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Im Sonnenwinkel ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplätze sind der am Sternsee gelegene Sonnenwinkel und die Felsenburg, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Wundervolle, Familienromane die die Herzen aller höherschlagen lassen. Sichern Sie sich jetzt die Jubiläumsbox - 6 Romane erhalten, nur 5 bezahlen! E-Book 47: Warum hat er mir das angetan? E-Book 48: Jaqueline, das Zirkuskind E-Book 49: Wohin gehörst du, Annika? E-Book 50: Der kleine Lebensretter E-Book 51: Liebe heilt alle Wunden E-Book 52: Ein neues Glück braucht seine Zeit E-Book 1: Warum hat er mir das angetan? E-Book 2: Jaqueline, das Zirkuskind E-Book 3: Wohin gehörst du, Annika? E-Book 4: Der kleine Lebensretter E-Book 5: Liebe heilt alle Wunden E-Book 6: Ein neues Glück braucht seine Zeit
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Seitenzahl: 827
Veröffentlichungsjahr: 2018
Warum hat er mir das angetan?
Jaqueline, das Zirkuskind
Wohin gehörst du, Annika?
Der kleine Lebensretter
Liebe heilt alle Wunden
Ein neues Glück braucht seine Zeit
»Das ist der schönste Tag in meinem Leben«, sagte Wilhelm Thorn zu seinem Sohn Alexander.
Alexander blickte zum Altar, vor dem seine Schwester Manuela und Joachim von Anding niedergekniet waren, um den Segen für den Ehebund zu empfangen.
Ja, für Vater ist es ein stolzer Tag, dachte Alexander. Er hat erreicht, was er wollte: Manuela ist jetzt eine Baronin von Anding. Aber ob sie glücklich ist, interessiert Vater nicht.
Strahlend glücklich sah die bildhübsche junge Braut nicht aus. Eher nachdenklich und in sich gekehrt, als sie später am Arm ihres hochgewachsenen Mannes die Kirche verließ.
Sie hatten sich kennengelernt, als Wilhelm Thorn Schloss Anding erwarb. Aus bescheidenen Verhältnissen hatte er sich zu einem mächtigen Bauunternehmer emporgearbeitet, und als er nun auch noch Schlossbesitzer wurde, sah er sich am Ziel seiner ehrgeizigen Wünsche.
Alexander wäre froh gewesen, wenn sein Vater damit zufrieden gewesen wäre, aber als Joachim von Anding in Erscheinung trat, hatte Wilhelm Thorn schon wieder neue Pläne geschmiedet.
Joachim von Anding war ein sehr interessanter junger Mann. Er hatte keine Schuld daran, dass der Besitz seiner Ahnen verschuldet war. Viele missliche Umstände hatten es bewirkt, dass das Schloss verkauft werden musste, damit wenigstens die Porzellanfabrik erhalten bleiben konnte. Joachim von Anding war kein Snob. Wohlwollend stellte Wilhelm Thorn fest, dass dieser junge Baron ernsthaft zu arbeiten verstand. Er spürte auch, wie sehr Joachim an Schloss Anding hing und wie schwer er sich von diesem Besitz trennte. Wilhelm Thorn kam zu der Überzeugung, dass der junge Baron der richtige Mann für seine reizende Tochter Manuela sein würde. Und was er erreichen wollte, erreichte er auch. Wilhelm Thorn war zäh und beharrlich und besaß auch diplomatisches Geschick.
Wie es dazu gekommen war, dass Joachim von Anding um Manuela Thorns Hand bat, wusste niemand, auch Manuela nicht. Sie war neunzehn und ein romantisches Mädchen. Sie hatte sich in den interessanten Joachim gleich verliebt. Liebe war für sie ein Traum, und Joachim war der Mann ihrer Träume.
Den Morgen ihrer Hochzeit hatte sie sich allerdings anders vorgestellt. In einem zauberhaften Brautkleid, das eigens in Paris angefertigt worden war, hatte sie mit stürmisch klopfendem Herzen auf Joachim gewartet.
An diesem Tag, an dem sie nun seine Frau werden sollte, erwartete sie auch, dass er seine Zurückhaltung aufgeben würde, dass er die Worte aussprechen würde, nach denen sie sich sehnte.
Aber Joachim war zurückhaltend wie immer. Er legte ihr ein märchenhaft schönes Brautbukett in den Arm und küsste ihr die Hand, dann auch, nach einem leichten Zögern, die Wange.
Und als Manuela dann wenig später in die kaltglitzernden Augen Irene von Andings blickte, war die glückliche Stimmung verschwunden.
Irene von Anding war die Witwe von Joachims älterem Bruder, der vor einem Jahr tödlich mit seinem Sportflugzeug verunglückt war. Roderich von Anding war derjenige gewesen, der den Besitz so hoch verschuldet hatte, dass er nicht mehr zu retten war.
Irene von Anding trat erst bei dieser Hochzeit in Erscheinung, und Manuela war noch völlig ahnungslos, wie viel Kummer ihr diese Frau bereiten sollte, dass sie ihr nicht herzlich entgegenkam, verriet jedoch dieser kalte Blick. Manuela glaubte ihn auch auf dem Rücken zu spüren, als sie Joachim das Jawort gab.
Sie wollte nicht daran denken, als sie am Arm ihres Mannes in den strahlenden Tag hinaustrat. Sie lächelte zu ihm empor, aber er blickte starr geradeaus.
Alexander Thorn sah es, und seine Lippen pressten sich aufeinander.
Wenn du meine Schwester unglücklich machst, Joachim von Anding, dann wirst du mich kennenlernen, dachte er.
*
Auf Schloss Anding war eine illustre Gesellschaft versammelt.
Unter den Gästen waren auch Felix Münster und seine Frau Sandra, die eine geborene Baronesse von Rieding war. Wilhelm Thorn stand mit dem Industriellen Felix Münster in geschäftlicher Verbindung, und dessen glückliche Ehe schien ihm ein Beweis dafür, dass Adel und Geld sehr gut harmonierten.
»Anding hat mächtiges Glück gehabt«, raunte Sandra ihrem Mann zu.
»Wenn das nicht nur eiskalte Berechnung von ihm gewesen ist«, gab Felix Münster gedankenvoll zurück. »Mit diesem Schachzug hat er nicht nur seine Fabrik, sondern auch den Besitz behalten. Solcher Mitgift kann man schwer widerstehen.«
»Pfui, sei nicht so frivol«, sagte Sandra. »Hast du mich etwa wegen Erlenried geheiratet?«
Felix nahm ihren Arm und drückte ihn an sich. »Bei uns war es Liebe, Sandra«, flüsterte er, »aber wenn ich Anding anschaue, zweifle ich, ob er solcher Gefühle überhaupt fähig ist.«
»Manchmal täuscht man sich«, sagte Sandra. »Manuela ist doch einfach entzückend. Vor so viel Anmut kann doch kein Mann die Augen verschließen.«
»Wenn Blicke töten könnten, wäre diese Anmut jetzt schon tot«, sagte Felix Münster. »Irene von Anding ist mit dieser Heirat bestimmt nicht einverstanden.«
Sandra sah ihren Mann befremdet an. »Du denkst doch nicht etwa an diesen alten Klatsch«, sagte sie.
Er konnte ihr keine Antwort geben, denn Alexander Thorn hatte sich an sie herangeschoben. Ob er Sandras Worte noch gehört hatte? Jedenfalls betrachtete er die bildschöne Frau Münster mit einem forschenden Blick.
Felix Münster mochte den jungen Thorn. Er war ein tüchtiger Geschäftsmann, der sich nicht auf den Lorbeeren seines Vaters ausruhte.
Er war der Tischherr Irene von Andings gewesen, und das hatte ihn sichtlich mitgenommen.
»Darf ich mich in Ihrer Gesellschaft ein bisschen verschnaufen?«, fragte er leger.
»Aber sicher dürfen Sie das«, erwiderte Felix Münster lächelnd. »Ich habe eine reizende Brautjungfer an Ihrer Seite vermisst.«
Alexanders Miene verdüsterte sich. »Die ich mir an meine Seite gewünscht hätte, passt nicht in diese illustre Gesellschaft. Jedenfalls würde mein Vater der Ansicht sein.« Er sah die Münsters nun fast erschrocken an. »Verzeihung, das ist mir so herausgerutscht.«
»Sprechen Sie sich nur aus«, sagte Sandra freundlich. »Man sieht es Ihnen ja an, dass Sie sich nicht wohlfühlen.«
Sie hatten schon manchen netten Abend mit Alexander Thorn verbracht und waren sich nicht mehr fremd. Und Sandra war ohnehin gewohnt, die Dinge beim Namen zu nennen.
»Wie finden Sie Manuela?«, fragte Alexander geistesabwesend.
»Sie ist eine ganz bezaubernde Braut«, erwiderte Sandra.
»Sie ist noch ein Kind und wird in eine Gesellschaft hineingedrängt, der sie gar nicht gewachsen ist. Aber Vater wollte es ja nicht anders. Es tut mir leid, dass ich mich heute solchen Gedanken hingeben muss, aber mir ist wirklich bange um Manuela. Sie sieht so verloren aus.«
Er schaute zu seiner Schwester hinüber, und Sandra folgte seinem Blick. Sie musste ihm recht geben. Manuela stand verloren zwischen einer Gruppe von Gästen, und das Sektglas, das sie in der Hand gehalten hatte, fiel in diesem Augenblick zu Boden.
»Soll man das als böses Omen auffassen?«, sagte Alexander, doch Sandra eilte schon zu der jungen Frau, die mit schreckgeweiteten Augen dastand, während ein Diener herbeieilte, um die Scherben zu beseitigen.
