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Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! E-Book 1121: So viele offene Fragen E-Book 1122: Die Stürme der Jugend E-Book 1123: Rätsel um Anneka E-Book 1124: Ein barmherziger Samariter? E-Book 1125: Unser Lebenstraum ist in Gefahr! E-Book 1126: Der Traum von der ewigen Jugend E-Book 1127: Auf zu neuen Ufern E-Book 1128: Der blinde Passagier E-Book 1129: Ist eine Rettung möglich? E-Book 1130: Wir dürfen uns nicht verlieren! E-Book 1: So viele offene Fragen E-Book 2: Die Stürme der Jugend E-Book 3: Rätsel um Anneka E-Book 4: Ein barmherziger Samariter? E-Book 5: Unser Lebenstraum ist in Gefahr! E-Book 6: Der Traum von der ewigen Jugend E-Book 7: Auf zu neuen Ufern E-Book 8: Der blinde Passagier E-Book 9: Ist eine Rettung möglich? E-Book 10: Wir dürfen uns nicht verlieren!

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Seitenzahl: 1036

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

So viele offene Fragen

Die Stürme der Jugend

Rätsel um Anneka

Ein barmherziger Samariter?

Unser Lebenstraum ist in Gefahr!

Der Traum von der ewigen Jugend

Auf zu neuen Ufern

Der blinde Passagier

Ist eine Rettung möglich?

Wir dürfen uns nicht verlieren!

Chefarzt Dr. Norden – Staffel 2 –E-Book 1121-1130

Patricia Vandenberg

So viele offene Fragen

Chefarzt Dr. Norden sucht die Harmonie

Roman von Vandenberg, Patricia

»Das kann doch wohl nicht wahr sein.« Dr. Felicitas Norden starrte in die Patientenakte. Ihr Magen krampfte sich zusammen, die Härchen im Nacken sträubten sich. »Na warte, das wird ein Nachspiel haben.« Mit einem klatschenden Geräusch schlug sie die Mappe zu.

Im nächsten Momente war sie auf dem Weg. Auf der Suche nach ihrem Kollegen Dr. Lammers kam sie am Schwesterntresen vorbei und blieb kurz stehen.

»Guten Morgen, Elena. Alles gut?«

»Bei mir schon. Aber du siehst aus, als hättest du ein Monster gefrühstückt.«

»So ähnlich fühle ich mich auch.« Fee verzog das Gesicht. »Linda Kolben auf der Vier braucht einen neuen Zugang. Ach, und ist der Laborbericht für Kevin Maier schon da? Wenn die Entzündungswerte deutlich zurückgegangen sind, kannst du bitte die Entlassungspapiere vorbereiten. Wenn nicht, sprichst du mich bitte noch einmal an. Ich bin bei Lammers.«

»Das trifft sich gut. Da ist ein Paket für ihn gekommen. Kannst du das mitnehmen?«, rief Elena ihrer Chefin und Freundin nach. »Und friss ihn bitte nicht auf«

»Dafür kann ich nicht garantieren.« Fee kehrte zurück. Beim Anblick des Kartons riss sie die Augen auf. »Kann er das nicht selbst holen?«

»Ich kann ihn nicht erreichen.« Das Telefon am Tresen klingelte. Elena ignorierte es. »Aber es ist halb so schwer, wie es aussieht. Trotzdem stört es. Ich habe kaum noch Platz.« Das zweite Telefon setzte in das Konzert mit ein. »Ich kann hier leider nicht weg. Personalmangel.«

Zähneknirschend hob Fee das Paket hoch. Wenigstens hatte Elena recht. Es fühlte sich an wie ein Schaumstoffwürfel. Mit ihrer Fracht machte sie sich auf den Weg.

Lange musste sie nicht suchen. Volker Lammers stand auf dem Flur und legte Spritze, Röhrchen und Stauschlauch in eine Chromschale. Er sah kaum hoch, als seine Chefin zu ihm trat.

»Müssen Sie mir die Laune schon am frühen Morgen verderben?«

Fee stellte das Paket auf den Boden. Sie ballte die Hände zu Fäusten.

»Ganz meinerseits. Können Sie mir mal erklären, wieso jemand mit so viel Talent seine Anstellung leichtfertig auf’s Spiel setzt?«, fragte sie geradeheraus.

Ohne mit der Wimper zu zucken, stellte Lammers eine Flasche Desinfektionsmittel mit auf das Tablett.

»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen.«

Fees Lachen klang blechern.

»Dachten Sie wirklich, ich bemerke die Korrektur in Bernhard von Diepolds Akte nicht?«

Ein kurzer Blick streifte sie.

»Seit wann sind Sie ein Fan von Verschwörungstheorien?« Lammers machte sich auf den Weg zu seinem Patienten.

Felicitas starrte ihm nach.

»Sie haben etwas vergessen.« Sie deutete auf das Paket zu ihren Füßen.

»Keine Zeit. Ich hole es später.«

Gezwungenermaßen hob sie den Karton wieder hoch und heftete sich an seine Fersen. Ihre Schritte quietschten leise auf dem PVC-Boden.

»Wollten Sie verhindern, dass Bernhard von Diepold vom Elite-Gymnasium fliegt?«, zischte sie. »Vielleicht geht es aber auch um den guten Ruf der Familie. Ich frage mich nur, was Sie davon haben.«

Nun blieb Lammers doch stehen und drehte sich noch einmal um.

»Aber …«

Auch Fee blieb stehen. Sie hatte Mühe, über das Paket zu sehen.

»Sie haben Glück, dass Sie keine medizinischen Fakten verdreht, sondern nur den Unfallort verändert haben.« Ihre Stimme war leise. »Wenn so etwas noch einmal passiert, wird das Konsequenzen haben. Ihr chirurgisches Talent hin oder her.« Irgendwo klingelte ein Telefon. Das Paket auf einer Hand balancierend, fischte sie das Handy aus der Kitteltasche. Ohne Lammers aus den Augen zu lassen, nahm sie das Gespräch an. »Alles klar, Dan, ich bin sofort bei dir. Ich muss nur noch schnell ein Paket ausliefern.« Sie ließ das Handy wieder in der Tasche verschwinden und nickte ihrem Stellvertreter zu, ehe sie sich an ihm vorbei schlängelte. Ohne ein weiteres Wort marschierte sie davon. Auf eine Diskussion mit Lammers konnte sie getrost verzichten. Sollte er doch platzen vor Wut, dann wäre sie ihn endlich los!

Tatsächlich stand der Kinderchirurg da und starrte seiner Chefin nach. Das Spritzbesteck in der Nierenschale klapperte leise.

*

Dr. Daniel Norden streckte den Arm aus und legte den Hörer zurück auf den Apparat. Sein Blick fiel auf das Foto seiner Familie, das auf dem Schreibtisch neben einem Stifteköcher im Stoffmantel – ein Geschenk seiner jüngsten Tochter Dési – stand. Inspiriert von Felix‘ Ex-Freundin April hatte sie eine Zeit lang wie besessen genäht und jedes Familienmitglied mit originellen Geschenken bedacht. Fee in der Mitte des Fotos schien darüber zu lächeln. Daniel erwiderte ihr Lächeln, unendlich dankbar für ihre Unterstützung. Wäre sie nicht gewesen, hätte er die Herausforderung vielleicht nicht angenommen. Dann wäre ein anderer Chef der Behnisch-Klinik geworden. So aber gehörte ihm nun seit einigen Monaten das Büro mit dem Blick auf den Spielplatz im Garten, den er allerdings nur selten zu Gesicht bekam. Genau wie seine Frau. Deshalb arrangierte er so oft wie möglich private Treffen, eine halbe Stunde im ›Allerlei‹, ein Spaziergang im Klinikgarten.

Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken.

»Ah, da sind Sie ja, Frau Dr. Norden.« Er sprang vom Stuhl auf und kam seiner Besucherin entgegen. »Wie schön, dass Sie Zeit haben.«

»Was gibt es denn so Dringendes?« Fee musterte ihn von unten herauf. Sie liebte dieses Spiel zwischen ihnen. Doch ihr Lächeln war nicht so strahlend wie sonst.

»Wenn Ihr Mann, dieser Schuft, Sie schon derart vernachlässigt, muss ich mich wenigstens um Sie kümmern.« Daniel legte die Arme um ihre Schultern, zog sie aber nicht an sich. »Was ist? Irgendeine Laus ist dir über die Leber gelaufen.«

Fee zögerte. Einen Moment lang war sie versucht zu leugnen.

»Eher ein Elefant. Obwohl das eine Beleidigung für diese majestätischen Tiere ist.« Sie schnitt eine Grimasse. »Warum fragst du? Du kannst doch eh meine Gedanken lesen.«

»Das hatte ich ganz vergessen.« Daniel erwiderte ihr Lächeln. »Was hat Lammers, dieser Schuft, schon wieder angestellt?«

Fee zuckte mit den Schultern.

»Mir ist mal wieder bewusst geworden, dass der Kollege mich öfter an meine Grenzen bringt, als mir lieb ist.« Ein paar Haare kitzelten sie im Gesicht und sie pustete sie fort. »Und ehrlich gesagt auch darüber hinaus. Wenn er nicht unser bester Kinderchirurg wäre, hätte ich ihn längst an die frische Luft befördert.«

Zwischen Daniels Augen wuchs eine Falte.

»Was hat er getan, um dich zu dieser Erkenntnis zu bringen?«

»Das, mein Lieber, erzähle ich dir bei einer Tasse Kaffee und einer frischen Breze im ›Allerlei‹. Was meinst du? Ich kann mich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann wir das letzte Mal zusammen gefrühstückt haben.«

»Gut zu wissen, dass du auch Gedanken lesen kannst.« Daniel ging zum Schreibtisch, um den Geldbeutel einzustecken und das Telefon umzustellen.

