E-Book: 41 - 46 - Patricia Vandenberg - E-Book

E-Book: 41 - 46 E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Im Sonnenwinkel ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplätze sind der am Sternsee gelegene Sonnenwinkel und die Felsenburg, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Wundervolle, Familienromane die die Herzen aller höherschlagen lassen. E-Book 41: Wird mein Kind mir bleiben? E-Book 42: Veilchen für Veronica E-Book 43: Es ist nicht leicht, berühmt zu sein E-Book 44: Ein Kind und keine Heimat E-Book 45: Für dich will ich leben E-Book 46: Niemand weiß von meinem Schmerz E-Book 1: Wird mein Kind mir bleiben? E-Book 2: Veilchen für Veronica E-Book 3: Es ist nicht leicht, berühmt zu sein E-Book 4: Ein Kind und keine Heimat E-Book 5: Für dich will ich leben E-Book 6: Niemand weiß von meinem Schmerz

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Seitenzahl: 843

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Wird mein Kind mir bleiben?

Veilchen für Veronica

Es ist nicht leicht, berühmt zu sein

Ein Kind und keine Heimat

Für dich will ich leben

Niemand weiß von meinem Schmerz

Im Sonnenwinkel – Jubiläumsbox 8 –E-Book: 41 - 46

Patricia Vandenberg

Wird mein Kind mir bleiben?

Eine junge Frau kämpft um ihr Glück

Roman von Patricia Vandenberg

»Na, wie geht es, Schwesterchen?«, begrüßte Fabian Rückert seine Schwester Stella.

»Gut, gewöhnt euch langsam daran«, erwiderte die junge Frau Auerbach lächelnd.

Ein wenig blass sah sie noch aus, denn sie hatte gerade erst eine Fehlgeburt überstanden, und so sonnig wie früher war ihr Lächeln auch noch nicht. Aber Stella wollte ihren Familienangehörigen nicht zeigen, dass ihr wehmütig ums Herz war.

Sie war vor zehn Tagen mit ihrem Mann Jörg aus Kanada gekommen. Jörg Auerbach war von seiner Firma ein leitender Posten in England angeboten worden, und vorher wollten sie noch ein paar Urlaubswochen im Kreis der Familie verleben. Aber das Flugzeug, mit dem sie kamen, musste eine Notlandung machen, und der Schrecken hatte bei Stella die Fehlgeburt ausgelöst.

Wie sehr hatten sich alle um sie gesorgt, besonders Jörg! Tief bekümmert waren beide Familien, die Rückerts wie auch die Auerbachs, denn sie hatten sich nur kurz auf den Familiennachwuchs freuen können. Doch Stella war zwanzig Jahre jung, und sie hoffte sehr, dass sie bald wieder ein Kind haben könnte.

Sie erholte sich jetzt im Haus ihres Bruders im Sonnenwinkel, um sich durch Fabian und Ricky Rückerts Söhnchen Henrik auf andere Gedanken bringen zu lassen.

Henrik schlief in seinem Kinderwagen auf der Terrasse. Ricky bereitete in der Küche das Mittagessen. Der junge Studienrat Dr. Rückert kam immer mit einem Bärenhunger nach Hause.

Heute brachte er Post für Stella mit, die an die Adresse seiner Eltern in Hohenborn gelangt war. Er legte sie Stella in den Schoß.

»Oh, von Katja«, rief Stella erfreut aus, und sogleich wurde der Brief geöffnet. »Ich habe sie in Montreal kennengelernt«, erklärte sie. »Ihr Bruder ist ein Kollege von Jörg und lebt mit seiner Familie schon ein paar Jahre drüben.«

Sie überflog die ersten Zeilen und stieß einen Freudenruf aus.

»Katja ist auch wieder in Deutschland und will mich besuchen. Das ist wirklich nett.«

Weil sie sich so freute, dass ihre Wangen gleich wieder Farbe bekamen, freuten sich Fabian und Ricky mit.

Auch Jörg, der sich am Mittagstisch einfand, nachdem er ein langes Gespräch mit seinem Vater, Professor Auerbach, geführt hatte, schien mit dem angekündigten Besuch einverstanden zu sein.

»Ein nettes Mädchen«, stellte er fest, »ausgesprochen lustig.«

»Und bildhübsch«, fügte Stella hinzu.

»Hübscher als ihr beiden auch nicht«, meinte Jörg. »Aber ist sie eigentlich noch mit diesem arroganten Bengel befreundet?«

»Davon schreibt Katja nichts«, erwiderte Stella. »Ich habe mir gleich gedacht, dass das nicht lange vorhält. Heinz Roden ist ein Filou, aber die Freundschaft ist wohl nur dadurch entstanden, dass auch ihre Familien eng befreundet sind.«

»Immerhin hat er sie nach Kanada begleiten dürfen«, bemerkte Jörg, »und ich finde, dass Eltern eigentlich vorsichtig sein sollten, bevor sie eine attraktive und wohlerzogene Tochter solchem Draufgänger anvertrauen.«

*

Katja Reck fand bei ihrer Mutter kein Verständnis, als sie, niedergeschlagen und tief enttäuscht, sich ihr anvertraute.

»Du nimmst alles zu tragisch, Katja«, sagte Gerlinde Reck. »Heinz muss repräsentieren. Da ist es doch unvermeidlich, dass er auch mal mit anderen Frauen zusammenkommt.«

»Aber er hat ein richtiges Verhältnis mit Liliane Hövel, Mama! Sie hat es mir kalt lächelnd ins Gesicht gesagt.«

»Solche Frauen reden viel. Heinz ist weit weg und kann sich nicht wehren. Warte, bis er zurückkommt, dann könnt ihr euch aussprechen.«

»Er hält es nicht mal für nötig, mir zu schreiben. Ich weiß nicht, warum du ihn in Schutz nimmst.«

Gerlinde Reck strich sich eine silberblonde Haarsträhne aus der Stirn. Sie war eine schlanke grazile Frau und wirkte wie Katjas ältere Schwester.

»Heinz ist ein charmanter Mann«, bemerkte sie. »Er wird einmal ein Riesenvermögen erben, und du wirst die gesellschaftliche Rolle spielen, die ich mir für meine Tochter wünsche.«

»Sonst wünschst du dir nichts für deine Tochter?«, fragte Katja bitter.

»Guter Gott, mach doch nicht solche Leichenbittermiene! Du bist noch so schrecklich jung. Natürlich wirst du auch glücklich werden mit Heinz. Ist es denn so schlimm, wenn er sich jetzt noch mit anderen Frauen amüsiert? Dich respektiert er eben. Er weiß, was er einer wohlerzogenen jungen Dame schuldig ist. Sebastian Roden möchte dich gern als seine Schwiegertochter sehen, Katja. Er mag dich sehr gern. Übrigens soll er ziemlich krank sein.«

»Das sagst du mir erst jetzt, Mama?«, äußerte Katja erschrocken. »Manchmal verstehe ich dich wirklich nicht. Du bist so wahnsinnig auf Äußerlichkeiten bedacht.«

Gerlinde Reck warf ihrer Tochter einen flammenden Blick zu.

»Ich bin auf dein Wohl bedacht, mein liebes Kind«, entgegnete sie kühl. »Dein Vater hat für uns leider nicht so gut vorgesorgt, wie es angebracht gewesen wäre.«

»Papa konnte ja nicht wissen, dass er so früh würde sterben müssen«, sagte Katja traurig. »Aber ich glaube, du bist besonders auf dein Wohl bedacht.«

Sie wurde aggressiv, wenn ihr toter Vater angegriffen wurde.

»Ich werde Onkel Sebastian besuchen«, erklärte sie nach einem langen Schweigen.

»Tu das, Katja. Du wirst auch von ihm hören, wie viel er von Heinz hält.«

»Warum eigentlich nur von ihm?«, fragte Katja. »Er hat doch noch einen Sohn, Sebastian.«

»Ach, dieser versponnene Einzelgänger. Er kann das Unternehmen doch nicht repräsentieren. Er vergräbt sich hinter seinen Büchern und sammelt Antiquitäten.«

»Aber er hat wenigstens nicht dauernd Liebesaffären!«, stieß Katja hervor.

»Mäßige dich! Du bist gekränkt. Du hast noch keine Erfahrung mit Männern. Man muss sie an der langen Leine laufen lassen, wenn man sie halten will.«

Katja warf den hübschen Kopf in den Nacken.

»Bei euch war es dann aber umgekehrt«, schleuderte sie ihrer Mutter ins Gesicht, und bevor Gerlinde Reck sich noch von diesem Schlag erholt hatte, war sie aus dem Zimmer.

*

Katja war ein bildhübsches Mädchen. Mit ihrem langen blonden Haar und den violetten Augen wirkte sie anmutig und fast zerbrechlich.

Aber zerbrechlich war sie nicht. Wie ihr älterer Bruder, geriet sie im Charakter nach dem Vater, wenn sie auch äußerlich ihrer schönen Mutter glich.

Sie war in Heinz Roden blind verliebt gewesen, aber jetzt stand sie wieder auf festem Boden. Sie hatte den charmanten Heinz kennengelernt. Sie wollte sich nicht mehr täuschen lassen, und sie war erbittert, dass ihre Mutter immer noch auf seiner Seite stand.

Als sie am frühen Nachmittag das elterliche Haus verließ, trug sie ein schlichtes hellgraues Sportkostüm. Ihre Mutter ließ sich nicht blicken.

Sie schmollt, dachte Katja respektlos. Soll sie schmollen! Ich werde Stella besuchen, wenn sie damit einverstanden ist. Mit Stella kann ich reden.

Sie hatten sich sofort angefreundet, als sie sich in Montreal kennengelernt hatten. Katja war ein halbes Jahr bei ihrem Bruder gewesen, nachdem sie ihr Abitur bestanden hatte. Ihre Schwägerin Daisy hatte ihr zweites Kind bekommen, und Michael war froh gewesen, dass sie während dieser Zeit den zweijährigen Tim betreute.

