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Die Folgen eines langjährigen geistlichen Missbrauchs sind vielfältig. Viele Opfer wollen verstehen, was mit ihnen geschehen ist und suchen meist einen neuen Zugang zum Glauben. Es handelt sich dabei um traumatisierte Menschen mit spiritueller Erfahrung. Ihre geistliche Begleitung steht deshalb vor besonderen Herausforderungen. Dieses Buch bietet einen differenzierten Blick auf ein komplexes Geschehen. Die Autorin stellt Grundhaltungen und konkrete Vorgehensweisen für die geistliche Begleitung von Opfern geistlichen Missbrauchs vor. Sie orientiert sich dabei am Exerzitienbuch des Ignatius von Loyola.
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Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Hannah Anita Schulz
Durch Nebel hindurch
Hannah Anita Schulz
Aus ignatianischer Sichtgeistlichen Missbrauch erkennenund überwinden
Er durchsonnt uns auf Herzhöhelässt in uns das dennoch Möglicheim Unmöglichen wirklich werden.
Gerhard Mevissen,
Zurufe Januar 2020
Der Umwelt zuliebe verzichten wir bei diesem Buch auf Folienverpackung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.
1. Auflage 2022
© 2022 Echter Verlag GmbH, Würzburg
www.echter.de
Umschlag: wunderlichundweigand.de
Coverbild: Gerhard Mevissen / gerhard-mevissen.de
Innengestaltung: Crossmediabureau
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
ISBN
978-3-429-05800-5
978-3-429-05232-4 (PDF)
978-3-429-06585-0 (ePub)
Vorwort
Einleitung
Missbrauch
Ignatianische Spiritualität
Aufbau des Buches
1.Geistlichen Missbrauch verstehen
Definitionen
Innere Dynamik
Emotionaler Missbrauch
Mentale Manipulationen
Dilemmata
Lichtengel
Idole
2.Geistlichen Missbrauch erkennen
Um Erkenntnis bitten
Regungen wahrnehmen
Wege hinterfragen
Lichtengel enttarnen
Anfang und Ende betrachten
Zwei Heerlager unterscheiden
Indifferent werden
Feindliche Strategien verstehen
Klarheit wiedergewinnen
3.Geistlichen Missbrauch überwinden
3.1.Grundhaltungen für die Begleitung geistlich missbrauchter Personen
Eigene Betroffenheit bearbeiten
Druck vermeiden
Stabilität fördern
Grenzen respektieren
Bindung ermöglichen
Supervision nutzen
Verfügbar sein
Beziehungsnetz entwickeln
Transparenz beachten
Ambivalenzen aushalten
Nähe und Distanz regulieren
3.2.Das Eigene fördern
Zu sich kommen
Für sich Nutzen ziehen
Dem individuellen Rhythmus folgen
Sehnsüchten Raum geben
Sicherheit und Ruhe finden
3.3.Beten mit Kopf und Herz
In die Erzählung eintreten
Mit den Sinnen betrachten
Regungen wahrnehmen
Emotionen begleiten
Weite ermöglichen
Retraumatisierung vermeiden
Unrecht benennen
Einen eigenen Platz finden
Mehrperspektivisch wahrnehmen
Selbstreflexion ermöglichen
Worte finden
3.4.Eigenständige Entscheidungen
Indifferent werden
Auf Gott hören
Auf das Herz hören
Dem Verstand vertrauen
Optionen erwägen
Entscheidungsfindung einüben
3.5.Auf festem Boden unterwegs
Gegenseitige Liebe
Empfangene Güte
Wachsende Dankbarkeit
Gott müht sich
Sich beschenken lassen
Sich verschenken
Versöhnung erfahren
Freiheit gestalten
Verantwortung übernehmen
3.6.Hingabe in Freiheit
Schädliche Hingabeforderungen erkennen
Existenzielle Fragen zulassen
Hingabe wagen
Sich Gott anerbieten
Bis Gott selber sich offenbart
Geistlichen Missbrauch überwinden
4.Ignatianische Spiritualität missbrauchen
4.1.Ergebnisse erwarten
In Strukturen pressen
4.2.Fallstricke der ersten Woche
Indifferenz
Sündenerkenntnis
4.3.Fallstricke der zweiten Woche
Beleidigungen und Schmähungen
Magis
Eigenwille
Betrachtung des zwölfjährigen Jesus im Tempel
4.4.Fallstricke der dritten Woche
Passion
4.5.Fallstricke der vierten Woche
Auferstehungsfreude
Hingabe
4.6.Verzweckung des geistlichen Prozesses
Fallstricke kombinieren
5.Geistlichen Missbrauch vermeiden
6.Hinaus ins Weite
Große Überfahrt
Etappen auf dem Weg
Vielfältige Unterstützung
Weiter Horizont
Dank
Anmerkungen
„Wir waren am Anfang doch alle so begeistert“ – sagt mancher, der nach einem schwungvollen Start in einer religiösen Gemeinschaft unvermutet in einer schweren Lebenskrise endet. Begeisterung? Ohne sie geht es doch nicht. Wer mit Enthusiasmus startet, der kommt voran. Wer andere begeistern kann, qualifiziert sich als Führungspersönlichkeit. Werbefotos in der Berufungspastoral zeigen junge Menschen mit strahlendem Gesicht, sie reißen die Arme hoch, sie sind das sprühende Leben. Darin gleichen sie auch Werbefotos aus anderen Bereichen.