Hand in Hand verließen sie das Büro. Die Assistentin Andrea Sander saß an ihrem Schreibtisch im Vorzimmer. Sie legte den Telefonhörer zurück auf den Apparat und hob den Kopf. Als sie die beiden ansah, huschte ein warmes Lächeln über ihr Gesicht.

Daniel erwiderte es.

»Wen Sie nichts dagegen haben, genehmigen wir uns eine kurze Pause.«

»Daraus wird leider nichts«, seufzte Andrea. Sie riss den Zettel vom Block und reichte ihn über den Schreibtisch. »Danny hat gerade angerufen und sich darüber beschwert, dass er Sie nicht erreichen kann.«

»Er scheint eine besondere Gabe zu haben. Ich habe mein Telefon erst vor einer Minute auf Sie umgestellt.«

»Ich werde ihn das nächste Mal danach fragen. Aber jetzt muss ich Sie leider in die Notaufnahme zu Dannys Patientin schicken. Rosa Berger hat sich beim Auswechseln einer Glühbirne den Arm verletzt. Er bittet Sie, einen Blick darauf zu werfen.«

Daniel sah zu seiner Frau hinüber.

»Klingt nach einem kurzen Intermezzo.«

»Ich komme mit. Nicht, dass Frau Berger dich zu einem Komplettcheck mit allem Drum und Dran überredet und du den Rest des Tages mit ihr beschäftigt bist.« Fee zwinkerte ihm zu.

»Das würde ich niemals riskieren.«

»Lieb von dir, dass du mich nicht verhungern lassen würdest.«

»Ehrlich gesagt hatte ich eher an deinen Zorn gedacht.« Hand in Hand spazierte das Paar den Flur entlang. »Wenn du hungrig bist, bist du gefährlicher als Volker Lammers in Bestform.«

Fees Lachen hallte über den Flur. Doch Daniels Gedanken waren schon weitergewandert.

»Und jetzt raus mit der Sprache! Mit welchen Mitteln treibt dich dein geliebter Stellvertreter an den Rand des Wahnsinns? Vielleicht kann ich ja noch etwas von ihm lernen.« Geschickt wich er dem Knuff seiner Frau aus.

»Vorsicht!«, warnte sie. »Danny freut sich bestimmt über die Unterstützung einer kompetenten Kinderärztin«, sagte sie mit hoch erhobenem Zeigefinger. »Aber um deine Frage zu beantworten: Lammers hat eine Patientenakte manipuliert. Es geht nur um einen Ort. Aber immerhin.«

Daniel blieb stehen.

»Bist du sicher?«

Fee war ein paar Schritte weitergegangen. Kurz vor der Notaufnahme drehte sie sich zu ihrem Mann um und taxierte ihn.

»Zweifelst du an mir?«

»Tut mir leid. Wie kommst du darauf?«

»Matthias hat es mir erzählt. Er war in der Notaufnahme, als Mutter und Sohn ankamen. Frau von Diepold hat sich in Widersprüche verstrickt und gestanden, dass der Unfall doch nicht zu Hause passiert ist. Ihr feiner Sohn hat Schule geschwänzt. Nun droht ihm ein Schulverweis. Lammers hat die Weiterbehandlung übernommen. Und siehe da, plötzlich taucht die alte Version in der Akte auf.«

»Warum sollte Lammers dieses Risiko eingehen?« Daniels Frage war berechtigt.

»Wer weiß, was sie ihm dafür versprochen hat«, murmelte Fee.

»Du weißt, dass das ein Grund für eine Disziplinarmaßnahme ist.«

Fee sah zu Daniel hoch.

»Ich habe mich meinem Mann anvertraut, nicht dem Klinikchef.«

»Verstehe.« Daniel seufzte. »Du willst die Angelegenheit selbst regeln.«

»Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen.« Felicitas drehte sich um und trat auf die Türen der Notaufnahme zu. Sie öffneten sich und schlossen sich ebenso lautlos wieder hinter ihnen.

*

Dr. Sophie Petzold schmiegte sich an den Körper und seufzte genüsslich. Sie hätte noch viel länger geschlafen, wäre da nicht die kleine, lästige Stimme in ihrem Kopf gewesen. Hatte sie recht, wenn sie ihr einflüsterte, dass das, was sie hier tat, nicht in Ordnung war? Dabei war ihr noch nie etwas richtiger erschienen als ihre Liebe zu dem Pfleger Jakob. Das Schicksal musste seine Hände im Spiel gehabt und ihm den Abszess ins Hirn gepflanzt haben. Sonst wären sie sich nie näher gekommen. Sonst hätte sie niemals heimlich schon so viele Nächte mit ihm im Krankenzimmer verbracht. Bisher war alles gut gegangen. Niemand wusste von dem Abenteuer.

Zumindest bildete sich die Assistenzärztin das ein. Deshalb beschloss sie, sich auch nicht um die Stimme in ihrem Kopf zu kümmern. Eine wütende Stimme zerriss die wohlige Ruhe.

»Petzold, verdammt noch einmal, wo stecken Sie schon wieder?«

Sophie fuhr aus Jakobs Armen hoch und griff nach dem Handy auf dem Nachttisch. Sie zitterte so sehr, dass es ihr aus der Hand rutschte. Mit einem dumpfen Patschen landete es auf dem PVC-Boden.

»Mist.« Sophie sprang hinterher.

»Was ist los?« Jakob blinzelte ins Tageslicht. »Ist was passiert?«

»Ich habe verschlafen. Weigand sucht mich schon«, flüsterte Sophie. Das Handy war auf das Display gefallen. Die Schutzfolie hatte es vor Schlimmerem bewahrt. »Ich muss weg hier.«

»Schade.« Jakob gähnte und rieb sich die Augen. »Kommst du bald wieder? Als meine behandelnde Ärztin musst du dich unbedingt um mich kümmern.«

In Windeseile schlüpfte Sophie in den Kittel und band die Haare mit einem Gummi zu einem schlichten Pferdeschwanz. Das musste als Styling genügen.

»Wie sehe ich aus?«

Jakob verschränkte die Hände hinter dem Kopf.

»Wie eine Frau, die eine heiße Liebesnacht hinter sich hat.«

»Blödmann«, schnaubte Sophie. Ihre Augen weiteten sich, als sich Schritte näherten. Ihr Blick fiel auf das Stethoskop auf dem Stuhl. Mit einem Satz war sie dort und griff danach. Gleichzeitig öffnete sich die Tür, und ihr Vorgesetzter Dr. Weigand steckte den Kopf herein.

»Dachte ich es mir doch«, fauchte er. »Falls Herr Sperling Sie als Privatärztin verpflichtet hat, hoffe ich nur, dass er gut bezahlt.«

Das Blut schoss Sophie in die Wangen.

»Ich kann mich nicht beklagen.«

Zum Glück war Matthias viel zu sehr mit seinem Ärger beschäftigt, als dass er Verdacht geschöpft hätte.

»Die Annahme von Bestechungsgeldern wird mit fristloser Kündigung geahndet. Aber darüber unterhalten wir uns später. Jetzt kommen Sie bitte mit. Der Chef braucht Sie in der Notaufnahme.«

»Natürlich.« Sophie schickte einen Blick in den Himmel und einen hinüber zu Jakob, ehe sie das Zimmer verließ und mit wehendem Kittel hinter Matthias her eilte.

»Rosa Berger ist Anfang sechzig und Patientin in der Praxis Dr. Norden«, erklärte der Chef der Notaufnahme auf dem Weg in die Ambulanz. »Verdacht auf eine Unterarmfraktur.«

»Schafft der Chef das nicht allein?«

Matthias Weigand blieb so abrupt stehen, dass Sophie um ein Haar in ihn hineingelaufen wäre. Einen Moment lang standen sich die beiden gegenüber.

Er sah die dunklen Sprenkel in ihren Augen und die Narbe unterhalb der Braue.

Ein Hauch ihres Parfums stieg Matthias in die Nase. Die Versuchung, sie in seine Arme zu reißen und zu küssen, war überwältigend. Eine Nierenschale klirrte. Er fuhr zu der Schwester herum, die auf dem Boden kniete und die Instrumente wieder einsammelte.

»Tut mir leid.«

»Das nächste Mal tun Sie Ihre Arbeit, statt Leute anzustarren«, herrschte er sie an.

Sie biss sich auf die Lippe und senkte rasch den Blick. Ohne eine Antwort abzuwarten, ging Matthias Weigand weiter. Das war auch für Sophie das Zeichen, sich wieder in Bewegung zu setzen.

»Ihre brandaktuellen Kenntnisse im Bereich der Medizin haben sich ja inzwischen herumgesprochen«, beantwortete er ihre Frage. »Wer weiß, vielleicht gibt es ja eine revolutionäre Technik, die der Chef von Ihnen lernen will.«

Am liebsten hätte Sophie ihm für diese beißende Bemerkung eine Ohrfeige verpasst. Oder wenigstens eine passende Antwort gegeben, die sich gewaschen hatte. Doch Sophie war klug genug, um zu wissen, dass beides sie ihren Job kosten konnte.

Glücklicherweise öffneten sich in diesem Augenblick die Schiebetüren zur Notaufnahme. Matthias Weigand verbeugte sich und machte eine einladende Handbewegung. Mit hoch erhobenem Kopf rauschte Sophie an ihm vorbei.

*

»Ich verstehe überhaupt nicht, warum meine Oma nie Bescheid sagt, wenn etwas im Haushalt zu tun ist.« Christian Berger stand neben der Liege. Rastlos fuhren seine manikürten Finger am Revers auf und ab. Das weiche Kaschmir beruhigte ihn. Rosa lehnte mit geschlossenen Augen an der schräg gestellten Lehne und hielt sich den verletzten Arm. Ein bunt gemustertes Halstuch diente als provisorische Schlinge.

Dr. Daniel Norden stand auf der anderen Seite an einem Beistelltisch und musterte den Enkel wortlos.