Dann war auch Heinz Roden nach Montreal gekommen. Geschäftlich, wie er sagte, und Katja hatte gemeint, dass er Sehnsucht nach ihr gehabt hätte.

Aber es war Liliane gewesen, die ihr solchen Glauben schnell genommen hatte. Als Chansonsängerin trat sie in Montreal auf. Katjas Bruder Michael hatte sie allerdings sehr drastisch als Callgirl bezeichnet.

Katja waren jedenfalls die Augen aufgegangen, und nun wollte sie nichts mehr von Heinz wissen.

Doch diese Abneigung erstreckte sich nicht auf seinen Vater, zu dem sie jetzt fuhr. Ihren »Onkel Sebastian« hatte sie immer innig geliebt. Er war der beste Freund ihres Vaters gewesen und ihr Pate.

Als sie vor der alten efeuumrankten Villa hielt, erinnerte sie sich, dass sie Onkel Sebastian eigentlich ein paar Blumen bringen müsse, wenn er schon krank war, und sie kehrte noch einmal um.

Als sie dann die Blumen besorgt hatte und wieder vor dem Haus hielt, stand schon ein Wagen vor dem Tor. Er sah allerdings recht klapperig aus.

Katja läutete.

Die Wirtschafterin Malwine öffnete ihr. Katja nannte sie seit ihrer Kinderzeit Lalli. Und Lalli nannte Katja »Püppi«, auch jetzt noch. Freudentränen standen ihr in den Augen, als Katja sie umarmte.

»Püppi!«, rief sie aus. »Da wird unser Senior sich aber freuen. Und Freude kann er nötig brauchen.«

»Ist Onkel Sebastian sehr krank?«, fragte Katja besorgt.

»Das Herz will nicht mehr so recht, aber mich wundert es nicht bei den Aufregungen, die er durchstehen muss«, erwiderte Malwine. »Du wirst ihm doch nicht neue bringen, Püppi?«

»Meinst du wegen Heinz?«, fragte Katja sehr direkt. »Nein, ich werde mich nicht beklagen.«

»Dieser vermaledeite Bengel«, sagte Malwine, »nichts wie Ärger macht er. Der Sebastian, der Junior, ist da. Sei nicht gar so abweisend zu ihm, Püppi.«

»Warum sollte ich das? Ich kenne ihn doch gar nicht. Ist er denn so furchterregend?«

»Na, zumindest das Gegenteil von Heinz«, brummte Malwine. »Jetzt geh nur rein. Ich bringe gleich Tee. Der Sebastian wird ohnehin in der Bibliothek sein.«

Der ältere Sebastian Roden saß in einem Lehnstuhl am Fenster, als Katja das mit schweren Eichenmöbeln ausgestattete Zimmer betrat.

Katja erschrak, als sie in sein bleiches eingefallenes Gesicht blickte.

Von heißem Mitgefühl erfüllt, kniete sie bei ihm nieder und umarmte ihn.

»Onkel Sebastian«, flüsterte sie, »ich wusste nicht, dass du krank bist. Ich bin erst gestern zurückgekommen.«

»Und schon heute bei mir, mein Kleinchen. Ich freue mich. Wenn man alt wird, kommt manches daher. Ich werde schon wieder auf die Beine kommen. Ich muss es.«

Seine Stimme hatte einen eigenartigen Klang. Katja wagte plötzlich nicht, ihn anzusehen. Seine mager gewordenen Hände strichen sanft über ihr seidiges Haar.

»Wie hübsch du bist, mein Kleinchen«, sagte er weich. »Weißt du, dass ich mich einmal dem Wunsch hingab, dass du mein Töchterchen wirst?«

Sie nickte wortlos, obgleich ihr schwer ums Herz war. In diesem Augenblick hätte sie ihm alles versprochen, auch Heinz zu heiraten. Sie hätte ihm keinen Wunsch abschlagen können.

»Du darfst Heinz nicht heiraten«, flüsterte Sebastian Roden. »Versprich es mir, Katja!«

Sie blickte auf, mitten hinein in seine kummervollen Augen.

»Ich will es auch gar nicht, Onkel Sebastian«, erwiderte sie mit erstickter Stimme.

»Dann ist es gut. Er war in Kanada. Ihr habt euch getroffen, nicht wahr?«

»Hat er es dir nicht gesagt?«

»Ich habe ihn nicht mehr gesehen, und er schreibt nicht. Er ist jetzt in Afrika. Nicht geschäftlich, sondern auf einer Safari. Das Geschäft ist immer nur ein Vorwand, das weiß ich jetzt. Es ist gut, dass du gekommen bist. Ich habe dir viel zu sagen, mein Kind. Ich weiß auch, dass ich dir vertrauen kann. Du wirst mich nicht hintergehen, und ich brauche einen Menschen, dem ich ganz vertrauen kann.«

»Mir kannst du vertrauen, Onkel Sebastian«, stammelte Katja. »Ich werde niemandem etwas sagen, wenn du mir etwas anvertrauen willst.«

»Dann hör gut zu. Wenn mir Zeit bleibt, werde ich alles schriftlich niederlegen und es dir in Verwahrung geben. Aber manchmal weiß man nicht, wie viel Zeit einem bleibt.«

Er unterbrach sich, denn es klopfte und Malwine trat ein. Sie brachte den Tee.

»Nun ist unsere Püppi wieder da«, sagte sie.

Ein Lächeln huschte über Sebastian Rodens Gesicht.

»Gut, dass sie gekommen ist, Lalli. Wo ist Jan?«

Er rief seinen Ältesten Jan, aber Katja hörte es zum ersten Mal.

»Er sitzt über den Büchern, Senior«, erwiderte Malwine. »Soll ich ihn rufen?«

»Nein, noch nicht. Ich möchte noch mit Katja sprechen.«

»Ist gut. Er wird Sie nicht stören. Ich habe Waffeln gebacken. Die magst du doch so gern, Püppi.«

»Du bist lieb, Lalli«, sagte Katja, obgleich sie heute auf nichts Appetit hatte. Ihr war zum Weinen zumute.

*

»Kannst du das Tonband anstellen, Katja?«, fragte Sebastian Roden. »Verstehst du etwas davon? Ich komme mit dem Ding nicht zurecht.«

»Doch, ich kann es«, erwiderte Katja. »Willst du Musik hören, Onkel Sebastian?«

»Nein, auf Aufnahme sollst du es schalten. So nennt man es doch wohl? Wird es funktionieren, Katja? Wird man alles hören können, was ich sage?«

»Ich denke schon«, antwortete sie irritiert.

»Doppelt gemoppelt hält besser, haben wir in meiner Jugendzeit immer gesagt«, murmelte er.

»Das sagen wir auch noch«, meinte Katja.

»Läuft das Tonband?«, fragte er.

»Ich brauche es nur einzuschalten.«

»Dann schalt es ein.«

Es begann zu summen. Sebastian Roden lauschte ein paar Sekunden.

»Unterbrich mich jetzt nicht, Katja«, bat er. »Niemand soll einmal sagen, dass du mich beeinflusst hättest.«

Katja wollte etwas fragen, aber eine Handbewegung brachte sie zum Schweigen.

Wie gebannt blickte sie auf den schmalen Mund des Kranken.

»Ich werde meinen Sohn Sebastian als Alleinerben einsetzen«, begann er. »Aus folgenden Gründen: Mein Sohn Heinz hat eine beträchtliche Summe, die noch genau festzustellen sein wird, für seine privaten Ambitionen verbraucht, ohne mir darüber Rechenschaft abzulegen. Ich, Sebastian Roden, habe während der letzten zwei Monate ungedeckte Schecks im Wert von zweihunderttausend Euro für ihn beglichen. Meine Zweifel an seiner Lauterkeit wurden dadurch bestätigt. Ich muss annehmen, dass noch weitere Gläubiger meines Sohnes Heinz an mich herantreten, und erkläre mich bereit, ein Limit von fünfhunderttausend Euro zu setzen. Sollte die Summe seiner Schulden unter diesem Limit liegen, kann er über den Rest verfügen.«

»Onkel Sebastian, muss ich das wissen?«, fragte Katja nun doch dazwischen.

»Pst!«, machte er. »Ich fahre fort: Mein Sohn Sebastian hat nie einen Cent von mir beansprucht. Ich war enttäuscht, als er seine eigenen Wege ging. Heute verstehe ich ihn und kenne die Gründe. Ich …« Erschöpft hielt er inne und griff nach seinem Herzen. »Ich kann nicht mehr«, flüsterte er.

»Onkel Sebastian!«, rief Katja erschrocken. Und als er erschöpft zurücksank, rannte sie zur Tür und rief laut und angstvoll: »Lalli, bitte, komm!«

Dann stürzte sie wieder zu dem Kranken.

»Nicht aufregen«, murmelte er. »Es wird schon vorübergehen.«

Malwine kam, und ihr folgte der jüngere Sebastian Roden. Katja nahm ihn gar nicht wahr. Sie streichelte die Hände des Kranken und dann seine fahlen Wangen.

»Mein Kleinchen«, flüsterte er, »mein liebes Kleinchen!«

Das Tonband lief weiter. Niemand nahm Notiz davon, so wenig Katja Notiz von Sebastians Anwesenheit nahm, der jetzt zum Telefon ging und den Arzt anrief.

Erst die tiefe ruhige Stimme drang in ihr Bewusstsein, und sie wandte den Kopf nach ihm um.

Er war etwas mehr als mittelgroß, breitschultrig und dunkelhaarig. Er drehte ihr den Rücken zu.

Als er den Hörer aufgelegt hatte und sich umdrehte, bemühte sich Katja schon wieder um seinen Vater, dem Malwine Tropfen einflößte.

