln zu beruhigen. Drückte sanft den zarten Körper an sich. Umarmte tröstend den bebenden Leib. Das Kind war das Einzige, was ihr geblieben war.
Sie biss ihre eigenen Tränen fort. Doch die Steine in ihrem Hals, sie mahlten beharrlich weiter.
Katrin war verzweifelt über die plötzliche Wende. Der Tag hatte so gut begonnen. Das Kind war begeistert, als ihnen am Flughafen der Leihwagen übergeben wurde. Knallrot. Ihre Lieblingsfarbe. Zum ersten Mal seit Langem war Hellen fröhlich gewesen. Richtig ausgelassen und aufgedreht – glücklich, als sie die Koffer in das Fahrzeug luden.
Das Mädchen hatte nicht mehr gelacht seit … seit …
Und jetzt schluchzte es stumm gegen ihre Brust. »Ich hab dich lieb, Kleines«, flüsterte sie in Hellens blonde Locken.
Nein, Hellen sollte nicht weiter in den Sumpf der Trauer sinken. Der Verlust des Vaters … Sie durfte das Kind nicht auch noch mit ihrer Verzweiflung belasten.
Leise summte Katrin das Lied, mit dem sie ihre Tochter so oft schon in den Schlaf geschaukelt hatte.
Die Zeit stand still in ihrer kleinen Welt. Im Innern des Autos. Inmitten dieses fremden, vertrauten Landes. Im Angesicht einer noch nahen, schmerzhaften Erinnerung.
Metallisches Klopfen!
Katrin erschrak so heftig, als etwas Hartes gegen das Seitenfenster gestoßen wurde. Sie schrie leise auf.
»Ist Ihnen etwas, kann ich Ihnen behilflich sein, Madame?«, drang eine raue Stimme gedämpft ins Innere des Wagens.
Hatte sie geschlafen? Wie viel Zeit war verstrichen?
Die Scheiben waren angelaufen, sodass sie das Gesicht des Mannes nur schemenhaft erkannte. Es wirkte dunkel und bedrohlich so nahe hinter der milchigen Scheibe.
»Nein, nein«, entgegnete sie atemlos, »es ist nur – meine Tochter, sie hat sich in den … war müde, sie schläft.«
Erst als eine Reaktion ausblieb und sie weiter in ein verständnisloses Gesicht sah, das sich allerdings nicht von der Stelle rührte, wurde ihr bewusst, dass der Mann sie auf Französisch angesprochen hatte.
Sie wiederholte ihre Antwort und ließ langsam die Scheibe herab. Ein kalter Hauch streifte ihr Gesicht. Er trug den Duft von Gras und dem nahen Meer in sich.
»Ist kein guter Ort hier, Madame.« Die alten Augen des Schäfers glitten zu dem schlafenden Mädchen und verhielten auf ihm kurz mit einem sonderbaren Blick. »Kein guter Ort«, wiederholte er, ohne jedoch Hellen aus den Augen zu lassen.
Katrin war zu müde, um das veränderte Verhalten des Mannes richtig einschätzen zu können, da er seinen Blick kaum von Hellen wenden konnte. Sie wollte nach der langen Anreise nur noch ihre Unterkunft erreichen.
»Wir wollten nach Le Thiénne. Maison Ledeaux ‒ aber ich habe anscheinend die falsche Abzweigung genommen.« Katrin sah fragend in das bärtige Gesicht, das immer noch auf dem schlafenden Kind ruhte.