»Ich bin doch immer zur Stelle, wenn sie mich braucht. Wir gehen zusammen einkaufen, ich fahre sie zum Arzt. Alles. Aber nein, bei solchen Sachen ist sie zu stolz. Und das haben wir jetzt davon. Ohnmächtig ist sie geworden und vom Stuhl gefallen. Als könnten wir uns keinen Handwerker leisten. Ich finde es ja schön, dass sie sparsam ist, aber …«

Rosa Berger stöhnte, sagte aber nichts.

»Wir kümmern uns jetzt erst einmal darum, dass wir Ihrer Großmutter die Schmerzen nehmen.« Daniel Norden beugte sich zu ihr hinab. »Ist das in Ihrem Sinne?«

Die Seniorin zwinkerte ihm zu.

»Dr. Norden Junior hat mir schon etwas gegeben.«

»Ich weiß.« Daniel nickte lächelnd und hob den Zettel hoch, den Andrea Sander ihm in die Hand gedrückt hatte. »Hier steht alles drauf. Trotzdem lege ich Ihnen jetzt einen Zugang.«

»Du Arme«, mischte sich Christian wieder ein. »Du wolltest doch einfach nur die Glühbirne austauschen.«

Rosa starrte die Wand gegenüber an.

»Und jetzt haben wir den Salat.« Christian streckte die Hand aus und legte sie auf Rosas Arm.

Sie zuckte zurück und verzog das Gesicht. Und auch Dr. Norden hatte endlich genug von der Fürsorge des Enkels.

»Bitte warten Sie kurz draußen«, bat er den jungen Herrn Berger.

Christians Augen wurden schmal. Er beugte sich über Rosa. Als sie ihn immer noch keines Blickes würdigte, gab er auf.

»Also schön.« Zögernd ging er zur Tür. Immer wieder drehte er sich um und wäre um ein Haar mit der Assistenzärztin zusammengestoßen.

»Hoppla! Entschuldigung.«

»Hallo!« Sophie zwang sich ein Lächeln auf die Lippen und streckte die Hand aus. »Mein Name ist Dr. Petzold.« Sie reichte ihm die Hand. »Was ist passiert?«

Sofort gab Christian sein Vorhaben, das Zimmer zu verlassen, auf.

»Meine Großmutter ist von einem Stuhl gestürzt und hat sich am Arm verletzt.« Er sah hinüber zu Dr. Norden. »Ihr Kollege hat gesagt, ich soll draußen warten.«

»Der ›Kollege‹ ist der Klinikchef hier«, korrigierte Sophie den jungen Mann schnell. »Ich sage Ihnen Bescheid, sobald wir Näheres wissen.«

Endlich fügte sich Christian in sein Schicksal.

»Ich bin gleich wieder bei dir, Omalein!« An der Tür blieb er noch einmal stehen und winkte.

Daniel atmete auf, als er endlich verschwunden war. Er sah hinüber zu Sophie.

»Gut. Dann kommen Sie mal her und erklären mir, was Sie in diesem Fall unternehmen würden«, verlangte er. »Vielleicht wissen Sie etwas, wovon ich noch nie zuvor gehört habe.«

*

Volker Lammers wanderte im Büro des Verwaltungsdirektors auf und ab. Immer wieder fiel sein Blick auf die Zeiger der Wanduhr. Sie wanderten unerbittlich vorwärts.

Ein Sonnenstrahl fiel durch das geschlossene Fenster. Es war drückend warm im Zimmer. Staubkörner tanzten im Licht. Unschlüssig blieb er vor dem Sofa in der Besucherecke stehen. Sollte er es sich doch gemütlich machen? Er betrachtete das speckige, dunkelbraune Leder, den notdürftig geflickten Riss in einer Ecke, und entschied sich dagegen. Da wanderte er lieber noch länger über den Teppich, der auch schon bessere Tage gesehen hatte. Endlich beschloss Volker, dass er lange genug gewartet hatte, und ging zur Tür.

»Volker!« Lächelnd trat der Verwaltungsdirektor ein. »Entschuldige meine Verspätung.«

»Sagst du nicht immer, Zeit ist Geld?«, fragte Lammers und nahm nun doch auf der Ledercouch Platz.

»Wo drückt der Schuh?« Dieter Fuchs setzte sich ihm gegenüber. Er stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel, legte die Fingerspitzen aneinander und sah ihn fragend an.

»Es geht um die Akte von Diepold!«

Ein Strahlen erhellte Fuchs’ Gesicht.

»Victoria von Diepold ist überglücklich und sehr dankbar, dass wir die Angelegenheit auf diskrete Art und Weise regeln konnten. Eine sehr großzügige Frau.«

Doch das interessierte Lammers im Augenblick wenig.

»Du hast mir versprochen, dass mir kein Schaden aus der Geschichte entstehen wird.«

»Ich halte meine Versprechen.« Fuchs lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander und die Mappe auf, die er mitgebracht hatte.

»Dummerweise hat die Norden …«

Ohne von seinen Unterlagen aufzusehen, hob Dieter Fuchs die Hand.

»Frau Dr. Norden ist nicht die Klinikchefin.«

»Aber ihr Mann.«

»Ich spreche mit ihr und notfalls auch mit Dr. Norden. Er wird verstehen, dass wir dieser Frau unbedingt helfen mussten.« Dieter seufzte und sah nun doch hoch. »Schlimm genug, dass der kleine von Diepold den Segway seines Vaters an den Baum gesetzt hat. Und jetzt droht ihm zu allem Überfluss auch noch der Rauswurf aus der Schule.«

»Ist mir doch egal, was mit dem Dummkopf passiert«, schnaubte Lammers. »Mich interessiert viel mehr, was mit mir ist.«

»Du bekommst deinen Anteil. Zufrieden?«

»Nein, bin ich nicht. Ich dachte, du klärst das im Vorfeld mit den Nordens. Wie stehe ich jetzt da?« Lammers sprang auf. Er steckte die Hände in die Taschen seiner Arzthose und begann, im Zimmer auf und ab zu marschieren.

Der Verwaltungsdirektor klappte die Mappe zu.

»Seit wann interessiert es dich, was andere über dich denken? Abgesehen davon ist das hier sozusagen auch meine Klinik«, erinnerte er Lammers. »Das bedeutet, dass es hier auch immer um mich geht.«

Volker blieb vor ihm stehen und sah auf die Glatze hinab, über die Dieter ein paar kümmerliche Strähnen gekämmt hatte.

»Dann werde ich mich wohl endgültig nach einem anderen Arbeitsplatz umsehen müssen.«

Fuchs rollte mit den Augen.

»Meine Güte, jetzt benimm dich doch bitte nicht wie deine kleinen Patienten. Ich bringe das in Ordnung. Versprochen.« Er hatte noch nicht ausgesprochen, als die Bürotür zufiel. Der Schlüssel fiel aus dem Schloss und hüpfte mit leisem Klingeln über den Boden, bis er vom Schreibtischbein aufgehalten wurde.

*

»Ich hatte ganz vergessen, wie schön so ein gemeinsames Frühstück ist.« Fee streckte die Beine von sich. Als sie die Augen schloss und den Kopf zurücklegte, fiel ihr Haar über die Lehne. Ein Sonnenstrahl streichelte ihr Gesicht. Stimmengewirr vermischte sich mit dem allgegenwärtigen Rauschen der Wellen. Gleichmäßig pflügte der Ozeanriese durch das Wasser. Fehlte nur das Vibrieren der Motoren in ihrem Magen. Irritiert schlug Fee die Augen wieder auf. Fast ein wenig enttäuscht stellte sie fest, dass sie nicht an Deck eines Kreuzfahrtschiffes saß, sondern immer noch in der überdachten Halle der Behnisch-Klinik. Das Rauschen rührte vom Wasserfall, der sich aus dem oberen Stockwerk über künstliche, weiße Steinstufen nach unten ergoss. »Jetzt dachte ich kurz, wir wären wieder auf großer Fahrt. Weißt du noch, dieses schöne Café, wo man draußen unter Palmen sitzen und in die endlose Weite des Meeres sehen konnte?«

Daniel lächelte.

»Wie könnte ich das je vergessen?«

»Aber warum fällt mir das ausgerechnet jetzt ein? Und warum ist die Erinnerung so klar?« Sie wirkte einigermaßen verwirrt.

Das Lächeln auf Daniels Gesicht wurde breiter.

»Könnte es vielleicht am Geruch liegen?«

Fee zog eine Augenbraue hoch. Unwillkürlich hob sie die Nase ein wenig in die Luft. Ihre Augen wurden größer.

»Du hast recht! Der ist mir noch gar nicht aufgefallen.«

»Was riechst du?«

»Auf jeden Fall Salzwasser. Ein bisschen modrig, aber angenehm. Einen Hauch von Sonnencreme. Und dann …« Sie zögerte. »Wie riechen eigentlich Palmen?«

»Das, was du riechst, ist der Duft einer Dracaena Fragans. Das ist eine besondere Drachenbaumart«, klärte Daniel seine Frau auf. »Der Duft ihrer Blüten ist süß und schwer, ähnlich dem von echtem Jasmin.«

Felicitas legte den Kopf schief.

»Seit wann bist du unter die Botaniker gegangen?«

Kaum merklich richtete er sich auf und drückte die Schultern durch.

»Das habe ich beim Aromamarketing gelernt. Ich hatte mich schon gefragt, ob dir die Duftmischung überhaupt auffällt.« Seine Augen glänzten. »Aber wenn sie dir sogar unsere Kreuzfahrt wieder ins Gedächtnis ruft, ist sie ein durchschlagender Erfolg.«

Fees Verwirrung wuchs von Minute zu Minute.

»Aromamarketing?«

Zufrieden griff Daniel nach seiner Tasse und lehnte sich zurück.