Und plötzlich stand Sebastian neben Katja und ergriff die schmale Hand seines Vaters.

»Der Arzt wird gleich kommen, Vater«, sagte er beruhigend.

Katja schaute auf und sah in zwei nachtdunkle Augen, die über sie hinwegzublicken schienen. Sie sah dann auch die schmale sehnige Hand, die sich an die Wange des alten Herrn legte.

»Ich bin nur müde, entsetzlich müde«, flüsterte Sebastian Roden. »Jan?«

»Ja, Vater, ich bin da.«

»Sprich mit Katja«, kam es fast unhörbar über die blassen Lippen des Kranken. »Ihr kennt euch zu wenig.«

Es war seltsam, aber die Worte tönten in Katjas Ohren fort, als die dann in dem düster wirkenden Zimmer wartete.

Der Arzt war gekommen und hatte Sebastian Roden eine Spritze gegeben. Dann hatten sie ihn zu Bett gebracht. Katja war allein zurückgeblieben.

Sie wusste nicht, wie viel Zeit verstrichen war, bis Jan erschien. Sie hatte unentwegt auf die Tür gestarrt. Dann stand Jan im Rahmen, in den nicht gerade eleganten Hosen und dem grauen Pullover.

»Vater schläft jetzt«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Wir haben uns lange nicht gesehen, Katja. Du warst noch ein Kind, als ich mein Elternhaus verließ, jetzt bist du eine junge Dame. Es tut mir leid, dass wir uns unter diesen Umständen wiedertreffen.«

»Er wird doch gesund werden?«, fragte Katja bebend. »Ich liebe ihn so sehr, Jan. Darf ich Jan sagen, weil Onkel Sebastian dich so nennt?«

Sie kam gar nicht auf den Gedanken, Sie zu ihm zu sagen.

Er gehörte auch zu ihrem Onkel Sebastian, und wie sie unbewusst fühlte, mehr als Heinz.

Jan lehnte am Türpfosten. Noch keinen Schritt war er näher gekommen, und sein Gesicht war überschattet.

»Dich liebt Vater wohl am meisten, Katja«, bemerkte er leise. »Er hat sich immer eine Tochter gewünscht. Schade, dass ihm dieser Wunsch nicht erfüllt wurde. Mit seinen Söhnen hat er nicht viel Glück.«

»Das darfst du nicht sagen«, entfuhr es ihr ungewollt. »Ich meine …« Sie geriet ins Stocken, und ihre Lippen zitterten. »Ich meine, dass du ihm noch näher stehst als ich.«

Jetzt durchbohrte sie sein Blick förmlich, und Katja war es, als stünde sie auf schwankendem Boden.

»Vater bedeutet mir sehr viel«, erklärte Sebastian. »Er wünscht, dass wir uns besser kennenlernen. Worüber wollen wir uns unterhalten, Katja?«

»Sag mir, ob er gesund werden wird«, stieß Katja hervor.

Er sah sie nachdenklich an.

»Du willst ein Ja hören, aber das kann ich nicht sagen. Sein Herz ist müde, sein Verstand ist noch wach. Klingt das zu sachlich? Ich wünschte, Vater würde noch hundert Jahre leben, uns überleben, verstehst du? Aber solche Wünsche gehen nicht in Erfüllung. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir die Menschen verlieren, die uns viel bedeuten. Du hast deinen Vater auch verloren.«

»Ja, und ich vermisse ihn«, schluchzte Katja auf. »Onkel Sebastian war sein bester Freund. Er ist der einzige Mensch, mit dem ich auch so offen sprechen kann wie mit Papa.«

»Und dann kommt ein Tag, an dem man mit allem allein fertig werden muss«, bemerkte Sebastian leise.

»Mit allem«, sagte Katja mit erstickter Stimme.

Sebastians Blick ruhte forschend auf ihrem jungen Gesicht. Er wollte wohl eine Frage stellen, aber dann hielt er sie doch zurück.

»Darf ich hierbleiben, Jan?«, fragte sie verhalten.

»Wirst du nicht erwartet?«, erkundigte er sich.

»Ich kann Mama anrufen. Ich glaube nicht, dass sie mich vermissen wird.«

Bestürzt sah er sie an.

»Gibt es Differenzen zwischen euch?«

»Ach, so kann man es nicht nennen«, lenkte Katja rasch ab. »Wir haben zu manchen Dingen gegensätzliche Einstellungen. Aber sie weiß, wie sehr ich an Onkel Sebastian hänge. Bleibst du auch hier?«

»Selbstverständlich«, erwiderte er. »Ich werde Lalli sagen, dass sie ein Zimmer für dich herrichtet, damit du dich ein wenig ausruhen kannst.«

*

Katja hatte daheim angerufen, aber ihre Mutter nicht erreicht. Sie war ausgegangen. Katja sagte dem Hausmädchen, was es ausrichten sollte. Dann ging sie zu Lalli in die Küche.

Stumm sahen sie sich an. Schließlich meinte Lalli: »Man darf den Kopf nicht in den Sand stecken, Püppi, aber ich weiß gewiss, dass der Senior so lange leben wird, bis er alles geregelt hat.«

Ein Frösteln kroch über Katjas Rücken, als sie darüber nachzudenken begann, was Sebastian Roden mit ihr gesprochen hatte und was auf dem Band aufgenommen worden war.

»Wie lange kommt Jan schon?«, fragte sie nachdenklich.

»Eine ganze Zeit. Früher nur ab und zu, aber seit Heinz weg ist, war er täglich hier, und nun bleibt er auch hier.«

»Sie haben sich wohl nicht verstanden?«

»Jan und Heinz nie besonders gut«, erwiderte Lalli ausweichend, »und der Senior wollte wohl nicht verstehen, dass Jan eigene Vorstellungen vom Leben hatte. Manchmal schaffen sich die Menschen Probleme, und zwei, die so viel Stolz besitzen, haben es schwer, zueinanderzufinden, weil keiner das erste Wort sprechen will.«

»Ich habe davon nichts gewusst«, äußerte Katja gedankenvoll.

»Es wurde auch nicht darüber gesprochen, und einer hat es ja verstanden, sich ganz in den Vordergrund zu spielen. Doch nun bin ich gespannt, ob Heinz kommen wird«, meinte Lalli bedächtig.

»Will er das?«, fragte Katja erschrocken.

»Jan hat ihm telegrafiert. Es gibt verschiedenes zu klären.«

Katja fühlte sich in die Enge gedrängt. Sie wollte gern in Onkel Sebastians Nähe bleiben, aber Heinz wollte sie auf keinen Fall treffen. Und Jan wollte sie auch nichts erzählen. Davon nichts!

Sie wurde solchen Gedanken entrissen, als Jan erschien.

»Vater ist erwacht, Katja«, sagte er. »Er möchte dich gern sehen.«

In seinem Blick war etwas, was sie irritierte. Er beunruhigte sie, aber vielleicht kam das daher, weil Jan selbst vielleicht unsicher wirkte.

Sie ging schnell an ihm vorbei zu Sebastian Rodens Zimmer.

*

»Hast du dich sehr erschrocken, Kindchen?«, fragte der Kranke mit schwacher Stimme. »Es wird schon wieder. Ein bisschen muss ich noch bleiben.«

»Sprich bitte nicht so, Onkel Sebastian«, bat Katja mit einem unterdrückten Schluchzen.

Er griff nach ihrer Hand.

»Man weiß nie, wann die Stunde kommt, Katja«, flüsterte er. »Hast du mit Jan gesprochen?«

»Noch nicht sehr viel«, erwiderte Katja.

»Sprich viel mit ihm. Du wirst feststellen, dass er anders ist als Heinz. Ich wünsche so sehr, dass du eine Roden wirst. Es würde mich glücklich machen.«

Katjas Augen weiteten sich. Ihr Herz begann schneller zu klopfen.

Wusste Onkel Sebastian, was er sagte? Fantasierte er? Seine Stimme tönte wieder an ihr Ohr.

»Wenn ich das noch erleben könnte, wäre ich froh. Du hast mich doch gern, und Jan ist mir sehr ähnlich. Das weiß ich erst jetzt. Man muss ihn nur richtig kennen«

»Wir werden noch öfter miteinander sprechen, Onkel Sebastian«, äußerte Katja beklommen. »Er ist sehr klug und wohl auch sehr zuverlässig.«

»Das ist er. – Vielleicht wird Heinz kommen«, fuhr er nach sekundenlangem Schweigen fort. »Du wirst ihn wohl nicht treffen wollen.«

»Nein, das möchte ich nicht.«

Der alte Herr nickte.

»Er braucht nicht zu wissen, was ich dir alles erzählt habe.«

»Ich wollte eine Freundin besuchen, die ich in Kanada kennenlernte«, berichtete Katja. »Nur ein paar Tage.«

»Tu das, und dann komm zurück. Lange wird Heinz bestimmt nicht bleiben, und heute wird er nicht gleich kommen. Frühestens übermorgen. Bleib noch solange.«

»Gern, Onkel Sebastian.«

Erschöpft schlief der Kranke wieder ein. Katja blieb noch einige Zeit an seinem Bett sitzen, dann kam Malwine.

»Es ist Zeit zum Abendessen, Püppi«, sagte sie.

*

Beim Essen hatten Katja und Jan nur ein paar Worte gewechselt, und als sie sich dann im Wohnzimmer gegenübersaßen, kam das Gespräch auch nur stockend in Gang.

»Möchtest du Musik hören, Katja?«, fragte Jan.

»Klassische schon«, erwiderte sie.

»Ich höre keine andere.« Er legte das Forellenquintett auf. »Vielleicht wird Heinz kommen«, bemerkte er beiläufig.

Katja nickte und blickte zu Boden.

»Ich werde ein paar Tage zu meiner Freundin nach Hohenborn fahren«, erklärte sie unvermittelt. »Würdest du mich dort anrufen, wenn es Onkel Sebastian wieder schlechter gehen sollte?«

»Gern.« Seine Stimme war tonlos, und eine unausgesprochene Frage stand in seinen Augen.