»Ah, zu Maïwynn1. ‒ Maison sur Mer«, antwortete der Alte lebhaft, nickte verstehend und deutete mit der Rechten in die entgegengesetzte Richtung, den schmalen Weg hinauf. »Fahren Sie zur Straße zurück. Dann rechts, und nach etwa zweihundert Metern ist eine Abzweigung, da rechts einfahren. Die hätten Sie nehmen müssen. Dann fahren Sie weiter, bis eine Linkskurve weiter hinab nach Le Thiénne führt. Kurz vor der Kurve ist rechter Hand eine schmale Einfahrt. ‒ Sie führt direkt zu den Häusern. Etwas zurückgesetzt befindet sich Ihr Ziel, Maïwynns Maison ‒ Maison sur Mer.«
»Merci, Monsieur. ‒ Schätzchen, wach auf«, sie rüttelte das Mädchen behutsam wach, »wir müssen weiter.« Hellen regte sich verschlafen, und Katrin half ihr auf die Rückbank. Dann drehte sie sich dem Fremden zu und bedankte sich nochmals: »Merci, Monsieur.«
»Maurice. – Maurice genügt«, entgegnete der Alte und tippte an seine Hutkrempe.
»Vielen Dank.« Katrin startete den Motor und suchte nach einer Möglichkeit zu wenden. Der Feldweg war schmal und von tiefen Furchen durchzogen. In einem weiten Bogen durchschnitt er das hohe Gras. Gerade so, als wollte er den verlassenen Gebäuden ausweichen.
Ihr Blick irrte weiter suchend umher.
»Keine Wendemöglichkeit«, hörte sie Maurice noch sagen.
Dann verharrten Ihre Augen an einer kaum mehr erkennbaren Abzweigung, die zu einer schmalen Brücke unweit vor ihr wies. Die überwucherte Spur führte darauf zu und direkt hinein in das verlassene Gehöft.
Sie überlegte kurz, einzufahren und dort zu wenden.
Doch ein dunkler Schatten zeichnete sich im Licht der Scheinwerfer ab.
Der Alte war stehen geblieben, wohl, um sich zu versichern, dass sie sicher die Straße erreichen würde. Er stand in der Mitte des Weges und hatte die Arme unmissverständlich ausgebreitet.
Kein guter Ort, kam es ihr beim Anblick der Gestalt wieder in den Sinn. Die Erinnerung an die seltsamen Worte des Mannes ließ sie ihren Entschluss verwerfen. Sie nickte, ohne jedoch wirklich begriffen zu haben, was ihr der Alte eigentlich zu verstehen geben wollte.
Katrin legte unbewusst den Rückwärtsgang ein und fuhr langsam an.
Der Fremde blieb in der Düsternis zurück. Verwandelte sich in den grauen Schattenriss einer gebeugten Gestalt, deren wehender Umhang allmählich mit der Dämmerung verschmolz.
»Mama, was wollte der Mann?«, fragte Hellen schläfrig.
»Er hat mir gesagt, dass ich falsch gefahren bin. Ich hätte eine Abzweigung später nehmen müssen, um nach Le Thiénne zu gelangen.«
Sie waren bereits eine geraume Weile gefahren, als der hintere Teil des Wagens absackte und augenblicklich stehen blieb. Katrin stieg aus, sah, was geschehen war und verkniff es sich, ihrem Zorn um ihre Unachtsamkeit Luft zu verschaffen. Sie musste feststellen, dass sie einen Graben übersehen hatte. Das linke Hinterrad hing in einer Mulde.
Sie stieg wieder in den Wagen. Versuchte, vorwärts aus dem Graben zu kommen. Das Fahrzeug schaukelte. Mehr Erfolg hatte sie mit ihrem Versuch jedoch nicht. Nach dem vierten oder fünften vergeblichen Versuch platzte jedoch der Zorn über das Missgeschick aus ihr heraus. Jetzt gab es kein Halten mehr.
»Darf ich mir die Worte merken, Mama?«, meldete sich die Kleine, nachdem der Wutausbruch in einem erneuten Aufheulen des Motors untergegangen war.
Sie sah im Rückspiegel in das schelmische Gesicht ihrer Tochter, und ein leises Grinsen erhellte Katrins Züge. Seit einiger Zeit entwickelte Hellen mit kindlichem Gespür eine Art Abwehr gegenüber solchen Situationen und sorgte mit ihrem trockenen Humor, die Anspannung zu lösen.
»Besser nicht, Schätzchen. Wir wollen doch brave Mädchen bleiben, oder?« Sie zwinkerte ihrer Tochter zu und atmete tief durch.