»Eine Idee unseres Verwaltungsdirektors, die ich ausnahmsweise einmal gar nicht so schlecht finde.« Er trank einen Schluck Kaffee. »Du bist der lebende Beweis dafür, dass wir mit Gerüchen Erinnerungen und Gefühle verbinden. Ein Raumduft spricht Menschen emotional an und sorgt dafür, dass die Umgebung als angenehmer und ansprechender empfunden wird.«

»Eine interessante Idee. Das kann einem Krankenhaus wirklich nicht schaden.«

»Nicht wahr! Diesen simplen Trick will sich unser Sparfuchs zunutze machen. Er hat eine Firma beauftragt, verschiedene Düfte für die Klinik zu entwickeln. Sie werden über eine besondere Technik in der Lobby oder hier in der Einkaufsmeile versprüht.«

Felicitas lachte.

»So etwas Verrücktes habe ich schon lange nicht mehr gehört.«

»Als Frau vom Fach solltest du doch wissen, welche Wirkung Gerüche auf uns haben«, erwiderte Daniel. Plötzlich klang er verschnupft.

»Natürlich weiß ich das«, lenkte Fee schnell ein. »Mit verrückt meinte ich, dass Dieter Fuchs freiwillig Geld ausgibt. Schon gar für so einen Hokuspokus. So spendabel ist er doch sonst nicht.« Liebend gern hätte sie über die Gründe des Verwaltungsdirektors spekuliert. Allein ihr fehlte die Zeit dazu. Allmählich musste sie in ihre Abteilung zurückkehren. Sie stellte Tasse und Teller ordentlich zusammen und stand auf.

»Darüber habe ich mich ehrlich gesagt auch gewundert. Wer weiß, was dahinter steckt.« Daniel leerte seine Tasse und erhob sich ebenfalls. »Ich werde es herausfinden und dich an meinem Geheimnis teilhaben lassen.«

»Ich kann es kaum erwarten.« Fee hängte sich bei ihrem Mann ein, und unter munterem Plaudern durchquerten sie die Halle. Sie mündete in verschiedene Flure, wo sich ihre Wege vorläufig trennten.

*

Dr. Norden kehrte in dem Moment in das Behandlungszimmer zurück, in dem Dr. Sophie Petzold die Röntgenaufnahmen von Rosa Bergers Arm auf den großen Bildschirm im Behandlungszimmer projizierte.

Die Seniorin lag auf der Liege und lächelte hinüber zur Tür. Ihr Gesicht war bedeutend weniger faltig als noch vor einer Stunde.

»Sie sehen ja schon viel munterer aus.« Erfreut legte Daniel kurz die Hand auf ihre Schulter.

»Bei dieser netten Betreuung muss es einem ja besser gehen.« Sie nickte zu Sophie Petzold hinüber. »Allerdings sollten Sie der jungen Frau ab und zu einmal frei geben. Sie ist ja ganz blass um die Nase.«

»Soweit ich weiß, hat Frau Petzold ihren Dienst erst vor knapp einer Stunde angetreten. An mir liegt es also nicht«, erwiderte Daniel schmunzelnd, ehe er sich an die Assistenzärztin wandte. »Können Sie mir erklären, was sie dort sehen?«

»Natürlich.« Sophie räusperte sich. »Wir haben es hier mit einer distalen Fraktur zu tun. Dabei handelt es sich um einen handgelenksnahen Bruch der Speiche. Diese Art der Verletzung ist der häufigste Bruch des Menschen überhaupt.«

Daniel nickte zustimmend.

»Wie gedenken Sie diese Verletzung zu versorgen?«

»Da es sich um einen glatten Bruch handelt, schlage ich eine konservative Therapie vor.«

Rosa sah von einem zum anderen.

»Und was heißt das jetzt?«

»Dass Sie von uns einen schönen Gipsverband bekommen. Die Farbe können Sie sich sogar aussuchen«, versprach Daniel und wollte Sophie schon ans Werk schicken, als sein Blick abgelenkt wurde.

»Was haben Sie denn da angestellt?« Er deutete auf das lilafarbene Hämatom, das unter Rosa Bergers Kragen hervor blitzte.

»Das da?« Sie winkte ab. »Das ist schon älter. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wie das passiert ist.«

Daniel Norden zögerte.

»Nun gut. Wenn Sie keine weiteren Fragen haben, informiere ich jetzt Ihren Enkel über die weiteren Schritte.«

»Gehen Sie nur. Ich bin ja in bester Gesellschaft.« Rosa zwinkerte der Assistenzärztin zu.

In Gedanken versunken machte sich Daniel auf die Suche nach Christian Berger. Er musste nicht weit gehen.

Beim Anblick des Klinikchefs sprang der junge Mann von der Bank auf und lief ihm entgegen.

»Wie geht es meiner Großmutter?«

»Kein Grund zur Sorge. Sie hat eine Unterarmfraktur. Das tut zwar weh, ist aber nicht weiter gefährlich. Die Kollegin legt gerade einen Gipsverband an.«

Christian atmete auf.

»Ein Glück, dass es nichts Schlimmes ist.«

»Wie man es nimmt. Ein Knochenbruch ist niemals ein Spaß.«

»So meinte ich das ja auch nicht. Aber es hätte noch viel schlimmer kommen können. Immerhin ist sie vom Stuhl gefallen. Sie hätte sich den Oberschenkelhals brechen können.«

»Das ist richtig«, stimmte Daniel dem Enkel zu. »Um sicher zu gehen, dass wir auch ja nichts übersehen haben, habe ich auch noch eine CT angeordnet.«

Christian legte den Kopf schief.

»Sie denken, Oma ist doch schwerer verletzt?« Christians Atem ging schneller. »Was verschweigen Sie mir?«

Daniel hob die Hände.

»Eine reine Vorsichtsmaßnahme«, versicherte er. »Wie Sie selbst vorhin gesagt haben, ist Ihre Großmutter von einem Stuhl gefallen. Da ist es durchaus denkbar, dass sie sich innere Verletzungen zugezogen hat, die von außen nicht erkennbar sind.«

»Wenn Sie nichts finden, kann ich sie aber mit nach Hause nehmen, oder?«, fragte Christian.

Seine Meinung, die wie ein Fähnchen im Wind mal nach rechts, mal nach links flatterte, irritierte Daniel.

»Ehrlich gesagt möchte ich Frau Berger gern über Nacht hierbehalten. Immerhin ist sie ohnmächtig geworden. Das könnte ein Hinweis auf eine Gehirnerschütterung sein.«

»Das glaube ich nicht. So schlimm war der Sturz nun auch wieder nicht«, winkte Christian ab. Er beugte sich ein Stück vor. »Sie wissen doch, wie ältere Herrschaften so sind. Sie stehen ab und zu gern im Mittelpunkt und machen sich ein bisschen wichtig«, raunte er dem Klinikchef zu.

Daniel wich zurück und runzelte die Stirn.

»Diesen Eindruck habe ich bei Frau Berger überhaupt nicht. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen.« Er nickte dem jungen Mann zu und ließ ihn auf dem Flur stehen.

*

Auf den Klinikfluren herrschte rege Betriebsamkeit. Licht aus verborgenen Lampen beschien die Gesichter der Besucher, die geschäftig über den Gang eilten. Das Klappern der Sohlen und Schnalzen der Flipflops hallte von den Wänden wider. Genau wie das Raunen und Murmeln der Ärzte, die in einer Ecke zusammenstanden und erregt diskutierten. Zwei Schwestern bogen um die Kurve und positionierten ihren Wäschewagen neben Dr. Lammers’ Büro. Die beiden steckten die Köpfe zusammen.

»Wenn ich es doch sage! Ich habe es genau gesehen!«, raunte Josefa ihrer Kollegin zu. »Heute Nacht war die Petzold schon wieder bei Jakob.« Sie glucksten wie Kinder beim Versteckspiel.

»Ich habe die beiden vorgestern beinahe in flagranti erwischt.« Schwester Astrid wollte ihrer Kollegin in nichts nachstehen. »Obwohl die Petzold Spätschicht hatte, ist sie am frühen Morgen aus seinem Zimmer gekommen. Gerade als ich reingehen wollte.«

»Bist du sicher?«

»Ich habe im Dienstplan nachgeschaut.« Astrid sah sich um.

Polternde Schritte übertönten die Geräuschkulisse. Sie näherten sich rasch. Dr. Lammers bog um die Ecke.

»Werden Sie für’s Tratschen bezahlt oder für die Arbeit?«, fauchte er, ohne innezuhalten. Im nächsten Augenblick fiel die Bürotür hinter ihm ins Schloss, dass die Wände zitterten.

Josefa verdrehte die Augen gen Himmel.

»Au weia! Welche Laus ist dem denn schon wieder über die Leber gelaufen?«

Astrid nahm zwei Handtücher aus dem Wagen, um sie ins nächste Zimmer zu bringen.

»Vielleicht ist er eifersüchtig auf den hübschen Jakob«, mutmaßte sie, während ihre Hand über den flauschigen Stoff strich.

»Wir werden es leider nie erfahren«, seufzte Astrid und machte sich auf den Weg.

Im nächsten Moment rumpelte es. Ein Aufschrei ertönte, gefolgt von einem dumpfen Knall. Schlagartig verstummte das Summen im Klinikflur. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

Auch Fee Norden in ihrem Büro horchte auf. Im nächsten Moment war sie auf den Beinen und lief hinaus.

»War das Lammers?«, fragte sie in die erschrockenen Gesichter.

Astrid und Josefa nickten stumm und sahen der Chefin der Pädiatrie nach, wie sie in das Büro ihres Stellvertreters stürzte.

»Lammers! Was machen Sie denn da?«

Eingekeilt zwischen Paket und Schreibtisch zappelte ihr Stellvertreter wie ein Käfer auf dem Boden. Felicitas musste nur eins und eins zusammenzählen, um zu wissen, dass er über den Karton gestolpert sein musste. Doch wie das Paket dorthin gekommen war, davon hatte sie keine Vorstellung.

»Das haben Sie mit Absicht gemacht«, knurrte er. Er streckte die Arme nach ihr aus und zog sich Halt suchend an ihr hoch. Unter seinem Gewicht ächzte und schwankte Fee wie eine Tanne im Wind.