»Du wirst doch bei ihm bleiben, auch wenn Heinz hier ist?«, fragte sie.

»Ja, gewiss. Ich wohne jetzt hier. Ich bin schon mit Sack und Pack umgezogen.«

Er versuchte, seiner Stimme einen leichten Klang zu geben, doch das gelang ihm nicht so recht.

»Warum warst du so lange nicht daheim, Jan?«, fragte Katja mit einiger Selbstüberwindung.

»Dafür gibt es mancherlei Gründe«, erwiderte er. »Wenn ein Mann ein gewisses Alter erreicht hat, sollte er sich auf eigene Füße stellen. Ich finde, man muss seinen Eltern beweisen, dass man es kann. Ich wollte nicht nur der Sohn eines reichen Vaters sein. Wahrscheinlich bin ich missverstanden worden. Ich habe wohl nicht die Art, die richtigen Worte zu finden, die meine Einstellung erklären könnten. Ja, Katja, ich bin schon oft missverstanden worden, aber darüber wollen wir nicht reden. Ich habe vor meinem Vater immer die größte Hochachtung gehabt.«

»Und Liebe?«, fragte Katja.

»Liebe ist ein großes Wort und unter Männern nicht üblich. Ich fühle mich Vater verbunden, sehr tief verbunden. Erzähle mir jetzt von dir. Du hast Michael besucht, wie ich hörte. Geht es ihm gut?«

»Er ist zufrieden. Er hat eine reizende Frau und zwei goldige Kinder.«

»Heinz war zur gleichen Zeit in Kanada«, äußerte Jan beiläufig.

»Ja, ich habe ihn getroffen«, erwiderte Katja ausweichend, »ein paarmal. Er hatte andere Verpflichtungen.«

Darauf ging Jan nicht ein. Man konnte von seinem Gesicht nichts ablesen. Es war verschlossen, und Katja dachte, dass es wohl sehr schwer sein müsse, seine Gefühle zu ergründen. Dennoch wirkte seine Nähe beruhigend.

Sie lauschten nun einige Zeit stumm der Musik. Ab und zu fühlte Katja Jans Blick auf sich ruhen, und einmal begegneten sich ihre Augen.

»Ich will offen sein, Katja«, sagte Jan heiser. »Es ist Vaters sehnlichster Wunsch, dass ich dich heirate. Könntest du dich mit diesem Gedanken vertraut machen?«

Sie hielt den Atem an. Es klang wie ein geschäftlicher Vorschlag, aber dennoch fühlte sie sich nicht verletzt. Was sollte sie erwarten, nachdem sie sich gerade erst begegnet waren?

»Verzeih, dass ich es so direkt ausgesprochen habe. Ich hätte nichts dagegen, Vater diesen Wunsch zu erfüllen. Bist du irgendwie gebunden?«

»Nein«, erwiderte Katja bebend. »Ich bin nur überrascht.«

»Vielleicht denkst du einmal darüber nach«, meinte Jan mit einem flüchtigen Lächeln. »Ich habe dir ja schon gesagt, dass es mir schwerfällt, die richtigen Worte für manche Erklärungen zu finden. Ich mag dich gern«, fügte er dann hinzu.

Katja verschlang die Hände ineinander und bemühte sich, ihrer inneren Erregung Herr zu werden. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, flüsterte sie.

»Ich erwarte auch nicht, dass du mir sofort eine Antwort gibst.«

»Und wenn ich ja sagen würde, was denkst du dann?«, fragte Katja leise.

Die Musik schwieg. Jan erhob sich und stellte das Stereogerät ab.

»Ich wäre glücklich«, sagte er, nachdem er sich langsam umgedreht hatte, und damit stürzte er sie in so große Verwirrung, dass sie gar nicht mehr wusste, was sie sagen und denken sollte.

Er ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen.

»Man kann eine Ehe auch auf gegenseitigem Vertrauen aufbauen, Katja«, erklärte er eindringlich.

Und sicher ist das eine bessere Basis als blinde Verliebtheit, dachte sie.

»Ich lasse dir Zeit, Kleinchen«, sagte Jan mit dunkler Stimme.

Ihr Gesicht war in dunkle Glut getaucht, als sie ihn anblickte.

»Ich werde dir die Antwort geben, wenn ich zurück bin«, flüsterte sie.

*

Am späten Nachmittag des nächsten Tages fuhr Katja heim. Mit Jan hatte sie nur wenig gesprochen.

Sie waren beide befangen, aber als sie sich verabschiedete, hielt er ihre Hand fest und küsste sie auf die Wange. Es war wohl eine spontane Reaktion, weil sie ihn so hilflos anblickte.

»Ich glaube nicht, dass Heinz kommen wird«, hatte Lalli gesagt, und sie hatte damit wohl den Wunsch ausdrücken wollen, dass Katja bleiben solle.

Doch Katja wollte ihm keinesfalls begegnen, und bei Heinz war nichts ausgeschlossen. Sie traute ihm zu, dass er gerade jetzt, da sein Vater so krank war, mit allen Mitteln versuchen würde, ihn für sich einzunehmen.

Zudem bestand die Möglichkeit, dass er gar nicht daran dachte, wie viel sein Vater über seine leichtsinnige Lebensweise wusste.

Heinz war ein Mensch, der alles, was ihm unbequem war, von sich schieben konnte.

So war auch Gerlinde Reck, die ihre Tochter wohlwollend begrüßte.

»Es ist sehr geschickt von dir, deinem Onkel Sebastian jetzt deine Zuneigung besonders zu zeigen«, sagte sie leichthin.

»Wie meinst du das, Mama?«, fragte Katja kühl.

»Du weißt schon, wie ich das meine. Schließlich hinterlässt er ein beträchtliches Vermögen.«

»An etwas anderes denkst du wohl nicht?«, entgegnete Katja empört.

»Nun brause doch nicht gleich wieder auf! Er ist dein Pate und hatte immer besonders viel für dich übrig. Ist Heinz gekommen?«

»Bis jetzt nicht, und weil ich nicht den Wunsch habe, ihn zu treffen, werde ich zu Stella fahren.«

»Das ist sehr ungeschickt. Du solltest bleiben«, erklärte Gerlinde Reck eindringlich. »Sei doch nicht so impulsiv!«

»Ich ertrage es nicht, wenn du so redest. Ich liebe Onkel Sebastian und hoffe, dass er noch recht lange lebt. Übrigens wohnt Jan wieder bei ihm.«

Gerlinde Recks Augen begannen zu glitzern.

»Er ist im richtigen Zeitpunkt heimgekehrt«, äußerte sie gehässig. »Er nimmt seine Chance wahr, während Heinz fern ist.«

»Gewiss nicht aus materiellen Gründen, Mama«, bemerkte Katja ungehalten.

Jetzt kniff ihre Mutter die Augen zusammen.

»Jedenfalls wäre es besser, du würdest bleiben und Heinz Rückhalt geben.«

Katja lachte auf. »Er ist ganz gut ohne mich ausgekommen. Ich fahre zu Stella.«

»Überschlaf es noch einmal«, sagte Gerlinde Reck eindringlich. »Missversteh mich doch nicht immer.«

»Oh, ich verstehe dich sehr gut. Du hast sehr viel übrig für Heinz, und ich nicht mehr. Nimm das bitte zur Kenntnis.«

Eine Mauer stand zwischen ihnen, und sie schien unüberwindlich, als Katja am nächsten Morgen nach Hohenborn startete.

Gerlinde Reck hatte es jedoch aufgegeben, Katja umzustimmen.

*

Im Familienkreis war beschlossen worden, Katja bei Magnus und Teresa von Roth unterzubringen, die damit sehr einverstanden waren.

Hier wurde Katja herzlich willkommen geheißen. Stella freute sich unendlich, als Katja eintraf.

Man ließ die beiden Freundinnen erst mal allein. Sie hatten sich viel zu erzählen. Katja war tief betrübt, als sie von Stellas Fehlgeburt erfuhr.

»Es hätte noch schlimmer kommen können«, sagte Stella. »Wir leben, und ich hoffe doch sehr, dass wir nicht zu lange auf ein Baby warten müssen. Jörg ist jetzt doppelt lieb zu mir. Jetzt weiß ich erst, dass er mich wirklich liebt.«

»Hast du daran gezweifelt?«, fragte Katja verwundert.

»Manchmal schon. Weißt du, er zeigt seine Gefühle nicht gern.«

»So mögen auch andere Männer sein«, äußerte Katja sinnend, und dabei dachte sie an Jan.

Stella sah sie fragend an.

»Heinz Roden scheint mir nicht solch ein Mann zu sein, Katja«, bemerkte sie. »Ich will dich nicht kränken, aber wir halten ihn nicht für zuverlässig.«

»Du kränkst mich nicht. Zu dieser Erkenntnis bin ich auch schon gekommen. Ich war sehr töricht, Stella, aber lass uns nicht mehr von ihm reden.«

Stella klang dies im Augenblick so, als hätte Katja die Enttäuschung noch nicht überwunden, und sie lenkte schnell auf andere Themen über.

Nun sollte Katja erst einmal die ganze Familie kennenlernen, die Auerbachs, die Rückerts, die sich zu einem gemütlichen Kaffeestündchen im Sonnenwinkel trafen.

Es fiel nicht schwer, Katja ins Herz zu schließen, stellten alle übereinstimmend fest. Sie sei reizend und natürlich, meinten die Erwachsenen.

»Sie ist lieb«, behauptete Bambi, die Jüngste der Auerbachs. »Sie weiß auch schon, wie man mit Babys umgeht.«

Das hatte Katja unter Beweis gestellt, als sie sich mit dem kleinen Henrik beschäftigte, der sonst gegen fremde Stimmen sehr empfindlich war.