Noch einmal gab sie Gas. Diesmal sehr viel behutsamer. Es half nichts. Auf dem glitschigen Boden drehten inzwischen die vorderen Räder wirkungslos. Der Peugeot steckte fest.
Erst jetzt bemerkte Katrin, wie nahe die Nacht schon war. Sie kroch bereits über die Hügel und wich nur vor dem Licht der Scheinwerfer zurück.
»Hellen, Schätzchen. Wir müssen zu Fuß weiter.« Katrin stieg aus dem Wagen. Mit einem Mal fröstelte sie. Im schwindenden Tageslicht verstärkte sich der Eindruck einer verborgenen Bedrohung, die dem noch nahen Gehöft anhing.
»Aber Mama … ich bin so müde.« Ein quengelndes Aufbegehren im Angesicht des Unvermeidlichen.
»Das Auto ist stecken geblieben. Wir kommen nicht weiter, und hier bleiben können wir nicht. Also beeil dich. Schlüpf in deinen Mantel und nimm den Karlo mit.« Ihre Stimme zitterte ein wenig. Sie konnte ihre Erregung vor dem Kind kaum mehr verbergen. Ihr war plötzlich unheimlich in Sichtweite der im aufziehenden Nebel versinkenden düsteren Gebäude. »Und gib mir bitte die Taschenlampe aus dem Handschuhfach.«
Die Frau beugte sich zu ihrer Tochter in den Wagen.
»Mama!«, schrie das Kind plötzlich entsetzt auf und wich vor ihr zurück. Dann spürte Katrin auch schon eine Hand, die sich schwer auf ihre Schulter legte.
»Excusez-moi«, hörte sie eine tiefe Stimme in ihrem Rücken. Jede Faser ihres Körpers angespannt, wandte die Frau ihren Kopf der Gestalt in ihrem Rücken zu.
»Maurice«, stieß sie atemlos hervor. »Haben Sie uns einen Schrecken eingejagt.« Es war ihr nicht ganz klar, ob sie erleichtert oder entsetzt über seine plötzliche Anwesenheit sein sollte.
»Pardon, Madame. Das wollte ich nicht.« Und trat sogleich einen Schritt von ihr fort.
Wenig später lief Maurice den Weg bis zur Kreuzung vor dem Lichtkegel der Rückscheinwerfer her. Seiner kräftigen Unterstützung war es zu verdanken, dass das Hinterrad aus dem Graben gekommen war. Nun stand der Wagen mit laufendem Motor auf der schmalen Landstraße. Noch bevor Katrin aussteigen konnte, tippte der Schäfer an seine Hutkrempe und schritt in die entgegengesetzte Richtung davon.
»Warten Sie, Maurice. Wie kann ich Ihnen danken?«, rief sie dem Mann hinterher.
Er hob die rechte Hand, ohne sich umzudrehen. Er antwortete, sprach aber in die Nebelwand vor sich. Trotzdem hatte sie seine Entgegnung ganz deutlich vernommen: »Fragen Sie am Hafen im Tri Martolod2 nach Maurice. Maurice, den Spinner – den Hüter. Der Wirt dort weiß, was ich gerne trinke. Au revoir, Madame.«
Sie starrte für einen kurzen Augenblick in die Dunkelheit, worin der Alte verschwand. Katrin blieb das feine Lachen, das in dem Klang seiner Stimme bei seiner letzten Bemerkung mitschwang, nicht verborgen.
Spott oder Selbstironie?, fragte sie sich irritiert, während sie kaum bemerkte, wie die hochfahrende Seitenscheibe die kühle und feuchte Luft allmählich aussperrte.
Unbewusst legte sie den Gang ein und fuhr nachdenklich davon.
Katrell. Noch immer schwang eine seltsame Vertrautheit im Klang des Namens mit. Madame Ledeaux, ihre Hauswirtin, hatte den Namen ausgestoßen. Ein Seufzen, ein Erschrecken fast, unterstrichen von angstvoller Geste, die rechte Hand an die Brust geführt. Hellen war müde und verschlafen aus dem Auto gekrochen und mit großen Augen neugierig vor der Wirtin stehen geblieben.