Joachim von Anding war nirgends zu sehen. Sandra, die mit einem liebevollen Lächeln Manuelas Arm ergriff, wusste nicht, dass die junge Frau ihn mit Irene im Park hatte verschwinden sehen, bevor sie das Glas fallen ließ.
»Es ist alles ein bisschen anstrengend«, sagte Sandra zu Manuela. »Kommen Sie, setzen wir uns in eine ruhige Ecke.« Sie sah, dass Tränen in die schönen dunklen Augen stiegen und war voller Mitgefühl.
»Das ist doch nicht schlimm«, meinte sie. »Scherben bringen Glück.«
*
»Wie lange willst du diese Komödie mitspielen, Joachim?«, fragte Irene Anding ihren Schwager.
»Du verkennst die Situation, Irene«, erwiderte er.
Sie lachte blechern. »Also bist du auch der Ansicht, dass es eher eine Tragödie ist«, sagte sie.
»In die uns Roderich gebracht hat«, erklärte er hart.
»Dagegen mache ich ja gar keine Einwände«, sagte sie leichthin. »Aber hätte es keine andere Lösung gegeben? Musstest du dieses Gänschen heiraten? Ich war fassungslos, als ich die Einladung bekam. Du hättest es mir doch zumindest vorher persönlich mitteilen müssen.«
Joachim von Anding hatte gute Gründe gehabt, dies nicht zu tun. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Es behagte ihm auch nicht, dass Irene ihn von den Gästen weggelotst hatte.
»Ich möchte jetzt endlich erfahren, wie es zu dieser Heirat gekommen ist«, sagte sie mit kritischer Stimme. »Gestern warst du ja nicht für mich zu sprechen.«
»Wir können uns doch jetzt nicht absondern«, sagte er leise. »Man wird über uns reden, Irene. Ich will nicht sagen, dass ich bis über beide Ohren verliebt in Manuela bin, aber sie ist ein reizendes Mädchen. Und jetzt ist sie meine Frau. Ich habe die Konsequenzen gezogen.«
»Woraus?«, fragte sie anzüglich.
»Aus Fehlern, die ich heute nicht mehr machen würde«, erwiderte er. »Nimm das bitte zur Kenntnis. Und jetzt muss ich mich um meine Frau kümmern.«
»Und du meinst, dass ich das einfach hinnehme«, stieß sie hervor. »Du machst es dir leicht, Joachim.«
»Nein, ich habe es mir nicht leicht gemacht«, sagte er. »Manuela ist zu schade für ein undurchsichtiges Spiel. Ich werde ihr alles sagen. Es soll Klarheit zwischen uns herrschen.«
»Du bist ein Narr, Joachim. Warum sollte es …«, sie hielt inne, denn er entfernte sich schon mit langen Schritten. Er hatte ihr nicht mehr zugehört, denn an der Freitreppe stand sein Schwiegervater, der mit düsterer Miene nach ihm Ausschau hielt.
Für Wilhelm Thorn hatte der schönste Tag seines Lebens, wie er ihn noch vor wenigen Stunden genannt hatte, bereits seine Schatten.
»Möchtest du dich nicht lieber um deine Frau kümmern, Joachim?«, fragte er unwillig. »Ich finde es durchaus nicht angebracht, dass du mit deiner Schwägerin im Park promenierst, und ich habe es auch nicht gern, wenn man dumme Bemerkungen macht.«
Joachim wurde noch blasser. »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte er verhalten. »Ich hatte noch gar keine Gelegenheit, mit Irene zu sprechen. Sie wollte wissen, wo sie künftig ihren Wohnsitz nehmen soll.«
Wilhelm Thorns Augenbrauen schoben sich zusammen. »Hier jedenfalls nicht. Ich denke, dass die Besitzverhältnisse klar sind. Sie ist jung. Sie kann sich ihren Lebensunterhalt verdienen, wenn sie kein eigenes Vermögen hat.«
Joachim von Anding begriff, dass mit seinem Schwiegervater diesbezüglich nicht zu spaßen war, aber warum musste Irene auch so unklug sein, an seinem Hochzeitstag Rechte geltend machen zu wollen, derer er ledig zu sein glaubte.
*
Der charmanten Sandra war es gelungen, Manuela aufzuheitern und als Joachim nahte, verstand sie es mit diplomatischem Geschick, die Spannungen zu überbrücken.
Sie nahm dabei den jungen Baron von Anding genau unter die Lupe und fand ihn eigentlich nicht so übel. Er war kein grüner Junge mehr, sondern ein Mann. Er hatte ein herbes Gesicht mit einem eigenwilligen Mund und tiefliegenden Augen, deren Ausdruck schwer zu deuten war, wie auch ihre Farbe.
»Ich denke, wir sollten jetzt aufbrechen, Manuela«, sagte er leise.
Ihre Lippen zuckten, und fast hatte es den Anschein, als wolle sie widersprechen. Sie warf Sandra einen hilflosen Blick zu.
»Es würde mich freuen, wenn Sie uns bald einmal besuchen würden«, sagte Sandra.
»Gern«, erwiderte Manuela mit bebender Stimme.
*
Für Irene kam der Aufbruch des jungen Paares völlig überraschend. Joachim hatte ihr nicht gesagt, dass sie gleich auf die Hochzeitsreise gehen würden. Sie stand mit geballten Händen, als der Wagen davonfuhr.
»Wohin geht denn die Reise eigentlich?«, fragte sie Alexander, der neben ihr stand.
»Ins Blaue«, erwiderte er mit einem spöttischen Lächeln. Er hatte sehr wohl bemerkt, wie schwer es ihr fiel, ihren Zorn zu verbergen. Er wollte jetzt zu gern dahinterkommen, was hinter ihrer glatten Stirn vor sich ging.
»Die Flitterwochen soll ein junges Paar doch möglichst ungestört verbringen«, sagte er, als er neben Irene in den Festsaal zurückkehrte.
Sie warf ihm einen schrägen Blick zu unter halb geschlossenen Lidern.
»Ich dachte nur, dass Joachim sich jetzt seiner Fabrik widmen müsste«, meinte sie beiläufig.
»Das hat er doch hinreichend getan. Die Schwierigkeiten sind überwunden.«
»Dafür hat ja wohl Ihr Vater gesorgt«, bemerkte Irene anzüglich. »Er ist doch so von Stolz erfüllt, einen Baron Anding zum Schwiegersohn bekommen zu haben, dass es schon ein wenig peinlich ist.«
In ihrem ohnmächtigen Zorn vergriff sie sich im Ton, aber Alexander war dadurch nicht aus der Fassung zu bringen.
»Peinlich dürfte es doch eigentlich nur den Andings sein, dass ein schlichter Bauunternehmer den Besitz saniert und dem Erben durch die Heirat mit seiner Tochter das Wohnrecht sichert«, parierte er sarkastisch. »Vielleicht gefällt ihnen diese Feststellung nicht, aber mir hat Ihre auch nicht gefallen.«
Er war zu der Überzeugung gelangt, dass es verschwendete Zeit war, sich mit Irene abzugeben, aber nun lenkte sie ein.
»Sie müssen mich verstehen, Herr Thorn«, sagte sie mit samtweicher Stimme. »Ich kann mich an den Gedanken noch nicht gewöhnen, dass sich so vieles verändert hat. Joachim war nach dem schrecklichen Tod meines Mannes mein einziger Halt. Schloss Anding war mein Heim, meine Zuflucht. Ich weiß jetzt gar nicht mehr, wohin ich gehöre«, fügte sie theatralisch hinzu. »Es hat mich auch befremdet, dass Joachim mich nicht über den Verkauf des Schlosses informiert hat.«
»Er ist doch der Erbe«, sagte Alexander gelassen. »Er sah sich vor einem gewaltigen Schuldenberg. Wenn Sie meine Meinung hören wollen, so sage ich sie gern. Mir wäre es nämlich hundertmal lieber gewesen, mein Vater hätte für das Geld eine Wohnsiedlung gebaut.«
»Und ihnen wäre es wohl auch lieber gewesen, Ihre Schwester hätte einen Mann geheiratet, der Ihre Ansichten teilt«, sagte Irene hintergründig.
»Auch das«, erwiderte Alexander, »aber immerhin ist Joachim wenigstens kein Playboy. Er kann ja auch nichts dafür, dass dieser Besitz so verschuldet wurde. Ich hoffe aber, dass er nicht nur den Wert dieses Besitzes zu schätzen weiß, sondern vor allem den Wert meiner Schwester.« Er neigte leicht den Kopf. »Entschuldigen Sie mich jetzt bitte.«
Er hatte bemerkt, dass auch Felix und Sandra Münster im Aufbruch begriffen waren. Von ihnen wollte er sich doch verabschieden, wenn ihm auch die anderen Gäste höchst gleichgültig waren.
»Wir sehen uns ja bald wieder«, sagte Felix Münster.
»Darauf freue ich mich schon«, erwiderte Alexander. »Ich bin froh, wenn dieser Trubel vorbei ist.«
»Ich habe selten einen Bruder gesehen, der so wenig Freude an der Hochzeit seiner Schwester hat«, sagte Sandra zu ihrem Mann, als sie heimwärts fuhren.
»Er wird schon seine Gründe dafür haben«, meinte Felix. »Da lobe ich mir unsere Hochzeiten im Sonnenwinkel. Da herrscht wenigstens eitel Sonnenschein.«
»Hoffen wir, dass Wilhelm Thorn es nicht bereut, diese Verbindung arrangiert zu haben«, sagte Sandra gedankenvoll. »Obwohl ich überzeugt bin, dass die kleine Manuela Joachim von Anding liebt.«
»Verliebt mag sie in ihn sein, aber Liebe? Na, ich weiß nicht«, murmelte Felix.