»Keine Angst. Ich hätte dafür gesorgt, dass Sie sich gleich den Hals brechen«, presste sie durch die Zähne. »Das Paket schien mir ungeeignet für diese Zwecke. Deshalb habe ich es auf den Schreibtisch gestellt.«

Als es Volker endlich gelungen war, sich aufzurichten, standen ihm Schweißperlen auf der Stirn. Er setzte den Fuß auf den Boden. Ein greller Schmerz durchzuckte ihn, ihm wurde schwarz vor Augen.

Als er sie wieder aufschlug, lag er auf einer Behandlungsliege. Bilder an den Wänden, leere Betten und überraschte Gesichter glitten an ihm vorüber.

»Was? Wo? Wohin … ?«

»Liegen bleiben! Wir sind gleich in der Radiologie.«

Kraftlos fügte sich Lammers in den Willen seiner Chefin. Er sank auf die Liege zurück und spürte dem pochenden Schmerz in seinem Bein nach.

»Das ist bestimmt gebrochen.« Er ballte die Hand zur Faust. »Das werden Sie mir büßen.«

»Gern geschehen. Es war mir ein Vergnügen, Ihnen zu helfen«, schnaubte Felicitas. Sie verlagerte das Gewicht nach links und lenkte das Bett millimetergenau um die Ecke.

»Ist das Ihre Art von Rache für die korrigierte Patientenakte?«

»Sie sollten nicht von sich auf andere schließen«, gab Fee ihm einen Rat und stemmte die Fersen in den Boden. In Schrittgeschwindigkeit fuhren sie auf die Glastüren zu.

Sie öffneten und schlossen sich gespenstisch leise. In der Radiologie wurden sie von grellem Neonlicht empfangen. Schnuppernd hob Fee die Nase.

»Hier könnten die Aromaspezialisten auch mal ans Werk gehen.«

»Es reicht, wenn die Leute in der Lobby und in der Ladenzeile beduftet werden.«

Fee spitzte die Ohren.

»Ach, Sie wissen davon?«

Am liebsten hätte sich Lammers selbst geohrfeigt. War es möglich, dass die Schmerzen sein Hirn lähmten?

»Ich habe gehört, wie sich Patienten darüber unterhalten haben.«

Seine Stimme verriet, dass er log. Fee öffnete den Mund, um nachzuhaken, als der Radiologe Dr. Witt zu ihnen trat.

»Dann wollen wir mal sehen, wo der Schuh drückt«, scherzte er.

Wenn Blicke töten könnten, wäre er auf der Stelle umgefallen. So aber griff er nach der Liege mit dem Kollegen darauf und verschwand hinter dicken Türen, nicht ohne Fee vorher zu versprechen, sie auf dem Laufenden zu halten.

*

»Haben Sie eine Ahnung, wo Frau Petzold schon wieder steckt?« Die Frage sprang ins Schwesternzimmer, noch ehe Matthias Weigand den Kopf zur Tür hereingesteckt hatte.

»Haben Sie es schon einmal beim schönen Jakob versucht?«, platzte Schwester Josefa heraus.

»Wollten Sie nicht die Bettschüsseln leeren?«, fragte Elena in ihrer Eigenschaft als Pflegedienstleitung.

Josepha rollte mit den Augen und machte sich auf den Weg. Elena sah hinüber zu Matthias.

»Schön, dich zu sehen, mein Lieber.« Sie lächelte freundlich. »Ich habe sie vorhin bei Frau Berger gesehen. Wohin soll ich sie schicken?«

Matthias Weigand dachte nach. Sophie zusammen mit Jakob? Diesen Anblick konnte er sich wahrlich ersparen.

»Schicke sie bitte in die Notaufnahme. Ich habe einen Job für sie.«

»Wird gemacht«, versprach Elena. Ihr engelsgleiches Lächeln begleitete den Internisten hinaus. Es erstarb in dem Moment, in dem er den Schritt über die Schwelle gesetzt hatte. Elena wartete noch kurz. Dann machte sie sich auf den Weg zu Jakob. Gehwagen und Rollstuhl warteten auf dem Flur vor seinem Zimmer darauf, abgeholt und im Lager verstaut zu werden.

»Was fällt euch eigentlich ein?«, herrschte sie den Pfleger an, kaum dass sie ins Zimmer gestürzt war.

Erschrocken riss er die Hände hoch.

»Gnade! Ich bin unschuldig.«

Trotz ihres Ärgers musste Elena lachen. Ihre Blicke flogen durch den Raum. Bevor sie die Tür schloss, sah sie links und rechts den Flur hinunter. Von den beiden Klatschbasen war nichts zu sehen.

»Du hast Glück, dass Sophie nicht hier ist. Sonst hättest du keinen Grund mehr zum Lachen.« Elena trat ans Bett und überprüfte Inhalt und Fließgeschwindigkeit der Infusion. Nur der Schlauch an Jakobs Hand und die ansehnliche Narbe am Kopf zeugten von der schweren Zeit, die er hinter sich hatte. »Was denkt ihr euch eigentlich dabei?«

»Ich verstehe nicht. Was meinst du?«

»Die ganze Klinik zerreißt sich das Maul über euch. Und du stellst solche Fragen?« Elena steckte die Hände in die Kitteltaschen und musterte den Pfleger eingehend. »Na ja, solange ihr hier die Nächte nicht gemeinsam verbringt, geht es mich nichts an. Ansonsten müsste ich die Sache dem Chef melden. Das wäre mir sehr unangenehm. Gutes Personal ist rar.«

Jakob senkte den Blick und knibbelte an einem Hautfetzen am Nagelbett.

»Botschaft angekommen«, murmelte er.

Elena seufzte.

»Dann kannst du mir jetzt vielleicht verraten, wo Sophie steckt. Matthias Weigand sucht sie.«

»Ehrlich, ich habe keine Ahnung. Seit heute früh habe ich sie nicht mehr zu Gesicht bekommen.«

Er schien die Wahrheit zu sagen, und Schwester Elena blieb nichts anderes übrig, als unverrichteter Dinge ins Schwesternzimmer zurückzukehren. Auf halbem Weg kam sie am Ruheraum der Ärzte vorbei. Einer Eingebung folgend drückte sie die Klinke herunter. Wie Milch ergoss sich das Licht über den schwarzen Zimmerboden. Ein feines Geräusch, als ob an einem Stuhlbein gesägt würde, erfüllte die Luft. Es dauerte einen Moment, bis sich Elenas Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Tatsächlich. Zusammengerollt wie ein Eichhörnchen lag die Assistenzärztin unten im Stockbett und schnarchte leise vor sich hin. Elena schloss die Tür und trat ans Bett.

»Frau Dr. Petzold!« Ein Seufzen, dann ging das Schnarchen weiter. Elena beugt sich hinunter. Diesmal verstellte sie die Stimme. »Hallo! Frau Petzold.« Sie klang fast wie Dr. Weigand.

Sophie fuhr hoch und knallte mit dem Kopf an den Lattenrost des oberen Bettes.

»Aua!«, quietschte sie und rieb sich das Horn, das blitzschnell auf ihrer Stirn wuchs.

Elena richtet sich auf.

»Guten Mittag, Frau Dr. Petzold. Wenn ich jetzt der Kollege Weigand wäre, wären Sie einen Kopf kürzer.«

»Und hätte keine Beule.«

Schwester Elena lachte.

»Wenigstens haben Sie Ihren Humor noch nicht verloren.« Sophie rappelte sich hoch. Sie schaltete das Licht ein und trat an den Spiegel, der über dem Waschbecken in der Ecke des ansonsten schmucklosen Raumes hing. Sie klopfte mit den Handflächen auf die blassen Wangen, dass es nur so klatschte. Die Schmerzen hätte sie sich sparen können.

»Gegen die Schlafstörungen rate ich Ihnen, die Nächte in Zukunft wieder im eigenen Bett zu verbringen.«

Im Bruchteil einer Sekunde brannten Sophies Wangen wie Feuer.

»Das liegt nicht daran. Ich bleibe doch nur bei Jakob, weil ich eh nicht schlafen kann.« Sie schickte Elena einen hilflosen Blick. »Dabei bin ich ständig müde.«

»Kommen Sie nachher zu mir, dann messe ich Ihren Blutdruck. Und jetzt sollten Sie schleunigst zu Dr. Weigand gehen. Er hat einen Job für Sie.«

Sophie Petzold schüttelte den Kopf.

»Geht nicht. Bestimmt sind die Bilder von Frau Berger fertig. Die muss ich dem Chef bringen. Er geht vor.« Sie wandte sich ab und tappte durch das Zimmer. An der Tür drehte sie sich noch einmal um.

»Und danke, Elena.«

Die stand mit den Händen in den Kitteltaschen da und sah der Assistenzärztin nach. Elena machte sich ihre ganz eigenen Gedanken zu ­Sophies Verfassung. Aber im Gegensatz zu ihren schwatzhaften Kolleginnen dachte sie nicht daran, auch nur ein Sterbenswörtchen darüber zu verlieren.

*

»Der Mittelfuß ist gebrochen?«

»Genauer gesagt die Knochen eins bis drei«, korrigierte Dr. Witt seine Kollegin Fee Norden am Telefon. »Ich schicke Ihnen die Aufnahmen rüber. Dann können Sie sich selbst ein Bild machen.«

»Danke.« Fee legte auf und ließ das Telefon zurück in die Kitteltasche gleiten. Sie stand in Lammers’ Büro und begutachtete den Unglücksort. »Ich möchte mal wissen, wie er das angestellt hat.«

Daniel stand zwischen Kiste und Schreibtisch.

Genau dort, wo Felicitas ihren Stellvertreter gefunden hatte. In Zeitlupentempo stellte er den Sturz nach. Fee stützte ihn dabei, so gut es ging. Am Ende lagen beide lachend auf dem Boden.