»Pardon?« Katrin wusste nicht, was sie von der Bemerkung halten sollte. Die Ältere schien für kurze Zeit abwesend. Dann stellte sie klar: »Non, non, Madame ‒ Hellen.«
»Élaine, die Leuchtende.«
Wieder dieses Seufzen. Erleichtert? Doch der ernste Blick blieb, mit dem Madame Ledeaux Katrin für einen langen, unangenehmen Augenblick musterte. Und war im nächsten Moment hinter die Fassade geschäftstüchtiger Freundlichkeit verschwunden und hatte sich als Marie-Claire Ledeaux vorgestellt. »Entschuldigen Sie. Sie müssen müde sein nach der langen Fahrt. Noch einmal herzlich willkommen. ‒ Jakez3«, rief sie nach einem jungen Mann, der still im Hintergrund des Flures gewartet hatte, ihnen sogleich das Gepäck abnahm und die Treppe voran ihre Koffer in das darüber liegende Stockwerk trug.
»Frühstück, Madame?«, fragte Katrin. Sie hatte sich umgewandt, noch bevor sie den Treppenabsatz erreicht hatte. »Wann, bitte, gibt es Frühstück?«
»Ouioui. Oh, Pardon.« Wieder hatte ein nachdenklicher Ausdruck das runde Gesicht gezeichnet. »Entschuldigung. Keine festen Zeiten. Sie sind meine einzigen Gäste im Moment. Schlafen Sie sich erst einmal gründlich aus, Madame Berger. Kommen Sie mit Ihrer Tochter morgen früh einfach in meine Küche. Hier links.« Eine leichte Kopfbewegung deutete die Richtung an. »Schlafen Sie gut.« Diesmal blieb die Herzlichkeit in ihren lächelnden Zügen.
»Bonne nuit, Madame Ledeaux!«
Hellen hatte zum ersten Mal, seit dem Tode ihres Vaters, nicht erst in Katrins Armen Schlaf gefunden. Ihr waren die Augen bereits zugefallen, noch bevor Katrin ihre Koffer gänzlich ausgepackt hatte. Ihr Gesichtchen war ruhig und entspannt. Das weiche Schmusetier, Karlo, eng in ihrem Arm, schlief sie bereits tief und fest.
Katrin hauchte ihrer Tochter einen Kuss auf die kühle Stirne. Und Wärme durchströmte Katrin, als sie das kurze Lächeln in den Mundwinkeln bemerkte. Leise schloss sie die Verbindungstüre hinter sich.
Die Zimmer waren nicht sehr geräumig, aber bequem eingerichtet. Im warmen Licht der Stehlampe lag aufgeschlagen ein Buch. Einige Augenblicke musterte Katrin es unschlüssig. Ließ es aber unberührt und löschte das Licht. Milder Lufthauch bauschte die zugezogenen Vorhänge und lockte sie auf den schmalen Balkon.
Die Nacht war klar, und die Luft ungewöhnlich lau, fast warm. Sie trug den frühen Hauch von Sommer in sich, dessen ungestümes Drängen immer noch vergebens gegen die kalten Nächte anstürmte.
Ihr Blick irrte unruhig durch das Dunkel. Ein Schimmern in der Schwärze weckte ihre Aufmerksamkeit. Plötzlich griff ein kalter Windhauch nach ihr. Fröstelnd verschränkte Katrin die Arme vor der Brust. Ein Gefühl unerklärlicher Sorge ergriff von ihr Besitz. Sie sollte besser den Schutz des Hauses suchen. Dennoch verblieb sie, mit Blick in die Dunkelheit, gegen die eiserne Balustrade gelehnt.
Abwartend. Als ahnte sie, dass etwas geschehen würde.
Dann sah sie ein Licht tanzen. Irgendwo weit vor sich in der Dunkelheit. Und wie schon am Nachmittag, überraschte sie diese unbewusste und beängstigende Neugier.