»Sie ist ja auch noch so jung«, sagte Sandra sinnend.
*
Was soll ich mit diesem Kind nur anfangen, dachte auch Joachim. Manuela wird es nicht begreifen, wenn ich ihr reinen Wein einschenke. Sie ist so voller Illusionen, eine kleine romantische Träumerin!
Er hatte keine Illusionen mehr. Zu viel war während des letzten Jahres auf ihn eingestürmt.
Mit seinem Bruder hatte er sich nie sonderlich gut verstanden, aber es hatte ihn maßlos erschüttert, welches Chaos Roderich hinterlassen hatte. Und sein tiefstes Mitgefühl hatte dann vor allem Irene gegolten, die völlig verzweifelt schien. Er glaubte ihr, dass auch ihre Ehe todunglücklich gewesen sei, als er nach und nach erfuhr, wofür Roderich Unsummen verschleudert hatte. Er hatte einen Freundeskreis um sich versammelt gehabt, der höchst zweifelhaften Ruf genoss, er hatte sich um nichts gekümmert, sondern nur seinen kostspieligen Hobbys gefrönt. Die teuersten und schnellsten Autos, die aufwendigsten Feste, und am Ende mussten es auch noch eine feudale Jacht und ein eigenes Flugzeug sein.
Roderich hatte gelebt, wie es ihm beliebte. Irene auch, aber das wusste Joachim nicht. Er war von dem Ältesten ins Ausland geschickt worden. Um Erfahrungen zu sammeln, wie Roderich gesagt hatte. Er hatte seinen monatlichen Wechsel bekommen, der nicht gerade überwältigend hoch gewesen war, aber Joachim war damit zurechtgekommen.
Als dann das Unglück geschah, kehrte er heim und fand eine in Tränen aufgelöste Irene vor, die sich an ihn klammerte und ihn nicht mehr losließ. Ja, so hatte es begonnen. Sie hatte ihn nicht mehr losgelassen, und er, er hatte sich nicht mehr von ihr befreien können.
»Was denkst du, Joachim?«, fragte sie leise, weil sie dieses Schweigen und seine starre Miene einfach nicht mehr ertragen konnte.
»Gott, was denke ich«, sagte er geistesabwesend. »Dass wir heute noch so schnell und so weit wie möglich kommen.«
Sie erschrak von dem harten Klang seiner Stimme. »Du willst weg von Schloss Anding?«, fragte sie mit kindlicher Verwunderung.
»Vorerst ja. Sind dir diese Leute nicht auf die Nerven gefallen? Ich hasse diese neugierigen Blicke, diesen Klatsch, kaum dass man ihnen den Rücken zudreht.«
»Es waren doch aber vor allem deine Freunde«, sagte Manuela stockend.
»Meine Freunde«, lachte er heiser auf. »Aber dein Vater meinte ja, mir einen Gefallen zu tun. Er wollte, dass seine hübsche Tochter als Braut bewundert würde.«
Wieder drängten sich ihr Tränen in die Augen. »Du hättest doch sagen können, dass es dir nicht gefällt. Ich wollte eine so pompöse Hochzeit nicht. Meinetwegen hätten wir auch keine Reise machen müssen.«
Irgendwie rührte sie ihn. Ja, alles an Manuela rührte ihn. Und zudem fühlte er sich gehemmt in ihrer Nähe. Jetzt erst wurde ihm das richtig bewusst. Wenn sie ihn mit ihren klaren, unschuldigen Augen anblickte, schämte er sich.
»So lernen wir uns besser kennen«, hörte er sich sagen, und das kam ihm dann doch etwas albern vor, denn schließlich wäre es richtiger gewesen, wenn sie sich vor der Heirat kennengelernt hätten.
Vielleicht dachte Manuela dies auch, aber sie versank wieder in Schweigen, und Joachim ließ es sich noch einmal durch den Kopf gehen, wie diese Ehe zustande gekommen war.
Da hatte er plötzlich nur noch rote Zahlen zu sehen bekommen. Die Fabrik, die zu leiten er sich gefreut hatte, wenn er die nötigen Erfahrungen besaß, sah er auch schon im Konkurs, und Rechtsanwalt Dr. Rückert hatte ihm erklärt, dass nur der Verkauf des Schlosses, das irrsinnige Summen an Unterhaltskosten verschlang, die Fabrik für ihn retten könne. Das eine oder das andere, vor dieser Entscheidung hatte er gestanden, und er hatte sich für die Fabrik entschieden. Dadurch war es zum ersten Streit zwischen ihm und Irene gekommen, die diese Entscheidung nicht gut hieß. Er schob den Gedanken an Irene beiseite. Das war ein Kapitel in seinem Leben, das er gern ausgestrichen hätte.
Ja, und dann hatte sich Wilhelm Thorn mit ihm in Verbindung gesetzt. Zuerst hatten sie nur ganz geschäftsmäßig verhandelt, jeder auf der Hut vor dem anderen. Joachim erst sehr distanziert, weil er den neureichen Emporkömmling in Wilhelm Thorn sah, dann aber entdeckte er bald die Solidarität, die Umsicht und Klugheit dieses Mannes, der aus dem Nichts ein Imperium geschaffen hatte und dies auch zu erhalten gedachte. Wilhelm Thorns Plan war es gewesen, ein Sanatorium aus Schloss Anding zu machen. Ja, und dann hatte er Joachim mit Manuela bekannt gemacht.
Es war Joachim nicht verborgen geblieben, dass Manuela schwärmerisch zu ihm aufblickte, wenngleich sie viel zu unverdorben war, um einen heißen Flirt zu provozieren.
Ob es auch ihrem Vater aufgefallen war? Ob dies ihn veranlasst hatte, bei späteren Verhandlungen Andeutungen zu machen, die zwar diskret, aber doch durchblicken ließen, was in seinem Kopf vor sich ging.
Ganz nüchtern hatte Joachim nachgedacht. Manuela war hübsch und durchaus kein dummes Gänschen, wie Irene sie nannte. Sie war wohlerzogen und sehr zurückhaltend.
Er hatte sie auf den Partys beobachtet, zu denen sie gemeinsam geladen wurden. Manuela flirtete nicht, sie spielte ihre mädchenhaften Reize nicht aus. Sie war eine vollendete junge Dame, der es nur ein wenig an Selbstbewusstsein fehlte. Aber das hatte sich unter der Obhut eines so strengen Vaters wohl nicht entwickeln können.
Durch eine Heirat mit Manuela würde ihm auch Schloss Anding erhalten bleiben. Auch das hatte Joachim wohl überlegt. Aber da war Irene, die von solchen Gedanken nichts wissen durfte. O ja, er hatte sie schon ziemlich durchschaut gehabt. Er wusste da schon, wie egoistisch sie war, und er war froh gewesen, dass sie für einige Monate nach Rom ging zu ihrer Freundin, mit der Klage auf den Lippen, dass er ja doch keine Zeit für sie hätte.
Er hatte sie vor die vollendete Tatsache gestellt, aber seit heute wusste er, dass sie sich nicht beiseiteschieben lassen wollte.
»Fahren wir noch weit?«, fragte Manuela leise. »Ich bin so müde.«
»Schlaf ein bisschen«, sagte er, und seine Stimme klang seltsam weich. Er wunderte sich selbst darüber.
Sie hätte auch ganz anders sein können, diese kleine Manuela. Sie hätte ihre Macht ausspielen können. Schließlich war Schloss Anding nicht mehr sein Besitz, sondern ihre Mitgift. Aber sie begehrte nicht auf. Sie machte auch nicht die leiseste Andeutung.
Manuela hatte die Augen geschlossen. Sie lauschte noch dem Klang seiner Stimme nach.
Es muss hart für ihn gewesen sein, dass sein Bruder ein ganzes Vermögen vergeudet hat, dachte sie. Er hat viel Bedrückendes durchstehen müssen. Er muss sicher Abstand gewinnen. Vielleicht hätte ich ihm auch ein bisschen mehr entgegenkommen müssen, aber wie machte man das, wenn man sich einem Mann in allem so unterlegen fühlte? Sie wusste doch gar nicht mit Männern umzugehen.
»Würde Joachim von Anding dir gefallen, Manuela?«, hatte ihr Vater sie eines Tages gefragt.
»Er gefällt mir sehr, Papa«, hatte sie in aller Naivität erwidert. Da hatte er gutmütig gelacht und gemeint: »Du hast dich doch nicht etwa schon in ihn verliebt?«
»Doch, ich glaube ja, Papa«, hatte sie entgegnet.
Und damit war für Wilhelm Thorn eigentlich alles entschieden gewesen. Er liebte Manuela zu sehr, als dass er sie gegen ihren Willen an einen ungeliebten Mann verheiratet hätte, mochte der auch noch so sehr seinen Vorstellungen entsprechen, aber da Manuela keine Einwände erhob, wurde dieser Plan auch verwirklicht.
Manuelas Kopf sank zur Seite, an Joachims Schulter. Sie hatte eine unruhevolle Nacht hinter sich, einen entsprechenden Tag, und jetzt fuhren sie schon ein paar Stunden. Joachim war froh, dass sie schlief. Es behagte ihm nicht, von ihr beobachtet zu werden. Er war sich plötzlich bewusst geworden, dass er Manuela vor Irene beschützen musste, und dieser Gedanke quälte ihn, weil so viel Unschuld und Vertrauen dadurch zerstört werden konnte.
Es war dunkel, als Joachim vor einem ländlichen Gasthof hielt, weil nun auch er müde geworden war. Behutsam schob er Manuelas Kopf auf die Rückenlehne. Sie blinzelte ein bisschen.
»Wo sind wir?«, fragte sie schlaftrunken.