„Aber religiöse Begeisterung ist doch etwas ganz anderes.“ Da geht es um tief innerliches Verspüren. Da ist der hl. Geist am Werk, wie das Wort „Be-geist-erung“ schon sagt. Charismatische Persönlichkeiten haben die Gabe, diesen Geist in anderen zu wecken. Es geht um Erfahrungen mit Gott, um Enthusiasmus – das kommt aus dem Griechischen und heißt „voll von Gott“. Ist nicht Begeisterung die Bestätigung dafür, dass der eingeschlagene Weg richtig ist? Umgangssprachlich gesagt: Wenn’s Spaß macht, dann stimmt’s.
„Ich fühle mich betrogen; ich bin zutiefst enttäuscht. Habe ich mich getäuscht?“ Kann man sich täuschen – trotz aller Begeisterung? War denn alles nur ein großer Irrtum? War alles nur Bluff? Haben diese Menschen, denen ich so vertraut habe, mich getäuscht? Hat Gott mich getäuscht? „Du hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören“ (Jer 20,7). Kann ich anderen noch trauen? Kann ich Gott noch trauen? Kann ich meinen eigenen Gefühlen noch trauen?
Dieses Buch wurde geschrieben zur Unterstützung von Menschen, die in eine derartige Situation geraten sind. Es geht um die Opfer von geistlichem Machtmissbrauch, um verunsicherte, verletzte Frauen und Männer, die sich betrogen fühlen, in die Irre geführt, verführt. Um Menschen, die nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll. Die Autorin Hannah A. Schulz hat mit vielen Frauen und Männern gesprochen, die genau das erlebt haben. Sie schreibt auch aus eigener Erfahrung. Mit ihren Qualifikationen in Supervision, in Psychotherapie, im Coaching, in geistlicher Begleitung und Exerzitienbegleitung zeigt sie Wege auf, wie Menschen wieder aus dieser Not herausfinden können, in die sie durch geistlichen Missbrauch geraten sind.
Die Autorin weiß um jene missbräuchlichen geistlichen Prozesse, die im Leben eines Menschen großen Schaden anrichten können. Die von ihr erprobten und vorgeschlagenen Hilfen stützen sich unter anderem auf die geistliche Lehre des Ignatius von Loyola (1491–1556). Dieser hat im Verlauf eines dramatischen Bekehrungsprozesses im Alter von 30 Jahren heftige innere Verirrungen erlebt, die ihn bis an den Rand des Suizids brachten. Erst allmählich lichtete sich der Nebel und er begann zu verstehen, welche „Geister“ in ihm am Werk waren. Diese Erkenntnisse hat er zur Grundlage seiner „Geistlichen Übungen“ („Exerzitien“) gemacht, die er abschließt mit der „Lehre von der Unterscheidung der Geister“. Gegen Ende seines Lebens drängten ihn seine Gefährten im Jesuitenorden, seine Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Darin beschreibt er, welche ganz unterschiedliche innere Prozesse ein Mensch durchläuft, der sich der Führung Gottes überlässt.