Das Licht flackerte und erlosch, flammte ein kurzes Stück daneben erneut auf und huschte unruhig davon. Es kam und ging, versickerte im Dunkel und stach blendend daraus hervor.
Kein guter Ort, erinnerte sie sich plötzlich der rauen, tiefen Stimme des Schäfers. Warum ihr gerade diese Worte in den Sinn kamen, konnte sie nicht erklären. Sie wollte es nicht, obwohl sie ahnte, dass sie von Bedeutung waren.
Katrin erschauderte. Sie fühlte, wie eine eisige Kälte sich in ihr ausbreitete und floh in die beschützende Behaglichkeit des Zimmers zurück.
Der Nebel wies noch immer ihren Blick ab. Hinter der grauen Wand blieb verborgen, worauf sie in der Nacht mit Unbehagen und unbewusster Ablehnung reagiert hatte. Das Rätsel ihrer ängstlichen Neugier blieb ungelöst.
Es war noch früh am Morgen.
Aus unruhigem Schlaf war Katrin bei Tagesanbruch erwacht und hatte, die Wärme einer Decke verlassend, aus dem Fenster gestarrt. Es schien ihr, als könnte sie mit der Geburt des Tages das Geheimnis lüften, das sie am Vorabend so erschreckt hatte.
Doch nichts war zu sehen. Der Nebel verbarg den Ursprung ihrer Unruhe.
»Mama«, erklang der schläfrige Ruf hinter ihr. Von ihr unbemerkt, war Hellen aus ihrem angrenzenden Zimmer hinter sie getreten.
Mit dem sicheren Instinkt eines Kindes für Ungewöhnliches fragte das Mädchen: »Warum erschrickst du? Hast du auf etwas gewartet?«
»Nein«, log Katrin.
»Warum starrst du dann dort hinaus? Dort ist doch nichts. Oder?«
»Nein. Komm her, mein Kleines.« Sie nahm ihre Tochter in die Arme und schlug die Decke über sie beide.
»Dein Herz schlägt so wild.«
»Weil ich dich so lieb hab, mein Kind.« Katrin spürte, wie das Mädchen sich entspannte und fester an sie schmiegte.
Lange Zeit ruhten sie so still beieinander. Katrins Überlegungen versanken in der Müdigkeit des ungenügenden Schlafes. Und Hellen schlummerte bereits wieder zufrieden und still in der beschützenden Umarmung ihrer Mutter.
»Komm, Hellen, lass uns Le Thiénne erkunden.« Sie hatten ausgiebig gefrühstückt. Und obwohl sie weit über die Frühstückszeit hinaus nach unten kamen, hatte ihnen Madame Ledeaux, die Hauswirtin, bereitwillig Kaffee, Milch, Butter, ofenwarmes Baguette und Marmelade hingestellt.
»War bestimmt eine aufregende Fahrt gestern gewesen. Und dann noch, vom Nebel überrascht, von dort herauf zu uns«, hatte die Hauswirtin nach langem Schweigen das Gespräch aufgenommen und gelächelt, während sie mit einer zögernden Geste Hellen über den blonden Lockenschopf strich.
Katrell, plötzlich flackerte der Name wieder in Katrins Erinnerung. Der Name, ein Seufzen mehr von Madame Ledeaux am Vorabend, beförderte erneut eine unerklärliche Vertrautheit in ihr Bewusstsein, warum auch immer.
Sie wollte die Hauswirtin darauf ansprechen, doch die hatte sich bereits an Hellen gewandt und sagte: »Hast lange geschlafen. Die Reise fortgeträumt, um erfrischt hier aufzuwachen«, stellte die Frau dann fest.
Mit ihren klaren Kinderaugen blickte Hellen in das gütige, aber vom Leben gezeichnete Gesicht und fragte: »Was hat sie gesagt, Mama?«
Katrin erklärte es und sah das Strahlen im Gesicht ihrer Tochter. »Fortgeträumt«, wiederholte sie nachdenklich. »Das klingt schön. – Ja, ich bin gut aufgewacht.«
Katrin lachte, wobei sie die Antwort übersetzte und damit ihre spontane Erheiterung weitergab. Hellen fühlt sich wohl, das ist gut.