»In den Vogesen«, erwiderte er. »Ich will fragen, ob wir hier Zimmer bekommen können.«
Nun begann ihr Herz wieder zu hämmern. Sie richtete sich auf und merkte, dass ihre Füße eingeschlafen waren. Als Joachim zurückkam, wollte sie aussteigen, aber das taube Gefühl in den Beinen machte sie kraftlos.
»Ich bin ganz steif«, sagte sie kläglich.
Er hob sie aus dem Wagen mit väterlicher Nachsicht, hielt sie wie ein Kind in seinen Armen und wollte sie auf den Boden stellen. Aber da legte sie ihre Arme um seinen Hals und presste ihre weichen Lippen an seine Wange.
»Ist es wirklich wahr, dass wir verheiratet sind, Joachim?«, fragte sie.
Er blickte in ihre Augen, die nun wie Sterne strahlten. Sie ist meine Frau, dachte er.
»Ja«, erwiderte er, und dann küsste er sie. Es war ein flüchtiger Kuss, aber nur deshalb, weil eine eigentümliche Beklemmung ihn überfiel, als ihre Lippen sich berührten.
Und nun stellte er sie auch ganz schnell auf den Boden, denn der Hausbursche stand schon da und wollte die Koffer holen.
Joachim legte seinen Arm um Manuelas schmale Schultern. Er dachte jetzt nichts mehr. Er war eingefangen von einem unwiderstehlichen Zauber, von dem Duft ihres Haares und dem weichen zärtlichen Lachen, das ihr aus der Kehle stieg.
Und als sich dann die Zimmertür hinter ihnen geschlossen hatte, fiel sie ihm wieder um den Hals.
»Weißt du, dass wir zum ersten Mal richtig allein sind?«, fragte sie fast übermütig. »Ich liebe dich, Joachim.«
Endlich musste sie es ihm doch sagen! Und es fiel ihr auch gar nicht schwer, weil sie nichts anderes dachte und weil sein Kuss so ganz anders gewesen war als diese Küsse auf die Wange, die er ihr sonst immer nur gegeben hatte.
Momentan war Joachim wie betäubt, und dann zog er sie an sich und küsste sie mit jäh aufflammender Leidenschaft, die ihn selbst überraschte. Aber er dachte nichts mehr, als er spürte, dass sie unter diesen Küssen erwachte und zu einer sehnsüchtigen Frau wurde.
*
Sandra Münster wurde mit Fragen bestürmt, wie es denn auf der Hochzeit gewesen sei. Bambi Auerbach war gekommen, weil sie sich das wenigstens erzählen lassen wollte. Manuel sah seine schöne Mami nachdenklich an.
»Papi hat abgewinkt, als ich ihn heute Morgen gefragt habe«, sagte er.
»Papi macht sich nichts aus so großen Festen, das weißt du doch«, sagte Sandra.
»Wenn im Sonnenwinkel Hochzeiten sind, ist er aber ganz fidel«, meinte Manuel.
»War es nicht so schön wie bei uns, Tante Sandra?«, fragte Bambi. »Wie viel Kinder haben denn Blumen gestreut?«
»Gar keine«, erwiderte Sandra.
»Gar keine?«, wiederholte Bambi bestürzt. »Hatte die Braut auch keinen Schleier?«
»Doch, einen Schleier hatte sie und ein wunderschönes Kleid auch«, sagte Sandra lächelnd. »Manuela war eine bezaubernde Braut. Sie haben wohl nur keine Kinder im Bekanntenkreis, die Blumen hätten streuen können!«
»Mir würde das nicht gefallen«, sagte Bambi. »Das gehört doch dazu.«
Aber daran hat wohl niemand gedacht, ging es Sandra durch den Sinn. Manuela hatte keine Mutter mehr und Joachim keine Eltern. Und Wilhelm Thorn hatte bei allem Arrangement wohl nicht daran gedacht, dass auch Blumenkinder zu einer richtigen Hochzeit gehörten.
»Nicht mal getanzt haben sie auf der Hochzeit«, sagte Bambi später daheim. »Wie findet ihr denn so was?«
»Das ist nicht überall üblich«, erklärte Inge Auerbach ihrem Töchterchen.
»Die Braut muss doch aber ihr Bukett in die Menge werfen, damit man weiß, wer als Nächste heiratet«, überlegte Bambi.
»Vielleicht waren sonst nur alte Schachteln da«, meldete sich jetzt Hannes zu Wort in seiner gewohnten drastischen Ausdrucksweise.
»Manuel hat gesagt, dass es stinkvornehm gewesen sein muss«, erklärte Bambi. »Der Bräutigam war ja auch ein Baron.«
»Na, das wird was sein«, meinte Hannes. »Bildet sich etwa unser Opi etwas auf das ›von Roth‹ ein?«
»Ich bin froh, dass Opi und Omi bloß von sind und nicht Baron«, sagte Bambi, »und dass man mit ihnen richtig lachen und reden kann. Was sagt ihr denn, dass da nicht mal Kinder Blumen gestreut haben?«
»Die haben halt keine Bambi, die so was macht«, sagte Hannes neckend.
»Du musst mich immer aufziehen«, sagte Bambi vorwurfsvoll, »aber ich weiß ja, dass du es nicht so meinst«, fügte sie rasch hinzu. »Jedenfalls waren Felix und Sandra früh wieder zu Hause. Das Brautpaar ist nämlich gleich auf die Hochzeitsreise gegangen.«
Damit war nun alles erzählt, und Bambi fand, dass dies ein recht kärglicher Bericht über eine Hochzeit war.
*
Für Manuela war der darauffolgende Tag der schönste. Sie fühlte sich restlos glücklich. Hatte sie denn erwarten können, dass Joachim so lieb zu ihr sein würde? Es erschien ihr wie ein Wunder, dass er so ganz anders war als früher, dass er lachte und sie am Morgen mit einem zärtlichen Kuss geweckt hatte.
Sie hatte lange geschlafen. Sie hatte nicht gehört, wie er aufgestanden war und das Zimmer verlassen hatte.
Er kam zurück, nach frischer Waldluft riechend, und legte ihr eine Rose auf die Bettdecke.
»Ich habe sie gestohlen, weil es hier kein Blumengeschäft gibt«, sagte er. Und dann hatte er ihr diesen zärtlichen Kuss gegeben.
Hatte sie nicht immer geahnt, dass er ganz anders sein konnte, als er sich in Gesellschaft gab? Er war jetzt genau so, wie sie es gewünscht, wie sie es erträumt hatte. Und es war nicht geschauspielert. Joachim befand sich in einem ganz seltsamen Zustand. Er war wie verzaubert von diesem hinreißend natürlichen Geschöpf, das nun seine Frau war.
Es wollte ihm nicht mehr in den Sinn, dass er an ihr vorbeigesehen hatte, dass nur Mitgefühl oder Rührung seine Empfindungen gewesen waren. Aber vielleicht waren seine Hemmungen auch nur dadurch entstanden, dass er Gewissensbisse hatte, diese Ehe einzugehen, oder war es eine uneingestandene Angst vor Irene, die ihn eine Zeit beherrscht hatte? Wieso eigentlich?
Nein, er wollte keine Gedanken mehr an sie verschwenden. Er war weit weg, und Manuela war bei ihm.
Er hob sie empor und drehte sich mit ihr im Kreis, seine Lippen an ihre Wange pressend.
»Ich bin so glücklich, Jo«, flüsterte sie.
»Ich auch, Liebes«, sagte er zärtlich. Es war unendlich schön. Er hatte sich noch niemals so glücklich gefühlt.
*
Irene hatte gar nicht gefragt, ob sie auf Schloss Anding wohnen dürfe. Sie hatte von ihren Räumen wieder Besitz ergriffen und war darin verschwunden, bevor Wilhelm Thorn überhaupt zum Nachdenken kam.
»Das ist ja allerhand«, sagte Alexander. »Wie stellst du dir das eigentlich vor, Papa?«
»Ich stelle mir gar nichts vor. Ich bin sprachlos«, sagte der Ältere. »Selbstverständlich muss das geklärt werden.«
Irene war nicht zu sprechen. Sie schlief bis in den lichten Tag hinein, und die beiden Männer fuhren in die Stadt, um ihrer Arbeit nachzugehen. Wichtige Aufträge lagen vor, die sie nicht vernachlässigen konnten.
Wilhelm Thorn war am Nachmittag nicht im Büro, und so hatte Alexander endlich Zeit, mit jemandem zu sprechen, der ihm sehr am Herzen lag.
Sie hieß Karin Schreiber, war einundzwanzig Jahre und seit sechs Monaten Sekretärin in der Firma Thorn. Seit drei Monate war sie auch Alexanders heimliche Liebe. Allerdings bezog sich die Heimlichkeit nur auf Außenstehende. Alexander wusste längst, dass Karin seine Liebe erwiderte. Wenn sein Vater jedoch davon erfuhr, waren die größten Schwierigkeiten vorauszusehen.
Alexander hatte jedoch nur bis nach Manuelas Heirat warten wollen, um keine Zwistigkeiten innerhalb der Familie heraufzubeschwören. Vom heutigen Tag an war er bereit, seine Liebe gegen alles und jeden zu verteidigen.
»Ist es gut gegangen?«, fragte Karin. Alexander wusste, dass sie die Hochzeit meinte.
»Gut, ich weiß nicht so recht, aber hinter uns gebracht haben wir das rauschende Fest. Nachher treffen wir uns, Karin. Ich muss schließlich für die Langeweile entschädigt werden.«
»Bleib nicht so lange hier im Zimmer«, sagte sie warnend, als er sich auf dem Schreibtisch niederließ.