Ignatius wusste um die Ambivalenz des religiösen Enthusiasmus. Er selbst hatte erlebt, wie ihn überschwängliche Emotionen und Einsichten beim Gebet tief mit Gott verbunden und zu einer radikalen Christusnachfolge geführt haben. Doch wusste er auch, dass geistliche Hochstimmungen in seinem Leben manchmal der Einstieg in den inneren Absturz gewesen sind. Die dabei wirkende Seelenkraft bezeichnet er als „Feind der menschlichen Natur“ (Exerzitienbuch (EB) 7), an einer Stelle sogar als „Todfeind“ (EB 136). In der Unterscheidung der Geister geht es darum, diesen Feind zu erkennen und zurückzuweisen. Darum schreibt Ignatius bereits in der Einführung: Der Exerzitienbegleiter soll jemanden, der in seinen geistlichen Übungen „mit großer Begeisterung“ (EB 14) vorangeht, warnen, keine vorschnellen Entscheidungen über sein weiteres Leben zu treffen. Die begleitete Person soll abwarten und die inneren Regungen und Absichten in einem Unterscheidungsprozess prüfen. Denn die Erfahrung lehrt: Wer nur seiner spontanen Begeisterung und Intuition traut, läuft Gefahr, sich zu verirren.
Die Kenntnis vom Kampf der Geister geht zurück auf die ersten christlichen Jahrhunderte. Damals gingen Menschen in die Wüste, um in der Abgeschiedenheit mit viel Eifer Gott zu suchen und gerieten bald in große innere geistliche Kämpfe. Viele verloren die Orientierung und gaben auf. Andere suchten sich einen geistlichen Vater, der ihnen half, auf der Spur der Gottessuche zu bleiben. Seit dem gibt es so etwas wie „Seelenführer“ bzw. „geistliche Begleiter“. Es braucht Personen, die solche Kämpfe zwischen guten und bösen „Geistern“ durchlebt haben und anderen mit ihrem Erfahrungswissen zur Seite stehen. An solche Personen richtet sich dieses Buch. Es ist ein Wegweiser aus der Praxis – für die Praxis.
Mit dem Titel „Geistlichen Missbrauch erkennen und überwinden“ wagt sich die Autorin auf sehr schwieriges Terrain geistlicher Begleitung. Es ist in der Unterscheidung der Geister oft schon sehr schwierig herauszufinden, ob ein innerer Impuls gut oder böse ist, ob er mehr zu Gott führt oder nicht. Dies verkompliziert sich jedoch erheblich, wenn der „böse Geist“ sich als „guter Geist“ verkleidet. Jemand sagt z. B. „Ich will Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allen meinen Kräften“, verfolgt dieses Ziel jedoch mit solchem Fanatismus, dass er/ sie daran zu zerbrechen droht. Ignatius nennt dies die „Versuchung unter dem Schein des Guten“ (EB 10) und beschreibt dieses Phänomen deutlich in seiner Autobiografie als ein Phänomen der ersten Jahre nach seiner Bekehrung.
In den Unterscheidungsregeln formuliert er es so: „Es ist dem bösen Engel eigen, der die Gestalt eines Lichtengels annimmt, bei der frommen Seele einzutreten und bei sich selbst hinauszugehen; nämlich gute und heilige Gedanken zu bringen, wie es dieser gerechten Seele entspricht; und danach bemüht er sich allmählich, bei sich hinauszugehen, indem er die Seele zu seinen verborgenen Täuschungen und verkommenen Absichten zieht“ (EB 332). Es handelt sich also um ein Täuschungsmanöver, eine Art Manipulation. An anderer Stelle heißt es: „Der Feind verhält sich wie ein falscher Liebhaber. Er will verborgen bleiben und nicht entdeckt werden“ (EB 326). Wenn der Verdacht besteht, dass es sich um eine Versuchung unter dem Schein des Guten handelt, ist es sehr wichtig, den ganzen inneren Prozess über eine längere Zeit zu verfolgen und darauf zu achten, ob sich jemand vom Guten zum Besseren bewegt oder vom Guten zum Schlechteren (vgl. EB 334).