Die gelöste Stimmung drängte Katrins Frage an Madame Ledeaux in den Hintergrund und wurde zur Nebensache.
Als sie am späten Vormittag aufbrachen, hätte es sich dann doch noch ergeben, Madame Ledeaux auf ihre Bemerkung vom Vorabend anzusprechen, aber Hellen wartete schon ungeduldig im Hof, sie drängte, endlich auf Entdeckungsreise zu gehen.
Nach kurzem Überlegen verwarf sie den Gedanken und ließ sich stattdessen von der Hauswirtin den Weg nach Le Thiénne erklären.
Mutter und Tochter nahmen dann doch lieber den beschriebenen Fußweg und nicht den kürzeren entlang der Landstraße. Er begann nach dem Wirtschaftsgebäude gleich hinter dem Grundstück ihrer Unterkunft. Eher ein ausgetretener Pfad, führte der Weg durch struppige Wiesen Richtung Meer und Hafen. Kein großer Umweg, der sich aber lohnte. Schon wegen des herrlichen Blicks, der sie erwartete. Sie würden schon sehen.
Während Katrin Hellen beobachtete, wie sie hinter Filou hersprang, der sie noch ein kurzes Stück begleitete, bevor er sich nach Hause trollte, vergaß sie, weiter über ihre Beobachtung nachzugrübeln. Sie atmete ein paar Mal tief die salzige Seeluft ein und schritt etwas rascher aus, um zu ihrer Tochter aufzuschließen. Ein langer Blick, dann schlüpfte die kleine Hand in ihre Rechte, und so schritten sie nebeneinander durch das kurze Gras, während der ständige Wind mit ihren Haaren spielte.
»Was ist das für ein Geräusch, Mama?«, fragte das Mädchen. Schon seit einer ganzen Weile drängte ein regelmäßiges Rauschen hinein in den Gesang des Windes.
»Das ist die Meeresbrandung. Die Wellen des Meeres schlagen gegen die Küste. Du wirst es gleich sehen.«
Wenig später bot sich den beiden ein überwältigender Ausblick. Der schmale Weg, dem sie durch struppige Wiesen gefolgt waren, schien abrupt an einem Hang zu enden. Steil fiel er vor ihnen ab und zeigte tief unter ihnen schroffe Felsen, die von gischtend weißen Schaumkronen umspült wurden und zu ihrer Rechten, nach Norden hin, wie ein ausgestreckter Arm in die Weite des Atlantiks ragten. Zu ihrer Linken wurde der Küstenverlauf sanfter. Le Thiénne, ursprünglich an einer Flussmündung erbaut, erstreckte sich inzwischen entlang der halbkreisförmigen kleinen Bucht.
Von ihrem Standort aus wirkte das Städtchen einladend verträumt mit ihren zwei- und dreistöckigen Häusern aus grauem Stein, deren Schieferdächer sich, Schutz suchend, der hoch aufragenden, bewaldeten Uferböschung entgegenneigten.
Mittelpunkt Le Thiénnes war der Hafen, dort aber waren nur wenige Boote zu sehen. Das würde sich sicher bald ändern, wenn die Fischer mit ihrem Fang zurückkamen.
An der Promenade allerdings herrschte mehr Betrieb. Dort, wo unzählige Segelboote dicht aneinandergereiht festgemacht waren, konnten sie Menschen beobachten, die vereinzelt ihre Schiffe beluden oder, bereit zur Ausfahrt, ihre Liegeplätze verließen. Sie tuckerten der offenen See zu, bis sie Segel setzten, um den Wind einzufangen.
Eine Weile standen sie stumm und betrachteten das Idyll. »Schau mal, wie lustig die Segel auf dem Wasser tanzen.« Katrin musste ihre Tochter nicht extra darauf aufmerksam machen. Sie beobachtete bereits fasziniert die kreuzenden Segler. Weit draußen sahen sie in der bleiernen See mehrere helle Flecken. Segel, die vom Wind gebläht, schlanke Boote mit gischtendem Bug durch das stählerne Grau zogen.