»Ich glaube, Katja braucht ein bisschen Aufmunterung«, sagte Stella zu ihrem Mann. »Mit Heinz Roden ist es aus, aber ich fürchte, dass sie darüber noch nicht hinweg ist.«

»Den Eindruck macht sie nicht gerade«, entgegnete Jörg. »Sie ist irgendwie reifer geworden, finde ich.«

»Weil sie leidet«, meinte Stella.

»Was du immer denkst, Schatzilein«, bemerkte Jörg nachsichtig. »Ich möchte jedenfalls nicht, dass du mit ihr Trübsal bläst. Du sollst fröhlich sein.«

*

Trübsal wurde nicht geblasen, aber Katja blieb sehr nachdenklich und besinnlich. Doch Stella brauchte darüber nicht lange zu rätseln, denn Katja erzählte ihr, warum sie sich Gedanken machte. Von Jan sprach sie allerdings nur nebenbei.

Stella war sehr enttäuscht, dass die Freundin nicht länger bleiben wollte, aber sie sah auch ein, dass sie den kranken Onkel Sebastian nicht enttäuschen wollte.

»Warum willst du denn so schnell wieder wegfahren, Katja?«, fragte Bambi. »Gefällt es dir bei uns im Sonnenwinkel nicht?«

»Doch, es gefällt mir sehr gut, und ich habe noch niemals so viele liebe Menschen beisammen gesehen«, erwiderte Katja. »Aber mein Onkel ist sehr krank, und wenn ich einen Anruf bekomme, muss ich fahren.«

Der Anruf von Jan kam, aber er hatte einen anderen Grund, als Katja erwartet hatte.

Heinz war nicht gekommen. Er hatte telegrafiert, dass er Tropenfieber hätte. Man hörte es aus Jans Stimme heraus, dass er Zweifel hegte, und Katja hegte ebenfalls welche. Seinem Vater ginge es etwas besser, sagte Jan dann noch, aber er würde sie sehr vermissen.

Das war Grund genug für Katja, ihren Besuch im Sonnenwinkel abzubrechen. Sie musste versprechen, wiederzukommen. Stella wollte noch einige Wochen bleiben, bis sie sich ganz erholt hatte, während Jörg in England ein passendes Heim für sie suchen wollte.

Katja packte ihren Koffer. Stella sah ihr dabei zu.

»Heinz Roden ist doch nicht der Grund, dass du so schnell heimfährst?«, fragte sie.

»Nein, Stella, du musst es mir glauben. Heinz hat keine Bedeutung für mich.« Sie machte eine Pause und schöpfte tief Atem. »Vielleicht werde ich Jan heiraten«, sagte sie.

»Seinen Bruder?«, fragte Stella staunend. »Warum das? Du hast kaum über ihn gesprochen.«

»Es gibt auch noch nicht viel zu erzählen. Es ist Onkel Sebastians innigster Wunsch.«

Stella runzelte die Stirn.

»Und nur deshalb willst du ihn heiraten?«, fragte sie bestürzt.

»Jan ist sehr sympathisch, ganz anders als Heinz. Es muss doch nicht immer Liebe sein. Man geht damit so leicht in die Irre.«

»Du redest so weise. Mit neunzehn Jahren sollte man das nicht tun, Katja.«

»Ich bin fast zwanzig, und außerdem könnte ich es mir recht gut vorstellen, mit Jan verheiratet zu sein.«

Sie lauschte ihren eigenen Worten nach und spürte verwundert, dass sie innerlich von ihnen überzeugt war.

»Eine Ehe ohne Liebe kann ich mir einfach nicht vorstellen«, sagte Stella.

»Die Liebe kommt vielleicht von selbst, wenn man sich versteht. Jan ist sehr ernst. Er würde nichts tun, wovon er nicht überzeugt ist.«

In Stella blieben Zweifel zurück. Sie sprach auch mit Jörg darüber.

»Ob sie ihn nicht nur aus Trotz heiratet?«, überlegte sie.

»Dann würde mir der Mann jetzt schon leid tun«, entgegnete Jörg. »Aber eigentlich ist Katja nicht solch ein Mädchen. Sie hat Charakter. Sonst wäre sie ja auch nicht deine Freundin.«

»Katja ist richtig sentimental, was ihren Onkel Sebastian anbetrifft. Ich glaube, sie hätte allen Erfahrungen zum Trotz auch diesen Heinz geheiratet, wenn dies der Wunsch ihres Onkel Sebastians wäre.«

»Aber er scheint, nach allem, was ich jetzt gehört habe, auch keine sonderlich gute Meinung von seinem Sohn Heinz zu haben«, bemerkte Jörg. »Na, warten wir es ab, was daraus wird.«

*

Katja fuhr gleich zu der efeuumrankten Villa. Diesmal öffnete Jan ihr die Tür. In seinen Augen war ein tiefes Leuchten, als sie ihm die Hand entgegenstreckte.

»Ich dachte nicht, dass du so schnell kommen würdest«, bemerkte er. »Hatte ich dir nicht gesagt, dass es Vater etwas bessergeht?«

»Doch, du hast es mir gesagt, aber du hast auch gesagt, dass er mich vermisst. Ist Lalli nicht da?«, fragte sie dann, weil sie unter seinem Blick verlegen wurde.

»Sie kauft ein. Das will sie sich nicht nehmen lassen. Das Gemüse, das ich heimbringe, ist ihr nicht gut genug. Vater schläft jetzt.«

»Dann wollen wir ihn nicht stören.«

Katja sprach sich Mut zu, und es ging viel besser, als sie dachte.

»Du wolltest eine Antwort von mir haben, Jan«, sagte sie. »Oder hat es sich geändert?«

»Nein, wie kommst du darauf?«, fragte er gepresst.

Die innere Erregung drückte sich in ihrem Mienenspiel aus. Jan umfasste ihre Schultern mit festem Griff.

»Was willst du mir für eine Antwort geben, Katja?«, fragte er rau.

»Ja«, erwiderte sie schlicht.

Seine Lider senkten sich. Ganz behutsam zog er sie an sich. Sie spürte, wie seine Hände auf ihrem Rücken bebten.

»Du machst mich sehr glücklich«, flüsterte er dicht an ihrem Ohr.

Ihr Atem stockte. Es klang so unendlich zärtlich, wie er es sagte. Seine Lippen streichelten ihre Wange, und augenblicklich wurde ihr ganz schwindelig.

»Ich wünsche mir so sehr, dass du es nie bereust«, sagte Jan, und dann küsste er sie.

Heinz hatte sie auch geküsst, und in ihrer Verliebtheit hatte sie sich dabei wie auf Wolken gefühlt. Jetzt blieb sie mit den Füßen fest auf dem Boden, aber ein unerklärliches Gefühl der Geborgenheit erfüllte sie, das sie in den Armen von Heinz nicht empfunden hatte. Jäh wurde sie sich bewusst, dass sie an seinen Gefühlen immer Zweifel hegte. Aber Jan küsste sie nicht so, wie man ein Mädchen küsste, das man nur gern hatte.

Auch dies wurde ihr bewusst.

»Du kennst mich noch so wenig«, stammelte sie, als er sie freigab.

»Es kommt nicht auf die Tage an«, bemerkte er gedankenverloren. »Ich kannte dich als kleines Mädchen, Katja, und irgendwie bist du so geblieben. Erinnerst du dich noch, wie du einmal Wiesenblumen gepflückt hattest und ich sagte, dass der Strauß sehr hübsch sei?«

Sie forschte in ihren Erinnerungen und sah diesen Augenblick plötzlich deutlich vor sich.

»Du kannst sie haben«, hatte sie zu Jan gesagt. Jetzt sagte sie: »Du warst schon ein Mann damals.«

»Einundzwanzig, und du warst gerade neun, Katja«, erwiderte er. »Der Altersunterschied ist geblieben.«

»Aber jetzt bin ich auch erwachsen, und es fällt nicht mehr auf«, äußerte Katja verhalten. »Damals warst du mehr als doppelt so alt wie ich. Jetzt sind es nur zwölf Jahre.«

Er lächelte. Katja konnte feststellen, wie anziehend dieses Lächeln sein Gesicht machte.

»Es ist komisch, wenn man darüber nachdenkt«, meinte er. »Als du neun warst, war ich doppelt so alt wie du und noch drei Jahre dazu. Wenn du mal dreißig bist, fehlen achtzehn Jahre, damit ich doppelt so alt wäre. Was die Zeit alles vollbringt!«

»Sie wird uns immer und immer mehr näher bringen, Jan«, flüsterte Katja. Dann legte sie ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn.

Da wurde die Tür aufgeschlossen, und Lalli stand vor ihnen, als ihre Köpfe erschrocken herumfuhren.

»Herzlichen Glückwunsch«, sagte Lalli. Dann legte sie freudestrahlend ihren Arm um Katja. »Einen besseren Mann konntest du nicht finden, Püppi, aber ich muss mir jetzt wohl abgewöhnen, dich so zu nennen.«

»Dann sage ich auch nicht mehr Lalli zu dir«, lächelte Katja.

»Ihr werdet einen Kompromiss schließen müssen, der keinem weh tut«, meinte Jan. »Aber ich höre etwas. Vater hat gerufen.«

Sie gingen zu ihm. Ihre Hände waren ineinander verschlungen, als sie an Sebastian Rodens Bett traten. Der richtete sich auf, und ein Leuchten ging über sein Gesicht.

»Wir werden heiraten, Vater«, erklärte Jan. »Um deinen Segen brauchen wir dich wohl nicht erst zu bitten.«

»Den habt ihr«, erwiderte der Kranke. »Meine Kinder! Mein Kleinchen!« Seine Stimme bebte vor Rührung.

Katja kniete bei ihm nieder und legte ihre Lippen auf seine Hand.