»Jetzt ist bald Schluss mit dem Versteckspiel«, erklärte Alexander. »Ich finde …«
»Wir reden später«, flüsterte sie, denn sie vernahm Schritte, und gleich darauf erschien auch schon Wilhelm Thorns Privatsekretärin. Sie zog die Augenbrauen hoch, als Alexander gemächlich vom Schreibtisch herunterglitt.
»Die Briefe müssen hinaus, Fräulein Schreiber«, sagte sie spitz.
»Sie sind schon fertig«, erwiderte Karin. »Herr Thorn muss nur noch unterschreiben.« Sie blinzelte Alexander zu.
»Dann werden wir mal unterschreiben«, lächelte er. »Sind Sie eigentlich die Aufsicht, Frau Raschke?«
Vielleicht hätte er diese Bemerkung lieber unterlassen sollen, aber ihr spitzer Ton hatte ihn in Harnisch gebracht. Er konnte Menschen nicht ausstehen, die sich für unentbehrlich hielten.
Frau Raschke rauschte hinaus. Karin warf Alexander einen warnenden Blick zu.
»Sie tratscht«, raunte sie.
»Lass sie tratschen. Ich warte an der Ecke. Bis dann, mein Schatz.«
Sie sandte ihm ein glückliches Lächeln nach. Karin war jung und unbeschwert. Sie machte sich auch keine Gedanken, dass Alexander der Juniorchef eines großen Unternehmens war. Sie war ein modernes Mädchen und nicht auf Alexanders Geld aus. Sie liebte ihn, und sie meinte, dass diese Liebe ihr auch das Recht gäbe, über Äußerlichkeiten hinwegzusehen.
Alexander sah für sich persönlich diesbezüglich gar keine Probleme. Er war bereit, jedes Opfer für Karin zu bringen, wenn er es auch nicht auf ein Zerwürfnis mit seinem Vater anlegen wollte. Jetzt sagte er sich, dass sein Vater toleranter sein würde, da seine Pläne mit Manuela und Joachim sich erfüllt hatten.
Sie trafen sich auch pünktlich, ohne jedoch zu bemerken, dass sie von Frau Raschke beobachtet wurden, die Karin nachgegangen war.
Sie sah, wie Alexander das Mädchen küsste, als sie sich zu ihm in den Wagen setzte, und sie sah auch, wie er ihr einen großen Strauß rote Rosen in den Arm legte.
Frau Raschke kannte Wilhelm Thorn, und sie wusste, dass er mit einem solchen Verhältnis nicht einverstanden sein würde. Sie überlegte krampfhaft, wie sie es ihm beibringen sollte.
Davon wussten Alexander und Karin nichts. Sie waren glücklich miteinander, und sie schmiedeten an diesem Tag Zukunftspläne.
»Und was wird dein Vater sagen?«, fragte Karin dann aber doch.
»Er wird sich damit abfinden. Er hat jetzt einen Baron als Schwiegersohn, ein Schloss und alles Prestige, das er haben wollte. Wir brauchen das alles nicht. Wir geben uns auch mit einem kleinen Häuschen zufrieden, nicht wahr, Karina?«
»Wenn wir nur beieinander sein können«, sagte sie zärtlich.
Nun wollte es der böse Zufall, dass ausgerechnet an diesem Abend Wilhelm Thorn die beiden sah. Er war mit einigen Geschäftsfreunden zum Essen gegangen und dicht neben dem Lokal lag die kleine Weinstube, in der Alexander und Karin beieinandergesessen hatten.
Wilhelm Thorn hatte Alexanders Wagen erkannt und einen Blick in die Weinstube geworfen. Er sah die beiden, die sich in sehnsüchtiger Versunkenheit anschauten. Er schluckte schwer, aber er beherrschte sich.
Öffentliche Szenen liebte er gar nicht, aber er überlegte unentwegt, was er tun könnte, um da noch rechtzeitig einzugreifen, denn er hatte auch mit seinem Sohn Pläne, die er sich nicht durchkreuzen lassen wollte.
Er war früher daheim als Alexander, der in beschwingter Stimmung nach Hause kam.
»Na, hast du mit Frau von Anding gesprochen, Papa?«, leitete Alexander die Unterhaltung ein.
An Irene hatte Wilhelm Thorn gar nicht mehr gedacht. Für ihn gab es jetzt Wichtigeres.
»Ich hatte keine Zeit«, sagte er. »Du musst morgen früh gleich nach Hohenborn fahren, Alexander.«
»Morgen schon?«, fragte Alexander erstaunt. »Ich wollte mit dir gern über private Dinge sprechen, Papa.«
»Ich bin sehr müde«, lenkte Wilhelm Thorn rasch ab. »Hier sind die Unterlagen für Münster. Es muss erledigt werden. Außerdem kannst du gleich mal mit Professor Auerbach verhandeln. Er hat ein neues Glas erfunden, das ich gern für die neue Siedlung verwenden möchte. Über deine privaten Dinge können wir später sprechen.«
Er sagte es ganz freundlich. Alexander war arglos. Er wusste nicht, dass sein Vater ihn erst einmal fern wissen wollte. Er machte sich auch keine Sorgen um Karin. Ihrer Liebe war er sich sicher, und ob er nun heute oder in ein paar Tagen mit seinem Vater sprechen würde, spielte keine Rolle.
Er hätte Karin allerdings gern noch angerufen, aber sie wohnte zur Untermiete, und in Verlegenheit wollte er sie doch nicht bringen. Er hegte auch keinen Argwohn über diese plötzliche Reise. Es war öfter der Fall, dass etwas ganz dringend war.
Wilhelm Thorn war mit sich zufrieden. Immer erst überlegen, war von jeher seine Devise gewesen.
*
Vater und Sohn trafen sich am Frühstückstisch, den Sixta, die Haushälterin, gedeckt hatte. Sixta trug seit Tagen eine beleidigte Miene zur Schau. Sie hatte zwar erklärt, dass sie an der Hochzeitsfeier auf dem Schloss nicht teilnehmen wolle, aber insgeheim hatte sie wohl doch auf gutes Zureden gewartet. In der Kirche war sie gewesen, dann aber sang- und klanglos verschwunden.
Sixta war mit der adligen Verwandtschaft nicht einverstanden. Schuster, bleib bei den Leisten, sagte sie immer, und eigentlich passte es ihr auch nicht, dass Wilhelm Thorn, gar so reich geworden war. Wohlhabend war er schon immer gewesen, seit sie hier in diesem Haus die Hausfrau ersetzte. Aber früher war er nicht so geschniegelt und gebügelt dahergekommen. Er hatte auch mal Späßchen gemacht. Diese Zeit schien verloren, und das grämte Sixta.
Sie wusste auch ganz genau, wenn etwas in der Luft lag, was Unruhe bedeutete. Heute lag etwas in der Luft, obgleich Vater und Sohn sich äußerst freundlich unterhielten. Aber wer kannte Wilhelm Thorn schon so gut wie die Sixta!
»Warum setzt du dich nicht?«, fragte Wilhelm Thorn.
»Ich frühstücke in der Küche«, erwiderte Sixta unwillig.
»Aber warum denn das?«, fragte Alexander bestürzt.
»Fängst du jetzt zu spinnen an?«, fragte Wilhelm Thorn.
»Ich weiß nicht, wer hier spinnt«, brummte sie und huschte hinaus.
»Sie ist gekränkt, weil sie bei der Hochzeit nicht dabei war«, sagte Alexander.
»Sie wollte doch nicht. Soll ich vor ihr auf die Knie fallen?«, fragte sein Vater.
»Ich bin sonst zwar der Meinung, dass kein Mensch unersetzlich ist, aber was solltest du ohne Sixta machen, Papa?«
»Wo kann sie es besser haben als hier?«, fragte sein Vater. »Sie kann schalten und walten wie sie will. Sie hat nur einen Dickkopf.«
»Das ist scheinbar ansteckend«, sagte Alexander mit einem anzüglichen Lächeln. »Ich werde ihr sagen, dass sie gar nichts versäumt hat.«
Sein Vater sah ihn betroffen an. »Bist du wirklich dieser Ansicht?«, fragte er.
»Was hat sie versäumt? Sie hätte sich doch nur gegrämt, wenn sie die giftigen Blicke gesehen hätte, mit der Manuela von dieser Irene bedacht worden ist. Ich hoffe, dass du es verhindern wirst, dass sie sich fest einnistet auf Schloss Anding.«
»Ich werde es verhindern«, sagte Wilhelm Thorn grimmig. Er wollte ja noch mehr verhindern, aber irgendwie schien es ihm als eine Rechtfertigung vor sich selbst, wenn er Irene von Anding seinen Standpunkt klarmachte, bevor er sich diese kleine Schreiber vornahm.
Alexander ging zu Sixta in die Küche. »Verpasst hast du nichts«, sagte er. »Es war zum …« Er machte eine Pause, weil ihm bald ein sehr hartes Wort entfahren wäre. »Es war wirklich nichts Besonderes, Sixta. Meine Hochzeit wird jedenfalls in einem anderen Rahmen stattfinden.«
»Wer’s glaubt, wird selig«, brummte sie. »Geld verdirbt den Charakter.«
»Sei doch nicht so hart. Im Grunde seines Herzens ist Vater doch der Alte geblieben.«
»Na, hoffentlich änderst du deine Meinung nicht auch noch, Xander«, sagte sie. Manchmal sagte sie noch immer »du«. Schließlich hatte sie die Kinder von klein auf betreut. »Wenn es weiter so geht, gehe ich ins Altersheim.«
»Du bist wohl nicht gescheit. Was willst du denn im Altersheim! So jung wie du bist.« Er legte den Arm um sie und drückte ihr einen herzhaften Kuss auf die rundliche Wange. »Du hättest dich wirklich nur geärgert, Sixta. Wenn die Münsters nicht dagewesen wären, hätte ich gar nicht gewusst, mit wem ich reden sollte.«
»Für dich war wohl kein Dirndl da!«, fragte sie.