»Ein Glück, dass der gute Volker uns nicht sehen kann«, japste Felicitas. Sie stützte sich auf der Kiste auf und rappelte sich hoch. »Er würde mich bis ans Ende meiner Tage hassen.«

»Keine Sorge, das tut er ohnehin schon.« Daniel klopfte sich den Staub von der Hose. »Wenigstens wissen wir jetzt, dass er beim Rückwärtsfallen mit dem Fußrücken gegen die Schreibtischkante geknallt sein muss. Eine andere Erklärung gibt es nicht.«

Fee umrundete das Paket.

»Ich frage mich nur, wie dieses Ding dorthin gekommen ist. Ich habe es auf den Schreibtisch gestellt.«

»Sicher?«

»Ich leide noch nicht unter Alzheimer, falls du das denkst.« Sie musterte ihn aus schmalen Augen.

»Nicht sauer sein, Feelein.« Daniel streichelte ihr über die Wange. »Ich kümmere mich persönlich um unser Sorgenkind.«

»DAS willst du dir antun?«

»Habe ich eine Wahl?« Er küsste seine Frau, ehe sie das Zimmer verließen.

Fee sah ihm nach, wie er den Flur entlang Richtung Radiologie ging. Wie eine Friedensfahne wehte sein Kittel hinter ihm her. Der letzte Zipfel verschwand erst, als er schon um die Ecke gebogen war.

Dr. Norden suchte und fand den Kollegen in einem Behandlungszimmer der Orthopädie. Wie ein Platzregen trommelten Lammers‘ Finger auf der mit Plastik bezogenen Liege. Das Donnerwetter folgte auf den Fuß.

»Was wollen Sie denn hier? Ich warte auf den Kollegen Witt«, schnaubte Volker. Eine dreieckige Falte stand zwischen seinen Augen. Zwei grauschwarze Gewitterwolken hatten sich darüber zusammengebraut.

»Bis er Zeit für Sie hat, kann ich mir die Sache doch schon einmal ansehen.«

»Da gibt es nichts zu sehen.«

»Sie wissen doch selbst, dass Sie operiert werden müssen. Warum machen Sie sich und uns das Leben so schwer?«

Lammers verschränkte die Arme und starrte demonstrativ in die andere Richtung.

Wie seine kleinen Patienten!, ging es Daniel durch den Sinn.

»Was gibt es da zu lachen?«, schnaubte Lammers.

»Ich lache nicht. Ich überlege nur, wie ich Sie davon überzeugen kann, dass ich nur das Beste für Sie will.«

»Sie sind kein Orthopäde. Oder ist mir da etwas entgangen?« Lammers bleckte die Zähne. »Ich sage Ihnen, welches Spiel Sie spielen: Sie stecken mit Ihrer feinen Frau unter einer Decke und wollen sich wegen der Patientenakte an mir rächen.«

Daniel machte große Augen.

»Welche Patientenakte?«

Volker Lammers‘ Adamsapfel tanzte auf und ab. War es möglich, dass Norden wirklich so ahnungslos war, wie er vorgab zu sein?

»Also schön. Aber ich bestehe darauf, dass Kohler bei dem Eingriff dabei ist«, lenkte er schließlich ein. »Er ist einer der fähigsten Orthopäden, die ich kenne.«

»Ein Lob aus Ihrem Munde?«, entfuhr es Daniel Norden.

Lammers verzog das Gesicht.

»Wann können wir anfangen?«

»Morgen früh?«, machte Daniel einen Vorschlag.

»Warum nicht sofort? Ich habe keine Lust, hier länger als nötig im eigenen Saft zu schmoren.«

Daniel Norden griff nach dem Tablet auf dem Tisch. Ein paar Tastenklicks später hatte er Gewissheit. Termin reihte sich an Termin. Es gab nur eine Möglichkeit.

»In der nächsten Stunde steht nur eine Besprechung mit Fuchs auf dem Plan«, dachte er laut nach. »Die kann ich auf später verschieben.«

»Wenn ich gewusst hätte, wie hart die Arbeit als Klinikchef ist, hätte ich mich um den Posten gerissen.« Nur ein Zucken um die Mundwinkel verriet, dass Lammers scherzte. Daniel lachte pflichtschuldig. Die Spatzen pfiffen es von den Dächern, dass der Kinderchirurg schon an seinem und Fees Stühlen gesägt hatte, bevor die ­Tinte unter seinem Vertrag getrocknet gewesen war.

*

Sophie Petzold hatte sich nicht geirrt. Die Aufnahmen von Frau Berger waren fertig. Sie ging an den Tresen und bat eine Schwester, den Klinikchef zu informieren. Sie selbst machte sich auf den Weg zu der Seniorin. Ein Rettungssanitäter kam ihr entgegen und bog vor ihr in einen der Gänge ab. Zwei Pfleger schoben ein Bett vor sich her. Mit einem Hüftschwung schlängelte sich Sophie an dem Transport vorbei. Der Widerstand, gefolgt von einem leisen Ratschen, bremste sie.

»Heute ist wirklich nicht mein Tag.« Seufzend betrachtet sie den Riss in der Kitteltasche.

»Sie haben sich den Kittel zerrissen, Kollegin Petzold.« Christine Lekutat kam ihr grinsend entgegen. Wie immer musste Sophie beim Anblick der Chirurgin an ein Nilpferd denken.

»Sie irren sich. Das ist die neueste Mode.« Sie warf den Kopf in den Nacken und stürmte auf Rosa Bergers Zimmertür zu. Sie klopfte. Gleichzeitig drückte sie die Klinke herunter. Nur einen Augenblick später griff eine eiskalte Hand nach ihrem Herzen.

»Frau Berger! Hallo Frau Berger!«

Der Kopf der Patientin lag auf der Seite. Die Augen waren geschlossen, der Mund stand halb offen. Sophie packte Rosas Handgelenk. Sie starrte auf die Armbanduhr. Ihre Lippen bewegten sich lautlos.

»Der Puls rast.« Mit der einen Hand zog sie eines von Rosas Augenlidern hoch, mit der anderen tastete sie nach dem Handy. Obwohl es nur drei Zahlen waren, vertippte sie sich mehrfach, bis sie endlich die richtige Nummer erwischte.

»Petzold hier. Haben Sie den Chef gefunden?«, fragte sie atemlos in den Hörer.

»Tut mir leid. Der ist im OP.«

»Mist!«, fluchte Sophie, drückte das Gespräch weg und wählte eine andere Nummer.

»Petzold, na endlich! Ausgeschlafen?« Matthias Weigands Stimme triefte vor Spott.

»Selten so gelacht, hahaha«, schnaubte sie. »Frau Berger ist ohnmächtig. Kommen Sie oder soll ich einen anderen Witzbold rufen?«

»Warum so aggressiv? Läuft es etwa nicht mit Jakob?«, entfuhr es ihm. Er legte schnell auf, bevor sie Gelegenheit hatte, etwas zu erwidern. »Idiot!« Er verpasste sich selbst eine Ohrfeige, ehe er sich im Laufschritt auf den Weg machte, um zu retten, was zu retten war.

*

Die Sohlen von Christian Bergers Schlangenlederschuhen klapperten auf dem PVC-Boden. Verliebt sah er hinunter, bewunderte die Musterung des exquisiten Leders, die spitz zulaufende Form, und wäre um ein Haar mit einer Krankenschwester zusammengestoßen. Rosas Reisetasche rutschte von seiner Schulter und klatschte auf den Boden.

»Können Sie nicht aufpassen?«, herrschte er die junge Schwester an.

»Tut mir leid.« Mit glühenden Wangen bückte sie sich und reichte ihm die Tasche.

»Das will ich auch hoffen.« Christian sah ihr kurz nach, ehe er an den Tresen trat. »Entschuldigung. Ich habe meiner Großmutter ein paar Sachen für die Nacht mitgebracht.«

Schwester Tina lachte auf.

»Oder auch für mehrere.«

»Hoffentlich nicht. Obwohl das hier ein sehr schönes Haus ist. Wie ein Hotel.« Christians Blick wanderte über den lackweißen Tresen mit den Absetzungen in Nussbraun. Aus einer edlen Vase ragte ein einzelner Baumwollblütenzweig. Daneben lagen vom häufigen Auf- und Zuschlagen mitgenommene Akten. »Fast.«

Kaum merklich zog Schwester Tina eine Augenbraue hoch.

»Wie heißt Ihre Großmutter denn?«

»Berger. Rosamunde Berger.«

Die Tastatur klapperte leise. Tinas Gesicht wurde vom Licht des Bildschirms angestrahlt. Sie sah kurz hinauf zu Christian und gleich wieder weg.

Seine Fingerspitzen tanzten auf dem Tresen.

»Stimmt was nicht?«

Tinas Miene entspannte sich.

»Hier habe ich sie ja. Frau Berger ist gerade aus dem CT zurückgekommen. Zimmer 112.« Sie deutete quer über den Flur auf den Menschenstrom, der sich eben auf den Flur ergoss. »Sie können gern den Aufzug nehmen. Erster Stock, links den Gang hinunter.«

»Danke.« Christian schulterte die Tasche und machte sich auf den Weg.

Er bog in dem Moment um die Ecke, als Sophie Petzold mit Hilfe eines Pflegers das Bett aus dem Zimmer schob. Von der anderen Seite des Flurs eilte Dr. Weigand herbei. Bei Rosa angekommen, blieb er stehen und zückte eine Taschenlampe, mit der er ihr in die Augen leuchtete.

»OP drei vorbereiten.« Er sah kurz zu Sophie hinüber. »Sie assistieren.«

Verdutzt zog sie das Handy aus der Tasche. Der Tross setzte sich in Bewegung. In diesem Moment erreichte Christian den Krankentransport. Er heftete sich an Sophies Fersen.

»Oma!«

Sophie Petzold presste das Telefon ans Ohr.

»Wir müssen intubieren«, soufflierte Matthias ihr.