»Wenn wir nach Le Thiénne hinabgehen, kannst du dir die Boote von Nahem sehen«, sagte Katrin, die inzwischen den schmalen Pfad entdeckt hatte, der, unweit ihres Standortes, in mehreren Windungen den schrägen Hang hinabführte.
Wenig später gelangten sie an eine schmale Eisenbrücke, über die sie den Fußweg erreichten, der sie zu der Stelle führte, an dem die Uferstraße endete. Der kleine Platz war schmuddelig und wirkte nicht sehr einladend mit seinen halb verfallenen Gebäuden. Sie beschleunigten ihre Schritte, auch, um der schattigen Feuchte der Flussmündung zu entgehen.
Als sie, an zwei etwas abseits stehende Bootsschuppen vorbei, auf die Straße traten, die, von einer niederen Mauer begrenzt, an den darunter liegenden Sandstrand angrenzte, empfing sie der typische Geruch des nahen Hafens. Ein Gemisch aus Teer, Salz, trocknenden Netzen, modernden Algen, Tang und Fisch.
›Bäh!‹, hatte Hellen im ersten Moment gerufen, die Nase gerümpft und war gar nicht begeistert. Bis eine kräftige Brise vom Meer her den Gestank vertrieb.
So schlenderten sie die Straße entlang dem Hafen entgegen. Blieben stehen, gingen ein paar Schritte, um zu bestaunen, was sonst alltäglich war. Alles war neu, bemerkenswert und interessant, selbst die einfachsten Begebenheiten. Sie hatten beide ihren Spaß.
Bald sahen sie den Menschen zu, die ihrer Arbeit nachgingen. Schon begutachteten sie das Obst und Gemüse, das vor den Läden angeboten wurde. Drückten sich die Nasen platt am Schaufenster der kleinen Bäckerei und an anderen wenigen Geschäften, die am Rande des Hafens die Straße säumten.
Katrin genoss diesen ungezwungenen Spaziergang und überließ es Hellen, ihr das Leben des Hafenstädtchens zu zeigen. Bis ihre Erkundung dann wieder an der Kaimauer endete, wo sie interessiert das Treiben im Hafen verfolgten.
Die Fischer waren zurück, luden ihren Fang von Bord und schichteten ihre Kisten auf bereitstehende Karren. Die ersten Käufer erschienen, das Handeln begann. Es dauerte nicht lange, und ein unverständlicher Stimmenbrei schallte zu den beiden einzigen interessierten Beobachtern herüber. Sie verstanden kein Wort, was sie nicht störte, denn das wilde Durcheinander genügte ihnen, um zu erkennen, worum es ging und was geschah.
Nicht lange, und Hellen begann aus dem Gewirr von Stimmen einzelne Melodien zu imitieren und nachzusingen, sodass Mutter und Tochter sehr bald vor Lachen Bauchschmerzen bekamen.
Hungrig betraten sie am Nachmittag den Schankraum des Tri Martolod. Bei ihrer Ankunft verstummten die wenigen Anwesenden, wobei sie eine Weile schweigend angestarrt wurden. Jetzt war wieder reges Geplauder um sie herum, und ihre Unterhaltung ging in dem Gewirr der fremden Sprache unter.
Der Wirt, Yves, wie ihn die vier Männer im hinteren Teil des Schankraums riefen, war ein mürrischer Mann mit dickem Gesicht und geröteten Augen. Er brachte ihnen den bestellten Galette compléte, und Katrin sah mit Freuden, dass Hellen dem gefüllten Buchweizenkuchen kräftig zusprach. Während sie sich schweigend die bretonische Spezialität teilten, wurde Katrin die seltsame Stimmung bewusst, die sich, trotz der lebhaften Gespräche ringsum, im hinteren Teil des Schankraumes eingestellt hatte. Der Wirt trug eine bauchige Flasche, vermutlich Cidre, zu den vier alten Fischern und blieb bei den Männern stehen.