»Nein, aber ich habe eins, das dir bestimmt gefallen wird. Du lernst es bald kennen.«
Das versöhnte sie mehr als alle Worte.
»Da bin ich aber sehr gespannt, du Heimlichtuer«, sagte sie. »Der Chef weiß es wohl noch nicht?«
»Er wird es bald erfahren. Jetzt muss ich weg. Also, schau nicht mehr grimmig!«
Wilhelm Thorn war froh, als Alexander aus dem Haus war. Über Sixta machte er sich keine Gedanken mehr. Sie grantelte öfter mal.
Er holte seinen Wagen aus der Garage und fuhr nach Schloss Anding.
Auch heute schlief Irene noch, aber Wilhelm Thorn hatte nicht die Absicht, wieder zurückzufahren.
»Bestellen Sie der gnädigen Frau, dass ich warte«, sagte er zu dem Zimmermädchen.
»Aber sie schläft doch noch«, wagte sie einen leisen Widerspruch.
»Dann wecken Sie sie eben«, erklärte er energisch. »Ich habe meine Zeit nicht gestohlen.«
Er ging in den Park. Es war ein herrlicher Besitz. Er hatte seine Freude daran. Der Gedanke, dass seine Enkelkinder einmal hier herumtollen würden, erfüllte ihn mit Stolz. Und Manuela passte hierher. Sie hatte schon immer ihre besondere Note gehabt.
Irene hatte auch ihre besondere Note, aber das war keine liebenswerte.
»Dieser Flegel«, sagte sie ungehalten, als sie geweckt wurde. »Dieser Emporkömmling. Nun, er soll mich kennenlernen. Ich werde ihm schon Manieren beibringen.« Sie ließ sich Zeit. Aber sie wusste nicht, wie gereizt Wilhelm Thorn werden konnte, wenn man ihn warten ließ.
»Kommen wir gleich zur Sache«, begann er nach einer knappen Verbeugung. »Mein Schwiegersohn wird Ihnen wohl gesagt haben, dass ich Schloss Anding gekauft habe.«
»Was wollen Sie mir damit zu verstehen geben?«, fragte Irene herablassend.
»Dass Sie sich hier nicht häuslich niederlassen«, erwiderte er barsch.
Ihre Lippen zuckten nervös. Es schockierte sie, dass sie keinerlei Eindruck auf ihn machte. Hochmütig legte sie den Kopf in den Nacken.
»Ich bin einen solchen Ton nicht gewohnt, und Joachim würde sicher nicht dulden, dass Sie so mit mir reden«, sagte sie.
»Wir wollen die Katze aus dem Sack lassen«, erklärte Wilhelm Thorn. »Ich habe mich über Sie informiert. Ich weiß ziemlich genau Bescheid, wer Roderich von Anding tatkräftig geholfen hat, diesen Besitz zu verschulden. Vielleicht ist es Ihnen gelungen, dies vor Ihrem Schwager zu verbergen. Ich werde mich nicht scheuen, ihm die Gründe zu sagen, warum ich Sie in diesem Haus nicht dulden werde, wenn er aus sentimentalen Gründen anderer Ansicht sein sollte. Ich werde vor allem verhindern, dass meine Tochter durch Sie brüskiert wird. Schön, ich mag in Ihren Augen ein ungehobelter Emporkömmling sein, aber ich habe mein Geld auf ehrliche Weise erworben.«
»Und sich einen Schwiegersohn mit klangvollem Namen gekauft«, sagte Irene gehässig. »Aber vielleicht interessiert es Sie, dass Joachim für mich mehr als mein Schwager ist, falls Sie das nicht auch schon wissen sollten.
Und die Heirat mit Ihrer Tochter ist einfach eine Farce.«
Wilhelm Thorn konnte sich nur noch mühsam beherrschen. »Wir haben uns nichts mehr zu sagen«, stieß er hervor. »Sie werden dieses Haus noch heute verlassen. Ich werde später zurückkommen und mich davon überzeugen, oder Sie höchstpersönlich vor die Tür setzen. Diese Sprache habe ich auf dem Bau gelernt, aber ich denke, dass Sie sie verstehen.«
Und dann knallte er die Tür hinter sich ins Schloss. Und als er am Steuer saß, dachte er: Gnade dir Gott, Joachim von Anding, wenn du meine Manuela unglücklich machst.
Aber jetzt war er in einer Stimmung, die ihn blind und taub machte gegen sein Vorhaben, das darauf abzielen konnte, seinen Sohn unglücklich zu machen. Für ihn war Karin Schreiber jetzt auch nur ein berechnendes Geschöpf, das nur auf seinen Reichtum spekulierte.
Frau Raschke tat noch das ihre dazu. Scheinheilig erklärte sie ihm, dass sie überzeugt sei, dass Fräulein Schreiber mit seinem Sohn flirte. Und dass Karin dabei ganz raffiniert vorgegangen sei, glaubte er ihr in seiner Stimmung aufs Wort.
Er ließ Karin zu sich kommen.
*
»Bitte, nehmen Sie Platz, Fräulein Schreiber«, sagte Wilhelm Thorn zu dem Mädchen. »Ich möchte mich mit Ihnen über einiges unterhalten. Alexander wird einige Zeit abwesend sein, und ich hoffe, dass ich mich mit Ihnen einigen kann, dass Sie Ihre Stellung in der Zwischenzeit aufgeben.«
Karin sah ihn entsetzt an, aber sie wahrte doch die Haltung. »Das ist nicht Alexanders Entschluss«, sagte sie auffallend ruhig.
»Sie sind sich seiner anscheinend sehr sicher.« Es klang sarkastisch.
»Ich bin Ihre Angestellte, Herr Thorn«, sagte Karin mit einer Ruhe, die ihn irritierte, »was meine persönlichen Angelegenheiten anbetrifft, nehme ich sie nicht aus dem Mund eines Unbeteiligten entgegen. Sie können mich entlassen. Das steht Ihnen selbstverständlich frei. Was Alexander mir zu sagen hat, muss er selbst tun, und das wird er auch. Ich kenne Ihren Sohn sehr gut.«
»Mein Sohn weiß, was er mir schuldig ist. Ich zahle Ihnen sechs Monatsgehälter und gebe Ihnen die Versicherung, dass mein Sohn nicht der reiche Erbe sein wird, den Sie in ihm sehen.«
Karin hatte sich erhoben. »Ich verzichte auf Ihr Geld, Herr Thorn«, sagte sie kühl. »Ich kann es mir überall verdienen. Hoffentlich werden Sie diese Stunde nicht einmal bereuen. Es gibt Erlebnisse, die weit mehr bedeuten als Geld. Eigentlich tun Sie mir leid«, fügte sie leise hinzu.
Und dann ging sie hinaus, den blonden Kopf hocherhoben. Sie packte ihre Sachen zusammen und verließ das Büro.
*
Jede Stunde war ein Erlebnis für Manuela und Joachim. Wie schnell lernten sie sich kennen, die vielen kleinen Eigenschaften, die jeder besaß, und sie lernten auch ihre vielen Gemeinsamkeiten kennen. Dass sie beide die Natur liebten, dass sie stundenlang, ohne müde zu werden, durch die Wälder wandern konnten, dass sie die Rehe und Hasen beobachteten und sich über die Schönheit der Berglandschaft freuten, in der sie allein und unbeobachtet waren.
Sie lagen nebeneinander im Gras und träumten in den blauen Himmel hinein, der sich über ihnen wölbte. »Warum sind wir hierhergefahren, Jo?«, fragte Manuela.
»Gefällt es dir nicht?«, fragte er.
»Doch, sehr sogar, aber ich dachte nicht, dass du die Einsamkeit so liebst.«
»Ich habe hier meine Kindheit verbracht«, sagte er leise. »Bei Tante Justine.«
»Ich weiß nichts von ihr«, sagte Manuela leise. »Ich möchte so gerne alles über dich wissen, Jo.«
»Wir werden zu ihr fahren«, sagte er.
Ja, jetzt konnte er mit Manuela zu Tante Justine kommen. Jetzt würden ihre scharfen Augen nichts entdecken, was sie an ihm zweifeln lassen würde.
»Warum hast du sie nicht zur Hochzeit eingeladen?«, fragte Manuela. »Du hast sie doch gern.«
»Kannst du in meiner Seele lesen, Manuela?«, fragte er.
»Manchmal. Das, was ich gern lesen möchte, aber es gibt auch Dinge, die ich gar nicht wissen will.«
Dann werde ich nie mit ihr über Irene sprechen können, ging es ihm durch den Sinn, und weil ihn plötzlich eine jähe Angst überfiel, dass er Manuela verlieren könnte, riss er sie in seine Arme und küsste sie so leidenschaftlich, dass sie kaum noch Atem bekam.
»Lass mich leben«, lachte sie leise. »Ich will sehr lange mit dir leben, Jo.«
»Immer«, flüsterte er. »Ich kann gar nicht mehr ohne dich leben.«
Dass die Baronin Justine von Anding eigentlich seine Großtante sei, erfuhr Manuela auf der Fahrt zu ihr von Joachim.
»Als Mutter starb, war ich sechs Jahre«, erzählte er. »Roderich war damals schon dreizehn und in einem Internat. Tante Justine war unsere einzige weibliche Verwandte, die die Last mit einem wilden sechsjährigen Jungen auf sich nehmen wollte.«
»Warst du wild?«, fragte Manuela.