»Sophie Petzold hier. Wir haben einen Patienten mit Verdacht auf innere Blutungen für OP drei. Danke.«

Die Tasche tanzte auf Christians Schulter.

»Was ist los? Was ist mit meiner Großmutter?«

Matthias sah zu Sophie hinüber. Sie verstand die stumme Aufforderung und drehte sich zu Christian um.

»Beruhigen Sie sich.« Sie legte ihm die Hände auf die Schultern. »Es gab Komplikationen. Machen Sie sich keine Sorgen. Wir kümmern uns um Ihre Großmutter.« Sie wandte den Kopf und sah und dem Transport nach. Dr. Weigand rangierte das Bett in den Fahrstuhl.

»Soll das ein Witz sein?«, schnaubte Christian.

»Tut mir leid.« Sophie hatte keine Zeit mehr. Sie spurtete los. Mit einem Sprung landete sie im Aufzug. Im nächsten Augenblick schlossen sich die Türen hinter ihr. Ruckelnd setzte sich das chromglänzende Gefährt in Bewegung.

»Alle Achtung. Ich sollte Sie zum deutschen Sportabzeichen anmelden«, scherzte Matthias.

Sophie schnitt eine Grimasse.

»Tun Sie, was Sie nicht lassen können.« Sie hoffte, dass er die Ader an ihrer Stirn nicht bemerkte, die immer dann pulsierte, wenn sie sich über Gebühr anstrengte. Wenigstens dieses eine Mal ging ihr Wunsch in Erfüllung, und Matthias wandte sich wieder seiner Patientin zu, die aussah, als ob sie schliefe.

*

»Mach dir keine Sorgen, Feelein. Das kriegen wir schon wieder hin«, versicherte Dr. Norden auf dem Weg in die Orthopädie. »Sobald die Tat vollbracht ist, gebe ich dir Rückmeldung.« Er nickte und lächelte. »Ich dich auch.« Er steckte das Telefon ein und machte vor dem Fahrstuhl Halt. Schnurrend glitten die Türen auf und gaben den Blick frei auf den Verwaltungsdirektor.

»Ah, Herr Dr. Norden! Das ist doch nicht nötig, dass Sie mich zu unserer kleinen Besprechung abholen.« Er schien ein paar Zentimeter zu wachsen und trat aus dem Aufzug.

Die Besprechung! Daniel stöhnte auf.

»Tut mir leid. Ich habe völlig vergessen, Sie zu informieren. Mir ist etwas Wichtiges dazwischengekommen. Ich bin sehr in Eile.«

»Kein Problem, mein Lieber, kein Problem.« Dieter hob die Hände. »Wir müssen nur eine Winzigkeit besprechen. Es dauert auch nicht lange.«

Seine Freundlichkeit hätten im Normalfall längst sämtliche Alarmglocken ausgelöst. Nicht so in diesem Moment. Daniel Norden trat von einem Fuß auf den anderen.

»Hat das nicht Zeit bis später?«

Dieter Fuchs zog die Mundwinkel herab.

»Habe ich nicht neulich erst den Investitionsantrag für ein hochmodernes Ultraschallgerät unterschrieben?«

Daniel verdrehte die Augen. Er brauchte eine neue Strategie.

»Hören Sie. Vielleicht interessiert es Sie zu hören, dass unser geschätzter Kollege Lammers unglücklich in seinem Büro gestürzt ist.«

Seine Worte hatten die erhoffte Wirkung.

»Du liebe Zeit! Ausgerechnet Lammers. Wie ist das passiert?«

»Er ist über ein Paket mit unbekanntem Inhalt gestolpert und so unglücklich gestürzt, dass ein chirurgischer Eingriff unerlässlich ist. Ich bin gerade auf dem Weg in den OP. Wollen Sie mitkommen und ­zusehen?« Er deutete auf die Aufzugtüren, die sich erneut öffneten.

Fuchs verzog das Gesicht.

»Gott bewahre! Das erledigen Sie mal schön selbst.« Er wischte sich die Hände am braunen Cordsakko ab. »Nicht umsonst habe ich Gesundheitswesen und nicht Medizin studiert.« Den Falten auf seiner Stirn war anzusehen, dass ihm ein anderer Gedanke in den Sinn kam. »Aber warum erfahre ich erst jetzt von dem Unfall? Sie müssen dringend an Ihrer Kommunikation arbeiten«, erklärte er mit hoch erhobenem Zeigefinger.

Daniels Fußspitze zuckte auf und ab. Er warf einen Blick auf die Armbanduhr.

»Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen. Die Kollegen warten auf mich.«

»Also gut. Dann verschieben wir meine Angelegenheit auf später.« Zögernd gab Fuchs den Weg frei.

»Danke. Ich weiß Ihren Großmut zu schätzen.«

Täuschte sich Dieter oder lag ein Anflug von Spott in Daniel Nordens Miene? Ehe er sich aber darüber klar werden konnte, schoben sich die Aufzugtüren zwischen sie.

*

Bei jedem Herzschlag gab das EKG einen pulsierenden Ton von sich. Das Beatmungsgerät, das mit dem Tubus verbunden war, rauschte leise vor sich hin. Die Luft schmeckte nach Desinfektionsmitteln und Medikamenten. Daniel sah zu seinem Kollegen Bernhard Kohler hinüber und nickte ihm zu. Die Schleife der Maske kratzte ihn im Nacken. Doch darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen.

»Dann wollen wir mal.« Er sah hinüber zum Bildschirm, auf dem ihnen Volker Lammers‘ Mittelfuß entgegen strahlte. »Was schlagen Sie vor?«

Dr. Kohler betrachtete das Bild eingehend.

»Wir müssen die verschobenen Frakturfragmente repositionieren und fixieren. Am besten mit Kirschnerdrähten. Anschließende Stabilisierung mit Minischrauben.«

»Wie schade, dass der Kollege Lammers Sie nicht hören kann. Er wäre zufrieden mit Ihnen.«

»Ein Glück, dass er schläft.« Die Haut um Bernhards Augen kräuselte sich. Er machte eine leichte Verbeugung. »Bitte, Chef, setzen Sie den Schnitt.«

»Da hat der Kollege Klaiber auch noch ein Wörtchen mitzureden.« Daniel sah hinüber zum Anästhesisten.

»Blutdruck 110 zu 85. Herzfrequenz 100.«

»Also schön.« Dr. Norden räusperte sich. Er streckte die Hand aus. Die Operationsschwester legte das Skalpell hinein. Er schloss kurz die Augen und holte tief Luft. Vergeblich wartete er auf die Woge der Ruhe, die ihn normalerweise unmittelbar vor Operationen durchflutete. Warum wunderte ihn das? Hatte er nicht vorher schon gewusst, dass dieser Eingriff anders sein würde als alle anderen? Daniel ahnte mehr, dass das Skalpell zitterte, als dass er es sah. Mit einem schnellen Blick versicherte er sich, dass die Augen der Kollegen auf dem Bildschirm über dem Operationstisch ruhten. »Lassen wir die Spiele beginnen.« Er beugte sich über den schlafenden Lammers. Im taghellen Licht der OP-Lampe glänzte Daniels Stirn. Beherzt setzte er den Schnitt.

Dr. Kohler stand ihm gegenüber und wartete auf seinen Einsatz.

»Wie sage ich immer? Ein Chirurg ist wie ein Zimmermann. Er braucht nur ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl.«

»Eine schöne Metapher.« Die Falte zwischen Daniels Augen glättete sich ein wenig. Er nahm sich vor, dem Orthopäden nach diesem Eingriff ein Bier auszugeben. »Jetzt sind Sie dran.«

Er nickte Kohler zu und trat einen Schritt zurück. Die Schwester trat zu ihm und tupfte die Schweißperlen weg.

Er nickte ihr zu, ehe er sich wieder auf den Eingriff konzentrierte und darauf, den Kollegen bestmöglich zu unterstützen.

*

Schwester Elena stand mit zwei Kollegen am Tresen zusammen und blätterte durch einen Ordner.

»Wie wäre es mit dem da?« Pfleger Valentin tippte mit dem Zeigefinger auf eine der Seiten.

»Nein.« Elena schüttelte den Kopf.

»Und das hier? Das sieht extravagant aus«, fragte Schwester Ilona.

»Auch nicht. Zu extravagant für meinen Geschmack.«

Valentin schnaubte.

»Dann bin ich raus. Das andere gefällt mir nicht«, beschloss er.

»Typisch Mann. Wenn er nicht seinen Willen bekommt, spielt er die beleidigte Leberwurst.« Ilona schoss wütende Blicke wie Blitze auf ihn. »Wegen dir habe ich schon auf meine fliederfarbenen Handschuhe verzichtet.«

»Ruhig, Kinder, es geht hier lediglich um ein Mittagessen.« Aus den Augenwinkeln bemerkte Elena ein bekanntes Profil.

Die Hände in den Kitteltaschen, schlenderte Felicitas mit gesenktem Kopf über den Flur.

Ohne aufzusehen, ging sie am Tresen vorbei.

»Mahlzeit, Frau Dr. Norden«, rief Elena ihr nach.

Fee blieb stehen und sah sich um. Es dauerte einen Moment, ehe sich ihre Lippen zu einem Lächeln durchringen konnte.

»Entschuldige, ich habe dich nicht bemerkt.«

»Ach, wirklich? Das ist mir gar nicht aufgefallen.« Elena zwinkerte ihrer Freundin zu und winkte sie zu sich. »Du bist unsere Losfee und entscheidest, bei wem wir heute unser Mittagessen bestellen.«

Verwundert sah Fee von einem zum anderen.

»Warum geht ihr nicht zu Tatjana ins ›Allerlei‹?« Noch immer wirkte sie wie eben aus tiefem Schlaf erwacht.

»Immer nur Kuchen und Gebäck ist auf Dauer auch langweilig«, murrte Valentin. »Ein richtiger Mann braucht hin und wieder ein ordentliches Stück Fleisch.«

Ilona verzog den Mund.