Besonders Menschen mit sehr hohen geistlichen Idealen sind gefährdet, sich in dieser Weise zu verirren. Auch Verantwortliche in geistlichen Gemeinschaften geraten nicht selten in Versuchung, vor allem „den Schein des Guten“ zu wahren, welcher dem geistlichen Missbrauch Tor und Tür öffnet. Jesus stellt sich im Evangelium dieser Problematik, am deutlichsten in der Auseinandersetzung mit den Pharisäern und Schriftgelehrten. Das ganze 23. Kapitel bei Matthäus ist diesem Thema gewidmet: „Weh euch, ihr Pharisäer, ihr Heuchler! … Weh euch, ihr seid blinde Führer! – Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! Ihr seid wie übertünchte Gräber … Ihr erscheint von außen gerecht, innen aber seid ihr voll Heuchelei und Gesetzlosigkeit.“
Die Entlarvung solcher Täuschungen braucht großen Mut, Demut und Ehrlichkeit. Nur so können die Versuchungen unter dem Schein des Guten erkannt, benannt, aufgedeckt und überwunden werden. In der Betrachtung vom Geistlichen Kampf schlägt Ignatius vor, Gott um folgende Gnade zu bitten: „Um Erkenntnis der Täuschungen des bösen Anführers bitten und um Hilfe, um mich vor ihnen zu hüten; – und um Erkenntnis des wahren Lebens, das der oberste und wahre Hauptmann (Christus) zeigt, und um Gnade, ihn nachzuahmen“ (EB 139).
Dieses Buch erschließt einen systematischen Zugang zum Prozess des Aufdeckens, der Verarbeitung und der Heilung. Doch Versuchungen unter dem Schein des Guten sind oft so gut getarnt, dass trotz aller Kenntnis solcher Prozesse das Gebet um die Gnade der Erkenntnis der Täuschungen notwendig bleibt. Das Charisma, die Geister zu unterscheiden, ist und bleibt ein Geschenk, eine Gnadengabe Gottes (1 Kor 12,10).
Franz Meures SJ
„Wie konnte Gott das zulassen? – Ich habe ihm doch vertraut!“, bricht es aus der jungen Frau hervor. „Ich habe alles auf eine Karte gesetzt, mich für die totale Hingabe entschieden!“ Sie schluchzt auf, lässt den Kopf in die Hände fallen. Ihre Schultern zucken heftig. Ich gebe ihr Zeit, lasse sie weinen, warte, bis sie sich mir wieder zuwendet. Sie hebt den Kopf, schaut mich mit tränenüberströmtem Gesicht an und wiederholt: „Ich habe ihm doch vertraut. Wie konnte das geschehen?“ Ich wiederhole mit sanfter Stimme: „Ja, Sie haben ihm vertraut!“ und fahre fort: „Nun stehen Sie vor einem Scherbenhaufen.“ Sie nickt: „Ich habe alles verloren!“ Nach einer Pause: „Das Schlimmste ist, ich kann nicht mehr hoffen, nicht mehr vertrauen. Wie soll es nur weitergehen?“ Tränen laufen ihr die Wangen hinunter.
Diese junge Frau ist viele Jahre Mitglied einer geistlichen Gemeinschaft gewesen, in der sie versucht hat, Nachfolge Christi in radikaler Weise zu leben. Als sie anfing, bestimmte Praktiken und Lehrmeinungen infrage zu stellen, wurde sie massiv unter Druck gesetzt, bis sie letztlich hinausgemobbt wurde. Auf sich allein gestellt, ohne Ausbildung und finanzielle Absicherung, ist sie bereits mutige Schritte zurück in ein „normales“ Leben gegangen. Im gleichen Maß wie die äußeren Lebensbedingungen sich finden, wachsen in ihr die existenziellen Fragen: Wie ist es möglich, dass Ganzhingabe an Gott zu so einem Desaster führen kann? Welchen Sinn hatten all ihre Opfer? Hat sie, indem sie den Oberen gehorchte, Gott gehorcht? War das, was sie gelebt und erlitten hat, tatsächlich Gottes Wille? Zugleich steht immer wieder die Frage nach der Hoffnung im Raum: Wie soll sie Gott und den Mitmenschen je wieder vertrauen können, nachdem ihre Großzügigkeit so hintergangen wurde und ihre Liebe so enttäuscht worden ist? Noch einmal fasst die junge Frau ihr Leid in Worte: „Alles habe ich ihm gegeben. Nun habe ich alles verloren!“ Sie fügt hinzu: „Ich bin so ein Idiot! Wie konnte ich mich so täuschen und ausnutzen lassen!“
Für solche Erfahrungen ist in der Kirche der Begriff „geistlicher Missbrauch“ gebräuchlicher geworden. Seitdem habe ich in der Begleitung immer häufiger mit ähnlichen Berichten und Lebensgeschichten zu tun. Fassungslosigkeit ist das vorherrschende Gefühl: das Übel nicht fassen können, wodurch man es auch nicht begreifen kann. Schnell geben sich die Betroffenen selbst die Schuld und entschuldigen ihre Täter: „Es war doch nicht böse gemeint. Sie wollten nur helfen. So schlimm war es doch eigentlich gar nicht.“ – Doch es ist schlimm, wenn geistliche Begleiter oder Leiterinnen ihre Macht missbrauchen, um im Rahmen ihrer Arbeit eigene Bedürfnisse zu befriedigen, indem sie die ihnen anvertrauten Personen ausnutzen.