»Ein richtiger Lausbub«, bestätigte er. »Roderich war viel ruhiger als ich.«
»Stille Wasser sind tief«, sagte Manuela gedankenvoll.
»Ich weiß nicht, was ihn so verändert hat«, bemerkte er geistesabwesend. »Wir haben uns später nie mehr verstanden. Vielleicht war auch der Altersunterschied zu groß. Aber auch eine Frau kann einen Mann verändern, zum Guten oder zum Bösen.«
Er erschrak fast vor seinen Worten. »Es steht mir nicht zu, darüber zu sprechen. Du jedenfalls hast mich sehr verändert und nur zum Guten, Manuela.«
»Mach mich nicht eitel«, sagte sie zärtlich. »Ich habe dich nur zum Lachen gebracht, und das macht mich froh.«
*
Tante Justine wohnte nicht in einem Schloss, sondern in einem rosenumrankten Häuschen, das auf einem Hügel stand.
»Wie hübsch«, sagte Manuela bewundernd. »Aber hättest du uns nicht lieber anmelden sollen?«
»Sie liebt Überraschungen. Allerdings wird sie staunen, dass ich diesmal gleich mit meiner Frau komme.«
»Du hast es ihr gar nicht mitgeteilt, dass wir geheiratet haben? Du meinst, dass sie nicht damit einverstanden sein wird, dass ich eine Bürgerliche bin?«
»Ganz im Gegenteil. Sie weiß nur nicht, dass Schloss Anding nicht mehr uns gehört.«
Es war ihm wohl peinlich gewesen, dies an die große Glocke zu hängen.
»Das braucht sie ja auch nicht zu erfahren, Jo«, sagte Manuela leise. »Es gehört dir. Es wird dir immer gehören.«
Dieser Handel war abscheulich, dachte er, aber hätte er Manuela sonst geheiratet? Wäre er dann so glücklich geworden, wie er es heute war?
War er nicht für eine Schandtat belohnt worden?
Nun, da er bald Tante Justines forschendem Blick standhalten musste, überfielen ihn wieder die Gewissensbisse.
»Ist dir nie der Gedanke gekommen, dass ich dich nur geheiratet habe, um Schloss Anding zu behalten?«, fragte er beklommen.
»Natürlich war das ein Grund«, erwiderte Manuela. »Aber ich liebte dich doch gleich, und ich wollte dich haben. Ich dachte mir, dass ich mir deine Liebe schon irgendwann erobern würde.«
Sie war so umwerfend ehrlich, dass er am liebsten vor ihr niedergekniet wäre.
Er beugte sich zu ihr hinab und presste seine Lippen an ihre Stirn. »Du machst mir alles so leicht, Liebstes«, sagte er leise.
»Ich habe doch nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde. Ich meine, mit dem Erobern«, lächelte sie schelmisch. »Und eigentlich hatte ich auch plötzlich mächtige Angst, als ich Irene kennenlernte.«
»Denk nicht an sie«, sagte er rau. »Du bist ein wunderbares kleines Mädchen.«
»Ich bin kein Mädchen mehr, ich bin deine Frau, und jetzt wirst du mich nicht mehr los.«
»Das wäre auch das Schlimmste, was du mir antun könntest.«
Er wusste nicht, dass sie schon eine ganze Zeit von einem Fenster aus beobachtet wurden. Baronin Justine hatte sich erst einmal über die Augen gestrichen, bevor sie begriff, wer da kam. Joachim hatte sie zwar gleich erkannt, aber dieses entzückende Geschöpf in seinem Arm erschien ihr zu unwirklich.
Schnell schritt sie die Treppe hinab, als das Bimbam der Türglocke ertönte, wie eine Königin aus einem Märchenbuch, schlank und zierlich, mit einem feinen Gesicht und silberweißen Löckchen.
»Jo, mein Junge«, rief sie aus und streckte ihm die Arme entgegen.
»Tante Justine«, sagte Joachim rau, »wie schön, dich so fröhlich wiederzusehen.«
»Ich muss doch fröhlich sein«, sagte sie mit einem weisen Lächeln. »Du bringst mir deine Frau?«
»Woher weißt du, dass Manuela meine Frau ist?«, fragte er.
»Weil du mir nie eine andere als deine Frau bringen würdest«, erwiderte sie lächelnd. »Manuela, mein liebes Kind, lass dich umarmen.«
*
Mit einem solchen Empfang hatte Manuela nie und nimmer gerechnet, aber seltsamerweise schwanden all ihre Hemmungen im Augenblick.
Den fassungslosen Ausdruck in Joachims Augen konnte sie nicht sehen. So hatte er sich diesen Empfang nämlich auch nicht vorgestellt. Zumindest hätte er mit einem Zögern, einem prüfenden Blick gerechnet. Vielleicht auch mit einem Vorwurf. Aber die alte Dame schob ihre Hand unter Manuelas Arm, nachdem sie sie auf beide Wangen geküsst hatte und führte sie in ein bezauberndes Biedermeierzimmer, das ganz der richtige Rahmen für sie war, aber auch für Manuela, wie Joachim feststellen musste.
Auf eine unerklärliche Weise schienen sich die beiden ähnlich, obgleich viele Jahre sie trennten.
*
Ein paar Minuten hatte Joachim für Tante Justine allein, als sich Manuela für das Abendessen frisch machte.
»Sie ist bezaubernd«, sagte die alte Dame. »Hat sie auch so viel Mitgift in die Ehe gebracht, dass Anding gerettet werden konnte?«
Joachim blickte auf den Teppich. »Du wusstest, wie es um den Besitz stand, Tante Justine?«, fragte er.
»Ich kannte Roderich, und ich kenne Irene«, sagte sie, und ihre Stimme, die sonst so weich war, klang plötzlich kühl. »Sag mir die Wahrheit, Jo.«
»Manuelas Vater hat Anding gekauft. Dadurch lernten wir uns kennen.«
Das feine Gesicht überschattete sich.
»Wenn ich erleben müsste, dass du sie nur des Geldes wegen geheiratet hast, brauchst du nie wieder zu kommen, Joachim«, sagte sie.
»Würde es dich versöhnlich stimmen, wenn ich dir sage, dass wir uns jetzt lieben, Tante Justine?«, fragte er stockend.
»Das ›jetzt‹ missfällt mir. Ich glaube, du hast etwas bekommen, was du dir erst verdienen musst, Joachim.«
Doch da kam Manuela zurück, ging rasch auf Justine zu und sagte: »Es ist einfach wunderschön bei dir, Tante Justine. Der Blick aus dem Fenster ist märchenhaft.« Und dann ging sie zu Joachim und schmiegte sich in seinen Arm, der sich ganz zärtlich um sie legte. »Vielen Dank, dass du mich hierhergebracht hast, Jo«, sagte sie leise.
Seine Finger glitten durch ihr seidiges Haar, und über ihren Kopf hinweg trafen sich seine Augen mit denen seiner Tante. Ihr Gesicht entspannte sich. Sie lächelte.
»Ich bin glücklich, dass ich dies noch erleben darf«, sagte sie mit ernstem Nachdruck.
*
Felix Münster hatte sich sehr gewundert, als er von Wilhelm Thorn angerufen worden war. So pressant war doch dieser Auftrag gar nicht. Unwillkürlich machte er sich doch seine Gedanken darüber.
Als Alexander Thorn dann kam, machte er einen so verstörten Eindruck, dass Felix Münster gleich noch nachdenklicher wurde.
»Es ist doch alles in bester Ordnung«, sagte er. »Es hätte gereicht, wenn Sie nächste Woche gekommen wären.«
»Es ist überhaupt nichts in Ordnung«, stieß Alexander hervor. »Darf ich mal bei meiner Verlobten zu Hause anrufen? Entschuldigen Sie, Herr Münster, aber ich habe versucht, Karin im Büro zu erreichen, aber man sagte mir, dass sie nicht da sei. Mir schwant etwas Schreckliches.«
»Was sich vielleicht durch einen Anruf gleich klären lässt«, sagte Felix Münster nachsichtig. »Ich wusste gar nicht, dass Sie verlobt sind«, fügte er hinzu.
Ihm wurde es plötzlich bewusst, dass von einer Verlobten auf der Hochzeitsfeier nichts zu sehen und zu hören gewesen war, und da diese erst ein paar Tage zurücklag, wurde selbst Felix Münster stutzig.
»Ich erkläre es Ihnen später«, sagte Alexander.
Münster hat gar nicht damit gerechnet, dass ich komme, ging es ihm durch den Sinn, während er Karins Nummer wählte. Vater hat mich fortgeschickt, damit ich aus der Ziellinie bin.
Dann meldete sich auch schon eine weibliche Stimme.