»Als ob ein Burger auch nur ­annähernd etwas mit Fleisch zu tun­ hätte.« Sie sah in die Runde. »Wer ist noch für Sushi? Finger hoch.«

»Lest ihr keine Zeitung?«, schnaubte Elena. »Neulich hat sich die halbe Belegschaft einer Firma eine Fischvergiftung eingefangen. Wenn uns so etwas passierte, könnten wir dicht machen.« Sie wandte sich wieder an Fee. »Auf was hast du Lust? Burger? Chinese? Italiener?«

»Seid mir nicht böse, Kinder. Aber ich bringe keinen Bissen herunter.«

»Sie sind doch nicht etwa schwanger?«, platzte Valentin heraus.

Nun musste Fee doch lachen.

»Vielen Dank für das Kompliment. Aber aus diesem Alter bin ich hoffentlich heraus.«

»Ich meinte ja nur … weil Sie so blass sind, keinen Appetit haben …«

Mit einer Geste stoppte Fee seine Mutmaßungen.

»Wenn alle appetitlosen, blassen Frauen an dieser Klinik schwanger wären, hätten wir ein echtes Personalproblem.«

Sie sah Schwester Josefa nach, die mit gesenktem Kopf am Tresen vorbei eilte, als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her.

»Keine Sorge, die ist nur wütend auf mich«, erklärte Elena. »Und was das Essen angeht: Wir werfen eine Münze.«

Mit dieser salomonischen Entscheidung waren alle zufrieden.

»Zahl ist Burger, Wappen ist Chinese.« Valentin zauberte ein Euro-Stück aus der Tasche.

»Bestellt irgendwas für mich mit. Ich bin so hungrig, ich esse sogar eine Pappschachtel«, bat Elena. Sie machte sich ernsthafte Sorgen um ihre Freundin. Sie winkte Fee mit sich ins Schwesternzimmer und schloss die Tür. »Raus mit der Sprache! Was ist los mit dir? Leugnen zwecklos. Wenn du das Essen verweigerst, stimmt etwas nicht.«

Diese Ansage genügte, um jeden Widerstand in Fee zu brechen. Seufzend sank sie auf die Lehne eines Stuhls und verschränkte die Arme.

»Ich mache mir solche Vorwürfe«, murmelte sie.

»Wie bitte?«

»Ich«, Fee deutete auf sich. »Vorwürfe!«

»Schon gut, ich habe dich schon verstanden. Rein akustisch. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass du heute auf dem OP-Plan gestanden hättest. Für das Ableben eines Patienten kannst du also kaum verantwortlich sein.« Elenas kleiner Scherz verfehlte sein Ziel.

Felicitas fuhr sich über die Augen.

»Es ist wegen Lammers. Diese Kiste, über die er gestolpert ist. Was, wenn ich sie versehentlich doch auf den Boden gestellt habe?« Ihre Verzweiflung war echt.

Elena sah es an ihrem Gesicht, hörte es an ihrem Tonfall.

»Du tust ja gerade so, als ob er tot wäre.« Sie packte Felicitas an den Schultern und schüttelte sie. Das Kettchen um ihren Hals hüpfte im Takt dazu. »Hallo! Er hat sich nur den Fuß gebrochen. Sei doch froh. Dann hast du wenigstens ein paar Wochen Ruhe vor ihm.«

»Aber es sieht so aus, als ob ich das mit Absicht getan hätte. Dabei stimmt das gar nicht.« Fee klang wie ein kleines Kind, das seine Puppe verloren hatte. Tatsächlich schimmerte es verdächtig in ihren Augen. »Dan ist gerade im OP. Ich darf gar nicht darüber nachdenken, was ist, wenn irgendwas schief geht. Dann sind wir beide unseren Job los. Und ich bin schuld«, schluchzte sie auf.

Als zweifache Mutter musste Elena nicht lange darüber nachdenken, was zu tun war. Traurige, verzweifelte Menschen brauchten immer dasselbe. Egal, ob groß oder klein. Sie legte die Arme um ihre Freundin, zog sie an sich und wartete geduldig darauf, dass das Beben der Schultern weniger wurde und schließlich ganz aufhörte.

*

»Blutdruck 118 zu 99. Die Herzfrequenz hat sich normalisiert.«

Dr. Weigand atmete auf.

»Das sieht doch schon mal besser aus.«

Das gleißende Licht der Operationslampe war auf das Operationsfeld gerichtet, das wie eine Insel in einem Meer aus blauen Tüchern lag.

»Frau Petzold, Sie müssen lernen, in kritischen Situationen ruhiger zu werden.« Das Operationsbesteck in seinen Händen klapperte leise.

Sophie nickte, ohne aufzusehen. Sie blinzelte ein paar Mal hintereinander.

»Das muss ich noch üben.«

Matthias zog eine Augenbraue hoch.

»Das kommt mit der Übung«, versprach er ungewöhnlich freundlich. »Bis dahin sollten Sie versuchen, sich die Ruhe einzureden. Autosuggestion nennt man das.« Er warf einen schnellen Blick hinüber zur Operationsschwester. »Mehr saugen! Weiter rechts. Danke.« Die Falten auf seiner Stirn glätteten sich. »Frau Petzold, lösen Sie die Haken. Jetzt sollte nichts mehr passieren.«

Schweigend führte Sophie den Befehl aus. Alles blieb ruhig. Danach drehte sie den Kopf von rechts nach links, hob und senkte die Schultern.

Um sie nicht anzustarren, sah Matthias hinüber zum EKG. In schönster Regelmäßigkeit fuhr ein Punkt die bunten Linien hinauf und herab. Wie eine Achterbahn!, ging es ihm durch den Sinn. Matthias nickte zufrieden.

»Das war knapp. Frau Berger hat viel Glück gehabt.«

Die Klemmen klirrten leise, als Sophie sie in die Nierenschale legte, die die Operationsschwester ihr hinhielt.

»Wenn Sie bitte zumachen würden.« Er nickte ihr zu.

Sophies Augen wurden rund. Sie sah ihm zu, wie er den Operationstisch umrundete.

»Kein Problem.« Wie von Zauberhand wurden ihr Nadel mit Faden und Nadelhalter gereicht. Sie beugte sich über die offene Wunde. Gleichzeitig spürte sie Matthias‘ Wärme in ihrem Rücken. Irritiert drehte sie sich noch einmal um. Er stand nur wenige Zentimeter hinter ihr. Fast meinte sie, seinen Herzschlag spüren zu können.

»Vielen Dank, Sophie.« Seine Stimme war heiser. »Ohne Ihr schnelles Handeln wäre Frau Berger verloren gewesen.«

Ein Lob aus Matthias Weigands Mund? Sophie traute ihren Ohren kaum. Der Boden unter ihren Füßen schwankte.

»Gern geschehen«, murmelte sie und lehnte sich nach vorn.

Der Operationstisch fing sie mit seiner starken, kühlen Umrandung auf und stützte sie. Ein leises Schnurren verriet, dass Dr. Weigand den OP verlassen hatte.

*

»Es ist alles gut gegangen. Wenn du willst, können wir ihn besuchen«, verkündete Daniel Norden mit lachender Stimme am Telefon. Im nächsten Augenblick wäre ihm um ein Haar das Handy aus der Hand gefallen. Er befürchtete, einen Hörsturz erlitten zu haben. Sein Ohr war taub und klingelte.

»O Dan, du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich bin.«

»Doch, das kann ich«, versicherte er und rieb sich das schmerzende Ohr. »Ich mache mich jetzt auf die Suche nach einem guten HNO.«

»Stell dich nicht so an!« Noch immer überschlug sich Fees Stimme vor Erleichterung. »Das wird schon wieder. Ich bin in drei Minuten bei euch.« Sie drückte das Gespräch weg und machte sich auf den Weg.

Atemlos erreichte sie ihr Ziel. Sie beugte sich nach vorn, eine Hand in die Seite gepresst.

Daniel lehnte vor dem Wachraum an der Wand.

»Drei Minuten achtundvierzig. Gar nicht schlecht für eine alte Frau.« Mit einem Hüftschwung wich er ihrem Boxhieb aus. Langsam kam Fee wieder zu Atem. Sie richtete sich auf und funkelte ihn an.

»Alte Frau! Dir werde ich helfen.«

»Das war nur die Retourkutsche für mein Ohrleiden.« Ein Heiligenschein schwebte über seinem Kopf. »Aber darüber können wir uns später noch streiten. Lammers erwartet uns schon sehnsüchtig.«

An seiner Stimme erkannte Fee, dass auch ihr Mann unendlich erleichtert war über den guten Ausgang der Operation. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Daniel zwinkerte ihr zu, bevor sie Seite an Seite den Raum betraten.

Mit geschlossenen Augen lag Volker Lammers im Bett, den Kopf zur Seite gewandt. In diesem Zustand wirkte er harmlos, fast sympathisch. Fee hielt die Luft an, als sie neben ihrem Mann ans Bett trat. Sie verschränkte die Hände und knetete die Finger.

Volker blinzelte ins Tageslicht, das durch die Lamellenjalousien gedämpft wurde.

»Sie? Sind Sie sadistisch veranlagt, oder warum können Sie mich einfach nicht in Ruhe lassen?«, krächzte er und wandte den Kopf wieder ab.

»Na schön. Dann erzähle ich Ihnen eben nicht, dass die Operation gut verlaufen ist.« Daniel nickte Fee zu und wollte zur Tür gehen.

»Wenn Sie schon mal hier sind, können Sie auch bleiben.« Volker winkte die beiden zurück ans Bett. »Also, was ist mit meinem Fuß?«

»Der Kollege Kohler hat ein paar hübsche Drähte und Minischrauben verbaut und die Bruchstücke damit anatomisch korrekt ausgerichtet. Wenn im weiteren Verlauf keine Komplikationen auftreten, sind Sie in ungefähr acht Wochen wieder voll einsatzbereit.«