Erstaunlicherweise suchen viele Opfer schwerwiegenden oder langjährigen geistlichen Missbrauchs nicht nur Hilfe in der Psychotherapie, sondern zusätzlich ein Gegenüber, mit dem sie ihre existenziellen Fragen besprechen können: Gibt es etwas, das sie weiterhin trägt? Wo ist Gott bei alledem gewesen? Wie können sie heute noch glauben? Da häufig auch bestimmte kirchliche Praktiken als Machtinstrumente eingesetzt wurden, muss viel sortiert, neu eingeordnet, anders gedeutet werden. So wurde zum Beispiel in der genannten Gemeinschaft immer wieder betont, dass in jeder heiligen Messe das Opfer Jesu von jedem Einzelnen mitvollzogen werden solle. Aber genau diese Opferhaltung der Mitglieder wurde benutzt, um Grenzen zu überschreiten und sie bis zur Erschöpfung auszubeuten. Wie können Betroffene damit leben, dass jeder Gottesdienst wie ein Trigger auf sie wirkt, der es ihnen unmöglich macht, daran teilzunehmen? Was bleibt von ihrem Glauben übrig? Welche Formen können die Sehnsüchte finden, die sie trotz allem noch in sich tragen? Derartige Auseinandersetzungen brauchen neben Zeit ebenso kompetente geistliche Begleitung. In dieser muss es möglich sein, nicht nur die spirituelle, sondern auch die emotionale Seite des Missbrauchs nachzuempfinden und mit-zuregulieren. Unter geistlicher Begleitung verstehe ich einen kirchlichen Dienst, der Mitchristen in regelmäßigen Gesprächen hilft, ihr Glaubensleben zu reflektieren, um es in seiner ganzen Schönheit erblühen zu lassen. Die Begleiter durchlaufen dazu eine mehrjährige Ausbildung und werden in vielen Diözesen für diese Aufgabe vom Bischof beauftragt.
In meinen Tätigkeiten als Coach, Therapeutin und Supervisorin in Frankreich bin ich schon vor vielen Jahren neben Einzelpersonen auch mit Gemeinschaften in Kontakt gekommen, denen durch geistlichen Missbrauch Schaden zugefügt worden ist. Ich habe sie bei der Aufarbeitung unterstützt, so gut es mir damals möglich war. Erst später hatte ich die Chance, von einer mehrjährigen Ausbildung zu profitieren, in der wir in einer festen Gruppe lernten, ignatianische Exerzitien zu begleiten. Das hat mich auf ganz unerwartete Weise auf unterschiedlichen Ebenen bereichert. Die ignatianische Gebetsweise war für mich selber eine Entdeckung. Sie half mir, mich von Ängsten und Zwängen zu lösen, die früher erfahrener geistlicher Missbrauch in mir hinterlassen hatte. Insbesondere während der großen Exerzitien, die Teil der Ausbildung waren, konnte ich eigenen missbräuchlichen Erfahrungen noch einmal nachspüren und darin einen neuen Zugang zum Glauben – ja zu Gott – finden.