»Väterchen«, flüsterte sie, »bitte, werde jetzt schnell gesund.«

Wenn mir nur die Kraft bleibt, ihre Hochzeit zu erleben, dachte Sebastian Roden.

Seine schmale Hand streichelte sanft und zärtlich Katjas seidiges blondes Haar, aber sein Blick traf sich mit dem seines Sohnes. Sekundenlang ruhten sie ineinander. Frage, Antwort und ein Versprechen bekundend.

*

»Du bist schon zurück?«, bemerkte Gerlinde Reck, als Katja durch die Tür trat. Sie war gerade im Begriff, das Haus zu verlassen, im Abendkleid und Nerzcape. »Ich wollte in die Oper.«

»Lass dich nicht aufhalten, Mama«, sagte Katja.

»Hat es dir nicht gefallen?«

»Doch, sehr. Die ganze Familie hat mich reizend aufgenommen. Es gab allerdings einen zwingenden Grund für meine Rückkehr.«

»Welchen?«, fiel ihre Mutter ihr ins Wort, und ihre Augen flackerten dabei neugierig. »Ist Heinz zurück?«

»Wieso immer Heinz? Ich habe dir doch mehrmals erklärt, dass mich nichts mit ihm verbindet. Ich werde Jan heiraten, und zwar sehr bald.«

Mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund starrte Gerlinde Reck ihre Tochter an. »Jan? Sebastian Roden?«

»Ja.«

»Wieso das? Ihr kennt euch doch kaum. Willst du Heinz eins auswischen?«

»Ich habe mich für Jan entschieden, weil er ein Gentleman ist«, erklärte Katja wütend. »Aber du wolltest doch in die Oper.«

»Wenn meine neunzehnjährige Tochter mir eröffnet, dass sie heiraten will, wird dies ja wohl wichtiger für mich sein«, sagte Gerlinde Reck pathetisch. »Hat dein lieber Onkel Sebastian dies arrangiert?«

»Zerbrich dir nicht den Kopf, Mama. Ich heirate Jan, weil ich überzeugt bin, dass ich keinen besseren und verständnisvolleren Mann als ihn finden kann. Wir sind uns sehr zugetan. Genügt dir das?«

»Und wenn ich nun nicht einverstanden wäre?«, begehrte ihre Mutter auf.

»Oh, du wirst einverstanden sein. Schließlich ist er ein Roden und wird seinen Vater einmal beerben.« Katja stieß diese Worte erbittert hervor.

Gerlinde raffte ihr Nerzcape enger um sich.

»Es ist wohl doch besser, wir sprechen morgen darüber, bevor wir streiten«, äußerte sie aggressiv. »Es ist allerdings nicht angenehm, von der einzigen Tochter vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden.«

Katja war nicht in der Stimmung, darauf eine passende Antwort zu geben.

»Reden wir morgen darüber, Mama«, sagte sie betont höflich. »Gute Unterhaltung wünsche ich dir.«

Und darauf wurde Gerlinde Reck sichtlich verlegen, aber Katja nahm keine Notiz davon.

Sie hörte zwar, dass ein Auto vorfuhr, aber im gleichen Augenblick läutete das Telefon und sie nahm den Hörer ab.

Es war Jan. Er wollte wissen, ob sie schon mit ihrer Mutter gesprochen hätte. Katja erklärte ihm den Inhalt dieser Unterhaltung, und sie staunte darüber, wie unbefangen sie mit ihm sprechen konnte.

»Ich werde morgen natürlich ganz formell um deine Hand anhalten, Kleinchen«, sagte er, und seine Stimme tönte weich und zärtlich an ihr Ohr.

»Ist das denn nötig?«, fragte sie.

»Ich denke doch. Man wird es auch von mir erwarten. Übrigens hätte Vater es gern, wenn wir nicht zu lange mit der Hochzeit warten würden.«

»Du kannst den Termin bestimmen, Jan.«

»Wir werden morgen darüber sprechen. Schlaf gut, Katja. Und tausend Dank.«

»Wofür?«

»Dass du meine Frau werden willst.«

Lange klangen Katja diese Worte noch in den Ohren. Musste sie Jan nicht sagen, dass sie einmal gewünscht hatte, Heinz zu heiraten?

Fröstelnd zog sie die Schultern zusammen. Was würde er dann von ihr denken? Plötzlich erschien es ihr unerträglich, dass er sie in einem anderen Licht sehen könnte.

Sie wünschte, Heinz nie begegnet zu sein, und sie klammerte sich an den Gedanken, ihm nie wieder zu begegnen. Aber würde es sich vermeiden lassen?

*

»An deiner Stelle wäre ich doch heimgeflogen, Heinz«, sagte Liliane Hovel zu Heinz Roden.

Sie war eine rassige Frau. Die Spuren, die ein unruhevolles Leben in ihr Gesicht gezeichnet hatte, waren durch ein gekonntes Make-up fast unsichtbar gemacht.

»Um mir Moralpredigten anzuhören? Ich kenne Vater doch. Er ist zäh. Bis ich daheim bin, ist mein alter Herr schon wieder auf den Beinen, und dann legt er mich an die Kandare.«

»Aber während du weg bist, wird dein Bruder ihn einwickeln.«

»Der Spinner! Dass ich nicht lache! Ich werde Vater ein paar glänzende Aufträge präsentieren, und dann ist alles wieder okay.«

»Woher willst du die Aufträge nehmen? Vom Pokertisch?«, fragte Liliane anzüglich.

»Misch dich da nicht ein. Ich habe meine eigene Methode. Lebst du nicht sehr gut? Hast du einen Grund zur Klage?«

»Ich meine nur, dass es ratsam wäre, Gefühl zu zeigen. Wenn dein Vater nun wirklich so krank ist, dass er stirbt?«

»Und wenn schon. Er hat sein Testament gemacht, das weiß ich genau. Und bei ihm wird alles durchdacht, bevor er Entschlüsse ändert. Für Sebastians Lebensweise hat er nichts übrig. Ich sage dir doch, dass er ein Spinner ist. Keine Ahnung vom Geschäft.«

»Wie du meinst, ich habe dich gewarnt«, bemerkte sie.

»Na, dann gehen wir, Darling«, sagte Heinz Roden leichthin. »Heute ist der Dreizehnte, da habe ich bestimmt Glück.«

*

Dass heute der Dreizehnte war, wurde Katja erst bewusst, als sie die Kalenderblätter abriss. Und an diesem Tag hatte sie die Entscheidung getroffen, Jan zu heiraten. Sie war abergläubisch. Konnte das Glück bringen? Sie konnte diesen Gedanken nicht so schnell verbannen. Vieles ging ihr durch den Sinn.

War es nicht besser, wenn sie ehrlich mit Jan sprach? Er hatte doch gesagt, dass Verstehen eine gute Basis für ein gemeinsames Leben sei. Würde er dann nicht auch verstehen können, dass sie einmal in Heinz blind verliebt war?

Dann wieder sagte sie sich, dass Heinz nicht daran interessiert sein würde, ihre Beziehung ins Gespräch zu bringen. Schließlich war er derjenige, der mit verdeckten Karten gespielt hatte.

Ja, er war ein Spieler. Er konnte die Menschen mit seinem charmanten Lächeln täuschen. Er war nicht auf den ersten Blick zu durchschauen, und selbst sein Vater, der doch wahrhaft immer einen klaren Verstand gehabt hatte, ließ sich von ihm täuschen.

Grübelnd verbrachte Katja Stunde um Stunde, bis der Schlaf sie überkam. Sie schrak aus diesem empor, als sie im Vorgarten girrendes Lachen vernahm und die Stimme ihrer Mutter.

Benommen schaute sie auf die Uhr. Es war zwei Uhr nachts. Mit wem redet Mama, dachte sie. Aber sie war zu müde, um mehr Gedanken daran zu verschwenden. Sie drehte sich um und schlief weiter.

*

Katja hatte schon gefrühstückt, als ihre Mutter aufstand. Es war fast elf Uhr, als Gerlinde Reck das kleine Esszimmer betrat, und sie war noch im Negligé.

»Guten Morgen, Katja«, sagte sie gähnend. »Entschuldige, aber gestern wurde es ziemlich spät. Ich habe Herrn Rassow getroffen.«

»Hast du dich gut amüsiert?«, fragte Katja beiläufig.

»Es war recht nett.«

»Ich will dich nicht erschrecken, aber Jan wird heute kommen und um meine Hand anhalten, Mama«, erklärte Katja.

»Dann ist es also wirklich ernst?«, fragte Gerlinde Reck irritiert. »Ich verstehe das alles nicht.«

»Du wirst dich damit abfinden müssen«, äußerte Katja entschlossen.

»Ich werde mich ankleiden müssen«, seufzte ihre Mutter.

Katja lächelte. »Tu das, es ist elf Uhr vorbei.«

Gerlinde Reck legte die Hand an die Stirn.

»So reden heutzutage Kinder mit ihren Eltern«, bemerkte sie stöhnend.

»Ich bin kein Kind mehr«, widersprach Katja. »Du hast erst kürzlich gesagt, dass ich alt genug sei, um an meine Zukunft zu denken.«

Gerlinde Reck runzelte die Stirn.

»Ich dachte dabei nicht daran, dass du dich für einen anderen Mann entscheiden würdest«, sagte sie herablassend.

»Wie gut kennst du Jan, Mama?«, fragte Katja spöttisch.

Ihre Mutter rauschte hinaus. Das Negligé flatterte hinter ihr her wie eine Fahne. An der Tür drehte sie sich noch einmal um.

»Mach mich bitte nicht so überstürzt auch zur Großmutter«, murmelte sie entsagungsvoll.

Katja starrte ihr nach. Ihr Gesicht war blass geworden. Dann stieg heiße Glut in ihre Wangen.