Es war Karins Wirtin. »Augenblick bitte«, sagte sie, »Fräulein Schreiber kommt gerade.«
Dann war Karin am Apparat. »Was ist los?«, fragte Alexander überstürzt. »Warum bist du nicht im Büro?«
Eigentlich ahnte er schon etwas, was Karin ihm bestätigte. »Das ist niederträchtig«, sagte er. »Ist Vater denn völlig durchgedreht? Schön. Dann werde ich ihm die Zähne zeigen. Nein, Karin, das kommt in diesem Fall nicht infrage. Das hätte er nicht machen dürfen. Wir gehören zusammen. Wir lassen uns nicht trennen. – Ich rufe dich wieder an, Liebling. Tausend Dank, dass du nicht an mir gezweifelt hast.«
Ein paar Minuten später saß er Felix Münster gegenüber. »Ich fürchte, dass meinem Vater der Erfolg doch in den Kopf gestiegen ist«, sagte er. »Sie haben mir einmal im Scherz das Angebot gemacht, dass ich jederzeit für Sie tätig sein könnte, Herr Münster. Halten Sie dieses Angebot auch ernsthaft aufrecht?«
»Das war kein Scherz«, erwiderte Felix. »Ich habe nur nicht angenommen, dass Sie einmal Gebrauch davon machen würden.«
»Ich akzeptiere es sofort«, sagte Alexander entschlossen. »Ich möchte heiraten, aber Karin passt meinem Vater anscheinend nicht in sein Konzept, weil sie eine Angestellte ist. Er hat sie entlassen. – Oh, ich werde ihm beweisen, dass ich nicht nur der Juniorchef sein will und dass Karin mich nicht deswegen liebt.«
»Nicht so hastig mit den jungen Pferden«, sagte Felix Münster. »Vielleicht will Ihr Vater nur einen Beweis haben, dass Sie um Ihrer selbst willen geliebt werden.«
»Er verschachert Manuela und wer weiß was er mit mir vorhat«, sagte Alexander bitter. »Aber ich habe meine Wahl getroffen. Da beißt er auf Granit. – Ich weiß gar nicht, was ich eigentlich hier soll. Jetzt klage ich Ihnen mein Leid.«
»Ich nehme Sie sofort mit Kusshand«, sagte Felix Münster. »Und wenn Ihre Verlobte sich nicht anders besinnt, wird das Gehalt, was ich Ihnen biete, schon ausreichen, um Ihre Zukunft zu sichern. Warten wir ab, was Ihr Vater dazu sagt.«
»Er geht doch mit dem Kopf durch die Wand«, sagte Alexander. »Aber das werde ich ihm Auge in Auge sagen.«
*
Schon am Abend war er zurück. Sixta sah ihn forschend an, als er ins Haus stürmte. Sein Vater war ebenfalls überrascht.
»So schnell hatte ich dich nicht zurückerwartet, Alexander«, sagte er.
»Und das passt dir nicht«, stieß Alexander zornig hervor. »Aber den Grund wirst du wohl ahnen. Karin und mich auseinanderzubringen wird dir nicht gelingen, das schwöre ich dir. Warum gibst du dich nicht damit zufrieden, dass du Manuela verkuppelt hast? Damit wirst du noch genug Kummer haben. Ich lasse mich jedenfalls nicht verkuppeln. Ich werde Karin heiraten und keine andere.«
»Fragt sich nur, ob sie dich noch heiraten will, wenn du nicht mehr der Juniorchef bist«, sagte Wilhelm Thorn.
»Das werden wir dir schon beweisen. Ich nehme eine Stellung an bei Felix Münster. Ab heute kannst du nicht mehr mit mir rechnen. Deine Interessen werde ich auch nicht mehr vertreten. Mir langt es. Werde doch selig mit deinem Dünkel, der überhaupt nicht zu dir passt. Sixta wirst du eines Tages auch noch los.«
»Alexander!«, rief Wilhelm Thorn konsterniert, als der hinausstürmte. Aber die Tür fiel ins Schloss, und Sixta stand wie eine Bildsäule in der Diele.
»Das haben Sie sich selbst zuzuschreiben«, sagte sie.
Nun saß er da und starrte vor sich hin. Alexander wird zurückkommen, dachte er. Er wird reumütig zurückkommen.
Aber er kam nicht zurück. Die Stunden vergingen. Noch immer saß Wilhelm Thorn an seinem Schreibtisch. Es war totenstill im Haus.
Dass Irene von Anding abgereist war, war alles, was er an diesem Tag erreicht hatte.
*
»Du brauchst keine Einwände zu machen, Karin«, sagte Alexander. »Ich habe mich endgültig entschieden. Ich nehme die Stellung bei Felix Münster an und suche eine Wohnung für uns. Dann kommst du nach und wir heiraten. Basta.«
»Und vielleicht kommt dann doch einmal der Tag, an dem du mir vorwirfst, was du für mich aufgegeben hast«, sagte sie leise.
»Schätzt du mich so ein?«, fragte Alexander.
»Ich will es objektiv betrachten. Dein Vater hat sicher schlechte Erfahrungen gemacht. Vielleicht macht er sich jetzt auch schon Gedanken über Manuelas Mann. Er hat doch wohl auch nur seinen Vorteil im Auge gehabt.«
»Dann müssen wir es ihm umso mehr beweisen, dass wir ihn nicht brauchen, Liebling. Was haben wir uns gestern versprochen?«
»Dass wir zusammenhalten in guten und in schweren Tagen.«
»Gilt es, Karina?«
»Was mich betrifft, ja, Alexander«, erwiderte sie.
Er nahm sie ganz fest in seine Arme. »Dann ist alles gut«, sagte er weich. »Wir beide werden es durchstehen.«
»Du bist ja ein Thorn«, sagte sie mit einem sanften Lächeln.
»Ich fahre morgen früh nach Hohenborn, und diese Nacht werde ich in einem Hotel schlafen.«
»Du kannst auch hierbleiben, Alexander. Ich habe noch eine Couch«, sagte Karin.
*
Es war eine bittere Niederlage für Wilhelm Thorn, dass sein Sohn nicht zurückkam.
Er fühlte sich sogar versucht, Karin anzurufen, doch dann siegte sein Stolz, und zudem hegte er doch noch eine leise Hoffnung, dass Karin seinem Sohn den Laufpass gegeben haben könnte, da er nun nicht mehr interessant für sie war.
Doch im Innern gestand er sich ein, dass Karin anders war, als er sie sehen wollte. Wie selbstbewusst sie vor ihm gestanden hatte! Sie hatte sich überhaupt nicht einschüchtern lassen.
War er früher nicht auch so gewesen? Wäre er denn so weit gekommen, hätte er so viel erreicht, wenn er sich immer hätte ins Bockshorn jagen lassen? Es war nicht wegzuleugnen. Es gab auch heute noch zielbewusste junge Menschen, die ihren Stolz hatten.
Nun musste er auch daran denken, was Alexander über Manuelas Heirat gesagt hatte. Das war unfair. Er hatte Manuela nicht verkuppelt. Sie hatte ihm gesagt, dass sie Joachim liebe und dass sie ihn heiraten wolle. Niemals hätte er sie gegen ihren Willen verheiratet.
Er liebte seine Kinder. Es konnte doch nicht sein, dass er sie nun beide verloren hatte.
Warum hatte Manuela ihm nicht wenigstens eine Karte geschrieben, damit er wüsste, wo sie zu erreichen waren. War sie etwa unglücklich?
War es für Joachim wirklich nur ein Geschäft gewesen?
Er wäre mehr als ihr Schwager, hatte Irene kalt erklärt. In Wilhelm Thorn gärten Zweifel und Zorn. Das würde Joachim zu bereuen haben.
Die Gedanken kamen und gingen, und er wartete immer noch, dass Alexander zurückkommen würde. Doch es kam nur ein Anruf von Felix Münster, der bei ihm anfragte, ob ihre geschäftlichen Abmachungen noch Gültigkeit hätten.
»Warum denn nicht?«, fragte Wilhelm Thorn.
»Ich wollte mich nur vergewissern, da Alexander jetzt eine Stellung bei mir angenommen hat«, erklärte Felix Münster sachlich.
Er hatte es also wirklich getan. Er war Hals über Kopf ausgestiegen und verdingte sich als Angestellter bei dem Geschäftsfreund. Das tat er ihm auch noch an. Er legte wortlos den Hörer auf.
*
Alexander hatte Karin überredet, mit ihm nach Hohenborn zu fahren. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn sie mit ihren Kenntnissen dort nicht auch eine Stellung finden würde, hatte er gemeint. Dann konnten sie sich wenigstens abends sehen. Und außerdem war er fest entschlossen, mit der Hochzeit nicht mehr lange zu warten.
Karin fand eine Stellung. Der Rechtsanwalt Dr. Rückert suchte schon seit vierzehn Tagen eine Sekretärin, da seine langjährige Kraft ein Baby erwartete und nur noch halbtags für ihn tätig sein wollte, bis er einen Ersatz gefunden hat.«
Da die Münsters zu den Rückerts einen engen Kontakt hatten, erfuhr Alexander das schnell. Und ebenso schnell erfuhr Sandra Münster, dass Alexander nicht allein nach Hohenborn gekommen war.
»Thorn ist doch ein so vernünftiger Mann«, sagte sie kopfschüttelnd. »Ich verstehe nicht, dass er seinen Kindern gegenüber so tyrannisch ist.«
»So darf man es auch nicht sehen, Sandra«, meinte Felix versöhnlich. »Er hat ein Vermögen angesammelt, aber seine Kinder sind wohl doch sein kostbarster Besitz. Für sie ist ihm das Beste gerade gut genug. Er weiß auch zur Genüge, welchen verderblichen Einfluss Geld haben kann.«
»Wo bringen wir die beiden nun unter?«
»Das ist schon geklärt. Alexander kann bei den Roths wohnen und seine Verlobte bei den Rückerts. Es hat alles seine Ordnung. Frau Rückert ist ganz zufrieden, wenn sie wieder einen jungen Menschen im Haus hat.«
»Der gestrenge Vater wird jedenfalls nicht sagen können, dass der Moral nicht auch Genüge getan wurde«, meinte Sandra.
»Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie er sich jetzt benehmen wird. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er es einfach hinnimmt. Er hängt doch an seinen Kindern.«
»Was ihn aber nicht gehindert hat, bei Manuela seinen Willen durchzusetzen. Alexander hat halt gleich seine Konsequenzen gezogen, und ich muss sagen, dass mir das irgendwie gefällt. Ich bin allerdings sehr gespannt auf seine Auserwählte.«
»Das denke ich mir«, lachte Felix. »Du wirst sie ja bald kennenlernen.«