Von daher begleiteten mich in der Ausbildung zwei Fragenkomplexe: Erstens: Wie können die Regeln und Übungen des Exerzitienbuches (EB) auf Menschen wirken, die bereits (geistlich) missbraucht wurden? Wo ist besondere Vorsicht geboten? Zweitens: Wie können sie andererseits den Betroffenen zurück in die Freiheit helfen? Erste Erkenntnisse haben mich motiviert, genauer zu untersuchen, wie Grundlagen der ignatianischen Spiritualität die Aufarbeitung (auch schweren) geistlichen Missbrauchs unterstützen können. Das vorliegende Buch ist die Frucht dieses Suchprozesses.
Bevor die beiden Themen geistlicher Missbrauch und einige Perlen des Exerzitienbuches von Ignatius von Loyola miteinander verknüpft werden, soll jedes kurz für sich dargestellt werden: Ganz allgemein ist Missbrauch der unsachgemäße Einsatz von Objekten, Personen, Lebewesen, Substanzen, Konzepten etc. Der Maßstab dafür, ob etwas auf angemessene Weise verwendet wird oder nicht, findet sich in den Dingen oder Personen selber. Sie zeigen uns, was ihnen entspricht und was nicht. Wenn jemandem Leid zugefügt wird, wenn er Schaden nimmt, liegt Missbrauch vor. Dieser hat immer mit Macht zu tun: Eine Person nimmt sich aus egoistischen Gründen das, was andere nicht freiwillig geben würden. Dazu müssen die Dinge auf so eine Weise entstellt werden, dass sie zum Mittel der Macht über andere werden. In derselben Weise können Spiritualität und geistliches Leben entweder auf angemessene Weise gelebt werden, die den Menschen förderlich ist. Oder diese werden damit unterdrückt und ausgenutzt, d. h. für unangemessene Motive missbraucht. Ihre Macht können die Personen dabei entweder aus ihrem Amt (z. B. Priester) oder ihrer Funktion (z. B. Oberin, Katechetin) in kirchlichen Strukturen beziehen. Sie kann ebenfalls aus dem Ausmaß der geistlichen Autorität entstehen, die ihnen von anderen zugeschrieben wird (z. B. Prediger, Seelsorgerin). Geistlicher Missbrauch im weiteren Sinne kann daher definiert werden als der Missbrauch von Spiritualität zum Schaden der betroffenen Menschen. Wie er im engeren Sinne definiert wird, erkläre ich ausführlich in Kapitel 1 „Geistlichen Missbrauch verstehen“.
Grundlagen der ignatianische Spiritualität finden sich in den Geistlichen Übungen, die Ignatius von Loyola (1491–1556) verfasst hat. Aufbauend auf der Erfahrung der eigenen Bekehrung und Zuwendung zu Gott, beschreibt er dort einen Weg, um Gott zu begegnen und besser kennenzulernen. Sein erklärtes Ziel ist es, „die Seele darauf vorzubereiten und einzustellen, um alle ungeordneten Anhänglichkeiten von sich zu entfernen und nach ihrer Entfernung den göttlichen Willen in der Einstellung des eigenen Lebens zum Heil der Seele zu suchen und zu finden“ (EB 11). Mit anderen Worten, es geht um die Erlangung größtmöglicher Freiheit. Diese wird zum Fundament des Lebens, auf dem richtungsweisende Entscheidungen getroffen werden, sodass der Alltag in der Nachfolge Christi gestaltet wird. Ignatius berücksichtigt auf seinem Übungsweg nicht nur den Verstand, sondern auch innere Regungen. Es geht ihm darum, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden.2
Seinen Übungsweg teilt Ignatius in vier Wochen ein, die darüber hinaus als große Phasen auf dem geistlichen Weg angesehen werden können. In der ersten Woche geht es darum, sich von den ungeordneten Anhänglichkeiten zu lösen, d. h. Erkenntnis der Sünde, Umkehr und Lösung unguter Abhängigkeiten. In der zweiten Woche steht die Betrachtung des Lebens Jesu im Vordergrund, mit dem Ziel, ihm immer ähnlicher zu werden. Zusätzlich können hier (Lebens-)Entscheidungen getroffen werden, die sich aus dem Wunsch der Nachfolge Christi entwickelt haben. In der dritten Woche ist die Begegnung mit dem leidenden Christus zentral, was auch den vorher bearbeiteten Entscheidungen eine zusätzliche Tiefe geben kann. In der