An Kinder hatte sie noch nicht gedacht. Überhaupt nichts hatte sie gedacht. Soweit waren ihre Beziehungen zu Heinz nicht gegangen. Aber sie würde in absehbarer Zeit Jans Frau werden, und eine Heirat war mit dem Jawort auf dem Standesamt oder vor dem Traualtar nicht beendet.

Unruhig lief sie im Zimmer hin und her, und bei jedem Geräusch schrak sie zusammen. Und als es dann läutete, konnte sie sich kaum noch bewegen.

»Nun mach schon auf«, rief ihre Mutter. »Ich frisiere mich noch.«

Wie Blei schienen Katjas Füße am Boden zu kleben, als sie zur Tür ging. Aber als dann Jan vor ihr stand, wurde alles ganz leicht.

Er sah sehr verändert aus in dem dunkelgrauen Anzug mit weißem Hemd und grauweißer Krawatte. Dass es ihm nicht behaglich war, konnte man von seinem Gesicht ablesen, aber gerade dieser Ausdruck gab Katja die Fassung zurück.

»So formell, Jan?«, bemerkte sie mit einem flüchtigen Lächeln.

»Ich kann schlecht im Pullover erscheinen, wenn es um so viel geht«, gab er zurück.

Um wie viel, dachte sie, und ihr Herz begann rasend zu klopfen.

Eingefangen von seinem Blick, versuchte sie ein Lächeln. Ungemein jung und verlegen sah sie aus. Jan legte rasch seine Hand an ihre Wange, aber da erschien schon Gerlinde Reck.

Sie blieb an der Tür stehen und starrte Jan an. Dann senkte sie ihre Lider, und das Blut wich aus ihren Wangen.

Katja sah ihre Mutter an und bemerkte nicht, wie Jans Lippen schmal wurden. Sie war viel zu aufgeregt, um zur Kenntnis zu nehmen, dass Sekunden verstrichen, bevor etwas gesagt wurde.

Es war Gerlinde, die mit klirrender Stimme zu Katja sagte: »Willst du uns nicht bekannt machen, Katja?«

Verwirrt sah Katja ihre Mutter an.

»Kennt ihr euch denn nicht?«, fragte sie.

»Nein!« Es klang wie ein Peitschenknall. »Wir sind uns nie begegnet.«

Katja zwang sich zu einem Lächeln.

»Das ist also Sebastian Roden der Jüngere«, bemerkte Katja, sich zu einem leichten Ton zwingend. »Wir sagen Jan.«

Sie sah ihn an, flehend und hilflos, aber sein Gesicht war starr und regungslos, und er erwiderte ihren Blick nicht.

Katja fand ihn ungeheuer imponierend. In seiner legeren Kleidung wirkte er sonst bei weitem nicht so, aber der dunkle Anzug allein machte es heute auch nicht aus.

Erst in diesem Augenblick wurde sich Katja bewusst, dass er ein interessanter, ja, faszinierender Mann war.

Es mutete sie etwas seltsam an, wie er seine Werbung vorbrachte. Eigentlich hatte sie vorausgesetzt, dass diese genauso formell sein würde wie seine Kleidung. Doch dies war nicht der Fall.

»Katja und ich wollen heiraten«, sagte er. »Sie sind darüber wohl schon informiert, gnädige Frau.«

Die Anrede rang sich sehr gezwungen über seine Lippen, und unwillkürlich verspürte Katja eine seltsame Beklemmung. Ihr Blick irrte wieder zu ihrer Mutter.

»Ja, ich bin informiert«, erklärte Gerlinde tonlos. »Da meine Tochter ihre Entscheidung schon getroffen hat, ist das wohl nur eine Formsache. Wann soll die Hochzeit stattfinden?«

Jan sah jetzt Katja an.

»In drei Wochen«, erwiderte er, ihren Blick festhaltend. »Mein Vater möchte die Hochzeit ausrichten.«

Die Atmosphäre war so voller Spannung, dass Katja kaum zu atmen wagte, und Widerspruch erheben konnte sie schon gar nicht, obgleich ihr der Termin doch ein wenig überstürzt erschien.

»In Anbetracht des Gesundheitszustandes Ihres Vaters wird es doch wohl bei einer standesamtlichen Trauung bleiben«, sagte Gerlinde heiser.

»Nein, wir werden uns auch kirchlich trauen lassen«, entgegnete Jan. »Das ist auch Vaters Wunsch«, fügte er eindringlich hinzu, als Katja sich dazu äußern wollte. »Ich wollte es gleich mit dir besprechen, Kleinchen.«

Gerlinde kniff bei dieser Anrede die Augen zusammen. »Dann kann ich mich wohl zurückziehen«, äußerte sie giftig. Doch dann warf sie Jan einen Blick zu, in dem Furcht stand.

Katja fing ihn auf, und Eiseskälte durchströmte ihre Glieder. Etwas Unerklärliches war zwischen Jan und ihrer Mutter. Seine Miene drückte eine so eisige Abwehr aus, die auch ihr Furcht einflößte.

Sie waren allein. Geraume Zeit verharrten sie in Schweigen.

»Eine seltsame Stimmung«, bemerkte Katja schließlich mit bebender Stimme.

»Wie stehst du zu deiner Mutter?«, fragte er.

Katja zuckte die Schultern.

»Du weißt es doch. Wir sind uns irgendwie fremd geworden. Ich kann es nicht erklären.«

»Sie ist jedenfalls mit ihrem zukünftigen Schwiegersohn nicht einverstanden«, meinte er sarkastisch, »aber wir können uns ja aus dem Weg gehen. Sollten wir jetzt nicht lieber zu uns fahren, Katja? Wir könnten mit Vater über die Hochzeit sprechen.«

Sie hätte ihm so gern einige Fragen gestellt, aber sie wagte es nicht. Sie hatte das Gefühl, dass Jan und ihre Mutter sich nicht zum ersten Mal im Leben begegnet waren, davon abgesehen, dass sie sich zumindest von früher her kennen mussten.

Sie forschte in ihrer Erinnerung. Mit ihrem Vater war sie doch oft bei Onkel Sebastian gewesen. Aber immer allein mit ihm.

»Als du noch ein Junge warst, muss Mama dich doch gekannt haben«, sagte sie, als sie neben ihm im Auto saß.

»Seither ist viel Zeit vergangen, und ich habe mich ziemlich verändert«, erwiderte er mit einem ironischen Unterton. »Wir hatten uns auch zwölf Jahre nicht gesehen, Katja, vergiss das nicht.«

Es ist eigenartig, dachte sie. Mit seinem Vater waren wir doch immer so eng verbunden, und wir leben in einer Stadt. Aber für Jan traf das nicht zu. Er hatte lange nicht hier gelebt.

Sie wusste nicht einmal, wo er diese vielen Jahre verbracht hatte. Sie wusste kaum etwas über ihren zukünftigen Mann, und insgeheim hatte sie Angst, ihm diesbezüglich Fragen zu stellen.

War dies eine Basis, auf der man eine Ehe gründen konnte? Auch in ihrem Leben gab es manches, was sie ihm hätte sagen müssen.

Als er ihr aus dem Wagen half, hielt er ihre Hand fest. Wärme durchströmte sie. Plötzlich schwand die Beklemmung.

»Vater möchte dich als Braut sehen, Katja«, bemerkte er leise. »Wir können ihm diesen Wunsch nicht versagen.«

Sie schloss die Augen, weil sie daran denken musste, dass es eine Zeit gegeben hatte, in der sie davon träumte, als Braut in Kranz und Schleier neben Heinz vor dem Altar zu stehen.

»Ich möchte es auch«, tönte Jans Stimme an ihr Ohr.

Sie nickte und lehnte ihre Stirn an seine Schulter.

»Hoffentlich geht es Vater bis dahin wieder gut«, flüsterte sie.

*

»Diesen Tag will ich erleben, Lalli«, sagte Sebastian Roden im gleichen Augenblick. »Ich will und werde ihn erleben.«

»Davon bin ich überzeugt«, versicherte sie, und sie war es tatsächlich. »Es geht ja schon wieder viel besser.«

Davon war sie allerdings nicht so ganz überzeugt, aber sie kannte ihn und seinen eisernen Willen.

»Du wirst doch bei den Kindern bleiben?«, fragte Sebastian Roden.

»Wohin soll ich denn sonst gehen?« Ihre Stimme zitterte unmerklich. Es kostete sie schon höllische Anstrengung, die Fassung zu bewahren.

»Katja wird glücklich werden mit Jan, ich weiß es«, fuhr der alte Herr fort. »Eines Tages wird das Haus von Kinderlachen erfüllt sein. Ich werde das nicht mehr erleben, aber …«

»Jetzt ist es genug!«, fiel Malwine ihm ins Wort. »Wir reden von der Hochzeit und nicht vom Sterben. Machen Sie das Kind nicht unglücklich. Sie kommen«, sagte sie dann flüsternd.

»Ich will aufstehen«, erklärte er. »Ich will nicht im Bett liegen, wenn wir über die Hochzeit sprechen. Ich möchte wissen, was Gerlinde gesagt hat und was sie denkt.«

»Ach, die«, machte Malwine wegwerfend, und sie brauchte sich nicht weiter zu äußern.

Sebastian Roden wusste, was sie dachte.

Malwine ging hinaus und sagte zu den jungen Leuten, dass Sebastian Roden aufstehen wolle.

»Strengt es ihn denn nicht zu sehr an?«, erkundigte sich Katja besorgt.

»Was er will, das will er«, entgegnete Malwine. »Daran kannst nicht mal du etwas ändern.«

»Nun hast du es gehört, Katja«, meinte Jan. »Wir könnten inzwischen ein Telegramm an Michael aufgeben. Vielleicht kann er mit seiner Familie zur Hochzeit kommen.«

»Es wird wegen der Kinder nicht möglich sein«, bemerkte Katja. Und Mama wird keinen Wert auf ihre Anwesenheit legen, dachte sie. Sie sind sich so unendlich fremd, ging es ihr durch den Sinn. Ihr Gesicht hatte sich überschattet.