vierten Woche schließlich begegnen wir dem auferstandenen Herrn und vertiefen noch einmal die Erfahrung der Liebe Gottes, die von dort aus in den Alltag weiterwirken kann. Für Ignatius ist die Freiheit so wichtig, dass er zahlreiche Kriterien beschreibt, die helfen, eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen: die Regeln zur Unterscheidung der Geister. Darauf nehme ich in diesem Buch mehrfach Bezug, zum Beispiel, wenn es darum geht, geistlichen Missbrauch zu erkennen (Kapitel 2) oder den Begleiteten zu helfen, möglichst freie Entscheidungen zu treffen (Kapitel 3.4.). Da ich keine ausgewiesene Expertin für die ignatianische Spiritualität im Allgemeinen bin, beziehe ich mich ausschließlich auf die Texte des Exerzitienbuches. Gelesen mit der Brille einer Begleiterin und Therapeutin von Opfern geistlichen Missbrauchs, zeigen die Hinweise und Anmerkungen des Ignatius eine erstaunliche Aktualität.3
Jedes geistliche Angebot, seien es Predigten, Gebetszeiten, Liturgie, Gruppenstunden, Begleitung oder Seelsorge, kann zum Heil der Teilnehmenden dienen oder ihnen schaden. Daher sind alle Personen, die diese Angebote veranstalten oder in Anspruch nehmen, von der Thematik des geistlichen Missbrauchs betroffen: Sie könnten zum Täter werden oder zum Opfer. Sie könnten missbräuchliche Situationen von außen beobachten oder als Verantwortliche damit konfrontiert werden, weil es in ihrem Zuständigkeitsbereich derartige Vorwürfe gibt. Schließlich gibt es Personen, die sich als Begleiterinnen oder Berater der Opfer annehmen. Beim Schreiben dieses Buches hatte ich die Situation von geistlichen Begleitern und Begleiterinnen im Blick, die sich mit (ehemaligen) Opfern geistlichen Missbrauchs auf den Weg zurück in die Freiheit machen. Neben der Ent-Wicklung aus schädlichen Abhängigkeiten geht es dabei ebenso um die Genesung einer geschundenen Seele. Parallel dazu gilt es, den Raum der eigenen Freiheit (wieder) zu entdecken, um ihn durch Verunsicherung und Ängste hindurch neu zu gestalten. Zahlreiche Prinzipien und Methoden des Exerzitienbuches, die für diesen Weg der Wiederherstellung hilfreich sein können, habe ich hier zusammengestellt. Ich bin mir sicher, dass ebenfalls Personen von diesen Ausführungen profitieren können, die auf andere Weise von geistlichem Missbrauch betroffen sind. Zum Beispiel, weil sie missbräuchliche Situationen in ihrem Umfeld beobachten und sich fragen, ob und wie sie eingreifen können. Auch für Personen, die in der Kirche Verantwortung innehaben und auf Vorwürfe gegen mutmaßliche Täter reagieren müssen, ist die Zusammenstellung sicher hilfreich.
Nachdem ich im ersten Kapitel die innere und äußere Dynamik geistlichen Missbrauchs erkläre, lege ich im zweiten Kapitel dar, welche Kriterien und Methoden es ermöglichen, ihn in konkreten Situationen zu erkennen. Das ist sowohl für die Begleitpersonen als auch für die Betroffenen wichtig. Im dritten Kapitel geht es um die Behandlung und Überwindung der Folgen des geistlichen Missbrauchs mit allem, was dabei unterstützen kann. Erstens: Grundhaltungen im Begleitprozess. Zweitens: Wege, Eigenständigkeit zu fördern. Drittens: das Zusammenspiel von Reflexion und Empfindungen. Viertens: die Ermöglichung eigenverantwortlicher Entscheidungen. Fünftens: die Fortführung der Begleitung, wenn sich (neue) Stabilität entwickelt hat und schließlich sechstens einige Überlegungen zum Thema der Hingabe. Im folgenden vierten Kapitel wechseln wir die Perspektive, um einen kurzen Blick darauf zu werfen, wie auch die ignatianische Spiritualität und die Texte des Exerzitienbuches missbraucht werden könnten, um andere Menschen unter Druck zu setzen und sie gefügig zu machen. Damit es gar nicht erst so weit kommt, fasse ich abschließend einige wesentliche Gedanken zusammen, um daraus in Thesenform Hinweise für die Prävention zu geben.