»Was denkst du, Katja?«, fragte Jan.

»Dass Mama ihre Enkelkinder noch nie gesehen hat«, erwiderte sie gedankenvoll.

»Sie wird keinen Wert darauf legen, Großmutter zu sein.«

Katja dachte daran, dass ihre Mutter dies gestern recht deutlich zu ihr gesagt hatte, aber dabei schien sie vergessen zu haben, dass sie schon Großmutter war.

»Es gibt viele Frauen, die nicht an ihr Alter erinnert werden wollen«, fuhr Jan fort.

»Vielleicht wird es mir auch einmal so ergehen«, versuchte Katja zu scherzen.

»Du bist deiner Mutter nur äußerlich ähnlich«, stellte Jan fest, »und dies auch nur in gewisser Beziehung.«

»In welcher?«, fragte Katja beklommen.

»Haarfarbe und Figur. Deine Augen sind anders und dein Mund auch.«

Der Tonfall irritierte sie.

»Du lehnst Mama ab«, sagte sie nachdenklich.

»Dafür mag ich dich umso mehr«, erwiderte Jan rasch.

»Mama ist aber noch immer eine sehr schöne Frau«, erklärte Katja mit einem gewissen Trotz.

»Für mich ist die Seele eines Menschen wichtiger, Kleinchen«, versicherte Jan, und da erschien Malwine wieder.

»Der Senior erwartet euch in seinem Zimmer«, verkündete sie.

*

Als Katja abends von Jan heimgebracht wurde, wartete Gerlinde Reck bereits auf sie. Ihr Blick und ihr ganzes Gebaren waren ruhelos. Nervös zündete sie sich sogleich eine Zigarette an.

»Du wolltest doch nicht mehr rauchen, Mama«, bemerkte Katja. »Es schadet dem Teint.«

»Werde nicht anzüglich!«, brauste Gerlinde auf. »Ich bitte mir mehr Respekt aus!«

Respekt hatte Katja eigentlich nie vor ihrer Mutter gehabt, doch das war ihr nie so bewusst geworden wie jetzt.

»Entschuldige«, sagte sie gleichmütig.

»Habt ihr den Termin nun festgesetzt?«, fragte Gerlinde.

»Ja, wir heiraten am 10. Oktober. Wir haben Michael ein Telegramm geschickt.«

Gerlindes Augenbrauen ruckten empor.

»Wenn sie kommen sollten, müsst ihr zusehen, wo ihr sie unterbringt«, stieß sie hervor. »Ich kann Kindergeschrei in meinem Haus nicht ertragen.«

»Eigentlich solltest du doch den Wunsch haben, deine Enkelkinder einmal kennenzulernen«, meinte Katja. »Ich verstehe dich einfach nicht, Mama.«

»Nein, du verstehst mich nicht«, sagte Gerlinde mit erhobener Stimme. »Michael hat mir ja auch keinerlei Verständnis entgegengebracht. Er heiratet eine dahergelaufene kleine Person, ohne mich davon vorher in Kenntnis zu setzen, und du hast mich ja auch nicht gefragt.«

»Daisy ist eine sehr nette, gebildete Frau«, erklärte Katja. »Sie haben dich zur Hochzeit eingeladen. Hast du das vergessen? Aber du bist lieber nach Griechenland gefahren.«

»Ich hatte die Reise gebucht. Bei euch muss ja alles Hals über Kopf gehen, und bei Michael war es ja sowieso eine Mussheirat.«

»Sie lieben sich«, äußerte Katja betont. »Sie sind sehr glücklich.«

»Und sie brauchen mich nicht«, sagte Gerlinde in beleidigtem Ton.

Dafür gibt es gute Gründe, ging es Katja durch den Sinn, aber sie wollte sich darüber nicht auslassen.

»Ich möchte wissen, was Heinz sagt, wenn er die Einladung zu eurer Hochzeit bekommt«, fuhr ihre Mutter fort.

»Er wird keine bekommen«, erklärte Katja.

Gerlindes Augen verengten sich.

»Will dein zukünftiger Mann ihn ganz verdrängen?«, fragte sie gereizt.

»Keineswegs. Onkel Sebastian legt keinen Wert auf seine Anwesenheit.«

»Was wird da gespielt, Katja? Mir ist das alles unbegreiflich. Was hat Heinz euch denn getan?«

»Wir wollen dieses Thema lieber lassen«, entgegnete Katja ruhig.

»Vielleicht legt ihr auch keinen Wert auf meine Anwesenheit bei der Hochzeit«, stieß Gerlinde hervor.

»Sei bitte nicht ungerecht, Mama«, sagte Katja, aber sie musste doch denken, dass Jan dieser Ansicht sein könnte.

Irgendetwas war und blieb ihr rätselhaft, umso mehr, als ihre Mutter Jan nicht ein einziges Mal erwähnte.

Ihr lauernder Blick verwirrte sie, und er ließ ein Unbehagen in ihr zurück.

*

»Katja lässt gar nichts von sich hören«, beklagte sich Stella bei ihrem Mann.

»Doch«, erwiderte er, »da hast du einen Brief von ihr. Der Postbote hat ihn versehentlich bei den Eltern eingeworfen.«

Stella riss den Umschlag auf und stieß einen kleinen Schrei aus.

»Katja heiratet!«, rief sie. »Wir sind zur Hochzeit eingeladen!«

»Das kommt aber überraschend«, meinte Jörg.

»Sie hatte schon etwas angedeutet, aber ich habe es nicht ernst genommen«, erklärte Stella.

»Wen heiratet sie denn?«, fragte Jörg.

»Den älteren Bruder von Heinz Roden.«

Jörg runzelte die Stirn.

»Merkwürdig«, murmelte er. »Ist das auch so ein Typ?«

»Ich kenne ihn nicht, aber nach Katjas Worten ist er ganz anders. Diese Eile wundert mich aber auch.«

»Vielleicht pressiert es«, äußerte Jörg schmunzelnd.

»Was du immer gleich denkst!«, ereiferte sich Stella. »Nein, da bist du falsch gewickelt. Es muss wohl mit der Krankheit seines Vaters zusammenhängen. Wir werden die Einladung doch annehmen, Jörg? Bambi soll auch mitkommen.«

»Wann ist die Hochzeit?«

»Am 10. Oktober.«

»Das ginge ja gerade noch. Bambi geht ja so gern auf Hochzeiten.«

»Katja würde gern die ganze Familie einladen, aber der Gesundheitszustand ihres Schwiegervaters lässt keine große Gesellschaft zu.«

»Es wäre ja auch die reinste Invasion, wenn wir alle anrücken würden. Aber jetzt willst du Bambi sicher erzählen, dass sie wieder mal eine Hochzeit mitmachen darf. Ich sehe es dir doch an der Nasenspitze an, dass du diese Kunde nicht schnell genug loswerden kannst.«

Bambi strahlte, als sie es erfuhr.

»Das ist lieb von Katja, dass sie mich nicht vergessen hat«, meinte sie. Aber dann schmiegte sie sich an ihre Mutter. »Da muss ich doch aber wegfahren von euch, und dann sehe ich euch gleich ein paar Tage nicht«, flüsterte sie.

»Du kannst es dir ja überlegen, Bambi«, bemerkte Inge Auerbach.

»Katja wäre aber sicher sehr betrübt, wenn du nicht mitkommen würdest«, wandte Stella ein, »und zwei Tage sind doch nicht lang.«

»Das weiß ich nicht so recht. Ich war doch noch nie allein fort.«

»Wir sind doch bei dir«, erklärte Stella. »Und wenn man mal fort ist, findet man es zu Hause wieder doppelt schön.«

»Ich finde es zu Hause immer schön«, behauptete Bambi. »Was meinst du, Mami?«

»Vielleicht hat Katja sonst niemanden, der Blumen streuen könnte«, erwiderte Inge Auerbach.

»Das wäre natürlich traurig«, gab Bambi zu. »Jemand muss ja Blumen streuen.«

So war es denn beschlossen, dass sie mit zur Hochzeit fahren würde. Und die Tage gingen schnell herum.

*

Von Heinz war keine Nachricht gekommen. Sebastian Roden äußerte sich mit keinem Wort dazu. Selbst Jan erfuhr nicht, was er inzwischen unternommen hatte.

Das jedoch bekam Heinz zu spüren, als er Geld von der Bank abheben wollte und höflich, aber bestimmt darauf hingewiesen wurde, dass das Konto gesperrt worden war.

Nun saß er da. Er wagte nicht, es Liliane zu sagen. Die Hotelrechnung musste bezahlt werden, und er hatte kaum noch Bargeld.

Sein Vater wollte ihn also zwingen, zu Kreuze zu kriechen. Nur diese Erklärung fand er. Aber was blieb ihm jetzt noch übrig?

Er konnte den Kopf nicht in den Sand stecken. Er musste mit Liliane sprechen.

Sie geriet in Zorn. »Ich habe dir gleich gesagt, dass du heimfliegen sollst!«, warf sie ihm vor. »Was fängst du an, wenn er dich ganz vor die Tür setzt?«

»Das wird er nicht tun. Es ärgert ihn nur, dass ich so lange weg war. Du musst ihm einen Brief schreiben, dass ich krank bin, Li, schwer krank, und nicht schreiben kann.«

»Meinst du, dass es etwas nutzt?«

»Er wird sich Sorgen um mich machen. Ich kenne meinen Vater doch.«

»Dass er das Konto sperren ließ, spricht aber nicht dafür, dass er sich Sorgen macht. Wenn hinter dieser Geschichte nur nicht dieses Mädchen steckt. Sie war doch über beide Ohren in dich verliebt.«

»Katja ist viel zu stolz, um sich bloßzustellen. Wie lange ist es eigentlich her, dass das Telegramm von Sebastian kam?«

»Fast vier Wochen.«